September 15, 2022
Von End Of Road
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Free Lina – Free them all!

Bewegte Stadtteile wie das Schanzenviertel, St. Pauli und viele soziale Projekte würde es heute nicht geben ohne aktiven Antifaschismus. Die Auseinandersetzungen im Handgemenge wurden in den 80er Jahren gegen Naziskins im Karoviertel geführt oder als Aktionen gegen organisierte Faschist*innen, die sich hier im Stadtteil breitmachen wollten. Sie wurden geführt nach der Wiedervereinigung, als autonome Gruppen nach Rostock-Lichtenhagen und Mannheim-Schönau gefahren sind, im Versuch, die dortigen Pogrome zu stoppen. Oder indem Nächte damit verbracht wurden, gemeinsam zu verhindern, dass noch mehr Menschen bei Brandanschlägen auf Unterkünfte von Geflüchteten ermordet werden.

Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund haben sich dabei immer wieder selbst organisiert, um gewalttätige Nazibanden, die von national befreiten Zonen träumten und diese durch Gewalt und ein Klima der Angst durchsetzen wollten, von der Straße zu jagen. Diese Auseinandersetzungen sind nicht Geschichte, sondern an vielen Orten Kämpfe der Gegenwart.

Wir wollen mit dem diesjährigen Straßenfest im Schanzenviertel ein starkes Signal der Solidarität an alle von Repression betroffenen Antifaschist*innen senden. Insbesondere an die Betroffenen des Antifa Ost-Verfahrens und die Antifaschistin Lina, welche inzwischen seit über anderthalb Jahren im Knast sitzt. Vorgeworfen werden militante Auseinandersetzungen mit organisierten Nazikadern und rechten Netzwerken in Sachsen. Von der Bundesanwaltschaft wird inzwischen ein Vergewaltiger als vermeintlicher Kronzeuge für Ermittlungskonstrukte gegen Antifaschist*innen aufgebaut.

Während die Ermittlungsbehörden trotz der massiven Ausmaße an Bewaffnung und Menschenfeindlichkeit nur sehr zaghaft gegen rechtsterroristische Strukturen vorgehen, werden gleichzeitig die Mittel der Terrorbekämpfung immer öfter gegen antifaschistische Aktivist*innen eingesetzt. Die Verfahren sind eingebunden in einen gesellschaftlichen Rechtsruck und eine Akzeptanz rechter Netzwerke, die sich auch innerhalb der parlamentarischen Politik, bei der Polizei oder beim Verfassungsschutz wiederfinden. Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Uns interessiert nicht die Frage der Legalität und möglicher „Schuld“ oder „Unschuld“ von Antifaschist*innen. Uns interessiert vielmehr, wie wir unsere Stadtteile und Strukturen schützen können vor Angriffen von Nazis, gegen Männergewalt, gegen polizeiliche Übergriffe oder politische Verfahren; wie wir gesellschaftlich gemeinsam aktiv werden können gegen Neonazismus und Rechtspopulismus, gegen Hufeisen- und Verschwörungstheorien; wie wir die EU-Außengrenzen offen für Menschen machen können und wie wir gegen antifeministische und neokoloniale Diskurse der neuen Rechten in die Offensive kommen.

Antifa por la Vida

Antifaschismus hat viele notwendige Ausdrucksformen. Die Erinnerungsarbeit an die Shoa und an deutsche Verbrechen im Nationalsozialismus. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und verkürzter Kapitalismuskritik, Interventionen gegen Antisemitismus, Antifeminismus und Rassismus sowie Mobilisierungen gegen Naziaufmärsche. Selbstverteidigung gegen organisierte Nazis ist dabei kein Avantgardismus, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Alltags und unserer Praxis.

Wir stehen an der Seite von allen emanzipatorischen Aktivist*innen, die in Städten und Dörfern den Aufbau von national befreiten Zonen verhindern, die sich dem Aufbau rechter Terrornetzwerke durch Recherche und Dokumentationsarbeit entgegenstellen und faschistische Strukturen in der Nachbarschaft, in Betrieben, in staatlichen Behörden, bei Polizei oder Bundeswehr öffentlich machen. Wir stehen an der Seite von Fußballfans, die gegen Nazis in der Kurve aktiv sind, von Sea-Antifas, die auf dem Mittelmeer unterwegs sind, um Menschenleben zu retten und hierfür kriminalisiert werden. An der Seite von Antirassist*innen, die an der polnischen Grenze zu Belarus oder auf der Balkanroute gegen ein mörderisches europäisches Grenzregime aktiv sind. Rechtspopulistische Ideologien, Nationalismus und faschistische Gruppen sind weltweit ein massives Problem. Der antifaschistische Widerstand ist transnational und grenzüberschreitend.

Antifa steht für das Leben und einen widerständigen, sich selbst ermächtigenden und solidarischen Aktivismus, der breit aufgestellt ist und unterschiedliche Realitäten wahrnimmt, sich selbst hinterfragt und notwendigerweise immer wieder auch Gesetze bricht, vor allem dort, wo das Leben von Menschen existenziell bedroht ist. Dem, was uns als rechte Welle und auf vielen Ebenen an Hass entgegenschlägt, können wir nur gemeinsam, transnational und emanzipatorisch begegnen. Durch spektrenübergreifende Solidarität, Aussageverweigerung, der inhaltlichen Thematisierung dessen, um was es geht, was der Einsatz ist und welche Bedeutung es hat, wenn wir diese Auseinandersetzungen verlieren.

Der derzeitige Angriff ist umfassender als die Repression durch einzelne Verfahren gegen antifaschistische Milieus. Über Extremismustheorien wird eine gesellschaftliche Mitte konstruiert, die von extremistischen Rändern klar abgegrenzt werden soll.

Wer oder was hier Mitte und Teil der Gesellschaft ist und was vermeintlich nicht dazu gehört, definieren in dieser autoritären Figur zunehmend rechtsoffene und rechtskonservative Akteur*innen. Wie Diskurse sich nach rechts verschieben, wird durch die aggressive Politik der AFD deutlich, deren Initiativen, antifaschistischen Jugendprojekten den Geldhahn zuzudrehen, immer öfter erfolgreich sind. Geballert wird auf alles, was als emanzipatorische Errungenschaft erscheint, sexuelle Aufklärung, Frauen*- und Transgenderrechte, Gleichstellung, CO2-Reduzierung, faire Bezahlung und Gemüse in der Schulkantine, gefordert werden stattdessen patriarchale Famillienwerte, Heimatliebe, sexistische Ballermannschlager und deutsches Grillfleisch ohne Tempolimit.

Antifa heißt deshalb nicht nur, organisierte Nazistrukturen anzugreifen oder deren Aufmärsche zu verhindern, sondern die Auseinandersetzung gegen autoritäre und ausgrenzende Gesellschaftsvorstellungen zu führen und eigene neue Ideen und radikale Inhalte zu besetzen, um Diskurse zu verschieben. Unsere unterschiedlichen Lebensentwürfe in ihrer Diversität auf die Straße zu tragen und sämtlichen hegemonialen Vorstellungen von dem, was wir sind oder sein sollten, eine Absage zu erteilen.

Auf die Straßen und Selbstschutz organisieren

Mit dem Schanzenfest wollen wir nicht nur ein Signal der Solidarität senden und einen Ort des Zusammenkommens und der Raumnahme herstellen, sondern mit Solidaritätsständen auch Geld für antifaschistische Initiativen und Antirepressionsarbeit sammeln.

Das Straßenfest wird am 24. September von 9:00 bis 22:00 Uhr in der Bartelsstraße, Schanzenstraße, Ludwigstraße und Sternstraße stattfinden. Wir gehen davon aus, dass die entsprechenden Bereiche zur Verkehrssicherung abgesperrt sind. Im Bereich der Schanzenstraße ist ein spezieller Bereich für Initiativen und Soligruppen vorgesehen. Außerdem ist eine Livebühne mit kulturellen und inhaltlichen Beiträgen geplant. Bitte achtet auf Hinweise und Markierungen.

Das Schanzenfest wird wie in den Jahren vor Corona von allen selbstorganisiert und unangemeldet stattfinden. Dies heißt allerdings nicht, dass Corona vorbei ist! Wir bitten alle, das im Kopf zu behalten und ggf. verabredete Hygienemaßnahmen in freier Vereinbarung zu beachten. Gut vermummt – bleibt stets gesund. Generell halten wir es für sicherer und besser, sich die Straße zu nehmen, als in geschlossenen Räumen zu feiern. Wir finden gut, wenn sich Leute vorher schnelltesten und bei Krankheitssymptomen selbstverständlich zuhause bleiben.

Es wird auch wieder Platz für einen Anwohner*innenflohmarkt ohne kommerzielle Stände geben. Alle sind aufgefordert, ihren Müll anschließend wieder zu entsorgen, auf dem Straßenfest Rücksicht zu nehmen und auf Flucht- und Rettungswege zu achten. Es gibt wie immer keine Standgebühren. Auf dem Fest werden von Solidaritätscrews stattdessen Spenden für antifaschistische Arbeit gesammelt. Alle sind zudem aufgefordert, bei faschistischen, sexistischen, rassistischen oder anderen Übergriffen aktiv einzugreifen. Wir wünschen allen ein schönes Fest!

Dem gesellschaftlichen Rechtsruck in die Beine grätschen! Antifaschismus verteidigen!

https://antifaschanzenfest.blackblogs.org




Quelle: Endofroad.blackblogs.org