Juni 6, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Nach sechsmonatiger Beugehaft startete der Prozess gegen die Aktivistin “Ella” vor dem Alsfelder Landgericht. graswurzel.net veröffenetlicht hier eine lĂ€ngere Passage der Aussage der Frau, deren IdentitĂ€t weiterhin unbekannt ist.

Der Gerichtssaal ist voll mit Kameras, Sat 1, HR, ZDF, verschiedene Sender sind vertreten. Als die junge Aktivistin den Gerichtssaal betritt, ruft eine Besucherin: „Klimaschutz ist kein Verbrechen!“. SpĂ€ter ist in den Medien dazu nichts zu hören.

Wenn man der Anklage der StaatsanwĂ€ltin zuhört, hat man das GefĂŒhl, man habe es mit einer Schwerverbrecherin zu tun. Auf 15 m Höhe soll die kleine Person zwei SEK-Beamten schwere Körperverletzung zugefĂŒgt haben. Sie selbst verweigert ihre IdentitĂ€t, aus SolidaritĂ€t mit Menschen ohne Papiere, aber auch aus der Überzeugung, dass sie stellvertretend fĂŒr viele Menschen fĂŒr die Zukunft kĂ€mpft. Sie selbst nennt sich Ella, fĂŒr die Behörden ist sie UWP 1.

Mit keinem Wort erwÀhnt die Staatsanwaltschaft, dass im Dannenröder Forst 400.000 Liter Trinkwasser in einem wertvollen Flora-Fauna-Habitat zerstört werden und das Autobahnprojekt die Zukunft der Region bedroht.

Nachdem die Anklageschrift verlesen ist, kommt die Angeklagte zu Wort. Sie hĂ€lt eine lange Rede auf Englisch, der Dolmetscher gibt sie auf Deutsch wieder. Im Folgenden einige AuszĂŒge aus Ellas Rede:

„Die Menschheit ist an einem Wendepunkt. Sie erkennt, dass sie sich von den anderen Lebewesen entfernt hat, von einer mystischen Sicht und Wahrnehmung entfernt hat. Dies eröffnet uns die Chance, ein neues Bewusstsein und eine lebenswerte, erfĂŒllte Art des Daseins zu entwickeln. Wir sind Teil eines Ganzen, und wir stehen mit allem in Wechselwirkung. Das bedeutet, wenn ein Teil des Waldes beschnitten wird, wird auch ein Teil von uns beschnitten.

Wenn wir hingegen ein Ökosystem retten, helfen wir das Ganze zu retten. Wir mĂŒssen Respekt vor dem Anderen lernen und Gerechtigkeit ĂŒben. Ob eine gefĂ€hrdete Fledermausart oder 300jĂ€hrige Eichen, alles ist miteinander verbunden. Wir mĂŒssen verstehen, dass wir einander brauchen. Das eigene Interesse ist das Interesse der anderen, das haben wir als Gruppe im Danni zu leben versucht. Im Wissen, dass die globale Zerstörung des Gewebes der Erde wie die Zerstörung unserer eigenen Organe ist.

Wir mĂŒssen beginnen, eine Beziehung herzustellen zwischen der PlĂŒnderung und Zerstörung unseres Planeten und dem Denken, das nur QuantitĂ€t sieht statt QualitĂ€t.

Ich habe beschlossen, den lokalen Ökozid zu unterbrechen. Die meisten Aktivisten haben als Kinder zwischen BĂ€umen gespielt und von Bergen geschaut, sind in Ozeanen geschwommen, haben sich an der Wildnis erfreut. Im Einklang mit einem gesunden Ökosystem wird unser Handeln von der Liebe beflĂŒgelt, und wir können Wege zu geistiger und physischer Gesundheit finden.

WÀhrend die Umweltzerstörung und die Klimakrise in aller Munde sind, werden weiterhin Biotope zerstört. Kostbare Arten sterben, Erde wird abgetragen, die Temperatur steigt, Gletscher schmelzen, Menschen werden gezwungen zu fliehen.

Ich habe mich der Aufgabe verschrieben, diese Wunden zu heilen. Seit einem halben Jahr bin ich nun im GefĂ€ngnis, dies hat mir ein schmerzhaftes Misstrauen gegenĂŒber Institutionen beschert und gegenĂŒber der MentalitĂ€t, die uns diesen Wahnsinn beschert.

Es ist ganz eindeutig, dass diese MentalitĂ€t weder unsere noch die Interessen der Erde vertritt. Sie respektiert weder unsere BedĂŒrfnisse noch die der Erde. Ihre Vertreter fĂŒgen unserer BiosphĂ€re und Lebensgrundlage eine Verletzung nach der anderen zu, alles wird zerstĂŒckelt und zerstört fĂŒr die Maximierung kurzfristiger Profite.

Ich hoffe, dass wir nicht nur hier in diesem Gerichtssaal sind, um die Schuld oder Unschuld einer Person festzustellen. Wir mĂŒssen beginnen, eine Beziehung herzustellen zwischen der PlĂŒnderung und Zerstörung unseres Planeten und dem Denken, das nur QuantitĂ€t sieht statt QualitĂ€t.

Ich hoffe, dass wir endlich sehen und fĂŒhlen und verstehen lernen, wie verheerend diese ökozidale PlĂŒnderung unseres wunderschönen und intelligenten Planeten ist.

Wir mĂŒssen eine Beziehung schmieden, die auf QualitĂ€t und nicht auf QuantitĂ€t beruht. Eine Beziehung, die die Erde und ihre Pflanzen, ihr Ökosystem und ihre Spezies heilig hĂ€lt, nicht nur in der Theorie, sondern in der Praxis. Ich frage dich, lieber Leser, liebe Zuhörerin, in welcher Welt wollen wir leben? Ich wĂŒnsche mir eine Welt, die den Schutz und die Erhaltung der ÖkosphĂ€re höher wertet als den Erhalt politischer und finanzieller Macht.

Wir alle sind miteinander verbunden und voneinander abhĂ€ngig. Darum kann es ohne soziale Heilung keine Heilung des Ökosystems geben.

Ich strebe eine Neuorientierung hin zu Ganzheit und IntegritĂ€t an. Das ist der Grund, warum wir heute hier sind, wofĂŒr ich heute hier stehe.“

Tronje Doehmer, der Anwalt der Angeklagten, weist anschließend darauf hin, dass die Polizisten unzureichend gesichert waren, obwohl geeignete Sicherungsvorkehrungen zu ihrem Job und ihren Dienstanweisungen gehören. Sie hĂ€tten von unten versucht, Ella in 15 m Höhe von einer Traverse, einem quer gespannten Sicherungsseil, herunterzuholen. Dabei hĂ€tten sie, statt den Hubwagen zu nehmen, die junge Frau in dieser Höhe eingekesselt. In den vorherigen Wochen hatten Beamte bei RĂ€umungen bereits Sicherungsseile durchgeschnitten, es gab mehrere schwere Verletzungen, was die jungen Menschen bei der RĂ€umung zusĂ€tzlich verunsicherte. Schließlich spricht Doehmer das Offenkundige aus: Dass nĂ€mlich die VorwĂŒrfe der Anklage – SchlĂ€ge ins Gesicht der Polizisten, Tritte und weitere Angriffe – auf den angeblichen Beweisvideos nicht zu sehen sind.

Am Ende seiner Rede fordert der Anwalt, die nunmehr ein halbes Jahr dauernde U-Haft seiner Mandantin zu beenden.

Der Richter zeigt nun ein Video der RĂ€umung. Zweimal schlĂ€gt ein Polizist der jungen Frau ins Gesicht; einmal weicht sie der Hand aus, die sie vom Seil ziehen will, und ihr Fuß berĂŒhrt dabei die Hand des Polizisten. Als sie wie eine Mumie gefesselt in einen Tragesack verpackt wird, kann man erkennen, dass sie nach hinten unten kippt, als der Polizist ihr Sicherungsseil durchtrennt und ihre FĂŒĂŸe nach oben schnellen, aber das ist kein Treten, sondern sie kippt mit gefesselten HĂ€nden nach hinten. Langsam wird Ella aus 15 m Höhe nach unten geleitet, und unten durchtrennen Beamte die fest um ihre Handgelenke gebundenen Kabelbinder mit einer Zange, um ihr Handschellen anzulegen.

Der Richter zieht sich mit den Schöffen zur Beratung zurĂŒck, nachdem er der StaatsanwĂ€ltin servil zugelĂ€chelt hat. Im Zuschauerraum breitet sich freudige Erwartung aus: Nach diesem Video kommt Ella nun bestimmt frei! Doch mitnichten. Der Richter hĂ€lt sich brav an die Vorgaben der StaatsanwĂ€ltin. Sicher kommt das seinen KarrierewĂŒnschen zugute, UWP 1 bleibt weiter in Haft.

Ob das Gerechtigkeit ist oder Vetternwirtschaft, was hier im Gerichtssaal passiert, ist die große Frage. In der Hessenschau jedenfalls, am gleichen Abend, kommen weder lokale Aktivisten oder BĂŒrgerinitiativen noch das Musikkollektiv Lebenslaute zu Wort. Lang sehen wir im HR das Statement der StaatsanwĂ€ltin, kurz den Verteidiger. Der poetische Text der Angeklagten kommt ĂŒberhaupt nicht vor.




Quelle: Graswurzel.net