Oktober 8, 2020
Von Contraste
233 ansichten


Doris Rauh aus Allmannshofen (Bayern) grĂŒndete 2009 »RĂŒsselheim e.V.« mit dem Ziel, einen landwirtschaftlichen Mastschwein-Betrieb mit eigener »Ferkelproduktion« Schritt fĂŒr Schritt aufzulösen und das Leben aller dortigen Schweine zu retten. Inzwischen hat der Verein ĂŒber 1.500 Tiere einen Ort fĂŒr ein artgerechtes Leben geschaffen.

Kathrin Hampf, Darmstadt

Das, was bei Hunden und Katzen seit Jahrzehnten ĂŒblich ist, ist bei sogenannten Schlachttieren noch die Ausnahme: Ihre Rettung, um ein freies, artgerechtes Leben – ohne Endstation Schlachthaus – fĂŒhren zu können. In der ersten Rettungsaktion von RĂŒsselheim e.V. wurden insgesamt 140 Ferkel, LĂ€ufer, Mastschweine und Mutterschweine aus der Intensivhaltung gerettet. In Stapen (Sachsen-Anhalt) war dem Verein kurzfristig eine ehemalige Reithalle angeboten worden, die mit viel Enthusiasmus und Herzblut in ein vorĂŒbergehendes »Schweine Bed & Breakfast-Asyl« umgewandelt wurde. Endlich konnten – zum ersten Mal – alle Tiere auf Stroh stehen und ihre arteigenen BedĂŒrfnisse ausleben.

Inzwischen hat der Verein ĂŒber 1.500 Tiere (KĂŒhe, Ochsen, Schweine, Schafe, Ponys und Kleintiere) auf Lebenshöfen in Fulda, Nördlingen, bei Augsburg, nahe Rendsburg wie neuerdings auch bei Bingen unter seiner Obhut.

Einige Beispiele: Die Kuh Tadita flĂŒchtete in Aschaffenburg vor dem Schlachthof. Hanna hingegen schwamm auf der Flucht vor dem Schlachttod durch die MĂŒritz und rang stundenlang um ihre Leben, weil sie mit dem Hals im Schlamm feststeckte. Das Mastschwein Happyboy konnte bei Hamburg vor dem Transport zum Schlachthof flĂŒchten. Sie alle und viele andere, die weniger spektakulĂ€r auf sich und ihre Not aufmerksam machen konnten, sind von RĂŒsselheim e.V. gerettet worden.

Seltene Vierlingsgeburt

An Pfingsten 2020 wurden in Bad Waldsee (bei Ravensburg) Vierlinge geboren. Vierlingsgeburten sind bei Rindern ausgesprochen selten und kommen unter elf Millionen Geburten nur einmal vor. Selten ĂŒberleben die Mutter und alle KĂ€lbchen. Diese Familie ist nun auf dem Lebenshof des Vereins in Fulda und darf dort in Frieden und Freiheit alt werden.
Schon einmal – vor zwei Jahren – ĂŒbernahm der Verein RĂŒsselheim e.V. eine Vierlingsmutter und ihre KĂ€lbchen. Die Mutter schwebte nach der Geburt in Lebensgefahr und wurde aufgrund ihres Bauchwandrisses wochenlang in der Tierklinik behandelt. Heute lebt sie mit ihren nunmehr stattlichen Vierlingen auf dem Fuldaer Lebenshof. Üblicherweise wĂ€ren die KĂ€lber in die Mast gegangen, die Milchkuh zurĂŒck in den Stall und wĂ€re spĂ€testens in einem Jahr geschlachtet worden, weil nach so einer Geburt keine Kuh eine weitere Schwangerschaft ĂŒberstehen wĂŒrde.
GlĂŒcklich ĂŒberstanden haben in diesem Monat auch zwei hochschwanger gerettete Ă€ltere Limousin-Kuh-Schwestern die Geburten eines KĂ€lbchens und eines Bullen. Nach 15 Jahren in Kettenhaltung – Tag fĂŒr Tag, Monat fĂŒr Monat, Jahr fĂŒr Jahr an ein und derselben Stelle angekettet – nach vielen Kindern, die ihnen weggenommen wurden, war es der 15-jĂ€hrigen Kuh Sofie zuerst nicht möglich, ihr KĂ€lbchen anzunehmen. Die Frau vom »Pflegeplatz Rheinhessen« hat jedoch nicht aufgegeben und die Kleine unter auch gefĂ€hrlichen UmstĂ€nden immer wieder angelegt. Jetzt endlich, nach etlichen bangen Tagen, hat Sofie ihr kleines Kuhkalb angenommen.

50 KĂŒhe in Kettenhaltung

Brandaktuell steckt der Verein RĂŒsselheim e.V. mitten in einer großen Rettungsaktion von ĂŒber 50 KĂŒhen in Kettenhaltung. Bei Donauwörth gibt ein Landwirt seinen Hof mit den auf Lebenszeit an schwere Eisenketten gelegten MilchkĂŒhen und MastfĂ€rsen bis Ende Oktober auf. Bisher hat der Verein gut die HĂ€lfte der MilchkĂŒhe und jungen FĂ€rsen ĂŒbernehmen können und diese bereits auf dem Lebenshof in Bingen in Sicherheit untergebracht. Weitere Rettungen sind vom Spendeneingang zur Finanzierung abhĂ€ngig. Es wĂ€re bitter, nicht allen KĂŒhen den ersten und einzigen Gang ihres Lebens direkt in den Schlachthof ersparen zu können.

UnterstĂŒtzt werden kann diese große Rettungsaktion durch die Übernahme von Patenschaften, diese sind ab fĂŒnf Euro monatlich möglich, wie auch durch Spenden fĂŒr Freikauf und Transport. FĂŒr die Übernahme einer Patenschaft erhĂ€lt der*die Pat*in eine schöne Urkunde und kann bei den regelmĂ€ĂŸig stattfindenden Pat*innentreffen das Patentier auch besuchen. Dies ist immer ein besonderes Erlebnis! KĂŒhe freuen sich ĂŒber mitgebrachte Karotten und Apfelschnitze, Schweine genießen hauptsĂ€chlich die Streicheleinheiten; ganz wie Hund und Katz. Auch bei ihnen ist man mit ApfelstĂŒcken oder Gelben und Roten RĂŒben sofort ihr bester Freund.

Link: www.ruesselheim.com

Titelbild: Eine Geburt mit vier KĂ€lbern ist bei Rindern Ă€ußerst selten. Foto: RĂŒsselheim e.V.


Kooperation mit Landwirt*innen

Das Team von RĂŒsselheim e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, Tiere zu retten und ihnen einen sicheren Ort zum Leben zu schaffen. Das besondere Augenmerk liegt auf sogenannten »Nutztieren«, welche in der industriellen Tierhaltung niemals eine Chance auf ein wĂŒrdevolles Leben hĂ€tten. Rund 500 Schweine, 550 Rinder, 350 Schafe, Ziegen, ehemalige Schlachtponys sowie etliche Kleintiere haben auf den elf PflegeplĂ€tzen in ganz Deutschland sowie einigen privaten Pflegestellen ein wĂŒrdiges Leben gefunden.

Der Verein ist immer auf der Suche nach weiteren PflegeplĂ€tzen bei qualifizierten Landwirten, die aus der konventionellen Tierhaltung aussteigen möchten. Einige Landwirt*inne erhalten von RĂŒsselheim e.V. bereits ein regelmĂ€ĂŸiges und gewaltfreies Einkommen und pflegen auf ihrem Hof gerettete Tiere. Zwei Mastanlagen wurden schon zu Lebenshöfen umgewandelt. Interessierte Landwirt*innen können sich mit dem Verein in Verbindung setzen:info@ruesselheim.com




Quelle: Contraste.org