Juni 8, 2022
Von Lower Class Magazine
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WĂ€hrend die Weltöffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit den Krieg in der Ukraine verfolgt, sieht der tĂŒrkische Diktator Erdogan die Chance auf einen neuen Einmarsch in Syrien. Hier in den selbstverwalteten Gebieten Nordost-Syriens laufen die Verteidigungsvorbereitungen auf Hochtouren. Und die Linke in Deutschland?

Mit einem Lappen wische ich das letzte Körnchen Staub von meinem Maschinengewehr. Blitzblank ist es nun, bereit, um die Menschen hier gegen einen erneuten Angriffskrieg Erdogans und seiner jihadistischen Banden zu verteidigen. SpĂ€ter sitze ich bei kurdischen Revolutionsliedern mit meinen Genossen von unserer internationalistischen Einheit am Feuer. Wir alle denken an die nĂ€chsten Tage. Ich weiß, dass er kommen wird, der Angriff. Erdogan braucht den Krieg. Er hat die TĂŒrkei in den letzten Jahren in eine tiefe ökonomische Krise getrieben und versucht nun mit seinem Krieg gegen Rojava davon abzulenken. Im Anschluss will er vorgezogene Wahlen abhalten und hofft durch den militĂ€rischen Sieg doch noch, an der Macht zu bleiben.

Vor knapp zehn Jahren entfaltete sich in Rojava eine Revolution auf Basis von Frauenbefreiung, Ökologie und Demokratie. Eine Region, in der heute Kurd*innen und Araber*innen mit allen anderen Völkern friedlich zusammenleben. Mit ihrem Modell der Selbstverwaltung durch RĂ€te stellt die Revolution eine enorme Hoffnung fĂŒr die Völker der Region, aber auch weltweit dar. Das war der Grund, warum ich mich vor mehren Jahren auf den Weg gemacht habe, mit den Menschen hier diese Errungenschaften zu verteidigen. Ich bin fest davon ĂŒberzeugt, dass nur ein System, in dem die vielen verschiedenen Völker gleichberechtigt zusammenleben und in dem Frauenbefreiung eine zentrale SĂ€ule darstellt, in dieser Region eine positive VerĂ€nderung bringen kann. WĂ€hrend die Kriegsrhetorik Erdogans jeden Tag lauter wird, treffen wir (YPG-KĂ€mpfer*innen) alle nötigen Vorbereitungen fĂŒr einen neuen Angriffskrieg durch die TĂŒrkei. Erdogan betreibt eine Art Kuhhandel: FĂŒr den Beitritt Schwedens und Finnlands in die NATO, fordert er grĂŒnes Licht fĂŒr seinen Angriffskrieg.

Ich weiß, was auf dem Spiel steht. Die letzten Angriffskriege der TĂŒrkei gegen Nordost-Syrien 2016, 2018 und 2019 haben nicht nur viel Tod und Vertreibung gebracht, in den besetzten Gebieten wird bis heute tĂ€glich von GrĂ€ueltaten, durch die von der TĂŒrkei unterstĂŒtzen Jihadisten berichtet. Viele von ihnen sind ehemalige IS oder Al-Nusra KĂ€mpfer. Deswegen ist es auch keine Überraschung, dass die letzten beiden AnfĂŒhrer des IS sich dort versteckt hatten. Ich fĂŒhle auch die Verantwortung. Ich schĂ€tze mich glĂŒcklich, Teil dieser Revolution sein zu dĂŒrfen. Das heißt aber auch, dass ich fĂŒr geselschaftlichen Wandel bereit bin, Verantwortung zu ĂŒbernehmen. Eigene SchwĂ€chen zu ĂŒberwinden. Und mit fester Überzeugung fĂŒr die Werte Rojavas zu kĂ€mpfen. Ein gesellschaftlicher Aufbruch, der Menschen weltweit Hoffnung gibt, dass ein anderes Leben möglich ist. Doch dieser Angriff, so die tĂŒrkische Propaganda, soll ĂŒber die gesamte GrenzlĂ€nge einen 30 km tiefe Zone besetzen. Das wĂ€re das Ende Rojavas.

Ich frage mich, was die Linke in Deutschland machen wird? WĂ€hrend auf die letzten beiden Angriffskriege mit ein paar kleineren Demonstrationen und Aktionen reagiert wurde, konnte sie den Krieg nicht verhindern. Jetzt aber geht es um die Frage des Fortbestehens der Revolution. Um Sein oder Nicht-Sein. Eine internationalistische Revolution muss international verteidigt werden. Daher kann ich in diesem Moment, kurz vor dem Sturm, nur an alle appellieren, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden. Was werdet ihr im Falle einer Niederlage dieses einmaligen gesellschaftlichen Aufbruchs hier, der zukĂŒnftigen Generation erzĂ€hlen?

Und wenn sich viele fragen, was sie eigentlich Rojava interessieren soll? Liegt doch in Syrien. Ist weit weg. Dann kann ich nur antworten: Rojava zeigt allen von uns, dass eine andere Welt möglich ist. Schon allein die Hoffnung, die von der Existenz dieser Revolution ausgeht, gibt Menschen weltweit enorme Kraft und StÀrke.

Ich habe mir geschworen, dem Faschismus keinen Fußbreit kampflos zu ĂŒberlassen. Weder dem deutschen, dem tĂŒrkischen, noch dem des IS. Mir ist aber auch klar, dass wir ihn nur gemeinsam besiegen können. Ich schultere meine Waffe, um mich dann an den Ort zu begeben, an dem ich in den kommenden Tagen den Vormarsch des Feindes erwarten werde. Dabei frage ich mich, was wirst du machen, wenn der tĂŒrkische Einmarsch gegen Rojava beginnt?




Quelle: Lowerclassmag.com