Mai 11, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Lutz Brangsch & Miriam Pieschke (Hrsg.): Sich nicht regieren lassen. Rosa Luxemburg zu Demokratie und linker Organisierung. Ein Lesebuch. Dietz Verlag, Berlin 2021, 206 Seiten, 18 Euro, ISBN 9783320023799

Rosa Luxemburg erfĂŒllt viele Rollen: Sozialistin, Internationalistin, Migrantin, JĂŒdin, Ikone, politische Gefangene, ambivalente Kritikerin der Bolschewiki, MitbegrĂŒnderin der KPD, Journalistin, Juristin, Wirtschaftswissenschaftlerin, Antimilitaristin, Strategin, Hass-
objekt der Rechten, Mordopfer und ProjektionsflĂ€che. Die Liste ließe sich fortsetzen. RĂ€umt man die Werke von und ĂŒber Rosa Luxemburg in ein Regalbrett, lassen sich einige Meter BuchrĂŒcken abmessen. Was soll man noch ĂŒber sie schreiben, was nicht lĂ€ngst ausfĂŒhrlich behandelt wurde? Vielleicht ist es gerade dieses Überangebot, welches die Legitimation fĂŒr einen neuen Band liefert. In „Sich nicht regieren lassen. Rosa Luxemburg zu Demokratie und linker Organisierung. Ein Lesebuch.“ liefert der Karl Dietz Verlag Berlin eine umfangreiche, verstĂ€ndliche und höchst anschauliche Übersicht des luxemburgischen Denkens. Das erklĂ€rte Ziel der Heraus-geber*innen ist es, Rosa Luxemburgs „Positionen zu linker Organisierung und Demokratie innerhalb einer Partei oder Organisation und [
] zu Parlamentarismus und demokratischer Verfasstheit von Gesellschaft“ zu vermitteln. Diese zentralen Fragen waren, sind und bleiben Konflikt- und Spaltungspunkte, bei denen antiautoritĂ€re Linke hellhörig werden. Und um es zu verraten: Dieses Ziel wird erreicht. Die Texte sind klar und deutlich, was nicht bedeutet, dass man Luxemburg in jedem Punkte zustimmen mĂŒsste. Das Buch ist erfreulich stringent und chronologisch strukturiert. Kapitel fĂŒr Kapitel arbeiten sich die Leser*innen durch einen wiederkehrenden Dreischritt aus kurzer klappentextartiger Einleitung, streckenweise langatmigen Originaltext von Luxemburg und einem erlĂ€uternden Hintergrund. Die Seiten sind gespickt mit kurzen Biographien derjenigen Personen, auf die in den Texten Bezug genommen wird. Ein richtiges who is who der europĂ€ischen sozialistischen Szene findet sich so zusammen. Das Lesen macht so viel Freude, dass man das Buch weder aus der Hand legen möchte, noch fĂŒr zusĂ€tzliche Recherchen muss. Besonders hervorzuheben ist die knallige Aufmachung. Allein die Farbe des Umschlags sticht wörtlich ins Auge. Als besonderes Gimmick lĂ€sst sich der Schutzumschlag entfernen und zum Rosa-Luxemburg-Poster mit rĂŒckseitiger Zeitleiste aufklappen. Schriftbild, Haptik und Layout sind kein Vergleich zu den dĂŒnnseitigen, nĂŒchtern gehaltenen BĂ€nden der Marx-Engels-Ausgaben des Verlages, als dieser noch Propagandaunternehmen der SED war. Diese unrĂŒhmliche Traditionslinie ist aus anarchistischer Perspektive selbstredend problematisch, und auch Rosa Luxemburg selbst wĂŒrde es in den Fingern jucken, sich am „Sozialismus“ der DDR ordentlich abzuarbeiten. Doch sollte an den heutigen Verlag kein unnötig polemisierender Maßstab gelegt werden. Die Herausgeber*innen des Buches haben eine berufliche Heimat in Linkspartei und Rosa-Luxemburg-Stiftung gefunden, sodass in dieser Konstellation der Verdacht einer GefĂ€lligkeitsbeschreibung aufkommt. Jede Textauswahl aus dem umfangreichen Werk Luxemburgs stellt bereits eine Interpretation dar. Hier und da lungert der Gedanke, dass es der Linkspartei eigentlich gut in den Kram passt, wenn die Namensgeberin der ihr nahestehenden Stiftung so reproduziert wird, wie die Partei selbst gerne wĂ€re. Es ist keine Überraschung, dass das Werk die Existenz einer explizit anarchistischen Strömung innerhalb der Arbeiter*innen-Bewegung komplett unter den Tisch fallen lĂ€sst. Die Organisationsfrage verengt sich dadurch hĂ€ufig auf die Frage, welchen Mittelweg zwischen Reform und Revolution, Zentralismus und innerer Offenheit eine Partei zu wĂ€hlen habe. Bisweilen erhĂ€lt man den Eindruck, dass Luxemburg sich an der Quadratur des Kreises abarbeitet, wenn sie Demokratie in einem hierarchischen Apparat herzustellen versucht. Diejenigen Menschen, fĂŒr die sie beansprucht Politik zu machen, erscheinen als gesichtslose „Masse“. Namen sind Personen vorbehalten, die respektable Posten in Parteiapparaten ausfĂŒllen. Rosa Luxemburg ist eben im besten und eigentlichen Wortsinn eine Sozialdemokratin und keine Anarchistin. Im Nachklapp thematisiert Alex Demirović eine Ambivalenz, die einigen – teilweise unveröffentlichten – BeitrĂ€gen Luxemburgs zugrunde liegt. Unter dem Eindruck des Ende des Ersten Weltkrieges und der Revolution kann sie sich nicht zu einer stringenten Haltung durchringen: Soll die Macht von Arbeiter- und SoldatenrĂ€ten ausgeĂŒbt werden? Oder nur von ArbeiterrĂ€ten? Oder von einem „Arbeiterparlament“? Die Mitherausgeberin Miriam Pieschke resĂŒmiert darauf, dass Luxemburg „keine Verfechterin des Entweder-Oder, sondern des Sowohl-als-Auch“ sei: „Reform und Revolution, kurzfristige Strategie und langfristiges Handeln, Lernen und Lehren, FĂŒhrung und Masse.“ Eine Rosa Luxemburg, die Vielen gefallen kann.




Quelle: Graswurzel.net