März 22, 2022
Von InfoRiot
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Der erste Schauplatz ist passenderweise eine Kneipe – um viel Alkohol und andere Rauschmittel wird es in Torsten Schulz’ schillernd schönen Roman „Öl und Bienen“ immer wieder gehen. Ein selbsternannter Heimatchronist mit dem unaussprechlichen Namen Edwin Kronokiewitschky sieht es als seine dringlichste Aufgabe an, das Publikum in „Schrödingers Wirtsstube“, einer Schänke am Rande von Nauen in der Havelländischen Heide, über die unglaubliche Geschichte des ehemaligen Hauptfeldwebels Adalbert Wutzner aufzuklären. Wutzner suchte in den 1920er Jahren vor den Toren der brandenburgischen Kleinstadt nach Erdöl. Als vom Ersten Weltkrieg schwer gebeutelter Soldat glaubte er, dass die Niederlage seines Heimatlandes hätte abgewendet werden können, wenn auf den Schlachtfeldern nur reichlich Erdöl zur Herstellung von Benzin „für Panzer, Lastwagen, Flugzeuge …“ zur Verfügung gestanden hätte.

Zu Beginn ist völlig unklar, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird. Aber schon die frappierende Aktualität des Erdölthemas in kriegerischen Zeiten macht die Einstiegszene, die knapp hundert Jahre später, also kurz vor der Pandemie spielt, zu einem literarischen Coup. Gebannt folgt man dem kuriosen Vortrag des Chronisten, der sich in den Redepausen mit Bier und Kräuterlikör abfüllt. Sein hochroter Kopf sieht aus, als würde er gleich platzen. Kein Wunder, dass seine Freunde ihn auch „Blutblase“ nennen.

Der Ölsucher in Brandenburg

Adalbert Wutzner jedenfalls, berichtet Blutblase, sei süchtig nach dem Schmierstoff der industriellen Welt gewesen: „Zwei Meter tiefe Löcher hob er aus, stampfte und hüpfte stundenlang in den Gruben, um durch die Vibration, die das Hüpfen auslöste, eine Gegenvibration des Öls zu erzeugen, die er sofort in den Füßen spüren würde, unverkennbar, wie er behauptete, wenn man ihn fragte oder auch wenn man ihn nicht fragte.

Als Adalbert Wutzner durch diese bizarre Methode tatsächlich ein paar Tropfen fand, wurde er, behauptet der beseelt-beduselte Edwin, im Deutschen Reich gefeiert. Andere Ölsucher folgten ihm ins Havelland und gründeten die Siedlung Beutenberge. Nachdem das Öl jedoch nicht in den gewünschten Mengen hatte sprudeln wollen , steckte man Wutzner als „Sündenbock für die unerfüllten Hoffnungen“ ins Gefängnis, wo er auch starb. Sein Sohn Egon erfuhr spät von diesem Drama, und seitdem vibrierte es wie beim Vater in seinen Adern. Ebenfalls ohne Erfolg. Weshalb der frustrierte Egon in den Zweiten Weltkrieg zog und hier erneut mit der Ölknappheit einer Armee konfrontiert war.

Torsten Schulz wurde 1959 in Berlin geboren.Foto: Ottmar Winter PNN

Nicht wenige Schriftsteller hätten aus diesem Stoff eine vorhersehbare, vielleicht schmierige Erdöl-Saga gemacht. Aber der 1959 in Berlin geborene Torsten Schulz, Autor von erfolgreichen Romanen wie „Boxhagener Platz“ und Filmdrehbüchern, ist ein gewiefter Dramaturg, der sein Publikum mit erstaunlichen Wendungen unterhält. „Öl und Bienen“ ist kein familiäres Rührstück, sondern ein absurdes Schauspiel des Scheiterns. Die Geschichte der auf Erdöl fixierten Familie setzt sich noch eine weitere Generation fort. Bevor Egon an der Weltkriegsfront erschossen wird, schwängert der frustrierte Mann bei einem kurzen Heimaturlaub eine gewisse Lucinde in Beutenberge – und aus dieser Beziehung entstammt die Hauptfigur des Romans, Lothar.

Dieser will allerdings mit den unheilbringenden Visionen seiner Vorväter nichts mehr zu tun haben. Der leicht lethargische Typ, genannt der Ihmsche, ist nicht gerade vom Glück verfolgt. Nach einem Arbeitsunfall fliegt er aus allen betrieblich-sozialistischen Zusammenhängen. Seitdem hängt er mit seinen Freunden im Haus der Mutter ab, hört Rockmusik und lässt sich volllaufen. Zu diesem illustren Freundeskreis gehören der erwähnte Edwin, die „Blutblase“, und „Krücke“, ein Rentner mit Holzbein. Es geht nicht ohne Spitznamen in dieser Clique, deren friedliches Säuferleben in der DDR-Provinz der siebziger Jahre lange Zeit niemand stört.

Plötzlich tauchen jede Menge Frauen im Dorf auf

Torsten Schulz glorifiziert die heitere Suffgemeinschaft nicht. Aber die Mischung aus fröhlicher Musikfachsimpelei und unzensierter Männerrede ist so komisch, dass die durchkapitalisierte und auf Achtsamkeit getrimmte Gegenwart deutlich verlogener und trostloser erscheint. Einen „Sensitivity Reader“ würde bei der Lektüre dieses Romans vermutlich der Schlag treffen.

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Die dauerbetrunkene Männergruppe hätte bestimmt auch den Fall der Mauer überlebt, wenn das Schicksal nicht erneut zugeschlagen hätte. Dieses Mal ist es das übergriffige Verhalten ganz unterschiedlicher Frauen, die im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen anhaben. Plötzlich rauscht Agnes, eine riesige und resolute Motoradfahrerin in Lederkluft, durch die Siedlung und verwirrt die ohnehin beeinträchtigen Sinne des Ihmschen. Schon bald tauchen weitere Damen auf. Sie alle sind einer Anzeige gefolgt, in der ein Lothar Ihm „zwecks Heirat“ um „ernstgemeinte Zuschriften“ bittet. Das aber stellt sich als liebgemeinte Verschwörung seiner verstorbenen Mutter und ihrer Freundinnen heraus.

Er wollte doch nur einen Bienenschwarm bekämpfen

Aus diesem Erzählstrang entsteht ein Geschlechterverwirrspiel, das nicht nur die üblichen Klischees zwischenmenschlichen Wohlverhaltens parodiert. Der Roman profitiert da längst von einer naturmystischen Note: Wie in einer Novelle haben sich die Ereignisse durch eine unerhörte Begebenheit angekündigt, und zwar durch einen Bienenschwarm, der im Mauerwerk des Ihmschen Hause nistet und von Lothar mit brennendem Teer bekämpft wird. Die Folge: ein schnell sich ausbreitendes Feuer, das in Lothars Leben die „Angst namens Erdöl“ zurückbringt. Kann also auch er dem familiären Fluch nicht entkommen? Die Antwort ist eine weitere literarische Volte. Schulz verknüpft die Erdöl-Motive mit einer zunehmend surrealen Bienenmetaphorik. So darf Agnes als Bienenkönigin auftreten und Lothar erfüllt sein Schicksal, indem ihm die Rolle der Drohne zufällt.

Ein Highlight des Bücherfrühlings 2022

Das ist alles so überzeugend überdreht erzählt, dass man schließlich Blutblases barocke Kneipenvorträge über die verblichenen Erdölfantasten, mit denen das Buch auch endet, für angemessen realistisch hält. Überhaupt ist dieser Roman, mit dem sich Schulz auf der Höhe seines literarischen Schaffens zeigt, als Plädoyer für ein Fabulieren zu lesen, das sich über allerlei Grenzen hinwegsetzt, nicht nur was den Zugriff aufs historische und politische Material angeht, sondern eben auch das Spiel mit literarischen Traditionen: Hier scheint eine Erinnerung an den Havellandfreund Fontane auf, dort tragen die sympathisch-eigenwilligen Figuren oft Züge des romantischen Humoristen Jean Paul. Schulz’ Roman offeriert eine subversive DDR-Idylle und ist gleichfalls eine Hymne auf den Rock der siebziger Jahre. Mit 220 Seiten ein vergleichsweiser schmaler Roman, bereitet „Öl und Bienen“ gewiss ein größeres Lesevergnügen als viele umfangreichere Prosawerke dieses Bücherfrühlings.




Quelle: Inforiot.de