April 1, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 5 Minuten

Landauer trifft mich beim Runterkommen

Auf dem RĂŒckweg sitzt auf dem Zweiersitz im Zug neben mir ein schnöseliger Typ. Er hat Lederschuhe an, einen offensichtlich teuren Mantel in beige neben sich hĂ€ngen und eine runde Brille auf. Ich neige nicht wirklich dazu, Menschen in Kategorien zu pressen. Weil ich selbst meine, in diverse Kategorien nicht hinein zu passen und sie zu ĂŒberschreiten. Naja, da kann man natĂŒrlich auch die Fiktion der eigenen Besonderheit draus konstruieren
 In diesem Fall fĂ€llt es mir aber wirklich schwer, meine Vorurteile zurĂŒckzustellen. Denn er liest den aktuellen GegenStandpunkt, das Magazin dieser hyper-marxistischen Sekte, einer lĂ€ngst zugrunde gegangenen Unterunterströmung der Neuen Linken.

Das Problem aus marxistischer Perspektive ist nicht er als Person, sondern er als Subjekt. Das GroßbĂŒrgerkind Karl reflektierte den Standpunkt des BĂŒrgertums ja sehr gut – und ermöglichte deswegen seine radikale Kritik. Daher kann ich von außen nicht beurteilen, ob der Studi vor allem damit beschĂ€ftigt ist, seinen bĂŒrgerlichen Standpunkt zu rechtfertigen und dementsprechend auch zu verteidigen – wie die antideutschen Intellektuellen.Oder, ob er tatsĂ€chlich an seiner Selbstdemontage arbeitet. Beziehungsweise den VerhĂ€ltnissen, deren Produkt er ist. Oder – was die komplizierteste Variante wĂ€re – ob er den schnösel-bĂŒrgerlichen Habitus mimt, um sich in der radikalen Kritik an ihm zu ihm zugehörig zu fĂŒhlen, weil er tatsĂ€chlich einem Milieu entstammt, dass in der sozialen Hierarchie weiter unten steht. Klingt seltsam, habe ich aber schön öfters mal erlebt
 Mit den Studierenden- und Schlaumeierkreisen habe ich jedenfalls nur noch selten zu tun.

Und darum bin ich froh. Warum also kreisen meine Gedanken in solchen absurden Bahnen? Es wird immer irgendwelche Besserwisser-Studies geben, die super klug und super elitĂ€r sind und de facto nichts fĂŒr sozial-revolutionĂ€re VerĂ€nderungen beitragen – so wie die Leute bei Platypus und so weiter. Was verĂ€ndert sich eigentlich wirklich in linken Debatten und Szenen, außer die Aufmachung der Labels? Sind es nicht immer dieselben Irrwege, welche Jahrzehnt fĂŒr Jahrzehnt wieder gegangen werden? Und wĂ€hrend ich dies denke, weiß ich natĂŒrlich auch, dass andere das gleiche von meiner Position sagen. Ein Unterschied ist allerdings, dass ich tatsĂ€chlich nicht nur dagegen stehe, sondern protestiere, also fĂŒr etwas einstehe – und weiß, was es ist.

BlĂŒhende ostdeutsche Landschaften ziehen an mir vorbei. Die vierundzwanzigstĂŒndig brennende Flamme auf dem Turm der Schadstoffverbrennung in Leuna zieht an mir vorbei. Ganze Jahre ziehen mir vorbei
 Ich fĂŒhle mich, als wĂ€re ich in den letzten zwei Wochen vier Jahre gealtert – um das chronologische Alter zu erreichen, welches ich jetzt habe?! Wie alt bin ich eigentlich? Älter oder jĂŒnger als die Zahl klingt? So genau könnte ich das nicht gerade gar nicht sagen
 Leider hatten mich vor zwei Tagen noch mal DĂ€monen der Vergangenheit beschlichen. Hatte nichts mit der Doktorarbeit oder meinen (anti-)politischen AktivitĂ€ten zu tun. Aber gut, vielleicht wird auch das eines Tages ein Ende haben. Wenn ich GlĂŒck habe, vor meinem Tod. Das Wetter ist wieder auf kaltgrau umgeschwenkt und ich bin etwas angeschlagen. Normale Menschen wĂŒrden jetzt chillen. Ich kann nicht chillen, sondern schreibe diesen Text, nachdem ich Emails geschrieben und etwas bĂŒrokratisches geklĂ€rt habe. Vielleicht morgen dann, vielleicht morgen. Vielleicht auch demnĂ€chst, schön wĂ€re es. Denn ich habe mir eine Auszeit verdient.

Zeiten des Umbruchs und Übergangs sind oftmals viel unspektakulĂ€rer, als man sie sich vorstellt oder als sie oft gezeichnet werden. Was auf die soziale Revolution zutrifft, stimmt auch fĂŒr das individuelle Leben, finde ich. Weil mein Verstand und meine EmotionalitĂ€t gut funktionieren, ist meine Seele krank von der Gesellschaftsform in der ich lebe. Ausgebeutet, unterdrĂŒckt, entfremdet 
 doch auch so sinnentleert fĂŒhren wir unsere Leben. Von Urlaub zu Urlaub, Silvester zu Geburtstag, Begegnung zu Begegnung, Ereignis zu Ereignis zieht unsere kurze Zeit an uns vorĂŒber – in einem so fremdbestimmten Dasein. So fremdbestimmt, dass es vielen schon als der eigene Wille, die eigene Entscheidung vorkommt. Und ich denke darĂŒber nach, weil ich mich selbst frage, wo mein Platz war, ist und sein soll; wo mein Weg wohl hinfĂŒhren mag.

Schon einige Stunden bin ich angekommen an dem Ort, wo ich nun bin und lebe. Eigenartig ist es hier. Nun ist es schon abends und ich hole die TiefkĂŒhlpizza aus dem Ofen. Landauer hat sich zu mir gesetzt und wir unterhalten uns ĂŒber den Nullpunkt, der zu durchschreiten ist, bevor es FrĂŒhling werden kann. „Ach, manchmal ist mir so weh“, sage ich verbittert, „da frage ich, ob mir besser wĂ€re, wenn ich einen Kubitschek, Höcke, Sellner oder Dugin erschiessen wĂŒrde“. Gustav erwidert: „Aber, aber, mein Lieber! Das will ich nicht noch mal hören! Du wirst dich aufraffen und ein Neues Beginnen wagen. Sehen wir die neue Welt nicht aller Orten anbrechen und die sozialistischen Formen wachsen?! Sei nicht so kleinglĂ€ubig!“. Ich schweige. Denn Recht hat er. Auch wenn ich wieder leicht genervt bin, weil er diese vĂ€terliche Art an den Tag legt, wie die andere Dudes. Und ich mich dann wieder frage, ob ich immer noch diese Ausstrahlung eines kleinen Jungen habe oder was da los ist. Bei Landauer kommt dann noch diese phasenweise Schwurbeligkeit hinzu, die mich antrengt und ermĂŒdet. Nach der letzten Zeit weiß ich definitiv auch, was Erschöpfung bedeutet.

„Was isst du da ĂŒberhaupt?“, fragt er, auf meine TK-Pizza deutend. Und ich weiß, was er meint. Denn es ist die Nahrung, welche der industriellen und individualisierten Massengesellschaft entspricht, die wir ĂŒberwinden mĂŒssen. Doch ich stehe dazu, Teil des Ladens und nichts Besseres zu sein. Vielleicht auch, weil ich allzu mĂ€kelig und skeptisch gegenĂŒber den Alternativen bin, die hier und dort vorgebracht werden. Wann aber wird dies zur Ausrede, die MĂŒhen der VerĂ€nderung nicht auf sich nehmen zu wollen? Denn da ist ja auch der Wunsch nach persönlicher VerĂ€nderung, nach einem guten, schönen und erfĂŒllten Leben auch fĂŒr mich. Bei mir oder niemandem, heute oder nie, jetzt oder niemals beginnt es anderes zu schaffen und zu verwirklichen.

In aller Ruhe unterhalten wir uns noch eine Weile ĂŒber den Geist und sein Wirken zur Integration von Gesellschaft entgegen dem Kunstprodukt Nation und der Staatsmaschinerie – in der doch so viele mitlaufen. Und immer mehr wollen wieder mit ihr im Gleichschritt marschieren, anstatt selbst ihre Wege zu finden; gemeinsam, in echter Verbundenheit. Ja, auch tiefe Gemeinschaftlichkeit wĂ€re etwas, was ich mir im Übergang wieder zu lernen wĂŒnsche. Was ich zurĂŒckgestellt habe in den letzten Jahren – aufgrund der Arbeit, sage ich mir. Aber eigentlich wohl auch aufgrund mancher EnttĂ€uschungen. Und weil ich sie selbst nicht so gut leben konnte. Doch das kann wieder anders werden. Fragend schreiten wir voran und entdecken allerorten und allerzeiten Menschen, die auf der Suche nach libertĂ€ren und sozialistischen Seinsweisen sind. Wir mĂŒssen sie nicht im Außen suchen, sondern im Inneren. Denn dort ist alles angelegt. Am Nullpunkt der vielen Einzelnen, die den Abgrund geschaut haben, entfaltet sich zaghaft-explosionsartig eine mannigfaltige Welt in der viele Welten Platz haben.

Gustav richtet sich auf, nimmt bedachtsam seinen Hut und verabschiedet sich herzlich, wie es seine Art ist. „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast“, sage ich zu ihm. Denn ich sehe einen Menschen, der weiß, was Zeit und Zeitlichkeit ist. Gleichzeitig existieren gleiche, freie, solidarische VerhĂ€ltnisse neben den dominierenden der Hierarchie, des Zwangs oder der Konkurrenz. „Gerne, auf bald!“, erwidert er und ich freue mich, dass auch er nicht „Bitte“ sagt. Denn gebeten habe ich ihn um nichts. Sondern nur etwas Zeit mit ihm geteilt. So bin ich gespannt, was mir begegnen und der FrĂŒhling bringen mag





Quelle: Paradox-a.de