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Streitschrift fĂŒr Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionĂ€ren Syndikalismus

Replik – Gegendarstellung von Doris Ensinger gegen V. Bianchi

Replik

In dem in „Arbeit.Bewegung.Geschichte – Zeitschrift fĂŒr historische Studien“ (2018/1) veröffentlichten Artikel von Vera Bianchi mit dem Titel „Feminismus in proletarischer Praxis: Der ‚Syndikalistische Frauenbund‘ (1920 bis 1933) und die ‚Mujeres Libres‘ (1936 bis 1939)“ werde ich namentlich mit folgender Aussage erwĂ€hnt: „Bis heute gibt es HistorikerInnen, die die Existenz von Sexismus in der anarchistischen Bewegung in der Zwischenkriegszeit negieren. So spricht Doris Ensinger den Mujeres Libres jede Existenzberechtigung ab, da es in der CNT weder Sexismus noch Paternalismus gegeben habe, obwohl Mary Nash und Martha A. Ackelsberg deren Vorhandensein ausdrĂŒcklich belegen.“

Ich möchte hiermit klarstellen, dass ich zu keinem Zeitpunkt die Existenzberechtigung der Mujeres Libres infragegestellt habe. Ebenso wenig bezweifle ich die Forschungsergebnisse anerkannter feministischer Autorinnen und habe auch nie paternalistisches oder machistisches Verhalten in der anarchosyndikalistischen Bewegung bestritten. Allerdings erlaube ich mir, Aussagen zu kritisieren, die nicht der historischen Wahrheit entsprechen. Bianchis Aussage ist völlig absurd und eine Verdrehung dessen, was ich tatsĂ€chlich sagte, eine infame LĂŒge.

Ich lebe seit 1977 in Barcelona, wo ich durch meine politischen AktivitĂ€ten sowie ĂŒber zahllose CNT-Aktivisten der Ă€lteren wie der jĂŒngeren Generation Kenntnisse ĂŒber BĂŒrgerkrieg und Anarchismus erwarb. SelbstverstĂ€ndlich gab es Macho-Verhalten bei manch einem Genossen, das auch ich zu spĂŒren bekam, die Organisation pauschal als sexistisch zu charakterisieren ist jedoch falsch und zudem unwissenschaftlich. Die Mujeres Libres blieben mir natĂŒrlich nicht fremd. Über ihr Wirken erfuhr ich durch das 1973/74 entstandene Buch „Mujeres Libres“ von Mary Nash sowie ĂŒber Veranstaltungen zu dieser anarchistischen Frauengruppe. Zu Beginn der 1980er Jahre lernte ich u.a. Pepita Carpena kennen, die immer wieder zu einem Kongress oder zu sonstigen Veranstaltungen der CNT nach Barcelona kam. Die mir unterstellte Aussage, ich wĂŒrde diesen Frauen die Existenzberechtigung absprechen, entbehrt folglich jeder Grundlage.

Wie kommt die Autorin des genannten Artikels zu einer solchen Behauptung?

Im April 2016 stellte ich mein Buch* im Rahmen der Veranstaltungsreihe „80 Jahre Soziale Revolution in Spanien“ in Hamburg vor. Bei dieser PrĂ€sentation war auch V. Bianchi anwesend und erwarb ein Exemplar meines Buches, wie mir spĂ€ter mitgeteilt wurde. In der VorankĂŒndigung der Veranstaltungen wurde die PrĂ€sentation ihrer Magisterarbeit zum Thema Mujeres Libres sinngemĂ€ĂŸ mit den Worten eingeleitet: „Aufgrund des Sexismus der CNT beschlossen einige Frauen 
“. Es war allein diese Formulierung, die mich neugierig auf die Veranstaltung machte. Und was ich schließlich zu hören bekam, war in vielen Punkten hanebĂŒchen und zeugt von einer absoluten Unkenntnis der spanischen Gesellschaft und der Geschichte der CNT, ohne die die Geschichte der Mujeres Libres gar nicht erzĂ€hlt werden kann. Der Vortrag bedeutete in wesentlichen Punkten eine klare Geschichtsklitterung, da Bianchi bei vielen Aspekten die Ereignisse nicht angesichts des kulturellen und sozialen Hintergrunds der damaligen Zeit analysiert und referiert, sondern immer wieder von ihrer Sichtweise und heute gĂ€ngigen Vorstellungen ausgeht, was automatisch zu Entstellungen und VerfĂ€lschungen fĂŒhrt, worauf ich schließlich reagierte.

Was ich in Wirklichkeit in Hamburg sagte – denn das ist das einzige Mal, dass ich mich öffentlich zu diesem Thema Ă€ußerte – und was mich zu dieser Gegendarstellung gezwungen hat, da ich öffentlich diskreditiert und diffamiert werde, war Folgendes:

Mein erster Einwurf war, dass eine Organisation wie die CNT als Ganze nicht als ‚sexistisch‘ bezeichnet werden kann und dass eine Analyse Jahrzehnte zurĂŒckliegender Ereignisse nicht von heute ĂŒblichen MaßstĂ€ben und Wertvorstellungen ausgehend vorgenommen werden kann. Ebenso können heute gebrĂ€uchliche Termini nicht einfach auf Ereignisse frĂŒherer Zeiten ĂŒbertragen werden, da automatisch falsche Assoziationen hervorgerufen werden. Sexismus ist ein Terminus, der Mitte der 1960er Jahre in Amerika aufkam und spĂ€ter ins Deutsche ĂŒbernommen wurde. „Sexismo“ ist inzwischen auch in Spanien gebrĂ€uchlich, ist aber kein Synonym von „machismo“, ein Terminus, der lĂ€ngst in die deutsche Sprache eingegangen ist bzw. mit Machoverhalten wiedergegeben wird. „Machismo“ ist das ĂŒberlegene, herablassende Verhalten der MĂ€nner gegenĂŒber Frauen, demgegenĂŒber bedeutet „sexismo“ im Wesentlichen die Verachtung des anderen Geschlechts (der personifizierte Sexist ist D. Trump), und das heißt, auch Frauen können sich sexistisch verhalten. Im Übrigen gab es etliche Anwesende im Publikum, die mir in diesem Punkt beipflichteten, allerdings kritisierte keiner der Genossen den mĂ€nnerfeindlichen und CNT diffamierenden Vortrag.

Mary Nash differenziert ĂŒbrigens, indem sie von einer Mehrheit der Aktivisten spricht, die eine paternalistische Haltung an den Tag legten, es ist nie die Rede von der CNT oder der LibertĂ€ren Bewegung insgesamt. Zumindest in ihren frĂŒhen Publikationen taucht der Terminus Sexismus nicht auf, weil er in Spanien ja noch gar nicht existierte. Sie verwendet Bezeichnungen wie „autoritarismus“, „prejuicios machistas“ (machistische Vorurteile), „hostilidad“ (Anfeindung), „animosidad“ (Abneigung). Die Mujeres Libres als Anarcho- oder Anarchafeministinnen zu bezeichnen, was sich inzwischen durchgesetzt hat, ist meiner Meinung nach ebenfalls falsch, da sie sich stets ausdrĂŒcklich dagegen verwehrten, als Feministinnen bezeichnet zu werden. Sie wollten sich klar von den ihrer Ansicht nach bĂŒrgerlichen Feministinnen und den Frauengruppen linker Parteien abgrenzen, die hauptsĂ€chlich, vor Ausrufung der Republik, fĂŒr das Wahlrecht der Frauen gekĂ€mpft hatten und wĂ€hrend des BĂŒrgerkriegs fĂŒr den Sieg der Antifaschisten, die im Wesentlichen von Stalin unterstĂŒtzt wurden. Die Mujeres Libres waren jedoch Anarchistinnen, was ihre Texte belegen, viele von ihnen ihr Leben lang, und ihr Ziel war eine freie, gerechte Gesellschaft, die Abschaffung des Staates, letztendlich die Befreiung aller Menschen.

So schreibt das Kollektiv Paideia in dem Text La AnarquĂ­a. Mujeres libres: luchadoras libertarias, dass sich diese Frauen als libertĂ€re Organisation mit den Bestrebungen der spanischen libertĂ€ren Bewegung identifizierten und die Frauenorganisation als integralen Bestandteil dieser Bewegung betrachteten. In den Statuten der Gruppe war festgelegt: „Durch Austausch mit den Gewerkschaften, Ateneos und Juventudes eine Verzahnung schaffen, durch die unsere revolutionĂ€re Bewegung gestĂ€rkt wird.“ Dies widerspricht eindeutig der immer wieder vorgebrachten AusfĂŒhrung, die Gruppe sei wegen des sexistischen Verhaltens der CNT gegrĂŒndet worden.

Einige der Aspekte, die von der Autorin von verschiedenen Publikationen kritiklos ĂŒbernommen wurden bzw. völlig falsch wiedergegeben werden und die mir in Erinnerung geblieben sind, sind Folgende:

● Um einen Beweis fĂŒr den ‚Sexismus‘ der CNT-Aktivisten zu liefern, diskreditiert die Autorin das Verhalten der Milicianos, die die Frauen an der Front zum Waschen, Kochen, zu Lazarettarbeiten verdonnert hĂ€tten, um so auf ihre Minderwertigkeit hinzuweisen. Sie seien schmutzig gewesen und wĂ€ren schließlich von der Front ins Hinterland zurĂŒckgeschickt worden. Wie kommt Bianchi zu dieser Behauptung? Ihre Quelle ist Diego Camacho / Abel Paz, der „Alpha–Macho“, der sich fĂŒr den einzigen wahren Anarchisten hielt und mir 1978 wortwörtlich dasselbe erzĂ€hlte. Ich habe diesen Kommentar angezweifelt und fĂŒr machistisches GeschwĂ€tz gehalten. Er selbst war nie an der Front, aber man muss nicht dort gewesen zu sein um zu wissen, dass es an der Front nie und nirgends sauber zugeht. Es gibt keine Duschen, und im Spanien der 1930er Jahre gab es meist nicht einmal eine Waschgelegenheit. Wer wissen möchte, wie es an der AragĂłn-Front zuging, sollte George Orwells Homage to Catalonia lesen, wo er die ZustĂ€nde ausfĂŒhrlich beschreibt. Im Sommer, bei glĂŒhender Hitze, wurde den Menschen im SchĂŒtzengraben der Staub ins Gesicht geweht, sobald es regnete, wateten sie im Schlamm. Teilweise lagen sie zehn Tage bis zu einer Ablösung in den SchĂŒtzengrĂ€ben. Die Milicianas wurden auch nicht von den Genossen fortgeschickt, wie behauptet, sondern aufgrund des Dekrets der Volksfrontregierung ĂŒber die Militarisierung, also die Aufstellung einer regulĂ€ren Armee, abgezogen. Dies war die Voraussetzung dafĂŒr, dass die Anarchisten mit Waffen versorgt werden wĂŒrden. Es war die erpresserische Auflage „entweder keine Frauen oder keine Waffen“. Frauen, die mit Waffen umgehen konnten, kĂ€mpften sehr wohl an der Seite der Milicianos, und trotz der genannten Verordnung blieben sie mit deren UnterstĂŒtzung an der Front, wie z.B. Clara Thalmann oder La Dinamitera, manche auch bis zum Kriegsende wie Mika EtchebĂ©hĂšre, die zur Capitana einer POUM–Brigade ernannt wurde. Die Milicianas wurden vor allem von den Kommunisten als Mannweiber disqualifiziert und gerne auch als Prostituierte abgestempelt. Die nach Emanzipation strebenden „freien Frauen“ waren eben vielen ein Dorn im Auge, und durch Verhöhnung oder herabsetzende Bemerkungen sollte den Frauen und der anarchistischen Bewegung insgesamt geschadet werden. Mercedes Comaposada, eine der drei GrĂŒnderinnen der Gruppe, schreibt in einem Artikel im MĂ€rz 1937: „Der Verband Mujeres Libres richtete in den ersten Tagen des Kampfes in allen Vierteln Barcelonas Gemeinschaftskantinen ein und organisierte die „Kolonne Mujeres Libres“, die mit Wasch- und BĂŒgelmaschinen an der Front agieren sollte.“ Haben sich diese Frauen freiwillig zu typischer, angeblich minderwertiger Frauenarbeit erniedrigen lassen, oder ging es nicht vielmehr darum, dass angesichts der dramatischen Lage jede nach ihrem Vermögen das Kollektiv unterstĂŒtzte?

● Der Vortrag war meiner Meinung nach großen Teils eine Glorifizierung und Idealisierung dieser Frauen, da Bianchi ihnen immer wieder Dinge zuschreibt, die so nicht der historischen Wahrheit entsprechen, zudem unterschlĂ€gt, dass zehntausende Frauen der libertĂ€ren Bewegung und eine Million CNT-Aktivisten an der Umsetzung der revolutionĂ€ren Ziele mitarbeiteten. Die soziale Revolution wurde ja von der LibertĂ€ren Bewegung als ganzer vorangetrieben, die Mujeres Libres waren also ein Teil davon. Viele Projekte, wie Schulen, Institute, Vortragszyklen, spezielle Kurse etc. wurden zwar von den Mujeres Libres organisiert, die Initiative ging aber oft von der republikanischen Regierung zwischen November 1936 bis Mai 1937 aus, als Federica Montseny das Gesundheitsministerium leitete und einer ihrer StaatssekretĂ€re, der Arzt FĂ©lix MartĂ­ Ibañez, seine fortschrittlichen Ideen realisierte, wie die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Die Idee der sogenannten Liberatarios, Zentren zur Resozialisierung der ehemaligen Prostituierten, kam im Gesundheitsministerium auf. Die Evakuierung und menschenwĂŒrdige Unterbringung der Kriegswaisen oder die Verschickung der Kinder in sichere Gegenden Spaniens oder ins Ausland geht ebenfalls auf die Initiative Federica Montsenys zurĂŒck wie auch die Einrichtung von KindergĂ€rten in den Fabriken oder in der NĂ€he der Handwerksbetriebe. Es schmĂ€lert das Werk der Mujeres Libres absolut nicht, wenn festgestellt wird, dass sie all diese Projekte zur Verbesserung des Lebens der Frauen und Kinder mitorganisierten und vorantrieben. Denn trotz aller Widrigkeiten aufgrund der Kriegssituation und der Anfeindung durch die nichtrevolutionĂ€ren Sektoren der Gesellschaft versuchten sie diese umzusetzen. Zur geschichtlichen Wahrheit gehört es jedoch festzustellen – und das vermisse ich in den meisten Publikationen ĂŒber die Mujeres Libres –, dass es oftmals bei den Projekten blieb; so existierte bei Kriegsende ein einziger Fabrikkindergarten. Dies ist keinesfalls einem eventuellen Unvermögen dieser Frauen anzulasten, sondern wie gesagt den UmstĂ€nden jener Zeit. Außerdem waren die zur VerfĂŒgung stehenden Mittel begrenzt, und die vorhandenen KrĂ€fte wurden vorrangig fĂŒr die Aufrechterhaltung des tĂ€glichen Lebens eingesetzt.

Nichts erfahren wir ĂŒbrigens von dem ĂŒberaus interessanten Aspekt der Finanzierung der genannten Projekte wie der Kinderheime, Schulen, sonstiger AusbildungsstĂ€tten. Bekannt ist, dass die CNT Villen in Barcelona beschlagnahmte, die dann als Schulen oder Kinderheime dienten. Die aus Madrid und der Region Centro geflĂŒchteten Frauen und Kinder wurden von der katalanischen Regierung in Hotels einiger KĂŒstenorte untergebracht. Zum anderen profitierten die Mujeres Libres selbstverstĂ€ndlich von der CNT, da einige Gewerkschaften fĂŒr die Unterbringung der evakuierten Kinder sorgten und ihre Lokale fĂŒr Kurse der Mujeres Libres zur VerfĂŒgung stellten. Bekannt ist auch, dass sie von der anarchosyndikalistischen Organisation fĂŒr den Erhalt ihrer Zeitschrift eine Subvention erhielten. Mit welchen Mitteln wurden aber die unzĂ€hligen Projekte finanziert, von denen auch V. Bianchi sprach?

● Kultur und Bildung waren fĂŒr die „Mujeres Libres“ wie fĂŒr die anarchistische Bewegung insgesamt von höchster Bedeutung. Dazu ist zu sagen, dass die Anarchisten bereits Ende des 19. Jahrhunderts neue pĂ€dagogische Konzepte und Unterrichtsformen entwickelten, so Francisco Ferrer i Guardia mit seiner „Escuela Moderna“, die spĂ€ter von Joan Puig Elias in der „Escuela Natura“ fortgefĂŒhrt wurde. Er war es auch, der ab dem 1. Oktober 1936 in Katalonien als PrĂ€sident des neuen, unter dem Namen CENU bekannten Schulsystems diese pĂ€dagogischen Ideen umsetzte. Welch großartige Leistung dies war, nĂ€mlich in zwei Monaten unter Kriegsbedingungen und dem Widerstand bestimmter gesellschaftlicher Sektoren dieses neue System zu implementieren, sieht man daran, dass heutige Schulreformen Jahre benötigen und das Unterrichtswesen nicht unbedingt verbessert wird. In den von den Mujeres Libres gegrĂŒndeten AusbildungsstĂ€tten wurden die BeschlĂŒsse des IV. Kongresses der CNT in Zaragoza im Mai 1936 im Bereich PĂ€dagogik umgesetzt, d.h. die bereits Jahrzehnte zuvor ausgearbeiteten Konzepte. Dazu gehörte ein Programm zur Alphabetisierung, ein Hauptanliegen der Anarchisten seit Ende des 19. Jahrhunderts, dem sie sich in den Ateneos und insbesondere in den GefĂ€ngnissen gewidmet hatten. Das Verdienst der Mujeres Libres war es, dass sie die Alphabetisierung der Frauen forcierten, die bis dahin weitgehend von Bildung und Kultur ausgeschlossen gewesen waren.

● Die Mujeres Libres waren keine mĂ€nnerfeindliche Gruppe. Ihr Ziel war es, „die Rolle der Frauen und MĂ€nner auf ein höheres kulturelles Niveau zu heben, das ihnen den gemeinsamen Kampf fĂŒr den Aufbau einer gerechteren und humaneren Gesellschaft ermöglichen sollte“. Zwischen den mĂ€nnlichen und weiblichen Mitgliedern der LibertĂ€ren Bewegung sollte sich kein Graben auftun, gefordert wurde „eine echte Übereinstimmung zwischen den Genossen und Genossinnen erreichen; zusammenleben, zusammenarbeiten und sich nicht abgrenzen; Energien in die gemeinsame Arbeit einbringen.“ LucĂ­a SĂĄnchez Saornil schrieb, dass MĂ€nner und Frauen komplementĂ€r sind, sich ergĂ€nzen mĂŒssen. Mary Nash stellt fest: „Die Mujeres Libres identifizierten sich mit dem revolutionĂ€ren Ideal des Anarchismus und daher mit dem Bestreben, eine Gesellschaft aufzubauen, in der es eine echte Gleichberechtigung hinsichtlich der Rechte und Pflichten beider Geschlechter gĂ€be und deren Sozialsystem auf dem libertĂ€ren Kommunismus basiere.“ LucĂ­a SĂĄnchez spricht in diesem Kontext auch vom „integralen Humanismus“. Wie eng verbunden die Mujeres Libres mit den anarchistischen und anarchosyndikalistischen Organisationen waren, lĂ€sst sich nicht nur aus den „Statuten der Föderation Mujeres Libres“ ablesen. LucĂ­a SĂĄnchez schreibt in einem Text: „Diese Sektionen verdanken eine direkte Hilfe der CNT, deren Ortsverband Madrid uns eine entschlossene und effektive Förderung zuteilwerden ließ.“

● Die GrĂŒnderinnen der Mujeres Libres waren also keineswegs gegen die anarchosyndikalistische Organisation eingestellt, wie das stĂ€ndig angefĂŒhrte Sexismus-Argument vermuten lĂ€sst. Folgende Aussage von LucĂ­a SĂĄnchez unterstreicht die enge Verbindung zwischen der CNT und den Frauen: „Nur Antifaschist zu sein ist sehr wenig; (
); wir setzen dieser Negation eine Affirmation entgegen, und unsere Affirmation – unsere, die der Mujeres Libres – ist in drei Buchstaben zusammengefasst, in einem dieser Anagramme, die heute ein wenig unschuldig von vielen Frauen auf ihrer Kleidung getragen wird: C.N.T. (ConfederaciĂłn Nacional del Trabajo), was bedeutet, dass das Leben auf der Grundlage von Arbeit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit rational organisiert wird.“

● Auch M. A. Ackelsberg betont: „Die Frauen von Mujeres Libres waren vollkommen im Anarchismus und in den Zielen und Strategien der spanischen anarcho-syndikalistischen Bewegung verwurzelt.“ Diese Frauen kamen nĂ€mlich aus einem durch die CNT und den Anarchismus geprĂ€gten Umfeld, aus anarchistischen Familien, in denen sie „DIE IDEE gleichsam mit der Muttermilch aufgenommen“ hatten. Die eigene Gewerkschaftsarbeit, der Besuch der Ateneos seit frĂŒhester Kindheit, der LebensgefĂ€hrte hatten ebenso ihre anarchistischen Ideen gefördert. So manifestiert sich vor allem in den Artikeln der GrĂŒnderinnen der Mujeres Libres nicht nur ihre anarchistische Überzeugung, sondern auch die gewerkschaftliche Erfahrung, die sie im Laufe der Jahre in der CNT gesammelt hatten. Viele der Frauen lebten mit einem CNT-Genossen zusammen, und von den namentlich Bekannten, die in den Texten ĂŒber diese Frauen erwĂ€hnt werden, weiß ich, dass sie – bis auf LucĂ­a SĂĄnchez – nach Kriegsende mit einem der angeblichen Sexisten der CNT eine Ehe eingingen und fĂŒnfzig oder sechzig Jahre glĂŒcklich mit ihm zusammenlebten.

● Bei zwei Aspekten der PrĂ€sentation zeigte sich eine klare Unkenntnis der Geschichte sowie die kritiklose Übernahme von Behauptungen. In verschiedenen Publikationen, auch bei Mary Nash und Martha A. Ackelsberg, wird zwar das Plenum der CNT im Oktober 1938 erwĂ€hnt, mit keinem Wort jedoch der eigentliche Anlass fĂŒr dieses 15tĂ€gige Plenum mitten im Krieg angesprochen. Es geht nur darum, zum wiederholten Male das „sexistische“ Verhalten der CNT an den Pranger zu stellen. Die Sachlage war Folgende: Die Faschisten hatten bereits die Provinz CastellĂłn erobert, waren also bis ans Mittelmeer vorgedrungen, und somit war das Gebiet der Republik zweigeteilt. Die Delegierten aus Levante mussten per Schiff anreisen, wĂ€hrend italienische Bomber ĂŒber sie hinwegflogen und ihre Last ĂŒber katalanischem Gebiet, auch ĂŒber Barcelona, abluden. Am Ebro tobte seit Ende Juli eine der blutigsten Schlachten des BĂŒrgerkriegs und die alles entscheidende Schlacht. Nach mehr als zwei Jahren Krieg fehlte es an allem, die Bevölkerung konnte nur noch mit dem aller notwendigsten versorgt werden. Die Kritik an der Beteiligung von CNT-FAI an der republikanischen Regierung war in der Organisation immer heftiger geworden, und das Plenum sollte ĂŒber die weitere UnterstĂŒtzung der Regierung entscheiden. Die Juventudes, die schon zehntausende Mitglieder an der Front verloren hatten, wĂ€hrend weitere tausende von den Falangisten und den marokkanischen Söldnern ermordet worden waren, hatten bereits zu verstehen gegeben, dass sie nicht lĂ€nger als Kanonenfutter herhalten wĂŒrden. Auf dem Plenum ging es um nichts weniger als Fortbestand oder Untergang der LibertĂ€ren Bewegung, um Leben und Tod. Die Mujeres Libres hatten den Antrag auf Aufnahme in diese Bewegung als vierter SĂ€ule – neben CNT, FAI und Juventudes – gestellt, und er wurde sehr wohl vom Plenum besprochen, mit folgender BegrĂŒndung jedoch abgelehnt: “
 eine frauenspezifische Organisation wĂ€re ein Element der Uneinigkeit und Ungleichheit innerhalb der libertĂ€ren Bewegung und hĂ€tte negative Folgen fĂŒr die Entwicklung der Interessen der Arbeiterklasse.“ Verschwiegen wird oft, dass auch viele weibliche Mitglieder von CNT-FAI und insbesondere die Juventudes gegen eine separate Frauenorganisation waren, dass andererseits der Beschluss gefasst wurde, der Basis die Entscheidung ĂŒber den Antrag zu ĂŒberlassen – eine Lösung, die voll und ganz den Prinzipien der Organisation entsprach. Dazu kam es nicht mehr, denn am 16. November war die Schlacht am Ebro vorbei, die franquistischen Truppen konnten fast ungehindert nach Katalonien einmarschieren. Zwei Monate nach diesem Plenum begann die große Massenflucht, am 26. Januar 1939 nahmen die Faschisten unter dem Jubel der Bevölkerung Barcelona ein. Und zwei Monate spĂ€ter war die Zweite Republik in ganz Spanien Geschichte.

● Zum Abschluss des Vortrags erfuhr das Publikum dann noch, dass sich LucĂ­a SĂĄnchez Saornil schließlich „geoutet“ habe. Wer eine solche Behauptung aufstellt (die auf einem GerĂŒcht beruht), muss auch erklĂ€ren wann, wo, wie dieses Outing stattfand, da der seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland verwendete Begriff ja bedeutet, „sich öffentlich zu seinen homosexuellen Veranlagungen zu bekennen“. Dazu ist erstens zu sagen: Die Nichte von AmĂ©rica Barroso, der Frau, mit der LucĂ­a seit 1939 zusammenlebte, bestreitet vehement, dass es sich um eine homosexuelle Beziehung der beiden Frauen gehandelt habe. Eine tiefe Freundschaft hĂ€tte sie verbunden. Zum anderen hat sich kein Mensch in Spanien vor 1976 „geoutet“. Selbst der bekannteste Homosexuelle Spaniens hat nie öffentlich ĂŒber seine SexualitĂ€t gesprochen, er hat sie einfach gelebt, was letztendlich sein Schicksal besiegelte. Denn Federico GarcĂ­a Lorca wurde von den Faschisten nicht allein wegen seiner fortschrittlichen Einstellungen und der Kritik an der spanischen Gesellschaft ermordet. In den letzten Minuten vor seiner Erschießung wurde er von seinen Peinigern und Mördern wegen seiner HomosexualitĂ€t verspottet und gedemĂŒtigt. Im ultrakatholischen Spanien jener Jahre galt HomosexualitĂ€t – wie ĂŒberall damals – und insbesondere fĂŒr die katholische Kirche als Abartigkeit, als Teufels Werk. Selbst in heutiger Zeit – im Jahr 2017 – gibt es noch Bischöfe in Spanien, die von der Kanzel herab von Krankheit sprechen, die geheilt werden könne. In Spanien wurde HomosexualitĂ€t – wie vermutlich in allen LĂ€ndern damals – als Unzucht strafrechtlich verfolgt, und erst bei der Strafrechtsreform in den 1990er Jahren wurde dieser Paragraph aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. In der Franco-Zeit gab es tausende HĂ€ftlinge, die aufgrund des Gesetzes von 1933, also aus der Zeit der Zweiten Republik, verurteilt worden waren. Das „Ley de vagos y maleantes“ entsprach dem NS-Asozialen-Paragraphen, und deshalb ist es völlig unglaubhaft, dass eine Frau wie LucĂ­a SĂĄnchez, die unerkannt bleiben wollte und deshalb jahrzehntelang untergetaucht lebte, sich eines Tages, in den Jahren der brutalen Repression, öffentlich als Lesbe zu erkennen gab.

Fazit

Wer wissen möchte, was ich ĂŒber die anarchistischen Frauen denke, braucht nur das Vorwort zu meinem Buch zu lesen. Ich bin der Meinung, dass alle Frauen der LibertĂ€ren Bewegung Spaniens unseren Respekt und unsere WertschĂ€tzung verdienen, dass aber auch der aufopferungsvolle Kampf der CNT-Aktivisten und der Juventudes gegen die MilitĂ€rs und den Faschismus entsprechend gewĂŒrdigt werden sollte. Es waren schließlich die Anarchisten, die am 19. Juli 1936 in Barcelona die Kasernen stĂŒrmten und in ganz Spanien zu den Waffen griffen, um die Republik zu verteidigen, zu einem Zeitpunkt, als die Mitglieder der katalanischen und spanischen Regierung noch zauderten. Lluis Companys, der katalanische PrĂ€sident, wollte am 20. Juli sogar den Anarchisten die Regierung ĂŒbergeben. Heute gilt er als der große Held, als MĂ€rtyrer der Katalanen, weil er 1940, nach der Auslieferung durch die Gestapo an Spanien, von den Franquisten zum Tode verurteilt wurde. An die Anarchisten, von denen viele das gleiche Schicksal erlitten, Tausende ermordet wurden, wollen sich nur noch wenige erinnern.

Wer sich öffentlich Ă€ußert, kann nicht nur Zustimmung und Applaus erwarten, er sollte kritikfĂ€hig sein und sich andere Forschungsergebnisse, Meinungen oder Erfahrungen anhören oder aneignen. Sobald ich das Lokal betreten hatte, in dem die PrĂ€sentation stattfand, wurde ich von den Organisatorinnen mit einer kaum zu ĂŒbertreffenden Herablassung und Verachtung beĂ€ugt, lange bevor ĂŒberhaupt ein erstes Wort ĂŒber meine Lippen kam. Es wurde mir spĂ€ter zugetragen, dass sie Angst hatten, ich wĂŒrde diese Veranstaltung „sprengen“. Es gibt viele radikale Elemente, die glauben eine Veranstaltung sprengen zu mĂŒssen, weil etwas nicht zu ihrer Ideologie passt. Das ist nicht mein Stil. Allerdings reflektiere ich ĂŒber Kritik und gehe darauf ein, wenn ich sie fĂŒr berechtigt halte. Offensichtlich hat sich bisher niemand kritisch ĂŒber Bianchis Texte geĂ€ußert, weshalb sie so wĂŒtend auf mich reagiert, und schlimmer noch, mir völlig erfundene Aussagen unterstellt und mich denunziert und diffamiert. Das ist unredlich und erbĂ€rmlich. Es ist eine Verletzung meiner WĂŒrde, ihre Texte eine Verdrehung der historischen Wahrheit.

Doris Ensinger, Barcelona, 22. November 2018

*Doris Ensinger, Quer denken, gerade leben. Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo. verlag barrikade, Hamburg, 2015.

Spanische Fassung: Amor y Anarquía. Mi vida en Alemania y con Luis Andrés Edo. Icaria, Barcelona, 2016.

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Quelle: Muckracker.wordpress.com