Dezember 6, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Vorwort zur deutschen Übersetzung

Die subversive Kraft von Theorien und Hypothesen sollte daran gemessen werden, inwieweit sie eine Analyse der gesellschaftlichen RealitĂ€t darstellen und ob diese in der Lage ist, Angriffspunkte zu identifizieren – Stellen, an denen man die Macht angreifen kann, um alle VerhĂ€ltnisse umzuwerfen. Riesel und Semprun legen dar, wie drohende Katastrophen, hier v.a. die des ökologischen Kollaps, dazu dienen, die industrielle Gesellschaft zu erhalten und eine Reglementierung (und Moralisierung) von Oben durchzusetzen, welche die staatliche Macht ausbaut. Der Text Catastrophisme, administration du desastre et soumission durable erschien 2008, im Jahr der Finanzkrise, aber vor Fukushima und der jĂŒngsten Klimabewegung. Und dennoch, oder gerade deshalb, ist dieser Text aktuell, da sich alle (staatlichen) Maßnahmen zur BewĂ€ltigung der drohenden Katastrophen immer stĂ€rker als Befehle offenbaren. Es ist eine Kritik an den staatlichen und aktivistischen Verwaltern der ökologischen Katastrophe, die einen (moralischen) Massenkonformismus propagieren. Es ist aber auch ein Text – und daher entstammt auch eine große Motivation diesen Text auf Deutsch zu ĂŒbersetzten -, der sich in der Zeit von Covid-19, den staatlichen Maßnahmen zur EinschrĂ€nkung von Viren, dem Konkretisieren eines Green New Deal (ein Begriff der 2007 das erste mal verwendet wurde) und anderen autoritĂ€ren Methoden des Ausnahmezustands Ă€ußerst interessant liest.

Dabei sind die folgenden Seiten besonders relevant, da die beiden Autoren und ihre GefĂ€hrten seit Jahrzehnten versuchten die Zerstörung der Erde als soziale Frage zu behandeln. Ihre Gesellschaftskritik formulierte sich aus einer Praxis in Frankreich seit den 1960er Jahren – einer situationistischen Vergangenheit und Weiterentwicklung von Ideen und Theorien. In den 1980er grĂŒndet sich die, wenn man so möchte, post-situationistische, aber v.a. anti-industrielle Gruppe Encyclopedie des Nuisances (EdN) [EnzyklopĂ€die der SchĂ€dlichkeiten] und 1991 grĂŒndet u.a. Semprun die Editions de l‘Encyclopedie des Nuisances. Der Fokus liegt auf einer Kritik an der industriellen Gesellschaft und ihren falschen Kritikern (den Linken, BĂŒrgerbewegungen und dem staatlichen Umweltaktivismus). Sie begannen im Jahr 1984 damit eine Wörterbuch der SchĂ€dlichkeiten zu erarbeiten, dabei kamen sie nie ĂŒber den Buchstaben A hinaus und legten das Projekt 1992 nieder. Der folgende Text ĂŒber den Katastrophismus kann auch so verstanden werden, dass die Rekuperierung des Themas der Naturzerstörung durch die Macht, ihr eigenes Projekt eines Wörterbuchs ĂŒberflĂŒssig machte – sie somit ihre eigene kritisches Projekt angreifen, um ihre Kritik auf die bestehenden VerhĂ€ltnisse zu beziehen. Mit der Analyse des (staalichen) Katastrophismus beziehen sie sich direktauf die zeitgenössischen falschen Kritiker und sind nicht sparsam mit (latenter) Kritik. Nach einer spanischen und englischen Übersetzung wird dieser Text hier das erste mal auf deutsch publiziert.

Die Herrschaft von Staat und Kapital zeigte nicht nur in den letzten Jahrzehnten immer wieder „krisenhafte“ SchĂŒbe in der sie ihre Macht verteidigen und ausweiten konnte, sondern die Katastrophen wurden fĂŒr die Herrschaft verwaltbar – und man muss erkennen, dass die Prophezeiung einer Katastrophe fĂŒr die Herrschaft elementar wurde, um immer wieder aufs Neue einen Ausnahmezustand zu legitimieren. Die Katastrophe kann die drohende KlimaerwĂ€rmung sein, aber auch ein drohender Faschismus, oder eben ein Virus – dabei sollte sich von selbst verstehen, dass eine Kritik am staatlichen Katastrophismus nicht gleich bedeutend mit einer Negierung der Existenz von Katastrophe ist. Durch die BĂŒrokratisierung der Katastrophe werden die Ursachen losgelöst von den gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen behandelt. Eine potenziell radikale Kritik bspw. an der Umweltzerstörung wird lediglich zu einer Verfeinerung der Ausbeutung (weil sie der Macht hilft Auswege zu finden, wenn man sie nicht komplett negiert). Aber vor allem wird ein „staatlicher“ Kollektivismus genĂ€hrt, welcher jeden zumindest suspekt, wenn nicht gefĂ€hrlich macht, der nicht seinen Lebensstil und sein Handeln unterordnet. Der Staat und seine BefĂŒrworter propagieren eine MassenkonformitĂ€t und Massenhaftigkeit, welche das Individuum eliminieren soll und die Herrschaft stabilisiert. Die Unkontrollierbaren, UnvernĂŒnftigen oder wie auch immer sie genannt werden, die sich nicht einer Masse einverleiben lassen, mĂŒssen eingeordnet und in Zaum gehalten werden. Die Linke spielt hier die Rolle fĂŒr die Herrschaft und eine Massenhaftigkeit der Durchsetzung der Macht, indem sie radikale Abweichungen zumindest anprangert, wenn nicht sogar die Befehle aktiv durchsetzt. Heute zeigt sich diese Massenhaftigkeit (oder auch Massenpsychose) zugespitz als „sanitĂ€res Diktat“, in der die Norm von Oben, auch mit Hilfe der Linken durchgesetzt wird.

Das Fehlen einer revolutionĂ€ren Perspektive, einer revolutionĂ€ren Antwort auf die Zerstörung und das Elend, verleitet Viele dazu, ihren Beitrag zu leisten, dass die Gesellschaft zu einem „Waldbrand“ oder „Krankenhaus“ wird, in der die Verwaltung von Oben nach Unten – ein permanenter staatlicher Ausnahmezustand – stattfindet: von einem Notstand in den Anderen. Der folgende Text kann dabei helfen eine revolutionĂ€re Kritik an den ZustĂ€nden zu formulieren, oder zumindest kann er dabei helfen sich in wirren Zeiten etwas besser zu orientieren.

„Diese wĂŒrden die Freiheit, wenn sie völlig verloren und ganz aus der Welt wĂ€re, in ihrer Phantasie wieder schaffen und sie im Geiste empfinden und ihren Duft schlĂŒrfen; die Knechtschaft schmeckt ihnen nie, so fein man sie auch servieren mag.“

Katastrophismus, Desasterverwaltung und nachhaltige Knechtschaft

Einleitende ErlÀuterungen

Das endgĂŒltige Aussterben, zu dem uns das Festhalten an der Industriegesellschaft fĂŒhrt, ist in wenigen Jahren unsere offizielle Zukunft geworden. Ob unter dem Aspekt der Energieknappheit, des Klimawandels, der Demographie, der Migrationsbewegungen, der Verschmutzung oder Zerstörung der Umwelt, der VerkĂŒnstlichung der Lebewesen, oder anderen Gesichtspunkten, oder auch allen zusammen, denn an Rubriken des Katastrophismus mangelt es nicht. Die RealitĂ€t der sich anbahnenden Katastrophe, oder zumindest der kommenden Risiken und Gefahren, wird nicht mehr nur als Lippenbekenntnis akzeptiert, sondern von der staatlichen und medialen Propaganda stĂ€ndig im Einzelnen dargelegt. Was uns betrifft – die wir so oft der apokalyptischen SelbstgefĂ€lligkeit beschuldigt wurden, weil wir diese PhĂ€nomene ernst genommen haben oder des „Ewiggestrigen” bezichtigt wurden, weil wir die Unmöglichkeit der Wahl zwischen der RealitĂ€t und dem Versprechen der industriellen Massengesellschaft festgestellt haben – kĂŒndigen hiermit an, dass wir von diesem Moment an nichts mehr zu den abscheulichen Szenen der totalen ökologischen Krise hinzufĂŒgen werden, die von so vielen zertifizierten Experten in so vielen Berichten, Artikeln, Fernsehsendungen, Filmen und BĂŒchern aus so vielen Blickwinkeln dargestellt wurden, deren Daten von staatlichen oder internationalen Agenturen und den entsprechenden NGOs fleißig zusammengetragen wurden. Diese wortgewaltigen Warnungen richten sich, wenn es um die Frage geht, wie auf solche drĂ€ngenden Bedrohungen zu reagieren ist, in der Regel an die „Menschheit”, um sie aufzufordern, „ihre Bestrebungen und ihre Lebensweise radikal zu Ă€ndern”, bevor es zu spĂ€t ist. Man beachte, dass sich diese Aufforderungen eigentlich, wenn man ihr pathetisches Moralisieren korrekt in eine etwas weniger Ă€therische Sprache ĂŒbersetzen möchte, an staatliche Machthaber, an internationale Institutionen oder sogar an eine hypothetische – aufgrund der UmstĂ€nde – „Weltregierung” richten. Schließlich spricht die Massengesellschaft (d.h. diejenigen, die von ihr integral geformt wurden, was auch immer ihre Illusionen in dieser Hinsicht sein mögen) niemals ĂŒber die Probleme, die sie zu „managen” vorgibt, außer in Begriffen, die ihre Aufrechterhaltung zu einer conditio sine qua non machen. Man kann daher im Zuge des Kollaps nur erwĂ€gen, die Verlagerung des Aggregats aus Verzweiflung und Wahnsinn, zu dem es geworden ist, so lange wie möglich hinauszuzögern; und man kann sich keinen anderen Weg vorstellen, dies zu tun, was auch immer irgendjemand sagen mag, als alle Zwangsmittel zu verstĂ€rken und die Individuen dazu zu bringen, sich dem Kollektiv vollstĂ€ndiger zu unterwerfen – die Vertiefung der Unterwerfung des Einzelnen unter die Gemeinschaft. Das ist die wahre Bedeutung all dieser Appelle an eine abstrakte „Menschheit”, der alten Verkleidung des sozialen Leitbilds, auch wenn diejenigen, die sie Ă€ußern, unter Ausnutzung ihrer Erfahrungen in der UniversitĂ€t, in der Industrie oder im Management (was natĂŒrlich alles dasselbe ist), grĂ¶ĂŸtenteils von weniger erhabenen Ambitionen motiviert sind und nur davon trĂ€umen, eines Tages eine FĂŒhrungsposition in einer Ad-hoc-Gruppe erlangen zu können; wĂ€hrend sich große Teile der Bevölkerung, alle bereit erklĂ€ren, sich freiwillig fĂŒr die niedrigschwelligen Arbeiten zur Beseitigung von Verschmutzungen oder zur Sicherung von Menschen und Besitz zu melden.

Wir erwarten nichts von einem sogenannten „volonte generale“ [„Gemeinwille“] (der von denen, die sich auf ihn berufen, fĂŒr gut gehalten wird oder zumindest dafĂŒr empfĂ€nglich ist, gut zu werden, sobald man ihn streng genug zurechtweist, um seine illegitimen Neigungen zu korrigieren), noch von einem „Kollektivbewusstsein der universellen Interessen der Menschheit“, das derzeit keine Mittel hat, sich zu bilden, geschweige denn, es in die Praxis umzusetzen. Wir wenden uns daher an Individuen, die schon jetzt resistent gegen den wachsenden Kollektivismus der Massengesellschaft sind und die Möglichkeit eines gemeinsamen Kampfes gegen diese Übersozialisierung nicht grundsĂ€tzlich ausschließen. Auf diese Weise glauben wir, dass wir den authentischsten QualitĂ€ten der Gesellschaftskritik, in deren Kontext wir vor vierzig Jahren erwachsen wurden, treu bleiben, unserer Meinung nach mehr, als wenn wir ihre Rhetorik oder ihren konzeptionellen Rahmen vorgeblich verewigt hĂ€tten. Denn ungeachtet ihrer allzu offensichtlichen SchwĂ€chen, die im Nachhinein so offensichtlich sind, oder, wenn man es vorzieht, mit dem Verschwinden der Bewegung, die sie zu durchdringen suchte, bestand die HauptqualitĂ€t der Gesellschaftskritik darin, dass sie von Individuen ohne Spezialisierung oder intellektuelle AutoritĂ€t ausgeĂŒbt wurde, die durch eine gesellschaftlich anerkannte Ideologie oder Kompetenz (eine „Expertise“, wie wir heute sagen) garantiert war; Individuen also, die, nachdem sie ihr Lager gewĂ€hlt hatten, sich nicht etwa als Vertreter einer Klasse Ă€ußerten, die durch die Vorsehung dazu bestimmt war, ihre Revolution zu vollenden, sondern als Individuen, die nach den Mitteln suchten, sich ihr Leben anzueignen, und nichts anderes erwarteten, als was andere, selbst „ohne Spezialisierung“, ihrerseits zu unternehmen imstande wĂ€ren, um die Kontrolle ĂŒber ihre Lebensbedingungen wiederzuerlangen.

Um den unheilvollen Lauf der Dinge zum Besseren zu verĂ€ndern, werden wir nur auf das angewiesen sein, was der Einzelne selbst aus freien StĂŒcken tut – und vielleicht vor allem, was er nicht tun wird – und wir werden keine OrakelsprĂŒche verkĂŒnden. Die im orakelhaftem Ton verkĂŒndete Prophezeiungen, die der alten revolutionĂ€ren Kritik so oft Schaden zufĂŒgten, sind heute weniger denn je angebracht. Unsere vermeintliche Vorliebe fĂŒr die Traurigkeit ist oft verunglimpft worden, wenn wir eigentlich nur versuchen wollten, die Welt so zu beschreiben, wie sie wird, damit sie sich jedem Bestreben aufdrĂ€ngt, sie zu verĂ€ndern. Die wenigen Zitate in den Anmerkungen sind dazu da, die KontinuitĂ€t unserer Überlegungen zu zeigen, die Entwicklungen, die wir jetzt aufzeigen, zu bekrĂ€ftigen oder ggf. ungenaue oder fehlerhafte Formulierungen zu korrigieren. Auf jeden Fall kann der folgende Satz genau so verstanden werden, wie er da steht:

„Wir lehnen das, […] was besteht und auf immer verheerendere Weise zusammenbricht nicht im Namen einer Zukunft ab, von der wir behaupten, sie getreuer zu vertreten als ihre offiziellen EigentĂŒmer. Wir denken im Gegenteil, dass sie die Zukunft perfekt reprĂ€sentieren, die gesamte Zukunft, die auf der Grundlage der gegenwĂ€rtigen Verschlechterung hochgerechnet werden kann: es ist außerdem die einzige Zukunft, die sie reprĂ€sentieren, und wir können sie ihnen in ihrer Gesamtheit ĂŒberlassen.“ (Discours preliminaire de l‘Encyclope– die des Nuisances, November 1984).

I

Die Parallele zwischen dem Kollaps des Lebensraumes, der sich vor langer Zeit einst auf der Osterinsel ereignete, und dem aktuellen globalen Kollaps ist in wenigen Jahren zu einer perfekten Zusammenfassung unseres historischen Zustandes geworden. Der Raubbau an diesem Insel-Ökosystem war dem sinnlosen Streben nach einem bestimmten Produktivismus geschuldet: In diesem Fall ging es um den Bau jener dĂŒsteren Statuen, Symbole einer VerwĂŒstung, die sie durch ihren Bau ankĂŒndigten – genau wie die monumentale Ästhetik der heutigen MegastĂ€dte. Das von Jared Diamond populĂ€r gemachte Bild unseres sich im unendlichen Raum drehenden Planeten, der in seiner Katastrophe genauso hilflos ist wie die mitten im Pazifik verlorene Osterinsel, werden wir bald auch in der Propaganda der E.D.F. [Electricite de France] ĂŒber die „Energiequellen von morgen“ kennenlernen, zu denen natĂŒrlich auch die Atomkraft gehört. Die Kernenergie, vom Klimawandel weißgewaschen, wird uns so nĂŒtzlich sein, um z.B. die heute schon unverzichtbaren Anlagen zur Entsalzung von Meerwasser zu betreiben, oder um Wasserstoff durch Elektrolyse zu erzeugen, der das Öl als Treibstoff fĂŒr die motorisierte Entfremdung vorteilhaft ersetzen wird.

Es gibt also kein Mysterium der Osterinsel mehr, aber vor allem ist die Zukunft der Weltgesellschaft selbst kein Mysterium, völlig entschlĂŒsselbar durch wissenschaftliche Erkenntnisse: Das ist die eigentliche Botschaft der Propaganda. Das inzwischen umfassende Wissen ĂŒber die Katastrophe, welche primitive Menschen heimsuchte, die keine Vorstellung von einem zu erhaltenden Ökosystem hatten, garantiert die unserer eigenen, sich anbahnenden Katastrophe. Allerlei gut informierte Experten, die nicht zu paranoiden Halluzinationen neigen, teilen uns daher autoritativ mit, dass „die alten mille- naristischen Schrecken“ nun „zum ersten Mal eine rationale Grundlage“ haben. (Andre Lebeau, L’Engrenage de la technique – Essai sur une menace planetaire, 2005).

II

Die Thesen von GĂŒnther Anders bezĂŒglich eines „Welt-Laboratoriums“, wonach das „Labor“ zum Zeitpunkt der ersten Atomwaffentests mit dem Planeten ko-extensiv wurde, ist positiv rekuperiert worden, ohne jede rebellische oder kritische Absicht: als fade BestĂ€tigung unserer Gefangenschaft im Versuchsprotokoll der Industriegesellschaft. Es gab einmal Geschichte, jetzt gibt es nur noch ein rationales Management der „Ressourcen“. OrdnungsgemĂ€ĂŸ modelliert, mit allen erforderlichen Parametern, wird der geschichtliche Prozess auf ein kalkulierbares Ergebnis reduziert; und das zufĂ€lligerweise genau in dem Moment, in dem die Experten ĂŒber eine unerreichte und stĂ€ndig wachsende Rechenkraft verfĂŒgen. Das Schicksal der Menschheit ist damit wissenschaftlich besiegelt: Es bleibt nur noch, die Erhaltung ihres fragilen irdischen Biotops zu optimieren. Das war das Programm der wissenschaftlichen Ökologie, und es wird zum Programm aller Regierungen.

III

Bereits Musil hatte bemerkt, dass in „der eigenartigen Vorliebe (…), die das wissenschaftliche Denken fĂŒr mechanische, statistische, materielle ErklĂ€rungen hat, denen gleichsam das Herz ausgestochen ist“, unter dem Deckmantel der Wahrheitsliebe „eine Vorliebe fĂŒr Desillusion, Zwang, Unerbittlichkeit, kalte Abschreckung und trockene Zurechtweisung“ liege. Und Adorno bemerkte wenig spĂ€ter bezĂŒglich „dem Wissenschaftsbetrieb, der im Begriff ist, auch die Reste der Welt, wehrlose TrĂŒmmerstĂ€tten, zu unterjochen“, dass sich darin die intellektuelle Energie zwar prĂ€chtig entfalte, aber nur in bestimmten, gesellschaftlich kontrollierten Richtungen:

„Die kollektive Dummheit der Forschungstechniker ist nicht einfach Absenz oder RĂŒckbildung intellektueller FĂ€higkeiten, sondern eine Wucherung der DenkfĂ€higkeit selber, die diese mit der eigenen Kraft zerfrißt. Die masochistische Bosheit der jungen Intellektuellen rĂŒhrt von der Bösartigkeit ihrer Erkrankung her.“

In allen Diskursen des wissenschaftlichen Katastrophismus erkennen wir deutlich dieselbe Freude an der Beschreibung der unvermeidlichen ZwĂ€nge, die nun auf unserem Überleben lasten. Die Techniker der Verwaltung der Dinge beeilen sich, um triumphierend die schlechte Nachricht zu verkĂŒnden, die schließlich jeden Streit ĂŒber die Regierung der Menschen mĂŒĂŸig macht. Staatskatastrophismus ist ganz offen nichts anderes als unermĂŒdliche Propaganda fĂŒr das geplante Überleben – also fĂŒr eine autoritĂ€rere verwaltete Version des Bestehenden. Letztendlich, nachdem so viele Daten ausgewertet und so viele Deadlines geschĂ€tzt wurden, haben seine Experten nur eines zu sagen: dass die Unermesslichkeit dessen, was auf dem Spiel steht (die „Herausforderungen“) und die Dringlichkeit der zu ergreifenden Maßnahmen, die Idee zunichte machen, dass die Last des sozialen Zwangs erleichtert werden könnte, so natĂŒrlich ist sie geworden.

Auf die alten Linken kann man immer zĂ€hlen, auf diejenigen die am rachsĂŒchtigsten sind, wenn es darum geht, die revolutionĂ€ren Bestrebungen von vor vierzig Jahren zu verunglimpfen. Unter dem Vorwand, sich von ihren alten Überzeugungen losgesagt zu haben, versetzen sie sich weiterhin in die Lage, mit demselben Geist, mit dem sie frĂŒher die Slogans ihrer Gruppierungen skandierten, die neuen Slogans der Unterwerfung zu behaupten:

„Die Epoche ruft nicht nach der Erfindung einer weiteren glĂŒcklichen Utopie, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sie verpflichtet uns nur dazu, uns den Notwendigkeiten des Lebens zu beugen, damit der Planet lebensfĂ€hig bleibt.“ (Jean-Paul Besset, Comment ne plus etre progressiste… sans devenir reactionnaire [Wie man kein Progressiver mehr ist… ohne reaktionĂ€r zu werden], 2005).

Denn die Imperative des Lebens verdienen sicherlich den Sinn der Geschichte, um „die Diktatur der Wissendsten oder derjenigen, die sich fĂŒr die Wissendsten halten“ zu rechtfertigen; und es zeugt sicherlich von einem gewissen Realismus, wenn man erwartet, dass der ökologische Ausnahmezustand statt einer Revolution die Etablierung eines endlich wirksamen bĂŒrokratischen Kollektivismus zur Folge haben wird.

In diesen Aufrufen, sich den „Imperativen des Lebendigen“ zu beugen, wird die Freiheit systematisch unter der Figur des unverantwortlichen Konsumenten verleumdet, dessen reueloser Individualismus, beflĂŒgelt durch den Hedonismus der 68er, bekanntlich ungestraft den Planeten verwĂŒstet hat.

Angesichts der Bedrohung – insbesondere der „Klimakrise“, die von den BefĂŒrwortern des Katastrophismus gerne mit „dem Schatten des Faschismus, der sich in den 1930er Jahren ĂŒber Europa ausbreitete“ verglichen wird – bleibt nur die Wahl zwischen reumĂŒtiger Unterwerfung unter die neuen Richtlinien des ökologischen Kollektivismus oder purem Nihilismus; wer sich weigert, Verantwortung zu ĂŒbernehmen, sich mit Begeisterung an dieser bĂŒrgerlichen Bewirtschaftung des planetarischen MĂŒlls zu beteiligen, zeigt damit das Profil des potenziellen Terroristen.

IV

Wir, die wir so oft des DefĂ€tismus und vor allem des Katastrophismus beschuldigt wurden, werden uns vielleicht wundern oder ĂŒberrascht sein, dass wir jetzt, wo die Katastrophe wie ein Film-Trailer auf alle Bildschirme projiziert wird, uns wir dem, was man als Bewusstsein oder zumindest als Beginn der Klarheit betrachten könnte, unsere Feindschaft erklĂ€ren. Aber eine solche Überraschung wĂ€re unbegrĂŒndet, denn sie wĂŒrde eine Art doppelten Fehler beinhalten: es wĂ€re falsch, sowohl in Bezug auf das, was wir zuvor gesagt haben, als auch in Bezug auf das, was die Experten sagen, die zu solchen Alarmisten geworden sind. Wir sprachen nicht von der gleichen Katastrophe, und die Gesamtkatastrophe, von der sie sprechen, ist nur ein Ausschnitt der RealitĂ€t, der wirklichen Katastrophe.

V

Um MissverstĂ€ndnisse zu vermeiden, mĂŒssen wir jedoch klarstellen, dass die Kritik an katastrophistischen Darstellungen keineswegs bedeutet, sie als reine Erfindungen ohne die geringste Grundlage zu betrachten, die von Staaten verbreitet wĂŒrden, um die Unterwerfung unter ihre Direktive zu gewĂ€hrleisten, oder, subtiler, von Expertengruppen, die bestrebt sind, ihre Förderung durch Überdramatisierung ihres „Forschungsgebiets“ sicherzustellen. Eine solche Anprangerung des Katastrophismus ist nicht immer das Werk von Leuten, die diesen oder jenen Sektor der industriellen Produktion verteidigen, der besonders unter Beschuss steht, oder sogar die Industrie als Ganzes. Einige „RevolutionĂ€re“ haben argumentiert, dass die ökologische Krise, ĂŒber die wir jetzt eine Lawine von Informationen erhalten, nichts weiter als ein Spektakel ist, ein Köder, mit dem die herrschende Klasse ihren Ausnahmezustand, ihre autoritĂ€re VerstĂ€rkung usw. zu rechtfertigen sucht. Wir können deutlich erkennen, was die treibende Kraft hinter einem solchen vorauseilenden Skeptizismus ist: der Wunsch, eine „reine“ Gesellschaftskritik zu retten, die die RealitĂ€t nur so betrachten will, dass sie das alte Schema einer antikapitalistischen Revolution erneuern kann, die sich der Übernahme des bestehenden Industriesystems verschrieben hat, auch wenn sie es â€žĂŒberwindet“. Was den „Beweis“ betrifft, so lautet der Syllogismus wie folgt: da die Medieninformation sicherlich eine Form der Propaganda zugunsten der bestehenden gesellschaftlichen Organisation ist, und da sie nun verschiedenen erschreckenden Aspekten der „ökologischen Krise“ einen großen Platz einrĂ€umt, ist diese folglich nur eine Fiktion, die erfunden wurde, um die neuen Parolen der Unterwerfung zu verbreiten. Andere Negationisten hatten, wie wir uns erinnern, dieselbe Logik auf die Vernichtung der europĂ€ischen Juden angewandt: Da die demokratische Ideologie des Kapitalismus mit Sicherheit eine falsche VerhĂŒllung der Klassenherrschaft war und sich nach dem Krieg in ihrer Propaganda der Nazi-GrĂ€uel bedient hatte, konnten folglich die Vernichtungslager und Gaskammern nur Erfindungen und gestellt sein. Auch hier ging es in erster Linie darum, die kanonische Definition des Kapitalismus zu retten, indem man sich weigerte, seine „abweichende“ (d.h. theoretisch nicht vorhergesehene) Entwicklung zu sehen. Und schon vorher, wĂ€hrend des Spanischen BĂŒrgerkriegs, hatte es unnachgiebige Extremisten gegeben, die RevolutionĂ€ren vorwarfen, den Faschismus zu bekĂ€mpfen, ohne gleich den Staat und das Lohnsystem abgeschafft zu haben.

VI

So wie wir nicht beabsichtigen, den katastrophistischen Aussagen einer „totalen ökologischen Krise“ etwas hinzuzufĂŒgen, werden wir uns auch keine Bewertung der Elemente vornehmen, auf die sie sich stĂŒtzen, und auch nicht auf eine detaillierte Diskussion der von ihnen aufgezĂ€hlten VerwĂŒstungen. Aber die Essenz dieses infernalischen Bedrohungskatalogs wurde schließlich von der „gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft“ beglaubigt, von Staaten und internationalen Institutionen zertifiziert; sie wird von den Medien gefördert, die sich freuen, eine so fruchtbare „Kastanie“ kultivieren zu mĂŒssen, und von den industriellen Investitionen in „nachhaltige Entwicklung“ geweiht. Ihre Schlussfolgerungen, d. h. in der allgemein verwendeten Sprache, die Optionen, die beibehalten werden sollten, oder die Art der Herausforderungen, die angenommen werden sollten, werden nun unaufhörlich diskutiert. Da es das erklĂ€rte Ziel der katastrophistischen Experten ist, solche „Debatten“ zu eröffnen, ist es nicht verwunderlich, dass sie dies als den Beginn eines „Bewusstseins“ sehen. Es ist eher verwunderlich, dass Menschen, die keine Experten sind, das genauso sehen und dass diese es manchmal wagen, sich zu Feinden der Industriegesellschaft zu erklĂ€ren.

Wenn wir nichts dergleichen sehen, sondern im Gegenteil eine Zunahme des falschen Bewusstseins, dann liegt das nicht an einem maßlosen Geschmack fĂŒr das Paradoxe oder an einem perversen Widerspruchsgeist. Es ist nĂ€mlich etwas, das zuzugeben wir gezwungen wurden, trotz unserer Überzeugungen, und bereits fĂŒr einige Zeit.

Die irreversible Zerstörung des Lebens auf der Erde durch die industrielle Entwicklung wird seit ĂŒber fĂŒnfzig Jahren aufgezeigt und beschrieben. Diejenigen, die den Prozess, seine kumulativen Auswirkungen und die vorhersehbaren Schwellenwerte ohne Wiederkehr detailliert beschrieben haben, erwarteten, dass ein Bewusstsein dem Prozess durch irgendeine VerĂ€nderung ein Ende setzen wĂŒrde. FĂŒr die einen waren es Reformen, die von den Staaten und ihren Fachleuten fleißig durchgefĂŒhrt werden sollten, fĂŒr die anderen war es vor allem eine Umgestaltung unserer Lebensweise, deren genauer Charakter im allgemeinen recht vage blieb; schließlich gab es sogar solche, die – radikaler – meinten, die ganze bestehende gesellschaftliche Organisation mĂŒsse durch eine revolutionĂ€re VerĂ€nderung zu Fall gebracht werden. Ungeachtet ihrer Meinungsverschiedenheiten ĂŒber die einzusetzenden Mittel teilten alle die Überzeugung, dass das Wissen um das Ausmaß der Katastrophe und ihre unausweichlichen Folgen zumindest zu einer gewissen Infragestellung des gesellschaftlichen Konformismus und sogar zur Bildung eines radikalen kritischen Bewusstseins fĂŒhren wĂŒrde. Kurz gesagt, dass die Verbreitung dieses Wissens kein vergebliches Unterfangen sein wĂŒrde.

Entgegen der impliziten Annahme der gesamten „Kritik an SchĂ€dlichkeiten“ (nicht nur der der EdN), wonach die Verschlechterung der Lebensbedingungen ein „Faktor der Revolte“ sei, wurde festgestellt, dass das immer prĂ€zisere Wissen um diese Verschlechterung reibungslos in die Unterwerfung integriert wurde und vor allem an der Anpassung an neue Formen des Überlebens in einer extremen Umwelt teilnahm. Es ist wahr, dass in LĂ€ndern, die als „SchwellenlĂ€nder“ bezeichnet werden, wenn sie von einer industriellen Katastrophe verschlungen werden, sich Dorfgemeinschaften immer noch massenhaft revoltieren, um ihre Lebensweise gegen die brutale Verarmung zu verteidigen, die ihnen durch die wirtschaftliche Entwicklung aufgezwungen wird. Aber solche AufstĂ€nde erfordern nicht die Art von Wissen und „ökologischem Bewusstsein“, die NGOs ihnen einzuflĂ¶ĂŸen versuchen.

Wenn die offizielle Anerkennung der ökologischen Krise (vor allem in Form der „globalen ErwĂ€rmung“) zu angeblichen „Debatten“ gefĂŒhrt hat, wurden diese strikt von den grob progressivistischen Darstellungen und Kategorien abgegrenzt, die selbst die am wenigsten geschmacklosen katastrophistischen Diskurse unkritisch aussprechen. Es kommt niemandem in den Sinn, den Katastrophismus als das zu betrachten, was er wirklich ist, ihn auf der Grundlage dessen zu verstehen, was er jetzt ĂŒber die gegenwĂ€rtige RealitĂ€t, ihre Ursachen und die Verschlechterung, die er zu vorwegzunehmen sucht, sagt.

VII

Vor allem sehen wir in allen Darstellungen, die der Katastrophismus verbreitet, in der Art und Weise, wie sie ausgearbeitet werden, und in den Schlussfolgerungen, die sie nahelegen, eine schwindelerregende AnhĂ€ufung von RealitĂ€tsverweigerungen. Die offensichtlichste betrifft die sich anbahnende, ja sogar schon weitgehend vollzogene Katastrophe, die durch das Bild der hypothetischen oder gar berechneten, hochgerechneten Katastrophe abgeschirmt wird. Um zu zeigen, wie sehr sich die reale Katastrophe von dem Schlimmsten unterscheidet, das der Katastrophismus ankĂŒndigen kann, werden wir versuchen, sie in wenigen Worten zu definieren oder zumindest einen ihrer Hauptaspekte zu spezifizieren: Indem sie die Untergrabung aller – nicht nur materiellen – Grundlagen, auf denen sie ruhte, vollendet, schafft die Industriegesellschaft Bedingungen der Unsicherheit, der PrekaritĂ€t von Allem, so dass nur eine Steigerung der Organisation – das heißt der Unterwerfung unter die soziale Maschine – dieses Aggregat erschreckender Ungewissheiten noch wie eine lebenswerte Welt aussehen lassen kann. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf die Rolle, die der Katastrophismus spielt.

Eine „andere Welt“ war in der Tat „möglich“: Sie ist die unsere, und wir sollten uns ernsthaft fragen, was sie auf irgendeiner Ebene mit der mehr oder weniger humanisierten Welt gemein hat, die ihr vorausging und als deren Erbe diese Welt sich ausgibt, da sie den Leichnam der alten Welt im Glaushaus ausgestellt hat, nachdem diese nun einmal zu einer weißen Weste geworden ist.

VIII

Um Beispiele fĂŒr die frĂŒhzeitige Klarheit ĂŒber den Prozess zu liefern, dessen Kulmination wir jetzt erleben, werden immer dieselben erhabenen Autoren zitiert, die sonst niemand wirklich liest; sonst wĂŒrde die Behauptung, die Katastrophe sei praktisch schon vollzogen, nicht so außergewöhnlich erscheinen. Wir wollen ein relativ wenig bekanntes Beispiel anfĂŒhren, das auf jeden Fall beweist, dass die Definition der modernen Geschichte als kontinuierlich fortschreitender Prozess der Gefangenschaft in der Industriegesellschaft keine Abstraktion, keine nachtrĂ€gliche Rekonstruktion oder von einem schĂ€dlichen DefĂ€tismus durchdrungene Fantasie ist. Bei der Schilderung seiner Reisen durch Spanien zwischen 1916 und 1920 erzĂ€hlt Dos Passos die Worte, die ein „Syndikalist“, der gerade aus dem GefĂ€ngnis ausgebrochen war, in einem Cafe sprach (wobei zu verstehen ist, dass im Spanien jener Jahre ein Syndikalist etwas ganz anderes war als das, was man heute unter diesem Namen versteht; und dass sich Spaniens NeutralitĂ€t wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs als gĂŒnstig fĂŒr einen wirtschaftlichen „Aufbruch“ erwies):

„Wir sind in der Industrialisierung gefangen, wie der Rest Europas. Die Menschen, auch die Genossen, werden von der bĂŒrgerlichen MentalitĂ€t weggefegt. Wir sind in Gefahr, unsere hart erkĂ€mpften Errungenschaften zu verlieren… HĂ€tten wir nur die Produktionsmittel ergriffen, als das System noch jung und schwach war, hĂ€tten wir es langsam zu unserem Vorteil entwickelt und die Maschine zum Sklaven des Menschen gemacht. Jeder Tag, den wir verstreichen lassen, macht die Aufgabe schwieriger.“ (Rocinante vuelve al camino, 1923)

IX

In Verbindung mit ihrer impliziten Annahme, dass genaues Wissen ĂŒber die Verschlechterung der Lebensumwelt notwendigerweise ein „Faktor der Revolte“ sein muss, neigt die Kritik der MissstĂ€nde dazu, der Verheimlichung, der LĂŒge und der Geheimhaltung einen ĂŒbertriebenen Platz einzurĂ€umen: Nach einem alten Muster wĂŒrden die Massen revoltieren, wenn sie es wĂŒssten, wenn die Wahrheit nicht vor ihnen verborgen wĂ€re. Doch der modernen Geschichte hat es nicht an gegenteiligen Beispielen gefehlt, die vielmehr bei den besagten Massen eine ziemlich konstante Entschlossenheit aufzeigen, nicht zu revoltieren, obwohl sie wussten, was sie wussten, und sogar – von den Vernichtungslagern bis Tschernobyl – sich trotz der Beweise zu weigern zu wissen; oder sich zumindest trotz allem so zu verhalten, als verstĂŒnden sie nicht. Gegen die einseitige ErklĂ€rung der „Geheimhaltung“ wurde bereits darauf hingewiesen, dass das „französische Elektronuklearprogramm“ in einer Weise beschlossen und durchgefĂŒhrt wurde, die öffentlicher nicht hĂ€tte sein können (anders als die „Endlösung“). Glaubt wirklich jemand, dass die Transparenz, wenn sie von Anfang an auf [die EinheitsgrĂ¶ĂŸe] Millirem und Pikocurie ausgedehnt worden wĂ€re, auf die Berechnung der „maximal zulĂ€ssigen Expositionen“ und die Debatten ĂŒber die Auswirkungen „niedriger Strahlendosen“, die universelle UnterstĂŒtzung fĂŒr die zivile Kernenergie, fĂŒr „Atome fĂŒr den Frieden“ verhindert hĂ€tte? Ohne ein Doktor der Kernphysik zu sein, hatte jeder genug Informationen, um eine Vorstellung von der Entwicklung der Atomindustrie zu haben. Das Gleiche gilt heute fĂŒr die Genmanipulation. Andererseits haben sich seit dem Erkennen der Hauptmechanismen der „ökologischen Krise“ BestĂ€tigungen angehĂ€uft, neue verschĂ€rfende Faktoren wurden ans Licht gebracht, „positive RĂŒckkopplungen“ spezifiziert; und all dies wird spezifiziert und aktualisiert, ohne dass dies der Öffentlichkeit verschwiegen wird, im Gegenteil. Die Apathie gegenĂŒber diesen „Problemen“ ist jedoch, wenn ĂŒberhaupt, noch grĂ¶ĂŸer als vor dreißig oder vierzig Jahren. Kann man sich eine Demonstration auch nur in der GrĂ¶ĂŸenordnung derjenigen in Malville (1977) gegen das ITER-Projekt vorstellen, das weitaus irrsinniger ist als Superphenix? Cyber-Aktivisten ziehen es vor, kostĂŒmiert im Hintergrund von Treffen von StaatsoberhĂ€uptern aufzutreten. Die ErklĂ€rung fĂŒr diese fehlende Reaktion, obwohl der Wind von Tschernobyl vorbeigezogen ist, ist ganz einfach: In den siebziger Jahren war Frankreich noch mit den Nachwirkungen von 1968 beschĂ€ftigt. Es ist daher notwendig zu denken, dass es die Revolte, der Geschmack nach Freiheit ist, die ein Faktor der Erkenntnis ist, und nicht umgekehrt.

Stillschweigen und LĂŒgen wurden und werden von der Industrie und den Staaten natĂŒrlich immer wieder eingesetzt. Alle Arten von Operationen mĂŒssen mit Ă€ußerster Diskretion durchgefĂŒhrt werden und werden am besten nur als vollendete Tatsachen an die Öffentlichkeit gebracht. Da aber das fait accompli die Existenz der Industriegesellschaft selbst ist, die Unterwerfung unter ihre Imperative, kann man gefahrlos immer weitreichendere Bereiche der Transparenz einfĂŒhren: Der BĂŒrger, nun gut bewandert in seiner Arbeit als Konsument, ist begierig auf Informationen, um seine eigene „Risiko-Nut- zen“-Bilanz zu erstellen, wĂ€hrend auf seiner Seite jeder Vergifter auch versucht, sich selbst zu entlasten, indem er seine Konkurrenten anschwĂ€rzt. Folglich wird es immer Rohmaterial fĂŒr „EnthĂŒllungen“ und „Skandale“ geben, ebenso wie HĂ€ndler, die dieses verarbeiten: Neben den HĂ€ndlern von Giften die HĂ€ndler von journalistischen KnĂŒllern, BĂŒrgerempörung und sensationellen investigativen Recherchen geben.

Dabei ist der wesentliche Verlauf der Katastrophe nie ein Geheimnis gewesen. Jahrzehntelang war alles da, um zu verstehen, wohin die „Entwicklung“ uns fĂŒhrt: ihre großartigen Ergebnisse verbreiteten sich ĂŒberall, mit der Geschwindigkeit einer Ölpest oder dem Bau einer „neuen Stadt“ am Rande einer Autobahn. Der Fetischismus des quantitativen Wissens hat uns so dumm und engstirnig gemacht, dass man als Dilettant gelten wĂŒrde, wenn man sagte, dass ein wenig Ă€sthetischer Sinn – aber nicht der, den man in Kunstschulen erwirbt – ausreicht, um vor ĂŒber diese Angelegenheiten kundig zu urteilen. TatsĂ€chlich waren es vor allem KĂŒnstler und Schriftsteller, die sich anfangs entsetzt ĂŒber die sich durchsetzende „neue Welt“ Ă€ußerten. Aber anstatt sie und die manchmal lĂ€cherliche Enge ihres Standpunktes zu kritisieren – welche es eben gerade war, die ihnen erlaubte, sich auf diesen Aspekt zu konzentrieren -, um sie unter dem Etikett der „ReaktionĂ€re“ loszuwerden (in jĂŒngerer Zeit haben gewisse JungtĂŒrken der postmodernen RadikalitĂ€t – lasst uns gemeinsam in barbarischem Chaos und Ekstase mutieren! – diese Polemik in Form einer Parodie rehabilitiert, indem sie einen hypothetischen „Mann des Ancien Regime“ angriffen), wĂ€re es gerechter und dialektischer gewesen, jene Adepten der Gesellschaftskritik als Quacksalber blosszustellen, die fĂŒr solche Symptome blind waren, als ob die HĂ€sslichkeit von allem nur ein nebensĂ€chliches Detail wĂ€re und nur dem bĂŒrgerlichen Ästheten sauer aufstösst. Selbst die besten Vertreter der Gesellschaftskritik hielten sich, einer Art progressivistischem Über-Ich gehorchend, fast immer und sehr lange von jeglicher Kritik zurĂŒck, die sie dem Vorwurf der „Altmodischkeit“ hĂ€tte aussetzen können. Die gefeierte Situationistische Internationale hat den Neo-Urbanisten Constant nicht fĂŒr seine heute so geschĂ€tzten hĂ€sslichen Plexiglasmodelle von StĂ€dten mit GebĂ€uden aus Titan und Nylon, FlughĂ€fen auf dem Dach und schwebenden PlĂ€tzen, von denen aus man „einen herrlichen Blick auf den Verkehr auf den darunter liegenden Autobahnen“ genießen konnte (I.S., Nr. 4, Juni 1960), ausgeschloßen.

Stendhals Maxime bleibt a contrario gĂŒltig: HĂ€sslichkeit ist ein Versprechen des UnglĂŒcks. Und der RĂŒckgang des Ă€sthetischen Empfindungsvermögens begleitet den der GlĂŒcksfĂ€higkeit. Man muss schon genug im UnglĂŒck abgehĂ€rtet sein, unempfindlich, wie man unter dem wiederholten Schock der ZwĂ€nge wird, um zum Beispiel in einem alten, in HeliogravĂŒre gedruckten Buch ohne Schmerz Fotos betrachten zu können, die Landschaften der KĂŒsten des Mittelmeers darstellen, bevor diese BrutstĂ€tte der Zivilisation ausgelöscht wurde – zu einer Zeit, als man noch nicht von Umwelt sprach. (Das Leben war sicher nicht „idyllisch“, wie Narren zuzugeben pflegen: es war besser als idyllisch, es war lebendig). Man beginnt damit, sich selbst zu kasteien, indem man sich einredet, dass das, was von der Dynamik der Produktion so brutal aufgezwungen wird, seine Schönheit hat, die man zu schmecken lernen muss (nun, das ist Ästhetizismus!). Man wird immer unfĂ€higer, wahrzunehmen was schrecklich an dieser BrutalitĂ€t und Machtdemonstration ist. Denn es bedarf keines GeigerzĂ€hlers oder toxikologischer Analysen, um zu wissen, wie tödlich die Warenwelt ist: Bevor man sie als Konsument erleidet, muss jeder sie als Arbeiter ertragen. Die in die Zukunft hypostasierte und projizierte Katastrophe hat sich dort, in der tĂ€glichen Existenz eines jeden, in Form von „winzigen Details, die alles andere als Details sind“, abgespielt, wie Siegfried Kracauer bemerkte und hinzufĂŒgte:

„Wir mĂŒssen uns von dem Wahn befreien, dass es die großen Ereignisse sind, die einen Menschen am meisten bestimmen.“ (Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland, 1929.)

X

Wenn man sich das Spektakel unserer Zeitgenossen ansieht, wird man manchmal das GefĂŒhl nicht los, dass sie ihre Welt lieben gelernt haben. Dies ist offensichtlich nicht der Fall. Sie versuchen gerade, sich daran anzupassen, sie joggen und nehmen Medikamente gegen AngstzustĂ€nde, wĂ€hrend sie vage spĂŒren, dass ihr Körper Schaden nimmt, dass ihr Geist auf Abwege gerĂ€t, dass die Leidenschaften, denen sie sich hingeben, aus dem Ruder laufen. Da sie jedoch nichts mehr zu lieben haben außer dieser parasitĂ€ren Existenz, die nun alternativlos ist, klammern sie sich an die Idee, dass die Gesellschaft, die ihnen die Qualen der permanenten Konkurrenz auferlegt, ihnen die Psychopharmaka zur VerfĂŒgung stellt, um sie zu ertragen und sogar zu geniessen (nach dem Vorbild der Stachanowisten der karrieristischen und hedonistischen Performance, die vom Spektakel zur Nachahmung hochgehalten werden); sie wird sich auch als fĂ€hig erweisen, die Kompensationen zu perfektionieren, fĂŒr die sie sich im Gegenzug der Tatsache ergeben haben, fĂŒr alles von ihr abhĂ€ngig zu sein.

Deshalb können sie, bereits gut geschult in den Sophismen der Resignation und den Tröstungen der Ohnmacht, ebenso teilnahmslos vor den finsteren Vorhersagen stehen, mit denen sie gefĂŒttert werden. Mindestens so sehr wie der Inhalt dieser Vorhersagen wĂŒrde die scheinbare Plötzlichkeit und der demonstrative Zwang ihrer Offizialisierung sonst auch dem zuversichtlichsten BĂŒrger Anlass zur Sorge sein. Und diese Besorgnis hĂ€tte allen Grund, in Panik umzuschlagen angesichts der UnfĂ€higkeit, sich einen praktikablen Ausweg vorzustellen, wie das unzusammenhĂ€ngende Sammelsurium von Grundsatzpetitionen, moralischen Aufforderungen und Aufrufen zum Verzicht auf ein paar markt-technische Annehmlichkeiten (im Austausch fĂŒr andere, dauerhaftere) beweist, das fast alles darstellt, was sich explizit gegen die Aussicht auf ein „endgĂŒltiges Aussterben“ oder, genauer gesagt, auf ein diesmal rational versprochenes Ende der Welt richtet. Die Tatsache, dass dies nicht der Fall ist, dass sich der Katastrophismus leise in der Gesellschaft ausbreitet, wird von den extremsten Katastrophisten als Leugnung denunziert – von denen, die der „wissenschaftlichen“ Vorhersage die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Erneuerung oder gar eine „Änderung des Lebensstils“ aufpfropfen. Aber sie sehen diese Verleugnung nur in Bezug auf die „Bedrohungen“, die sie auflisten, wĂ€hrend sie vor allem darin besteht, in Form von Bedrohungen darzustellen, was in Wirklichkeit schon da ist: soziale Praktiken und Beziehungen, Verwaltungs- und Organisationssysteme, SchĂ€digungen, Schadstoffe, Gifte usw., die auf die greifbarste Weise schĂ€dliche Auswirkungen auf die Lebewesen, die natĂŒrliche Umwelt und die menschliche Gesellschaft hervorgebracht haben und weiterhin hervorbringen. Das kann man feststellen, ohne auf statistische Indizes zurĂŒckzugreifen: Es genĂŒgt, die Luft in StĂ€dten zu atmen oder eine Meute von Fans zu beobachten.

Da wir den Beginn vom Weg zum Weltuntergang so offensichtlich weit in die Geschichte gelegt haben, ist es unmöglich, den Katastrophismus und seine Drohungen fĂŒr bare MĂŒnze zu nehmen; die Katastrophe der globalen Gesellschaft auf der Grundlage dessen zu beurteilen, was sie ĂŒber sich selbst sagt. Die ReprĂ€sentation der Katastrophe ist die Ausgeburt der etablierten Macht: Lob fĂŒr ihre technischen Mittel, ihre Wissenschaftlichkeit, die umfassende Kenntnis des Ökosystems, die es ihr nun erlauben wĂŒrde, es so gut wie möglich zu regulieren. Da aber gerade die intellektuellen und materiellen Mittel, mit denen diese vom Untergang bedrohte Welt, dieser gigantische Schandfleck, gebaut wurde, nun dazu benutzt werden, die Diagnose zu stellen und die Heilmittel zu verschreiben, scheint es nicht allzu abenteuerlich, zu denken, dass beide gleichermaßen fragwĂŒrdig und dass beide zum Scheitern verurteilt sind.

XI

Jede Überlegung ĂŒber den Zustand der Welt und ĂŒber die Möglichkeiten verĂ€ndernd einzugreifen, stĂ¶ĂŸt, wenn sie mit der Erkenntnis beginnt, dass ihr Ausgangspunkt, hic et nunc, eine bereits vollendete Katastrophe ist, auf die Notwendigkeit und die Schwierigkeit, die Tiefen dieser Katastrophe dort zu erkennen, wo sie ihre Hauptzerstörung hervorgebracht hat: in den Köpfen der Menschen. FĂŒr diese Aufgabe gibt es kein genaues Messinstrument, keine dosimetrischen Dateien und keine Statistiken oder Indizes, auf die man sich beziehen kann. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum sich so wenige auf dieses Terrain gewagt haben. Es ist viel von einer „anthropologischen“ Katastrophe die Rede, wobei noch nicht entschieden ist, ob diese Katastrophe im Todeskampf der letzten „traditionellen“ Gesellschaften oder in dem Schicksal, das die armen Menschen der modernen Gesellschaften erwartet, zu verorten ist, vielleicht weil es noch eine gewisse Hoffnung gibt, dass die ersteren erhalten und die letzteren integriert werden können. Man glaubt jedoch, das letzte Wort zu diesem Thema gesprochen zu haben, wenn es als Produkt der „neoliberalen“ PerversitĂ€t angeprangert wird, die scheinbar erst kĂŒrzlich durch die berĂŒhmte „wirtschaftliche Globalisierung“ erfunden wurde: So kann man vermeiden, die Tatsache anzuerkennen, dass dieser Aspekt der Katastrophe nach so vielen Jahren und so vielen „anti-imperialistischen“ Parolen etwas mit einer Logik der Universalisierung zu tun hat, die schon seit langem im Gange ist und die viel mehr als eine einfache „Verwestlichung der Welt“ beinhaltet. Die zahllosen Verschmelzungen – auf halbem Weg zwischen lokaler Idiotie und der UniversalitĂ€t des Marktes -, die zu einer so mĂ€chtigen Beschleunigung dieser Maschinerie der Standardisierung beitragen (der indische, chinesische usw. Wirtschaftsboom, der von regionalen Besonderheiten profitierte, d.h. von dem menschlichen Material, das frĂŒhere Formen der UnterdrĂŒckung so effektiv vorbereitet haben), beweisen, dass es keine Knechtschaft gibt, weder die alte noch die moderne, die sich nicht harmonisch mit der Unterwerfung unter die totale Gesellschaft verbinden lĂ€sst – in jener besonderen Bedeutung des Wortes Harmonie, fĂŒr die das post-bĂŒrokratische Russland ein so großartiges Beispiel liefert; ganz zu schweigen von den absolut beispiellosen MonstrositĂ€ten, die entstehen, sobald diese ModernitĂ€t auf jene Regionen der Welt trifft, die ihren Wirtschaftsboom noch nicht erlebt haben: Man denke nur an die Ausbreitung von AIDS oder an die Kindersoldaten in Afrika. In der Regel aber wagt niemand einen verstohlenen Blick auf das, was dort an Möglichkeiten und WĂŒnschen der wirklichen Menschen geschieht. Im Klartext, wenn auch in der ĂŒblichen Terminologie: Im „Norden“ wie im „SĂŒden“ denken und wollen die Mittelschicht, die „Marginalisierten“ und die „Ausgeschlossenen“ das Gleiche wie ihre „Eliten“ und die „Herren der Welt“.

Ein abgedroschenes Klischee, mit dem versucht wird, die „Sackgassen der Entwicklung“ dramatisch zu illustrieren und zur Umkehr aufzurufen, behauptet, dass wir, um der Weltbevölkerung einen durchschnittlichen amerikanischen Lebensstil zu garantieren, sechs oder sieben Planeten wie die Erde haben mĂŒssten. Die eigentliche Katastrophe ist jedoch die Tatsache, dass dieser „Lebensstil“ – in Wirklichkeit ein parasitĂ€res, schĂ€ndliches und entwĂŒrdigendes Leben, dessen Stigmata, die bei denjenigen, die sie tragen, leicht sichtbar sind, mit dem Facelifting der Schönheitschirurgie den letzten Schliff erhalten – der immensen Mehrheit der Weltbevölkerung wĂŒnschenswert erscheint und tatsĂ€chlich von ihr gewĂŒnscht wird. (Deshalb kann die VulgaritĂ€t der Neureichen mit solcher SelbstgefĂ€lligkeit zur Schau gestellt werden, ohne auch nur eine Spur von bĂŒrgerlicher Gelassenheit und Diskretion zu bewahren: Sie wecken Neid – trotz allem brauchen sie immer noch Bodyguards -, aber nicht den Hass oder die Verachtung, die den Revolutionen der Vergangenheit vorangingen.)

DarĂŒber hinaus verweisen bestimmte BefĂŒrworter der „Wachstumskritik“, die wahrscheinlich nicht ganz von der Machbarkeit ihrer Empfehlungen ĂŒberzeugt sind, manchmal auf die Notwendigkeit einer „Kulturrevolution“ und fordern schließlich nichts Geringeres als eine „Dekolonisierung der Phantasie“! Die vage und beschwichtigende Natur solcher frommer WĂŒnsche, zu denen nichts darĂŒber gesagt wird, wie sie erfĂŒllt werden sollen, zeigt nicht nur eine Orientierung auf staatliche und neo-staatliche Rekrutierung, die sicherlich mit den Anti-Wachstums-Proklamationen ĂŒbereinstimmt, sondern scheint auch dem Zweck zu dienen, die Intuition des ernsthaften Konflikts zu verdrĂ€ngen, den ein Versuch, die totalitĂ€re Gesellschaft, d.h. das technologische Makrosystem, auf das die menschliche Gesellschaft reduziert wurde, zu zerstören oder das auch nur ernsthaft in ErwĂ€gung zu ziehen, unweigerlich mit sich bringen wird.

Seit die medizinische Wissenschaft die Maschinerie verfĂŒgbar gemacht hat, die eine Art Wartungsdienst fĂŒr die Halbtoten gewĂ€hrleistet und damit ihre letzten Tage auf unbestimmte Zeit verlĂ€ngert, heißt es oft im Hinblick auf die Entscheidung, die bezĂŒglich dieser lebenden Toten getroffen werden muss, die Entscheidung – die man, ob man will oder nicht, eines Tages treffen muss, sei es aus finanziellen GrĂŒnden oder vielleicht aus ethischen GrĂŒnden -, diesen Schein des Überlebens zu unterbrechen; heißt es also mit großer Beredsamkeit, dass ihnen der Stecker gezogen werden muss. Die Übertragung auf die totale Gesellschaft, in der sich die gesamte Menschheit Verbindungen und Intubationen aller Art ausgesetzt sieht, wird in diesem Fall auf das einzelne Individuum angewandt. Es verdeutlicht aber auch, warum es fĂŒr die Bewohner dieser geschlossenen Welt kaum vorstellbar ist, von der Maschinerie des kĂŒnstlichen Lebens abgekoppelt zu sein: Wenn einige von ihnen, die zu den Überausgestatteten gehören, bei Gelegenheit materielle Knappheit als Erlebnis genießen, dann in Form eines Urlaubs auf einer organisierten Trekkingexpedition, mit dem Handy und der Gewissheit des Heimflugs mit dem Flugzeug. Und man könnte sich wahrlich zu Recht fragen, in welchen ruinösen Zustand diese menschliche Spezies kĂ€me, wenn man ihr die Impulse, die ihre Maschinerie ĂŒbermittelt, endgĂŒltig entziehen wĂŒrde. So dass die Verbesserung ihres Vernetzungsapparates fĂŒr viele die realistischste Lösung ist:

„Der einzige Ausweg fĂŒr unsere Kinder: einen Anzug anzuziehen, in den all die Biosensoren implantiert ist, die uns das Mooresche Gesetz zur VerfĂŒgung gestellt hat, um virtuell zu fĂŒhlen, zu sehen und zu berĂŒhren, eine ordentliche Dosis euphorisierender Drogen zu schlucken und am Ende jeder Woche mit ihrem Lieblingsstar in das Land ihrer TrĂ€ume zu fahren, an einen Strand von vor der sechsten Auslöschung, mit den Augen auf ihre Visierbildschirme fixiert, ohne eine Vergangenheit und ohne eine Zukunft.“

Dies ist kein Auszug aus einer Hommage an das visionĂ€re Genie des Philip K. Dick aus Zur Zeit der Perky Pat; es ist der Schluss eines sehr gut dokumentierten Werkes (Jacques Blamont, Introduction au siecle des menaces, 2004), geschrieben von einem Mitglied des wissenschaftlichen Establishments, das, am Ende seiner beruflichen Laufbahn angelangt ist und sich in den Ruhestand zurĂŒckgezogen hat, wie ein Kanarienvogel singt.

XII

Der Glaube an die warentechnologische RationalitĂ€t und ihre VorzĂŒge ist unter den SchlĂ€gen der revolutionĂ€ren Kritik nicht zusammengebrochen; er musste nur ein wenig schwĂ€cher werden, damit die Menschen weiterhin an ihn und an der Art von GlĂŒck, die er verspricht, festhalten und nur bereitwillig oder unwillig in Kauf nehmen, sich zu disziplinieren, sich etwas einzuschrĂ€nken usw., um dieses Überleben zu sichern, von dem wir heute wissen, dass es keinen unbegrenzten Vorrat davon gibt, sondern dass es rationiert werden wird. Außerdem sind die katastrophistischen Darstellungen, die massiv verbreitet werden, nicht dazu gedacht, die Menschen dazu zu bringen, diese beneidenswerte Lebensweise aufzugeben, sondern sie dazu zu bringen, die EinschrĂ€nkungen und Anpassungen zu akzeptieren, die es, so hofft man, ermöglichen werden, sie fortzusetzen.

Wie kann man an so etwas wie eine „Ölknappheit“ glauben? Wenn das, was man sieht, zum Großteil eine schockierende Anzahl von Motoren, Maschinen und Fahrzeugen aller Art ist, ist das Gerede von notwendiger Rationierung, sauberen Autos, erneuerbarer Energie dank industrieller WindrĂ€der usw., mindestens eine Desertion von der Seite der Wahrheit.

Die gemeinsame Grundlage all dieser katastrophistischen Darstellungen ist das aufrechterhaltene Ideal der technischen RationalitĂ€t, das deterministische Modell des objektiven Wissens, was bedeutet, dass der Darstellung, die mit Messinstrumenten konstruiert werden kann, mehr RealitĂ€t zugestanden wird als der RealitĂ€t selbst (dem, was „direkt erlebt“ wird); es bedeutet letztlich den Status von Wissen nur dem zuzugestehen, was durch den Filter der Quantifizierung gegangen ist; es bedeutet trotz so vieler Verleugnungen fĂŒr an die Effizienz zu glauben, die ein solches Wissen verspricht. Das deterministische Postulat einer durch Hochrechnung berechenbaren Zukunft ist in seiner schwarzen Futurologie ebenso ein Hirngespinst wie in seiner rosaroten, euphorischen Version der 1950er Jahre (die uns heute zum Lachen bringt, wenn wir sie mit dem konfrontieren, was wirklich passiert ist). In den Szenarien und Modellen der Katastrophe wird man die Parameter bevorzugen, deren Entwicklung und Auswirkungen messbar erscheinen, um zumindest die Idee einer möglichen Handlung oder Anpassung zu retten. Aber in Wirklichkeit wissen die Wissenschaftler nichts, oder zumindest nichts Sicheres, ĂŒber die Prozesse, die sie zu modellieren versuchen; weder ĂŒber das Versiegen der Ölvorkommen, noch ĂŒber die Entwicklung der Demographie, noch ĂŒber die Geschwindigkeit und die genauen Auswirkungen des Klimawandels, der bereits in vollem Gange ist. (Sie können, wenn es sein muss, und einige haben das auch getan, den Beitrag der BiodiversitĂ€t zur Weltwirtschaft in Milliarden von Dollar beziffern). Dasselbe gilt fĂŒr Verschmutzungen und Kontaminationen aller Art: Das Bild ihrer kombinierten und kumulativen Wirkungen folgt mit großer Verzögerung und sehr grob der komplexen und schrecklichen RealitĂ€t einer weit verbreiteten Vergiftung, die in der Tat mit techno-wissenschaftlichen Mitteln nicht zu erfassen ist.

Wenn wir sagen, dass die RealitĂ€t der Katastrophe unbegreiflich ist, wenn man dazu genau die Mittel verwendet, die dazu beigetragen haben, sie herbeizufĂŒhren, wollen wir damit nicht sagen -was wohl verstanden werden wird -, dass diese RealitĂ€t irgendwie weniger ĂŒberfordernd wĂ€re, als sie sich mit diesen Mitteln darstellte.

XIII

Die beiden Hauptmerkmale der progressivistischen MentalitĂ€t waren, in ihrer BlĂŒtezeit , der Glaube an die FĂ€higkeit der Wissenschaft und Technik, die Gesamtheit der (natĂŒrlichen und sozialen) Lebensbedingungen rational zu beherrschen, und die Überzeugung, dass sich die Individuen dafĂŒr einer kollektiven Disziplin unterwerfen mĂŒssen, die das reibungslose Funktionieren der sozialen Maschine gewĂ€hrleistet, damit die Sicherheit fĂŒr alle gewĂ€hrleistet ist. Wir sehen, wie diese Eigenschaften, weit entfernt davon ausgelöscht oder vermindert worden zu sein, in diesem beschĂ€mten Progressivismus, der der Katastrophismus nun einmal ist, sogar noch ausgeprĂ€gter sind. Einerseits drĂŒckt dieser seinen festen Glauben an die Möglichkeit aus, eine genaue Kenntnis aller „Parameter“ der „Umweltprobleme“ zu erlangen und damit an die Möglichkeit, sie zu kontrollieren und zu „lösen“; andererseits akzeptiert er als selbstverstĂ€ndlich, dass dies nur durch Zwangsmaßnahmen, die den Individuen auferlegt werden, erreicht werden kann.

Allerdings kann niemand ignorieren, dass, ebenso wie der immer wieder ausbrechende Krieg, den der Hygienewahn gegen die Mikroben fĂŒhrt, jeder Fortschritt in der Sicherheits-Maximierung zum Auftauchen neuer Gefahren, neuer Risiken und bisher ungeahnter Seuchen gefĂŒhrt hat – ob im Urbanismus, wo sich „kriminogene“ RĂ€ume mit zunehmender Kontrolle, Segregation und Überwachung ausbreiten, oder in der industriellen ZĂŒchtung, der sterilisierten Umgebung von KrankenhĂ€usern und den Gastronomielaboren, wo von Legionellose bis SARS neue epidemische Krankheiten gedeihen. Die Liste wĂ€re zu lang, um sie hier aufzufĂŒhren. Aber nichts von alledem erschĂŒttert den Progressiven. Im Gegenteil, es scheint, dass jedes neue Versagen der Sicherheit seinen Glauben an einen allgemeinen Trend zum „Besseren“ stĂ€rkt. Deshalb ist es völlig sinnlos zu versuchen, mit ihm zu rechten, wie es die guten Seelen tun, die die „Verheerungen des Fortschritts“ detailliert beschreiben.

Die Art und Weise, wie bestimmte Texte mit kritischer Inspiration die moderne Technologie als „totalitĂ€r“ definiert haben, erscheint manchmal ungerecht. Die moderne Technik könnte in der Tat totalitĂ€r sein, wenn man die Prophezeiungen der Propaganda wörtlich nimmt, die eine perfekte Kontrolle, eine endgĂŒltig abgesicherte Welt ankĂŒndigen; kurz gesagt, die perfektionierte Polizei-Utopie. (In diesem Sinne ist z.B. der Vorwurf gegen die biometrische Kontrolle erhoben worden, dass diese im Laufe ihrer Entwicklung „jede Kritik und jeden Dissens“ „unmöglich“ machen wĂŒrde; es ist jedoch genau umgekehrt: die Resignation allen Denkens ist es, die die Etablierung dieser Kontrolle wie auch aller anderen Arten ermöglicht und erfordert). In Wirklichkeit hat der Totalitarismus (in einem prĂ€zisen historischen Sinn) selbst nie die polizeiliche Perfektion erreicht, die er anstrebte und die seine Propaganda immer als kurz vor der Verwirklichung stehend darstellte – nach einer weiteren Runde von Hinrichtungen (wo er dieser Errungenschaft am nĂ€chsten kam, im maoistischen China, war es nur um den Preis des Chaos, mit dem wir alle vertraut sind). Genau in diesem Aspekt liegt jedoch ein wesentlicher Wesenszug des Totalitarismus als Perpetuum mobile, nĂ€mlich die Projektion eines vollkommen chimĂ€renhaften Ziels: Die Art und Weise, wie er seine wahnhaften KontrollansprĂŒche aus der Gegenwart herausnimmt, indem er vorgibt, dass erst die Zukunft ihre VorzĂŒge offenbaren wird, garantiert, dass, solange er seinen am besten organisierten Apparat, die Partei, in voller StĂ€rke aufrechterhĂ€lt, seine Mitglieder weder durch Erfahrung noch durch Argumente beeinflusst werden können. Der Militante, der diesen ersten Mordanschlag gegen den gesunden Menschenverstand akzeptiert hat, wird alles akzeptieren: kein Fiasko, keine Widerlegung der Ideologie durch die RealitĂ€t wird ihn jemals stören. Seine Identifikation mit der Bewegung und mit dem absoluten Konformismus scheint seine FĂ€higkeit, von seiner unmittelbarsten Erfahrung betroffen zu sein, ausgelöscht zu haben. In diesem Sinne kann man auf jeden Fall sagen, dass die moderne Wissenschaft und Technologie als Organisationen einer totalitĂ€ren Massenbewegung gleichen; und zwar nicht nur (wie Theodore Kaczynski betonte), weil die Individuen, die an ihnen teilnehmen oder sich mit ihnen identifizieren, ein GefĂŒhl der Macht erlangen, sondern auch, weil, wenn sie einmal dieses zutiefst irrsinnige Ziel der totalen Kontrolle ĂŒber die Lebensbedingungen akzeptiert haben, wenn jeder gesunde Menschenverstand auf diese Weise abgedankt hat, keine Katastrophe groß genug sein wird, um diese fanatischen Progressivisten zur Einsicht zu bringen. Im Gegenteil, sie werden eine solche Katastrophe als einen weiteren Grund sehen, das technologische System zu verstĂ€rken, die Sicherheit zu steigern, Herkunftsbezeichnungen fĂŒr Lebensmittel durchzusetzen usw. So kann man ein Katastrophist werden, ohne aufzuhören, ein Progressiver zu sein.

XIV

Als eine Form des falschen Bewusstseins, das spontan aus dem Boden der Massengesellschaft geboren wird – das heißt aus der „angstauslösenden Umgebung“, die ĂŒberall geschaffen wurde -, drĂŒckt der Katastrophismus also in erster Linie die Ängste und traurigen Hoffnungen all jener aus, die ihre Rettung von einer auf der VerstĂ€rkung von Zwangsmaßnahmen basierenden Versicherheitlichung erwarten. Er wird aber auch, manchmal deutlich genug, als eine Erwartung ganz anderer Art wahrgenommen: die Sehnsucht nach einem Bruch mit der Routine, nach einer Katastrophe, die wirklich ein Kulminationspunkt wĂ€re, der die Luft reinigen und die Mauern des sozialen GefĂ€ngnisses wie von Zauberhand zum Einsturz bringen wĂŒrde. Das Verlangen nach dieser latenten Katastrophe könnte durch den Konsum der zahlreichen Produkte der Unterhaltungsindustrie befriedigt werden, die genau zu diesem Zweck hergestellt wurden; fĂŒr das Gros der Zuschauer wird diese Entladung des Angstlust ausreichen.

Neben dem Markt gibt es aber auch andere, die eher theoretische oder politische Fiktionen vorschlagen, die sie den Zusammenbruch einer Welt „ertrĂ€umen lassen“. Diese Spekulationen ĂŒber die Rettungskatastrophe haben ihre sanfte Version bei den Ideologen der „Wachstumskritik“, die von einer „PĂ€dagogik der Katastrophen“ sprechen. Aber auch die tapfersten Marxisten wollen glauben, dass die „Selbstzerstörung des Kapitalismus“ eine „Leere“ hinterlassen wird, die eine tabula rasa herstellt, auf der wir zuletzt das Bankett des Lebens schlemmen werden. Sie verharren im Rahmen der Verleugnung, da sie den einheitlichen Ruin der Welt und ihrer Bewohner nur anerkennen, um ihn durch die Gnade der „Selbstzerstörung“ sofort loszuwerden und uns in diesem phantastischen MĂ€rchen einzulullen: eine Menschheit, die makellos aus ihrem Fall in die industrielle Moderne hervorgeht und mehr denn je bereit ist, ihre angeborene Freiheitsliebe neu zu entfachen, ohne sich selbst – mit Hilfe von Wi-Fi? – mit den FĂŒĂŸen in den DrĂ€hten ihrer KonnektivitĂ€t zu verfangen.

Nichtsdestotrotz gibt es hĂ€rtere Theorien, die in ihrer Konzeption der Erlösung durch die Katastrophe authentisch extremistisch sind und in denen der Katastrophe nicht nur die Aufgabe zugeschrieben wird, die „objektiven Bedingungen“ der Emanzipation zu produzieren, sondern auch ihre „subjektiven Bedingungen“: die Art von menschlichem Material , das fĂŒr solche Szenarien notwendig ist, um ein revolutionĂ€res Subjekt zu verkörpern. Die Zusammenfassung der fraglichen Fiktionen findet sich bei Vaneigem 1967:

„Als in Pawlows Labor ein Wasserrohr platzte, behielt keiner der Hunde, die die Überschwemmung ĂŒberlebten, die geringste Spur seiner langen Konditionierung. WĂŒrde die Flutwelle eines großen gesellschaftlichen Umbruchs weniger Auswirkungen auf den Menschen haben als ein geplatztes Wasserrohr auf den Hund?“

Der einzige Unterschied, wenn auch ein kleiner, besteht darin, dass die „Wunder“, die damals dem „Schock der Freiheit“ zugeschrieben wurden, nun dem eines katastrophalen Zusammenbruchs, also eher einer harten Notwendigkeit, zugeschrieben werden. Man erwartet also, dass die immer noch verfallenden materiellen Überlebensbedingungen in den am meisten verwĂŒsteten, zerstörten, vergifteten Gebieten zu solch absoluter Not und Elend fĂŒhren werden, dass es dann, zuerst chaotisch und episodisch, und dann universell mit der Vermehrung jener Enklaven, in denen der Aufstand zu einer lebenswichtigen Notwendigkeit wird, zu einer „wahren Katharsis“ kommen wird, dank derer sich die Menschheit regenerieren und zu einem neuen Bewusstsein gelangen wird, das gleichzeitig sozial, ökologisch, lebendig und einheitlich sein wird. (Dies ist keine Satire, sondern eine getreue Zusammenfassung des letzten Kapitels von Michel Bounans letztem Buch, La Folle Histoire du monde, 2006). Andere, die sich selbst als eher der Organisation und dem „Experimentieren der Massen“ zugeneigt erklĂ€ren, sehen in der Zersetzung aller Gesellschaftsformen gerade jetzt einen „Segen“: So wie fĂŒr Lenin die Fabrik die Armee der Proletarier bildete, bildet fĂŒr diese Strategen, die auf die Wiederherstellung bedingungsloser SolidaritĂ€ten vom Typ des Clans setzen, das moderne „imperiale“ Chaos die Gangs, die Basiszellen ihrer imaginĂ€ren Partei, die sich zu „Kommunen“ zusammenschließen werden, um zum Aufstand zu schreiten (Der kommende Aufstand, 2007). Diese katastrophischen Phantasien stimmen alle in ihrer erklĂ€rten Befriedigung ĂŒber dasVerschwinden aller Formen der kollektiven Diskussion und Debatte ĂŒberein, mittels derer die alte revolutionĂ€re Bewegung versucht hatte, sich zu organisieren: die einen ziehen ĂŒber die ArbeiterrĂ€te her, die anderen lĂ€stern ĂŒber Vollversammlungen.

Um eine genauere Vorstellung davon zu bekommen, was wir von einem Zusammenbruch der materiellen Überlebensbedingungen sowie einer RĂŒckkehr der Clan-Formen der SolidaritĂ€t zu erwarten haben, scheint es ratsam, einen Blick auf das Versuchsfeld des Nahen Ostens zu werfen, eine Art infernalischer Brutkasten, in dem jeder Akteur abwechselnd seine monströse Saat auf einem Fundament ausufernder ökologischer und menschlicher Katastrophen sĂ€t.

XV

Wir könnten leicht, in der Art einer gewissen semikritischen Soziologie, die verschiedenen ModalitĂ€ten des Katastrophismus mit hierarchisch unterschiedlichen sozialen Milieus in Beziehung setzen und aufzeigen, wie jedes von ihnen sein entsprechendes falsches Bewusstsein entwickelt und die jeweilige professionelle oder ehrenamtliche VerwaltungstĂ€tigkeit die jeder im Katastrophenmanagement spielt, als „Lösung“ idealisiert. Solch kurzsichtiger Scharfblick lĂ€sst jedoch den wichtigsten Punkt aus: die Tatsache, dass es fast niemanden gibt, der sich der authentischen Ächtung der Freiheit verweigert, welche die diversen katastrophistischen Szenarien einstimmig verkĂŒnden, ungeachtet ihrer Unterschiede in anderer Hinsicht. Denn selbst dort, wo es ihnen nicht direkt um Reglementierung geht und sie von Emanzipation sprechen, geht es nur darum, zu postulieren, dass diese Emanzipation als Notwendigkeit auferlegt wird, nicht als etwas an sich Gewolltes und bewusst Verfolgtes.

So groß ist die Macht der industriellen Einschließung und das Ausmaß des einheitlichen Verfalls des Denkens, das sie erreicht hat, dass selbst diejenigen, die noch den Mut haben, dagegen anzukĂ€mpfen, vom Strom völlig mitgerissen zu werden, und ihre Bereitschaft zum Widerstand verkĂŒnden; dass diese selten dem BedĂŒrfnis entgehen, egal wie stark sie den Fortschritt oder die Technowissenschaft verdammen, ihre Anprangerungen – oder sogar ihre Hoffnung auf eine rettende Katastrophe – mit den von den bĂŒrokratischen Experten gelieferten Daten und mit den deterministischen Darstellungen die diese Daten ihnen hochzuhalten erlaubenzu rechtfertigen. All dies wird unternommen, um die Gesetze der Geschichte – dieselben, die uns unausweichlich von der Herrschaft der Notwendigkeit zu der der Freiheit fĂŒhren werden – als wissenschaftliche Beweise zu verschleiern; nach denen zum Beispiel das Carnot‘sche Theorem der Industriegesellschaft ein Ende setzen wird, sobald die Erschöpfung der fossilen Brennstoffe sie – oder zumindest ihre VerfĂŒgenden – zu einer geselligen EinschrĂ€nkung des Wirtschaftswachstums und des Lebensgenusses zwingt.

Unsere Epoche, die sonst so besessen ist von den uns allen vertrauten Ressourcen und der Hypothese ihrer Erschöpfung, hat sich nie die MĂŒhe gemacht, Prognosen ĂŒber jene anderen, von Natur aus unerschöpflichen Ressourcen zu machen, zu denen die Freiheit Zugang verschaffen kann: angefangen bei der Freiheit, entgegen den herrschenden Vorstellungen zu denken. Es wird der banale Einwand erhoben werden, dass niemand den herrschenden VerhĂ€ltnissen entkommt, dass wir nicht anders sind usw. Und natĂŒrlich, wer kann sich schon rĂŒhmen, etwas anderes zu tun, als sich an die neuen Bedingungen anzupassen, angesichts solch ĂŒberwĂ€ltigender materieller RealitĂ€ten „zurechtzukommen“, auch wenn man nicht so unbewusst wird, dass man sich bis auf dieses oder jenes Detail damit zufrieden gibt? Stattdessen wird niemand gezwungen, sich intellektuell anzupassen, das heißt, die Tatsache zu akzeptieren, dass er mit den Kategorien und den Begriffen „denken“ soll, die ihm das verwaltete Leben auferlegt.

XVI

Am Anfang seiner Betrachtungen zur Universalgeschichte stellte Burckhardt fest, dass das Wissen um die Zukunft, wenn es möglich wĂ€re (was es seiner Meinung nach nicht ist), zu „einer Verwirrung aller Willen und Bestrebungen fĂŒhren wĂŒrde, denn diese entwickeln sich nur dann voll, wenn sie ,blind‘, d.h. ihrem eigenen Trieb folgend, handeln.“ Was unser Zeitalter betrifft, so glaubt es, seine Zukunft in den Modellen seiner Computer lesen zu können, auf deren Bildschirmen die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten, sofern es sich nicht um die Gesetze der Thermodynamik handelt, sein Mene Tekel Upharsin verfolgt. Aber entgegen Burckhardts Intuition sollten wir dies wohl eher als Wirkung denn als Ursache der Erstarrung der geschichtlichen Energie, des Verlustes des Geschmacks an Freiheit und autonomer Intervention sehen; oder zumindest in Betracht ziehen, dass die Menschheit gerade dort, wo sie eine gewisse vitale Quelle verloren hat, den Impuls, direkt auf ihr Schicksal einzuwirken, ohne Gewissheiten und Garantien, sich von den Projektionen des offiziellen Katastrophismus faszinieren und ĂŒberwĂ€ltigen lĂ€sst.

XVII

Um noch einmal ein berĂŒhmtes Incipit zu parodieren, können wir sagen, dass sich das ganze Leben der industriellen Weltgesellschaft heute als eine immense AnhĂ€ufung von Katastrophen darstellt. Der Erfolg der Propaganda, die autoritĂ€re Maßnahmen befĂŒrwortet („Morgen ist es zu spĂ€t“ usw.), beruht darauf, dass die katastrophistischen Experten sich als einfache Interpreten von KrĂ€ften darstellen, die man vorhersagen kann. Aber die Technik der unfehlbaren Vorhersage ist nicht die einzige Neuauflage des alten revolutionĂ€ren Prophetentums . Dieses wissenschaftliche Wissen ĂŒber die Zukunft dient effektiv dazu, das alte rhetorische Bild des Scheidewegs einzufĂŒhren, indem „die Menschheit“ vor der Wahl steht, die nach dem Muster „Sozialismus oder Barbarei“ gestellt wird: Rettung der industriellen Zivilisation oder Absturz ins barbarische Chaos. Der Trick in dieser Propaganda besteht darin, gleichzeitig zu behaupten, dass die Zukunft Gegenstand einer bewussten Wahl sei, einer Wahl, die die Menschheit angeblich kollektiv, als ein Mensch, mit vollem Wissen treffen könne, nachdem sie von den Experten instruiert wurde; und dass diese Zukunft von einem unerbittlichen Determinismus beherrscht wird, der diese Wahl auf die von Leben oder Tod reduziert; das heißt, in Übereinstimmung mit den Befehlen der Organisatoren der planetarischen Rettung zu leben, oder zu sterben, weil wir uns nicht an ihre Warnungen gehalten haben. Eine solche Wahl lĂ€uft also auf einen Zwang hinaus, der das alte Problem auflöst, ob die Menschen die Knechtschaft lieben, da sie von nun an mehr oder weniger gezwungen sein werden, sie zu lieben. Wie Latouche so treffend behauptet, mit einer Einfachheit, die vielleicht nicht beabsichtigt ist: „Wer rebelliert schon gegen die Rettung des Planeten, die Erhaltung der Umwelt, die Bewahrung von Fauna und Flora? Wer unterstĂŒtzt den Klimawandel oder die Zerstörung der Ozonschicht?“ (Le pari de la decroissance, 2006). Nach Arendt bestand das Problem der totalitĂ€ren Herrschaft darin, „etwas zu fabrizieren, das es nicht gibt, nĂ€mlich eine Art menschlicher Spezies, die anderen Tierarten Ă€hnelt, deren einzige ,Freiheit‘ in der ,Arterhaltung‘ bestehen wĂŒrde“ (Le Totalitarisme). Auf einer verwĂŒsteten Erde, die durch die technische KĂŒnstlichkeit des dann noch möglichen Überlebens effektiv in so etwas wie ein „Raumschiff“ verwandelt wird, hört dieses Programm auf, eine ChimĂ€re der Herrschaft zu sein, um stattdessen zu einer Forderung der Beherrschten zu werden.

„Das aufgeklĂ€rte falsche Bewusstsein“, wie es ein gewisser Autor nannte, der ein so schlechtes Ende nahm, dass es sinnlos ist, seinen Namen zu nennen, war gezwungen, sich tĂ€glich einer solchen Menge ĂŒberwĂ€ltigender Informationen ĂŒber die Gefahren zu unterwerfen, die der Industriegesellschaft und dem Leben derer drohen, die in ihr gefangen sind – uns allen -, dass es mit offensichtlicher Erleichterung die von den Experten gelieferten und von den Medien verbreiteten hypothetischen Szenarien akzeptiert. Denn: so dĂŒster sie auch sein mögen,so erlauben sie zumindest die die Verwirrung einer Katastrophe, an der man verzweifeln wĂŒrde wenn man sie nicht verstĂŒnde, nach einem schlĂŒssigen Schema zu organisieren. Wir wissen seit langem, dass in den LĂ€ndern, die standardmĂ€ĂŸig als demokratisch bezeichnet werden, da sie nicht totalitĂ€r sind, die Informationen, die so ĂŒberreichlich vorhanden sind, und heute die „Wissensgesellschaft“ des Internets, aufgrund des durch die ErklĂ€rung geschaffenen Bedarfs, ein wesentlicher Aspekt der Propaganda ist. In der aktuellen Mobilmachung zur „Rettung des Planeten“ verbreiten die katastrophistischen Darstellungen daher zusammen mit ihren ErklĂ€rungsschemata positive Slogans: Sie diktieren die neuen Verhaltensregeln und verbreiten das richtige Denken. Denn die von den Experten verkĂŒndeten Ängste („Wenn wir unseren Lebensstil nicht radikal Ă€ndern“ usw.) sind in Wirklichkeit nichts als Befehle.

Das hat es der Konsensmanufaktur ermöglicht, den Titel „ökologische Bewusstseinsbildung“, der aus ihrer eigenen TĂ€tigkeit resultiert, der willfĂ€hrigen Bereitschaft zuzuerkennen, ihre Parolen zu wiederholen und sich ihren Anforderungen und Vorschriften zu unterwerfen. Sie feiert die Geburt des umerzogenen Konsumenten, des Öko-BĂŒrgers usw. Und wie in der Epoche, in der es darum ging, den Menschen die Verhaltensregeln des Überflusskonsums einzutrichtern, sind heute, wenn es darum geht, die Menschen dazu zu bringen, die Regeln des rationierten und rationalisierten Überlebens anzunehmen, die Kinder die ersten Zielscheiben der Propaganda, diejenigen, die auf ihre Eltern schimpfen mĂŒssen, wie es ihnen die Fernsehwerbung beigebracht hat („Les antibiotiques, c‘est pas automatique!“). Man zögert natĂŒrlich, weiterhin von Kindern zu sprechen, wenn es sich um diese Wesen handelt, die so frĂŒhreif in allen technologischen VorgĂ€ngen und Disziplinen bewandert und inzwischen so einheitlich informiert sind, was die Artenvielfalt und ihre Zerstörung, die Steigerungsrate des CO2 in der AtmosphĂ€re usw. betrifft. Sie lernen eifrig die Aussagen der Kampagnen auswendig, um ein VerantwortungsgefĂŒhl einzuschĂ€rfen („Macht schnell, jede Handlung zĂ€hlt“) und ĂŒberwachen die ökologische Korrektur ihrer Eltern. Im Bewusstsein der Tatsache, dass letztere, und Erwachsene im Allgemeinen, Rechenschaft darĂŒber ablegen mĂŒssen, was sie getan haben, um „den Planeten zu erhalten, den sie erben werden“, verzichten ers- tere nicht darauf, zu fordern, dass sie von diesem Moment an die Slogans respektieren mĂŒssen. Auf diese Weise zur AktivbĂŒrgerschaft geschult, werden sie die VersĂ€umnisse die sie in ihrem Umfeld entdecken an die grĂŒne Polizei denunzieren. Und das ist kaum eine Übertreibung angesichts eines hochoffiziellen Pamphlets, das vor einigen Jahren die Jugend mit Empfehlungen wie diesen instruierte:

„Ich trenne meinen MĂŒll, ich melde jedes Wasserleck…. Ich nehme die von der Stadtverwaltung bei Trockenheit erlassenen EinschrĂ€nkungen zur Kenntnis und gebe sie an meine Eltern weiter. Ich verhindere, dass meine Eltern im trockenen Buschland rauchen…“

XVIII

Wie hĂ€ufig sie auch miteinander verflochten sind, so wollen wir doch, um sie kurz zu charakterisieren, die wichtigsten von der Propaganda verbreiteten katastrophistischen Darstellungen der Zukunft unterscheiden und sehen, wie sie uns dazu verleiten, „nicht nur, das Gift der Knechtschaft zu schlucken und es nicht bitter zu finden“, sondern es schmackhaft und erlösend zu finden. Übergehen wir kurz die apokalyptische Schule, die ĂŒber eine mögliche Vernichtung der menschlichen Spezies spekuliert, deren Modell eine nukleare Feuersbrunst bleibt. FĂŒr einen angestellten Philosophen kann es sicherlich interessant sein, ĂŒber die Notwendigkeit – mĂŒhseliger Abklatsch des ĂŒberholteren Anders – „im Schatten der zukĂŒnftigen Katastrophe zu denken“ (Jean-Pierre Dupuy) zu glossieren, aber vor allem als diffuse ReprĂ€sentation eines entsetzlichen Endes, aufrechterhalten durch verschiedene von der Kulturindustrie fabrizierte Fiktionen, fĂ€rbt die Apokalyptik die sehr verbreitete Resignation mit einem carpe diem von auf BewĂ€hrung Verurteilten; und verstĂ€rkt so die Akzeptanz durch das GefĂŒhl einer unverhofften Verzögerung.

Die Schule der globalen ErwĂ€rmung ist offensichtlich diejenige mit der grĂ¶ĂŸten Anzahl von AnhĂ€ngern, denn sie ist diejenige, die sich der konstantesten MedienunterstĂŒtzung erfreut. Diese „unbequeme Wahrheit“ ist in der Tat beruhigend, weil sie mehrere Gefahren und VerwĂŒstungen, die bereits eingetreten sind, auf einen einzigen Faktor zurĂŒckfĂŒhrt (den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen). Auch wenn der genaue Verlauf der ErderwĂ€rmung sowohl hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit als auch ihrer Auswirkungen höchst ungewiss bleibt – aber wir alle sind inzwischen sachkundig genug, um ĂŒber Permafrost, Albedo und sogar Clathrate und das „Ocean Conveyor Belt“ zu sprechen – ermöglicht es das Klimaszenario, eine ganze Reihe von „Lösungen“ zu propagieren, die an den Staat, die Industrie und die individuelle Disziplin des bewussten und verantwortungsvollen Verbrauchers appellieren: steuerliche Maßnahmen, industrielle Ökologie (einschließlich Atomkraft), planetarisches Geo-Engineering, auferlegte, aber auch freiwillige Rationierung und sogar jene modernen Ablasse, die von denjenigen gekauft werden, die mit dem Flugzeug reisen, indem sie einen „Kohlenstoffausgleich“ bezahlen.

Die Schule der Ressourcenerschöpfung, die sich oft mit der vorhergehenden durch den Ruf nach Rationierung und EinfĂŒhrung alternativer Energien verbindet, spekuliert vor allem auf das Ende der fossilen Energieressourcen, aber auch auf die Erschöpfung der Wasserressourcen, des Ackerlandes, der Artenvielfalt usw. Diese Mehrfachkatastrophe wird immer detaillierter diskutiert und gemessen, wobei sich das Wissen so schnell anhĂ€uft, wie sein Gegenstand verschwindet. Auch hier: um einen „Kurswechsel“, eine „nĂŒchternere Gesellschaft“ etc. durchzusetzen, ist der Behelf etatistisch, industriell, zivilgesellschaftlich.

Die Schule der Verschmutzung wird durch eine ganze Reihe von Experten und Gegenexperten vertreten, die große Bataillone von „Whistleblowern““ bilden. Sie sind notgedrungen sehr spezialisiert und listen akribisch die bereits beobachtbaren oder wissenschaftlich vorhersehbaren Auswirkungen zahlloser Verschmutzungen auf (ag- roindustrielle Prozesse, Hormonstörungen, genetische Verschmutzung, Nanotechnologien, elektromagnetische Wellen), ganz zu schweigen von denen, die „klassisch“ geworden sind (chemisch und nuklear), und meist hĂŒten sie sich, ĂŒber ihren Kompetenzbereich hinauszugehen, es sei denn, um ein „Problem der öffentlichen Gesundheit“ anzuprangern. Eine solche Vorsicht in der Kritik reicht jedoch nicht aus, um die Verallgemeinerung des GefĂŒhls einer fast endgĂŒltigen Vergiftung der Lebensumgebung zu verhindern, das zwar empirisch ist aber durch sie umso dokumentierter. Und wenn die vielförmige RealitĂ€t einer pathogenen Umwelt sich nicht gut fĂŒr Hoffnungen auf Rettung durch Technologie und fĂŒr die vibrierenden Rufe der BĂŒrger nach Wachsamkeit seitens der Verwaltung eignet, so ist sie andererseits Ă€ußerst förderlich fĂŒr die Multiplikation von Hygiene- und Gesundheitsobsessionen, wobei jeder Mensch stĂ€ndig in Alarmbereitschaft bleiben muss, um eine Gesundheit zu bewahren, die weitgehend unerreichbar ist. Dieses„narzisstische“, privatisierte falsche Bewusstsein ĂŒber sehr reale Gefahren treibt bereits einen riesigen Sektor der Warenproduktion an (von Lebensmitteln mit dem Etikett „Bio“ bis hin zur Para-Pharmazie). Nur wenn wir verstehen, wie diese Form der obsessiven Verantwortlichmachung uns blind fĂŒr die Katastrophe werden lĂ€sst, können wir zum Beispiel erklĂ€ren, warum die Stadtverwaltung von Neapel, Hauptstadt einer Region, die weltweit fĂŒr ihre von der Camorra verwalteten Deponien verschiedenster giftiger Produkte bekannt ist, im November 2007 in der Lage war, das Rauchen in ihren öffentlichen GĂ€rten zu verbieten, ohne allgemeines GelĂ€chter hervorzurufen (im Gegenteil, diese Entscheidung schien so weise zu sein, dass die Stadtverwaltung von Verona gleich am nĂ€chsten Tag eine Ă€hnliche Entscheidung traf).

Die Schule des Chaos schließlich betont den sozialen und „geopolitischen“ Zerfall. Im Gegensatz zu den gĂ€ngigen katastrophistischen Darstellungen verschweigt sie nicht, dass sich „große ökologische Krisen“ nicht in einem Klima des Weltfriedens und des Abbaus internationaler Spannungen abspielen werden. Ohne sich in der Manier der „geostrategischen“ Überlegungen gewisser Journalisten und Rundfunk- und Fernsehreferenten damit zu begnĂŒgen, die Bruchzonen der totgeborenen „neuen Weltordnung“ zu inventarisieren, warnt sie gleichzeitig vor der Verbreitung der Mittel der Zerstörung, dem Ende des staatlichen Gewaltmonopols und den verschiedenen Formen aufkommender „Verrohung“. Sie geht sogar so weit, von einer Entmenschlichung zu sprechen, die mit der universalisierten Ausdehnung der neuen technischen Umgebung nicht unverbunden wĂ€re. UnfĂ€hig, auch nur den Anschein einer Lösung vorzuschlagen, außer dem Seufzen nach globaler „guter Governance“, bleibt sie offensichtlich ohne großes Echo.

XIX

Es mag ĂŒbertrieben oder sogar schwachsinnig erscheinen, die vorherrschenden kata- strophistischen Darstellungen mit einer Propagandakampagne gleichzusetzen. Man betrachte jedoch nur die diskrete Art und Weise, in der die Atomindustrie und ihr beachtlicher Beitrag zur QualitĂ€t unserer Umwelt in dem von den katastrophistischen Experten ausgearbeiteten Bedrohungskatalog kaschiert wurden. Die sogenannte zivile Atomindustrie, von der wir wissen, wie leicht sie aufhören kann, zivil zu sein, um zu ihrer ursprĂŒnglichen militĂ€rischen Bestimmung zurĂŒckzukehren, wird von den VerkĂŒndern der Schule des Chaos manchmal mit dem Hinweis auf die von ihr ausgehenden Risiken der „Verbreitung“ und „Proliferation“ in Sachen RĂŒstung erwĂ€hnt; seltener wird sie von anderen Beobachtern wegen der nachgewiesenen Freisetzung von Schadstoffen nach verschiedenen „ZwischenfĂ€llen“ erwĂ€hnt. Am hĂ€ufigsten jedoch erhĂ€lt sie einen viel ehrenvolleren Platz im Arsenal der technologischen Abhilfen, dank derer wir angeblich die sich abzeichnenden Schwierigkeiten ĂŒberwinden werden, um das gelobte Land einer nachhaltigen Wirtschaft zu erreichen. Manche schwĂ€rmen von der Kernfusion, einem wahren Allheilmittel, das uns in jene „Wasserstoffwirtschaft“ fĂŒhren wird, die die Erleuchteten der Revolution durch den industriellen Fortschritt sogar als einzige noch fehlende Voraussetzung fĂŒr die Verwirklichung des Kommunismus sehen. Andere, besonnenere, weisen darauf hin, dass es im besten Fall mindestens ein Jahrhundert dauern wird, diese wunderbare Energiequelle zu beherrschen; und dass in der Zwischenzeit die einzige Lösung zur Reduzierung der Treibhausgase darin besteht, sofort mit dem Bau neuer Kernkraftwerke zu beginnen, mit den so genannten „Reaktoren der dritten Generation“, die vielleicht etwas weniger sicher sind als ihre Nachfolger der „vierten Generation“, aber bereits verfĂŒgbar. Diese Propagandisten, welche die real existierende Kernenergie als saubere oder fast saubere Energie bezeichnen, gehören zu den aktivsten BefĂŒrwortern des Szenarios der Klimakrise. Und fĂŒr diesen Job mĂŒssen sie nicht offiziell von der Atomenergiekommission angestellt sein oder diskret im Sold der Atomindustrie stehen: Es reicht, wenn sie eine realistische Sicht auf die Zeit der „Energiewende“ haben, durch die die Industriegesellschaft gehen muss. Neben dem Ökokybernetiker Lovelock gibt es viele katastrophistische Experten, die betonen, wie besonders unverantwortlich es ist, die Debatten ĂŒber die VorzĂŒge und Nachteile der Kernenergie fortzusetzen, wĂ€hrend China jede Woche ein Kohlekraftwerk baut und wo man plant, jedes Jahr mehrere zehn Millionen Autos auf die Straßen zu bringen. Andere Experten, die noch zahlreicher sind, begnĂŒgen sich damit, dieses kontroverse Thema des unverzichtbaren RĂŒckgriffs auf die Kernenergie nicht anzusprechen, das fĂŒr sie das Panorama einer zukĂŒnftigen nachhaltigen Gesellschaft irgendwie trĂŒben könnte. Im Übrigen macht sich keiner von ihnen die MĂŒhe, auf den lĂ€cherlichen Beitrag der Kernenergie zur Gesamtenergieproduktion hinzuweisen, sei es im Hinblick auf die heutige Situation – Frankreich eingeschlossen – oder im Falle eines eventuellen intensiven Wiederauflebens der Kernenergie. Das gleiche Schweigen gilt fĂŒr die Frage nach der VerfĂŒgbarkeit von Kohlereserven in den nĂ€chsten anderthalb Jahrhunderten und den Bedingungen, die es ermöglichen könnten, die EinwĂ€nde (Kosten, „Abscheidung“ von CO2) gegen die Nutzung der so genannten CTL-Technologien zu ĂŒberwinden, die es erlauben wĂŒrden, Kraftstoff durch VerflĂŒssigung von Kohle zu produzieren.

XX

Nachdem er es gewagt hatte, darauf hinzuweisen, dass „die prĂ€zisen Diagnosen von Lester Brown, Nicolas Hulot, Jean-Marie Pelt, Hubert Reeves und vielen anderen, die unweigerlich mit einem Appell an die ,MenschIichkeit‘ enden, nichts als verwĂ€sserte SentimentalitĂ€ten sind“, lud uns der Journalist Herve Kempf kĂŒrzlich ein, „zu verstehen, dass die ökologische Krise und die soziale Krise nur zwei Gesichter derselben Katastrophe sind“ (Comment les riches detruisent la planete [Wie die Reichen den Planeten zerstören], 2007). In gewisser Weise ist das, was er vorschlĂ€gt, also die Ausarbeitung einer Gesellschaftskritik an schĂ€dlichen PhĂ€nomenen. Wir ĂŒbergehen die kaum neuartige Natur dieses theoretisch-journalistischen Scoops. Wie uralt diese Neuigkeit auch sein mag, seine Absicht ist lobenswert und verdienstvoll, wenn sie von jemandem kommt, der auf diesem Terrain noch so ein AnfĂ€nger ist. Man darf also gespannt sein, was dieser „Umweltspezialist“ der Zeitung Le Monde meint, wenn er sich im Zuge seiner „radikalen politischen Analyse der gegenwĂ€rtigen HerrschaftsverhĂ€ltnisse“ bemĂŒĂŸigt fĂŒhlt, unverzĂŒglich die „ökologische Besorgnis“ anzusprechen: „Innerhalb der nĂ€chsten zehn Jahre werden wir einen Kurswechsel vollziehen.“ Denn trotz allem ist Kempf ein „Optimist“: „Lösungen zeichnen sich ab“, „von Seattle und dem Protest gegen die Welthandelsorganisation“; „die soziale Bewegung ist erwacht“ und die Oligarchie könnte gespalten werden (und ein Teil von ihr „könnte sich deutlich in Richtung UnterstĂŒtzung der bĂŒrgerlichen Freiheiten und des Gemeinwohls bewegen“); „der Journalismus könnte aufwachen“; und die „zersplitterte“ Linke könnte erneuert werden, indem sie „die Ursachen von Ungleichheit und Ökologie vereint“. Wie wir sehen werden, riskiert die Gesellschaftskritik und die Analyse der HerrschaftsverhĂ€ltnisse zu nichts Radikalerem zu fĂŒhren als zur Anprangerung der Missetaten der schmarotzerischen Oligarchie und der habgierigen „Megareichen“.

Obwohl nichts von alledem ĂŒberzeugender oder aufschlussreicher ist als ein Sammelband mit dem Besten aus Le Monde Diplomatique der letzten zwanzig Jahre, ist Kempf interessant und sogar lehrreich in Bezug auf das, was er nicht sagt. Denn sein kritisches Unternehmen unterlĂ€sst in exemplarischer Weise jede Analyse oder auch nur jede ErwĂ€hnung des wichtigsten und sicherlich sichtbarsten Aspekts der „gegenwĂ€rtigen HerrschaftsverhĂ€ltnisse“; desjenigen, den ein von den „Übergangstotalitarismen“ – in Mumfords Formulierung – verwĂŒstetes 20. Jahrhundert unserem Jahrhundert hinterlassen hat: der BĂŒrokratie. Auf diese Weise werden, wie es immer bei den harmlosen Surrogaten der Kritik geschieht, die versuchen, die wirtschaftliche Entwicklung in Frage zu stellen, ohne jemals die Verantwortung des Staates in Betracht zu ziehen, die besten BeitrĂ€ge eines Jahrhunderts der Gesellschaftskritik unschuldig und ziemlich bequem auf den MĂŒllhaufen geworfen.

Ohne ganz bis zur anarchistischen Polemik gegen den marxistischen Etatismus zurĂŒckzugehen, ist es in der organisierten Arbeiterbewegung, das heißt im politischen und sozialen Rahmen der ArbeiterkĂ€mpfe, wo zum ersten Mal die Herausbildung einer modernen BĂŒrokratie beobachtet und analysiert wurde, die sich von der alten BĂŒrokratie der Staatsbeamten unterscheidet. Michels und vor ihm Machajski (Sozialismus und Intelligenz) erkannten schnell einige Merkmale dessen, was in Russland bald durch die totalitĂ€re Machtergreifung zu einer neuen Klasse werden sollte. Parallel zu dieser Entwicklung entstand in den LĂ€ndern, in denen die ProduktionsverhĂ€ltnisse noch von privaten Kapitalisten beherrscht wurden, durch die rationalisierte Organisation der Massenproduktion und des Konsums (die Notwendigkeit, die Arbeit zu koordinieren, die durch eine immer umfassendere Arbeitsteilung in winzige Teile zerschlagen wurde) allmĂ€hlich eine BĂŒrokratie von Managern; gleichzeitig zwang die Große Depression die Vereinigten Staaten dazu, den Privatkapitalismus zu reglementieren, ökonomische Regulierungsmechanismen einzurichten, riesige öffentliche Bauprojekte zu unternehmen, um die Arbeitslosigkeit aufzufangen usw., der Beginn eines Systems der Planung, das als New Deal bekannt wurde. Diese Tendenz zur BĂŒrokratisierung der Welt, in der sich die Erneuerung der totalitĂ€ren Herrschaftsmethoden des Faschismus und des Hitlerismus anzudeuten schien, wurde von Rizzi und spĂ€ter von Burnham in scheinbar objektiver Form theoretisiert, in Wirklichkeit aber in Form einer Apologetik (im Namen des „Sinns der Geschichte“), die, angewandt auf solch abstoßende RealitĂ€ten, damals originell genug war. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Niederlage der faschistischen Form des Totalitarismus, einer Niederlage, die durch extrem irrationale strategische Entscheidungen herbeigefĂŒhrt wurde (die stalinistische Form, obwohl irrationaler in Bezug auf die wirtschaftliche Verwaltung, verdankte ihre Zugehörigkeit zum Siegerteam der Tatsache, dass sie es geschafft hatte, mehrere Jahrzehnte zu ĂŒberleben), wurde die Entwicklung einer ManagerbĂŒrokratie fortgesetzt, zusammen mit einer „wissenschaftlichen Forschung“, die wĂ€hrend des Krieges bĂŒrokratisiert und mehr oder weniger direkt in den Dienst der Industrie gestellt wurde: Die fabrikartige Organisation und Arbeitsteilung breitete sich ĂŒberall mit dem Überfluss der Ware aus. Aber vor allem in den staatlichen BĂŒrokratien (zuerst in den Nationalstaaten, dann, vielleicht noch mehr, in den supranationalen Organisationen) blĂŒhte der Einfluss der Planer, Manager und anderer Technokraten, die als Verkörperung der ĂŒberlegenen RationalitĂ€t des als „System“ verstandenen Kapitalismus gelten und sich selbst als solche verstehen. Die kybernetische Ideologie – von der, man muss sich daran erinnern, der Begriff des Ökosystems abgeleitet ist – entspricht dieser aufsteigenden Phase der ExpertenbĂŒrokratie und drĂŒckt deren anti-geschichtlichen Illusionen aus, ebenso wie der Strukturalismus, der ihr Ableger in den „Humanwissenschaften“ ist.

In den spĂ€ten sechziger Jahren und vor allem in den siebziger Jahren, als Antwort auf die Kritik, die so viele Leute und vor allem die Jugend gegen die Produktion und den Konsum von Waren richteten, begann ein Programm der bĂŒrokratisch-ökologischen Stabilisierung der Wirtschaft unter den Planern (Experten des MIT und des Club of Rome) Gestalt anzunehmen, die sich gezwungen sahen zuzugeben, dass wir uns nun in einem „außer Kontrolle geratenen Lauf“ in die Katastrophe befanden. In dieser Epoche konnte ein Marxist zu Recht die ironische Verachtung fĂŒr diese neue Manifestation des falschen Bewusstseins einer Handvoll Experten zum Ausdruck bringen, die, nachdem sie sich ĂŒber den wirklichen Umfang ihrer TĂ€tigkeit getĂ€uscht hatten, als sie ein unendlich organisiertes Wachstum planten, sich nun damit begnĂŒgten, diese ideologische Darstellung ins Gegenteil zu verkehren, indem sie nun ihre Überzeugung zum Ausdruck brachten, dass sie dem Kapitalismus ein Programm des „Nullwachstums“ aufzwingen könnten, das mit seinem eigentlichen Wesen unvereinbar ist; und er konnte mit ebenso viel Recht festhalten, dass: „die Ökologen es unterlassen, genau anzugeben, auf welche sozialen und politischen KrĂ€fte sie sich stĂŒtzen zu können glauben, um eine solche Revolution in der Maschinerie des kapitalistischen Staates durchzufĂŒhren“ (Pierre Souyri, La dynamique du capitalisme au XXe siecle, 1983).

Derselbe Autor fĂŒgte noch einige Ă€ußerst sinnvolle Beobachtungen hinzu, die uns zum Kern unseres Arguments fĂŒhren:

„Die alarmistischen Kampagnen in Bezug auf die Ressourcen des Planeten und die Verschmutzung der Natur durch die Industrie deuten eigentlich nicht auf die Absicht der kapitalistischen Kreise hin, dem Wachstum ein Ende zu setzen. Eher im Gegenteil. Der Kapitalismus steckt jetzt bis zum Hals in einer Phase, in der er gezwungen sein wird, eine ganze Reihe neuer Technologien der Energiegewinnung, des Abbaus von Mineralien, des Recyclings von AbfĂ€llen usw. zu mobilisieren und einen Teil der lebensnotwendigen natĂŒrlichen Elemente in Waren zu verwandeln. All dies lĂ€utet eine Periode der verstĂ€rkten technologisehen Forschung und Innovation ein, die enorme Investitionen erfordern wird. Wissenschaftliche Daten und ökologisches Bewusstsein werden benutzt und manipuliert, um die terroristischen Mythen zu konstruieren, deren Zweck es ist, zu bewirken, dass die Anstrengungen und Opfer, die fĂŒr den sich ankĂŒndenden neuen Zyklus der kapitalistischen Akkumulation unabdingbar sein werden, als absolute Notwendigkeiten akzeptiert werden.“ (Ebd.).

Die so skizzierte Perspektive – ein posthum veröffentlichtes Werk, das vor dem Tod des Autors im Jahr 1979 geschrieben wurde – hatte das Verdienst, ohne die Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise zu ĂŒbersteigen, das zu entwerfen, was den Widerspruch zwischen der objektiven Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise und einer autoritĂ€ren Regulierung der Wirtschaft im Namen der ökologischen RationalitĂ€t ĂŒberwinden könnte.

In Anbetracht der Tatsache, dass sich nun ein permanentes Regime der „Krisenverwaltung“ etabliert hat, könnte man fragen, ob es die ExpertenbĂŒrokratie ist, die an die Macht gekommen ist, oder ob es die Macht ist, die inmitten des Zusammenbruchs der Industriegesehschaft in die Reichweite der Experten gesunken ist. Das wĂ€re wahrscheinlich ein falsches VerstĂ€ndnis der Frage. Denn wer ĂŒbernimmt die Verantwortung fĂŒr die Katastrophenverwaltung oder ist bereit, dies zu tun? Sie haben nie aufgehört, die GewĂ€sser der Macht zu befahren und zu durchqueren. Es wĂ€re ermĂŒdend, diese Netzwerke im Detail zu beschreiben, denn es ist nicht unser Ziel, eine Organisationssoziologie zu schreiben.Letztlich wird sich niemand, der sich in dieser Welt auch nur ein bisschen auskennt, ĂŒber die Nachsichtigkeit, die Kooptation und den Austausch von GefĂ€lligkeiten wundern, die die partizipative Erneuerung des Personals und der Beratungen sicherstellen. Hier, unter den Gestaltern und Akteuren der Entwicklungsprogramme, die in der Nachkriegszeit umgesetzt wurden, begann eine Minderheit von hauseigenen Dissidenten – einige erklĂ€rten sich sogar zu „Wachstumsgegnern“ – „Alarm zu schlagen“, ohne ihren Halt oder ihren Einfluss bei ihren Freunden innerhalb der Institutionen, der Seminare und Think Thanks zu verlieren, die pragmatisch die Verfechter einer ökologischen, von jeglicher Verbindung zur Gesellschaftskritik bereinigten Kritik aufnehmen. Ein „Win-Win“-Szenario: Die so genannten Dissidenten liefern die technowissenschaftlichen Argumente, welche die institutionellen Mainstream-Elemente gerne hören wollen, um die gleiche Sprache zu sprechen; letztere, zusammen mit den Mainstream-UmweltschĂŒtzern, die schneller herausgefunden haben, wer ihnen in den großen internationalen Organisationen zuhört, verkörpern jene ReprĂ€sentation der „Zivilgesellschaft“, die fĂŒr alle institutionellen Lobbystrategien so unverzichtbar ist.

Jedenfalls wird diese Wachablösung in der „kooptierten Kaste, die die Herrschaft verwaltet“, entgegen den Ansichten der AnhĂ€nger einer melodramatischen und verschwörerischen Fantasiekritik bei vollem Tageslicht und mit großem Tamtam inszeniert, „auf der BĂŒhne des Spektakels zur Schau gestellt“; und das Mindeste, was man darĂŒber sagen kann, ist, dass sie nicht wie der Blitz erscheinen, „den man nur sieht, wenn er einschlĂ€gt“. Bald sind es vierzig Jahre, seit aus dem Munde weiser Orakel zum ersten Mal verkĂŒndet wurde, dass die Zeit ablĂ€uft, dass wir nicht mehr als zehn Jahre haben, um den Kurs zu Ă€ndern und uns dieser radikal neuen, „großartigen, aber furchtbaren“ Herausforderung zu stellen, usw. (1992 gaben 1 600 Wissenschaftler, darunter 102 NobelpreistrĂ€ger, eine „Warnung [der Wissenschaftler] an die Menschheit“ heraus, in der sie behaupteten, dass „wir nur noch ein oder zwei Jahrzehnte haben, bevor wir jede Chance verlieren, den Bedrohungen zu entkommen, die uns bedrohen, und die Perspektiven fĂŒr die Zukunft der Menschheit drastisch beschnitten werden“). Man könnte ĂŒber einen Ausnahmezustand lachen, der mit einer so weit entfernten Frist ausgerufen wurde, aber die ErklĂ€rung dafĂŒr ist ganz einfach. Es genĂŒgt, dass das kapitalistische Management ab einer gewissen Schwelle der Verletzungen natĂŒrlicher Gleichgewichte, der so genannten „negativen ExternalitĂ€ten“, deren positives Potential zu erkennen lernt und sie, in Form der nur von den Katastrophisten zu aktivierenden „Bewusstseinsbildung“, als eine ewig profitable Goldmine zu sehen beginnt, zu deren Ausbeutung es nur noch Auftraggeber und AktionĂ€re ĂŒberzeugen muss.

XXI

Als Antwort auf jene guten Seelen, die beleidigt waren, als eine amerikanischer VerfĂŒgende sich beeilte, den Tsunami vom Dezember 2004 als „wunderbare Gelegenheit“ zu bezeichnen („die fĂŒr uns sehr profitabel gewesen ist“), ist es angebracht, darauf hinzuweisen, dass sie mit dieser Äußerung nur eine RealitĂ€t des Kapitalismus zum Ausdruck gebracht hat, wenn auch in einer eher unpassenden Weise (vgl. Naomi Klein, „The Rise of Disaster Capitalism“, The Nation, 2. Mai 2005). Es zeugt allerdings von einer gewissen NaivitĂ€t, die AnfĂ€nge dieses „Katastrophenkapitalismus“ – eine Formel, die selbst eine Variante des Pleonasmus ist – auf die VerwĂŒstung Mittelamerikas durch den Hurrikan Mitch (Oktober 1998) zurĂŒckzufĂŒhren und unter dieser Rubrik die Auslandsoperationen der US-Regierung und der Weltbank an die erste Stelle zu setzen, die gleichzeitig die nĂ€chsten militĂ€rischen Interventionen und den Wiederaufbau der von der Zerstörung bedrohten LĂ€nder vorbereiten sollten. (TatsĂ€chlich sahen wir kurz darauf, wie das von einem Hurrikan verwĂŒstete New Orleans an die gleichen Firmen wie der Irak oder Afghanistan ĂŒbergeben wurde, um schöner und sauberer, typischer und weniger schwarz wieder aufgebaut zu werden). Die Entfesselung unzĂ€hliger Katastrophen mit ihren unvorhersehbaren Kombinationen und brutalen Eskalationen eröffnet den planetarischen Trusts des Kapitalismus ĂŒberall eine fabelhafte Gelegenheit fĂŒr Bauprojekte.

In Bezug auf die globale ErwĂ€rmung ist manchmal von der Rebe die Rede, die bald in Großbritannien angebaut werden wird, wie der Weizen in Sibirien, oder vom Schmelzen des arktischen Eises, das neue Seewege eröffnen und das SchĂŒrfen nach dem Öl ermöglichen wird, das das Polarmeer zweifelsohne enthĂ€lt. Aber diese erheiternde Nachricht beschreibt nur unvollkommen die Nord-West-Passage, die der Zusammenbruch der Natur der ökonomischen Vernunft eröffnet, wenn es notwendig sein wird, alles neu zu fabrizie ren, ein ganzes kĂŒnstliches Leben, mit seinen immer teureren Ersatzstoffen und technologischen Linderungsmitteln, also solchen, die fĂŒr die Industrie profitabel sind. Aus den „Terraforming“-Projekten, die darauf abzielen, auf den fĂŒr die Eroberung durch den Weltraum zugĂ€nglichen Planeten Bedingungen fĂŒr ein annĂ€herndes Überleben zu schaffen, wurden Techniken entwickelt, die als „Geo-Engineering“ bekannt sind, da es die Erde selbst ist, die jetzt zu einem feindlichen und unbewohnbaren Planeten wird. Die NASA und die großen amerikanischen Laboratorien finden so eine Möglichkeit, eine „Umweltvariante“ des als „Krieg der Sterne“ bekannten Raketenabwehrprogramms zu fördern. (Edward Teller, der Mann, der Oppenheimer tötete und die thermonukleare Bombe konstruierte, war der Anstifter dieser „Initiative der strategischen Abwehr“ und war einer der ersten, der bereits 1997 öffentlich die Notwendigkeit von Geoengineering verteidigte).

Diese grandiosen Projekte, die von den vernĂŒnftigsten Klimawissenschaftlern wegen der „unvorhergesehenen RĂŒckkopplungen“, die sie auslösen könnten, abgelehnt werden, erinnern an die Wahnvorstellungen eines verrĂŒckten Wissenschaftlers in einem Comicstrip. Es gibt andere, bodenstĂ€ndigere, aber nicht weniger exemplarische Beispiele fĂŒr die „wunderbaren Möglichkeiten“, die eine unbewohnbar gewordene Erde bietet. Die industrielle Ökologie schlĂ€gt bereits PlĂ€ne fĂŒr „kohlenstoffneutrale“ nachhaltige StĂ€dte oder ÖkostĂ€dte vor, mit Abfallrecycling, Solarstrom und allen elektronischen Annehmlichkeiten. Diese neuen KolonialstĂ€dte werden zuerst in China und Abu Dhabi gebaut – natĂŒrlich in einem architektonischen Stil, der die lokalen Traditionen respektiert – als Vorzeigebei- spiele eines technologischen Imperialismus, der eine hohe UmweltqualitĂ€t erreicht hat. Aber ĂŒberall haben sich die ForschungsbĂŒros der Ingenieurgesellschaften in Erwartung der neuen Standards, die die ökologische Governance setzen wird, an die Arbeit gemacht. In seinem Jubel ĂŒber eine „Grenelle de l‘environnement“, die Marktanteile verspricht, nimmt ein GeschĂ€ftsmann ganz selbstverstĂ€ndlich den martialischen Akzent eines Kolchoskommissars an, der die Ziele des FĂŒnfjahresplans in Erinnerung ruft und die Slogans des großen Sprungs nach vorn der nachhaltigen Wirtschaft aneinanderreiht:

„Nationale Mobilmachung… ökologischer Notstand… Rettung unseres Planeten. … die Zukunft unserer Kinder“; ohne zu versĂ€umen, zu betonen, dass:

„der politische Wille, ökologische GebĂ€ude, Stadtteile oder sogar StĂ€dte zu sanieren und zu errichten, fĂŒr Industrielle gewaltige Wachstumsmöglichkeiten darstellt“ (Gerard Mestrallet, CEO von Suez, „L ‘environnement, catalyseur d‘innovation et de croissance“, Le Monde, 21. Dezember 2007).

Um das Bild unter Wahrung der ParitĂ€t zu vervollstĂ€ndigen, zitieren wir auch einen Direktor fĂŒr nachhaltige Entwicklung der Gruppe Veolia-Environnement, der nicht weniger enthusiastisch ist:

„,GrĂŒnes‘ Bauen und Renovieren sind auf dem Vormarsch, es ist ein riesiger, reichhaltiger, aufregender und sehr vielversprechender Markt, so sehr, dass das neue Eldorado in der Bauindustrie heute das der clean tech ist, d.h. saubere Technologien in Bezug auf die dringende Notwendigkeit, den KohlenstoffFußabdruck aller Bauten in der Welt zu reduzieren, in Übereinstimmung mit der festgelegten Route.“ (Genevieve Ferone, 2030, le krach ecologique, 2008.)

XXII

Die Rolle, die Kriege im Laufe der modernen Geschichte immer gespielt haben, um die Verschmelzung von Staat und Wirtschaft zu beschleunigen, ist bekannt. Und es ist eben ein Krieg, der gefĂŒhrt werden muss, um eine durch die bisherigen Operationen der ökonomischen RationalitĂ€t verwĂŒstete Natur zu erobern und durch eine integral produzierte, dem entfremdeten Leben besser angepasste Welt zu ersetzen. Einer der amerikanischen Propagandisten fĂŒr die ökologisch-bĂŒrokratische Umstellung des Kapitalismus (weniger halluzinatorisch als Rifkin mit seinem Ende der Arbeit und seiner Wasserstoffökonomie), Lester Brown, hat explizit eine „Kriegsmobilmachung“ gefordert und das Modell der Umstellung des Produktionsapparats vorgeschlagen, das wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs durchgefĂŒhrt wurde; er hat jedoch den Unterschied hervorgehoben, dass, da es diesmal um die „Rettung eines bedrohten Planeten und eine bedrohte Zivilisation“ geht, die „wirtschaftliche Restrukturierung“ nicht vorĂŒbergehend, sondern dauerhaft sein muss. Er erinnerte an „das Jahr 1942, das die grĂ¶ĂŸte Expansion der industriellen Produktion in der Geschichte des Landes erlebte“ (ein amerikanischer Dichter, der als Soldat im europĂ€ischen Theater gedient hatte, fasste es so zusammen: „FĂŒr jede Artilleriegranate, die Krupp abfeuert, liefert General Motors vier“), ist er begeistert von der Erinnerung an eine solche totale Mobilmachung, mit ihrer Rationierung und ihrer autoritĂ€ren Organisation:

„Diese Mobilmachung von Ressourcen hat in wenigen Monaten gezeigt, dass

ein Land, ja die ganze Welt ihre Wirtschaft schnell wieder aufbauen kann, wenn sie nur von der Notwendigkeit ĂŒberzeugt ist“.

Angeregt durch das Beispiel des riesigen Massakers, das die Industrie dieser Ära leistete, drĂŒckte er im Stil der Public Relations aus, was die vorherige Ära durch Indoktrination ausgedrĂŒckt hatte:

„Wir haben die Technologie, die ökonomischen Instrumente und die finanziellen Mittel, die notwendig sind […], um unsere Gesellschaft von ihrem absteigenden Kurs abzubringen und sie auf einen Weg zu bringen, der es ihr erlaubt, weiterhin wirtschaftlichen Fortschritt zu verfolgen“ (Le Plan B – Pour un pacte ecologique mondial, 2006).

Dieser fast perfekte Prototyp des Ökolokraten, ein Katastrophenexperte seit fast vierzig Jahren, ist sicher nicht der einzige, der „einen Plan“ hat (andere sprechen zum Beispiel von einem „Klima-Marshallplan“), aber seiner hat das unbestreitbare Verdienst, im amerikanischen Stil formuliert zu sein, mit einer geradlinigen BrutalitĂ€t und einem absolut reinen Gewissen, ohne die rhetorischen Vorsichtsmaßnahmen und Umschreibungen, in welche sich die linken Statisten und die Mitglieder der mehr oder weniger wachstumsfeindlichen Zivilgesellschaftsbewegung hier in Europa verstricken. Geschrieben nach den Standards der bĂŒrokratischen Expertise (Grafiken, Tabellen, Statistiken und Berechnungen der Finanzierung verschiedener Projekte; man bekommt sogar die Kosten, „aufgrund des Verlustes von potentiellem Einkommen“, der „Verminderung des IQ‘s in Verbindung mit prĂ€nataler Quecksilbervergiftung“: 8,7 Milliarden Dollar), versuchen sie nicht zu verbergen, dass sie eine Machtkonzentration fordern: „Was die Welt jetzt braucht, ist nicht mehr Öl, sondern mehr Governance“. Dieser „Fahrplan“ fĂŒr einen ökologisch korrekten Katastrophenkapitalismus hat allerdings niemanden beleidigt, so fortschrittlich ist nun die von eben diesem Fahrplan empfohlene Öffentlichkeitserziehung („Es entsteht ein Bedarf an Governance der Medien parallel zum Bedarf an politischer Gouvernance“). Man kann Lester Brown wohlwollend zitieren, wie Latouche, der sich gleichzeitig damit brĂŒstet, eine hypothetische Bedrohung des „Ökofaschismus“ zu erkennen.

In nur wenigen Jahren hat sich also unter den Verteidigern „unserer Zivilisation“ ein fast universeller Konsens ĂŒber die Notwendigkeit einer verstĂ€rkten Governance zur BewĂ€ltigung der totalen ökologischen Krise herausgebildet; und aus dieser Tatsache muss man ableiten, dass das „neoliberale“ Zwischenspiel zu Ende geht, wĂ€hrend dem der Kapitalismus die RentabilitĂ€t seiner Investitionen wiederherstellte, indem er nicht nur seine Lohnsausgaben, sondern auch seine staatlichen „Nebenkosten“ drastisch reduzierte. Zeitweise wurde versucht, diesen Kurswechsel genau zu datieren und ihn rĂŒckblickend in das Jahr 2005 zu legen, da sich nach diesem Datum die Zeichen einer ideologischen Aktualisierung in der MachtsphĂ€re zu mehren begannen; insbesondere dazu der „SternReport“ vom Oktober 2006:

„Dieses Dokument lĂ€sst die Ökologie aus der politischen Arena heraustreten, die dreißig Jahre lang von den NGOs und den antiliberalen (sic) Linksparteien besetzt war, und stellt sie endgĂŒltig in den Mittelpunkt der Entwicklung des zeitgenössischen Kapitalismus“ (Jean-Michel Valentin, Ecologie et Gouver- nance mondiale, 2007).

Doch in Wirklichkeit reicht die offene Zusammenarbeit von Umweltorganisationen, NGOs, Unternehmen und Verwaltungen in bestimmten Bereichen bis in die neunziger Jahre zurĂŒck.

Der derzeitige Versuch einer ökologisch-bĂŒrokratischen Reorganisation ist keineswegs ein kaltblĂŒtiger „Rationalisierungs“-Vorgang. Er findet mitten in der Katastrophe statt, denn es ist in der Hitze der brennenden Welt, in der die verschiedenen BĂŒrokratien, die fĂŒr die spezialisierte Verwaltung der einzelnen Sektoren der Massengesellschaft zustĂ€ndig sind, ihren Schmelzpunkt erreichen. Der bereits eingeleitete Prozess kann durch die Finanzkrise, die einem Spekulationszyklus ein Ende setzt, nur noch beschleunigt werden, was aber an sich eher eine Manifestation der Tatsache ist, dass das Herannahen der so oft angekĂŒndigten ökologischen Fristen den Kapitalismus (viel wirksamer als alle großspurigen Anprangerungen des „Finanzwahnsinns“) davon abhalten wird, sich selbst zu viel Kredit zu geben. (In dieser Hinsicht ist der Zusammenbruch der Immobilienspekulation in den Vereinigten Staaten auch eine Auswirkung des Endes billigen Öls). Das Projekt der ökologischen Anpassung des Kapitalismus kommt zur rechten Zeit fĂŒr die Reorganisation der Produktion, vor allem des riesigen Sektors des „Hoch- und Tiefbaus“ – wozu auch das „Bauingenieurwesen“ gehört -, der Schwerindustrie einer „neuen industriellen Revolution“, deren utopisches Modell Dubai ist,

„das sein Wasser durch Entsalzung produziert, seine Temperatur reguliert, die Sonnenstrahlen filtert, alle Parameter des Lebens kontrolliert, um die ideale Oase zu verwirklichen; wo Zeit, Klima und die Welt in einer perfekten Gegenwart verweilen“ (Herve Juvin, Produire le monde. Pour une croissance ecologique, 2008).

In dieser post-historischen Utopie, dem Traum von der „Flucht vor der Natur“ („Die höchste Errungenschaft ist in greifbarer NĂ€he: dass nie, nirgendwo, jemals etwas passiert, was wir nicht selbst entschieden haben“, ebd.), wird uns das Überleben, als Ganzes von der Katastrophenverwaltung organisiert und reguliert, stĂŒckweise von der Warenproduktion zurĂŒckverkauft werden.

XXIII

Die ExpertenbĂŒrokratie, welche mit der Entwicklung der Planung auftauchte, stellt fĂŒr alle Verwalter der Herrschaft eine gemeinsame Sprache und die Darstellungen her, mittels welcher die Letzteren ihre eigene TĂ€tigkeit verstehen und rechtfertigen. Mit ihren Diagnosen und Prognosen, formuliert in der Neo-Sprache des rationalen KalkĂŒls, kultiviert sie die Illusion einer techno-wissenschaftlichen Kontrolle von „Problemen“. Ihre Aufgabe ist die Verteidigung des Programms eines vollstĂ€ndig verwalteten Überlebens. Es ist diese BĂŒrokratie, die regelmĂ€ĂŸig Alarmsignale und Warnungen herausgibt und sich darauf verlĂ€sst, dass der von ihr ausgerufene Notstand es ihr ermöglicht, direkter in die Verwaltung der Herrschaft eingebunden zu werden. In ihrer Kampagne fĂŒr die Ausrufung eines Ausnahmezustands hat es ihr nie an UnterstĂŒtzung durch alle linken Etatisten und anderen BĂŒrgerbewegten gefehlt, und sie wird also auch in Zukunft kaum auf Widerstand von den ĂŒber die Wirtschaft VerfĂŒgenden stoßen, da die meisten von ihnen in einer endlosen Katastrophe die Perspektive einer permanenten Wiederbelebung der Produktion durch die Suche nach „ÖkokompatibilitĂ€t“ sehen. Eine Sache ist nun klar: wenn die Zeit fĂŒr das alte Keynesianische Rezept der öffentlichen Wohlfahrtsprogramme – zusammengefasst in der Formel, „Löcher graben um diese wieder aufzufĂŒllen“ – gekommen ist, wird es genĂŒgend bereits gegrabene „Löcher“, zu reparierende Verheerungen, AbfĂ€lle zum recyclen, Verschmutzung zu reinigen, etc. geben. („Wir werden das reparieren mĂŒssen, was nie zuvor repariert wurde, verwalten, was niemand zuvor verwaltet hat“, Herve Juvin, Produire le monde. Pour une croissance ecologique, 2008).

Die Ausbildung dieses neuen „Arbeitskorps“ bedeutet bereits Kriegsfuß. So wie der New Deal die UnterstĂŒtzung praktisch aller linken Intellektuellen und Aktivisten in den Vereinigten Staaten erhielt, mobilisiert der neue ökologische Kurs des bĂŒrokratischen Kapitalismus im Weltmaßstab alle „gutherzigen Apparatschiks“ der gerechten ökologischen und humanitĂ€ren Sache. Letztere sind jung, Spezialisten, enthusiastisch, kompetent und ehrgeizig: kampferprobt in den NGOs und anderen VerbĂ€nden, in FĂŒhrung und Organisation, fĂŒhlen sie sich in der Lage, „die Dinge voranzutreiben“. In der Überzeugung, die höheren Interessen der Menschheit zu verkörpern und die Geschichte auf ihrer Seite zu haben, sind sie mit einem absolut reinen Gewissen ausgestattet und, als ob das nicht genug wĂ€re, mit dem Wissen, dass die Gesetze auf ihrer Seite sind: die Gesetze, die bereits in den BĂŒchern stehen, und all jene, die sie zu erlassen hoffen. Denn sie wollen immer mehr Gesetze und Vorschriften, und hier treffen sie sich mit den anderen Progressiven, „Antiliberalen“ und Aktivisten der Partei des Staates, fĂŒr die „Gesellschaftskritik“ darin besteht, a la Bourdieu die „Beherrschten“ aufzufordern, „den Staat“ gegen seine „neoliberale Demontage“ zu verteidigen.

Nichts ist bezeichnender fĂŒr die Art und Weise, wie der Katastrophismus der Experten etwas anderes ist als eine „Bewusstwerdung“ der realen Katastrophe des entfremdeten Lebens, als die Art, wie er danach strebt, jeden Aspekt des Lebens und jedes Detail des persönlichen Verhaltens zu einem Objekt der Staatskontrolle zu machen, das Regeln, Vorschriften und Verboten unterliegt. Jeder zum Katastrophismus konvertierte Experte weiß, dass er ein Verwahrer eines Fragments des wahren Glaubens ist, der unpersönlichen RationalitĂ€t, die das grundlegende Ideal des Staates ist. Wenn er seine Anklagen und Empfehlungen an die politischen FĂŒhrer richtet, ist sich der Experte der Tatsache bewusst, dass er die höheren Interessen der kollektiven Verwaltung vertritt, der Imperative des Überlebens der Massengesellschaft. (Er wird vom „politischen Willen“ sprechen, der erforderlich ist, wenn man sich auf diesen Aspekt der Angelegenheit bezieht.) Die Expertise ist nicht nur aufgrund seiner Gewohnheiten etatistisch, weil nur ein gestĂ€rkter Staat ihre Lösungen anwenden kann: sie ist strukturell etatistisch, in all ihren Methoden, ihren intellektuellen Kategorien und ihren „Mitgliedschaftskriterien“. Diese „Jesuiten des Staates“ haben ihren Idealismus (ihren „Spiritualismus“, wie Marx es nannte), die Überzeugung, dass sie fĂŒr die Rettung des Planeten arbeiten; aber dieser Idealismus fĂ€llt in der alltĂ€glichen Praxis oft einem vulgĂ€ren Materialismus anheim, in dessen Augen es keine einzige spontane Lebenserscheinung gibt, die nicht auf den Zustand eines passiven Objekts reduziert werden könnte, das verwaltet werden kann: Um das Programm der bĂŒrokratischen Verwaltung („Natur produzieren“) durchzusetzen, muss alles bekĂ€mpft und beseitigt werden, was unabhĂ€ngig, ohne die Hilfe der Technologie, existiert und daher irrational sein muss (wie es, bis vor kurzem, die Kritiken an der Industriegesellschaft waren, die deren absehbares VerhĂ€ngnis verkĂŒndeten).

Der Kult der unpersönlichen wissenschaftlichen ObjektivitĂ€t, des Wissens ohne Subjekt, ist die Religion der BĂŒrokratie. Und zu ihren Lieblingsandachten gehört aus offensichtlichen GrĂŒnden die Statistik, die Staatswissenschaft par excellence, die diesen Status im militaristischen und absolutistischen Preußen des 18. Jahrhunderts effektiv erlangte, welches auch – wie Mumford beobachtete – die erste Gesellschaft war, die die UniformitĂ€t und den Unpersönlichkeit des modernen öffentlichen Schulsystems im großen Stil auf die Bildung anwandte. So wie in Los Alamos das Labor in ein GefĂ€ngnis verwandelt wurde, so ist das, was das Weltlabor jetzt ankĂŒndigt, so wie es die Experten darstellen, eine Kasernen-Ökologie. Der Datenfetischismus und der kindliche Respekt vor allem, was sich in Form einer Gleichung darstellen lĂ€sst, hat nichts mit der Angst vor dem Irrtum zu tun, sondern mit der Angst vor der Wahrheit, die der Nichtexperte auch ohne Zahlen formulieren kann. Deshalb muss der Nichtexperte aufgeklĂ€rt und informiert werden, damit er sich im Voraus der ökologisch-wissenschaftlichen AutoritĂ€t unterwirft, die ihm die neuen Regeln diktieren wird, die fĂŒr das reibungslose Funktionieren der gesellschaftlichen Maschine so notwendig sind. In den Stimmen derjenigen, die leidenschaftlich die Statistiken wiederholen, die von der katastrophistischen Propaganda verbreitet werden, hallt nicht die Revolte wieder, sondern Unterwerfung unter die AusnahmezustĂ€nde im Voraus, die Akzeptanz der kommenden Disziplinarregimes und die UnterstĂŒtzung der bĂŒrokratischen Macht, die vorgibt, durch den Einsatz von Zwangsmaßnahmen das kollektive Überleben sicherzustellen.

XXIV

WĂŒrde man sich an Nouges Formel halten („Intelligenz muss Biss haben. Sie greift ein Problem an“), wĂ€re man versucht, Latouche, dem Hauptdenker der „Wachstumskritik“, dieser Ideologie, die den Anspruch erhebt, eine radikale Kritik der wirtschaftlichen Entwicklung und ihrer „nachhaltigen“ Nebenprodukte zu sein, nur eine sehr mittelmĂ€ĂŸige Intelligenz zuzusprechen. In der Tat zeigt er ein sehr professorales, manchmal an GenialitĂ€t grenzendes Talent, alles, was er anfasst, zu verwĂ€ssern und jede kritische Wahrheit, durch Übersetzung in wachstumskritisches Neusprache, in fade und selbstgerechte PlattitĂŒden zu verwandeln. Allerdings sollte man ihm nicht die ganze Ehre fĂŒr eine dumpf erbauliche Fadheit, die vor allem das Ergebnis einer Art von Politik ist, geben: derjenigen, mit der die Expertisen-Linke Truppen zu mobilisieren sucht, indem sie all jene sammelt, die glauben wollen, dass wir „aus der Entwicklung“ (d.h. aus dem Kapitalismus) herauskommen könnten, wĂ€hrend wir in ihm bleiben. Daher werden wir Latouches Schriften nicht als persönliches Werk bewerten (in dieser Hinsicht ist der Genius der Sprache grausamer als jedes Urteil: seine Prosa wird ihm gerecht). Dass solch lauwarmes Wasser, auf dessen OberflĂ€che alle Klischees einer ökokompatiblen StaatsbĂŒrgerschaft schwimmen, als TrĂ€ger einer wie auch immer gearteten Subversion – und sei sie „kognitiv“ – durchgehen kann, zeigt nur die Dimension des umgebenden Konformismus auf. Andererseits ist Latouche fĂŒr das, was uns hier interessiert, perfekt: Er versteht es, dem guten Gewissen zu schmeicheln und die Illusionen des kleinen Stabes aufrechtzuerhalten, der bereits daran arbeitet, „soziale Beziehungen zu knĂŒpfen“ und der bald fĂŒr die Verwaltung der Katastrophe zustĂ€ndig sein wird. Er selbst nennt dies am Anfang seines neuesten Breviers (Petit Traite de la decroissance sereine [Auf deutsch als: Es reicht! Abrechnung mit dem Wachstumswahn], 2007) „ein nĂŒtzliches Arbeitsinstrument fĂŒr jeden engagierten politischen Verantwortlichen oder Vereinsleiter, insbesondere auf lokaler oder regionaler Ebene.“

Das Programm der Wachstumskritik, wie es Latouche sowohl der zersetzten BĂŒrgerschaft als auch der nach Neuzusammensetzung suchenden Ökologie vorschlĂ€gt, erinnert an dasjenige, das der Amerikaner Rifkin 1995 in seinem Buch „Das Ende der Arbeit“ skizzierte. Es ging bereits darum, durch die Entwicklung dessen, was Rifkin den „tertiĂ€ren Sektor“ nennt (also in etwa das, was in Frankreich als „mouvement asso- ciatif ‘ oder „economie sociale“ [„Sozialwirtschaft“] bezeichnet wird), „den Übergang zu einer Post-Markt- und Post-Lohn-Gesellschaft anzukĂŒndigen“, und dazu eine „soziale Massenbewegung“ zu starten. Dazu wollen sie eine „soziale Massenbewegung“ ins Leben rufen, „die in der Lage ist, starken Druck sowohl auf den privaten Sektor als auch auf die öffentlichen Behörden auszuĂŒben“, „um zu erreichen, dass ein Teil der enormen Vorteile der neuen Informationswirtschaft in die Schaffung von Sozialkapital und den Wiederaufbau der Zivilgesellschaft fließt“. Aber bei den Wachstumskritikern setzt man mahr auf die harten Notwendigkeiten der ökologischen und Energiekrise, die man lieber Tugenden machen will, um „starken Druck“ auf Industrielle und Staaten auszuĂŒben. In der Zwischenzeit mĂŒssen wachstumskritische Aktivisten mit dem gutem Beispiel predigen, sich als pĂ€dagogisch sparsam zeigen, in der Avantgarde der Rationierung die „freiwillige Einfachheit“ getauft wurde.

Gerade weil sich die Wachstumskritiker als TrĂ€ger des entschlossensten Wunsches, „aus der Entwicklung auszusteigen“, prĂ€sentieren, kann man bei ihnen sowohl die Tiefe des Bedauerns darĂŒber, dies tun zu mĂŒssen (spiegelbildlich in der Selbstgeißelung und Tugendgeboten), als auch das dauerhafte Gefangensein in Kategorien der „wissenschaftlichen“ Argumentation am besten messen. Das thermodynamische Fatum nimmt uns glĂŒcklicherweise die Wahl des einzuschlagenden Weges ab: Es ist das „Gesetz der Entropie“, das den Weg der Wachstumskritik als einzige „Alternative“ vorgibt. Mit diesem Ei des Kolumbus, verfasst von ihrem „großen Ökonomen“ Georgescu-Roegen, haben die Wachstumskritiker sicher ein unschlagbares Argument, das gutglĂ€ubige Industrielle und VerfĂŒgende nur ĂŒberzeugen kann. Andernfalls werden die Konsequenzen, die vorhersehbar und kalkulierbar sind, sie zwingen, die notwendigen Entscheidungen zu treffen (wie Cochet, dessen Buch Petrole apocalypse [Dt.: Ölapokalypse] Latouche gerne zitiert, sagt: „Bei hundert Dollar pro Barrel Öl verĂ€ndern wir die Zivilisation“).

Die Gesellschaft als thermo-industriell zu bezeichnen, erlaubt es auch, all das zu ĂŒbersehen, was bereits hier und heute an Zwang und Rekrutierung geschieht, dass es nicht – oder falls doch, wenig – zur Erschöpfung der Energieressourcen beitrĂ€gt. Es ist umso leichter, dies zu ĂŒbersehen, wenn man selbst im nationalen Bildungssystem oder anderswo daran beteiligt ist. All unsere Übel dem „thermo-industriellen“ Charakter dieser Gesellschaft zuzuschreiben, ist daher recht bequem und gleichzeitig simpel genug, um den kritischen Appetit der Einfaltspinsel und Emporkömmlinge zu befriedigen, die als ultimative Abfallprodukte des Ökologismus und der „Assoziationsbewegung“ die Basis der Wachstumskritik bilden. Es ist die Sorge, diese Basis nicht mit zu harten Wahrheiten zu schockieren, ihr einen fließenden Übergang in den „freudigen Rausch der geteilten Sparsamkeit“ und das „Paradies des gemĂŒtlichen Wachstums“ vorzugaukeln, die Latouche, der doch gar nicht so dumm ist, zu solch freiwilliger Armut, Klugheiten im Wahlkampf oder pĂ€pstlichen Rundschreiben wie dem Folgenden fĂŒhrt:

„Es wird immer wahrscheinlicher, dass jenseits einer bestimmten Schwelle das Wachstum des Bruttosozialprodukts zu einer Abnahme des Wohlstands fĂŒhrt“;

oder wiederum, nachdem er sich so weit vorgewagt hat, das „Marktsystem“ fĂŒr die VerwĂŒstung der Welt verantwortlich zu machen:

„All dies bestĂ€tigt die Zweifel, die wir an der ÖkokompatibilitĂ€t des Kapitalismus und einer wachstumskritische Gesellschaft geĂ€ußert hatten.“ (Le Pari de la decroissance, 2006.)

Denn, auch wenn die meisten wachstumskritischen Aktivisten es fĂŒr verfrĂŒht oder ungeschickt halten, formell eine „Wachstumskritik-Partei“ zu grĂŒnden und es vorziehen, sich „in die Debatte einzumischen“, gibt es tatsĂ€chlich eine Art Partei, die ihren Namen nicht ausspricht, mit ihrer informellen Hierarchie, ihren Basisaktivisten, ihren Intellektuellen und Experten, ihren FĂŒhrern und politischen Zielen. All das funktioniert wunderbar in den tugendhaften Konventionen eines BĂŒrgertums, das darauf bedacht ist, nicht mit irgendwelchen kritischen Exzessen zu stören: Vor allem gilt es, niemanden bei Le Monde diplomatique zu beleidigen, nett zur Linken und zum Parlamentarismus zu sein („Die radikale Ablehnung der reprĂ€sentativen ,Demokratie‘ hat etwas Übertriebenes an sich“, ebd.) und, allgemeiner, zum Progressivismus, indem man nicht den Eindruck erweckt, Nostalgie, Technophobie oder irgendetwas, das als reaktionĂ€r gelten könnte, zu frönen. Der „Übergang“ zum „Ausstieg aus der Entwicklung“ muss vage genug gefĂŒhrt werden, um die BetrĂŒgereien und Schwindeleien, die rituell als „Berufspolitik“ denunziert werden, nicht zu behindern:

„Die Kompromisse, die möglicherweise in Bezug auf die Mittel des Übergangs gemacht werden mĂŒssen, dĂŒrfen die Ziele nicht aus den Augen verlieren, in Bezug auf die wir keine Kompromisse eingehen dĂŒrfen“ (Petit traite de la decroissance sereine, 2007).

Latouche rezitiert diese Ziele in einem Stil, welcher der Schulen fĂŒr Parteikader wĂŒrdig ist:

<F>

„Wir mĂŒssen uns diese acht Ziele ins GedĂ€chtnis rufen, die in der Lage sind, einen Tugendkreis der heiteren, geselligen und nachhaltigen Drosselung des Wirtschaftswachstums in Gang zu setzen: neu bewerten, neu konzipieren, umstrukturieren, umverteilen, verlagern, reduzieren, wiederverwenden und recyceln“ (ebd.).

In Bezug auf das, was wiederverwendet und recycelt werden soll, ist Latouche der erste, der ein Exempel statuiert, indem er von einem Buch zum anderen immer wieder die gleichen frommen WĂŒnsche, Statistiken, Indizes, Verweise, Beispiele und Zitate wiederholt. Er dreht sich in seinem „Tugendkreis“, versucht aber trotzdem zu innovieren und hat so seinen Katalog um zwei weitere „Rs“ (rekonzeptualisieren und relokali- sieren [zurĂŒck zu verlangen]) bereichert, seit der Zeit, als der glorreiche Vorschlag, „die Entwicklung rĂŒckgĂ€ngig zu machen, die Welt neu zu bauen“, unter der Ägide der UNESCO herausgegeben wurde (Survivre au developpement: De la decolonisation de l‘imaginaire economique a la construction d‘une societe alternative, 2004). Was nicht so leicht zu verstehen ist, ist das Fehlen eines neunten Gebots, reapropprier – (sich) wiederaneignen, nachdem das Wort von jedem revolutionĂ€ren Beigeschmack gereinigt wurde (das alte „Enteignet die Enteigner!“); auf diese Weise entgiftet, passt es dennoch wie die Faust aufs Auge zu dem beschleunigten Unternehmen der Rekuperation, dem sich die Anti-Wachstums-Bewegung verschrieben hat, um sich im Handumdrehen mit einer Galerie vorzeigbarer VorlĂ€ufer zu versehen (unter der wir nun „eine anarchistische Tradition innerhalb des Marxismus, verjĂŒngt durch die Frankfurter Schule, den RĂ€tekommunismus und den Situationismus“ finden, Petit traite de la decroissance sereine).

Nach Latouche besteht die „Wette der Wachstumskritik (…) darin, zu glauben, dass die Anziehungskraft der gemĂŒtlichen Utopie in Verbindung mit dem Gewicht der ZwĂ€nge des Wandels eine ,Dekolonisierung der Vorstellungskraft begĂŒnstigen und genĂŒgend tugendhaftes Verhalten‘ zugunsten einer vernĂŒnftigen Lösung: der ökologischen Demokratie hervorrufen kann“ (Le Pari de la decroissance).

Wenn in Bezug auf „VerĂ€nderungszwĂ€nge“ klar ist, wozu die Wachstumkritiker dienen können – um durch ihre Aufrufe zur Selbstdisziplin die Propaganda fĂŒr Rationierung weiterzugeben, damit z.B. der industriellen Landwirtschaft nicht das Wasser fĂŒr die BewĂ€sserung ausgeht -, ist schwer zu erkennen, welche Anziehungskraft eine „Utopie“ haben könnte, deren „quasi Wahlprogramm“ Raum fĂŒr GlĂŒck und VergnĂŒgen schafft, indem sie vorschlĂ€gt, „die ,Produktion‘ von BeziehungsgĂŒtern zu fördern“. NatĂŒrlich sollte man sich vor zu viel lyrischem Gerede ĂŒber les lendemains qui decroissent [eine schwindende Zukunft] hĂŒten. Man merkt es kaum, wenn diese hart arbeitenden Menschen mit ihren SchlafmĂŒtzen mit dem Elan eines soziokulturellen Animateurs ihre Versprechen von „Lebensfreude“ und geselliger Heiterkeit zur Schau stellen. Ihre klĂ€glichen Versuche, ein wenig Fantasie in ihre Strenge zu legen, sind ebenso inspiriert wie die von Besset, der die Schönheiten des Surrealismus besingt, wie ein UnterprĂ€fekt, der in Lamotte-Beuvron eine Rene-Char-Mediathek einweiht. GlĂŒck scheint fĂŒr diese Leute eine so neue Idee zu sein, und die Vorstellung, die sie davon haben, scheint so sehr mit den Freuden ĂŒbereinzustimmen, die ein makrobiotisches Festmahl verspricht, dass man nur vermuten kann, dass sie entweder selbst an Langeweile sterben oder dass irgendein casseur de pub sie darauf aufmerksam gemacht hat. Sie arbeiten nun, vor allem in ihrem „theoretischen“ Magazin Entropia, daran zu zeigen, dass sie Kunst und Poesie lieben. Wir sehen schon das Plakat und die Flyer („Sonntagnachmittag im Maison des associations de Moulins-sur-Allier, von 15:30 bis 17:00 Uhr, geben der örtliche Dichterverein und die Vereinigung der bretonischen Bildhauer eine amĂŒsante Vorstellung, dazu ein Bio-Imbiss“).

Die Ideologie der Wachstumskritik wurde im Milieu der Experten geboren, bei denen, die im Namen des Realismus jene „realen Kosten fĂŒr die Gesellschaft“, welche die Zerstörung der Natur mit sich bringt, in eine „bio-ökonomische“ Bilanzierung einbeziehen wollten. Es behĂ€lt den unauslöschlichen Stempel dieser Herkunft: Trotz all des vereinbarten GeschwĂ€tzes ĂŒber die „Wiederverzauberung der Welt“ bleibt der Ehrgeiz, in der Manier eines jeden Technokraten a la Lester Brown, „die Kosten zu internalisieren, um ein besseres Management der BiosphĂ€re zu erreichen“. An der Basis wird eine freiwillige Rationierung befĂŒrwortet, um ein Beispiel zu geben, aber an der Spitze werden staatliche Maßnahmen gefordert: Umstrukturierung von Steuern („Umweltsteuern“), Subventionen und Normen. Wenn man es manchmal wagt, sich zum Antikapitalismus zu bekennen – in völliger InkohĂ€renz mit VorschlĂ€gen wie einem „garantierten Mindesteinkommen“ zum Beispiel -, wagt man es nie, sich zum Staatsfeind zu erklĂ€ren. Die vage freiheitliche FĂ€rbung ist nur da, um einen Teil des Publikums zu schonen, um einen Hauch von sehr konsensualem und „anti-totalitĂ€rem“ Linkssein zu vermitteln. So dient die irreale Alternative zwischen „Ökofaschismus“ und „Ökodemokratie“ vor allem dazu, nichts ĂŒber die laufende bĂŒrokratische Reorganisation zu sagen, an der wir uns heiter beteiligen, indem wir bereits fĂŒr die konsensuale Umarmung, die Übersozialisierung, die Normsetzung, die Befriedung von Konflikten eintreten. Denn die Angst, die in diesem kindischen Traum von einem „Übergang“ ohne Kampf zum Ausdruck kommt, ebenso wie die Angst vor der Katastrophe, mit deren Drohung man die VerfĂŒgenden zur Umkehr bewegen will, ist viel kleiner als die Angst vor den Unordnungen, in denen Freiheit und Wahrheit Gestalt annehmen könnten, aufhören könnten, akademische Fragen zu sein. Und so ist es ganz logisch, dass dieser WachstumsrĂŒckgang des Bewusstseins schließlich sein GlĂŒck in der virtuellen Welt findet, in der wir ohne schlechtes Gewissen reisen können, „mit einer sehr begrenzten Auswirkung auf die Umwelt“ (Entropia, Nr. 3, Herbst 2007); vorausgesetzt, wir vergessen, dass laut einer aktuellen Studie im Jahr 2007 „der Sektor der Informationstechnologie so viel zum weltweiten Klimawandel beigetragen hat wie der Flugverkehr“ (Le Monde, 13.-14. April 2008)

XXV

Wie sehr es Latouche auch gelingt, bei der ErfĂŒllung seiner „ikonoklastischen Pflicht“ auf Exzesse zu verzichten, die Bewegung zur Drosselung des Wirtschaftswachstums hat auch ihre Revisionisten, die sie auffordern, es zu wagen, sich als das zu zeigen, was sie wirklich ist, und sich ein fĂŒr alle Mal vor dem subversiven Gewand zu hĂŒten, das ihr so unwĂŒrdig ist:

„Ein erster Vorschlag zur Festigung der Idee einer friedlichen Begrenzung des Wirtschaftswachstums wĂ€re es, klar und deutlich auf die Revolution als Ziel zu verzichten. Die industrielle Welt zu beschĂ€digen, zu zerstören oder zu stĂŒrzen, scheint mir nicht nur eine gefĂ€hrliche Torheit zu sein, sondern auch ein offener Aufruf zur Gewalt, so wie es das Projekt des Umsturzes der sozialen Klassen in der marxistischen Theorie war“ (Alexandre Genko, „La decroissance, une utopie sans danger?“, Entropie, Nr. 4, FrĂŒhjahr 2008).

Sogar Besset selbst, obwohl Sprecher von Hulot und BefĂŒrworter von „la Grenelle de l‘environnement“ als „erstem Schritt in einem Projekt des Übergangs zu einer ökologischen, sozialen und kulturellen Transformation der Gesellschaft“, tut sich schwer damit, dies mit einer moderateren Mahnung zu begleiten:

„Angesichts der GrĂ¶ĂŸe und der KomplexitĂ€t der Aufgabe werden langatmige VorschlĂ€ge oder doktrinĂ€re Katechismen nicht gerade hilfreich sein…. Wie sehr wir die EinschrĂ€nkung des Wirtschaftswachstums auch mit sympathischen Adjektiven begleiten – beschwingt, gerecht, glĂŒcklich -, die Sache wird nicht angenehm sein … der Übergang wird schrecklich sein, und der Bruch mit der Vergangenheit wird schmerzhaft sein“ (ebd.).

Diese bitteren Warnungen machen auf ihre Weise deutlich, warum die Empfehlungen der Bewegung zur Drosselung des Wirtschaftswachstums keineswegs ein Programm darstellen, ĂŒber dessen Inhalt man diskutieren kann; und welche Art von Pflichtpartitur bestimmt, wie sie ihr Menuett (decrescendo cantabile) anstelle eines Abgesangs auf eine Epoche der Industriegesellschaft spielen: eine „neue Kunst des Konsums“ inmitten der TrĂŒmmer des WarenĂŒberflusses.

Das Bild dessen, was vor nicht allzu langer Zeit als „freie Welt“ bezeichnet wurde, hat sich seit Jalta eigentlich kaum verĂ€ndert: Jener demokratische Konformismus, gepanzert in seinen Gewissheiten, seinen Waren und seinen beneidenswerten Technologien, wurde zwar durch die revolutionĂ€ren Unruhen von 1968 fĂŒr einen Moment etwas erschĂŒttert, aber der „Mauerfall“ schien ihm eine Art ewiges Leben zu sichern (manche sprachen damals vorschnell vom „Ende der Geschichte“), und er glaubte sich beglĂŒckwĂŒnschen zu können, dass seine armen Verwandten auch einmal und so bald wie möglich Zugang zu solchen GenĂŒssen haben wollten. SpĂ€ter jedoch musste er beginnen, Unbehagen an der Anzahl seiner Cousins zu empfinden, besonders an den am weitesten entfernten, und sich zu fragen, ob sie wirklich verwandt sind, wenn sie sich rĂŒcksichtslos daran machen, ihren „Kohlenstoff-Fußabdruck“ zu vergrĂ¶ĂŸern. Was die ganze Welt beunruhigt, ist nicht mehr nur das klassische Szenario der Überbevölkerung, bei dem sich die NahrungsmittelvorrĂ€te trotz ProduktivitĂ€tssteigerung als unzureichend erweisen wĂŒrden, um die BedĂŒrfnisse einer wachsenden Bevölkerung zu befriedigen, sondern eine noch nie dagewesene Situation, in der bei einer stabilen Bevölkerung die Gefahr besteht, das ein ÜberfĂŒlle von Modernenauf moderne Art leben: „Wenn die Chinesen oder die Inder wie wir leben sollten….“ Angesichts dieser „katastrophalen RealitĂ€t“ wirken die technologischen Allheilmittel, mit denen wir uns immer noch selbst etwas vormachen wollen (Kernfusion, menschliche Transgenese, Kolonisierung der Ozeane, Weltraumexodus zu anderen Planeten), ausser fĂŒr einige wenige Erleuchtete kaum wie strahlende Utopien, sondern wie Palliativmittel, die in jedem Fall zu spĂ€t kommen werden. Es wird daher notwendig sein, weiterhin „harte Opfer“ und „schmerzhafte Trennungen“ an Bevölkerungen zu predigen, die „um mehrere Stufen im Umfang der ErnĂ€hrung, der MobilitĂ€t, der Produktion und des Lebensstils“ (Besset) zurĂŒckgehen werden mĂŒssen; und in Bezug auf die neuen IndustriemĂ€chte wird es eine RĂŒckkehr zum Protektionismus im Namen des Kampfes gegen „ökologisches Dumping“ geben mĂŒssen, in der Hoffnung, dass es dadurch zu einer bewussteren EinschĂ€tzung der „Umweltkosten“ und der Maßnahmen, die zu ihrer BewĂ€ltigung ergriffen werden sollten, kommen wĂŒrde (eine Neuorientierung, die in China derzeit von Pan Yue verkörpert wird).

Die „dringenden Erfordernisse“, die der Realismus der Experten mit VergnĂŒgen immer wieder verkĂŒndet, sind ausschließlich solche, die die Erhaltung und planetarische Verallgemeinerung einer verdammten industriellen Lebensweise erzwingen. Die Tatsache, dass sie nur innerhalb eines BedĂŒrfnissystems angewandt werden können, dessen Abbau es uns erlauben wĂŒrde, inmitten der wahnsinnigen Komplikationen der verwalteten Gesellschaft und ihrer technologischen OrthopĂ€die die lebenswichtigen Probleme zu konfrontieren, die nur die Freiheit angehen und lösen kann; und die Tatsache, dass diese Wiederentdeckung der materiellen Verpflichtungen, die ohne Vermittler konfrontiert werden, in der TĂ€tigkeit selbst eine Form der Emanzipation sein könnte, sind Ideen, die keiner von denen, die uns von den immensen Gefahren sprechen, die durch unseren Eintritt in das Zeitalter des AnthropozĂ€ns entstanden sind, offen und deutlich auszusprechen wagt. Wenn jemand es wagt, zaghaft so etwas anzudeuten – dass der Verzicht auf die Annehmlichkeiten des industriellen Lebens vielleicht gar kein so schmerzhaftes Opfer, sondern im Gegenteil eine ungeheure Erleichterung und ein GefĂŒhl, endlich ins Leben zurĂŒckzukehren wĂ€re -, dann wird er in der Regel unter Druck gesetzt, seine Aussagen zurĂŒckzunehmen, und er ist sich der Tatsache bewusst, dass er andernfalls als antidemokratischer Terrorist, ja sogar als Totalitarist oder Ökofaschist abgestempelt wĂŒrde, wenn er seine Argumente zu Ende denkt; Dies erklĂ€rt die Verbreitung von Werken, in denen bestimmte sachdienliche Beobachtungen in einem Meer von beruhigenden Überlegungen verwĂ€ssert werden. Kaum jemand begreift das Eintreten fĂŒr seine Ideen nicht als banale Strategie zur Gewinnung der öffentlichen Meinung nach dem Vorbild des Lobbyismus, sondern als ein Engagement innerhalb eines historischen Konflikts, in dem man zuschlĂ€gt, ohne einen anderen VerbĂŒndeten zu suchen als einen „offensiven und defensiven Pakt mit der Wahrheit“, wie ein ungarischer Intellektueller 1956 sagte. Aus diesem Grund kann man nur ĂŒber die Einheitlichkeit der Standpunkte erschrecken, ĂŒber das Fehlen jedes unabhĂ€ngigen Gedankens und jeder wirklich dissidenten Stimme. Betrachtet man die moderne Geschichte, und sei es nur das letzte Jahrhundert, so ist es schwindelerregend, einerseits die Vielfalt und die KĂŒhnheit so vieler Positionen, Hypothesen und widersprĂŒchlicher Meinungen, welcher Art auch immer, festzustellen, und andererseits das, was nun an die Stelle all dessen getreten ist. Als Reaktion auf die GehirnwĂ€sche, der sich so viele noch lebende Protagonisten freiwillig unterworfen haben, werden sie im besten Fall manchmal vernĂŒnftig auf diese historischen Werke reagieren, aber sie werden das GefĂŒhl haben, dass sie zur PalĂ€ontologie oder zu den Naturwissenschaften gehören, so weit sind diese Autoren von der Vorstellung entfernt, dass die Elemente, die sie ans Licht bringen, heute irgendeinen kritischen Nutzen haben könnten.Die Vorliebe fĂŒr respektablen Konformismus, der Hass und die panische Angst vor der Geschichte, außer als eindeutige und schlampige Karrikatur, haben einen solchen Punkt erreicht, dass im Vergleich zu dem, was heute als BĂŒrgerbewegter durchgeht – mit seinen gemĂ€ĂŸigten und höflichen Empörungen, seiner priesterlichen Heuchelei, seiner Feigheit angesichts jedes direkten Konflikts -, jeder linke Intellektuelle der fĂŒnfziger oder sechziger Jahre fast wie ein unbezĂ€hmbarer von Kampfgeist, Phantasie und Humor ĂŒberschĂ€umender Freiheitsfreund erscheinen wĂŒrde. Wenn man eine solche geistige Vereinheitlichung sieht, könnte man sehr wohl glauben, das Ergebnis der AktivitĂ€ten einer Gedankenpolizei zu sehen. In Wirklichkeit ist die BefĂŒrwortung des Konsenses das spontane Produkt des GefĂŒhls der Ohnmacht, der damit verbundenen Angst und des BedĂŒrfnisses, den Schutz des organisierten Kollektivs durch eine völlige Hingabe an die Gesamtgesellschaft zu suchen. Die durch allgemeinen Konsens demokratisch sanktionierten Gewissheiten – die VorzĂŒge der Internet-Kultur oder die der High-Tech-Medizin – in Zweifel zu ziehen, könnte einen in den Verdacht der Abweichung von der vorgegebenen Linie der Orthodoxie bringen, könnte sogar zu einem eigenstĂ€ndigen Denken oder gar zu einem Urteil ĂŒber die TotalitĂ€t des entfremdeten Lebens fĂŒhren. Und wer kann sich so etwas erlauben? All dies kann nicht anders, als an das Motto der Unterwerfung des Militanten, perinde ac cadaver, zu erinnern, wie es von Trotzki formuliert wurde: „Die Partei hat immer Recht“. Aber wĂ€hrend in den totalitĂ€ren bĂŒrokratischen Gesellschaften der Zwang von den Massen als solcher empfunden wurde und es ein schreckliches Privileg der Militanten und Apparatschiks war, an die Fiktion glauben zu mĂŒssen, dass eine Wahl möglich sei – fĂŒr oder gegen das sozialistische Vaterland, die Arbeiterklasse, die Partei -, das heißt, stĂ€ndig eine niemals gesicherte Orthodoxie beweisen zu mĂŒssen, ist dieses Privileg heute demokratisiert worden, wenn auch mit weniger dramatischem Effekt: kein Widerspruch zum Wohl der Gesellschaft oder zu dem, was die Gesellschaft fĂŒr notwendig erklĂ€rt. Es ist eine BĂŒrgerpflicht, gesund zu sein, kulturell auf der Höhe der Zeit zu sein, ans Netz angeschlossen zu sein, etc. Der ökologische Imperativ ist das neueste unwiderlegbare Argument. Wer ist nicht gegen PĂ€dophilie, natĂŒrlich, aber vor allem: wer stellt sich schon gegen die Erhaltung der gesellschaftlichen Organisation, die es erlaubt, die Menschheit, den Planeten und die BiosphĂ€re zu retten? Hier liegt die eigentliche Hauptader fĂŒr eine bereits krĂ€ftige und weit verbreitete „BĂŒrger“-Persönlichkeit

In Frankreich ist besonders bemerkenswert, dass diese Ă€ngstliche Unterwerfung eine besonders beklemmende, fast pathologische Form annimmt; aber um sie zu erklĂ€ren, braucht man nicht auf eine Psychologie des nationalen Charakters zurĂŒckzugreifen: es ist einfach so, dass hier der Konformismus doppelte Arbeit leisten musste, um sich in seinen Gewissheiten zu abzusichern. Denn es ist notwendig, dass er den Widerspruch, der ihm geboten wird, im Voraus zensiert; es ist bereits vierzig Jahre her, als jene Kritik an der modernen Gesellschaft und an ihrem „System der Illusionen“, die der revolutionĂ€re Versuch vom Mai 1968 lieferte, flĂŒchtig in das kollektive Bewusstsein eindrang, und im kurzlebigen öffentlichen Raum eingeschrieben wurde, der seine wilde Existenz begrĂŒndete. Ein wachstumskritischer Rivale von Latouche, der sich mit Nachdruck als „republikanisch“ und „demokratisch“, d. h. staatlich und wahltaktisch bezeichnet, Ă€ußert so seine BefĂŒrchtung, dass „extremistische, maximalistische Theorien und Praktiken“ in der Jugend jene MĂ€ngel verstĂ€rken wĂŒrden, die ihnen scheinbar angeboren sind, „wie der Hass auf die Institution oder die pauschale Ablehnung der Gesellschaft“ (Vincent Cheynet, Le Choc de la decroissance, 2008).

XXVI

Der Skandal der „Kulturrevolution“, die der französische Mai angeblich war, wird alle zehn Jahre einer Übertreibungskampagne unterworfen und diesmal wird er, um in zu erledigen, in einen ohrenbetĂ€ubenden LĂ€rm verwandelt, der, ergĂ€nzt durch die BeitrĂ€ge einer Vielzahl falscher Zeugen, eine Interpretation der Ereignisse wiedergibt, die damals sofort von denen angeboten wurde, die nicht leugneten, dass sie die Reaktion waren. Obwohl die relative ZurĂŒckhaltung in der Repression, die auf die Krise folgte, sicherlich in keiner Weise der Blutigen Woche Ă€hnelte, fehlte es weder an Soziologen (von denen einige in der Agitation, die dem Aufstand vorausging, ziemlich missbraucht wurden) noch an Kommentatoren und bulligen Journalisten, um schnell ihre Galle auskotzten. Was diese Bewegung betrifft, die weder AnfĂŒhrer noch ReprĂ€sentanten hatte (die aber Einige eilig zu produzieren suchten), bei der die unbedeutendsten öffentlichen GebĂ€ude besetzt wurden und die dennoch so wenig rational war, dass niemand auch nur daran dachte, die Champs Elysees oder die Nationalversammlung zu besetzen, was kann man ĂŒber sie sagen, das ihr die FĂ€higkeit nimmt, die Menschen zu erschrecken, außer dass sie in Wirklichkeit nichts anderes war, als eine Pantomime, ein Psychodrama von Babyboomern, die Revolution spielen, ein Entspannungsventil, das die „Konsumgesellschaft“ ihren verwöhnten Kindern anbot – d.h. im Endeffekt ein Nichtereignis? Sture Ironie, dass „die Ereignisse im Mai“ die ĂŒbliche Bezeichnung fĂŒr die obsessive Leere dieses Nichtereignisses geworden ist.

Die aufeinanderfolgenden Schichten falscher Darstellungen, die sich auf diese anfĂ€ngliche FĂ€lschung, die das dumme journalistische Bild der „Studentenkommune“ war, auftĂŒrmen und bei jeder Gedenkfeier selbstbewusst deponiert werden, sagen uns statt- dessen etwas ĂŒber die Epoche, die sie hervorgebracht hat, und ĂŒber die anhaltende Schwierigkeit, die Beleidigung zu verarbeiten, die der Aufstand fĂŒr den Scharfsinn der Analytiker jener Epoche, einschließlich der TotalitĂ€t ihrer Intellektuellen sowie ihrer Doktoren in Revolution, war. Aber es zeigt auch, dass das, was ĂŒber so viele Jahre hinweg zu so vielen Anstrengungen und Kontroversen gefĂŒhrt hatte, immer noch als eine vage Bedrohung der Auflösung jeder bestehenden Ordnung wahrgenommen wurde: Es war schließlich dazu gekommen, nach dem Vorbild des Revisionismus a la Furet, fĂŒr den die Französische Revolution leider wegen der Existenz von RevolutionĂ€ren schiefgegangen ist, ĂŒber eine „Verteufelung der Macht“ zu sprechen, „die die Pfeiler des Zusammenlebens zersetzt und die Möglichkeit einer transformativen Politik diskreditiert“ („Mai 68, quarante ans apres“, Le Debat, MĂ€rz-April 2008). Da das irritierende „Mysterium von ,68“ immer noch die Frage beinhaltet, wie, ausgehend von einer sehr begrenzten Agitation, deren erklĂ€rtes Ziel die Zerstörung der UniversitĂ€t war, so viele Menschen begeistert an der praktischen Kritik von „allem, was kritisiert werden kann“, teilgenommen haben, wird man verstehen, dass fast alle seine historischen Feinde – zertifizierte Experten oder Schauspieler, die durch ihre hĂ€ufigen Auftritte im Fernsehen kreditiert sind – sich fortan einem beruhigenden Konsens zugunsten der Idee anschließen, dass es sich letztlich um nichts anderes als ein „unmögliches Erbe“ handelt, so die kluge Formel eines dieser Experten. Man könnte der Wahrheit nicht treuer sein, und es gibt auch keinen besseren Ausdruck dafĂŒr, als zu sagen, dass dieser Versuch, alle verschiedenen Formen der Entfremdung, alte und neue, abzulehnen, nichts fĂŒr diejenigen ĂŒbrig gelassen hat, die, um ihn zu verurteilen oder zu loben, immer selbstbewusster verkĂŒndet haben, dass die Hauptwirkung der Bewegung darin bestand, die Archaismen zu stĂŒrzen, die die französische Gesellschaft noch immer einschrĂ€nkten und sie daran hinderten, ihre umfassende Modernisierung durchzufĂŒhren.

Diese kapitalistische Modernisierung, die unter dem Gaullismus weit fortgeschritten war, wĂ€re wahrscheinlich ohnehin durchgefĂŒhrt worden, aber die verschiedenen linken Sekten spielten dabei eine unterstĂŒtzende Rolle, die fĂ€lschlicherweise dem Aufstand zugeschrieben wurde. Es ist bekannt, dass erst nach dem Ende des Aufstandes und in den ersten Tagen der RĂŒckkehr zur Ordnung, nachdem ihre Organisationen wiederhergestellt waren, die von einem Staat aufgelöst worden waren, der nach einem Feind suchte, dessen Motive er verstehen konnte – und den er opportunerweise in diesen sektiererischen und hierarchischen Gruppen entdeckte, deren Methoden und Ziele dem Wesen der Bewegung der Besetzungen und dem, was sie zu erreichen versucht hatte, radikal entgegengesetzt waren -, diese linken Gruppierungen in nur wenigen Jahren einen Einfluss und eine Sichtbarkeit erlangten, von der sie vorher nur trĂ€umen konnten. Was sie mit diesem Einfluss anstellten, war ausnahmslos grotesk und abstoßend; einige, die nicht alle Senatoren geworden waren, glaubten, dass der Mai eine Generalprobe fĂŒr die Einnahme des Winterpalastes sei, wĂ€hrend andere, ĂŒberzeugt davon, dass sie die Verkörperung eines neuen Widerstands seien und sich auf dem Weg zum BĂŒrgerkrieg befĂ€nden, von Volkstribunalen und summarischen Hinrichtungen trĂ€umten. All dies brach sehr schnell zusammen, aber durch die Zersetzung all ihrer politischen Illusionen und Ambitionen, auf die sie verzichteten, ohne jedoch ihren Stil und ihre schlimmsten Methoden aufzugeben, gelang es den Linken, sich eine neue IdentitĂ€t in einer Art von „kulturellem Linksseins“ zu schaffen, dessen Wirkung und dessen unvergleichlicher Beitrag zu unseren endlich befreiten und wirklich modernen Sitten von der ganzen Welt anerkannt wird. Es gibt diejenigen, die oft zum Ausdruck bringen, wie gut es war, dass sich die französische Linke in ihrer Phase der deliriösen Nachahmung der militĂ€rischen Vorstellung einer bĂŒrokratischen Einreihung nicht der Flucht nach vorn in den Terrorismus angeschlossen hat, wie es kurz darauf in Italien und Deutschland geschah. Man kann die Frage jedoch etwas anders formulieren und feststellen, dass ihr Sektierertum, ihr ideologischer Wahn, ihr opferbereiter Aktivismus, kurz, das ganze Ensemble der Praktiken und der effektiven RealitĂ€t dieser Gruppen ausreichte, ohne dass man zur Propaganda der Tat ĂŒbergehen musste, um die gleichen Wirkungen zu erzielen, indem sie eine im Entstehen begriffene revolutionĂ€re Generation verheizte, sie mit Ideologie infizierte und sie mit ihren abstoßenden Nachahmungen dazu brachte, die Subversion zu verabscheuen. Dies war der erste ebenso negative wie entscheidende Beitrag der Linken zum Erfolg des Modernisierungsprojekts, das durch den Mai ,68 kurz aus der Bahn geworfen worden war.

XXVII

Gustav Janouch berichtet diese desillusionierten Worte Kafkas, als sie an einer Arbeiterdemonstration mit wehenden Fahnen vorbeikommen:

„Die Leute sind so selbstbewußt, selbstsicher und gut aufgelegt. Sie beherrschen die Straße und meinen darum, daß sie die Welt beherrschen. In Wirklichkeit irren sie doch. Hinter ihnen sind schon die SekretĂ€re, Beamten, Berufspolitiker, alle die modernen Sultane, denen sie den Weg zur Macht bereiten. […] Die Revolution verdampft, und es bleibt nur der Schlamm einer neuen BĂŒrokratie.“

(Anschliessend hat er diese Formel: „Die Fesseln der gequĂ€lten Menschheit sind aus Kanzleipapier.“) Obwohl sehr schlamming, kann das, was die Verdunstung der Revolution diesmal hinterließ, nicht als „neue BĂŒrokratie“ definiert werden. Die Erneuerung des Herrschaftspersonals fand zwar statt, aber nach dem ĂŒblichen Mechanismus der Generationenfolge im Rahmen der bestehenden Gesellschaft. (Der Innenminister zur Zeit der RĂŒckkehr zur Ordnung hat das zumindest verstanden, als er ziemlich amĂŒsant sagte: „All diese jungen Linken werden als gemĂ€ĂŸigte Abgeordnete oder Journalisten enden.“) Wenn es tatsĂ€chlich eine Verschlammung gab, dann durch die Förderung neuer Sitten, die von denen propagiert wurden, die vor allem versucht hatten, die Flut einzudĂ€mmen und zu kanalisieren, und die schnell von denen ĂŒbernommen wurde, die bis zum Ende Zuschauer geblieben waren. Das Bemerkenswerteste ist, dass diese Verbreitung der liebenswĂŒrdigen, maßgeschneiderten Freiheiten, die die Sklavenmoral einer fortgeschrittenen Gesellschaft ausmachen, von den meisten Kommentatoren, selbst wenn sie einem solchen „Warenindividualismus“ kritisch gegenĂŒberstehen wollen, als der spezifische Inhalt dieser unvollendeten Revolution dargestellt wird; nicht als einer ihrer Effekte, gemĂ€ĂŸ einem Prozess der „klassischen“ Rekuperation, sondern als ihr Wesen und ihre tiefe Bedeutung.

Solange es soziale Revolutionen gegeben hat und sie niedergeschlagen wurden, haben wir die verschiedensten Methoden der Wiederherstellung gesehen; wir haben noch nie eine solche Entwaffnung des Bewusstseins so schnell und mit so wenig repressivem Aufwand erreicht gesehen. Wer an den revolutionĂ€ren AktivitĂ€ten des Mai teilgenommen und Paris im Herbst 1968 gesehen hatte, konnte, auch wenn er sich lieber tĂ€uschen ließ, sofort wissen, welche Vielfalt an unterschiedlichen Gesichtern die Konterrevolution diesmal annehmen wĂŒrde, und spĂŒren, welches ihr anhaften wĂŒrde. In den unerbittlich geteerten Straßen war es weniger die OmniprĂ€senz der Polizei, welche die RĂŒckkehr zur Ordnung kennzeichnete, als eine beunruhigende Beschwingtheit des Di- rectoire: Eine Art revanchistische Partei diktierte den Muscadins und Merveilleuses einer erleichterten Mittelschicht ihr befreites Verhalten, die umso mehr geneigt war, sich mit ganzem Herzen in die revolutionĂ€re Mode und besonders in die der Emanzipation der Sitten zu stĂŒrzen, als sie schon seit einigen Jahren danach strebte, sich mit einem Lebensstil auszustatten, der besser zu den verschiedenen Erleichterungen passte, zu denen sie endlich Zugang erhielten. Dies war die Gelegenheit fĂŒr die Linke, ihren zweiten, positiven Beitrag zur Modernisierung zu leisten. Aber erst mussten die extremsten Varianten der mikrobĂŒrokratischen Hochstapelei durch Überbietung und Bluff den Verwesungspunkt erreichen.

Über die Art und Weise, wie ein Teil jener „wilden Jugend“, die das einzige fragile „Erbe“ des Mai war, sich dem manipulativen Aktivismus der Linken anschloss, ist gesagt worden, es sei „eine Art Leninismus a posteriori‘ (Kristin Ross, May ,68 and Its Afterlives, 2002). Um eine solche Eroberung zu bewerkstelligen, musste die Linke allerdings viel Abenteurertum und spontane Demagogie in ihren Leninismus stecken – oder besser gesagt in ihren Lenino-Stalinismus, denn in diesem Genre zeichneten sich vor allem die Maoisten aus, wie spĂ€ter auch in medialer Reue, generationeller Selbstdarstellung und festlicher Schminke. In der Avantgarde dieses Zersetzungsprozesses hatte eine ungewöhnliche „anarcho-maoistische“ Strömung bereits 1970 versucht, ihre Interventionsfelder zu diversifizieren und der schmutzigen militanten AlltĂ€glichkeit eine poppigere FĂ€rbung zu geben, indem sie die Idee einer „Revolution des alltĂ€glichen Lebens“ mit der finstersten Verblendung ĂŒber die „Befreiung“ Vietnams durch die dortigen Stalinisten oder mit anderen Ungeheuerlichkeiten ĂŒber die „Kulturrevolution“ in Einklang brachte. Gleichzeitig verbreitete der Import der „Gegenkultur“ amerikanischer PrĂ€gung die schlimmsten Klischees eines schlampigen Konsumverhaltens, gewĂŒrzt mit Drogen zur GrenzĂŒberschreitung, ein ideologischer Schmelztiegel, der hier auf jeden Fall einen eklatanten RĂŒckschritt markierte, wenn auch nicht in seinem Ursprungsland. All dies verdichtete sich in den 1970er Jahren zu einem Massenhedonismus, dem man zustimmte, sobald er zur Schau gestellt wurde, und in den der schwĂ€chste Teil (damals als „vaneigemistisch“ bezeichnet) der modernen Gesellschaftskritik seinen Hauch von selbstgefĂ€lliger „SubjektivitĂ€t“ eingebracht hatte. Der Verzicht der Linken auf ihre polizeilichsten Ambitionen auf revolutionĂ€re FĂŒhrung diente vor allem dazu, im Namen der opportunistisch wiederentdeckten „individuellen Freiheiten“ die Verzögerung durch die militante Kasteiung wettzumachen, um den aufbrausenden Konsumstil anzunehmen, der nun mehr oder weniger obligat war. So wurde die obszöne Erleichterung des „servilen Fests“, das sich auf immer breitere Schichten der Gesellschaft ausdehnte, in wenigen Jahren von einer staatlich garantierten festlichen ServilitĂ€t abgelöst.

Die geschichtstrĂ€chtige Plötzlichkeit und Gewalt des französischen Mai enthielt den Imperativ, dass die „RĂŒckkehr zur Ordnung“ viel mehr als eine einfache Wiederherstellung, die beschleunigte Vervollkommnung der neuen Warenordnung sein sollte, gegen die sich der Mai erhoben hatte. Der VollstĂ€ndigkeit halber muss in der kurzen Darstellung der Rolle, die die Linken in dieser Hinsicht spielten, auch die Art und Weise erwĂ€hnt werden, in der sie, indem sie das Gros ihres Personals aus dem studentischen Milieu rekrutierten, auf dieses kĂŒnftige Aufsichtspersonal, das in aller Eile hergestellt wurde, um den wachsenden BedĂŒrfnissen gerecht zu werden, Techniken der Ausbildung und Manipulation anwandten, die jene vorwegnahmen, die heute in der Welt der „Wirtschaftlichkeit“ und einem guten Teil der sozialen Beziehungen vorherrschen. Indem sie eine Art InterdisziplinaritĂ€t durchsetzten, halfen die Linken dort, wo es der alten UniversitĂ€t noch an Know-how fehlte, die neuen FĂ€higkeiten zu vermitteln und die Charaktere zu formen, die die Absolventen dieses Doppelgangs brauchten, um sie auf die Aufgaben vorzubereiten, die ihnen nun im Zuge des Modernisierungsprozesses oblagen; die FlexibilitĂ€t, die sie zeigen mussten, um sich den UnwĂ€gbarkeiten der von ihren jeweiligen Leitungen gezogenen politischen Linien zu unterwerfen, fand schließlich ihren vollen Nutzen. Soziologen, die selbst von einer „kritischen Soziologie“ zu einer „Soziologie der Kritik“ ĂŒbergegangen waren, die mehr auf die positiven Dimensionen des gesellschaftlichen Zusammenhalts achtete, beanspruchten viel spĂ€ter, das PhĂ€nomen zu theoretisieren, und sahen in ihm einen neuen Geist des Kapitalismus. Der Trick bestand darin, freiheitliche Behauptungen und Kritiken der Entfernung unter der Ad- hoc-Kategorie der „kĂŒnstlerischen Kritik“ einzuordnen, wobei diese als völlig verschieden von einer reinen „Gesellschaftskritik“ dargestellt wurde, die sich ausschließlich mit Ausbeutung und Hierarchie befasse. Dies erlaubte es, der „kĂŒnslerischen Kritik“ vorzuwerfen, „einem besonders destruktiven Liberalismus in die HĂ€nde zu spielen“. Es kann uns nicht ĂŒberraschen, dass Jean-Claude Michea die „Analysen“ dieses Schurkenpaares (Boltanski-Chiapello) als „endgĂŒltig“ beurteilte, aber seltsamerweise war er nicht der einzige, denn es gibt einige darunter, von denen man mehr Klarheit ĂŒber einen solchen Anspruch, die Gesellschaftskritik ex cathedra neu zu begrĂŒnden, hĂ€tte erwarten können.

XXVIII

Wenn wir uns auf diese kurze Zusammenfassung der FĂ€lschungen des französischen Mai eingelassen haben – und uns bewusst nur diesem einen Aspekt widmen -, dann nicht, weil wir uns durch den Rhytmus der zehnjĂ€hrigen Gedenkfeiern diktierte „Pflicht zum Gedenken“ irgendwie dazu gezwungen fĂŒhlen wĂŒrden. Was diese retrospektiven Betrachtungen unserer Meinung nach rechtfertigt, ist das jĂŒngste Auftauchen einer neuen Welle von Kommentatoren, die nach so vielen Jahren der Verleumdungen oder verleumderischen Lobreden behaupten, ,68 sogar in seinen anti-bĂŒrokratischsten Aspekten zu verteidigen, und die es weiterhin verleumden, denn ihnen zufolge mĂŒssen wir (in Anlehnung an das oben zitierte Buch von Kristin Ross, das in Frankreich von Le Monde diplomatique veröffentlicht wurde) die „soziale Bewegung“ vom Dezember 1995, Seattle und andere Ablehnungen der „liberalen neuen Weltordnung“ als eine Fortsetzung, ein „Nachleben“, des „Mai“ interpretieren. Wir möchten nur darauf hinweisen, dass die „anti-liberalen“ Proteste im Gegensatz zu einem der bewundernswertesten Merkmale der Bewegung der Besetzungen (ihrer sachlichen Ablehnung des Staates, der LegalitĂ€t und jedes „sozialen Dialogs“) nichts anderes tun, als das Verschwinden des „Sozialstaats“ und seiner „Kultur des öffentlichen Dienstes“ zu beklagen und sich so weit herabzulassen, seine Wiederherstellung zu fordern. Es ist auch nicht irrelevant, darauf hinzuweisen, dass die Ära nach 68 – neben einer „Festlichkeit“, die jetzt, da der Sturm die Laternen gelöscht hat, nicht mehr die KĂŒhnheit anzugreifen hat – ein vielfaltiges Angebot an segmentierten egalitĂ€ren Protesten erlebt hat, die alle durch ihren reformistischen Konformismus vereint sind, der, wenn er sich nicht in Apologetik ergeht, jede Kritik, selbst rein verbaler Art, an den zentralen RealitĂ€ten der technologischen und warenförmigen Entfremdung vermeidet. Das gilt natĂŒrlich auch fĂŒr die etatistischen Metastasen, die sich Assoziationsbewegung [oder Vereinsbewegungen] nennen. Aber es ist bekannt, dass Proteste wie der Neo-Feminismus oder die Homosexuellen-Bewegungen, die zumindest gegen das Fortbestehen besonders abstoßender alter Entfremdungen kĂ€mpften, mit Hilfe der French Theory eine sehr wirksame Vorhut der Normalisierung und des sozialen Konformismus verkörpern konnten, bei der es in Bezug auf alles, von der Gleichberechtigung bis zur Gleichgeschlechtlichenehe, schwer zu erkennen ist, welche Vorschriften gerade zur DomĂ€ne des politisch Korrekten gehören und welche zu jenem Einheitsdenken, dessen Ausdruck bis vor nicht allzu langer Zeit solche Emotionen auslöste. Aus dem Munde ihrer flĂŒchtigen anti-liberalen, Eine- andere-Welt-ist-möglich- und Anti-Wachstums-Avatare formuliert und entwickelt die Zivilgesellschaftsbewegung einheitlich „die gesellschaftliche Forderung nach Schutz vor der Katastrophe“. Ihr abschreckendes Beispiel liefert damit eine sinnvolle ErgĂ€nzung zur klassischen BĂŒrokratiekritik. Letztere bezieht sich auf die Art und Weise, wie der Staat seine Regeln und seine Kontrolle ĂŒber die Gesellschaft durchsetzt. Von nun an ist es die Gesellschaft selbst – durch all die zufĂ€lligen Menschen, die sich mobilisieren, um ihre verschiedenen Ängste zu bĂŒndeln und das Bild einer angeblichen „Zivilgesellschaft“ herzustellen -, die ebenfalls Regeln und Kontrolle verlangt. Man kann gar nicht genug betonen, wie sehr dieses Schlammland beunruhigende Ähnlichkeiten mit dem aufweist, was Primo Levi in Die Untergegangenen und die Geretteten als die Grauzone des Lagers bezeichnet hat.

XXIX

In seiner Kritik an den BĂŒchern, in denen Burnham zuerst Rizzis Theorie der BĂŒrokratisierung der Welt popularisierte, wies Orwell darauf hin, wie die Faszination fĂŒr das Spektakel der Macht Burnham, bevor er schließlich der Masse folgte und sich der anti-kommunistischen Propaganda des Kalten Krieges anschloss, dazu verleitet hatte, die Effizienz der Organisation, die er „managerial“ nannte, zu ĂŒberschĂ€tzen, obwohl er aufgrund der damaligen UmstĂ€nde das Risiko einging, dieselbe unaufhaltsame Effizienz Nazideutschland und dem stalinistischen Russland zuzuschreiben. Orwell merkte an, dass diese Art, die lineare Fortsetzung dessen, was damals geschah, vorherzusagen und von „Prozessen, die kaum begonnen haben, zu sprechen, als wĂ€ren sie bereits am Ende“, ohne die Langsamkeit des gesamten historischen Prozesses und das, was wir heute „soziologische SchwerfĂ€lligkeit‘ nennen wĂŒrden, „zwangslĂ€ufig zu falschen Prophezeiungen fĂŒhrt, denn selbst wenn sie die Richtung der Ereignisse richtig einschĂ€tzt, wird sie ihr Tempo falsch berechnen“ („James Burnham and the Managerial Revolution“, 1946). In einem spĂ€teren Text („Burnham‘s View of the Contemporary World Struggle“, 1947) sprach Orwell erneut diese Tendenz an, „die Geschichte und ihre komplexen Prozesse auf ein reines logisches Schema zu reduzieren“ und auf jene Art von „Realismus“, die die Wahrnehmung der RealitĂ€t verfĂ€lscht und die in diesem Fall dazu fĂŒhrt, dass Burnham der bĂŒrokratischen Machtkonzentration einen unausweichlichen Charakter der Notwendigkeit und unabwendbaren Effizienz zuschreibt. Ein Ă€hnlicher Effekt wie der des „Machtkults, der heute unter Intellektuellen so weit verbreitet ist“, lĂ€sst sich in der Faszination fĂŒr das technologische System, sein rasantes Wachstum und seine „Blitzkriegen“ gegen die Natur beobachten: Es sind dieselben monotonen Wahnvorstellungen von unfehlbarer RationalitĂ€t, von plötzlichen und brutalen Mutationen, von einem historischen Schicksal, das manchmal schrecklich, aber immer großartig ist.

Die Gesellschaftskritik ihrerseits, selbst wenn sie ihren Namen verdiente, verfiel oft in den einen oder anderen dieser MĂ€ngel: Entweder ironisierte sie die Fehler und Missgeschicke der FĂŒhrer, machte sich ĂŒber die InkohĂ€renz und das lĂ€cherliche Scheitern ihrer Unternehmungen lustig und lachte ĂŒber die „inneren WidersprĂŒche“, welche die bestehende Gesellschaft unweigerlich unterminierten; Oder sie wollte, im Gegenteil, ĂŒber den Fortschritt der Entfremdung Klarheit schaffen und so gegenĂŒber allen revolutionĂ€ren Illusionen die Vollkommenheit der Herrschaft betonen, indem sie dieser eine Effizienz verlieh, wenn nicht gar eine RationalitĂ€t, die sie unerschĂŒtterlich erscheinen ließ. NatĂŒrlich besteht immer die Gefahr der Übertreibung und Vereinfachung, wenn man einen laufenden Prozess beschreibt, in diesem Fall die Etablierung einer „grĂŒnen BĂŒrokratie“. Aber es war in der Tat fast unerlĂ€sslich, den Punkt zu forcieren, um zu zeigen, dass der „neue Kurs“ der Herrschaft nicht als bloße Fassade des Reformismus in der Art von dem, was auf Englisch Greenwashing genannt wird, betrachtet werden kann. Wir sind uns jedoch nicht darĂŒber im Klaren, ob das bĂŒrokratische Projekt einer nachhaltigen Desasterverwaltung, sobald es ĂŒber ein Verantwortungsbewusstsein hinausgeht, das darin besteht, sich die ZĂ€hne zu putzen, ohne den Wasserhahn laufen zu lassen, oder Fahrgemeinschaften zum Bio-Supermarkt zu bilden, um den eigenen Kohlenstoff-Fußabdruck zu reduzieren, auf zu viele Hindernisse stoßen wird, sowohl externe als auch interne, um tatsĂ€chlich eine Stabilisierung im globalen Maßstab zu erreichen. (Doch nach eigenem Bekunden könnte es nur in diesem Umfang etwas erreichen). Die Desasterverwaltung, die wir in groben ZĂŒgen zu charakterisieren versucht haben, wird ihren augenscheinlichsten Erfolg in LĂ€ndern erzielen, die bereits gut polizeilich ĂŒberwacht und in Übersozialisierung geĂŒbt sind. Und selbst dort wird sie, wie jede BĂŒrokratie, nur eine Parodie der Effizienz erreichen. Die BĂŒrokratisierung, so schnell sie auch sein mag und durch die NotstĂ€nde, die sie einfĂŒhren muss, beschleunigt wird, wird nichts „lösen“: Sie wird mit ihren immensen Zwangs- und FĂ€lschungsmitteln der Flut von Plagen aller Art und ihren unvorhersehbaren Kombinationen begegnen. Aber die intellektuelle Genugtuung, im Vorhinein zu wissen, dass sie zum Scheitern verurteilt ist, hilft uns wenig, wenn sie verspricht, den Zusammenbruch der Industriegesellschaft, mit uns darunter, fĂŒr eine möglicherweise lange Zeit andauern zu lassen. Es macht daher keinen Sinn, sich die eigenen Chancen auszurechnen und ĂŒber ein „Nachher“ zu spekulieren. Vorerst gelingt es ihr zumindest mit unbestreitbarer Effizienz, durch Propaganda und Rekrutierung jeden Versuch zu ersticken, eine Gesellschaftskritik zu formulieren, die sowohl anti-staatlich als auch anti-industriell wĂ€re. In dieser Hinsicht können wir eine Parallele zur historischen Situation ziehen, mit der RevolutionĂ€re zwischen den beiden Weltkriegen konfrontiert waren, zu einer Zeit, als es notwendig war, sowohl antifaschistisch als auch antistalinistisch zu sein; die Verwendung der faschistischen Bedrohung durch den Volksfront-Stalinismus erinnert in vielerlei Hinsicht an die Verwendung der Gefahr des ökologischen Zusammenbruchs durch die etatistische Propaganda: Es ist die gleiche Verschleierung der wirklichen historischen Ursachen, die gleiche Erpressung mit Dringlichkeit und Effizienz, die gleiche Manipulation einhellig guter GefĂŒhle.

XXX

Diejenigen, die es wagen, die Vorteile in Frage zu stellen, welche die Propaganda fĂŒr die Übersozialisierung hartnĂ€ckig gegen das Offenkundige vorbringt, und die sich weigern, sich in die heilige Union zur Rettung der Erde einzubringen, können damit rechnen, bald so behandelt zu werden wie Deserteure und Saboteure in Kriegszeiten. Denn der „Notstand“ und die Knappheiten, die sich anhĂ€ufen werden, werden zunĂ€chst zur Akzeptanz oder Forderung nach neuen Formen der Unterwerfung fĂŒhren, um zu retten, was zu retten ist, wo das Überleben noch einigermaßen gesichert ist. (Wir sehen, was dort vor sich geht, wo man sich solcher historischer Errungenschaften rĂŒhmen kann.)

Der Verlauf dieses seltsamen Krieges wird jedoch nicht umhin kommen, Gelegenheiten zu schaffen, um zur praktischen Kritik an der bĂŒrokratischen Erpressung ĂŒberzugehen. Um es etwas anders zu formulieren: Entropie lĂ€sst sich vorhersagen, nicht aber die Entstehung des Neuen. Die Rolle der theoretischen Vorstellungskraft bleibt, in einer von der Wahrscheinlichkeit des Schlimmsten erdrĂŒckten Gegenwart die verschiedenen Möglichkeiten zu erkennen, die dennoch offen sind. Gefangen wie jeder andere in einer sich wandelnden wie gewaltsam zerstörerischen RealitĂ€t, hĂŒten wir uns davor, die Erfahrungstatsache zu vergessen, die uns zum Widerstand gegen sie als angemessen erscheint: dass das Handeln einiger weniger Individuen oder sehr kleiner Gruppen mit ein wenig GlĂŒck, HartnĂ€ckigkeit und Willenskraft unberechenbare Folgen haben kann.

April 2008

[1] Das französische Adjektiv anti-industriell erscheint mir viel passender, als lediglich „technologie-kritisch“. Nichtsdestotrotz steht die Technologie in der Kritik bei der EdN, aber v.a. in ihrem gesellschaftlichen Ausmaß: Kritik an der industriellen Gesellschaft.

[2] A.d.Ü.: Die Autoren selbst, kommen und sind geprĂ€gt von der 68er-Bewegung in Frankreich und der dort formulierten Gesellschaftskritik. Sie sind anfangs Teil der Situationisten und entfernen sich spĂ€ter von der Situationistischen Internationale (S.I.). In ihren Texten scheint einerseits diese Vergangenheit durch und andererseits durchzieht auch dieser Text eine Kritik an den Situationisten (bspw. an situationistischen KĂŒnstlern), an ihrer Analyse der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse und der Mangel einer Kritik an der Warengesellschaft und den ProduktionsverhĂ€ltnissen, sowie der Industrie und Technologie.

[3] A.d.Ü.: 2005 erschien das Buch Kollaps. Warum Gesellschaften ĂŒberleben oder untergehen von dem Geographen Jared M. Diamond. In diesem Buch beschĂ€ftigt er sich u.a. mit dem Kollaps auf den Osterinseln, die im SĂŒdostpazifik liegen. Seine These ist, dass der Kollaps und somit der Untergang der dortigen Zivilisation durch die Ausbeutung und den Raubbau der Bewohner selbst verursacht wurde.

[4] „Die tiefgreifenste und wahrste geschichtliche Katastrophe, diejenige, die in letzter Instanz die Bedeutung aller anderen bestimmt, liegt in der hartnĂ€ckigen Blindheit der ungeheuren Mehrheit, in der Resignation jeglichen Handlungswillens, auf die Ursachen von so viel Leid einzuwirken, in der UnfĂ€higkeit, sie auch nur klar zu betrachten. Diese Apathie wird in den nĂ€chsten Jahren durch den Zusammenbruch jeglicher Überlebensgarantie immer heftiger erschĂŒttert werden. Und diejenigen, die dieses Überleben reprĂ€sentieren und aufrechterhalten, indem sie einen prekĂ€ren status quo von beruhigenden Illusionen kultivieren, werden weggefegt werden. Die Dringlichkeit wird fĂŒr alle spĂŒrbar sein, und die Herrschaft wird mindestens so laut und klar sprechen mĂŒssen wie die Tatsachen selbst. Sie wird leichter einen terroristischen Ton anschlagen, der umso natĂŒrlicher zu ihr passt, je mehr sie durch tatsĂ€chlich schreckliche RealitĂ€ten gerechtfertigt wird. Ein Mensch, der an Wundbrand leidet, ist kaum bereit, ĂŒber die Ursachen des Übels zu diskutieren oder sich dem Autoritarismus der Amputation zu widersetzen.“ (Encyclopedie des Nuisances, Nr. 13, Juli 1988).

[5] A.d.Ü.: Am 31. Juli 1977 demonstrierten 60 000 Menschen in Malville gegen den Bau des Kernkraftwerk Creys-Malville, auch Superphenix genannt. Bei der Demonstration gab es mehrere schwer Verletzte und ein Demonstrant erlag seinen Verletzungen durch die Polizei. Malville war seit den 1970er ein Hauptangriffspunkt von Atomkraftgegnern.

[6] A.d.Ü.: Die Stachanow-Bewegung war eine sowjetische Kampagne unter Stalin zur Steigerung der ArbeitsproduktivitĂ€t. Der Name geht zurĂŒck auf Alexei Stachanow, einen Kohlehauer, der eine vierzehnfache Norm aus dem Berg schlug. Stachanow formierte sich schnell zum Mythos und fĂŒr die Propaganda. Durch die AnnĂ€herung an die stalinistische FĂŒhrung wurde die Stachanow-Bewegung zu einem mĂ€chtigen politischen Faktor. Auf dem ersten Kongress der Stachanow-Arbeiter am 17. November 1935 sprach Josef Stalin die vielzitierten Worte: „Es lebt sich jetzt besser, Genossen. Es lebt sich jetzt froher.“ Der Stachanow-Stoßarbeiter verkörperte das Ideal des sowjetischen „Neuen Menschen“, der die Gesellschaft allein durch seinen unermĂŒdlichen Einsatz fĂŒr den Aufbau des Kommunismus verĂ€ndern konnte.

[7] „Zweifellos muß man Marxist am College de France sein, um zu ignorieren, daß die Ware in ihrem Wesen, als soziale Beziehung, die Vernichtung jeder qualitativen Eigenheit, jeder lokalen Besonderheit zugunsten der abstrakten UniversalitĂ€t des Marktes ist. Wenn man die Ware akzeptiert, muß man ihr Weltlich-Werden akzeptieren, deren Agent jede besondere Ware ist, sogar bevor sie in Taiwan fabriziert wurde.“ (Encyclopedie des Nuisances – Bemerkungen ĂŒber die LĂ€hmung vom Dez‘95, MĂ€rz 1996)

[8] „Die erste und wichtigste dieser unerlĂ€ĂŸlichen Bedingungen fĂŒr die wissenschaftliche Erkenntnis war eine undurchlĂ€ssige Trennwand zwischen der kĂŒnstlichen Umgebung der Beobachtung und des Experiments einerseits und den Wirren der Welt andrerseits…. Die in der kĂŒnstlichen Umgebung des Experiments entwickelten Verfahren und Techniken haben die Welt so gut durchdrungen, haben sich mit ihr soweit verstrickt, dass es unmöglich geworden ist, in ihr noch Ursachen und Wirkungen auszumachen und dass es durch Beobachtung nichts mehr zu erkennen gibt; weder das Funktionieren eines in sich geschlossenen mechanischen Systems noch eine durch die VerkĂŒnstlichung unzerstörte Natur. So kann man sagen, dass die Wissenschaft, die, um ihres Aufbaus halber, die Welt in der Theorie „opfern“ musste, sie schließlich in der Praxis geopfert und sich bei gleicher Gelegenheit selbst zerstört hat, da die Position des reinen Beobachters, welche die des Gelehrten war, in jeder Hinsicht unhaltbar geworden war.“ (Encyclopedie des Nuisances, Bemerkungen zur genmanipulierten Landwirtschaft und der Erniedrigung der Arten, Februar 1999)

[9] A.d.Ü.: Im französischen Original verwenden die Autoren den Begriff „Decideurs“, der hier mit „VerfĂŒgenden“ ĂŒbersetzt wird, wie auch bereits in anderen deutschen Übersetzungen von Encyclopedie des Nuisances; die englische Version ĂŒbersetzte diesen Begriff mit „manager“. Diese Wortwahl, wie auch andere in Texten der EdN, deuten auf eine situationistische Vergangenheit der Autoren hin.

[10] „Der Ökologismus rekuperiert all das und fĂŒgt ihm seinen technobĂŒrokratischen Ehrgeiz hinzu, das Maß aller Dinge zu geben, die Ordnung auf seine Weise wiederherzustellen, indem er sich, insofern er eine Wissenschaft der verallgemeinerten Ökonomie ist, in ein neues Denken der Herrschaft verwandelt. ,Wir oder das Chaos‘, sagen die Ökolokraten und recycelten Experten, Promotoren einer von ihnen ausgeĂŒbten totalitĂ€ren Kontrolle, um mit Tempo in die sich anbahnende Katastrophe zu fahren. Es werden also sie und das Chaos sein.“ (Encyclopedie des Nuisances, Nr. 15, April 1992.)

[11] A.d.Ü.: Deutsch ungefĂ€hr „Antibiotika sind keine Automatika“, aus einem französischen Werbespot.

[12] „TatsĂ€chlich dauerte es nicht lange, bis der Ökologismus politisch wurde; solche guten Absichten konnten nicht ungenutzt bleiben. Sie wurden bereits 1972 durch zahlreiche Gipfeltreffen und Berichte weitergegeben, die einigermaßen spezialisiert und alarmistisch waren (…) So begann die internationale Gemeinschaft bereits 1987 davon zu sprechen, den Weg der nachhaltigen Entwicklung einzuschlagen, eine unsinnige ChimĂ€re, deren universeller Erfolg allein den Fortschritt der Enge der industriellen MentalitĂ€t zusammenfasst.“ (Rene Riesel, Du progres dans la domestication, 2003.)

[13] A.d.Ü.: 2007 fanden in Frankreich eine Reihe von Treffen mit dem PrĂ€sidenten und unterschiedlichen Parteien statt, welche die Umwelt [environnement] als Agenda hatte. Der Begriff Grenelle nahm Bezug auf Treffen im Jahr 1968 zwischen Gewerkschaften und dem Patronat, im Pariser Viertel Grenelle. Das „Grenelle de l‘evironnement“ brachte den Staat und die Zivilgesellschaft zusammen an einen Tisch, um eine nachhaltige Entwicklung zu definieren.

[14] „Der ökologische Ausnahmezustand ist sowohl eine Kriegsökonomie, die die Produktion im Dienste staatlich definierter Gemeinschaftsinteressen mobilisiert, als auch ein Krieg der Ökonomie gegen die Bedrohung durch Protestbewegungen, die sie unverhohlen kritisieren.“ („Adresse a tous ceux qui ne veulentpas gerer les nuisances mais les supprimer“ [An alle, die die SchĂ€dlichkeiten nicht verwalten, sondern beseitigen wollen“) [1990], Encyclopedie des Nuisances, Nr. 15, April 1992).

[15] A.d.Ü.: Hier spielen die Autoren auf einen alten Slogan der Kommunistischen Partei Frankreich an, der nur auf französisch funktioniert. In dem kommunistischen Lied heißt es: „des lendemains que chantent“[eine leuchtende Zukunft].

[16] A.d.Ü.: Casseurs de pub („Werbung-Zerstörer“) ist eine Non-Profit Organisation aus Frankreich, die eine gleichnamige Zeitschrift herausgibt. Ihr Ziel ist die Reduzierung und Verbannung von Werbung, dabei stehen sie der Idee der Wachstumskritik, sowie der Zeitung la decroissance nahe.

[17] „Gerade in einer Zeit, in der die Flucht nach Vorne der Industriegesellschaft sie unumkehrbar in den Kollaps fĂŒhrt, hat man sich entschieden, den Austausch von Argumenten ĂŒber die Kontrolle – wissenschaftlich oder vielleicht auch zivilgesellschaftlich -, ĂŒber die VorzĂŒge einer öffentlichen Begutachtung dieses Kollapses oder ĂŒber die Vorkehrungen, die zu treffen sind, um ihn ertrĂ€glich zu machen, zu bevorzugen. Wie können wir das als etwas anderes sehen als eine Kontroverse ĂŒber die Sitten oder Tischsitten, die wir auf dem Floß der Medusa beschlossen haben?“ (Rene Riesel, „Communique“ vom 9. Februar 2001 in Montpellier, Aveux complets des veritables motive…, 2001).

[18] A.d.Ü.: Gemeint sind die Mai-Tage 21.-27. im Jahre 1871, als die Pariser Kommune zerschlagen und Hunderte RevolutionĂ€re getötet und ermordet wurden.

[19] A.d.Ü.: Die herrschende Exekutive Frankreichs, von 1795 bis 1799.

[20] A.d.Ü.: Dies sind Begriffe die wĂ€hrend der Französischen Revolution den Realisten gegeben wurden, die durch ihre affektierte und elegante Kleidung, die an eine LĂ€cherlichkeit grenzte, auf sich aufmerksam machten, und die ihren ersten Auftritt im (nach-) revolutionĂ€ren Paris hatten.

[21] „Als wahre Avantgarde der Anpassung pries die Linke (und vor allem dort, wo sie am wenigsten mit der alten politischen LĂŒge zu tun hatte) also so ziemlich jede Simulation, die heute die gĂ€ngige WĂ€hrung des entfremdeten Verhaltens sind. Im Namen des Kampfes gegen Routine und Langeweile verunglimpfte sie jede anhaltende Anstrengung, jede – notwendigerweise geduldige – Aneignung von realen FĂ€higkeiten: subjektive Exzellenz musste, wie die Revolution, augenblicklich sein. Augenblicklich.“ (Jaime Semprun, Im Abgrund, 1997.)




Quelle: Anarchistischebibliothek.org