Dezember 8, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Wir haben hier einen Text von AgustĂ­n GuillamĂłn ĂŒbersetzt der sich dem ‚revolutionĂ€ren DefĂ€tismus‘ aus historischer Sicht widmet. Vor allem bezĂŒglich diesem wĂ€hrend der sozialen Revolution im spanischen Staat 1936. Wir veröffentlichten vor kurzem einen Artikel von Miguel AmorĂłs – Leninismus, faschistische Ideologie – wo wir einige seiner eher vagen Kritiken bemĂ€ngelten, wenn ohne dies aufrĂ€umen zu wollen, denn dies kann nur die verfassende Person allein, geht in diesem Text GuillamĂłn selbst auf einige der Aussagen von AmorĂłs konkreter ein, wie z.B., die Kritik an der Publikation ‚Bilan‘. Ein weiterer wichtiger Text fĂŒr die Geschichte, und hoffentlich auch fĂŒr die Zukunft der anarchistischen Bewegung, in dem gegenwĂ€rtige Delirien aufgerĂ€umt werden.


RevolutionÀrer DefÀtismus, Agustín Guillamón, 2015

Gestern

Der DefĂ€tismus ist eine politische Taktik, die darauf abzielt, im eigenen Land durch pessimistische Nachrichten oder Ideen ĂŒber den Ausgang eines Krieges oder eines anderen Vorhabens Mutlosigkeit zu verbreiten.

RevolutionĂ€rer DefĂ€tismus ist der der von einigen Minderheiten in einem Land, das sich im Krieg befindet, gegen die eigene Regierung treibt, mit dem Ziel, die revolutionĂ€re Bewegung zu begĂŒnstigen. Sie steht in Opposition zur Union sacrĂ©e (A.d.Ü., geheiligter Bund), d.h. zur nationalen Einheit aller Klassen mit dem einzigen Ziel, den nationalen Sieg ĂŒber den Feind zu erringen. Der revolutionĂ€re DefĂ€tismus bricht mit der Union sacrĂ©e zwischen den Klassen und kĂ€mpft gegen die eigene Bourgeoisie mit dem Ziel, die Niederlage der eigenen Nation zu erreichen. Es gibt keinen anderen Horizont als den des Internationalismus, des Friedens und der sozialen Revolution.

Obwohl der Begriff (A.d.Ü., gemeint ist Union sacrĂ©e) bereits wĂ€hrend des französisch-preußischen Krieges von 1870 sporadisch verwendet worden war, wurde er wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs populĂ€r, als Vorschlag von RevolutionĂ€ren, im Namen des proletarischen Internationalismus gegen die eigene Regierung zu kĂ€mpfen, um ein revolutionĂ€res Ergebnis zu erreichen, das den Krieg beenden kann. In Russland, Deutschland und Italien hatte er einigen Erfolg. Ungarn, RumĂ€nien
 und im Sommer 1917 bedrohte er ernsthaft die französische Armee, mit Meutereien ganzer Regimenter und Massendesertionen. Clemenceau, PĂ©tain und das militĂ€rische Oberkommando fĂŒhrten kleinere Reformen durch und griffen zu gezielten Erschießungen, indem sie die aufstĂ€ndischen Regimenter gegen ihre eigenen Kommandeure dezimierten. Im Herbst 1917 kehrten die Soldaten zum Gehorsam zurĂŒck, voller Hass und Wut auf ihre Offiziere und die Politiker, obwohl es ihnen gelungen war, die Strategie des Generalstabs von der Großoffensive und dem damit verbundenen Gemetzel auf einen rein defensiven Grabenkrieg umzustellen. Doch die Taktik des revolutionĂ€ren DefĂ€tismus erwies sich in Frankreich als unfĂ€hig, den Krieg zu beenden oder zu revolutionĂ€ren Insurrektionen zu fĂŒhren.

WĂ€hrend des Spanischen BĂŒrgerkriegs gab es einige Versuche, den revolutionĂ€ren DefĂ€tismus anzuwenden. Am bekanntesten sind die von Bilan und Los Amigos de Durruti (A.d.Ü., den Freunden von Durruti) geförderten.

Bilan vertrat einen abstrakten und idealistischen DefĂ€tismus, unter anderem weil sie nicht in der Lage war, in die spanische Arbeiterklasse einzugreifen oder sie im Geringsten zu beeinflussen. Die Thesen oder theoretischen Positionen der Fraktion sollten nicht verachtet oder lĂ€cherlich gemacht werden, aber ihr marxistischer Charakter sollte in Frage gestellt werden, denn ein kritischer Marxismus ohne die operative FĂ€higkeit, in die soziale und historische RealitĂ€t einzugreifen, ist kein Marxismus: er ist Philosophie. Diejenigen, die von der Verteidigung Bilans um jeden Preis besessen sind, verfallen dem Idealismus, den Marx bereits in These Nr. 11 ĂŒber Feuerbach kritisiert hat.

Die Italienische Fraktion der Kommunistischen Linken, die Bilan auf Französisch und Prometeo auf Italienisch herausgab, betrachtete den spanischen BĂŒrgerkrieg als einen imperialistischen Krieg zwischen der demokratischen Bourgeoisie und der faschistischen Bourgeoisie.

Bilans Parolen ĂŒber die Sabotage der Kriegsindustrie, die VerbrĂŒderung an der Front mit den Faschisten, die Parteinahme fĂŒr keine der imperialistischen Kriegsparteien usw. waren abstrakte, ideologische und in der Praxis reaktionĂ€re Parolen, deren Hauptfehler ihre Wirkungslosigkeit, ihre mangelnde FĂ€higkeit, sie in praktische Aktionen umzusetzen, war: sie waren wertlose SchriftstĂŒcke. Aber es waren sehr brillante theoretische Thesen, die in den Seiten von Bilan sehr gut aussahen. Ihre praktische Umsetzung, die fĂŒr die kleine Gruppe von AuslĂ€ndern der Fraktion, die keinerlei Einfluss auf die Arbeiterklasse in Barcelona oder Katalonien hatten, absolut unmöglich war, hatte einen reaktionĂ€ren Charakter, da es die Kollaboration mit den Faschisten bedeutete und ihnen half, die republikanische Front zu brechen, was der Armee Francos die Tore öffnete.

Bilan tat das Einzige, was sie tun konnte: ihre Positionen auf dem Papier zu verteidigen. Los Amigos de Durruti waren diejenigen, die einen verheerenden und aktiven revolutionÀren DefÀtismus in die Praxis umsetzten.

Die GrĂŒndung der AgrupaciĂłn de Los Amigos de Durruti war der Endpunkt eines Prozesses des revolutionĂ€ren DefĂ€tismus:

Am 20. Oktober 1936 wurde die Militarisierung der Milicias Populares (populĂ€ren Milizen) beschlossen, die am 1. November in Kraft treten sollte. Die MilizionĂ€re der Fraktion beschlossen, die Front zu verlassen, weil sie der Meinung waren, dass der spanische BĂŒrgerkrieg endgĂŒltig zu einem imperialistischen Krieg geworden war. Wie in so vielen anderen Bereichen leisteten die verschiedenen anarchistischen Kolonnen mehrere Monate lang Widerstand gegen die Anwendung dieses Dekrets.

Die Ablehnung der Militarisierung der Milicias Populares fĂŒhrte zu ernsthaften Unruhen in verschiedenen Einheiten der libertĂ€ren MilizionĂ€ren, die auf dem Plenum der konföderalen und anarchistischen Kolonnen, das vom 5. bis 8. Februar 1937 in Valencia tagte, zum Tragen kamen. Pablo Ruiz nahm als Delegierter der MilizionĂ€re der Durruti-Kolonne im Gelsa-Sektor teil, die der Militarisierung ablehnend gegenĂŒberstehen, und die BrĂŒder Pellicer als Vertreter der MilizionĂ€re der Eisernen Kolonne. Die vierte Gruppierung der Durruti-Kolonne im Gelsa-Sektor widersetzte sich trotzig den Befehlen der Regionalkomitees der CNT und der FAI, die Militarisierung zu akzeptieren. Die Feindseligkeit zwischen den MilizionĂ€ren der Durruti-Kolonne, die die Militarisierung akzeptierten, und denjenigen, die sie ablehnten, fĂŒhrte zu ernsthaften Problemen, die beinahe eine bewaffnete Konfrontation provozierten. Sie wurden durch die Bildung einer Kommission der Kolonne unter dem Vorsitz von Manzana kanalisiert, die das Problem beim Regionalkomitee ansprach. Als Ergebnis dieser GesprĂ€che wurde beschlossen, allen MilizionĂ€ren die Möglichkeit zu geben, innerhalb von fĂŒnfzehn Tagen zwischen zwei Alternativen zu wĂ€hlen: entweder die von der republikanischen Regierung auferlegte Militarisierung zu akzeptieren oder sich von der Front zurĂŒckzuziehen.

Pablo Ruiz, Delegierter der vierten Gruppierung der Durruti-Kolonne in Gelsa, fĂŒhrte etwa 800 MilizionĂ€re an, die trotz des Drucks beschlossen, die Front zu verlassen und ihre Waffen mitzunehmen, um nach Barcelona zu gehen und eine revolutionĂ€re Organisation zu grĂŒnden, die sich der stĂ€ndigen Abkehr von den anarchistischen Prinzipien und der laufenden Konterrevolution entgegenstellt. Diese MilizionĂ€re waren der Grund fĂŒr die GrĂŒndung der AgrupaciĂłn de Los Amigos de Durruti. Im Mai 1937 hatten sie fĂŒnftausend Mitgliedsausweise ausgestellt und vierhundert von ihnen kĂ€mpften bewaffnet auf den Barrikaden.

Die AgrupaciĂłn de Los Amigos de Durruti wurde offiziell am 17. MĂ€rz 1937 gegrĂŒndet, obwohl ihre UrsprĂŒnge auf den Oktober 1936 zurĂŒckgehen. In der AgrupaciĂłn trafen zwei Hauptströmungen aufeinander: die Opposition der anarchistischen MilizionĂ€re der Durruti-Kolonne gegen die Militarisierung der Milicias Populares und die Opposition gegen den Regierungismus, die ihren besten Ausdruck in den Artikeln von Jaime Balius (aber nicht nur von Balius) in der Solidaridad Obrera von Juli bis November 1936, in Ideas von Dezember 1936 bis April 1937 und in La Noche von MĂ€rz bis Mai 1937 fand.

Beide Strömungen, die „Miliz“-Strömung der Ablehnung der Militarisierung der Milicias Populares, vertreten durch Pablo Ruiz, und die „journalistische“ Strömung der Kritik an der Regierungskollaboration der CNT-FAI, angefĂŒhrt von Jaime Balius, standen in Opposition zur konföderalen umstandsbedingten und kollaborationistischen Ideologie (die als Alibi fĂŒr die Abkehr von den charakteristischen und grundlegenden Prinzipien des Anarchismus diente), die unter anderem von Federica Montseny, Juan GarcĂ­a Oliver, „Diego Abad de SantillĂĄn“ und Juan PeirĂł in verschiedenen Schattierungen verkörpert wurde.

Der revolutionĂ€re DefĂ€tismus von Los Amigos de Durruti war etwas sehr Konkretes und Reales und daher revolutionĂ€r; im Vergleich dazu war der abstrakte und idealistische DefĂ€tismus von Bilan nur nasses Papier oder GeschwĂ€tz und zudem reaktionĂ€r. Bilans Unwissenheit war so groß, dass er zu keiner Zeit wusste, was Los Amigos de Durruti waren und was sie taten, denn von Paris aus schien alles theoretisch perfekt zu sein, und es war sehr einfach, in schönen Artikeln ĂŒber Fakten und Dinge zu schwadronieren, die weit weg und fremd waren.

Hier gibt es keinen Raum fĂŒr Zweifel oder Nuancen: Los Amigos de Durruti setzten eine der herausragendsten Episoden des revolutionĂ€ren DefĂ€tismus in der Geschichte der Arbeiter- und Revolutionsbewegung in die Tat um: 800 MilizionĂ€re verließen die Front in AragĂłn mit der Waffe in der Hand, um sich nach Barcelona zu begeben, um fĂŒr die Revolution zu kĂ€mpfen, und grĂŒndeten die AgrupaciĂłn de Los Amigos de Durruti, die im Mai 1937 versuchte, der Insurrektion der Arbeiter gegen den Stalinismus und die bourgeoise Regierung der Generalitat (A.d.Ü., katalanische Regierung) eine revolutionĂ€re Ausrichtung zu geben. So war es und so geschah es. Die Militanten der Fraktion in Paris beschrĂ€nken sich darauf, in den Artikeln, die in Bilan und Prometeo veröffentlicht wurden, mit mehr oder weniger Erfolg ĂŒber dieser fernen und fremden Insurrektion zu predigen.

WĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs gab es nur sehr wenige FĂ€lle von revolutionĂ€rem DefĂ€tismus, da die Wahl zwischen Demokratie und Faschismus die Massen blendete, im Gegensatz zur revolutionĂ€ren Alternative zwischen Kapitalismus (faschistisch oder demokratisch) und Kommunismus. Die kommunistische Alternative war ebenfalls grotesk deformiert als stalinistische Despotie. Nur einige kleine Minderheiten, die kaum wirklichen gesellschaftlichen Einfluss hatten, propagierten Parolen fĂŒr die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen revolutionĂ€ren BĂŒrgerkrieg.

Zu diesen Minderheiten gehörte vor allem die spanische Gruppe der Vierten Internationale, die in der in Mexiko erscheinenden Zeitschrift RevoluciĂłn Artikel von Munis und Benjamin PĂ©ret ĂŒber den imperialistischen Krieg veröffentlichte, in denen sie die Massaker der deutschen Bombenangriffe auf London, die amerikanischen Bombenangriffe auf deutsche StĂ€dte oder den engstirnigen reaktionĂ€ren Nationalismus der französischen RĂ©sistance anprangerten.

Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel waren der österreichische Jude Georg Scheuer und die RK-Gruppe (RevolutionĂ€re Kommunisten), die unter den deutschen Soldaten der Hitler-Armee revolutionĂ€ren DefĂ€tismus praktizierten und mit FlugblĂ€ttern und Propaganda zur Desertion aus der deutschen Besatzungsarmee in Frankreich aufriefen. Ihre Aktionen ĂŒbertreffen die wilde Fantasie eines Abenteuerromans. Als deutschsprachige Juden im besetzten Frankreich mussten sie Ausweispapiere fĂ€lschen, und sie fĂ€lschten Dokumente fĂŒr Kriegsverletzte, weil es fĂŒr sie billiger war, Zugfahrkarten zu kaufen. Als eine Militante der Gruppe von der Gestapo in ein französisches Krankenhaus entfĂŒhrt wurde, verkleidete sich die Gruppe als Gestapo-Kommando, erschreckte die faschistischen Vichy-Wachen und befreite sie, ohne einen Schuss abzugeben. Nach der Befreiung von Paris im August 1944 beteiligte sich Scheuer am Streik fĂŒr die Besetzung und Selbstverwaltung der Renault-Fabrik, die einem fĂŒhrenden Kollaborateur gehörte, doch der revolutionĂ€re Versuch scheiterte klĂ€glich an der erdrĂŒckenden Last der kapitalistischen Restauration.

Heute

In der Gegenwart des laufenden Klassenkrieges hat der revolutionĂ€re DefĂ€tismus fĂŒnf offene Fronten:

1. Die der nationalen Truppen, die in anderen LÀndern in so genannten Friedensmissionen eingesetzt werden. Welche Interessen vertreten sie, wenn nicht die des internationalen Finanzkapitals? Welchen Frieden können LegionÀre, Polizisten, Söldner usw. bieten?

2. Nach der Erfindung und VergrĂ¶ĂŸerung der islamischen oder systemfeindlichen terroristischen Bedrohung steht die Ausarbeitung einer politischen und militĂ€rischen Offensive gegen alle Freiheiten und demokratischen Rechte in den westlichen LĂ€ndern. Mittelfristig sind Sozialabbau und Freiheiten unvereinbar. Die verschiedenen Knebel- oder Anti-Terror-Gesetze sind der Anfang des Weges zu einem unbegrenzten politischen Autoritarismus, der zu mehr oder weniger gut getarnten Diktaturen mit unschuldigen demokratischen ZĂŒgen und einer Wahl zwischen dem Bösen und dem Schlechten fĂŒhrt.

3. Die staatliche Migrationsverbote sind Massenmorde und eine Verhöhnung der politischen FlĂŒchtlinge.

4. Der soziale Krieg gegen die Ausgegrenzten, Arbeitslosen und PrekÀren nimmt heute die Form eines Krieges des Staates gegen die am stÀrksten benachteiligten Teile der Bevölkerung an, der seine Schlachtfelder in den Stadtvierteln und Ghettos hat.

5. Die defĂ€tistische Taktik sieht heute die Auflösung aller Armeen, aller PolizeikrĂ€fte, aller Grenzen, aller Staaten als einzige Lösung fĂŒr das Überleben all derer vor, die keine Entscheidungsgewalt ĂŒber ihr eigenes Leben haben und die unter der Verhöhnung durch Wahlen leiden, in denen Vertreter gewĂ€hlt werden, die nichts anderes tun können, egal was ihr Wille ist, als das System zu stĂ€rken und seine zerstörerische und populĂ€rfeindliche Logik zur Verteidigung der multinationalen Konzerne und des Finanzkapitals anzuwenden.

AgustĂ­n GuillamĂłn




Quelle: Panopticon.blackblogs.org