Mai 1, 2021
Von Feministisch Queer
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Im letzten Jahr wurde mit Bezug auf Corona auf Twitter der Ausdruck „mĂŒtend“ geprĂ€gt. Ein zusammengeschnittenes Wort aus „mĂŒde“ und „wĂŒtend“. Ich bin grade eher erschöpft als alles andere.

Und trotzdem: Der gegenwÀrtige Zustand ist nicht alternativlos. Also sind unsere KÀmpfe auch nicht vergebens.

Mit gegenwĂ€rtig meine ich nicht: Heute. Am Aasee. Ich meine auch nicht dieses Corona Jahr. Oder das letzte. Sondern: Die letzten paar hundert Jahre Kapitalismus, mit allem, was er mitgebracht hat. Mit Kolonialismus, ohne den es Kapitalismus so wie wir ihn heute kennen gar nicht geben wĂŒrde. Mit dem Rassismus, der geschaffen wurde, um die Ausbeutung und Ermordung der Menschen zu rechtfertigen, deren Körper und Land wir brauchten, um unseren Reichtum herzustellen.

Mit der spezifischen AusprÀgung des Patriarchats, der wir heute alle begegnen, in jedem Teil unseres Lebens.

Das kapitalistische Patriarchat hat uns erst von unserem Körper getrennt, um uns dann von außen wieder daran fest zu nageln. Die AufklĂ€rung hat den Geist ĂŒber die Maschine Körper erhoben, damit die Maschine geölt und genutzt und ihr Widerstand gebrochen werden konnte.Ihnen ihre  Magie entwendet werden konnte. Und als sei das nicht schlimm genug wurde uns dann auch noch die Bestimmungshoheit ĂŒber unsere Körper entrissen.

Die Wissenschaft der AufklĂ€rung stand ganz im Dienst des neuen kapitalistischen Vorhabens. Und die Biomasse der Arbeiter*innen – der gegenwĂ€rtigen und der zukĂŒnftigen – musste sich ĂŒber einen weiteren Weg angeeignet werden: Das Geschlecht.

Und so werden wir wieder von außen an unsere Körper genagelt. Mit einer Vorstellung von Geschlecht, die zwei Pole und davon keine Abweichungen vorsieht. Eine Vorstellung von Geschlecht, auf deren Basis die Leute bestraft werden, die nicht darein „passen“: Inter personen, die bei uneindeutigen Genitalien nach der Geburt immer noch operiert werden dĂŒrfen. Trans Personen, denen die Selbstbestimmung ĂŒber ihre Körper abgesprochen und verwehrt wird. Queere Personen, deren Körper nicht so sind, wie sie sein sollten. Denen ihr Wert abgesprochen wird, denen beigebracht wird, sich selbst zu hassen.

Die FĂŒlle an Eigenschaften, an Beziehungs-weisen, die wir Menschen leben könnten werden in der Mitte durchgeschnitten und ungerecht aufgeteilt. Wir werden arm gemacht im Umgang miteinander.

Geschlecht ist nicht wie zwei BĂ€ume, die nebeneinander stehen und möglichst-unterschiedlich aussehen ohne sich zu berĂŒhren: Geschlecht ist das Wurzelwerk, dass sich ineinander verzweigt und außerdem noch ein paar Pilzarten trĂ€gt. Geschlecht geht so viel tiefer als die Frage, ob jemensch BlĂŒten trĂ€gt oder nicht, und es ist viel weniger bedeutsam, als ihm zugesprochen wird. „MĂ€nner sind vom Mars, Frauen von der Venus“ titelt ein Bestseller aus den 90ern. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich stehe mit beiden FĂŒĂŸen fest auf der Erde.

Wenn wir Geschlecht wieder aufbrechen könnten – diese verhĂ€rteten Schalen, die wir hier geschaffen und mithilfe des Kolonialismus auch allen anderen umgestĂŒlpt haben – wĂŒrde uns ein Reichtum erwarten, den wir heute nur erahnen können.

Und um das einmal klar zu stellen: NatĂŒrlich geht es uns auch darum, dass unsere Existens als das Andere – das gewöhnliche – das Abweichende – das, was immer da war – anerkannt wird. Aber am Ende ist es nicht unser Ziel, dass auch wir Waffen in RĂŒstungsfabriken herstellen dĂŒrfen und dabei mit unserem richtigen Pronomen angesprochen werden. Unser Kampf ist einer um die Befreiung aller Menschen, um die Abschaffung dieser uns verknappenden Kategorien von mĂ€nnlich und weiblich, die immer schĂ€dlich sein mĂŒssen, solange sie die FrĂŒchte von Patriarchat, Kapitalismus und einem Krieg gegen rebellische Körper sind.

Bini Adamczak schreibt:

„Marx formulierte in der Deutschen Ideologie, die kommunistische Gesellschaft ermögliche es, >>morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren [
], ohne je JĂ€ger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.<< [
] Im Anschluss daran lĂ€sst sich queer als Begehren nach einer Gesellschaft verstehen, die es ermöglicht, nachmittags den Haushalt zu machen, abends zu verreisen, nach dem Essen zu handwerken oder zu cruisen und morgens zu schlafen, ohne je Frau, Migrantin, Lesbe, Schwuler oder Kommunistin zu werden“

Vielleicht finden wir dann sogar in unsere Körper zurĂŒck.




Quelle: Queerfems.blackblogs.org