Mai 20, 2021
Von Contraste
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Politische Proteste und Aktionen, wie die Besetzung des Dannenröder Forstes, sind fĂŒr Außenstehende oft schwer zugĂ€nglich. Spezielle Mikrofone können die Stimmung dieser Orte und die KĂ€mpfe, die Menschen an ihnen austragen, einfangen und auf neue Weise erlebbar machen.

Helene JĂŒttner, Berlin

Im Dezember 2020 wurden die letzten BaumhĂ€user im Dannenröder Forst gerĂ€umt, die letzten BĂ€ume gefĂ€llt. Viele Monate lang hatten Aktivist*innen mit Protesten vor Ort versucht, die großflĂ€chigen Rodungen fĂŒr den Anschluss der A49 zu verhindern. Das Kollektiv Eigenklang war am Tag der RĂ€umung vor Ort und hat die Stimmung mit Hilfe ihrer portablen AufnahmeausrĂŒstung eingefangen. Entstanden ist dabei eine »Soundscape« (dt. »GerĂ€uschumgebung«), die ein unmittelbares und unverstelltes Erleben der Situation ermöglicht:

Die Schritte, die auf dem feuchten Waldboden ein schmatzendes GerĂ€usch erzeugen, fĂŒhlen sich an wie die eigenen. Eine Person spricht mit blecherner Stimme durch ein Megaphon, in einiger Ferne knattern RotorblĂ€tter. Und obwohl Zeit und Ort der Aufnahme schon lĂ€ngst der Vergangenheit angehören, weiß man genau, in welche Richtung man den Blick lenken mĂŒsste, um nach dem Hubschrauber zu schauen. Das Knattern der KettensĂ€ge und die Sprechchöre werden lauter, man nĂ€hert sich dem Geschehen. Plötzlich wird zur Linken eine Stimme aus der Masse sehr deutlich, man kann förmlich sehen, wie die Person vorbeigeht, weil zu hören ist, wie die Stimme erst lauter wird, um sich dann zu entfernen. Es ist verrĂŒckt, denn auf eine Art ist man vor Ort und hat einen konkreten Standpunkt, der eine physische Verbindung mit dem Geschehen herstellt. Trotzdem muss die Fantasie die LĂŒcke fĂŒllen, die das fehlende Bildmaterial hinterlĂ€sst. Das Hören einer Soundscape ist mit einem merkwĂŒrdigen GefĂŒhl der Fremdbestimmung verbunden, denn die GerĂ€uschumgebung ist so realistisch, dass es sich anfĂŒhlt, als ginge jemand anderes mit dem eigenen Körper spazieren.

Das Einfangen einer KlangrealitÀt

Diese Aufnahmen entstehen mit Hilfe sogenannter binauraler Mikrofonie. FĂŒr eine*n Hörer*in ergibt sich ein dreidimensionaler Eindruck, der das GefĂŒhl hervorruft, unmittelbar am Ort der Aufnahme zu sein, denn beim Hören kann jedes GerĂ€usch genau verortet werden. Dieser 3D-Sound entsteht, weil bei der Aufnahme berĂŒcksichtigt wird, dass die Anatomie des menschlichen Körpers das Hören beeinflusst. Die Form der Ohrmuscheln und des Gehörgangs, die Abschirmung von Schallwellen durch das Volumen des SchĂ€dels und die leichte Verzögerung, mit der Schallwellen je nach Richtung erst das eine und dann das andere Ohr treffen, verĂ€ndern ein Hörereignis. Der Aufbau, um Ton auf genau diese Art einzufangen, ist denkbar simpel. Die zwei Mikrophone, eines fĂŒr jedes Ohr, werden einfach in einen Kunstkopf eingesetzt, der ĂŒber nachmodellierte GehörgĂ€nge und Ohrmuscheln verfĂŒgt.

Mit der zunehmenden PortabilitĂ€t des nötigen Equipments ergeben sich auch fĂŒr binaurale Aufnahmen neue Möglichkeiten. Die speziellen Mikrophone sind mittlerweile nicht mehr an einen Kunstkopf gebunden, sondern werden mit speziellen AufsĂ€tzen direkt auf die Ohrmuscheln der aufnehmenden Person gesetzt. Zusammen mit einem einfachen AufnahmegerĂ€t kann eine Einzelperson eine beliebige Klanglandschaft vor Ort aufnehmen, zum Beispiel auf Demonstrationen oder im Wald.

Mit Hilfe eines solchen Setups setzt auch das Kollektiv Eigenklang seine kĂŒnstlerischen Projekte um. Binaurale Aufnahmen, wie die oben beschriebene, stehen im Zentrum ihrer pĂ€dagogischen, kĂŒnstlerischen und zum Teil auch politischen Arbeit. ZunĂ€chst entwickelte das Kollektiv ein interaktives Installationskunstwerk, das auf Festivals, Open Airs und verschiedenen Kulturveranstaltungen gezeigt wurde. Das HerzstĂŒck der Installation bildet ein mit Mikrofonen bestĂŒckter Kunstkopf. Was er aufnimmt, hören die Teilnehmer*innen in Echtzeit ĂŒber Kopfhörer, ihre auditive Wahrnehmung wird so gleichgeschaltet. Doch nicht nur in Kunst und PĂ€dagogik finden sich Anwendungsgebiete der binauralen Mikrofonie.

Zuhören bedeutet Partizipation

Protestorte wie der Dannenröder Forst sind fĂŒr Außenstehende nicht besonders zugĂ€nglich. Was fĂŒr Aktivist*innen zum Alltag gehört, können sich viele nicht vorstellen, sie werden diese Orte aus den verschiedensten GrĂŒnden nie persönlich erleben. Gesundheitliche EinschrĂ€nkungen können ein Hindernis sein, genauso aber auch ökonomische ZwĂ€nge oder die Furcht vor juristischer Verfolgung. Menschen, die Vollzeit arbeiten mĂŒssen, haben selten Zeit, fĂŒr mehrere Wochen in ein Baumhaus zu ziehen. Diesen Menschen ermöglicht eine Soundscape eine Form der Teilhabe, die sie direkt an den Ort des Geschehens bringt. Audioaufnahmen haben auch den Vorteil, dass die Persönlichkeitsrechte und die AnonymitĂ€t der Aktivist*innen besser gewahrt werden können als bei Bild- und Videomaterial. FĂŒr den Erfolg von politischem Aktivismus ist es unabdingbar die BeweggrĂŒnde, Aktionen und Inhalte fĂŒr möglichst viele Menschen zugĂ€nglich zu machen. Die binauralen Aufnahmen des Kollektivs Eigenklang sind dabei keine klassische Form des politischen Aktivismus, leisten aber durch die kĂŒnstlerische Aufarbeitung einen unterstĂŒtzenden Beitrag, indem sie Aktionen und Proteste sichtbar und niedrigschwellig zugĂ€nglich machen. Die Verwendung einer besonderen Aufnahmetechnik verbindet sich mit einem kĂŒnstlerischen Zugang zu politischen Protestaktionen. Es entsteht eine Form des medialen Aktivismus, die die Anliegen und KĂ€mpfe der Aktivist*innen verstĂ€ndlicher und sichtbarer machen kann.

Das Kollektiv Eigenklang ist immer auf der Suche nach spannenden Projektorten, aktivistischen Camps und alternativen Gemeinschaften, um neue Soundscapes aufzunehmen. Bei Interesse gerne unter contact@kollektiv-eigenklang.com melden.

Link zur Soundscape aus dem Dannenröder Wald: https://bit.ly/3fXVZdV

(Damit die Aufnahme ihre volle Wirkung entfalten kann, bitte unbedingt mit Kopfhörern hören.)

Titelbild: Eine 360-Grad-Aufnahme aus dem Dannenröder Forst. Foto: Eigenklang Kollektiv




Quelle: Contraste.org