November 16, 2020
Von Paradox-A
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Lesedauer: 207 Minuten

Gern wĂŒrde ich an dieser Stelle selbst tief gehender mit Gustav Landauers bekanntem Aufruf zum Sozialismus von 1911 arbeiten und meine eigenen Gedanken dazu ausbreiten. Allerdings sind auch meine KapazitĂ€ten begrenzt und fehlt mir im Moment die Zeit dafĂŒr. Ich mĂŒsste schon „tausend Leben in einem fĂŒhren“ wollen, wie es die von Stirner und Nietzsche beeinflussten anarchistischen Individualist*innen um die letzte Jahrhundertwende formulierten. Ein Leben zu bewĂ€ltigen, es bewusst zu fĂŒhren und davor nicht dauernd wegzulaufen, ist aber Aufgabe genug.

Portrait Landauers von Hanns Ludwig Katz

Außerdem brauche ich das Rad auch nicht neu zu erfinden. Die Leute von der Gustav Landauer Initiative haben in den letzten Jahren schon akribisch an der Wiederentdeckung seiner Schriften und Gedanken gearbeitet. Diese ist zwar einerseits von ideengeschichtlicher Relevanz, kann jedoch auch starke Inspirationen fĂŒr ein aktualisiertes VerstĂ€ndnis von sozialer Revolution geben. Weiterhin bezogen sich Eva von Redecker in Praxis und Revolution (2018) und Bini Adamczak in Beziehungsweise Revolution (2017) ausgiebig auf Landauers RevolutionsverstĂ€ndnis, dass sie meiner Ansicht nach auf nicht ganz stimmige Weise mit der marxistischen Theorie versöhnen wollen. Von Redecker versucht Landauers komplexes und ungewöhnliches Denken als einen „metaleptischen Paradigmenwechsel“ zu beschreiben, wobei sie sich auf ziemlich abstrakte Weise vor allem mit dem Struktur-Handlungs-Problem herum schlĂ€gt. Adamczak wiederum findet hier die Beschreibung von Revolution als „synaptischen Konstruktionsprozess“, die deutlich von herkömmlichen marxistischen VerstĂ€ndnissen zu unterscheiden ist. Nebenbei ist hierzu auch Landauers geschichtsphilosophische Schrift Revolution (1907) zu empfehlen. So gehaltvoll und innovativ seine Denkweise auch ist, muss sein Schreibstil zunĂ€chst gehörig entschwurbelt werden, um seinen Kern zu erfassen. Schließlich arbeitete unter anderem auch John P. Clark in The Impossible Community. Realizing Communitarian Anarchism (2013) mit grundlegenden Gedanken Landauers. Die BeschĂ€ftigung mit diesem Werk fĂŒhrte mich dahin, den kommunitaristischen Anarchismus als eigenstĂ€ndige Tendenz zu erfassen.

An dieser Stelle vorab zumindest noch einige – von mir frei herunter geschriebene – Kernpunkte zur Schrift:

  • Landauer versteht unter Sozialismus nicht vorrangig ein ökonomisches VerhĂ€ltnis, sondern eine freiwillige, solidarische Beziehung zwischen Menschen. Damit betont er die ethische Dimension des Sozialismus. Deren Entfaltung hat selbstverstĂ€ndlich eine Umstrukturierung der Wirtschaft zur Voraussetzung, verlangt daneben jedoch auch weitere gesellschaftliche Transformationen.
  • Soziale Revolution muss mit Landauer konsequent als prozesshafte, schrittweise Entwicklung gedacht werden. Diese hat aber keinen teleologischen Verlauf, sondern ist von Auf- und NiedergĂ€ngen, sowie von Seitenwegen gekennzeichnet.
  • Soziale Revolution ist daher kein in die Zukunft (oder an einen anderen Ort) verlagertes Ereignis, sondern eine Frage der eigenen Einstellung und Haltung und vor allem Handlungsweisen. Wer die soziale Revolution will, muss sich daher heute selbst sozial-revolutionĂ€r orientieren und verhalten.
  • Die gesamtgesellschaftliche VerĂ€nderung hat daher fĂŒr Landauer wie fĂŒr wenige andere mit der unmittelbaren Transformation der Menschen selbt zu tun. Hier soll kein „neuer Mensch“ nach einem Idealbild geformt werden. Es handelt sich vielmehr um einen kontinuierlichen Entwicklungs- und Reifungsprozess. Den Menschen in direkten Begegnungen und Aushandlungsprozessen miteinander durchleben können.
  • Daher spielen fĂŒr ihn konsequenterweise neuen Gemeinschaftsformen eine große Rolle, in denen die kommende Gesellschaft vorweg genommen werden kann. Es handelt sich nicht nur um „Verweise“ auf eine mögliche „kommende“ Gesellschaft, sondern um diese selbst im Kleinen. Wer ein paar Kommunen kennt, weiß dabei auch, dass es hier nicht um ein perfektes Idealbild geht, sondern Experimente viel Arbeit machen und auch scheitern können. Dort wo sie allerdings kontinuierlich wachsen und neue VerknĂŒpfungen ermöglichen, entsteht etwas qualitativ Neues.
  • Weit wichtiger als die „objektiven“ Bedingungen (bspw. Klassenposition) ist fĂŒr Landauer der Wille der Subjekte, etwas zu verĂ€ndern, sich zu organisieren und zu bewegen. Dieser „Wille“ ist nicht losgelöst von der materiellen Situation zu verstehen, ebenso wenig, wie er sich abseits eines sozialen Kontexts konstituiert. Gleichwohl ist es nicht von diesen determiniert, sondern mit den vielfĂ€ltigen, widersprĂŒchlichen Menschen, die ihn hervorbringen und verwirklichen wollen, verknĂŒpft. Dies hat nichts mit einer transzendenten „Erleuchtung“ zu tun, aber mit einem geistig-emotionalen Erkenntnisprozess, einem sozialen Lernen.
  • Deswegen kann Landauer auch einen „Aufruf“ zum Sozialismus starten, denn es geht darum, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen, die „neue Welt in der Schale der alten“ aufzubauen. SelbstverstĂ€ndlich kann eine umfassende, radikale und emanzipatorische Gesellschaftstransformation nicht von ein paar kleinen Gruppen von Idealist*innen durchgefĂŒhrt werden, auch wenn sie Teil des Prozesses sein mögen und wichtige Inspiration fĂŒr Praktiken geben, wie auch Infrastruktur stellen können. Es braucht auch viele Menschen fĂŒr eine soziale Revolution. Dies Ă€ndert aber nichts daran, dass in ihr die QualitĂ€t – und im besten Sinne, die „Nachhaltigkeit“ – entscheidend sein soll. Außerdem können kleinere ĂŒberzeugte und entschlossene Gruppen durchaus neue Entwicklungen hervorbringen, die langfristige VerĂ€nderungen ermöglichen.
  • Im Zusammenhang mit freiwilliger Gemeinschaft, stellt fĂŒr Landauer der „Geist“ eine gesellschaftsintegrierende Kraft dar, durch welche sich Menschen auf Augenhöhe begegnen und zusammenschließen können. Das hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern ist einfach die Adaption einer Hegel’schen Chiffre fĂŒr ein gesellschaftlich-kulturelles Empfinden und Denken einzelner Subjekte. Die „Nation“ sei demnach ein Substitut fĂŒr das verbindende zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und Klassen.

Soweit an dieser Stelle. Auch diesen Text ĂŒbernehme ich wieder dankend von anarchismus.at. VerfĂŒgbar ist sie allerdings auch bei Edition AV und dem Unrast-Verlag.

Gustav Landauer – Aufruf zum Sozialismus

1.

Wer zum Sozialismus aufruft, muß der Meinung sein, Sozialismus sei eine Sache, die nicht oder so gut wie nicht, noch nicht oder nicht mehr in der Welt sei. Man könnte einwenden: „NatĂŒrlich ist kein Sozialismus, ist die sozialistische Gesellschaft nicht in der Welt. Sie ist noch nicht da, aber es sind Bestrebungen da, sie zu erreichen; Einsichten, Erkenntnisse, Lehren, wie sie kommen wird.“

Nein, nicht so ist der Sozialismus gemeint, zu dem hier aufgerufen wird. Vielmehr verstehe ich unter Sozialismus eine Tendenz des Menschenwillens und eine Einsicht in Bedingungen und Wege, die zur ErfĂŒllung fĂŒhren. Und allerdings sage ich: so gut wie gar nicht, so schlecht wie nur je ist dieser Sozialismus da. Darum rede ich zu jedem, der mich hören will, und hoffe, daß meine Stimme schließlich auch zu manchen, zu vielen dringt, die mich nicht hören wollen, rufe ich auf zum Sozialismus.

Was ist er? Was wollen die Menschen, die Sozialismus sagen?

Und was ist das, was sich heute so nennt? Unter welchen Bedingungen, in welchem Moment der Gesellschaft – wie man gewöhnlich sagt, der Entwicklung – kann er Wirklichkeit werden?

Der Sozialismus ist ein Bestreben, mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Das muß zunĂ€chst gesagt werden; wenn auch das Wort Ideal durch traurige Heuchler und gemeine SchwĂ€chlinge, die sich gern Idealisten nennen, und sodann durch Philister und WissenschaftskrĂ€mer, die sich gern Realisten nennen, in Verruf gekommen ist. In Zeiten des Niedergangs, der Unkultur, der Geistlosigkeit und des Elends mĂŒssen die Menschen, die nicht bloß Ă€ußerlich, sondern vor allem innerlich unter diesem Zustand, der sie umgibt und bis in ihren Kern, in ihr Leben, in ihr Denken, FĂŒhlen und Wollen sie selber erfassen will, leiden, mĂŒssen die Menschen, die sich dagegen wehren, ein Ideal haben. Sie haben eine Einsicht in das UnwĂŒrdige, Gepreßte, Erniedrigende ihrer Lage; sie haben unsĂ€glichen Ekel vor der ErbĂ€rmlichkeit, die sie wie ein Sumpf umgĂŒrtet, sie haben Energie, die vorwĂ€rts drĂ€ngt, und also Sehnsucht nach dem Besseren, und daraus ersteigt ihnen in hoher Schönheit, in Vollendung ein Bild einer guten, einer reinen und gedeihlichen, einer freudebringenden Art des Zusammenlebens der Menschen. Sie sehen in großen, allgemeinen ZĂŒgen vor sich, wie es sein kann, wenn ein kleinerer, ein grĂ¶ĂŸerer, ein ganz großer Teil der Menschen es so will und tut, wenn ein ganzes Volk, ganze Völker dieses Neue innerlich glĂŒhend erfassen und ins Äußere, in die Vollbringung wirken; und nun sagen sie nicht mehr: es kann so sein; sagen vielmehr: es soll, es muß so kommen. Sie sagen nicht – wenn sie erst Einsicht in die uns bekannte bisherige Geschichte der Menschengeschlechter haben, dann sagen sie nicht: dieses Ideal muß so nackt, so ausgedacht, so errechnet, wie es auf dem Papier steht, Wirklichkeit werden.

Sie wissen wohl: das Ideal ist das Letzte, Äußerste an Schönheit und Freudeleben, was vor ihrem GemĂŒte, ihrem Geiste steht. Es ist ein StĂŒck Geist, es ist Vernunft, ist Gedanke. Nie aber sieht die Wirklichkeit dem Gedanken einzelner Menschen völlig gleich; es wĂ€re auch langweilig, wenn es so wĂ€re, wenn wir also die Welt doppelt hĂ€tten: einmal im vorwegnehmenden Gedanken, das andere Mal in der Ă€ußeren Welt genauso noch einmal. So ist es nie gewesen und wird nie so sein. Nicht das Ideal wird zur Wirklichkeit; aber durch das Ideal, nur durch das Ideal wird in diesen unseren Zeiten unsere Wirklichkeit. Wir sehen etwas vor uns, hinter dem wir nichts Mögliches mehr, nichts Besseres erblicken; wir gewahren das Äußerste und sagen: Dieses will ich –! Und nun wird alles getan, es zu schaffen; aber – alles! Der einzelne, ĂŒber den es wie eine Erleuchtung kam, sucht sich GefĂ€hrten; er findet, da sind andere, ĂŒber die es im Geiste, im Herzen schon wie eine ErschĂŒtterung und ein Gewitter gekommen ist; es liegt in der Luft fĂŒr seinesgleichen; er findet wiederum andere, die nur leicht schlummerten, ĂŒber deren Verstehen nur etwas wie ein dĂŒnnes HĂ€utchen, ĂŒber deren Energie nur eine leichte BetĂ€ubung lag; sie sind nun beisammen, die GefĂ€hrten suchen sich Wege, sie reden zu mehreren, zu den Massen in den GroßstĂ€dten, in den kleineren StĂ€dten, auf dem Lande; die Ă€ußere Not hilft die innere erwecken; die heilige Unzufriedenheit regt und rĂŒttelt sich; etwas wie ein Geist – Geist ist Gemeingeist, Geist ist Verbindung und Freiheit, Geist ist Menschenbund, wir sehen es bald noch deutlicher – ein Geist kommt ĂŒber die Menschen; und wo Geist ist, ist Volk, wo Volk ist, ist ein Keil, der vorwĂ€rts drĂ€ngt, ist ein Wille; wo ein Wille ist, ist ein Weg; das Wort gilt; aber auch nur da ist ein Weg. Und immer lichter wird es; immer tiefer dringt es; immer höher wird der Schleier, das Netz, das Sumpfgewebe der Dumpfheit gehoben; ein Volk schließt sich zusammen, das Volk erwacht: es geschehen Taten, es geschieht ein Tun; vermeintliche Hindernisse werden als ein Nichts erkannt, ĂŒber das man hinwegspringt, andere Hindernisse werden mit vereinter Kraft gehoben; denn Geist ist Heiterkeit, ist Macht, ist Bewegung, die sich nicht, die sich durch nichts in der Welt aufhalten lĂ€ĂŸt. Dahin will ich –! Aus den Herzen der einzelnen bricht diese Stimme und dieses unbĂ€ndige Verlangen in gleicher, in geeinter Weise heraus; und so wird die Wirklichkeit des Neuen geschaffen. Sie wird anders sein, schließlich, als das Ideal war, ihm Ă€hnlich, aber nicht gleich. Sie wird besser sein, denn sie ist kein Traum mehr der Ahnungsvollen, Sehnsucht- und Schmerzenreichen, sondern ein Leben, ein Mitleben, ein Gesellschaftsleben der Lebendigen. Es wird ein Volk sein; es wird Kultur sein, es wird Freude sein. Wer weiß heute, was Freude ist? Der Liebende, wenn er sich selber gesammelt als sein Lieb, in dunklem oder hellem FĂŒhlen als den Inbegriff alles, was Leben ist und Leben zeugt, weiß; der KĂŒnstler, der Schaffende in seltener Stunde allein mit dem Freunde, dem Gleichen, oder wenn er im GemĂŒte und im Vollbringen die Schönheit und FĂŒlle vorwegnimmt, die als Volk einst Lebendigkeit sein soll; der prophetische Geist, der den Jahrhunderten vorauseilt und der Ewigkeit sicher ist. Wer kennt heute sonst Freude, wer weiß nur, was ganze, große, hinreißende Freude ist? Heute niemand; schon seit langem niemand; zu manchen Zeiten waren ganze Völker vom Geist der Freude gepackt und getrieben. Sie waren es in den Zeiten der Revolution; aber es war nicht genug Helligkeit in ihrem Brausen; war zu viel Dunkel und Schwelen in ihrer Glut; sie wollten, aber sie wußten nicht, was; und die EhrsĂŒchtigen, die Politikanten, die Advokaten, die Interessierten haben wieder alles verdorben, und die Geistlosigkeit der Habgier und der Herrschsucht hat weggeschwemmt, was den Geist bereiten, was zum Volke wachsen wollte. Wir haben auch heute solche Advokaten, auch wenn sie keine Advokaten heißen; wir haben sie und sie haben und halten uns. HĂŒten wir uns; wir sind gewarnt, von der Geschichte gewarnt.

2.

Sozialismus ist die Willenstendenz geeinter Menschen, um eines Ideals willen Neues zu schaffen.Sehen wir also zu, was das Alte ist, wie das Bisherige aussieht, unsre eigene Zeit. Nicht bloß unsre Zeit im Sinne von jetzt, ein paar Jahren oder Jahrzehnten; unsre eigene Zeit: vierhundert Jahre zum mindesten.

Denn prĂ€gen wir es uns ein, sagen wir es gleich jetzt im Anfang: es ist eine große, weitreichende Sache um den Sozialismus; er will helfen, niedergehende Geschlechter der Menschen wieder zur Höhe, zur BlĂŒte, zur Kultur, zum Geiste und damit zum Bunde und zur Freiheit zu fĂŒhren.

Solche Worte klingen schlecht in den Ohren der Professoren und TraktĂ€tchenverfasser, mißfallen auch denen, deren Denken von diesen Verderbern imprĂ€gniert ist, die die Lehre ausgeben: die Menschen, und ganz so ja auch die Tiere, die Pflanzen, die ganze Welt sei in einem stetigen Fortschritt, in einer AufwĂ€rtsbewegung von ganz zu unterst nach ganz oben begriffen; immer weiter und weiter, vom tiefsten Höllendreck bis zu den allerhöchsten Himmeln. Und so sollen denn der Absolutismus, die Knechtseligkeit, die Feilheit, der Kapitalismus, die Not und die Verkommenheit, das alles sollen nur Etappen, Fortschrittsstufen auf dem Wege zum Sozialismus sein. Wir hĂ€ngen hier keinerlei solchen sogenannt wissenschaftlichen Wahnvorstellungen an; wir sehen die Welt und die Menschengeschichte anders; wir sagen es anders.

Wir sagen, daß die Völker ihre BlĂŒtezeiten, ihre Höhepunkte der Kultur haben, und daß sie von diesen Gipfeln wieder herabkommen. Wir sagen, daß unsere Völker Europas und Amerikas seit langer Zeit – ungefĂ€hr seit der Entdeckung Amerikas – herabgekommene Völker sind. Völker sind dann in BlĂŒtezeiten hineingekommen und halten sich darin, wenn sie von einem Geiste ĂŒberwĂ€ltigt sind. Das klingt wiederum ĂŒbel in den Ohren derer, die sich heutigen Tages Sozialisten nennen und die keine sind, die wir eben in ihrer darwinistischen Tracht flĂŒchtig erblickt haben und die wir jetzt als AnhĂ€nger der sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung betrachten könnten. Dies aber erst spĂ€ter; jetzt mĂŒssen wir weiter, und den Marxismus treffen wir noch auf unseren Wegen und werden ihn stellen und ihm ins Gesicht sagen: was er ist: die Pest unserer Zeit und der Fluch der sozialistischen Bewegung!

Der Geist ist es, der Geist der Denker, der Geist der vom GefĂŒhl ÜberwĂ€ltigten, der großen Liebenden, der Geist derer, denen das SelbstgefĂŒhl und die Liebe zusammenschmilzt zur großen Welterkenntnis, der Geist hat die Völker zur GrĂ¶ĂŸe, zum Bunde, zur Freiheit gefĂŒhrt. Da brach aus den einzelnen heraus wie eine SelbstverstĂ€ndlichkeit das nötigende MĂŒssen, sich zu Gemeinsamem zu verbinden mit den MenschenbrĂŒdern. Da war dann die Gesellschaft aus Gesellschaften, die Gemeinsamkeit aus Freiwilligkeit.

Wie ist der Mensch zu der Klugheit, zu der Einsicht gekommen, so wird wohl gefragt, aus seiner Vereinzelung herauszutreten, sich mit den Volksgenossen zu kleineren, dann grĂ¶ĂŸeren VerbĂ€nden zusammenzuschließen?

Diese Frage ist dumm und kann nur gefragt werden von den Professoren niedergehender Zeiten. Denn die Gesellschaft ist so alt wie der Mensch; sie ist das Erste, das Gegebene. Wo es Menschen gegeben hat, sind sie in Horden, in Sippen, in StĂ€mmen, in ZĂŒnften zusammen gewesen, sind sie gemeinsam gewandert, haben sie zusammen gewohnt und zusammen gearbeitet. Es waren einzelne Menschen, Individuen, die durch gemeinsamen Geist (auch was man bei Tieren Instinkt nennt, ist gemeinsamer Geist), der ein natĂŒrlicher aber kein
auferlegter Zwang ist, zusammengehalten waren.

Aber dieser natĂŒrliche Zwang der verbindenden Eigenschaft, des gemeinsamen Geistes hat bisher, in der uns bekannten Menschengeschichte, immer Ă€ußere Formen gebraucht: religiöse Symbole und Kulte, Glaubensvorstellungen und Gebetvorkehrungen oder Ă€hnliches solcher Art.

Darum ist der Geist in den Völkern immer in Verbindung mit dem Ungeist, das tiefe Denken des Symbols immer zusammen mit dem Meinen des Aberglaubens; ĂŒber die WĂ€rme und Liebe des verbindenden Geistes kommt die Starrheit und KĂ€lte des Dogmas; statt der Wahrheit dessen, das so tief herauf gebracht ist, daß es sich nur im Bilde sagen lĂ€ĂŸt, stellt sich der Unsinn der Wörtlichkeit ein.

Und dazu kommt dann die Ă€ußere Organisation: die Kirche, und die Organisationen Ă€ußeren Zwanges weltlicher Art erstarken und wachsen ins Schlimme aus: die Leibeigenschaft, der Feudalismus, die mancherlei Behörden und Obrigkeiten, der Staat.

Da geht es mit dem Geist in den Völkern, ĂŒber den Völkern, mit der SelbstverstĂ€ndlichkeit, die aus den einzelnen strömt und sie zum Bunde fĂŒhrt, schnell oder langsam, hinab. Der Geist zieht sich in die einzelnen zurĂŒck. Einzelne, innerlich MĂ€chtige waren es, ReprĂ€sentanten des Volks, die ihn dem Volke geboren hatten; jetzt liebt er in einzelnen, Genialen, die sich in all ihrer MĂ€chtigkeit verzehren, die ohne Volk sind: vereinsamte Denker, Dichter und KĂŒnstler, die haltlos, wie entwurzelt, fast wie in der Luft stehen. Wie aus einem Traum aus urlang vergangener Zeit heraus ergreift es sie manchmal: und dann werfen sie mit königlicher GebĂ€rde des Unwillens die Leier hinter sich und greifen zur Posaune, reden aus dem Geiste heraus zum Volke und vom kommenden Volke. All ihre Konzentration, all ihre Form, die in ihnen mit gewaltiger Schmerzlichkeit lebendig ist und oft viel stĂ€rker und umfĂ€nglicher ist, als ihr Körper und ihre Seele ertragen kann, die unzĂ€hligen Gestalten, und die Farbigkeit und das Gewimmel und GedrĂ€nge des Rhythmus und der Harmonie: all das – hört es, ihr KĂŒnstler! – ist ertötetes Volk, ist lebendiges Volk, das in ihnen sich gesammelt hat, das in ihnen begraben ist und aus ihnen wieder auferstehen wird.

Und neben ihnen erstehen andere einzelne, die ein Gemisch aus Geist und Geistlosigkeit isoliert hat: Gewaltherrscher, Reichtumserraffer, MenschenpĂ€chter, LandrĂ€uber. In solchen AnfĂ€ngen der Untergangs- und Übergangszeit, wie sie uns am protzigsten und prĂ€chtigsten die Renaissance – das beginnende Barock – reprĂ€sentiert, haben diese Kerle noch viele ZĂŒge des Geistes, der auseinandergejagt und auch in ihnen wieder zum Teil zur Sammlung gekommen ist; und sie haben in all ihrer Wuchtigkeit und Macht noch einen Zug der Melancholie, der Starrheit und Fremde, des Unirdischen und VisionĂ€ren, möchte man bei manchen dieser Erscheinungen fast sagen, der erzĂ€hlt, daß auch in ihnen ein Gespenstisches lebt, das mĂ€chtiger ist als sie selbst, ein Inhalt, dem das GefĂ€ĂŸ der isolierten Persönlichkeit zu eng ist. Und ganz, ganz selten erwacht auch einer von ihnen wie aus einem wĂŒsten Traum und er schleudert die Krone von sich und steigt auf den Berg Horeb, um Ausschau zu halten nach seinem Volk.

Und es kommen manchmal die gemischten Naturen, an deren Wiege die Fee lange geschwankt hat: soll sie einen großen Eroberer, einen großen Freiheitshelden, ein Genie des Denkens und der schweifenden Phantasie oder einen Großkaufmann aus ihnen machen: MĂ€nner wie Napoleon und Ferdinand Lassalle.

Und diesen isolierten Wenigen, in die sich der Geist geflĂŒchtet hat und die Macht und der Reichtum, entsprechen die von einander isolierten, die atomisierten Vielen, denen nur die Geistlosigkeit geblieben ist und die öde und das Elend: die Massen, die das Volk heißen, die aber nur ein Haufen Losgerissener, Preisgegebener sind. Losgerissen, in melancholischer Fremde, die Einzelnen, Wenigen, in denen der Volksgeist bestattet ist, auch wenn sie nichts von ihm wissen. Losgerissen, in Not und Ärmlichkeit Zerteilte, die Massen, in die der Geist wieder strömen muß, wenn er und das Volk wieder zusammen kommen, wieder lebendig werden sollen.

Der Tod ist die AtmosphĂ€re zwischen uns; denn wo kein Geist ist, ist Tod; der Tod ist uns ĂŒber die Haut gekrochen und bis in das Fleisch gedrungen; aber in uns, in unsrer Verborgenheit, in unserm Geheimsten und Tiefsten, in unserm Traum, in unsrer Sehnsucht, in den Gestalten der Kunst, im Willen der Wollenden, im Tiefblick der Schauenden, in den Taten der Tuenden, in der Liebe der Liebenden, in der Verzweiflung und Tapferkeit, in der Seelennot und Freude, in der Revolution und im Bunde: da wohnt das Leben, die Kraft und die Herrlichkeit; ist Geist verborgen, wird Geist gezeugt, der herausbrechen und Volk und Schönheit und Gemeinschaft schaffen wird.

Die Zeiten des Menschengeschlechts, die am schönsten in die Nachwelt glĂ€nzen, sind die, wo diese Tendenz des Versickerns des Geistes aus dem Volk in die Schluchten und Höhlungen vereinsamt stehender Personen gerade schon begonnen hat, aber noch nicht weit gediehen ist: wo der gemeinsame Geist, die Gesellschaft der Gesellschaften, die Durcheinanderschichtung der vielen aus dem Geist erwachsenen BĂŒnde in voller Kraft stehen, wo aber dazu schon die genialen Persönlichkeiten erwachsen sind, die jedoch noch natĂŒrlich bezwungen sind von dem großen Geiste des Volkes, das darum auch nicht die banale Bestaunung ihrer großen Werke kennt, sie vielmehr wie eine natĂŒrliche Frucht des Mitlebens hinnimmt und sich ihrer mit heiligen GefĂŒhlen freut, aber oft kaum die Namen der Urheber der Nachwelt ĂŒberliefert.

Solche Zeit war die BlĂŒtezeit des griechischen Volkslebens; solche Zeit war das christliche Mittelalter.

Es war da keinerlei Ideal; es war Wirklichkeit. Und so sehen wir neben all dem Hohen, dem Freiwilligen, dem Geisthaften noch die Reste frĂŒherer, schon die AnfĂ€nge spĂ€terer Gewalt des Äußern, der BrutalitĂ€t, des auferlegten Zwanges, des Staates. Aber der Geist war mĂ€chtiger; ja, oft durchdrang und verschönte er sogar solche Einrichtungen der Gewalt und der AbhĂ€ngigkeit, die in den Zeiten des Verfalls ein Abscheu und Greuel werden. Nicht alles, was die guten Historiker Sklaverei nennen, war immer und ganz und gar „Sklaverei“.

Es war da kein Ideal, weil Geist war. Der Geist gibt dem Leben einen Sinn, Heiligung und Weihe; der Geist schafft, zeugt und durchdringt die Gegenwart mit Freude und Kraft und Seligkeit; das Ideal wendet sich vom GegenwÀrtigen ab, dem Neuen zu; es ist Sehnsucht nach der Zukunft, nach dem Besseren, nach dem Unbekannten. Es ist der Weg aus den Zeiten des Niederganges heraus zu neuer Kultur.

Aber hier ist noch eines zu sagen. Vor diesen Zeiten der glĂ€nzenden Höhe, die schon auf der Wende stehen, hat es, nicht ein einziges Mal in der sogenannten Entwicklung, sondern immer wieder im Auf und Ab der einander ablösenden und sich mischenden Völker, andere Perioden gegeben. Da war auch verbindender Geist, da war auch gemeinsames Leben in Freiwilligkeit, aus natĂŒrlichem Zwang der Zueinandergehörigkeit. Aber es ragten keine in allen Einzelheiten in Schönheit glitzernden, in Harmonie und Besonderheit zusammengewachsenen MĂŒnstertĂŒrme gen Himmel, und keine SĂ€ulenhallen standen in geruhsamer Sicherheit gegen die durchsichtige BlĂ€ue des Himmels. Es waren da einfachere VerbĂ€nde; noch keine Persönlichkeiten genialer IndividualitĂ€t und SubjektivitĂ€t waren die ReprĂ€sentanten des Volkstums; es war ein primitives, ein kommunistisches Leben. Es waren – und es sind – lange Jahrhunderte und oft Jahrtausende des ziemlichen Stillstandes – Stillstand, hört es, gelehrte und liberale Zeitgenossen, ist fĂŒr jene Zeiten, fĂŒr diese fast noch neben uns lebenden Völker ein Zeichen ihrer Kultur; Fortschritt, was ihr Fortschritt nennt, dieses unaufhörliche Gewackel und Gefackel, dieses SchnellmĂŒdewerden und neurasthenische, kurzatmige Jagen nach dem Neuen, wenn es nur mal wieder neu ist, Fortschritt und die damit in Zusammenhang Stehenden verrĂŒckten Ideen der Entwicklungspraktiker und die maniakalische Gewohnheit, bei der Ankunft schon wieder Adieu zu sagen, Fortschritt, diese unstete Ruhelosigkeit und Hetze, dieses Nichtstillhaltenkönnen und dieses Reisefieber, dieser sogenannte Fortschritt ist ein Symptom unsrer abnormen ZustĂ€nde, unsrer Unkultur; und ganz etwas anderes als solche Symptome unsrer Verdorbenheit brauchen wir, um aus unsrer Verdorbenheit herauszukommen – es waren und es sind, sage ich, Zelten und Völker des gedeihlichen Lebens, Zeiten der Tradition, des Epos, des Ackerbaus und des lĂ€ndlichen Handwerks, ohne viel herausragende Kunst, ohne viel geschriebene Wissenschaft. Zeiten, die weniger glanzvoll sind, sich selbst weniger DenkmĂ€ler, GrabmĂ€ler setzen als jene Höhezeiten, die so herrlich sind, weil schon ihre Erben bei ihnen sind und ihre annoch wundervolle Jugend mit ihnen verbringen: eine Zeit vielmehr langen und breiten, fast behaglich zu nennenden Lebens. Es war da noch nicht der selbstbewußte Geist mit magischer Bezwingergewalt, der schon im Begriff steht, sich abzusondern und als hohe Botschaft ĂŒber die Lande zu gehen und die Seelen in seinen Bann zu zwingen. Auch diese Zeiten waren; auch diese Völker sind; und auch solche Zeiten werden wieder kommen.

In solchen Zeiten sieht der Geist wie versteckt aus; man erkennt ihn, wenn man forschend hinblickt, fast nur an seinen Äußerungen: an den Formen des Gesellschaftslebens, an den wirtschaftlichen Einrichtungen der Gemeinschaft.

In die allerersten, die primitiven AnfĂ€nge, die Vorstufen dieser Zeiten sind die Menschen immer wieder hineingekommen, wenn sie sich aus noch frĂŒheren Zeiten des Niedergangs, der Geistlosigkeit, der Tyrannei, Ausbeutung und Staatsgewalt gerettet hatten, oft mit Hilfe von Völkerschaften, die in diesem Zustand der fruchtbaren Stille langsam sich neuen PlĂ€tzen zu ĂŒber die Erde bewegten und aus dem Dunkel des Unbekannten, der Ferne neu und gesund in sie einströmten. So sind die Römer und Griechen der spĂ€ten Kaiserzeit in dieses Jungbad getaucht und wieder Kinder, wieder primitiv geworden und reif fĂŒr den neuen Geist, der zu gleicher Zeit von Osten her ĂŒber ihr Leben kam. Es gibt fĂŒr den, der mit der Menschheit, ihrem ewigen Dahingang und ewigen Wiederwerden mitfĂŒhlt, kaum etwas ErschĂŒtternderes, zugleich Seelenpeinigendes und zu fast kindlich frommer Zuversicht Aufrichtendes als die Werke der frĂŒhbyzantinischen Kunst, die man doch ebensowohl spĂ€tgriechische nennen könnte. Durch welche Verderbnis und durch welche ungeheuerliche Wiederaufrichtung, durch welches Grauen und welche Seelennot sind da Generationen hindurchgegangen, bis sie aus dem modisch-eleganten Formalismus und der TotenkĂ€lte der VirtuositĂ€t zu dieser fast schaudererregenden Herzensinnigkeit, zu dieser kindlichen Schlichtheit, zu dem Nichtmehrrichtigsehenkönnen alles Körperlichen gekommen waren! Die VirtuositĂ€t des Auges und der Hand hĂ€tte sich von Geschlecht zu Geschlecht in Kunst und Handwerk weiter vererbt, wenn die Seele sie nicht von sich gespien hĂ€tte wie Unrat und bittere Galle. Welche Hoffnungen, was fĂŒr tiefe Tröstungen liegen in solchem peinvoll-erquickenden Anblick fĂŒr uns, fĂŒr alle, die daraus lernen können, weil sie wissen: keinerlei Fortschritt, keinerlei Technik, keinerlei VirtuositĂ€t wird uns Heil und Segen bringen; nur aus dem Geiste, nur aus der Tiefe unsrer inneren Not und unsres inneren Reichtums wird die große Wendung kommen, die wir heute Sozialismus nennen.

FĂŒr uns aber gibt es kein so Fernes, kein so Unbekanntes, keine Plötzlichkeit und Überraschung aus dem Dunkel mehr irgendwo draußen in der Welt. Keinerlei Analogie der Vergangenheit kann auf uns mehr ganz zutreffen: die ErdoberflĂ€che ist uns bekannt, wir haben die Hand auf ihr und den schweifenden Blick um sie herum. Völker, die noch vor Jahrzehnten wie durch Jahrzehntausende von uns getrennt waren – Japaner, Chinesen – sind eifrig dabei, ihren Stillstand mit unserm Fortschritt, ihre Kultur mit unsrer Zivilisation zu vertauschen. Andere, kleinere Völker dieser Stufe haben wir ausgerottet oder mit Christentum und Alkohol depraviert.

Aus uns selbst muß diesmal die Erneuerung kommen, wennschon zu glauben ist, daß Völker neuer Mischung wie die Amerikaner, Völker Ă€lterer Stufe wie die Russen, die Inder, vielleicht auch noch die Chinesen, uns dabei am fruchtbarsten helfen werden.

Den Menschen, die sich aus dem Zustand irgendwelcher Verdorbenheit zuerst wieder erhoben und in die sagenhaften, epischen Zeiten der wieder einmal anfĂ€nglichen Kultur, des Kommunismus retteten, winkte vielleicht oft noch lange kein neuer Geist, in sichtbarer, in greifbarer, in aussprechbarer Gestalt. Sie hatten nicht den Glanz eines ĂŒberwĂ€ltigenden Wahnes, der sie in seinen Bann zwang. Aber den Aberglauben, den elenden, nicht wieder zu erkennenden Rest frĂŒherer Höhezeiten, hatten sie hinter sich gebracht; sie wollten nur das Irdische; und so fing ihr Leben neu an mit dem Geiste der Gerechtigkeit, der ihre Einrichtungen, ihr Zusammenleben, ihr Arbeiten und Verteilen der GĂŒter erfĂŒllte. Der Geist der Gerechtigkeit – ein irdisches Tun und ein Schaffen freiwilliger BĂŒnde, noch vor dem himmlischen WĂ€hnen, das spĂ€ter das irdische Tun in Gemeinschaft verklĂ€rt und – erst recht – natĂŒrlich erzwingt.

Rede ich mit diesen Worten von den Barbaren lĂ€ngst vergangener Jahrtausende? Spreche ich von den Vorfahren der Araber, der Irokesen, der GrönlĂ€nder? Ich weiß es nicht. Wir wissen so gar nichts von den VerĂ€nderungen und Entstehungen dieser sogenannten barbarischen Völker frĂŒherer und unserer Zeiten. Wir haben da kaum Überlieferungen und keine rechten Anhaltspunkte. Nur das wissen wir, daß die sogenannt primitiven ZustĂ€nde angeblicher Barbaren oder Wilden keine anfĂ€nglichen in dem Sinne sind, daß damit die Menschheit angefangen hĂ€tte, wie viele Fachmenschen zu meinen glauben, die mehr gelehrt sind als sie denken können. Wir wissen von keinerlei solchem Anfang; auch die Kulturen der „Barbaren“ kommen irgendwoher, kommen tief aus dem Menschlichen her; vielleicht aus einer wirklichen Barbarei, Ă€hnlich der, aus der wir heraus wollen.

Denn ich rede jedoch von unsern eigenen Völkern; ich spreche von uns selbst.Wir sind das Volk des Niederganges, dessen Pioniere und Voreilende der blöden Gewalt, der schimpflichen Isolierung und Preisgebung der Einzelmenschen ĂŒberdrĂŒssig sind. Wir sind das Volk des Herabgleitens, wo kein verbindender Geist mehr ist, sondern nur noch seine entstellten Reste, der Unsinn des Aberglaubens, und sein gemeines Surrogat, der Zwang der Ă€ußern Gewalt, des Staates. Wir sind das Volk des Untergangs und darum des Übergangs, dessen VorkĂ€mpfer keinerlei ĂŒber das irdische Leben hinaus weisenden Sinn erblicken, die keinen Himmelswahn vor sich sehen, den sie glauben und heilig kĂŒnden könnten. Wir sind das Volk, das wieder aufwĂ€rts schreiten kann nur durch einen einzigen Geist: den Geist der Gerechtigkeit in den irdischen Dingen des Gemeinschaftslebens. Wir sind das Volk, das nur zu retten, nur zur Kultur zu bringen ist durch den Sozialismus.

3.

So also steht unsre Zeit zwischen den Zeiten. Wie sieht sie aus? Ein verbindender Geist – ja, ja! hier wird etwas oft Geist gesagt. Vielleicht geschieht es darum, weil die Menschen unsrer Zeit und zumal die sogenannten Sozialisten so wenig Geist sagen wie sie Geist tun. Sie tun nicht Geist und sie tun nichts Wirkliches und nichts Praktisches; und wie könnten sie Wirkliches schaffen, da sie nicht wirklich denken! – ein verbindender Geist, sage ich, der die Menschen von innen her zum Zusammenarbeiten in den Dingen der Gemeinsamkeit, der Herstellung und Verteilung der gebrauchten GĂŒter triebe, ist nicht da. Ein Geist, der wie ein Lerchenlied aus den LĂŒften oder ferner, brausender Gesang von unsichtbaren Chören ĂŒber aller Arbeit und jeder fleißigen Regung schwebte, der Geist der Kunst, der VerklĂ€rung des irdisch-betriebsamen Tuns, ist nicht da. Ein Geist, der die GegenstĂ€nde des Gebrauchs, der die natĂŒrlichen Triebe, die Befriedigungen, die Feste mit Notwendigkeit und Freiheit erfĂŒllte, ist nicht da. Ein Geist, der alles Leben in Beziehung zur Ewigkeit setzte, der unsre Sinne heiligte, alles Leibliche himmlisch, jeden Wandel und alles Wandeln zur Freude, zum Schwung, Umschwung und Überschwang machte, ist nicht da.

Was ist da? Gott, der die Welt geschaffen hat; der einen Sohn hat, welcher diese Welt von der SĂŒnde erlöst 
 genug davon, von diesen unverstandenen Resten einer Symbolik, die einmal Sinnes genug hatte, Resten, die nun wörtlich genommen und mit Haut und Haar und mit allen Buchstaben und Wundergeschichten geglaubt werden sollen, auf daß die sogenannte Seele oder auch der Körper mit Haut und Haar nach der Verwesung selig werden können. Genug davon. Dieser Geist ist ein Ungeist; hat weder Beziehungen zur Wahrheit noch zum Leben. Wenn etwas beweisbar falsch ist, so sind es diese Vorstellungen allesamt.

Und unsere Gebildeten wissen es. Ist das Volk, ein sehr großer Teil des Volkes, im Geist des Falschen, des Unrichtigen und des Verderblichen befangen, so stecken wie viele! unserer Gebildeten im Geiste der LĂŒge und der Feigheit. Und wie viele hinwiederum, im Volk und bei den Gebildeten, kĂŒmmern sich gar um keinerlei Geist mehr und meinen, es gebe nichts ÜberflĂŒssigeres, als sich mit derlei Dingen abzugeben.

In der Schule werden die Kinder mit Lehren aufgezogen, die nicht wahr sind, und die Eltern werden gezwungen, das Denken ihrer Kinder in Falsches verkehren zu lassen. Eine furchtbare Kluft wird aufgemacht zwischen den Kindern der Armen, die in der alten Religion mit Gewalt erhalten werden, und den Kindern der Reichen, denen allerlei halbe AufklĂ€rung und gelinder Zweifel mit auf den Weg gegeben wird. Die Kinder der Armen sollen dumm, botmĂ€ĂŸig, furchtsam bleiben; die Kinder der Reichen werden halb und frivol.

Wie wird gearbeitet in unserer Zeit? Warum wird gearbeitet?

Was ist denn das – Arbeit?

Nur wenige Tierarten kennen das, was wir Arbeit nennen; Bienen, Ameisen, Termiten und Menschen.Der Fuchs in seinem Bau und auf der Jagd, der Vogel in seinem Neste und beim Insektenfang oder Körnersuchen – sie alle mĂŒssen sich mĂŒhen, um zu leben; aber sie arbeiten nicht. Arbeit ist Technik; Technik ist gemeinsamer Geist und Vorsorge. Es gibt keine Arbeit, wo nicht Geist und Vorsorge und wo nicht Gemeinsamkeit ist.

Wie sieht der Geist aus, der unsre Arbeit bestimmt? Wie ist es mit der Vorsorge bestellt? Wie ist die Gemeinsamkeit beschaffen, die unsre Arbeit regelt?

So sieht er aus und so sind sie beschaffen: Die Erde, und damit die Möglichkeit des Wohnens, der Werkstatt, der TÀtigkeit; die Erde und damit die Rohstoffe; die Erde und damit die aus der Vergangenheit ererbten Arbeitsmittel sind im Besitze von Wenigen. Diese Wenigen drÀngt es nach wirtschaftlicher und persönlicher Macht in Gestalt von Bodenbesitz, Geldreichtum und Menschenbeherrschung.

Sie lassen Dinge herstellen, wovon sie nach Stand der jeweiligen Sachlage glauben, daß der Markt sie mit Hilfe einer großen Armee von Agenten, Reisenden, auf deutsch: ĂŒberredenden SchwĂ€tzern, GroßhĂ€ndlern, KleinhĂ€ndlern, Zeitungsinseraten und Plakaten, Feuerwerk und verlockender Ausstattung aufnehmen kann.

Aber auch selbst wenn sie wissen, daß der Markt ihre Waren nur schwer oder gar nicht oder wenigstens nicht zum gewĂŒnschten Preis verdauen kann, mĂŒssen sie ihn immer weiter mit ihren Erzeugnissen bombardieren: weil ihre Produktionsanstalten und Unternehmungen sich gar nicht nach den BedĂŒrfnissen einer zusammenhĂ€ngenden, organischen Menschenschicht, einer Gemeinde oder einer grĂ¶ĂŸeren Konsumentenvereinigung oder eines Volkes richten, sondern nach den Erfordernissen ihres maschinellen Betriebs, auf den Tausende von Arbeitern wie Ixion aufs Rad gespannt sind, weil sie gar nichts anderes können als an diesen Maschinen kleine Teilarbeiten verrichten.

Ob sie Kanonen zur Menschenvertilgung, oder StrĂŒmpfe aus gesponnenem Staub oder Senf aus Erbsmehl machen, ist gleichgĂŒltig. Ob ihre Waren gebraucht werden, ob sie nĂŒtzlich oder sinnlos, schön oder hĂ€ĂŸlich, fein oder gemein, solid oder liederlich sind, ist gleichgĂŒltig. Wenn sie nur gekauft werden, wenn sie nur Geld einbringen.

Die große Masse der Menschen ist von der Erde und ihren Produkten, von der Erde und den Arbeitsmitteln getrennt. Sie leben in Armut oder in Unsicherheit; es ist keine Freude und kein Sinn in ihrem Leben; sie arbeiten Dinge, die zu ihrem Leben keine Beziehung haben; sie arbeiten auf eine Weise, die sie freudlos und stumpf macht. Viele, Massen, haben oft kein Dach ĂŒber dem Kopf, frieren, hungern, verderben.

Weil sie sich ungenĂŒgend nĂ€hren und wĂ€rmen, werden sie schwindsĂŒchtig oder sonstwie krĂ€nklich und sterben vor der Zeit. Und was der hĂ€usliche Druck und die Not, die schlechte Luft und das verpestete Hausen gesund lassen, verdirbt oft die Überanstrengung, der stechende Staub, der giftige Stoff und Dunst in der Fabrik.

Ihr Leben hat keine oder verschrumpfte Beziehungen zur .Natur; sie wissen nicht, was Pathos, Freude, was Ernst und Innigkeit, was Erschauern und was Tragik ist: sie erleben sich nicht; sie können nicht lĂ€cheln und können nicht Kind sein; sie ertragen sich und wissen nicht, wie unertrĂ€glich sie sind; sie leben auch seelisch in Schmutz und verdorbener Luft, in einem Qualme hĂ€ĂŸlicher Worte und widerwĂ€rtiger VergnĂŒgungen.

Der Ort, an dem sie zusammenkommen und ihre Art Gemeinsamkeit pflegen, ist nicht der freie Marktplatz unter dem Himmel und kein hoher Kuppelraum, der ihnen die geschlossene Verbundenheit unter der Himmelsfreiheit und Unendlichkeit nachbildete, und kein Gemeindesaal und keine Gildhalle und kein Badhaus: ihr gemeiner Ort ist das Wirtshaus. Da ergeben sie sich dem Trunke und können oft nicht mehr leben, ohne sich zu betrinken. Sie betrinken sich, weil ihnen nichts so wesenhaft fremd ist, wie der Rausch.

Es ist notwendig und bestimmt, daß sehr viele arbeiten wollen und nicht können, daß viele, die das Arbeiten vermöchten, das Wollen nicht mehr vermögen; daß sehr viele Keime im Mutterleib, daß sehr viele Kinder nach der Geburt getötet werden; daß sehr viele lange Lebensjahre im Zuchthaus oder Arbeitshaus verbringen.

Man hat ZuchthĂ€user und GefĂ€ngnisse bauen, man hat Schaffotte errichten mĂŒssen. Das Eigentum und das Leben, die Gesundheit, der heile Körper und die Freiheit der Geschlechtswahl sind von VerkĂŒmmerten und Verkommenen immer bedroht. Nicht oft mehr von Empörern und Frevlern, denn jetzt gibt es weniger kĂŒhne RĂ€uber als frĂŒher; dafĂŒr unzĂ€hlige Diebe, Einbrecher und BetrĂŒger, und GelegenheitstotschlĂ€ger, die man Mörder nennt.

Priester und von der Sitte gebĂ€ndigte BĂŒrgersleute haben es aufgebracht, daß man wie von Tieren von diesen Armen spricht, die fĂŒr unsere verruchte Unschuld unschuldig Schuldige sind: man nennt sie Vieh, Schwein, Bock und Tier. Ihr Menschen aber!: sehet sie, wie sie als Kinder sind: sehet nach ihnen und schauet instĂ€ndig lange auf ihre ZĂŒge, wenn sie auf den LeichenschrĂ€gen liegen, und dann zutiefst in euch hinein. Schonet euch nicht, zu lange habt ihr euch geschont und zu lange eure guten Kleider, eure Haut und eure bis zur Verruchtheit zartfĂŒhlenden Herzen gewahrt! sehet auf die Armen, die Elenden, die Gesunkenen, die Verbrecher und die Huren, ihr braven BĂŒrger, ihr eingezogenen und gehaltenen JĂŒnglinge, ihr zĂŒchtigen MĂ€dchen und ehrbaren Frauen; blicket hin, auf daß ihr erfahret: eure Unschuld ist eure Schuld; ihre Schuld ist euer Leben.

Ihre Schuld ist das Leben der Wohlgestellten; nur daß auch diese lĂ€ngst keine Unschuldigen und keine wohl zu Beschauenden sind. Die Not und der Ungeist zeugt schreiende HĂ€ĂŸlichkeit, Entbehrung und Öde; der Wohlstand und der Ungeist paaren sich zu Öde, Leere und LĂŒge.

Und es ist ein Punkt, es ist ein Ort, wo die beiden sich treffen: der Arme und der armselige Reiche. In der Geschlechtsnot kommen sie zusammen. Die allerĂ€rmsten sind die jungen Weiber, die nichts zu verkaufen haben als ihren Leib. Die allerarmseligsten sind die jungen MĂ€nner, die durch die Straßen irren und nicht wissen, woher ihnen das Geschlecht kommt und wohin sie damit sollen. Kein Marktplatz und kein hoher Kuppelraum, kein Tempel und Gemeindehaus ist in dieser unsrer Zeit der Ort der Gemeinschaft fĂŒr alle. Nun aber, wo Gewalt und Geld da wohnen, wo der Geist daheim sein möchte, ist die Lust so weit geschwunden, daß es Menschen gibt, die sie kaufen wollen und Menschen, die ihr ekles Surrogat verkaufen mĂŒssen. Wo Lust zur Ware wurde, da ist kein Unterschied mehr zwischen den Seelen der Oberen und der Untersten; und das Lusthaus ist das ReprĂ€sentantenhaus dieser unsrer Zeit.

Um in all dieser Geistlosigkeit, diesem Unsinn, diesem Wirrwarr, dieser Not und Verkommenheit Ordnung und Möglichkeit des Weiterlebens zu schaffen, ist der Staat da. Der Staat mit seinen Schulen, Kirchen, Gerichten, ZuchthĂ€usern, ArbeitshĂ€usern, der Staat mit seinen Gendarmen und seiner Polizei; der Staat mit seinen Soldaten, Beamten und Prostituierten. Wo kein Geist und keine innere Nötigung ist, da ist Ă€ußere Gewalt, Reglementierung und Staat. Wo Geist ist, da ist Gesellschaft. Wo Geistlosigkeit ist, ist Staat. Der Staat ist das Surrogat des Geistes.

Das ist er auch noch in anderer Richtung. Denn etwas, das wie Geist aussieht und tut, muß dasein. Lebendige Menschen können ohne Geist nicht einen Augenblick leben, die Materialisten mögen ĂŒbrigens rechtschaffene Leute sein; aber sie verstehen von dem, was Welt und Leben ausmacht, nicht die Bohne. Nur, was fĂŒr ein Geist ist es, der uns am Leben lĂ€ĂŸt? Der Geist, der unsere Arbeit regelt, heißt hĂŒben Geld, drĂŒben Not, wir haben es gesehen. Der Geist, der uns ĂŒber Leib und IndividualitĂ€t hinaushebt, heißt unten Aberglauben, Hurerei und Alkohol; oben Alkohol, Hurerei und Luxus. Und so gibt es noch allerlei Geister – vorĂŒber, vorĂŒber! Und der Geist, der die einzelnen zur Gesamtheit, zum Volke erhebt, heißt heute Nation. Nation als natĂŒrlicher Zwang der geborenen Gemeinschaft ist ein urschöner und unausrottbarer Geist. Nation in der Verquickung mit dem Staate und der Vergewaltigung ist eine kĂŒnstliche Roheit und boshafte Dummheit – und ist doch ein Ersatzmittel des Geistes, das den Menschen, die heute leben, wie ein angewöhntes Gift und Berauschungsmittel unentbehrlich geworden ist, Spiritus.

Die Staaten mit ihren Grenzen, die Nationen mit ihren GegensĂ€tzen sind Ersatzmittel fĂŒr Volks- und Gemeinschaftsgeist, der nicht da ist. Die Staatsidee ist ein nachgemachter kĂŒnstlicher Geist, ein falscher Wahn, Zwecke, die nichts miteinander zu tun haben, die nicht am Boden kleben, wie die schönen Interessen der gemeinsamen Sprache und Sitte, die Interessen des Wirtschaftslebens (und was fĂŒr eines Wirtschaftslebens heutzutage, wir haben es gesehen!) verkuppelt er mit einander und mit einem bestimmten Landgebiet. Der Staat mit seiner Polizei und all seinen Gesetzen und Eigentumsrechtseinrichtungen ist um der Menschen willen da, als miserabler Ersatz fĂŒr den Geist und die ZweckverbĂ€nde; und ĂŒberdies sollen nun die Menschen um des Staates willen dasein, der so etwas wie ein ideales Gebilde und ein Selbstzweck, wiederum also ein Geist zu sein vorspiegelt. Geist ist etwas, was in den Herzen und Seelenleibern der einzelnen in gleicher Weise wohnt; was mit natĂŒrlicher Nötigung, als verbindende Eigenschaft, aus allen herausbricht und alle zum Bunde fĂŒhrt. Der Staat sitzt nie im Innern der einzelnen, er ist nie zur Individualeigenschaft geworden, nie Freiwilligkeit gewesen. Er setzt den Zentralismus der BotmĂ€ĂŸigkeit und Disziplin an die Stelle des Zentrums, das die Welt des Geistes regiert: das ist der Schlag des Herzens und das freie, eigene Denken im lebendigen Leibe der Person. FrĂŒher einmal gab es Gemeinden, StammesbĂŒnde, Gilden, BrĂŒderschaften, Korporationen, Gesellschaften, und sie alle schichteten sich zur Gesellschaft. Heute gibt es Zwang, Buchstaben, Staat.

Und dieser Staat, der ĂŒberdies ein Nichts ist und sich, um das Nichts zu verhĂŒllen, lĂŒgnerisch mit dem Mantel der NationalitĂ€t bekleidet und diese NationalitĂ€t, die ein Feines, Geistiges zwischen den Menschen ist, lĂŒgnerisch verbindet mit einer Land- und Bodengemeinschaft, die nichts damit zu tun hat und die nicht da ist: Dieser Staat will also ein Geist und ein Ideal, ein Jenseitiges und wie Unbegreifliches sein, fĂŒr das Millionen enthusiastisch und todestrunken einander hinschlachten. Das ist die Ă€ußerste, die höchste Form des Ungeistes, der sich eingestellt hat, weil der wahre Geist der Verbindung dahin und zugrunde gegangen ist; und wiederum sei es gesagt: hĂ€tten die Menschen diesen schauerlichen Aberglauben nicht an Stelle der lebendigen Wahrheit natĂŒrlicher Geistverbundenheit, sie vermöchten nicht zu leben, denn sie erstickten in der Scham und Schmach dieses Unlebens und dieser Verbindungslosigkeit, sie zerfielen zu Staub wie vertrockneter Kot.

So also sieht unsere Zeit aus. So steht sie da – zwischen den Zeiten. FĂŒhlt ihr, die ihr meine Worte hört, mit Ohren höret und dem ganzen Menschen, fĂŒhlt ihr, daß ich kaum sprechen konnte bei dieser Beschreibung? Daß ich nur notgedrungen, weil es zur Sache und um euretwillen sein muß, von diesem Furchtbaren redete, und ins Bewußtsein heraufrief, was ich in mir nicht mehr nötig habe bewußt werden zu lassen, weil all dieses Schimpfliche der Umgebung lĂ€ngst ein StĂŒck meines Grundes, meines Lebens, meiner Körperhaltung sogar und Mienen geworden ist? Daß ich wie zusammengekrampft war und einem ĂŒbermĂ€chtigen Drucke fast erlag, daß ich kurzen Atems war und mir das Herz bis zum Halse hinauf schlug?

Ihr Menschen allesamt, die ihr leidet unter diesem Entsetzen: lasset zu euch dringen nicht nur die Stimme, die ich spreche, und die FĂ€rbung meiner Worte. Vernehmet vor dem mein Schweigen und meine Tonlosigkeit, meine Ersticktheit und mein Bangen. Sehet dazu meine geballten FĂ€uste, meine verzerrten Mienen und die blasse Entschlossenheit all meiner Haltung. Erfasset vor allem das UngenĂŒgende dieser Schilderung und mein unsĂ€gliches Unvermögen, denn ich will, daß Menschen mich hören, daß Menschen zu mir stehen, daß Menschen mit mir gehen, die es nicht mehr aushalten können gleich mir.

4.

Sozialismus ist die Willenstendenz geeinter Menschen, um eines Ideals willen Neues zu schaffen. Warum das Neue geschaffen werden soll, haben wir nun gesehen.Wir haben das Alte gesehen; wir haben das Bestehende noch einmal vor unsre schaudernden Blicke gefĂŒhrt. Jetzt sage ich nicht, wie wohl mancher erwarten könnte, wie das Neue, dem wir zustreben wollen, in seiner Ganzheit beschaffen sein soll; ich gebe keine Schilderung eines Ideals, keine Beschreibung einer Utopie. Was davon jetzt zu sagen ist, habe ich durchblicken lassen und habe es Gerechtigkeit mit Namen genannt. Von unsern ZustĂ€nden, von unsern Menschen ist ein Bild entworfen worden; glaubt jemand; man brauche nur Vernunft und Anstand oder gar Liebe zu predigen, und sie geschĂ€hen?

Der Sozialismus ist eine Kulturbewegung, ist ein Kampf um Schönheit, GrĂ¶ĂŸe, FĂŒlle der Völker. Niemand kann ihn verstehen, keiner kann ihn fĂŒhren, wem der Sozialismus nicht aus den Jahrhunderten und den Jahrtausenden herkommt. Wer den Sozialismus nicht als einen Weitergang langer und schwerer Geschichte erfaßt, weiß nichts von ihm; und damit schon ist gesagt – wir hören noch mehr davon – daß keinerlei Tagespolitiker Sozialisten sein können. Der Sozialist erfaßt das Ganze der Gesellschaft und der Vergangenheit; hat es im GefĂŒhl und im Wissen, woher wir kommen, und bestimmt danach, wohin wir gehen.

Das ist das Kennzeichen des Sozialisten im Gegensatz zum Politiker: daß er aufs Ganze geht; daß er unsre ZustĂ€nde in ihrer Gesamtheit, in ihrer Gewordenheit erfaßt; daß er das Allgemeine denkt. Daran schließt sich dann an, daß er das Ganze unsrer Mitlebensformen ablehnt, daß ihm nichts im Sinn ruht, daß er nichts zu verwirklichen ausgeht, als das Ganze, das Allgemeine, das Prinzipielle.

Nicht nur, was er ablehnt, nicht allein, was er zu erreichen ausgeht, ist dem Sozialisten ein Allgemeines und Umfassendes; auch seine Mittel können nicht am einzelnen kleben; die Wege, die er einschlÀgt, sind keine Einzelwege, sondern Hauptwege.

Der Sozialist also muß im Denken, FĂŒhlen und Wollen ein Zusammensehender, ein das Vielfache Sammelnder sein.

Mag in ihm die große Liebe ĂŒberragen oder die Phantasie oder das lichte Schauen oder der Ekel oder die wilde Angriffslust oder das starke Denken des VernĂŒnftigen oder was sonst immer seine Herkunft sein mag; ob er ein Denker ist oder ein Dichter oder ein KĂ€mpfer oder ein Prophet: etwas der Art, Leben des Allgemeinen, wird der wahre Sozialist haben; nie aber wird er (vom Wesen ist hier die Rede, von keinem Ă€ußern Beruf) ein Professor, ein Advokat, ein Zahlenmensch, ein EinzelheitskrĂ€mer, ein Hans Dampf in allen Gassen, einer vom Dutzend sein können.

Hier nun ist der Ort, wo gesagt werden muß (weil es jetzt eben schon gesagt worden ist): die sich heutigentages Sozialisten nennen, sind allesamt keine Sozialisten; was bei uns Sozialismus geheißen wird, ist ganz und gar kein Sozialismus. Auch hier, in dieser sogenannten sozialistischen Bewegung, wie in allen Organisationen und Einrichtungen dieser Zeiten, ist an die Stelle des Geistes ein elendes und gemeines Surrogat getreten. Hier aber ist die gefĂ€lschte Ersatzware noch besonders schlimm, durch etwas besonderes ausgezeichnet, besonders lĂ€cherlich fĂŒr den, der dahinter gekommen ist, besonders gefĂ€hrlich fĂŒr die GetĂ€uschten. Dieses Surrogat ist eine Karikatur, eine Imitation, eine Travestie des Geistes. Geist ist Erfassung des Ganzen in lebendig Allgemeinem, Geist ist Verbindung des Getrennten, der Sachen, der Begriffe wie der Menschen; Geist ist in den Zeiten des HinĂŒbergangs Enthusiasmus, Glut, Tapferkeit, Kampf; Geist ist ein Tun und ein Bauen. Was heute den Sozialismus fingiert, will auch eine Ganzheit erfassen, möchte auch die Einzelheiten unter allgemeine Sammlungen bekommen. Aber da in ihm kein lebendiger Geist wohnt, da ihm, was er anschaut, nicht Leben gewinnt und da ihm das Allgemeine nicht zum Gestalten wird, da es keine Intuition und keinen Impuls hat, wird sein Allgemeines kein wahres Wissen sein und kein echtes Wollen.

An die Stelle des Geistes ist ein ĂŒberaus absonderlicher und komischer Wissenschaftsaberglauben getreten. Kein Wunder, daß diese kuriose Lehre eine Travestie des Geistes ist, da sie ja auch ihrer Entstehung nach eine Travestie wirklichen Geistes, der Philosophie Hegels nĂ€mlich, vorstellt. Der diese Droge in seinem Laboratorium ertĂŒftelt hat, heißt Karl Marx. Karl Marx, der Professor. Wissenschaftsaberglauben an Stelle geisthaften Wissens; Politik und Partei an Stelle des Kulturwillens hat er uns gebracht. Da aber, wie wir gleich sehen, seine Wissenschaft in Widerspruch steht mit seiner Politik und jeglichen ParteibetĂ€tigungen, in Widerspruch steht ĂŒberdies von Tag zu Tag offensichtlicher mit der Wirklichkeit; da ja eben ein so von Grund aus unechtes und imitiertes Allgemeines wie diese Wissenschaft sich nie auf die Dauer gegen die leibhaften Sinnes- und Tageswirklichkeiten der Einzelerscheinungen halten kann, hat sich in der Sozialdemokratie von Anfang an, nicht erst, seit es den sogenannten Revisionismus gibt, der Aufstand der geistlosen TageskĂ€mpfer, EinzelheitskrĂ€mer und Hans DĂ€mpfe in allen Gassen gegen die Wissenschaftstravestie abgespielt. Hier aber wird gezeigt werden, daß es ein anderes gibt, und daß weder die einen noch die andern Sozialisten sind. Hier wird gezeigt werden, daß der Marxismus kein Sozialismus ist und der Flickenrock der Revisionisten ebensowenig. Hier soll gezeigt werden, was Sozialismus nicht ist und was er ist. Sehen wir zu.

Der Marxismus

Zwischen den beiden Bestandteilen des Marxismus, der Wissenschaft und der politischen Partei, hat Karl Marx eine kĂŒnstliche BrĂŒcke geschlagen, so daß es dann das Aussehen bekam, als sei etwas ganz Neues in die Welt gekommen, was sie vordem nicht gesehen hat, nĂ€mlich die wissenschaftliche Politik und die Partei auf wissenschaftlicher Grundlage, die Partei mit dem Wissenschaftsprogramm. Das war etwas wirklich Neues und dazu etwas ĂŒberaus ZeitgemĂ€ĂŸes und Modernes, und wie schmeichelte es ĂŒberdies den Arbeitern, daß gerade sie die Wissenschaft, die allerneueste Wissenschaft vertraten.

Willst du die Massen gewinnen, so schmeichle ihnen, willst du sie zu ernstem Denken und Tun unfĂ€hig, willst du aus ihren ReprĂ€sentanten Urbilder der hohlen Aufgeblasenheit machen, die mit halb oder ganz unverstandenen Worten um sich werfen, so rede ihnen ein, sie seien Vertreter einer wissenschaftlichen Partei; willst du sie ganz mit der Bosheit der Dummheit erfĂŒllen, so bilde sie auf Parteischulen aus. Die wissenschaftliche Partei also – das war doch einmal das Erfordernis der fortgeschrittensten aller Zeiten! Was waren das fĂŒr Dilettanten, die bisher Politik getrieben hatten, aus dem Instinkt oder der GenialitĂ€t heraus, wie man das Gehen, das Denken, das Dichten oder Malen betreibt, wozu zwar allewege nebst der Natur und der Begabung viel Lernen, viel Können, viel Technik gehört, aber keinerlei Wissenschaft.

Und was fĂŒr bescheidene Leute waren jene Vertreter der Politik als einer Art Wissenschaft gewesen, von Platon ĂŒber Machiavelli bis zum Verfasser des vortrefflichen Handbuchs des Demagogen, die allerdings mit großer Kunst und starkem, vereinfachendem und vereinigendem Blick die Einzelerlebnisse und Institutionen geordnet und zusammengebracht hatten, denen aber nie der Einfall gekommen war, das Tun und Handeln wissenschaftlich zu betreiben. Was die Kunstwissenschaft wĂ€re, wenn sie sich einbildete, die programmatische Grundlage fĂŒr das Schaffen der KĂŒnstler zu sein, das ist der Marxismus fĂŒr diese wissenschaftlichen Sozialisten.

In Wahrheit freilich paßt der Wissenschaftswahn des Marxismus nur schlecht zu der praktischen Politik der Partei; sie passen nur zusammen fĂŒr solche Menschen wie Marx und Engels waren, oder wie es Kautsky ist, die in sich den Professor und den Drahtzieher vereinigen. Ohne Zweifel zwar kann man nur richtig und wertvoll wollen, wenn man weiß, was man will; das aber – abgesehen nun davon, daß solches Wissen ganz ein anderes ist als die sogenannte Wissenschaft – paßt schlecht zusammen, daß man auf der einen Seite behauptet, genau zu wissen, wie die Dinge auf Grund sogenannter geschichtlicher Entwicklungsgesetze, die die Kraft von Naturgesetzen haben sollen, notwendig und unweigerlich kommen mĂŒssen, ohne daß an dieser Vorherbestimmung Wille oder Tun irgendwelcher Menschen auch nur das Geringste Ă€ndern könnten; und daß man auf der andern Seite eine politische Partei ist, die nichts anders kann, als wollen, fordern, Einfluß nehmen, tun, einzelnes umwandeln.

Die BrĂŒcke zwischen diesen beiden Unvereinbarkeiten ist der törichtste Hochmut, der je in der Menschengeschichte zur öffentlichen Schau getragen wurde: alles, was die Marxisten tun oder fordern (denn sie fordern ja mehr, als sie tun), ist gerade in dem Augenblick ein notwendiges Glied der Entwicklung, ist von der Vorsehung bestimmt, ist nur das Zutagetreten des Naturgesetzes; alles was die andern tun, ist nutzloses Aufhaltenwollen des MĂŒssens, der von Karl Marx entdeckten und sichergestellten Geschichtstendenzen. Oder aber auch so: die Marxisten sind mit dem, was sie wollen, die ausfĂŒhrenden Organe des Entwicklungsgesetzes: sie sind die Entdecker und zugleich die TrĂ€ger dieses Gesetzes, so etwas wie Legislative und Exekutive der Natur- und Gesellschaftsregierung in einer Person; die andern helfen allenfalls auch, diese Gesetze zur DurchfĂŒhrung zu bringen, aber gegen ihren Willen; die Elenden wollen immer das Verkehrte, mĂŒssen aber mit all ihrem Streben und Tun der von der Wissenschaft des Marxismus festgelegten Notwendigkeit helfen. Aller Hochmut, alle Versessenheit und Verbohrtheit, alle Unduldsamkeit und einsichtslose Ungerechtigkeit und all das hĂ€mische Wesen, das fortwĂ€hrend aus den Wissenschafts- und Parteiherzen der Marxisten zu Tage tritt, liegt also schon in ihrer absurd-absonderlichen Verquickung von Theorie und Praxis, von Wissenschaft und Partei begrĂŒndet.

Der Marxismus ist der Professor, der herrschen will; er ist also das rechte Kind von Karl Marx. Der Marxismus ist ein GemĂ€chte, das aussieht, wie sein Vater; und die Marxisten sehen aus wie ihre Lehre. Nur daß die GeistesschĂ€rfe, das grĂŒndliche Wissen und die oft rĂŒhmenswerte Kombinationsgabe und Assoziationsfertigkeit des echten Professors Marx jetzt oft ersetzt ist durch TraktĂ€tchengelehrsamkeit, Parteischulenweisheit und plebejisches Nachschwatzen.

Karl Marx ging doch wenigstens auf die Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens, auf aktenmĂ€ĂŸiges Quellenmaterial und – oft recht ungeniert sogar – auf die Manifestationen großer Intuitiver zurĂŒck; seine Nachfahren begnĂŒgen sich des öfteren mit Kompendien und LehrbĂŒchern, die mit Genehmigung des Oberstudienrats in Berlin zusammengestellt worden sind.

Und da wir hier das törichte und ruchlose Umschmeicheln des Proletariers nicht mitzumachen haben; da der Sozialismus das Proletariat abschaffen will und also nicht zu finden braucht, es sei eine fĂŒr Geist und Herz aller Betroffenen besonders segensreiche Institution (fĂŒr große und begnadete Naturen wird es freilich wie jede Not und jede Hemmung eine volle Fracht Segen mit sich fĂŒhren; und zu hoffen ist immer noch, daß die Entbehrung und innere Leere, die wohl eine Art Bereitschaft und ErfĂŒllbarkeit, Geladenheit ist, im großen Moment einmal ganze Massen zum geschlossenen Aufspringen, zur GenialitĂ€t der Aktion bringt), darum soll hier noch einmal gesagt sein: wohl kann ĂŒber das Proletariat wie ĂŒber jedwedes andere Volk einmal das Wunder kommen, nĂ€mlich der Geist, aber mit dem Marxismus ist kein Pfingstwunder und kein Zungenreden ĂŒber es gekommen, sondern die babylonische Verwirrung und die BlĂ€hsucht, und der proletarische Professor, der proletarische Advokat und ParteifĂŒhrer, das ist erst die rechte Karikatur der Karikatur, die Marxismus heißt, der Sorte Sozialismus, die sich fĂŒr Wissenschaft ausgibt.

Was lehrt nun diese Wissenschaft des Marxismus? was behauptet sie? Sie behauptet die Zukunft zu kennen; sie vermißt sich, eine so tiefe Einsicht in ewige Entwicklungsgesetze und die bedingenden Faktoren der Menschengeschichte zu haben, daß sie weiß, wie es kommt, wie die Geschichte weitergeht, was aus unsern ZustĂ€nden, Produktions- und Organisationsformen wird.

Nie ist Wert und Bedeutung der Wissenschaft lĂ€cherlicher verkannt worden; nie ist ruchloser die Menschheit, und dazu noch vor allem der entrechtete, der geistig beraubte und zurĂŒckgebliebene Teil der Menschheit mit einem verzerrten Hohlspiegelbild genarrt worden.

Hier ist jetzt noch gar nicht die Rede von dem Inhalt dieser Wissenschaft, von dem angeblichen Gang der Menschheit, den die Marxisten entdeckt haben wollen; hier geht es erst nur darum, die maßlos alberne Anmaßung aufzudecken, zu verhöhnen und zurĂŒckzuweisen: es gebe eine Wissenschaft, aus den Daten der Nachrichten von der Vergangenheit und den Tatsachen der ZustĂ€nde der Gegenwart die Zukunft mit Sicherheit zu erschließen, zu errechnen, zu bestimmen.

Ich habe hier auch den Versuch gemacht, von dem zu reden, woher wir meinem Glauben nach kommen, und ich könnte auch ruhig sagen: meinem Wissen nach kommen – denn ich fĂŒrchte es nicht, ich hoffe es, von Eseln mißverstanden zu werden –, wohin wir meiner innigen Überzeugung und Durchdrungenheit nach gehen, gehen mĂŒssen, gehen wollen mĂŒssen.

Ein MĂŒssen aber ist das freilich, das uns nicht in der Form des Naturgesetzes, sondern des Sollens gegeben ist. Denn sage ich damit: ich wisse etwas, in dem Sinne, wie man in der Mathematik aus bekannten GrĂ¶ĂŸen eine unbekannte errechnet? wie man in der Geometrie eine Aufgabe lösen kann? wie man weiß, daß das Fallgesetz, das Gesetz von der Pendelschwingung, das Gesetz von der Erhaltung der Energie allewege gilt, wie ich die Bewegung eines fallenden oder geworfenen Körpers berechnen kann, wenn mir die fĂŒr die Formel in Betracht kommenden UmstĂ€nde bekannt sind; wie ich weiß, daß H2O Wasser gibt, wie wir die Bewegungen vieler Gestirne berechnen, Mond- und Sonnenfinsternisse voraussagen können? Nein! Das alles sind wissenschaftliche BetĂ€tigungen und Ergebnisse. Es sind Naturgesetze, weil es Gesetze unseres Geistes sind. Es gibt aber auch ein Naturgesetz, ein Gesetz unseres Geistes, ein Teilgesetz des großen Gesetzes von der Erhaltung der Energie, das heißt: was wir aus unserm Leib und Leben heraus machen werden, was die Fortsetzung des Bisherigen, der bevorstehende Weg, das Ausladen der Kompression, das Auslösen der Disposition ist – das alles heißt Zukunft –, kann uns nicht in der Form der Wissenschaft, das heißt der schon der Ordnung fĂ€higen und vollendeten Tatsachen, sondern nur in der Form des BegleitgefĂŒhls der Disposition, des inneren Drucks und Langens und Verlangens, das der Ă€ußeren, labilen Gleichgewichtslage genau adĂ€quat ist, gegeben sein: und das heißt Wollen, Sollen, Ahnung bis zur Prophetie, Vision oder kĂŒnstlerische Gestaltung. Dem Wegmoment, an dem wir stehen, entspricht nicht ein Rechenexempel oder ein Tatsachenbericht oder gar ein Entwicklungsgesetz; das wĂ€re ein Hohn auf das Gesetz von der Erhaltung der Energie; dem Weg entspricht eine Verwegenheit. Wissen heißt gelebt haben, Haben des Gewesenen; Leben heißt leben, Schaffen und Leiden des Kommenden.

Damit ist nicht nur gesagt, daß es keine Wissenschaft von der Zukunft gibt; darin liegt auch, daß es nur ein Lebenswissen der noch lebendigen Vergangenheit gibt, aber keine tote Wissenschaft wie von etwas Totem und Liegendem. Die Marxisten und ĂŒberdies alle Entwicklungsethiker, Entwicklungspolitiker, gleichviel ob sie der Theorie der Katastrophen- und Umschlagentwicklung anhĂ€ngen wie die vordarwinschen Marxisten oder ob sie einen gleichmĂ€ĂŸig weiter gehenden Fortschritt aus der langsam-allmĂ€hlichen HĂ€ufung von Kleinigkeiten statuieren wollen wie die darwinistischen Revisionisten, diese und alle Vertreter der Entwicklungswissenschaft sollten, wenn es sie gar nicht lĂ€ĂŸt, sich wissenschaftlich zu betĂ€tigen, einmal wissenschaftlich untersuchen, was diese prachtvollen, als Gruppe zusammengehörigen Worte fĂŒr eine wirkliche Bedeutung haben, was von der Wahrheit der Natur und des Geistes in ihnen zum Ausdruck kommt, diese Worte: ich weiß, ich kann, ich darf, ich will, es muß und ich soll. Sie wĂŒrden zugleich wissenschaftlich bescheidener, menschlich genießbarer und mĂ€nnlich unternehmender werden.

Geschichte also und Nationalökonomie sind keine Wissenschaft; die in der Geschichte wirkenden KrĂ€fte können nicht wissenschaftlich formuliert werden; ihre Beurteilung wird immer eine SchĂ€tzung sein, die man je nach der Menschennatur, die sie in sich hat oder von sich gibt, mit einem höheren oder niedrigeren Namen belegen kann – Prophetie oder ProfessorengeschwĂ€tz –; immer wird sie eine Wertung sein, die von unserm Wesen, unserm Charakter, unserm Leben, unsern Interessen abhĂ€ngt; und ĂŒberdies sind uns, selbst wenn uns die KrĂ€fte so sicher bekannt wĂ€ren, wie sie uns formlos, schwankend, unbestimmt und wechselnd sind, die Tatsachen fĂŒr die Anwendung solcher Prinzipien unbeschreiblich schlecht bekannt. Was sind uns denn fĂŒr Ă€ußere, wissenschaftlich zu behandelnde Tatsachen von der völlig unendlichen Vergangenheit von Menschen und Welt gegeben? Vielerlei freilich, viel zuviel ist in den Karren dieser sogenannten Wissenschaft hergefahren und abgeladen worden; nur sind es leider wirr und wĂŒst und fragmentarisch durcheinandergeschmissene TrĂŒmmer aus einer Sekunde der sogenannten Menschen- und Weltgeschichte. Kein Beispiel ist kraß genug, um zu verdeutlichen, wie wenig wir wissen. Ein Fall ist freilich, wie der herrliche Goethe sagt, oft Tausende wert und schließt sie in sich; fĂŒr das Genie und die Intuition nĂ€mlich; nur daß es fĂŒr dieses ganze Gebiet des biologischen Werdens und der Menschengeschichte gar keine FĂ€lle gibt, die Beispiele von KrĂ€ften oder Gesetzen wĂ€ren, sondern, noch einmal mit Goethe zu reden, nur den Erfahrungsmist der Stoffsammler, Darwinisten und Revisionisten und den dialektischen Mist der Marxisten. Und darum eben ist das Genie, dem in den Dingen des Mitlebens der Menschen ein Fall oft Tausende reprĂ€sentiert, kein Genie der Wissenschaft, sondern ein Genie der Gestaltung und der Tat; Lebenswissen ist dabei, aber keine Wissenschaft ist es, auf so vielerlei echte und große Wissenschaft es sich auch stĂŒtzen mag.

Und gottlob, weltlob, daß es so ist! Und selbstverstĂ€ndlich, daß es so ist! Wozu denn noch leben, wĂ€re denn das eine Möglichkeit zu leben, wenn wir wĂŒĂŸten, aber auch wirklich wĂŒĂŸten, alles wĂŒĂŸten, was kommt? Heißt denn nicht leben: neu werden? Heißt denn nicht leben: als der Alte, der Sichere, der Selbstgewisse und auf sich Stehende, als eine in sich geschlossene Welt, als der Ewige hineinschreiten ins Neue, ins Ungewisse, in jene andere Welt, die wir nicht sind, ins wiederum Ewige, von Tor zu Tor, und von Heer zu Heer? Sind wir denn Leser oder Zuschauer oder von wohlbekannten MĂ€chten ins wiederum Bekannte, vom Alten zum Alten Getriebene, wenn wir uns Lebende heißen? Oder sind wir nicht vielmehr der schreitende Fuß und die packende Hand, der Wirkende und nicht der Bewirkte? Und ist uns Welt nicht wie etwas Weiches, unbekannt und gestaltlos jeden Morgen, den wir vom Schlaf aufstehen, Neues und Geschenktes, das wir formen und mit dem Werkzeug unsres Eigenen zu unserm Eigen machen? Oh‘ ihr Marxisten, wenn ihr auch nur fĂŒr euer privates Leben FĂŒlle und Lebensfreude hĂ€ttet, wolltet und könntet ihr das Leben nicht zur Wissenschaft machen wollen! Und wie dĂŒrftet ihr das gar, wenn ihr wĂŒĂŸtet, daß eure Aufgabe als Sozialisten wĂ€re, den Menschen zu Formen und Gemeinden der freudigen Arbeit, des freudigen Beieinanderlebens zu verhelfen!

Der hier, nicht resigniert oder skeptisch oder klagend, sondern einverstanden und freudig sagt: wir wissen nichts von den VielfĂ€ltigkeiten und Unsagbarkeiten des vergangenen und kommenden Lebens der Menschen und Völker, ist einer, der stolz und hohen Mutes genug ist, mehr als viele das Geschick der Jahrhunderttausende in sich zu wissen, in sich zu fĂŒhlen, in sich zu leben. Wohl habe ich ein Bild von dem, was geschehen ist, von dem, was also unterwegs ist; wohl habe ich mein GefĂŒhl von unsrer Bestimmung und unsrer Bahn, und wohl weiß ich, wohin ich gehen, wohin ich weisen, wohin ich fĂŒhren will. Wohl habe ich den Wunsch, meine Einsicht, mein glĂŒhendes FĂŒhlen, mein starkes Wollen auf viele, auf einzelne, auf Massen zu ĂŒbertragen. Aber rede ich in Formeln? Bin ich ein Journalist, der sich verlogen als Mathematiker maskiert? Bin ich ein RattenfĂ€nger, der die unmĂŒndigen Kinder mit der Wissenschaftspfeife in den Berg des Unsinns und des Schwindels fĂŒhrt? Bin ich ein Marxist?

Nein. Aber ich sage, was ich bin. Ich brauche nicht zu warten, bis es mir die andern, die Getroffenen, die Marxisten sagen. Gelernt, erforscht, zusammengetragen habe ich so gut wie einer; und wenn es eine Wissenschaft der Geschichte und Nationalökonomie gĂ€be, dann hĂ€tte ich wohl Kopf genug, sie gelernt zu haben. Denn, eigentlich seid ihr doch komische Leute, ihr Marxisten, und wunderlich, daß ihr euch nicht selber wundert; ist es denn nicht eine alte und sichere Sache, daß auch bescheidene Köpfe die Ergebnisse der Wissenschaften, wenn sie erst da sind, erlernen können? Was wollt ihr denn mit all eurem Streiten und Polemisieren und Agitieren, mit all eurem Fordern und Parlamenteln, mit all eurem Überreden und Argumentieren: wenn ihr eine Wissenschaft habt, laßt doch das ÜberflĂŒssige, nehmt den Bakel zur Hand und unterrichtet uns, lehret uns, laßt uns die Methoden lernen und fleißig ĂŒben, die Operationen, die Konstruktionen, und macht doch endlich als Erfahrene, als Wissende und untrĂŒglich Sichere, was euer Bebel als ehrlicher Dilettant versucht hat: sagt uns endlich die genauen Daten der weiteren Geschichte, der Zukunft!

Ich habe also auch gelernt, nicht wie ihr, sondern besser als ihr und sage doch: Wissenschaft ist’s freilich nicht, was ich lehre. PrĂŒfe sich jeder, ob seine Natur, sein wahrhaftes Leben ihn auf dieselben Wege fĂŒhrt, und nur dann gehe er mit mir, aber dann gehe er mit mir. Ich habe besser gelernt als ihr, weil ich etwas habe, was euch fehlt. Hochmut freilich, was man gemeiniglich so nennt, habe ich keinen grĂ¶ĂŸern als ihr; und ich wĂŒrde meine bescheidene, das heißt geziemende Meinung von mir selbst fĂŒr mich behalten, wie’s unter EbenbĂŒrtigen sich von selbst verstĂŒnde, wenn hier nicht Nötigung wĂ€re zu sagen, wer ein Sozialist ist und wer keiner ist. Denn verhöhnt und verjagt mĂŒssen sie werden, die Kaltsinnigen aus Nifelheim, die den Sozialismus usurpiert haben, die das „Kapital“ bewachen wie jene Zwerge den Nibelungenhort: der Sozialismus muß zu seinen rechten Erben kommen, damit er werde, was er ist: eine Freude und ein Jauchzen, ein Bauen und ein Schaffen, ein schön zu Ende getrĂ€umter Traum, der nun im Tun und fĂŒr alle Sinne und alles urvolle Leben eine ErfĂŒllung werden soll. Und weil die Erben noch schlummern und in fernen Landen des Traums und der Form weilen, und weil doch endlich einer anfangen muß, die Hand aufs Erbe zu legen, muß ich es sein, der die Erben zusammenruft und der sich als einer von ihnen legitimiert.

Woher kommt denn all der Wissenschaftsaberglauben der Marxisten? Sie wollen die vielfachen, zersplitterten, durcheinander geworrenen Einzelheiten der Überlieferung und der ZustĂ€nde auf einen Faden, in eine Ordnung, zu einer Einheit bekommen. Auch sie haben das BedĂŒrfnis nach Vereinfachung, nach Einheit, nach Allgemeinheit.

Sind wir wieder einmal bei dir angelangt, herrliches erlösendes Allgemeines und Eines, das du dem wahren Denken so nötig bist wie dem wahren Leben, das Mitleben schafft und Gemeinschaft und Einung und Innung, das im Kopf der Denkenden die Idee ist und im Leben alles Lebenden durch alle Reiche der Natur hin der Bund der BĂŒnde ist? das du mit Namen heißest: Geist!

Dich aber haben sie nicht, und darum ersetzen sie dich. Daher kommt ihnen die tĂ€uschende FĂ€lschung, die Surrogatware ihrer Geschichtsklitterung und ihrer Wissenschaftsgesetze: sie kennen nur ein einziges Bannendes, nur ein Formendes, ZusammenrĂŒckendes, die Einzelheiten Ordnendes, das Auseinandergesprengte Verbindendes, nur ein Prinzip, nur ein Allgemeines: die Wissenschaft. Und wohl ist Wissenschaft Geist, Ordnung, Einheit und Bund: wo sie Wissenschaft ist. Wo sie aber Schwindel und Affenbetrug ist, wo der angebliche Mann der Wissenschaft nur ein verkleideter Journalist und ein nur schlecht sich verstellender Leitartikelschreiber ist, wo statistisch formulierte Tatsachenhaufen und dialektisch maskierte Philistermeinungen fĂŒr eine Art höhere Mathematik der Geschichte und untrĂŒgliche Anweisung fĂŒrs kĂŒnftige Leben gelten wollen: da ist diese sogenannte Wissenschaft Ungeist, Hemmung des Geistes; ein Hindernis, das endlich gesprengt, mit GrĂŒnden und Lachen, mit Feuer und Wut vertilgt werden muß.

Ihr kennt die andern Formen des Geistes nicht und habt darum die Professorlarve vor eure Advokatengesichter gezogen, wo ihr nicht wirkliche Professoren seid, die den Propheten spielen wollen, wie jener andere Professor, euer Schutzpatron, die Laute spielen wollte, aber nicht konnte.

Wir aber wissen es und haben es hier nun schon oft gesagt, was alles noch Geist ist: wir haben eine Allgemeinheit, ein Zusammengehen des Ganges der Menschheit anderer Art, anderer Herkunft als ihr, wir haben unser Wissen zusammen mit unserm großen GrundfĂŒhlen und unserem starken Weithinwollen: wir sind – – zuvor aber, arme Marxisten, nehmet einen Stuhl und setzet euch und haltet euch fest; denn es kommt FĂŒrchterliches; Anmaßendes kommt, und zugleich wird euch etwas weggenommen, was ihr mir so brennend gern selbst verĂ€chtlichen Tonfalls entgegengeworfen hĂ€ttet – – wir sind Dichter; und die Wissenschaftsschwindler, die Marxisten, die Kalten, die Hohlen, die Geistlosen wollen wir wegrĂ€umen, damit das dichterische Schauen, das kĂŒnstlerisch konzentrierte Gestalten, der Enthusiasmus und die Prophetie die StĂ€tte finden, wo sie fortan zu tun, zu schaffen, zu bauen haben; im Leben, mit Menschenleibern, fĂŒr das Mitleben, Arbeiten und Zusammensein der Gruppen, der Gemeinden, der Völker.

Jawohl denn, wirklich, als volle TatsĂ€chlichkeit soll kommen und wahr werden, was Dichtertraum und Melodie und berĂŒckende Linie und leuchtende Farbenpracht lange genug nun war: wir Dichter wollen im Lebendigen schaffen, und wollen sehen, wer der grĂ¶ĂŸere und stĂ€rkere Praktiker ist: ihr, die ihr zu wissen behauptet und nichts tut; oder wir, die nun das lebendige Bild in uns haben und das sichere GefĂŒhl und den hinausgreifenden Willen: und die wir tun wollen, was nur getan werden kann, tun wollen gleich jetzt und immerzu und unentwegt, die wir die Menschen, die mit uns sind, sammeln wollen zu einem Keil, der vorwĂ€rts dringt, immer weiter im Tun, im Bauen, im WegrĂ€umen; immerzu, ĂŒber euch weg mit Lachen und GrĂŒnden und ZĂŒrnen; ĂŒber schwerere Klötze weg mit Angreifen und KĂ€mpfen. Wir bringen keine Wissenschaft und keine Partei; wir bringen noch weniger einen Geistesbund, wie ihr ihn versteht, denn wenn ihr von so etwas redet, denkt ihr an das, was ihr AufklĂ€rung nennt, und was wir Halbbildung und TraktĂ€tchenfutter heißen. Der Geist, der uns trĂ€gt, ist eine Quintessenz des Lebens und schafft Wirklichkeit und Wirksamkeit. Dieser Geist heißt mit anderm Namen: Bund; und was wir dichten, schön machen wollen, ist Praktik, ist Sozialismus, ist Bund der arbeitenden Menschen.

Hier sehen wir es nun offenbar vor Augen und können es mit HĂ€nden greifen, warum die Marxisten in ihrer famosen Geschichtsauffassung, die sie die materialistische nennen, den Geist ausgeschaltet haben. Wir können an dieser Stelle die ErklĂ€rung besser geben, als es Ă€ndern trefflichen Bestreitern der Marxisten gelingen konnte. Die Marxisten haben in ihren ErklĂ€rungen und Auffassungen aus sehr natĂŒrlichem, ja geradezu aus trefflich materiellem Grunde den Geist ausgeschaltet: weil sie nĂ€mlich keinen haben.

Aber wenn nur wenigstens wahr wĂ€re, daß ihre Art, die Geschichte darzustellen, eine materialistische heißen darf. Das wĂ€re ein rĂŒhmliches, ein gewaltiges Unternehmen sogar, freilich eines, dessen Veranstalter ohne eigenen Geist nicht auskĂ€me: den Versuch zu machen, das Ganze der Menschheitsgeschichte bloß in der Form von physischen VorgĂ€ngen, von körperlich-dinglichen Prozessen, von einem unendlichen Wechselverkehr zwischen den materiellen VorgĂ€ngen der ĂŒbrigen Welt und den physiologischen Prozessen der Menschenleiber darzustellen.

Es könnte das freilich, aus den GrĂŒnden, die ich schon gesagt habe, keinerlei auf Gesetzen aufgebaute Wissenschaft sein, nur eine geistvolle und fast phantastische Skizze zu einer solchen könnte es werden; aber es wĂ€re etwas, an das einer schon beinahe sein Leben setzen könnte; und vielleicht kommt einmal einer, der es unternimmt, und wĂ€re es einer, der es nur darum tut, um das Recht, die Grundlage und die Sprachmöglichkeit zu finden, nunmehr diesen starren Bau flĂŒssig und völlig zum Bilde zu machen und die große Umkehrung vorzunehmen: die ganze Menschengeschichte nĂ€mlich unter Ausschaltung jeglicher Körperlichkeit als psychisches Gesamtheitsgeschehen, als den Austausch geistigen Strömens darzustellen.

Denn wer so Materialismus bis in die Ă€ußerste Konsequenz zu denken vermag, weiß, daß er nur die andere Seite des Idealismus ist; wer so wirklicher Materialist ist, kann nur aus der Schule Spinozas kommen. Aber genug damit: was verstehen die Marxisten davon? Die Marxisten, die, wenn man Spinoza sagt, wohl gar an die ĂŒberzwerche Puppe denken, die ihre und die darwinistisch-monistischen TraktĂ€tchenverfasser aus Spinoza gemacht haben.

Genug damit; hier ist nur nötig zu sagen, daß, was die Marxisten materialistische Geschichtsauffassung nennen, nicht das mindeste mit irgendeinem vernĂŒnftig aufgefaßten Materialismus zu tun hat: am Ende hielten sie es gar fĂŒr einen Widerspruch, den Materialismus vernĂŒnftig aufzufassen und hĂ€tten nicht einmal unrecht. Allenfalls dĂŒrfte die Geschichtsauffassung, die sie lehren, ökonomistische heißen; ihr wahrer Name ist, wie gesagt, geistlose Geschichtsauffassung.

Sie behaupten nĂ€mlich, entdeckt zu haben, die politischen ZustĂ€nde, die Religionen, die geistigen Strömungen insgesamt, ihre eigene Lehre und ihr ganzes Agitieren und Politisieren natĂŒrlich nicht ausgenommen, seien nur der ideologische Überbau, so eine Art nachtrĂ€gliche DoppelgĂ€ngererscheinung der wirtschaftlichen ZustĂ€nde und gesellschaftlichen Institutionen und Prozesse. Wie viel Geistiges, Seelisches mit dem unabschĂ€lbar verwachsen ist, was sie wirtschaftlich und gesellschaftlich nennen, daß vor allem das Wirtschaftsleben nur ein winziger Teil des Gesellschaftslebens ist und daß dieses von den großen und kleinen geistigen Gebilden und Bewegungen des Mitlebens gar nicht zu trennen ist, stört diese OberflĂ€chlichen nur wenig, fĂŒr die es in allen ihren Kundgebungen kennzeichnend ist, daß sie Schnellredner und DrauflosschwĂ€tzer sind, daß sie nie das BedĂŒrfnis gespĂŒrt haben, ihren eigenen Worten auf den Grund zu gehen. HĂ€tten sie das je getan, wĂ€ren sie tief Verschwiegene geworden, denn an ihren WidersprĂŒchen und Unvereinbarkeiten wĂ€ren sie erstickt.

Dieser widerspruchsvolle Mißbrauch der Worte hat nun aber doch die Marxisten gestört, aber freilich nur so, wie UngrĂŒndliche sich irritieren lassen: die einen finden sich mit dem Widerspruch durch die eine Verkehrtheit und Halbheit und die andern durch eine andere Schiefheit und Verbiegung ab, und so entstanden verschiedene Strömungen unter ihnen und es hat allerlei Spannungen und Spaltungen gegeben: die einen schließen aus der Lehre, der Marxismus verkĂŒnde eine apolitische und fast antipolitische Haltung, da ja die Politik nur das fast irrelevante Spiegelbild der Wirtschaft sei; es komme nicht auf Politik, Gesetzgebung und Staatsformen an, sondern auf wirtschaftliche Formen und wirtschaftliche KĂ€mpfe (aber auch diese KĂ€mpfe sind natĂŒrlich in die reine Lehre nur eingeschmuggelt; denn ein Kampf, auch ein wirtschaftlicher, ist eine durchaus geistige Sache und mit allem Leben des Geistes stark verwachsen; aber genug davon, denn, wie gesagt, wer irgendeinem Punkt des Marxismus auf den Grund geht, stĂ¶ĂŸt immer auf die Unmöglichkeit und das Kompromiß und die Kontrebande); die andern wollen trotzdem mit Hilfe der Politik auf die wirtschaftlichen Dinge einwirken und fĂŒgen den Kompromissen, Ausreden und mĂŒhsamen Flickereien mit der Wirklichkeit, die so total anders aussieht, als ihre professorale Ausschwitzung auf dem Papier, fĂŒgen diesen BemĂ€ntelungen, die sie alle machen mĂŒssen, noch ein paar neue hinzu. Es kommt nicht darauf an, und wir halten uns bei diesen Streitfragen nicht weiter auf; mögen sie die Politikomarxisten mit ihren BrĂŒdern, den Syndikalisten oder den neuerdings durch elenden Mißbrauch zweier edlen Namen so genannten Anarchosozialisten ausfechten.

Denn die ganze Lehre ist falsch und hĂ€lt nicht Stich und Faden, und als wahr und wertvoll bleibt nur die Beherzigung ĂŒbrig, die, in England und anderswo, schon lange vor Karl Marx eingeschĂ€rft worden ist: man dĂŒrfe bei Betrachtung der menschlichen Geschehnisse die eminente Bedeutung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen ZustĂ€nde und Umwandlungen nicht verkennen. Dieser Hinweis erfolgte in der großen Bewegung, die man die Entdeckung der Gesellschaft im Gegensatz zum Staat nennen mĂŒĂŸte, eine Entdeckung, die einer der frĂŒhesten und wichtigsten Schritte zur Freiheit, zur Kultur, zum Bunde, zum Volke, zum Sozialismus ist. Überaus Heilvolles und Wegreiches steckt in diesen großen Schriften der politischen Ökonomisten, der glĂ€nzenden Publizisten des achtzehnten, der ersten Sozialisten des neunzehnten Jahrhunderts. Der Marxismus aber hat daraus nur eine Karikatur, eine FĂ€lschung, eine Korruption gemacht. Die sogenannte Wissenschaft, die die Marxisten daraus gemacht haben, ist in ihrer tatsĂ€chlichen Wirkung ein klĂ€glicher und doch verhĂ€ngnisvoller Versuch (denn keine angebliche Wissenschaft ist so dumm, daß sie nicht, wenn sie demagogisch oder auch nur populĂ€r ausgemĂŒnzt wird, gebildete und ungebildete Massen und nicht zuletzt auch UniversitĂ€tsprofessoren einfĂ€ngt), der Marxismus also versucht, den Strom, der vom Staat und damit von der Unkultur wegfĂŒhrt, hin zu BĂŒnden der Freiwilligkeit und des gemeinsamen Geistes, den Strom, der die Gesellschaft der Gesellschaften auf seinem RĂŒcken trĂ€gt, wieder zurĂŒckzubringen zum Staat und zum Ungeist all unserer Einrichtungen des Mitlebens, und diesen Strom dabei noch die MĂŒhlen ehrgeiziger Politikanten treiben zu lassen.

Das mĂŒssen wir noch nĂ€her besehen. Denn wir haben erst nur zwei HĂ€ute der marxistischen TrĂ€nenzwiebel abgeschĂ€lt; wir mĂŒssen noch mehr ins Innere dringen, und wenn uns dabei das Weinen ankommen sollte. Wir mĂŒssen das Mißgebilde weiter sezieren, und ich verspreche: ein bißchen Prusten und Nießen und etliches Lachen wird immer dabei sein. Wir haben gesehen, was es mit der Wissenschaft und was es mit dem Materialismus der Marxisten auf sich hat: was aber ist denn das nun fĂŒr ein geschichtlicher Verlauf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, den sie entdeckt haben, nicht doch, der aus der materialen Wirklichkeit ihnen in den geistigen Überbau, wahrscheinlich in ihre kartesianische ZirbeldrĂŒse, hineingewachsen ist?

Wir sind jetzt bei dem Moment angelangt, wo sich der Professor, der Leben in Scheinwissenschaft, Menschenleiber in Papier verwandelt, in einen Professor ganz anderer Art, mit ganz andern VerwandlungskĂŒnsten verwandelt. Professoren nennen sich ja wohl auch gewöhnlich die VerwandlungskĂŒnstler, Zauberer, Prestidigitateure, die ihre Fingerfertigkeit und VolubilitĂ€t auf JahrmĂ€rkten produzieren. Die berĂŒhmtesten, die entscheidenden Kapitel von Karl Marx haben mich immer an Zauberprofessoren dieser Art erinnert. „Eins – zwei – drei – ohne jede Hexerei.“

Folgendermaßen ist nach Karl Marx die Fortschrittslaufbahn unsrer Völker vom Mittelalter ĂŒber die Gegenwart zur Zukunft, ein Lauf, der sich „mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses“ (nach dem englischen Text, der noch deutlicher ist: mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes), ĂŒbrigens mit steigender Geschwindigkeit, vollziehen soll: Im ersten Stadium, dem kleinlichen, krĂ€merhaften, wo es nur Durchschnittsmenschen, Mittelmaß, KleinbĂŒrger und dergleichen erbĂ€rmliches Volk gibt, haben sehr viele jeder sehr kleines Eigentum. Nun kommt die zweite Stufe, der Aufschwung zum Fortschritt, der erste Entwicklungsprozeß, der Weg zum Sozialismus: Kapitalismus genannt. Jetzt sieht die Welt schon ganz anders aus: wenige haben jeder sehr großes Eigentum, die Masse hat nichts. Der Übergang in diese Stufe war schwer, und ohne Gewalt und HĂ€ĂŸlichkeit ging es nicht ab. Auf der Stufe aber geht’s nun dem gelobten Land auf den gut geölten Schienen der Entwicklung immer nĂ€her und leichter entgegen; gottlob werden immer mehr Massen proletarisiert, gottlob gibts immer weniger Kapitalisten, sie expropriieren sich gegenseitig, bis nur noch Massen von Proletariern wie Sand am Meer ganz vereinzelten Riesenunternehmern entgegenstehen, und nun ist der Sprung zur dritten Stufe, nun ist der zweite Entwicklungsprozeß, der letzte Schritt zum Sozialismus nur noch ein Kinderspiel: „die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlĂ€gt“. Innerhalb des Kapitalismus ist man, sagt Karl Marx, zur „Zentralisation der Produktionsmittel“ und zur „Vergesellschaftung der Arbeit“ gekommen. Er nennt das eine Produktionsweise, „die unter dem Kapitalmonopol aufgeblĂŒht ist“, wie er denn immer leicht in Dichterstimmung kommt, wenn er die letzten Schönheiten des Kapitalismus, unmittelbar bevor er in Sozialismus umschlĂ€gt, besingt. Nun also ist es soweit: „die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation“: den Sozialismus. Denn die „Kooperation“ und „der Gemeinbesitz der Erde“ ist, sagt Karl Marx, schon eine „Errungenschaft der kapitalistischen Ära“. Die großen, ungeheuren, fast unendlichen Menschenmassen, die Proletarisierten, haben wirklich fast nichts mehr fĂŒr den Sozialismus zu tun. Sie mĂŒssen nur warten, bis es soweit ist.

Denn nicht wahr? Soweit sind wir doch noch lange nicht, ihr Herrn von der Wissenschaft, daß uns der Kapitalismus die Kooperation und den Gemeinbesitz an der Erde und den Produktionsmitteln gebracht hĂ€tte? Was Gemeinbesitz heißt, das wenigstens ist doch insoweit klar, so viele sehr verschiedene Formen des Gemeinbesitzes es auch geben kann, daß er etwas anderes als Usurpation, als Privileg, als Privateigentum sein muß? Ist von diesem Gemeinbesitz, der schon in der Ära des Kapitalismus kommen soll, der die grĂ¶ĂŸte Ähnlichkeit schon mit dem Sozialismus haben soll, jetzt schon etwas zu merken? Ja oder nein? Wir möchten nĂ€mlich ganz gerne wissen, wie lange es etwa noch dauern kann mit dem Naturprozeß. Heraus, bitte, mir eurer Wissenschaft!

Aber wer weiß, wer weiß! Vielleicht hat doch Karl Marx schon in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Spuren oder gar sichtbare AnfĂ€nge des Gemeinbesitzes an der Erde und den Produktionsmitteln sich aus dem Kapitalmonopol herauswickeln sehen. Denn was die Kooperation angeht, ist die Sache bei nĂ€herem Zusehen schon ganz unzweideutig. FĂŒr mich freilich heißt Kooperation Zusammenwirken und gemeinsame Arbeit, und wenn man nicht ein Narr ist, der das gemeinsame Ziehen einer Kuh und eines Pferdes vor einem Pflug, oder die nach LokalitĂ€t oder auch Arbeitsteilung gemeinsame Arbeit von Negersklaven auf einer Baumwollpflanzung oder einem Zuckerrohrfeld Kooperation und gemeinsame Arbeit nennt – – aber wie ist mir denn? Genau dieser Narr ist ja Karl Marx! Was Zukunft! Was weitere Entwicklung des Kapitalismus! Der kluge Gelehrte hielt sich an die Gegenwart. Die Arbeitsform, die er im kapitalistischen Betrieb seiner Zeit gesehen hat, das Fabriksystem, die Arbeit tausender im engen Raume, die Anpassung des Arbeiters an die Werkzeugmaschinen und die damit sich ergebende weitgehende Arbeitsteilung in der Herstellung der Waren fĂŒr den kapitalistischen Weltmarkt – das hat Karl Marx die Kooperation genannt, die ein Element des Sozialismus sein soll. Spricht er doch ohne jede Frage davon, daß der Kapitalismus „tatsĂ€chlich bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb“ beruhe!

Jawohl, man strĂ€ubt sich gegen so exemplarischen Unsinn, aber das ist ohne Frage die wahre Meinung von Karl Marx: der Kapitalismus entwickelt ganz und gar den Sozialismus aus sich heraus, die sozialistische Produktionsweise „erblĂŒht“ aus dem Kapitalismus: schon haben wir Kooperation, schon sind wir mindestens auf bestem Wege zum Gemeinbesitz der Erde und der Produktionsmittel: schließlich tut nichts mehr not, als die paar ĂŒbriggebliebenen EigentĂŒmer zu verjagen. Alles andere ist aus dem Kapitalismus erblĂŒht. Denn der Kapitalismus, das ist der Fortschritt, das ist die Gesellschaft, das ist eigentlich schon der Sozialismus. Der wahre Feind, das sind „die MittelstĂ€nde, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer“. Denn die arbeiten selber und haben höchstens ein paar Gehilfen und Lehrlinge, das ist das Murksige, der Zwergbetrieb; der Kapitalismus aber ist die UniformitĂ€t, die Arbeit Tausender an einer Stelle, die Arbeit fĂŒr den Weltmarkt, und das ist die gesellschaftliche Produktion und der Sozialismus.

Das ist die wahre Lehre von Karl Marx: wenn der Kapitalismus ganz und gar ĂŒber die Reste des Mittelalters gesiegt hat, ist der Fortschritt besiegelt und der Sozialismus so gut wie da.

Ist es nicht von symbolischer Bedeutung, daß das Grundwerk des Marxismus, die Bibel dieser Sorte Sozialismus „Das Kapital“ heißt? Diesem Kapitalsozialismus stellen wir unsern Sozialismus gegenĂŒber und sagen: der Sozialismus, die Kultur und der Bund, der gerechte Austausch und die freudige Arbeit, die Gesellschaft der Gesellschaften kann erst kommen, wenn ein Geist erwacht, wie die christliche Zeit und die vorchristliche Zeit der germanischen Völker einen Geist gekannt hat, und wenn dieser Geist fertig wird mit der Unkultur, der Auflösung und dem Niedergang, der wirtschaftlich gesprochen Kapitalismus heißt. So steht’s nun in ganzer SchĂ€rfe einander entgegen. Hie Marxismus – hie Sozialismus! Marxismus – die Geistlosigkeit, die papierne BlĂŒte am geliebten Dornstrauch des Kapitalismus. Sozialismus – das Neue, das sich gegen die Verwesung; die Kultur, die sich gegen die Vereinigung von Ungeist, Not und Gewalt, gegen den modernen Staat und den modernen Kapitalismus erhebt.

Und jetzt könnte man verstehen, was ich diesem nicht minder Modernen, was ich dem Marxismus ins Gesicht sagen will: daß er die Pest unsrer Zeit und der Fluch der sozialistischen Bewegung ist. Jetzt soll noch deutlicher gesagt werden, daß es so ist, warum es so ist, warum der Sozialismus nur in Todfeindschaft gegen den Marxismus erstehen kann.

Denn der Marxismus ist vor allem der Philister. Der Philister, der geringschĂ€tzig auf alles Vergangene blickt, der das die Gegenwart oder den Anfang der Zukunft nennt, wo er sich zu Hause fĂŒhlt, der an den Fortschritt glaubt, dem 1908 besser gefĂ€llt als 1907, der von jedem 1909 etwas ganz besonderes, von so etwas fernem wie 1920 aber schon beinahe ein Wunder und ein EndgĂŒltiges erwartet.

Der Marxismus ist der Philister und darum der Freund des Massenhaften und des Breiten. So etwas wie eine StĂ€dterepublik des Mittelalters oder eine Dorfmark oder ein russischer Mir oder eine Schweizer Allmend oder eine kommunistische Kolonie kann fĂŒr ihn nie die geringste Ähnlichkeit mit Sozialismus haben; aber ein breiter, zentralisierter Staat sieht seinem Zukunftsstaat schon einigermaßen Ă€hnlich. Zeigt man ihm ein Land in einer Zeit, wo die kleinen Bauern gedeihen, wo ein kunstreiches Handwerk blĂŒht, wo es wenig Elend gibt, so rĂŒmpft er verĂ€chtlich die Nase; und keinen schlimmeren Schimpf glaubten Karl Marx und seine Nachfahren dem grĂ¶ĂŸten aller Sozialisten, Proudhon, antun zu können, als daß sie ihn einen kleinbĂŒrgerlichen und kleinbĂ€uerlichen Sozialisten nannten, was gar keine falsche Beurteilung und ganz gewiß kein Schimpf war, da eben Proudhon den Menschen seines Volkes und seiner Zeit, vorwiegend kleinen Bauern und Handwerkern, prachtvoll gezeigt hat, wie sie sofort, ohne erst den sĂ€ubern Fortschritt des Großkapitalismus abzuwarten, zum Sozialismus hĂ€tten kommen können. Das können nun die EntwicklungsglĂ€ubigen gar nicht hören, daß man von einer Möglichkeit spricht, die einmal da war und doch nicht Wirklichkeit geworden ist; und die Marxisten und die von ihnen Angesteckten können es darum so gar nicht hören, daß man von einem Sozialismus spricht, der vor der weiteren AbwĂ€rtsbewegung, die sie die AufwĂ€rtsbewegung des gesegneten Kapitalismus nennen, hĂ€tte möglich sein können. Wir aber trennen nicht eine fabelhafte Entwicklung und gesellschaftliche Prozesse von dem, was Menschen wollen, tun, hĂ€tten wollen können und hĂ€tten tun können. Wir wissen, daß die Determination und die Notwendigkeit alles Geschehens und also auch des Wollens und Tuns allerdings selbstverstĂ€ndlich gilt und ohne jede Ausnahme gilt: aber immer nur hintennach kann man feststellen, wenn eine Wirklichkeit da ist, daß sie also eine Notwendigkeit ist; wenn etwas nicht geschah, daß es also nicht möglich war, weil z. B. die Menschen, an die mit großem Fug appelliert wurde und denen mit großer Notwendigkeit Vernunft gepredigt worden ist, nicht wollten und nicht vernĂŒnftig sein konnten. Aha! werden die Marxisten triumphierend sagen wollen, Karl Marx hat aber vorausgesagt, daß dazu keine Möglichkeit war. Jawohl, antworten wir, und hat damit ein sicheres Teil der Schuld auf sich genommen, daß es nicht dazu gekommen ist, ist fĂŒr damals und noch viel mehr fĂŒr spĂ€ter einer der Hinderer und der Schuldigen gewesen. Denn fĂŒr uns besteht die Menschengeschichte nicht aus anonymen Prozessen und nicht bloß aus der HĂ€ufung vieler kleiner Massengeschehnisse und Massenunterlassungen; fĂŒr uns sind die TrĂ€ger der Geschichte Personen, und fĂŒr uns gibt es auch Schuldige.

Glaubt man denn, Proudhon habe nicht wie jeder Prophet, wie jeder Johannes, stĂ€rker als irgendeiner von den kalten Wissenschaftszuschauern oft in großen Stunden das GefĂŒhl der Unmöglichkeit gehabt, diese seine Menschen zu dem zu fĂŒhren, was er als schönste und natĂŒrlichste Möglichkeit vor sich sah? Der kennt die Apostel und FĂŒhrer der Menschheit schlecht, der meint, der Glaube an die ErfĂŒllung gehöre zu ihrem großen Tun, zu ihrem visionĂ€ren Gebaren und drĂ€ngenden Gestalten. Der Glaube an ihre heilige Wahrheit gehört dazu, und die Verzweiflung an den Menschen und das GefĂŒhl der Unmöglichkeit! Wo ĂŒber die Menschheit Großes und ÜberwĂ€ltigendes, Umschwung und Neuerung gekommen ist, da ist es das Unmögliche und Unglaubliche, das ist eben das SelbstverstĂ€ndliche, gewesen, was die Wendung gebracht hat.

Aber der Marxismus ist der Philister, und darum verweist er immer voller Hohn und Triumph auf FehlschlĂ€ge und vergebliche Versuche und hat solche kindische Angst vor den Niederlagen. Gegen nichts trĂ€gt er mehr Verachtung zur Schau, als gegen das, was er Experimente oder gescheiterte GrĂŒndungen nennt. Schande und ein Zeichen schmĂ€hlichen Niederganges, insbesondere des deutschen Volkes, dem solche Angst vor dem Idealismus, der SchwĂ€rmerei und dem Heroismus so besonders schlecht ansteht, daß solche JĂ€mmerlinge seinen Geknechteten FĂŒhrer sein sollen. Aber die Marxisten sind fĂŒr die armen Massen genau dasselbe, was die Nationalrenommisten seit 1870 fĂŒr die satten Volksschichten sind: Erfolganbeter. Wir kommen hier hinter einen andern, einen zutreffenderen Sinn der Bezeichnung „materialistische Geschichtsauffassung“. Jawohl, Materialisten im gewöhnlichen, im groben, im populĂ€ren Sinne des Wortes sind die Marxisten, und waren genau wie die Nationaltröpfe bemĂŒht, den Idealismus herunterzubringen und auszumerzen. Was der Nationalbourgeois aus dem deutschen Studenten gemacht hat, haben die Marxisten aus weiten Schichten des Proletariats gemacht: feigherzige Leutchen ohne Jugend, ohne Wildheit, ohne Wagemut, ohne Lust am Versuchen, ohne Sektierertum, ohne Ketzerei, ohne OriginalitĂ€t und Absonderung. All das aber brauchen wir, wir brauchen Versuche, wir brauchen den Zug der Tausend nach Sizilien, wir brauchen diese wunderköstlichen Garibaldinaturen, und wir brauchen FehlschlĂ€ge ĂŒber FehlschlĂ€ge und die zĂ€he Natur, die sich nicht, die sich durch nichts abschrecken lĂ€ĂŸt, die festhĂ€lt und aushĂ€lt und immer noch einmal ansetzt, bis es gelingt, bis wir durch sind, bis wir unĂŒberwindlich sind. Wer die Gefahr der Niederlage, der Vereinsamung, des RĂŒckschlags nicht auf sich nimmt, wird nie zum Siege kommen.

O ihr Marxisten, ich weiß, wie ĂŒbel euch das alles in den Ohren klingt, die ihr nichts mehr fĂŒrchtet, als was ihr NackenschlĂ€ge nennt; das Wort gehört zu eurem besonderen Sprachschatz und vielleicht mit einigem Recht, da ihr dem Feind mehr den Nacken zeigt als die Stirn. Ich weiß, wie tief verhaßt, wie widerwĂ€rtig und all eurem trockenen Stubenwesen unangenehm solche Feuernaturen wie Proudhon auf dem Gebiete des Bauens, Bakunin oder Garibaldi auf dem Gebiete der Destruktion und des Kampfes euch sind, wie alles Romanische, alles Keltische, alles, was nach freier Luft und Wildheit und Initiative aussieht, euch geradezu peinlich ist. Ihr habt euch genug damit geplagt, alle Freiheit, alles Persönliche, alle Jugend, alles, was ihr Dummheiten nennt, aus der Partei, aus der Bewegung, aus den Massen herauszubringen. Wahrlich, es stĂŒnde besser um den Sozialismus und unser Volk, wenn wir statt der systematischen Dummheit, die ihr eure Wissenschaft nennt, die feuerköpfigen Dummheiten der Hitzigen und Brausenden und ÜberschĂ€umenden hĂ€tten, die ihr nicht ausstehen könnt. Jawohl, wir wollen machen, was ihr Experimente nennt, wir wollen versuchen, wir wollen aus dem Herzen heraus schaffen und tun, und wir wollen denn, wenn’s sein muß, so lange Schiffbruch leiden und Niederlagen auf uns nehmen, bis wir den Sieg haben und Land sehen. Aschenhafte, SchlafmĂŒtzige, Philister sind ĂŒber dir, Volk; wo sind die Kolumbusnaturen, die lieber auf gebrechlichem Schiff und aufs Ungewisse hin aufs hohe Meer gehen als auf die Entwicklung zu warten? Wo sind die Jungen, die Munteren, Sieghaften, Roten, die ĂŒber diese Grauen zu lachen beginnen? Nicht gerne hören die Marxisten solche Worte, solche AnfĂ€lle, die sie RĂŒckfĂ€lle nennen, solche SchwĂ€rmereien und Unwissenschaftlichkeiten, ich weiß es, und gerade darum tut es mir so sehr wohl, daß ich ihnen auch das noch gesagt habe. Gut und stichhaltig sind die GrĂŒnde, die ich gegen sie brauche, aber wenn ich sie, statt sie mit GrĂŒnden zu widerlegen, mit Hohn und Lachen tot Ă€rgern tĂ€te, wĂ€re es mir auch recht.

Der Philister Marxist also ist viel zu klug, viel zu besonnen, viel zu vorsichtig, als daß er je hĂ€tte auf den Einfall kommen können, wenn der Kapitalismus schon im vollen Hereinbrechen ist, wie es zur Zeit der Februarrevolution in Frankreich der Fall war, den Versuch zu machen, ihm durch sozialistische Organisation entgegenzutreten, ebenso wie er die Formen lebendiger Gemeinschaft aus dem Mittelalter, die man in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, in Rußland vor allen durch Jahrhunderte des Niedergangs hindurch gerettet hat, lieber umbringen und im Kapitalismus ersĂ€ufen möchte als anerkennen, daß in ihnen die Keime und Lebenskristalle auch der kommenden sozialistischen Kultur stecken; aber zeigt man ihm die wirtschaftlichen ZustĂ€nde etwa Englands aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, mit seinem wĂŒsten Fabriksystem, mit der Verödung des Landes, mit der Uniformierung der Massen und des Elends, mit dem Wirtschaften fĂŒr den Weltmarkt statt fĂŒr wirkliche BedĂŒrfnisse, so findet er darin gesellschaftliche Produktion, Kooperation, AnfĂ€nge des Gemeinbesitzes: er fĂŒhlt sich wohl.

Der echte Marxist, wenn er noch nicht schwankend geworden ist und Konzessionen zu machen begonnen hat (heutzutage machen diese Zusammenbrechenden freilich schon lĂ€ngst alle Konzessionen), will gar nichts wissen von bĂ€uerlichen Genossenschaften, von Kreditgenossenschaften, von Arbeitergenossenschaften, selbst wenn sie ins Großartige gewachsen sind: ganz anders imponieren ihm kapitalistische WarenhĂ€user, in denen soviel Organisationsgeist fĂŒr Unproduktives, fĂŒr Raub und Usurpation, fĂŒr den Verkauf von Tand und Schund aufgewendet ist.

Aber hat sich denn je ein Marxist um diese große, entscheidende Frage gekĂŒmmert: was fĂŒr den Weltmarkt produziert, was an die Konsumenten verschlissen wird? Immer haftet ihr Blick nur an den Ă€ußeren, unwesentlichen, oberflĂ€chlichen Formen der kapitalistischen Produktion, die sie gesellschaftliche Produktion nennen, von denen jetzt noch die Rede sein muß.

Der Marxismus ist der Philister, und der Philister kennt nichts Wichtigeres, nichts Großartigeres, nichts, was ihm heiliger ist als die Technik und ihre Fortschritte. Stelle einen Philister vor Jesus, der in seinem Reichtum, in der Ausgiebigkeit seiner unerschöpflichen Gestalt nebst dem, was er ĂŒberdies fĂŒr den Geist und das Leben bedeutet, auch ein gewaltiger Sozialist ist, stelle einen Philister vor den lebendigen Jesus am Kreuz und vor eine neue Maschine zur Fortbewegung von Menschen oder Sachen: er wird, wenn er ehrlich und kein Bildungsheuchler ist, das gekreuzigte Menschenkind eine total unnĂŒtze und ĂŒberflĂŒssige Erscheinung finden und hinter der Maschine herlaufen.

Und doch! wie viel mehr wahrhaft bewegt hat diese stille, ruhende, leidende GrĂ¶ĂŸe des Herzens und des Geistes als alle Bewegungsmaschinerien dieser Zeiten. Und doch! wo wĂ€ren denn alle Bewegungsmaschinerien unserer Zeiten ohne diesen Stillen, Ruhenden, Leidenden, Großen am Kreuz der Menschheit. Auch das sollte hier gesagt sein; obwohl es nur die leicht verstehen werden, die es schon vorher gewußt haben.

Hier nun, wo wir die grenzenlose Verehrung des Gevatters Fortschrittlers vor der Technik sehen, lernen wir die Herkunft dieses Marxismus kennen. Der Vater des Marxismus ist nicht das Geschichtsstudium, ist auch nicht Hegel, ist weder Smith noch Ricardo, noch einer der Sozialisten vor Marx, ist auch kein revolutionĂ€r-demokratischer Zeitzustand, ist noch weniger der Wille und das Verlangen nach Kultur und Schönheit unter den Menschen. Der Vater des Marxismus ist der Dampf. Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeite aus dem Dampf. Was Marx nĂ€mlich fĂŒr SozialismusĂ€hnlichkeit hielt, fĂŒr die unmittelbar vorbereitende Stufe vor dem Sozialismus, war nichts als die Organisation des Produktionsbetriebs, die die technischen Erfordernisse der Dampfmaschine innerhalb des Kapitalismus herbeifĂŒhrten.

Da begegneten sich nun also zwei ganz verschiedene Formen der Zentralisation: die wirtschaftliche Zentralisation des Kapitalismus: der Reiche, der möglichst viel Geld, möglichst viel Arbeit zu sich als Zentrum heranleitet; und die technische Zentralisation des Betriebs: die Dampfmaschine, die die Arbeitsmaschinen und die arbeitenden Menschen bei sich, dem Kraftzentrum, in der NĂ€he haben muß und darum die großen Fabrikbetriebe und die raffinierte Arbeitsteilung geschaffen hat. Die wirtschaftliche Zentralisation des Kapitalismus braucht an sich – vereinzelte FĂ€lle ausgenommen – gar keine Zentralisation des technischen Betriebs; ĂŒberall, wo die menschliche Arbeitskraft oder die einfachen, mit Hand oder Fuß betriebenen Maschinen billiger sind als die Benutzung der Dampfmaschine, zieht der Kapitalist die weit im Land, auf Dörfern und Gehöften verstreute Heimindustrie der Fabrik vor. Die technischen Notwendigkeiten der Dampfmaschine also waren es, die die großen Fabrikkasernen und die GroßstĂ€dte voller Fabrikkasernen und Mietskasernen erzeugt haben.

Diese beiden zunĂ€chst getrennten und durchaus verschiedenen Zentralisationsformen haben sich dann natĂŒrlich vereinigt und haben gegenseitig die stĂ€rksten EinflĂŒsse aufeinander ausgeĂŒbt: der Kapitalismus hat durch die Dampfmaschine ungeheuer schnelle Fortschritte gemacht; und anderseits hindert der Kapitalismus – der nun einmal seine technisch zentralisierenden Einrichtungen und Gewohnheiten hat, der vor allem die Arbeiter aus dem platten Land weggezogen hat und mehr und mehr vollends wegzieht – er hindert die elektrische Übertragung der Dampf- und Wasserkraft, die ihrer Natur nach dezentralisierend wirken mĂŒĂŸte, diese Wirkung in dem Maße auszuĂŒben, wie es sonst der Fall sein mĂŒĂŸte; obwohl nicht zu leugnen ist, daß diese elektrische KraftĂŒbertragung sowohl kapitalistische Ausbeutung kleiner, voneinander getrennter WerkstĂ€tten hervorgerufen hat, wie z. B. in der Klingenindustrie Solingens, wie auch die Kiemindustrie und das Handwerk jetzt schon erfreulich gestĂ€rkt hat und in Zukunft noch mehr stĂ€rken und neu erwecken wird; hier ist fĂŒr den genossenschaftlichen Bezug von Kraft und Motoren noch ein weites Feld.

Diese Vereinigung von technischer und Kapitalzentralisation hat dann weitere kapitalistische Zentralisationen im Gefolge gehabt oder sehr gestÀrkt: Zentralisationen des Handels, des Bankwesens, der Engros- und DetailgeschÀfte, der Transporteinrichtungen usw.

Und noch eine dritte Zentralisation ist, im großen und ganzen unabhĂ€ngig von den beiden Ă€ndern, in unsern Zeiten gediehen: die Zentralisation des Staats, des BĂŒrokratismus, des Heereswesens. Und so sind neben die Fabrikkasernen und die Mietskasernen noch weitere Kasernen in die GroßstĂ€dte gezogen: die Kasernen der BĂŒrokraten, wo in jedem dieser öffentlichen HĂ€user hundert kleine Kammern, und in jeder öden Kammer ein, zwei oder drei grĂŒne Tische, und hinter jedem grĂŒnen Tisch ein, zwei oder drei gĂ€hnende Subalternbeamte mit der Feder hinter dem Ohr und dem FrĂŒhstĂŒcksbrot in der Hand sitzen; und die Kasernen der Soldaten, wo tausende krĂ€ftige JĂŒnglinge sich nutzlosem Sport – Sport dĂŒrfte nur die Erholung nach nĂŒtzlicher Arbeit sein – und damit der Langenweile und allerlei geschlechtlichen Dummheiten und Unsauberkeiten ergeben mĂŒssen.

Und, bei so viel Unkultur, MenschenzusammenhĂ€ufung, Entfernung von der Erde und der Kultur, bei so viel Arbeitsvergeudung, Überlastung mit unproduktiver Arbeit und Faulenzerei, bei so viel Sinnlosigkeit und Elend, die all diese Formen des Zentralismus mit sich bringen, werden natĂŒrlich die weiteren Kasernen unserer Zeit immer zahlreicher und umfangreicher: die ArbeitshĂ€user, die GefĂ€ngnisse und ZuchthĂ€user und die GeschlechtshĂ€user, in denen die Prostituierten kaserniert sind.

Es ist wahr und den Marxisten, wenn sie sich gegen die Behauptung wehren, ihre Lehre sei lediglich ein Produkt der technischen Betriebszentralisation, zuzugeben: all diese Formen des öden, verhĂ€ĂŸlichenden, uniformierenden, einengenden und unterdrĂŒckenden Zentralismus sind fĂŒr den Marxismus bis zu gewissem Grade vorbildlich gewesen, haben auf seine Entstehung, Weiterbildung und Ausbreitung Einfluß gehabt. Nicht umsonst wehrt man sich bei EnglĂ€ndern, romanischen Völkern, Schweizern und SĂŒddeutschen mehr und mehr gegen den Marxismus als gegen eine Sache, die verzweifelte Ähnlichkeit mit dem militĂ€rischen und bureaukratischen Wesen hat; nicht umsonst findet man echte, rechte Marxisten heutzutage fast nur noch in den LĂ€ndern des Feldwebels, Subalternbeamten und des Tschinownik: in Preußen und Rußland. Nicht umsonst verspĂŒrt man die Disziplin und die davon untrennbare Grobheit und Befehlshaberei nirgends so sehr, hört man auch das Wort „Disziplin“ nirgends so oft, wie in der preußischen Armee und in der deutschpreußischen Sozialdemokratie. Aber trotzdem: keine dieser Zentralisationen ist so beschaffen, daß ihr eine Spottgeburt folgen konnte, die man wahrhaft und wirklich Sozialismus zu nennen wagt, außer der technischen Zentralisation des Dampfes.

Niemals wird der Sozialismus aus dem Kapitalismus „erblĂŒhen“, wie der Undichter Marx so lyrisch gesungen hat. Aber seine Lehre und seine Partei, der Marxismus und die Sozialdemokratie sind aus der Dampfkraft erwachsen.

Siehe da, wie die Arbeiter und Handwerker und die Bauernsöhne und Töchter vom Lande wegziehen, wie fĂŒr sie Armeen von Gelegenheits- und von Erntearbeitern kommen! Siehe da, wie morgens Tausende und aber Tausende in die Fabriken einziehen und abends wieder ausgespieen werden!

„Gleicher Arbeitszwang fĂŒr alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders fĂŒr den Ackerbau“, haben Marx und Engels schon in ihrem Kommunistischen Manifest gesagt; aber nicht als Beschreibung und Vorahnung der kommenden Herrlichkeiten des Kapitalismus, sondern als eine der Maßnahmen, die sie „fĂŒr die fortgeschrittensten LĂ€nder“ zum Beginn ihres Sozialismus vorschlugen. Es ist wahr: diese Sorte Sozialismus erwĂ€chst aus der ungestörten Weiterentwicklung des Kapitalismus!

Nimmt man dazu noch die kapitalistische Konzentration, die so aussah, als ob die Zahl der kapitalistischen Personen und der Vermögen immer geringer wĂŒrde, nimmt man ferner dazu das Vorbild der Staatsallmacht im zentralisierten Staat unsrer Zeiten, nimmt man schließlich noch dazu die immer weiter gehende Vervollkommnung der Werkzeugmaschinen, die immer mehr vorschreitende Arbeitsteilung, die Ersetzung der gelernten Handwerkerarbeiter durch beliebige Handlanger der Maschine – das alles aber durchaus ĂŒbertrieben und karikiert gesehen; denn es hat alles noch eine andere Seite und ist nie eine schematisch auf einer Linie gehende Entwicklung, sondern ein Kampf und Ausgleich verschiedener Tendenzen; es wird aber alles bis zum Grotesken simplifiziert und karikiert, was der Marxismus ansieht -; nimmt man schließlich noch dazu die Aussicht, daß die Menschenarbeit immer kĂŒrzer, die Maschinenarbeit immer produktiver werden kann: dann ist der Zukunftsstaat fertig. Der Zukunftsstaat der Marxisten: die BlĂŒte am Baum der staatlichen, der kapitalistischen, der technischen Zentralisation.

Noch ist hinzuzufĂŒgen, daß der Marxist, wenn er besonders kĂŒhn sein Stroh trĂ€umt – denn nie ist leerer, trockener getrĂ€umt worden, und wenn es je phantasielose Phantasten gegeben hat, so sind es die Marxisten – daß er dann seinen Zentralismus und seine WirtschaftsbĂŒrokratie ĂŒber die heutigen Staaten hinaus ausdehnt und von einer Weltbehörde fĂŒr die Anordnung und Befehligung der Produktion und Verteilung der GĂŒter spricht. Das ist der Internationalismus des Marxismus. Wie frĂŒher in der Internationale alles vom Londoner Generalrat, wie heute in der Sozialdemokratie alles von Berlin aus geregelt und bestimmt werden soll, so wird diese Weltproduktionsbehörde einmal in jedes Töpfchen gucken und das Quantum Schmieröl fĂŒr jede Maschine in ihrem Hauptbuch stehn haben.

Und nun noch eine Haut herunter; dann sind wir fertig mit unsrer Beschreibung des Marxismus.So also erblĂŒhen die Organisationsformen dessen, was diese Leute Sozialismus nennen, schon ganz und gar im Kapitalismus. Nur daß diese Organisationen, diese mehr und mehr – mit Dampf – riesenhaft werdenden Betriebe noch in den HĂ€nden von Einzelunternehmern, von Ausbeutern, sind. Wir haben zwar schon gesehen, daß diese durch die Konkurrenz immer weniger werden sollen. Man muß sich das anschaulich machen, wie es gemeint ist: erst Hunderttausende – dann ein paar Tausend – dann ein paar Hundert – dann etliche Siebzig oder FĂŒnfzig – dann ein paar ganz monströse Riesenunternehmer.

Und denen gegenĂŒber stehen die Arbeiter, die Proletarier. Ihrer werden immer mehr und mehr, die Mittelschichten verschwinden, und mit der Zahl der Arbeiter wĂ€chst die Zahl und die Intensivkraft der Maschinen, so daß nicht bloß die Zahl der Arbeiter, sondern auch die Zahl der Arbeitslosen, der sogenannten industriellen Reservearmee zunimmt. Es geht also nach dieser Schilderung nicht lĂ€nger mit dem Kapitalismus, und ĂŒberdies wird der Kampf gegen ihn, d. h. gegen die paar ĂŒbriggebliebenen Kapitalisten, fĂŒr die unter ihrer BotmĂ€ĂŸigkeit stehenden unzĂ€hligen Massen der Enterbten und also an der Änderung Interessierten immer leichter. Denn auch das mĂŒssen wir noch von der Lehre des Marxismus ins Augefassen: in ihm ist alles, wie wohl der Ausdruck heißt, der aus einem Ă€ndern Gebiet hergeholt und falsch angewandt wird, immanent. Das soll hier heißen: es bedarf gar keiner besonderen Anstrengungen oder ideeller Einsichten, es lĂ€uft alles von selbst am SchnĂŒrchen des Gesellschaftsprozesses. Immanent sind die sogenannten sozialistischen Organisationsformen schon im Kapitalismus drin; immanent ist auch in den Proletariern die Interesselosigkeit gegenĂŒber den bestehenden ZustĂ€nden, das soll heißen: die Tendenz zum Sozialismus, die revolutionĂ€re Gesinnung ist ein integrierender Bestandteil des Proletariers. Die Proletarier haben nichts zu verlieren; sie haben eine Welt zu gewinnen!

Wie schön, wie wirklich dichterisch ist dieses Wort (das weder von Marx noch von Engels stammt) und wieviel Wahres – sollte darin sein.

Und doch ist wahrer als die Behauptung, daß der Proletarier der geborene RevolutionĂ€r sei, jene andere, die hier gesagt wird: daß der Proletarier der geborene Philister ist. Der Marxist spricht so ĂŒberaus verĂ€chtlich vom KleinbĂŒrger; aber alles, was man von CharakterzĂŒgen und Lebensgewohnheiten kleinbĂŒrgerlich nennen kann, gehört zu den Eigenschaften des Durchschnittsproletariers, wie man denn sogar in GefĂ€ngnissen und ZuchthĂ€usern leider die meisten Zellen von Philistern besetzt findet. Mit diesem leider, das mir hier entschlĂŒpft ist, bedaure ich natĂŒrlich keineswegs, daß die Nichtphilister in Freiheit sind; aber es ist doch wohl betrĂŒblich, daß armen Tröpfen, Opfern der VerhĂ€ltnisse, die die gesetzlich festgestellte Konvention so brechen mußten, wie alles, was in der Welt geschieht, geschehen muß, diese Notwendigkeit nicht wenigstens dadurch auferlegt ist, daß diese Konvention in ihrem Innern nicht lebte, sondern durch Frevelgesinnung ersetzt wĂ€re. Die Konvention, die sie in die Lage kamen zu brechen, lebt aber vielmehr in ihrem GemĂŒt, ihren Meinungen, in der Art, wie sie ĂŒber ihre Leidensgenossen und manchmal sogar ĂŒber sich selbst den Stab brechen, fast immer genau so fest, wie in den meisten ĂŒbrigen Menschen.

Wovon wir hier sprechen, die Philisterhaftigkeit des Proletariers, ist ĂŒbrigens einer der GrĂŒnde, warum der Marxismus, dieser ins System gebrachte Philistersinn, beim Proletariat so viel Anklang gefunden hat. Es gehört nur eine ganz oberflĂ€chliche Überpinselung der Zunge mit Bildung dazu, die jetzt am schnellsten und billigsten in den Polikliniken, die man Parteischulen nennt, vorgenommen wird, um aus einem Durchschnittsproletarier ohne jede AusnahmequalitĂ€ten einen brauchbaren ParteifĂŒhrer zu machen.

Diese und die andern ParteifĂŒhrer also halten es ganz natĂŒrlicherweise mit der marxistischen Doktrin, wonach das Proletariat von gesellschaftlicher Notwendigkeit wegen revolutioniert werde, wenigstens das kleine bißchen, das noch notwendig ist, um den Kapitalismus, der ja aus immer weniger Personen besteht und in sich selbst immer morscher wird, zu ĂŒberwinden. Denn zu dem schon AngefĂŒhrten kommt noch etwas dazu, um den Kapitalismus zum Zusammenbruch zu zwingen, noch etwas ist ihm immanent: die Krisen. Wie das Programm der deutschen Sozialdemokratie so schön und so echt marxistisch sagt (sonst freilich ist da schon das und jenes Unechte hineingekommen, was die Macher dieses Programms an ihren Gegnern heutzutage revisionistisch nennen): Die ProduktivkrĂ€fte wachsen der heutigen Gesellschaft ĂŒber den Kopf. Darin steckt die echt marxistische Lehre, daß in der heutigen Gesellschaft die Produktionsformen schon mehr und mehr sozialistische geworden sind, und daß diesen Formen nur auch die richtige Eigentumsform: das Staatseigentum nĂ€mlich, fehlt; sie nennen es zwar das gesellschaftliche Eigentum; aber wenn sie das Fabriksystem des Kapitalismus eine gesellschaftliche Produktion nennen (nicht nur Marx im „Kapital“ tut das, auch die heutigen Sozialdemokraten in ihrem heute geltenden Programm nennen die Arbeit in den Formen des heutigen Kapitalismus gesellschaftliche Arbeit), wissen wir, was es mit ihrem gesellschaftlichen Eigentum auf sich hat; wie sie die Produktionsformen der Dampftechnik im Kapitalismus fĂŒr sozialistische Arbeitsformen halten, so halten sie den Zentralstaat fĂŒr die sozialistische Organisation der Gesellschaft und das bĂŒrokratisch verwaltete Staatseigentum fĂŒr Gemeinschaftseigentum!

Diese Leute haben ja doch keinen Instinkt fĂŒr das, was Gesellschaft heißt. Sie ahnen nicht im entferntesten, daß Gesellschaft nur eine Gesellschaft von Gesellschaften, nur ein Bund, nur Freiheit sein kann. Sie wissen darum nicht, daß Sozialismus Anarchie ist und Föderation. Sie glauben, Sozialismus sei Staat, wĂ€hrend die Kulturdurstigen den Sozialismus schaffen wollen, weil sie aus der Zerfallenheit und dem Elend, dem Kapitalismus und der dazu gehörigen Armut, aus der Geistlosigkeit und der Gewalt, die nur die Kehrseite des wirtschaftlichenIndividualismus ist, also eben aus dem Staat heraus wollen zur Gesellschaft der Gesellschaften und der Freiwilligkeit.

Weil also, sagen diese Marxisten, der Sozialismus noch sozusagen im Privatbesitz der Unternehmer ist, die wild drauflos produzieren, da sie ja im Besitz schon der sozialistischen ProduktivkrĂ€fte sind (lies: der Dampfkraft, der vervollkommneten Werkzeugmaschinen und der in ĂŒberflĂŒssiger Zahl sich anbietenden Proletariermassen), weil es also so ist, wie ein Hexenbesen in der Hand des Zauberlehrlings, muß es zur Überschwemmung mit Waren, zur Überproduktion, zum Durcheinander, kurz: zu den Krisen kommen, die, wie sie auch im einzelnen erklĂ€rt werden, doch jedenfalls nach der Meinung der Marxisten daher kommen, daß zu der gesellschaftlichen Produktionsweise, wie sie ihrer ruchlos dummen Ansicht nach schon da ist, die Regulative der statistisch kontrollierenden und dirigierenden Weltstaatsbehörde notwendig ist. Solange die fehlt, ist der „Sozialismus“ nicht vollkommen, muß alles drunter und drĂŒber gehen. Die Organisationsformen des Kapitalismus sind gut; aber es fehlt die Ordnung, das Regiment, die straffe Zentralisation. Kapitalismus und Staat mĂŒssen zusammenkommen, dann ist – nun, wir wĂŒrden sagen, dann ist der Staatskapitalismus da; jene Marxisten meinen: dann sei der Sozialismus da. Wie sie aber in diesem ihrem Sozialismus alle Formen des Kapitalismus und der Reglementierung wiederfinden, und wie sie die Tendenz zur Uniformierung und Nivellierung, die heute da ist, zur letzten Vollkommenheit fortschreiten lassen, so ist auch der Proletarier in ihren Sozialismus mit hinĂŒbergegangen: aus dem Proletarier des kapitalistischen Betriebs ist der Staatsproletarier geworden, und die Proletarisierung ist, wenn dieser ihr Sozialismus anfĂ€ngt, wirklich, wie vorausgesagt: ins Riesenhafte gediehen: alle Menschen ohne Ausnahme sind kleine Wirtschaftsbeamte des Staates.

Kapitalismus und Staat mĂŒssen zusammenkommen – das ist in Wahrheit das Ideal des Marxismus; und wenn sie schon vom Ideal nichts hören wollen, so sagen wir: das ist die Entwicklungstendenz, die sie entdeckt haben, die sie unterstĂŒtzen wollen. Sie sehen nicht, daß die ungeheure Gewalt und BĂŒrokratenödigkeit des Staates nur nötig ist, weil unserm Mitleben der Geist verlorengegangen ist, weil die Gerechtigkeit und die Liebe, die wirtschaftlichen BĂŒnde und die sprossende Mannigfaltigkeit kleiner gesellschaftlicher Organismen verschwunden sind. Von all dem tiefen Verfall dieser unserer Zeiten sehen sie nichts; sie halluzinieren Fortschritt: die Technik schreitet fort; die tut es natĂŒrlich in der Tat; tut es in manchen Zeiten der Kultur, nicht immer, es gibt auch Kulturen ohne technischen Fortschritt, und tut es insbesondere in Zeiten des Verfalls, der Individualisierung des Geistes und der Atomisierung der Massen; und darum eben sagen wir: der wirkliche Fortschritt der Technik zusammen mit der wirklichen Niedertracht der Zeit ist – um fĂŒr Marxisten einmal marxistisch zu sprechen – die tatsĂ€chliche, materiale Grundlage fĂŒr den ideologischen Überbau, nĂ€mlich fĂŒr die Utopie des Entwicklungssozialismus der Marxisten. Weil aber nicht nur die fortschreitende Technik in ihrem Geistchen sich abspiegelt, sondern ebenso auch die ĂŒbrigen Tendenzen der Zeit, darum ist ihnen auch der Kapitalismus Fortschritt, ist ihnen auch der Zentralstaat Fortschritt. Es ist gar nicht bloße Ironie, daß wir hier die Sprache ihrer sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung auf die Marxisten selbst anwenden. Sie haben ja doch diese Geschichtsbetrachtung irgendwoher genommen, und wir sind jetzt, wo wir sie kennen gelernt haben, imstande, noch deutlicher als zuvor zu sagen, wo sie sie gefunden haben: nĂ€mlich ganz und gar in sich selbst. Jawohl, was die Marxisten von dem VerhĂ€ltnis der geistigen Gebilde und des Denkens zu den ZeitumstĂ€nden sagen, gilt in der Tat fĂŒr alle Zeitgenossen, worunter hier die zu verstehen sind, die nur das Kind und der Ausdruck ihrer Zeit sind, die nichts Schöpferisches, nichts Entgegenstemmendes, nichts Ureigenes und geisthaft Persönliches in sich haben.

Wir sind wieder beim Philister, wir sind beim Marxisten, und fĂŒr ihn trifft völlig zu, daß seine Ideologie nur der Überbau der Niedertracht unsrer Zeit ist. In den Zeiten des Verfalls herrscht in der Tat der Ungeist, der der Ausdruck der Zeit ist. Und so herrschen heute noch die Marxisten. Und sie können nicht wissen, daß die Zeiten der Kultur und der ErfĂŒllbarkeit sich nicht aus den Zeiten des Niedergangs – den sie Fortschritt nennen – entwickeln, sondern daß sie aus dem Geiste derer kommen, die ihrer Konstitution nach nie ihrer Zeit angehört haben. Sie können nicht wissen und nicht fassen, daß das, was Geschichte zu nennen ist, in den hohen Zeiten des Umschwungs nicht von den Philistern und Zeitgenossen und also nicht, was dasselbe heißt, von den gesellschaftlichen Prozessen besorgt wird, sondern von den Einsamen, Abgesonderten, die eben darum Abgesonderte sind, weil in ihnen Volk und Gemeinschaft wie zu Hause, wie zu ihnen und mit ihnen geflĂŒchtet sind.

Kein Zweifel, die Marxisten glauben, wenn die Vorderseite und die Kehrseite unsrer Erniedrigung, die ProduktionszustĂ€nde des Kapitalismus und der Staat auf einer und derselben Seite stĂ€nden und sich ineinander verwuchert hĂ€tten, dann wĂ€re ihre Fortschrittsentwicklung am Ziel und es wĂ€re damit die Gerechtigkeit und Gleichheit hergestellt; ist ja doch ihr umfassender Wirtschaftsstaat, gleichviel, ob er zunĂ€chst Erbe der bisherigen Staaten oder ob er ihr Weltstaat ist, ein republikanisch-demokratisches Gebilde, und glauben sie ja doch wirklich, die Anordnungen eines solchen Staates sorgten fĂŒr das Heil all der kleinen Leute, die ja selbst den Staat ausmachten. Nur daß man uns gestatten muß, ĂŒber diese armseligste aller Philisterphantasien in unauslöschliches GelĂ€chter auszubrechen. So ganz und gar das Ebenbild der SpießbĂŒrgerutopie kann in der Tat nur ein Produkt werden, das aus der ungestörten Retortenentwicklung des Kapitalismus hervorgegangen ist. Wir halten uns auch bei diesem vollendeten Ideal der Niedergangsperiode und der persönlichkeitsleeren Unkultur, bei diesem Homunkulusstaat nicht weiter auf; wir werden ja sehen, daß die wahre Kultur nichts Leeres, sondern ErfĂŒlltes ist; daß die wahre Gesellschaft eine Mannigfaltigkeit wirklicher, aus den verbindenden Eigenschaften der Individuen, aus dem Geiste erwachsener kleiner Zusammengehörigkeiten, ein Bau aus Gemeinden und eine Einung ist. Dieser „Sozialismus“ der Marxisten ist ein Riesenkropf, der sich entwickeln soll; fĂŒrchten wir nichts, wir sehen jetzt bald, der wird sich nicht entwickeln.

Unser Sozialismus aber soll in den Herzen erwachsen; will die Herzen der Zusammengehörigen zusammen und in den Geist hinauf wachsen lassen. Die Alternative ist nicht: Homunkulussozialismus oder Sozialismus des Geistes; denn wir sehen bald: wenn die Massen dem Marxismus oder auch den Revisionisten folgen, dann bleibt es beim Kapitalismus, der ganz und gar keine Tendenz hat, weder in den „Sozialismus“ der Marxisten umzuschlagen, noch in den manchmal nur noch mit schĂŒchterner Stimme auch so genannten Sozialismus der Revisionisten sich zu entwickeln. Der Niedergang, in unserm Fall der Kapitalismus, hat in unsern Zeiten genauso viel LebenskrĂ€fte, wie in andern Zeiten die Kultur und der Aufschwung. Niedergang heißt durchaus nicht HinfĂ€lligkeit und Neigung zum Hinschlagen oder Umschlagen. Der Niedergang, die Epoche der Gesunkenheit, der Volklosigkeit, der Geistlosigkeit kann Jahrhunderte und Jahrtausende wĂ€hren. Der Niedergang, in unserem Fall der Kapitalismus, hat in unsern Zeiten genauso viel LebenskrĂ€fte, wie sie in unsrer Zeit die Kultur und der Aufschwung nicht hat. Hat genauso viel Kraft und Energie, wie wir’s an Kraft und Energie fĂŒr den Sozialismus fehlen lassen. Nicht: eine Form des Sozialismus oder die andere heißt die Wahl, vor der wir stehen, sondern einfach: Kapitalismus oder Sozialismus; Staat oder Gesellschaft; Ungeist oder Geist. Die Lehre des Marxismus fĂŒhrt aus dem Kapitalismus nicht heraus. Und auch die Lehre des Marxismus ist falsch, daß der Kapitalismus imstande wĂ€re, weiland MĂŒnchhausen zu ĂŒbertrumpfen, der sich nur am eignen Zopf aus fremdem Sumpfe ziehen konnte, wĂ€hrend sich nach dieser Prophezeiung der Kapitalismus an Hand der eignen Entwicklung aus dem eignen Sumpfe herauswickeln soll.

Das haben wir im weiteren noch nĂ€her zu zeigen, daß diese Lehre falsch ist. Daß dem Kapitalismus nicht die Tendenz immanent ist, sich zu irgendeinem Sozialismus zu entwickeln – nennen wir doch, um nur von dem Mißgebilde loszukommen, auch das, was die Marxisten mit einem hĂ€ĂŸlichen Wort fĂŒr eine hĂ€ĂŸliche Sache ihr Endziel heißen, einmal Sozialismus. Weder zu diesem noch zu irgendeinem Sozialismus entwickelt sich der Kapitalismus. Um das zu zeigen, mĂŒssen wir Fragen beantworten.

Fragen wir also: ist es denn wahr, daß die Gesellschaft so aussieht, wie sie den Marxisten hinstellen? daß es mit ihr so weitergeht? weitergehen muß? oder auch nur wahrscheinlich so geht? Ist es denn wahr, daß die Kapitalisten sich gegenseitig auffressen, wie die dreißig Enten im Entenstall, wo man erst neunundzwanzig Enten eine zerkleinerte Ente zu fressen gab, und am nĂ€chsten Tag fraßen achtundzwanzig Enten wieder eine Kameradin, und so sollte es nach diesem seltsamen Bericht, der wie eine echte Entwicklungslehre so durchaus glaublich beginnt und, obwohl es scheinbar immer in gleicher Weise und immer hĂŒbsch allmĂ€hlich weitergeht, doch so ins Unglaubliche und Wunderbare fĂŒhrt, immer fortgesetzt werden, bis endlich eine einzige wohlgemĂ€stete Riesenente die dreißig Enten in sich akkumuliert und konzentriert hatte? Ist es denn wahr? oder sollte es nur eine – Ente sein? Ist es denn wahr, daß die Mittelschichten verschwinden, daß die Proletarisierung ohne Ausnahme mit Geschwindigkeit zunimmt und daß da ein Ende abzusehen ist? Daß die Arbeitslosigkeit immer schlimmer und schlimmer wird und daß dadurch die Entwicklung eine Unmöglichkeit des Weiterbestehens solcher ZustĂ€nde kommt? und eine geistige Einwirkung auf die Enterbten, so daß sie mit Naturnotwendigkeit aufstehen, sich erheben, revolutionieren mĂŒssen? Ist es denn schließlich wahr, daß die Krisen immer umfangreicher und verheerender werden? daß die ProduktivkrĂ€fte dem Kapitalismus ĂŒber den Kopf wachsen mĂŒssen und also ĂŒber ihn hinaus, zu sogenanntem Sozialismus wachsen mĂŒssen?

Ist das alles denn wahr? Wie steht es denn in Wahrheit mit diesem ganzen Komplex von Beobachtungen, Warnungen, Drohungen und Prophezeiungen?

Das sind die Fragen, die wir jetzt stellen mĂŒssen, die wir schon immer gestellt haben, wir Anarchisten nĂ€mlich, von Anfang an, solange es einen Marxismus gibt, denn schon lĂ€nger als es Marxismus gibt, hat es wirklichen Sozialismus gegeben, hat es vor allem den Sozialismus des grĂ¶ĂŸten Sozialisten, des Pierre Joseph Proudhon, gegeben, der dann vom Marxismus ĂŒberwuchert worden ist; wir aber bringen ihn wieder ans Licht. Das sind unsre Fragen; und es sind auch die Fragen, die von der ganz andern Seite her – wir sehen noch, von woher – die Revisionisten stellen.

Erst wenn wir sie nun, die wir bei unsrer Beschreibung des Marxismus wohl schon hie und da gestreift haben, beantwortet haben, wenn wir das wirkliche Bild unsrer ZustĂ€nde und den Gang, den der Kapitalismus bisher, vor allem seit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests und des „Kapital“ genommen hat, der zeitideologischen Simplifikation und dialektischen Karikatur des Marxismus entgegengestellt haben, können wir weitergehen, können wir sagen, was unser Sozialismus und unser Weg zum Sozialismus ist. Denn Sozialismus – das sei gleich hier gesagt, die Marxisten sollen es hören, solange der Nebelschwaden ihres eigenen Fortschrittsphilisterdunstes noch in der Luft ist – hĂ€ngt seiner Möglichkeit nach gar nicht von irgendeiner Form der Technik und der BedĂŒrfnisbefriedigung ab. Sozialismus ist zu allen Zeiten möglich, wenn eine genĂŒgende Zahl Menschen ihn will. Nur wird er je nach dem Stand der Technik und je nach der verfĂŒgbaren Technik, das heißt nach der Zahl Menschen, die ihn beginnen und immerhin auch nach den Mitteln, die sie mitbringen oder sich vom Erbe der Vergangenheit nehmen können – nichts fĂ€ngt mit nichts an – immer anders aussehen, anders beginnen, anders weitergehen. Darum ist vorhin gesagt worden: es wird hier keine Schilderung eines Ideals, keine Beschreibung einer Utopie gegeben.

Erst mĂŒssen wir noch deutlicher sehen, wie unsre ZustĂ€nde und geistigen Verfassungen sind; dann erst können wir sagen, zu was fĂŒr einem Sozialismus wir aufrufen, an was fĂŒr Menschen wir uns wenden. Der Sozialismus, ihr Marxisten, ist zu allen Zeiten und bei jeder Technik möglich; und ist zu allen Zeiten und bei jeder Technik unmöglich. Er ist zu allen Zeiten, auch bei recht primitiver Technik den rechten Menschen möglich; und er ist zu allen Zeiten, auch bei prachtvoll entwickelter Maschinentechnik, den unrechten Menschen unmöglich. Wir wissen von keiner Entwicklung, die ihn bringen muß; wir wissen von keinerlei solchen Notwendigkeit eines Naturgesetzes. Jetzt also werden wir zeigen, daß diese unsre Zeiten, daß unser bis zum Marxismus erblĂŒhter Kapitalismus keineswegs so aussehen, wie uns gesagt wird. Der Kapitalismus muß nicht in den Sozialismus umschlagen, er muß nicht untergehen, der Sozialismus muß nicht kommen; auch nicht der Kapital-Staats-Proletariats- Sozialismus der Marxisten muß kommen, und das ist kein Schade. Aber gar kein Sozialismus muß kommen – das soll jetzt gezeigt werden.

Aber der Sozialismus kann kommen und soll kommen – wenn wir ihn wollen, wenn wir ihn schaffen – das soll auch gezeigt werden.

Die Aufstellungen der Marxisten lauten:

  1. Die kapitalistische Konzentration in der Industrie, im Handel, im Geld- und Kreditwesen sei eine Vorstufe, sei der Beginn des Sozialismus.
  2. Die Zahl der kapitalistischen Unternehmer – oder wenigstens der kapitalistischen Unternehmungen – nehme immer mehr ab; der Umfang der einzelnen Betriebe dehne sich aus; der Mittelstand schrumpfe ein und sei zum Untergang verurteilt; die Zahl der Proletarier wachse ins Ungemessene.
  3. Die Menge dieser Proletarisierten sei stets so groß, daß es immer Arbeitslose unter ihnen geben mĂŒsse; diese industrielle Reservearmee drĂŒcke auf die LebensverhĂ€ltnisse; es entstehe die Überproduktion dadurch, daß mehr produziert werde, als konsumiert werden könne. So seien die periodischen Krisen unausbleiblich.
  4. Das MißverhĂ€ltnis zwischen dem ungeheuren Reichtum in den HĂ€nden von wenigen und der Not und Unsicherheit bei den Massen werde schließlich so groß werden, es werde eine so furchtbare Krise eintreten und die Unzufriedenheit in den Arbeitermassen sich so steigern, daß es zur Katastrophe, zur Revolution kommen mĂŒsse, in deren Verlauf das kapitalistische Eigentum in gesellschaftliches Eigentum ĂŒbergefĂŒhrt werden könne und mĂŒsse.



Quelle: Paradox-a.de