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Eine fast schwarze Leinwand, ein Ausschnitt des Arc de Triomphe ist zu sehen. Stimmengewirr. „Warten Sie …“ „Wir werden sauer, Herr Präsident. Wir können nicht leben. Wir können unsere Kinder nicht versorgen. Wir haben 40 Jahre lang gearbeitet.“ „Ist das normal? Warum ruinieren Sie uns?“ „Ich ruiniere niemanden.“ „Unsere Renten sind gesunken. Wir leben von 1.000 Euro.“ „Unterschätzen Sie uns nicht.“
Als nächstes zeigt die Leinwand den Schriftzug „Un Peuple“.

Intime Einblicke und neoliberale Kritik

So beginnt der gleichnamige Film, der ab dem 12. Januar erstmals mit deutschen Untertiteln in ausgewählten Kinos läuft. Er begleitet die Aufstände der Gelbwesten aus der Perspektive von vier Aktivist:innen aus der Stadt Chartres. Die bildgewaltige Dokumentation kommt mit wenigen Kommentaren aus und ruft in kurzen Worten zu Beginn die Fakten in Erinnerung: Die Regierung Macrons will eine „Öko“-Steuer auf fossile Kraftstoffe erlassen. Am 17. November 2018 demonstrieren in ganz Frankreich hunderttausende aufgebrachte Bürger:innen; Aktivist:innen besetzen im ganzen Land Kreisverkehre.

So auch in Chartres. Menschen stehen auf einer der Verkehrsinseln am Lagerfeuer, halten die Frankreichfahne hoch und lauschen den Worten des gewählten Sprechers Benoît, der Gerechtigkeit fordert, die gleichmäßige Verteilung von Reichtum. In einem Interview schildert er seine Motivation:

Zuerst sah ich auf die Bewegung mit Vorbehalt. Weil es um die Steuer auf Benzin ging, aber was mich abstößt, ist Armut. Ich dachte, es sei eine Schande, dass Leute nur wegen Benzin protestieren. […] Zuerst war ich verwundert, dann habe ich bald gemerkt, dass der Benzinpreis nur der Funke war. Dahinter steckten viele andere Dinge. Und da dachte ich, dass es an der Zeit war, sich persönlich zu engagieren. Für die Sache, für die ich eintrete: Den Kampf gegen jede Form von Not und Armut. Und die Gelbwesten wollen dasselbe.

Durch Interviews wie diese und die Begleitung von vier Aktivist:innen wird den Zuschauer:innen ein intimer Eindruck in die Bewegung geboten. Dem Protest wird ein Gesicht gegeben, wie es durch kurze Medienbeiträge nicht möglich wäre. Besonders erfreulich ist dabei, dass die Held:innen des Films die Menschen sind, die in der Berichterstattung normalerweise zu kurz kommen: Menschen, die keine hohen Ämter bekleiden; Menschen aus Frankreich, die unter Armut leiden. Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn am 10. des Monats kein Geld mehr da ist, um den Kühlschrank zu füllen und sie wissen, dass sie die breite Masse der Verlierer:innen einer neoliberalen Politik sind, aber keine wehrlosen Opfer.

Kommentarlos zeigt der Film sie beim Organisieren, Diskutieren und bei Aktionsformen wie dem Besetzen der lokalen Mautstelle. Oder bei dem Besuchen von Veranstaltungen der „Großen Nationalen Debatte“, bei der sie erst nach dem offiziellen Diskussionsteil nach ihrer Meinung gefragt werden und über bessere Argumente verfügen als die Abgeordneten, die armutsbetroffenen Menschen nichts weiter zu sagen haben, als dass das einzige systematische Problem zu wenige Karrierechancen wären und Sozialleistungen und Mindestlohn hoch genug seien. Somit trägt „Un Peuple“ zwar voreingenommen und nah an den Gelbwesten, aber somit gleichzeitig zu einer vollständigeren Geschichtsschreibung bei, da endlich auch der aufständischen Seite Gehör geschenkt wird.

Epische Bilder und Gewaltdebatte

Ich fahre nicht jeden Samstag 100 Kilometer, um gegen die Polizei zu kämpfen. Wir sind keine gewalttätige Bewegung. Wir sind hier für unser Demonstrationsrecht. Es ist verrückt. Die Leute haben das alles satt. Jedes Wochenende: die Polizei gegen uns. So geht es immer weiter. […] Ich komme, um in Paris zu demonstrieren für meine Forderungen, weil ich mir Sorgen um meine Rente mache, um Naturschutz, den Planeten. Hier ist, was jedes Wochenende passiert. Wir wollen das nicht. Wir wollen, dass die Regierung wechselt. Verdammt. Regierung, ändere Dich, bitte. Tut was. Scheiße! Seht die Steine. Man wird mich am Kopf treffen. […] Darf ich nicht demonstrieren? Was ist sein Problem? Er hat mich mit seinem Schild geschlagen! Darf ich nicht demonstrieren? Wo ist er? Wir wurden von der Polizei geschlagen. Ich habe nichts getan. Verdammt noch mal! So ist das: Man tut nichts und du wirst geschlagen, mit Tränengas besprüht, und sie sagen nur: „Raus hier!“,

so ein längerer Wortfluss des sich streamenden Umwelt- und Gelbwestenaktivistens Allan, der aus Chartres zu einer Demonstration in Paris fährt und die polizeiliche Gewalttätigkeit dokumentiert. Bilder werden gezeigt von der Verwüstung. Bilder der Polizei, wie sie auf die Bevölkerung von Frankreich einprügelt. So schafft es „Un Peuble“ eine Debatte zu eröffnen über die gewalttätigen Ausschreitungen, anstatt die Zerstörung alleine auf das Handeln der Demonstrierenden zurückzuführen. Ein Familienvater erzählt, wie er von einer Demonstration zurück zu seinen beiden Kindern fahren wollte, dies der Polizei sagte und mit Gummigeschossen attackiert wurde. „Stellen Sie sich vor, wie es ist, sechs Stunden lang mit Tränengas besprüht zu werden. […] Wenn Sie sechs Stunden eingekesselt sind, würden Sie sich nicht wehren?“

Vor allem Allans „Monolog“ zum Thema Gewalt bleibt im Gedächtnis und wirkt dabei lyrischer und aufwühlender als jeder Jelinek-Erguss. Der Regisseur und Kameramann Emmanuel Gras beweist ein talentiertes Auge beim Aufnehmen epischer Bilder – vor allem bei den Aufständen in Paris. Durch das Auffangen großartiger Bildkompositionen haftet der Dokumentation ein gewisser Arthouse-Charakter an, der erfreulicherweise neben der üblichen linken Szene auch ein bildungsbürgerliches Publikum in den Film locken könnte. Doch im Gegensatz zu anderen Arthouse-Produktionen werden in „Un Peuple“ gesellschaftliche Missstände nicht nur für eine ästhetische Befriedigung dargestellt, die natürlich im Nichtstun endet. Gras benennt explizit mit den vier Aktivist:innen die Ursachen der Missstände und wird anklagend gegenüber Macron, einer neoliberalen Politik und der ungerechten Verteilung von Reichtum. Darüber hinaus bietet er eine aktivierende Lösungsmöglichkeit: Selbstorganisation und kollektiver Aufstand. So sind als letzte Worte des Films der Sprechgesang einer demonstrierenden Menge zu hören: „Schließt Euch an.“

Eine Revolution – Aufstand der Gelbwesten. Regie und Kamera: Emmanuel Gras. Frankreich 2022 (Original: Un Peuple).

SPIELORTE:
Berlin, Tilsiter Lichtspiele (12.01.2023–18.01.2023)
Berlin, b!ware Ladenkino (12.01.2023–18.01.2023)
Berlin, Sputnik-Kino (12.01.2023–18.01.2023)
Berlin, Lichtblick Kino (12.01.2023–18.01.2023)
Bochum, end.station (12.01.2023–18.01.2022)
Duisburg, Filmforum (16.01.2023)
Düsseldorf, Metropol (12.01.2023–18.01.2023)
Essen, Filmstudio (15.01.2023)
Karlsruhe, Kinemathek (04.02.2023)
Köln, Rex am Ring (18.01.2023)
Köln, Traumathek (24.01.2023)
Leipzig, Luru-Kino (12.01.2023–18.01.2023)
München, Werkstattkino (12.01.2023–18.01.2023)
Münster, Cinema (12.01.2023–18.01.2023)
Nürnberg, kommkino (11.01.2023–24.01.2023)
Oldenburg, Filmriss (20.04.2023)
Stuttgart, EM Kino (25.01.2023)
Tübingen, Museum-Lichtspiele (19.01.2023–25.01.2023)
Wuppertal, Rex (12.01.2023–18.01.2023)

Beitragsbild: Ausschnitt des Filmplakats selbst gewählt, Rechte am Bild bei den Filmemacher:innen




Quelle: Direkteaktion.org