Dezember 2, 2021
Von ANAM
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Im Folgenden unser Redebeitrag, den wir auf der Demo zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen gehalten haben. Die Demo wurde wie jedes Jahr auch dieses mal vom AFLR organisiert.

Redebeitrag 25.11.2021: Queere KĂ€mpfe

Wir sind ana*m, eine anarchafeministische Gruppe aus Marburg.

Wie ihr wisst, ist heute, am 25. November, der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Also Gewalt an Frauen aus dem einfachen Grund, dass sie Frauen sind. Diese Gewalt ist im Patriarchat alltÀglich und allgegenwÀrtig und dennoch statistisch untererfasst und medial wenig prÀsent. Diese Form von Gewalt betrifft ALLE Frauen, und die Frauen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind besonders.

Die vorherrschenden Bilder, zum Beispiel von Gewalt in intimen Beziehungen und Partner*innenschaften, sind allerdings stark normativ verzerrt: Wenn ĂŒberhaupt, wird ĂŒber die weiße able-bodied cis-Frau berichtet, die in ihrer heterosexuellen Beziehung Gewalt erlebt. Die andere Variante der vorherrschenden Berichterstattung ist von einem stark rassistischen Narrativ geprĂ€gt. Beide ErzĂ€hlungen verfestigen den Status Quo der Machtstrukturen anstatt ihn anzugreifen. Beide ErzĂ€hlungen werden der Vielfalt der Erfahrungen von Frauen, die tatsĂ€chlich von Gewalt betroffen sind, nicht ansatzweise gerecht.

Die Vielschichtigkeit von Gewalt aufgrund von mehrfach diskriminierenden Zuschreibungen und Strukturen wird kaum statistisch erfasst und medial verarbeitet. Ein Beispiel hierfĂŒr sind lesbische, bisexuelle und pansexuelle Frauen. Auch diese sind von Gewalt gegen Frauen betroffen. Diese Ă€ußert sich allerdings in einer spezifischen Form und ist zudem noch von Gewalt begleitet, die das nicht normative Begehren dieser Frauen sanktioniert. Mainstream Medien suggerieren, dass lesbisch oder bisexuell zu sein bei Frauen heutzutage ein akzeptierter Lifestyle sei. Das legt den falschen Schluss nahe, dass nicht normatives Begehren bei Frauen auch im Alltag weithin akzeptiert sei. Die RealitĂ€ten von alltĂ€glicher, vielschichtiger Diskriminierung werden hierbei ignoriert. FĂŒr betroffene Frauen wĂ€chst die HĂŒrde von erfahrener Gewalt zu berichten. Nur 3% der lesbenfeindlichen Gewalt wird angezeigt. Die Dunkelziffer ist somit um einiges höher als die bei Gewalt gegenĂŒber schwulen MĂ€nnern. Spezifisch gegen lesbische, bisexuelle und pansexuelle Frauen gerichtete Gewalt passiert meist im öffentlichen Raum und sanktioniert direkt die Sichtbarkeit von nicht normativem Begehren. Dies verdrĂ€ngt lesbische, bisexuelle und pansexuelle Lebens- und Liebensweisen aus der Öffentlichkeit.

Auch Gewalt gegenĂŒber Menschen, die außerhalb cis geschlechtlicher BinaritĂ€t leben, ist weithin nicht als gesellschaftlich relevant anerkannt. HasskriminalitĂ€t gegenĂŒber trans Personen wird erst seit Anfang 2020 ĂŒberhaupt gesondert von der Polizeistatistik gelistet.
Dabei können wir von einen körperlichen Angriff auf eine trans* Person an jedem Tag des Jahres in Deutschland ausgehen – Verbale Angriffe, wie etwa Morddrohungen, nicht eingerechnet. Diese Gewalt macht uns fassungslos. Aber wir werden nicht aufhören uns und andere daran zu erinnern.

FĂŒr Personen die sich als trans, inter oder nichtbinĂ€r identifizieren kommt mit dem medizinischen Bereich ein weiterer Sektor an institutionalisierten Gewalterfahrungen hinzu. Das erzwungene Unterziehen von Begutachtungen, Pathologisierung, unkonsensuale medizinische Eingriffe oder die Verweigerung der Behandlung sind nur einige Beispiele der Sanktionen im medizinischen Bereich, die spezifisch gegen Menschen angewendet werden, die sich der cis- und dya-geschlechtlichen NormativitĂ€t entziehen.
Insgesamt steigt die HasskriminalitĂ€t gegen LGBTIQ in Deutschland seit einigen Jahren stark an. Viele der Angriffe auf Queeres Leben werden hierbei von TĂ€tern mit rechter Gesinnung begangen und gesellschaftlich begĂŒnstigt durch eine weit verbreitete Abwertung von allem was als ‚Anders‘ konstruiert wird. In all jenen Bereichen, in denen Menschen von der konstruierten Norm abweichen, kommt normative Gewalt und Sanktionierung zum Einsatz. Um den Status Quo der Macht zu erhalten werden Menschen, die sich einer normativen Lebensweise widersetzen, systematisch unsichtbar gemacht, zum Schweigen gebracht und ermordet.

Lasst uns heute auf die Straßen gehen gegen Gewalt an Frauen. Und lasst uns die Vielfalt der LebensrealitĂ€ten von Frauen und die Vielschichtigkeit der Gewalt gegen sie nicht vergessen. Zahlen können hilfreich sein um die Wichtigkeit von KĂ€mpfen auch in bĂŒrgerliche Kontexte hinein zu tragen. Gewaltstatistiken können die Verflechtung von Mehrfachdiskriminierung aber im Kern nicht erfassen und leiden immer unter dem grundlegenden Problem der Kategorisierung. Sie rĂŒtteln nicht an den lebensfeindlichen Strukturen und Ă€ndern nichts an den HerrschaftsverhĂ€ltnissen.

Die Kraft fĂŒr unsere solidarischen KĂ€mpfe und unseren Widerstand ziehen wir aus unseren Schmerzen, unserer Trauer, unserer Wut. Wir wollen uns in Queeren KĂ€mpfen verbinden und die allgemeine Ordnung stören!

‚Queer‘ ist fĂŒr uns in diesem Kontext ein Kampfbegriff. Queer zu sein ist ein politisches Bekenntnis der anti-NormativitĂ€t.
Es bedeutet, sich in allen Bereichen des Lebens aufzulehnen gegen eine mörderische Norm.
Es bedeutet, dass wir uns nicht vorschreiben lassen wer wir sind und wer wir sein können.
Wir lassen uns nicht vorschreiben wie, wo und mit wem wir leben.
Wir lassen uns nicht vorschreiben wen und wie wir lieben, wen und wie wir ficken und mit wem wir uns verbĂŒnden.
Wir sind unfassbar wĂŒtend.

Wir wollen in wĂŒtender Trauer und queerer SolidaritĂ€t das verdammte System aus den Angeln heben.




Quelle: Anam.noblogs.org