April 2, 2021
Von Syndikalismusforschung
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Das Duell Rudolf Rocker gegen Paul Frölich, Bremen, 1919

Ein großes Rededuell ereignete sich in den „Centralhallen“ am 04. Dezember 1919 zwischen dem international hochgeachteten Referenten Rudolf Rocker und Paul Frölich (1884-1953). Letzterer war Mitglied im Parteivorstand der KPD und setzte sich durch seine Schrift „Die syndikalistische Krankheit“ (1919) eingehender mit dem Thema auseinander. Hinsichtlich der RivalitĂ€t zwischen Syndikalisten und Kommunisten dĂŒrfte der folgende Polizeibericht (eines „Hilfsbeamten“) von NeutralitĂ€t gekennzeichnet sein, da beide Richtungen vom Staat mit Argusaugen beobachtet wurden:

„Die Versammlung begann um 7 Uhr 40. Anwesend waren gut 300 Mann. Die meisten Besucher waren Arbeiter; ca. 25 Frauen waren ebenfalls anwesend. Referent Rudolf Rocker, Berlin: Der organische Aufbau des Kommunismus. Rocker sprach ĂŒber die Bewegungen in Frankreich, England, Spanien und Italien. 1789 sei die erste Bewegung in Frankreich gewesen, in England 1825. Rocker fĂŒhrte dann aus, dass die Syndikalisten die stĂ€rkste Einheitsorganisation besĂ€ĂŸen. Die USP und die KPD zersplitterten sich in vier verschiedene Richtungen und bekĂ€mpften sich wie Hund und Katze. [
] Die meisten [deutschen Arbeiter] hörten nur auf die Schlagwörter der FĂŒhrer, ohne nachzudenken, ob es richtig sei. Noske, Ebert & Co. wĂŒrden als VerrĂ€ter der Arbeiter verschrien. Man mĂŒsse Noske als eine Sumpfpflanze betrachten. Die Revolution am 9. November 1918 betrachtet R[ocker]. nicht als eine Revolution; es sei nur das Hinwegfegen eines morschen Stammes gewesen. Das deutsche Proletariat hĂ€tte 1918 die ganze Macht in HĂ€nden gehabt. Warum hĂ€tte es die ZĂŒgel fallen lassen und sich die Macht StĂŒck fĂŒr StĂŒck abnehmen lassen? Die damaligen FĂŒhrer hĂ€tten nicht gewusst, wie sie die Sache anfassen sollten. Sie hĂ€tten nicht vorgearbeitet. HĂ€tte man damals Arbeiterbörsen eingerichtet, die das Wirtschaftsleben fest im ZĂŒgel gehalten hĂ€tten, dann hĂ€tte die Reaktion nicht wieder die Macht in die HĂ€nde bekommen. Auf Lebensmittel, Kleidung und Wohnungen hĂ€tte man eine Kontrolle ausĂŒben mĂŒssen, dann wĂ€re alles anders wie heute. Wucher und Schleichhandel wĂ€ren dann fĂŒr immer unterblieben. Rocker sagte, jede Partei wollte erst die Macht haben, um dann von oben nach unten ihre Ideen und GrundsĂ€tze zu verwirklichen. Er ist der Meinung, dass alles von unten nach oben gemacht werden mĂŒsste. Die FĂŒhrer der USP und KPD, die jetzt redeten, dass der Kampf auch mit den Waffen gefĂŒhrt werden mĂŒsse, wĂ€ren, wenn es zum Klappen kĂ€me, verschwunden und verdrĂŒckten sich dann. Nicht mit einem kleinen Putsch, mit Streiks oder Demonstrationen wĂŒrde man das Ziel erreichen; man mĂŒsse versuchen, das Wirtschaftsleben in die Hand zu bekommen. Nach Rocker sprach Frölich von der KPD. Frölich sagte, dass man erst die Macht haben mĂŒsse, um alles zu verwirklichen. Eine starke MilitĂ€rmacht mĂŒsse man besitzen. Die Reaktion hĂ€tte die Weißgardisten, Spitzel, Gerichte und Zuchthaus fĂŒr sich. Wenn die Arbeiter versuchen, durch Streik zum Ziele zu kommen, so kĂ€men die Weißgardisten und schlĂŒgen auf die Arbeiter ein. Als Beispiel nannte er den Bergarbeiterstreik. Frölich sagt, dass Demonstrationen immer zum Ziele fĂŒhren. Im November 1918 hĂ€tten die Arbeiter nichts verstanden und BĂŒrgerliche auf ihren Posten lassen mĂŒssen. Das wĂ€re verkehrt gewesen. Die BĂŒrgerlichen dĂŒrften keine solche Posten versehen. Durch starke militĂ€rische Macht mĂŒsse man die BĂŒrgerlichen zwingen, sich zu fĂŒgen. Die Rede des Frölich fand wenig Beifall; um 10 Uhr wurde gefordert, dass er endlich Schluß mache. Dagegen sprach einer der Anwesenden und sagte, dass Redefreiheit sei und jeder sprechen könnte. Frölich sprach dann noch 10 Minuten. Nach ihm sprach ein Syndikalist ĂŒber die Grundideen des Syndikalismus. Ein Redner der KPD gab zu, dass die Syndikalisten in einzelnen Punkten recht hĂ€tten. Man kĂ€me doch wohl nur mit Waffengewalt zum Ziele. [
] Rocker ging auf die Rede Frölichs ein und sagte, dass er sich darĂŒber wundern mĂŒsse, dass ein Kommunist wie Frölich kapitalistische Anschauungen habe. Rocker fĂŒhrte noch an, dass es kein MilitĂ€r geben wĂŒrde, wenn es nicht gut bezahlt wĂŒrde. Wenn die Kapitalisten nicht mehr das Wirtschaftsleben in der Hand hĂ€tten, könnten sie das MilitĂ€r nicht mehr bezahlen und dann wĂŒrde es keine Soldaten mehr geben. Die Reden des Rocker fanden großen Beifall. Die Versammlung endete um 11.40 p.m.“

Aus:

Frei die Stadt! Bremens syndikalistischer StadtfĂŒhrer, Institut fĂŒr Syndikalismusforschung, 2011




Quelle: Syndikalismusforschung.wordpress.com