September 24, 2022
Von FAU Bielefeld
179 ansichten

Wir von der Gewerkschaft FAU Bielefeld wollen zusÀtzlich zu den richtigen und wichtigen BeitrÀgen zum Leid der nichtmenschlichen Tiere in diesem System zusÀtzlich auf die Situation der menschlichen Arbeiter:innen in der Tierindustrie eingehen.

Vor allem durch das Corona-Virus sind die unwĂŒrdigen ZustĂ€nde in der Tierindustrie in die Öffentlichkeit gezerrt worden: Die Arbeiter:innen mĂŒssen in großen Zahlen in viel zu beengten UnterkĂŒnften leben und ungeachtet ihres Gesundheitszustandes zur Arbeit kommen, dazu kommt das Infektionsrisiko durch die enge Zusammenarbeit in mit Blut und FĂ€kalien verschmutzten Bereichen.

Ein kurzer Aufschrei, der schnell wieder verhallt ist. Dass die Bedingungen vorher genauso schlimm waren und dass sie es jetzt immer noch sind, scheint nur Wenige zu interessieren. Die Politiker:innen scheinen froh zu sein, dass sie das alles wieder unter den Teppich kehren können und in den Massenmedien nicht mehr thematisiert wird, dass sie selbst am Aufbau und der Erhaltung des Systems beteiligt sind.

Zum Teil liegt das mangelnde Interesse großer Teile der Öffentlichkeit sicherlich auch daran, dass viele Menschen die Tierindustrie im Alltag komplett aus ihren Gedanken verbannen, weil die Ungerechtigkeiten zu offensichtlich sind. Jede Person, die sich ernsthaft mit dem System Tierindustrie befasst, muss den Kapitalismus und unsere von unsinnigen und grausamen Hierarchien geprĂ€gte Beziehung zu nichtmenschlichen Tieren allgemein infrage stellen.

Ein anderer Aspekt ist wahrscheinlich, dass die Arbeiter:innen grĂ¶ĂŸtenteils aus Osteuropa kommen und viele von ihnen kein oder kaum Deutsch sprechen, was es besonders leicht macht, ihnen Informationen ĂŒber ihre Rechte vorzuenthalten und sie auszubeuten – Eine Ausbeutung, von der wir profitieren, weshalb das Interesse, sie zu beenden, hĂ€ufig gering ist.

Etwa drei Viertel der 100.000 Arbeiter:innen in deutschen Schlachthöfen haben WerkvertrĂ€ge, was bedeutet, dass sie im Vergleich zur Stammbelegschaft unter schlechteren Arbeitsbedingungen leiden mĂŒssen und gerade mal Hungerlöhne bekommen.

UngefĂ€hr 30.000 dieser Werkvertragsarbeiter:innen stammt aus Osteuropa, meist Bulgarien oder RumĂ€nien. Und neuerdings auch Einige aus der Ukraine, da Tönnies viele GeflĂŒchtete erpresst hat, indem ihnen Transport und Unterkunft zugesichert worden sind, wenn sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben – fĂŒr 11 Euro brutto und ohne ihre Familien mitnehmen zu können, wĂ€hrend Tönnies im Jahr 2021 zum Beispiel einen Rekordumsatz von 6,2 Milliarden Euro hatte.

Es sind FĂ€lle an die Öffentlichkeit gekommen, in der diesen Arbeiter:innen direkt verboten worden ist, ĂŒberhaupt mit der Stammbelegschaft zu reden – Ein Verbot, das sogar durch SicherheitskrĂ€fte umgesetzt wird. Es soll um jeden Preis verhindert werden, dass die Werkvertragsarbeiter:innen ĂŒber ihre Rechte aufgeklĂ€rt werden können und das sollte jede Illusion darĂŒber nehmen, dass diese Menschen „froh sein sollten, ĂŒberhaupt Jobs zu haben.“

Dazu kommt auch der stĂ€ndige Zwang, immer mehr Tiere in immer weniger Zeit abfertigen zu mĂŒssen. Dadurch wird einerseits der psychische Druck auf die Arbeiter:innen erhöht, andererseits werden auch FlĂŒchtigkeitsfehler hĂ€ufiger, die extremes Tierleid nach sich ziehen.

Was macht es mit einem Menschen, tagtĂ€glich KĂ€lber von ihren MĂŒttern zu trennen oder schreienden Lebewesen einen Bolzenschuss nach dem anderen zu setzen, nur um genug Geld zu verdienen, um selbst ĂŒber die Runden zu kommen? Viele fliehen in den Alkoholismus, um ihren Alltag irgendwie ertragen zu können.

Eine Studie der University of South Africa hat herausgefunden, dass Arbeiter:innen in einem Schlachthaus hÀufig zu emotionaler Abwesenheit, Drogenmissbrauch, Verlust der KonzentrationsfÀhigkeit, Schlafstörungen, Depressionen und gewalttÀtigeren Handlungen neigen.

Ein anonymer Mitarbeiter eines Schlachthauses hat Folgendes in einem Artikel fĂŒr den BBC geschrieben: „WĂ€hrend ich Tag fĂŒr Tag in diesem großen, fensterlosen Kasten verbracht habe, hat sich meine Brust immer schwerer angefĂŒhlt und grauer Nebel hat sich ĂŒber mich gelegt. In der Nacht hat mich mein Verstand mit AlbtrĂ€umen verspottet und einige der GrĂ€uel, die ich ĂŒber den Tag erlebt habe, immer wieder abgespielt.“

Nicht nur die psychischen Folgen sind schrecklich, gleichzeitig ist die Arbeit körperlich anstrengend und gefĂ€hrlich. Der tĂ€gliche Umgang mit großen Lebewesen in Todesangst und scharfen Klingen und Haken sorgt fĂŒr zahlreiche Verletzte, die hĂ€ufig nicht einmal zum Arzt gehen dĂŒrfen, sondern einfach weiterarbeiten mĂŒssen. Dazu kommen auch Verletzungen und chronische Schmerzen, die durch die repetitive, anstrengende Arbeit entstehen.

Und dass auch die menschlichen Arbeiter:innen unter schrecklichen Bedingungen leben und arbeiten und immer wieder physische Verletzungen und traumatische Erfahrungen erdulden mĂŒssen, wirkt sich wiederum auf die Situation der nichtmenschlichen Tiere aus, wenn Arbeiter:innen nicht mehr in der Lage sind, sie ordentlich zu betĂ€uben oder sogar ihre eigene Verzweiflung an ihnen auslassen.

Die VeterinĂ€rĂ€mter, die eigentlich die Bedingungen in den Schlachthöfen beobachten und VerstĂ¶ĂŸe melden mĂŒssen, werden tĂ€glich Zeuge dieser Misshandlungen und helfen den Schlachthöfen teilweise sogar, die Beweise gegen sie zu vernichten, wenn die ZustĂ€nde aufgedeckt werden. Kein Wunder, denn Kontrolleur:innen können von den Betrieben einfach gefeuert werden, wenn sie zu unbequem werden.

NatĂŒrlich könnten jetzt tausende Forderungen an die Politik oder Besitzer:innen der Unternehmen in der Tierindustrie gestellt werden, in denen darum gebettelt wird, dass an Schraube xy doch ein bisschen gedreht werden sollte, um die Bedingungen wenigstens ein bisschen zu verbessern.

Aber das reicht uns nicht, denn das wĂŒrde die Ausbeutung nicht verhindern, höchstens verschleiern. Die komplette Tierindustrie muss abgeschafft werden, gemeinsam mit jeder industriellen Verwertung und Verdinglichung von Lebewesen!

Den Arbeiter:innen in der Tierindustrie gilt allerdings unsere vollste SolidaritĂ€t und UnterstĂŒtzung. Ihnen muss ein neuer Arbeitsplatz zugesichert werden in einer Industrie, die weder nichtmenschliche noch menschliche Tiere ausbeutet.

Dieses System schadet allen, die damit in BerĂŒhrung kommen. Es zerstört die Leben von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren und den Planeten noch dazu. Machen wir endlich Schluss damit und tragen wir unseren Teil zu einer RealitĂ€t bei, in der alle Lebewesen frei sein können!

Quellen:
Ausbeutung in Fleischindustrie: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/was-insider-uber-die-ausbeutung-in-der-fleischindustrie-verraten-5066875.html

Psychische Folgen (Artikel): https://greenstarsproject.org/2020/05/04/social-impact-meat-industry-slaughterhouse-conditions-ptsd/

Psychische Folgen (Studie): https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4841092/
Corona im Schlachthof: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wenn-das-kotelett-knapp-wird-4166134.html

Situation in den USA: https://aldf.org/article/industrial-animal-agriculture-exploiting-workers-and-animals/#easy-footnote-13-29099

BBC-Bericht eines Mitarbeiters: https://www.bbc.com/news/stories-50986683

Tönnies wirbt GeflĂŒchtete an: https://taz.de/Toennies-wirbt-ukrainische-Gefluechtete-an/!5845384/

Transport- und VermittlergebĂŒhren: https://www.wsws.org/de/articles/2020/06/23/toen-j23.html

Tönnies Umsatz 2021: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/nahrungsmittel-fleischkonzern-toennies-verliert-fast-eine-milliarde-euro-umsatz/28280590.html




Quelle: Bielefeld.fau.org