Dezember 17, 2022
Von La Presse
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Wir sprachen mit der Undogmatischen Antifa, den Organisator*innen der polizeikritischen Demo am 13.12. in Leipzig, über ihre Motivation und ihren Ansatz.

Ihr habt am 13.12. die Demonstration „VERDÄCHTIG RECHTE COPS!“ in Leipzig organisiert. Was war der Hintergrund?
Der 13.12. ist das Datum für polizeikritische Demonstrationen. Wir wollen die notwendige Kritik an Staatsgewalt, personifiziert durch die Polizei und der strukturell dahinter stehenden Gewalt, die letztendlich die Herrschaft des Kapitals sichert, zum Ausdruck bringen. 

Welche Inhalte wolltet ihr mit der Demo vermitteln? Wo können Interessent*innenden Aufruf und Redebeiträge lesen?
Wir sind eine relativ frisch gegründete Gruppe, sodass wir derzeit noch an einer Internetpräsenz arbeiten und Aufrufe zunächst nur über soziale Medien, wie Telegram und Instagram abrufbar sind. Wir wollen insbesondere auf Polizeigewalt und das System der einheitlichen systemimannenten Gewalt hinweisen und eine pluralistische Kritik daran zum Ausdruck bringen. Daher gab es auch Redebeiträge der Eltern gegen Polizeigewalt, Redebeiträge aus dem anarchistischen Spektrum sowie aus dem antiautoritären Block. 

Im letzten Jahr gab es eine unangemeldete Demo am 13.12. im Leipziger Osten und eine längere Diskussion im Nachgang, wie ist Ihre Position zu jenen Ereignissen aus 2021? Ist eure Demo als Abgrenzung dazu zu verstehen?
Emanzipatorische Kritik an Gewalt und Herrschaft ist notwendig. Es reicht nicht aus, wütend zu sein und für Scherben zu sorgen, es muss darum gehen die Kritik auch deutlich und nachvollziehbar zu machen. Reine Scherben verändern aus unserer Sicht nichts und so notwendig eine dezidierte Kritik an autoritären Systemen und Religionen ist, wozu auch die Ditib zählt, so wichtig ist es auch den Kontext zu beachten und zu hinterfragen, ob Steine auf eine Moschee, in die auch viele Geflüchtete gehen, die richtige Antwort auf die Dititb sind. 

Ist eure Route ganz bewusst auch jene von der „wir sind alle linX“- Demo in Leipzig vor dem Prozessbeginn im Antifa Ost Verfahren oder ist das nur ein Zufall?
Die Route ist bewusst gewählt, da wir uns ausdrücklich mit den Betroffenen des Antifa Ost Verfahrens solidarisieren. 

Ihr nennt euch „undogmatische Antifa Leipzig“, wie kam es zu eurer Gründung und was habt ihr in Zukunft noch vor? Können Menschen bei euch mitmachen?
Undogmatisch  Links heißt frei von Dogma und eben dezidiert auch unabhängig von bestehenden Strömungen zu sein. Wir wollen dabei an die undogmatische Linke im Umfeld der Frankfurter Schule anknüpfen. Wir sind eine relativ kleine, strömungsübergreifende Grunppe, die queerfeministisch ist. Wir sind offen für andere undogmatische Menschen, die sich gern an uns wenden können- per Mail. Unsere Gründung geht auf eine interne Auseinandersetzung bei anderen Strukturen zurück, die wir aus Gründen des Respekts vor engagierten Menschen nicht öffentlich austragen möchten. Streit ist manchmal eben auch wichtig, Differenzen können produktiv sein und Neues schaffen. Zusätzlich kann diese Gruppe im besten Fall ein Bindeglied zwischen den Streitigkeiten der Strömungen untereinander bringen.

Wenn das richtig gesehen wurde, war eure erste öffentliche Aktion die Vorabenddemo vor dem rechten Aufmarsch am 26. November, was waren eure Überlegungen zu dieser Demo und wie fandet ihr diese und die Proteste gegen den rechten Aufmarsch?
Wir wollten bereits am Vorabend ein Zeichen setzen und damit zusätzlich mobilsieren. Aufgrund des sehr kurzen Vorlaufes und der damit verbundenen unmittelbaren Gründung unserer Gruppe, sind wir nicht vollständig zufrieden. Die Proteste gegen den rechten Aufmarsch am folgenden Tag waren dagegen erfolgreich, weil es gelungen ist, strömungsübergreifend Menschen zu mobilisieren und auf die Straße zu bringen. Dass die Vermittlung von eigenen Inhalten darunter leidet, war absehbar, aber nicht anders zu organisieren. Es bleibt wichtig, dass wir gemeinsam rechten Aufmärschen und Versuchen der rechten Raumeinnahme entgegentreten. 

Auf der Demo am 13.12.22 gab es 3 Blöcke. Einen Flinta-Block, einen antiautoritären Block und einen internationalistischen Block – wie passt eine Beteiligung von autoritäreren Gruppen mit eurem Selbstverständnis als „undogmatische Antifaschist*innen“ zusammen?
Wir wollten anlässlich des Tages möglichst breit mobilisieren und pluralistische Kritik auf die Straße bringen. Deswegen haben wir im Vorfeld unterschiedliche Gruppen angefragt. Man kann auch hart streiten. Wir sind selber noch in der Auswertungsphase, so dass wir noch nicht abschließend darauf antworten können und wollen. 

Auf euren Kanälen schreibt ihr: „Wir sind eine Gruppe mit Queerfeministischen Konsens und distanzieren uns von jeglichen „Radfems“ und Täter*innen und wollen diese auch nicht auf dieser Demo haben.“ ist dies eine allgemeine Aussage oder vor dem Hintergrund der Vorkommnisse bei der Veranstaltung im Conne Island zu sehen?
Die Zeit, in der wir politisch aktiv sind, ist leider auch immer eine Zeit, in der auf Taten Reaktionen folgen müssen. Bei unserer Gründung war uns klar, dass unser Queerfeministischer Grundkonsens Opfersolidarisch, frei von Transfeindlichkeit und Sexarbeitfeindlichkeit ist. Die Vorkommnisse im Connr Island haben leider gezeigt, dass wir das nochmal erwähnen und immer wieder wiederholen müssen. 

Bei 13.12. Demos in den Vorjahren kam es zu Gewalt durch Polizeibeamt oder eingeschnappten Pressemitteilungen. Die darauf folgende, öffentliche Kritik scheint gewirkt zu haben. Dieses Jahr reagierte die Polizei wesentlich entspannter. Was denkt Ihr darüber?
Entspannt ist ein dehnbarer Begriff. Die andauernde Diskussion über Vermummung auf der Demo bei Leuten, die einfach ein MNS aus Schutz vor Ansteckung und Mützen wegen der Minusgrade getragen haben, nervt uns und wird von uns auch gegenüber der Polizei nochmal deutlich vorgetragen werden. Auf der anderen Seite gab es keine größeren Zwischenfälle was auch zeigt, dass öffentliche Kritik und Diskurs notwendig und berechtigt sind. So begründet klandestines Handeln auch ist, braucht es auch Öffentlichkeit und Resonanz um den Deutungsraum zu vergrößern.

Dann gab es auf sozialen Medien noch Kritik an Demosprüchen.
Das gehört zur Auswertung und darüber debattieren wir noch. Klar ist aber, dass wir uns deutlich von einigen Demosprüchen distanzieren. So berechtigt Kritik am konkreten politischen Handeln des Staates Israel (und jedes Staates) auch ist, so notwendig ist es auch Antisemitismus entschieden zu bekämpfen. /TP MS

Bild: Dani Luiz




Quelle: La-presse.org