September 22, 2021
Von Syndikalismusforschung
57 ansichten


Der international geachtete anarcho-syndikalistische Theoretiker Rudolf Rocker hielt seine Gedanken in einer FĂŒlle von BeitrĂ€gen, BroschĂŒren und BĂŒchern fest. Aber auch seine Reden wurden begeistert aufgenommen und nach Veranstaltungen mit ihm traten teils hunderte von Zuhörern spontan in die FAUD (Freie Arbeiter-Union Deutschlands, Anarcho-Syndikalistische Gewerkschaft) ein. Hier ein Bericht aus Böckingen bei Heilbronn:

„NachklĂ€nge zur Versammlung am 25. MĂ€rz 1922 in Böckingen.

Schriften von Rudolf Rocker um 1922

Gleich einer silberklaren Quelle entströmten goldene Worte der Wissenschaft dem Munde unseres beliebten Rudolf Rocker. Er fĂŒhrte die Zuhörer in die höchsten geistigen Regionen der Wissenschaft und der Kunst vom grauen Mittelalter, als die Kunst in höchster BlĂŒte stand, als StĂ€dte und kleine Kommunen sich gegenseitig an Meisterwerken der Baukunst, der Tonkunst, der Astronomie, der Geologie und Malerei zu ĂŒberbieten suchten, bis zum heutigen modernen Klassenstaate, in dem die Errungenschaften aus alter Zeit nicht gepflegt und gefördert, sondern kulturell zerstört und vernichtet werden. In unserer Zeit, wo die Kasernen und Fabrikschlote die höchsten DenkmĂ€ler der besitzenden Klasse sind, worin das geknechtete Proletariat gedrillt und bis zum letzten Blutstropfen ausgesogen wird, bleibt dem schaffenden Volke keine Zeit, sich mit Kunst und Wissenschaft zu beschĂ€ftigen. WĂ€hrend frĂŒher kleine Staaten, z.B. die Griechen, die Römer usw. unzerstörbare Werke der Kunst schufen, an deren Überresten wir heute noch staunend hinaufblicken, ist es das Schicksal des Volkes, im großen modernen Klassenstaate die GeldsĂ€cke einer geldgierigen, vergnĂŒgungssĂŒchtigen Minderheit von Schiebern und Spekulanten zu fĂŒllen und anstatt aufzublĂŒhen, an dieser Last zugrunde zu gehen. Sobald ein Volk von einem Despoten, König, Kaiser, oder wie er sonst heißen mag, regiert wird, werden ihm dessen Launen und Ansichten aufdiktiert; es hat zu tun, was dieser ihm auf gesetzlichem Wege vorschreibt und verliert seinen eigenen Willen.

In manchem schlichten Arbeiter stecke eine Idee, es liegt eine Kraft, ein Drang in ihm, sich auf einem Gebiete der Wissenschaft, z.B. der Dichtung auszubilden. Die harte Pflicht, das Ringen nach Brot, lassen seinen schwieligen, von der Arbeit zerschundenen HĂ€nden keine Zeit, die Feder in die Hand zu nehmen, um seinen GefĂŒhlen Ausdruck zu geben; er wird voll und ganz von dieser hohlköpfigen Gesellschaft versklavt und abgestumpft; er muß Tag und Nacht schuften, damit die Drohnen der Menschheit ihren LĂŒsten frönen können; und doch könnte er durch seine Schöpfungen manche Stunden seine Mitmenschen vom Alltagsleben in die Gefilde des Geisteslebens fĂŒhren, wo sich die Seele frei, ohne Fesseln, bewegen kann.

Der moderne Staat entnervt seine Völker, er zertritt, was Jahrhunderte der Kunst geschaffen haben. Was durch Fleiß und Arbeit in den letzten 50 Jahren mit vieler MĂŒhe hergestellt wurde, ist durch die Launen einiger StaatsoberhĂ€upter und Börsenkönige in einem bestialischen Völkermorden vernichtet worden. UnschĂ€tzbare Werte hat das Meer verschlungen. Handelsschiffe, die die Bedarfsartikel den Völkern gegenseitig einander zufĂŒhrten, die friedlich auf den Ozeanen durch die Wellen gingen, um Brot, Kleidung usw. den Armen zuzufĂŒhren, wurde durch Unterseeboote und Kampfschiffe in den Grund gebohrt; ganze LĂ€nder wurden vernichtet, StĂ€dte und Dörfer dem Erdboden gleich gemacht; die ausgedehntesten WĂ€lder von majestĂ€tischer Pracht wurden niedergehauen; edles Menschenblut floß in Strömen. Das sind die Kunstwerke des modernen Staates, welche zur Schande der Nachwelt der Menschheit ĂŒberwiesen werden.

Wie hoch erhaben steht hier die Kultur der grauen Urzeit vor uns, wo die Menschen im engen Kreise ihrer StĂ€dte und Dörfer wetteiferten, sich an Kunst und Wissenschaften zu ĂŒberbieten. Heute ĂŒberbietet ein Spitzbube den anderen, wie er seine Mitmenschen beschwindeln und ausrauben kann. Das ist das moderne Zeitalter des Nationalstolzes, gegenĂŒber dem Syndikalismus, welcher seine GrundsĂ€tze auf die Basis stellt, dass alle Menschen dieser Erde gleichberechtigten Anteil an der Arbeit, aber auch an dem Ertrag derselben haben sollen. Sie gleichen, um mit Rocker zu Sprechen, kleinen BĂ€chlein, welche sich zu FlĂŒssen sammeln, die alle zum Meer fließen. Von dort aus geht ihre Kraft auf und verteilt sich ĂŒber die ganze Erde. So sollen die kleinen Ortsgruppen sich den großen Arbeiterbörsen anschließen, von wo aus ĂŒber den ganzen Kontinent die BedĂŒrfnisse des Einzelnen geregelt und befriedigt werden.

Der Vortrag befriedigte alle Anwesenden, jedoch haben viele ihn nicht in ihrem Gehirn verarbeiten können, weil es eben noch bei manchem an geistiger Auffassung fehlt. Diejenigen, welche meinten, Rocker lasse Schwefel und Feuer regnen ĂŒber politische Parteien, sind Steckenpferdreiter und kommen freilich nicht auf ihre Rechnung. Rocker hielt seinen Vortrag meisterhaft im Rahmen der Wissenschaft und der naturgeschichtlichen Entwicklung der Völker. Es wĂ€re fĂŒr manchen lehrreicher gewesen, diesem Vortrag beizuwohnen, als am Biertische Propaganda fĂŒr zentralistische und parteipolitische Maschinationen zu machen, deren GrundsĂ€tze schon lĂ€ngst ĂŒberlebt sind und von einem neuen, freien Zeitgeist abgelöst werden mĂŒssen.

Carl StegmĂŒller.“

Aus: Der Syndikalist, Nr. 16/1922.

Kurzbiographie

Rudolf Rocker StadtfĂŒhrer

Über Rudolf Rockers Hauptwerk




Quelle: Syndikalismusforschung.wordpress.com