Oktober 18, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Charles Paresse
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 195 – MĂ€rz / April 2022

#Vertriebene

Die deutschen »Vertriebenen« haben Einfluss und Massenanhang verloren. Dennoch spielen sie fĂŒr rechte Politik weiterhin eine Rolle.

Wilhelm von Gottberg beim Deutschlandtreffen der »Landsmannschaft Ostpreußen« im Jahr 2000.
© Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Die Zeiten, als noch Zehntausende zu den Treffen der deutschen »Vertriebenen« pilgerten und die polternden Reden von Kanzlern oder OppositionsfĂŒhrern der CDU/CSU von den großen BĂŒhnen abends in der Tagesschau ĂŒber die Bildschirme flimmerten, sind lange vorbei. Der »Bund der Vertriebenen« (BdV) und seine MitgliedsverbĂ€nde haben massiv an Einfluss eingebĂŒĂŸt. Die Mitglieder sind verstorben und die Nachfahren haben kaum noch Interesse an dem Thema, der Traditionspflege und den Forderungen der VerbĂ€nde. Dennoch verfĂŒgt der »Bund der Vertriebenen« angeblich noch immer ĂŒber 1,3 Millionen Mitglieder, doch das glaubt schon lange niemand mehr. Doppelmitgliedschaften und die ungefragte Eingemeindung von Nachfahren oder frĂŒheren Mitgliedern dĂŒrften GrĂŒnde fĂŒr die hohe Zahl sein.

In zahlreichen Landsmannschaften, Heimatkreisen und Vereinen schlossen sich nach 1945 Menschen zusammen, die im Zuge des Zweiten Weltkrieges vor allem aus den deutschen Ostgebieten geflohen, von den Alliierten umgesiedelt oder teilweise vertrieben worden waren. Der 1957 gegrĂŒndete BdV maßte sich an, fĂŒr diese Gruppe in der Bundesrepublik – etwa 15 Millionen Menschen – zu sprechen. Auch die Politik wies dem Dachverband und seinen BĂŒnden diese Rolle zu und förderte deren AktivitĂ€ten Jahr fĂŒr Jahr mit MillionenbetrĂ€gen. BundeslĂ€nder ĂŒbernahmen Patenschaften fĂŒr einzelne »Volksgruppen«, der Freistaat Bayern ernannte die dort neu angesiedelten »Sudeten« gar zu seinem fĂŒnften »Stamm«. Neben der gesellschaftlichen Integration und Vertretung der sozialen Interessen der Umgesiedelten prĂ€gten vor allem verklĂ€rende Kulturpflege die Arbeit der VerbĂ€nde sowie politische Forderungen nach EntschĂ€digungen bis hin zu drastischen GebietsansprĂŒchen gegenĂŒber den Staaten in Ost- und SĂŒdosteuropa. Die Organisationen der »Vertriebenen« wurden in der Bundesrepublik Stoßtrupp revanchistischer und konservativer Forderungen, Vorfeld fĂŒr konservative Politik und Rekrutierungsfeld fĂŒr rechtsradikale und neonazistische Gruppen. Eine Abgrenzung nach rechts war selten. Die VerbĂ€nde gehörten fĂŒr die CDU/CSU zum festen Reservoir an WĂ€hler*innen, das mit Millionensummen fĂŒr VerbĂ€nde, Museen oder »Traditionsstuben«, mit Auftritten hochrangiger Politiker*innen, DenkmĂ€lern und politischem Entgegenkommen belohnt wurde. Aber auch die SPD pflegte lange ein teils unkritisches – oder zumindest funktionalistisches – VerhĂ€ltnis zu den VerbĂ€nden, im Wissen um den Einfluss auf WĂ€hler*innen und öffentliche Meinung in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Mit der Vereinigung Deutschlands 1989 und dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa verloren die VerbĂ€nde ihre außenpolitischen und antikommunistischen Funktionen. Zudem war nun der Zugang in die »alte Heimat« wieder offen. Die rechtsradikalen Hardliner*innen in den VerbĂ€nden verloren an Einfluss, wenn auch im Umfeld einzelner VerbĂ€nde bis heute immer wieder revanchistische Forderungen zu hören sind und die ehemalige CDU-Rechtsaußen und heutige AfD-Politikerin Erika Steinbach ihren Posten als BdV-PrĂ€sidentin erst 2014 verlor.

Heute vereint der BdV noch immer 20 Landsmannschaften, darunter die wahrscheinlich bekanntesten und auch lange Jahrzehnte am deutlichsten rechts positionierten »Sudetendeutsche Landsmannschaft«, »Landsmannschaft Ostpreußen« oder die »Baltische Gesellschaft«, aber auch unscheinbarere VerbĂ€nde wie die »Landsmannschaft der Banater Schwaben«. Trotz des Mitgliederschwundes und des inzwischen erlahmten öffentlichen Interesses an der Traditionspflege – mit ihren VerbĂ€nden und Forderungen sind sie weiterhin fester Teil von Gesellschaft und Kultur in den StĂ€dten und Gemeinden. Es fließen weiterhin hohe Summen in das Milieu der »Vertriebenen«, heute vor allem in Kultureinrichtungen und Museen, und es sitzen wichtige Politiker*innen in den VorstĂ€nden der VerbĂ€nde – der Draht bis direkt in die Bundesregierung ist kurz. So sind beispielsweise im PrĂ€sidium des BdV heute aktive oder ehemalige Europa-, Bundestags- und Landtagsabgeordnete von CDU, CSU, SPD und GrĂŒnen. PrĂ€sident des Verbandes ist Bernd Fabritius, seit 2018 Beauftragter der Bundesregierung fĂŒr Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten – und auch unter der neuen Regierung aus SPD, GrĂŒnen und FDP weiterhin im Amt.

1950 beschlossen die »Vertriebenen« die »Charta der deutschen Heimatvertriebenen«. »Friedensstiftend« sei das Papier, wird gerne betont. Doch die GeschichtsverfĂ€lschung steht bereits im ersten Punkt des Papiers. Dort heißt es gegenĂŒber den Staaten Ost- und SĂŒdosteuropas: »Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung.« Aber war es nicht Deutschland, das die Welt mit einem Angriffskrieg ĂŒberzog und die spĂ€teren Umsiedlungen und Vertreibungen auslöste? Der angebliche Verzicht auf »Rache und Vergeltung« pflegt die ErzĂ€hlung von den »Vertreiberstaaten« und den unschuldigen deutschen Opfern und legt so weiterhin die Grundlage fĂŒr Schuldumkehr und revanchistische Forderungen. Vom Beauftragten der Bundesregierung ist nicht bekannt, dass er sich vom »Grundgesetz« der »Vertriebenen« distanziert hĂ€tte.




Quelle: Der-rechte-rand.de