Februar 15, 2021
Von Indymedia
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1. Kritik an romantischen monogamen Zweier-Liebesbeziehungen

Am alljĂ€hrlichen 14.02. geht es um Liebe, Liebe und nochmal Liebe. Klingt ja erstmal ganz nett – doch geht es dabei nur um Liebe in Form der cis-heteronormativen Zweier-Beziehung, die sich ganz nebenbei perfekt in unserer patriarchalen und konsumgeprĂ€gten Gesellschaft vermarkten lĂ€sst!

Es handelt sich hierbei um die bekannte Zweier-Konstellation aus einem cis Mann* und einer cis Frau, die romantische und sexuelle – und sehr viele andere BedĂŒrfnisse – ausschließlich in dieser Zweierbeziehung ausleben und erleben. Dieses stark romantisierte Bild einer “besonderen Bindung” fĂŒhrt zu ExklusivitĂ€t und einer Normalisierung von BesitzansprĂŒchen an eine andere Person. Nicht umsonst wird in Liebesliedern und -geschichten immer wieder die Vorstellung reproduziert, dass der Mensch SEINE zweite HĂ€lfte im Laufe des Lebens in Form einer anderen Person finden wird. 

Trotz angeblicher Gleichberechtigung spielen traditionelle GeschlechterverhĂ€ltnisse die Hauptrolle: Es ist schon wieder der Mann, dessen BedĂŒrfnisse erfĂŒllt werden sollen und der ergĂ€nzt wird durch “die Frau an seiner Seite”. WĂ€hrend der Mann sich mit einem hĂŒbschen Objekt – der Frau – schmĂŒcken kann, hat diese die Aufgabe, sich um ihn zu kĂŒmmern, ihn zu verstehen: also kostenlose, einseitige Sorgearbeit zu leisten! Dies ist Ausdruck der patriarchalen und gewaltvollen VerhĂ€ltnisse, in denen wir leben – echt zum Kotzen! 

Diese Zweisamkeit wird naturalisiert, sie gilt also omniprĂ€sent als “normal”, obwohl diese faktisch selten funktioniert – sodass heutzutage von “serieller Monogamie” gesprochen bzw. diese gelebt wird. Auch durch das allgemein verbreitete Paradigma “KĂ€mpfe um deine Liebe”, “stick to your man” usw., werden die hierarchischen, patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft gefestigt und nicht infrage gestellt – darĂŒber hinaus sogar in dieser Zweier-Konstellation reproduziert!  Dabei ist diese aktuell vorherrschende Form der (Liebes-)Beziehung ein Konstrukt, das erst im 19. Jahrhundert in der bĂŒrgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft des globalen Nordens populĂ€r wurde. Das basiert auf cis- und heteronormativen* Vorstellungen von Zusammenleben und Zusammensein. Das ist Bullshit und alles andere als zeitgemĂ€ĂŸ. Wir lassen uns nicht mehr von veralteten Rollenbildern und Normen steuern! Und erst recht nicht von irgendwelchen Mackern vorschreiben, wie wir zu leben und zu lieben haben! Es kotzt uns an! Kampf allen Machtstrukturen! FĂŒr Selbstbestimmung und Autonomie!

Wir kritisieren diese einseitige PrĂ€sentation von MononormativitĂ€t* und AmatonormativitĂ€t*! Wir fordern mehr Sichtbarkeit und mehr Mitdenken von “alternativen” Beziehungsmodellen! Mit welchen Lebens- und Liebensformen sie sich wohlfĂŒhlen, können allein die beteiligten Menschen gemeinsam entscheiden – jede Lebens- und Liebesform, die auf Konsens beruht, sollte gewertschĂ€tzt werden!

Freundschaftszentriert? Polyamorös? Allein oder in einer großen Gemeinschaft? DU entscheidest! Gegen die Unsichtbar- und Gleichmachung von L(i)ebesformen in dieser Gesellschaft!

 

2. Kritik an staatlicher Institutionalisierung

Damit aber nicht genug, denn dann kommt natĂŒrlich auch noch der Staat um die Ecke und will mitmischen!

Durch den Staat wird ganz klar eine Beziehungsform unterstĂŒtzt: Die Ehe zwischen heterosexueller cis Frau und cis Mann. Es ist kein Zufall, dass der Staat genau die bĂŒrgerliche Kleinfamilie unterstĂŒtzt, die im Kapitalismus die effektivste Form des Zusammenlebens ist. Der Kapitalismus greift auf die Ehe als “natĂŒrlichen” Ort fĂŒr Reproduktionsarbeit zurĂŒck. Es ist kein Geheimnis, dass dies – z.B. allein schon durch die Trennung und geschlechtsabhĂ€ngige Zuweisung von Erwerbs- und Hausarbeit – zu einer VerschĂ€rfung der Ungleichheit der Geschlechter gefĂŒhrt hat. Und diese patriarchalen MachtverhĂ€ltnisse fördert der Staat bis heute, indem er unzĂ€hlige Privilegien an die Ehe knĂŒpft: Aufenthaltsrecht, finanzielle Bevorzugung z.B. ĂŒber Steuervorteile, Adoptions- und Sorgerecht, ZuschĂŒsse fĂŒr Kinderwunschbehandlungen und weitere Rechte, die z.B. die Verantwortung fĂŒr nahestehende Personen betreffen.

All das sollten eigentlich gar keine Privilegien sein, sondern grundlegende Rechte, die fĂŒr alle gelten, unabhĂ€ngig von ihren Beziehungen oder davon, ob sie heiraten wollen und vor allem ĂŒberhaupt können! Denn auch wenn ĂŒberall die Rede von der “Ehe fĂŒr alle” ist, können aufgrund von queerfeindlichen, rassistischen, mono- und amatonormativen Strukturen noch lange nicht alle heiraten. Die staatlich institutionalisierten Privilegien der Ehe stehen also ausschließlich einer bestimmten Beziehungsform (der romantischen monogamen Zweierbeziehung) zu. Und wĂ€hrend manche Menschen vom Staat dazu ermuntert werden zu heiraten, wird es gleichzeitig vielen Menschen aufgrund von Rassismus, Klassismus (d.h. struktureller Diskriminierung und Marginalisierung in Bezug auf soziale und/oder bildungspolitische Position), Ableismus (d.h. struktureller Diskriminierung und Be_hinderung von Menschen in Bezug auf FĂ€higkeiten) und Queerfeindlichkeit strukturell erschwert bis unmöglich gemacht, zu heiraten. Hier wird ganz deutlich, welche Beziehungen von welchen Menschen fĂŒr den deutschen Staat unterstĂŒtzenswert sind und welche nicht, wer sich fĂŒr den deutschen Staat vermehren soll und wer nicht. Da können wir nur kotzen! Die Ehe ist ein klassistisches, rassistisches, heterosexistisches, amatonormatives Konstrukt!

Das wird hier in Bremen gerade zum Beispiel auf ekelhafte Weise deutlich, wenn die Behörden Schwarzen MĂŒttern und ihren Kindern die Geburtsurkunden und damit auch die Aufenthaltserlaubnis auf der Grundlage der Verbindung von rassistischen und patriarchalen Strukturen verwehrt. Die MĂŒtter mĂŒssen in aufwĂ€ndigen, teuren und vor allem erniedrigenden ÜberprĂŒfungsverfahren fĂŒr ihre Rechte und die ihrer Kinder kĂ€mpfen und sind dabei der rassistischen und patriarchalen WillkĂŒr des Staats ausgeliefert (siehe https://togetherwearebremen.org/enough-is-enough-papers-for-all-the-babies/).

Wir fordern die Abschaffung der Ehe als staatliche Institutionalisierung und Privilegierung der romantischen monogamen Zweierbeziehung zwischen cis Frau und cis Mann! Wir fordern, dass Sachen wie Geburtsurkunden, Aufenthaltsrecht und andere Rechte gar keine Privilegien mehr sind, sondern selbstverstĂ€ndlich fĂŒr alle Menschen gelten! Wir fordern die Abschaffung der Ehe als Ort von Privilegien und am besten die Abschaffung des Staats gleich mit dazu! Denn Befreiung bedeutet nicht mehr Staat fĂŒr alle, sondern keinen Staat mehr!

3. Kritik an kapitalistischer Kommerzialisierung von Beziehungen

Doch wo der deutsche Staat ist, ist auch der Kapitalismus nicht weit und so steht der Valentinstag symbolhaft fĂŒr das kapitalistische UnterdrĂŒckungssystem!

Die patriarchale UnterdrĂŒckung von Frauen und Queers ist eng verstrickt mit dem kapitalistischen System. Romantische und sexuelle ExklusivitĂ€t kann konsensual und bedĂŒrfnisorieniert sein – ist aber meist erneut Ausdruck von BesitzansprĂŒchen und MachtverhĂ€ltnissen. Das fĂŒr den Kapitalismus unerlĂ€ssliche Denken in Eigentum und Besitz wird somit auf Menschen und deren Beziehungen ĂŒbertragen. So sorgte der Kapitalismus fĂŒr die Enstehung der bĂŒrgerlichen Kleinfamilie, welche perfekt in die Norm der romantischen monogamen Zweierbeziehung von cis Frau und cis Mann passt und deren Bestand garantiert. Der Valentinstag wird dabei in die kapitalistische Logik eingegliedert, vereinnahmt und kommerzialisiert. Wie wir es im Kapitalismus gewöhnt sind, steht dabei Kapital und Konsum immer ĂŒber dem Wohlbefinden von Menschen. Die Massen an Geschenken, wie Schokolade oder Rosen, werden unter menschenverachtenden Produktionsbedingungen hergestellt, vor allem in LĂ€ndern des globalen SĂŒdens. Wieder einmal lĂ€uft der Konsum und Wohlstand von LĂ€ndern des Globalen Nordens wie Deutschland ĂŒber die Ausbeutung des Globalen SĂŒdens!

Das kapitalistische System kann nur aufrecht erhalten werden, wenn Menschen – aufgrund von geschlechtlichen und rassifizierten Zuschreibungen- in prekĂ€ren Arbeits- und AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen stehen, um den Gewinnern des Systems durch Lohn- und Carearbeit unfreiwillig “zuzuarbeiten”. Nur durch die bestehende und bewusst aufrecht erhaltene Ungleichheit im Kapitalismus können Profite generiert werden. Somit richtet sich unser Kampf auf die Abschaffung des kapitalistischen Systems, denn erst dann kann eine solidarische Gesellschaft entstehen!

Wir kritisieren die rassistischen und sexistischen Verwertungslogiken des Kapitalismus!
Wir fordern das Ende der ekelhaften kapitalistischen Instrumentalisierung und Ausbeutung, das sich gewaltvoll und autoritÀr in zwischenmenschliche Beziehung einschleicht!

KĂ€mpferische GrĂŒĂŸe aus Bremen

* cis beschreibt, dass Menschen sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde und wird gesellschaftlich stark als Norm angesehen. Daraus entstehen entsprechende Privilegien.
* cisnormativ = Norm in der Gesellschaft, die davon ausgeht, dass alle Menschen das Geschlecht haben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde und sich somit innerhalb der BinaritĂ€t von weiblich (Frau) – mĂ€nnlich (Mann) verorten
*heteronormativ = Norm in der Gesellschaft, die davon ausgeht, dass alle Menschen heterosexuell seien
* MononormativitĂ€t steht fĂŒ
r die vorherrschende gesellschaftliche Struktur, bei der nur monogame Beziehungen als richtige und gute Beziehungen gelten
* AmatonormativitĂ€t beschreibt die Überzeugung, dass romantische Beziehungen grundsĂ€tzlich wertvoller als andere Arten von Beziehungen wie Freund*innenschaften sind und diese anzustreben sind. Dies ist u.a. fĂŒr a_romantische Menschen problematisch




Quelle: De.indymedia.org