Januar 15, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 38 Minuten

Die hier gespiegelte Artikelreihe aus der Londoner Zeitung „Autonomie“ von 1887 ist unter Pseudonym erschienen. Aufgrund des „populistischen“ Stils und dem Grundlagen-Charakter des Textes gehe ich jedoch davon aus, dass sie von Joseph Peuket verfasst wurde, welcher in dieser Zeitung maßgeblich aktiv war. Peukert, ein Deutscher, der in der anarchistischen Exilant*innen-Gemeinschaft in London gestrandet war, entwickelte sich zum AnhĂ€nger Kropotkins und versuchte dessen Konzeption zum kommunistischen Anarchismus zu verbreiten und herunter zu brechen. Peukerts Anarcho-Populismus kommt dabei nicht ohne einen ausgeprĂ€gten Klassenhass und eine teils schwĂ€rmerische Sehnsucht aus, welche beides ist: Ausdruck und Beleg seiner eigenen Haltung beziehungsweise der seiner GefĂ€hrt*innen, als auch stilistische Ausdrucksmittel, sprich, offensichtliche Agitation und Propaganda, welche nur deswegen nicht instrumentell ist, weil sie sich ganz klar dazu bekennt, solche zu sein und damit die Lesenden zum Selbstdenken, zur SelbstermĂ€chtigung und zur Selbstorganisation auffordert. Durch Antizipation beider Seiten, die der Schreibenden und jene der Lesenden, entsteht ein Eindruck des politisierten libertĂ€r-sozialistischen Milieus vor der Jahrhundertwende.

Formulierungen wie „wir Anarchisten
“ „haben die Pflicht“, „sind der Überzeugung“, „haben den Traum“, „stehen auf dem Standpunkt“, „treten allein gegen jede Herrschaft ein“ verdeutlichen, dass die anarchistische Bewegung in Abgrenzung zur Sozialdemokratie sich in dieser Zeit erst explizit als diese definierte. Auch zuvor gab es schon Anarchist*innen und andere „AntiautoritĂ€re“, doch die Herausbildung als eigene Strömung geschah erst zwischen den 1870er und 1880er Jahren. In diesem Zusammenhang ist also die erklĂ€rende und aufklĂ€rende Rhetorik Peukerts zu verstehen, welche sich „nach außen“, nicht weniger jedoch „nach innen“, also vor allem an die eigenen Leute richtet und sie somit zu einem gemeinsamen GrundverstĂ€ndnis anzuregen beabsichtigt.

Ein spezifisches GrundverstĂ€ndnis zu entwickeln, geschieht durch die Theoretisierung von Grundbegriffen, deren Inhalt stets verĂ€nderbar und umstritten ist. An dieser Stelle wird von Peukert die soziale Revolution als Konzept und Handlungsanleitung fĂŒr radikale und umfassende Gesellschaftstransformation in den Blick genommen und wie erwĂ€hnt stark in der Linie Kropotkins mit Inhalt gefĂŒllt.

Soziale Revolution ist hierbei kein genuin anarchistischer Begriff an sich. ZunĂ€chst bedeutet sie ganz grundlegend, dass Revolution nicht vorrangig die politische Herrschaft ĂŒbernimmt, sondern den Klassencharakter der Gesellschaft angreift und abbaut. Diese Überlegungen kamen unter anderem aufgrund der EnttĂ€uschungen ĂŒber die revolutionĂ€ren Versuche in den Jahren 1848/49 auf, welche letztendlich die bĂŒrgerliche Herrschaft zementierten. Im Nachdenken darĂŒber, stellten vor allem Anarchist*innen fest, dass Revolutionen keineswegs zum Abbau von Herrschaft, sondern geradezu zu ihrer Erneuerung, Ausdehnung und Vertiefung dienen konnten. Die große Französische Revolution wurde eben zu einer bĂŒrgerliche Revolution und brachte den republikanischen Nationalstaat, sowie die strukturelle Klassenherrschaft des BĂŒrgertums hervor. Wie Kropotkin an anderer Stelle nachzuweist, war dies jedoch nicht die logische Konsequenz – wie es etwa die bĂŒrgerliche Geschichtsschreibung darstellte -, sondern eine Frage von KrĂ€fteverhĂ€ltnissen und Auseinandersetzungen innerhalb des revolutionĂ€ren Lagers und mit dessen Gegner*innen.

Mit anderen Worten: Alle Revolutionen weisen verschiedene Dimensionen auf, finden auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen (kommunal, regional, ĂŒberregional) und in unterschiedlichen SphĂ€ren (Wirtschaft, Kultur, Soziales
) statt. Ihre VerkĂŒrzung auf politische Revolutionen ist Ergebnis eines erfolgreichen Machtkampfes einer bestimmten Fraktion, welche mittels politischer Herrschaft, also dem Staat, ihre eigenen revolutionĂ€ren AnsprĂŒche durchsetzen will. Dies wird mit dem sozialistischen Konzept der „Diktatur des Proletariats“ angestrebte, welche Anarchist*innen konsequent ablehnen. Diese sei wörtlich zu verstehen, in dem sie eine autoritĂ€re Gewaltherrschaft darstellt, mit welcher jedoch keine freiheitliche Gesellschaft erreicht werden kann, weil die Zwangs- und Gewaltmittel die emanzipatorischen Ziele untergraben. Zugleich wĂ€re sie jedoch ein Trugbild, denn tatsĂ€chlich wird die staatliche Herrschaft eben nie durch „das“ Proletariat als Klasse ausgeĂŒbt, sondern durch jene Avantgarde-Partei, welche beansprucht, es zu vertreten und anzufĂŒhren. Die „Diktatur des Proletariats“ ist also weder der geeignete Weg, noch stellt sie die erforderlichen Mittel bereit, um einen libertĂ€ren Sozialismus zu verwirklichen.

Dagegen bedeutet Soziale Revolution bedeutet in der anarchistischen Konzeption:

– den Abbau von Klassenherrschaft durch Aneignung und Vergesellschaftung der Produktionsmittel, damit also die Abschaffung des (kapitalistischen) Privateigentums, sowie der Erbschaft

– dem Abbau von HerrschaftsverhĂ€ltnissen in verschiedenen Dimensionen und ihre Ersetzung durch freiheitliche, solidarische und egalitĂ€re Beziehungen, d.h. a) die Ersetzung staatlicher Herrschaft durch politische Selbstorganisation (= autonom, föderativ, horizontal, dezentral), b) die Ersetzung der kapitalistischen Privatwirtschaft durch eine kollektive Selbstverwaltung von Produktion und Konsum (= genossenschaftlich und dezentral, aber koordiniert), c) die Überwindung des Patriarchats durch egalitĂ€re GeschlechterverhĂ€ltnisse, d) die Überwindung der weißen Vorherrschaft und der Nation hin zur Realisierung gleicher WĂŒrde aller Menschen und ihrer freiwilligen Verbindung ohne Zwangs-Kollektive, sowie e) die Einrichtung eines nicht-zerstörerischen, kon-vivalen gesellschaftlichen NaturverhĂ€ltnisses als Loslassen von der anthropozentrischen Herrschaft ĂŒber die „Natur“.

– die systematische Verhinderung der WiedereinfĂŒhrung neuer Herrschaftsstrukturen und -bestrebungen

– die ZurĂŒckdrĂ€ngung konterrevolutionĂ€rer Bestrebungen

– der VerbĂŒndung unterschiedlicher sozialer Gruppen zum gemeinsamen Ziel der gesamtgesellschaftlichen Umgestaltung

– die Verbindung von gesamtgesellschaftlicher, partieller und individueller Emanzipation als wechselseitig aufeinander angewiesenen Prozesse; somit auch das Ineinandergreifen der VerĂ€nderung von Menschen als Subjekten und „der“ Gesellschaft insgesamt

Die anarchistische Konzeption von sozialer Revolution ist ganz entscheidend konstruktiv und betont also den Neuaufbau von sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Institutionen. Sie wird im Wesentlichen immanent gedacht, also ausgehend von den gegebenen MachtverhĂ€ltnissen, Gruppen, Potenzialen, Subjekten usw.. Anstatt ein fiktives „Ganz-anderes“ als Idealbild einer „befreiten Gesellschaft“ in einer unbestimmten Ferne zu suchen, zielt die soziale Revolution auf unmittelbare VerĂ€nderungen von Produktions- und LebensverhĂ€ltnissen (etc.) und ist zugleich auf eine gesamtgesellschaftliche Transformation hin ausgerichtet. Soziale Revolution ist ein prozesshafter Vorgang und kein entscheidendes Ereignis, welches den Umschwung schafft. Mit der Konzeption von sozialer Revolution wird zudem Wert auf die Herstellung einer Übereinstimmung von Zielen und Mitteln gelegt. Ziele rechtfertigen nicht Mittel. Mittel dĂŒrfen kein Selbstzweck sein. Soziale Revolution geschieht nicht durch eine Avantgarde(partei), sondern durch große Teile der Bevölkerung. Die Rolle von ĂŒberzeugten und erfahrenen Anarchist*innen besteht darin, zu organisieren, Bewusstsein zu bilden, Impulse zu liefern, die Reaktion zurĂŒck zu halten und die UmwĂ€lzungsprozesse in eine sozial-revolutionĂ€re Richtung zu leiten


Es folgt die Artikelreihe von Joseph Peukert in welchem schon einige dieser Grundgedanken ausgefĂŒhrt und begrĂŒndet werden.

Die soziale Revolution (Joseph Peukert)

Die folgende Artikelreihe zur sozialen Revolution erschien in: Die Autonomie. Anarchistisch-communistisches Organ. 2. Jahrgang. London.

Und zwar in 9 Teilen: I: No. 19, 16. Juli 1887; II: No. 20, 30. Juli 1887; III: No. 21, 13. August 1887; IV: No. 22, 27. August 1887; V: No. 23, 10. September 1887; VI: No. 26, 22. October 1887; VII: No. 27, 5. November 1887; VIII: No. 29, 3. December 1887; IX: No. 31, 31. December 1887.

I.

Dass wir uns am Vorabend einer mĂ€chtigen, die Gesellschaft bis in ihr innerstes Mark erschĂŒtternden sozialen UmwĂ€lzung befinden, wird so allgemein und von allen Gesellschaftsklassen empfunden, dass wir wohl nicht nöthig haben, darĂŒber viele Worte zu verlieren. Aus Aller Munde ist der hoffnungsvolle Schmerzensruf zu vernehmen: ”So kann es nicht mehr lange fortgehen;” und in allen LĂ€ndern Ă€chzt und bangt das leidende Volk, wie nach langer DĂŒrre der Landmann bei einem nahenden Gewitter, nach der erfrischenden und vor der möglicherweise vernichtenden Wirkung der nahenden Revolution.

Die herrschende Klasse ist sich der Situation vollstĂ€ndig bewusst, sie fĂŒrchtet das Schlimmste und arbeitet mit allen KrĂ€ften die ihr drohende Gefahr abzuwenden oder doch wenigstens so weit als möglich in die Ferne zu schieben. Wie sie das thut, ob mit mehr oder weniger Geschick und Erfolg ist hier Nebensache, denn es kann nicht unsere Aufgabe sein, sie auf ihre Fehler aufmerksam zu machen, wodurch der Sache des Volkes doch nur geschadet wĂŒrde. Es genĂŒgt uns die Thatsache zu konstatiren, dass sich die herrschende Klasse zum Ă€ussersten Widerstande gegen die drohende Revolution der von ihr unterjochten Völker vorbereitet.

Die sogenannte Mittelklasse, d.i. jene Klasse Menschen, welche von den gesellschaftlichen GenĂŒssen noch nicht gĂ€nzlich ausgeschlossen, zu Parias gesunken sind, befindet sich in einem fatalen Dilemma zwischen Bangen und Hoffen, aus welchem sie sich nicht zu befreien vermag. Sie besitzt weder die moralische Kraft, noch befindet sie sich unter der zwingenden Macht der VerhĂ€ltnisse: ihr Interesse in den Interessen der Gesammtheit zu suchen; bis der Kampf der beiden extremen Elemente entschieden sein wird. Sie liebt die behĂ€bige Ruhe und wĂŒnscht auch die Sicherheit ihrer noch behĂ€bigen Existenz, die sie unter den derzeitigen VerhĂ€ltnissen nicht hat; aber sie scheut auch eine grĂŒndliche VerĂ€nderung dieser VerhĂ€ltnisse, aus Furcht, es könnte ”noch schlechter werden!” Sie fĂŒrchtet, sie möchte auch noch diese unsichere Existenz verlieren. Die Mittelklasse ist mithin ein zweifelhafter Faktor in dem grossen Problem der sozialen Umgestaltung. Ihr vorherrschender Charakterzug ist der Hang zu dem Bestehenden — Conservativismus.

Die revolutionĂ€re Macht und Thatkraft ruht also allein in der grossen Armee der Enterbten, von allen sozialen GenĂŒssen ausgeschlossenen Parias, den Proletariern, welche in der bestehenden Gesellschaft nichts zu verlieren als ihre Ketten, durch die Vernichtung derselben aber eine Welt zu gewinnen haben. In dieser Masse finden die Saatkörner neuer Ideen den fruchtbarsten Boden, weil sie die Hoffnung auf Erlösung erwecken. In ihnen ruht die Kraft des menschlichen Fortschrittes, weil das Proletariat kein Interesse an der Erhaltung des Bestehenden hat, sie hat und kann keine Furcht vor Neuerungen haben, weil ihre Existenz nicht noch schlechter werden kann als ihr die Perspective der bestehenden VerhĂ€ltnisse heute bietet.

In der That bestehen die Vertheidigungsmassregeln der herrschenden Klassen darin: die Furcht der Mittelklasse vor Neuerungen zu nĂ€hren, fĂŒr die Vertheidigung der bestehenden Einrichtungen zu begeistern, und die Fesseln, mit welchen sie das Proletariat in Knechtschaft hĂ€lt, zu verstĂ€rken

und zu befestigen. Allein die Wirkungen der bestehenden sozialen Ungerechtigkeiten sind mÀchtiger als alle diese Anstrengungen der herrschenden Klasse; sie vermögen wohl die drohende Katastrophe aufzuhalten, nicht aber abzuwenden.

Die soziale Revolution ist ein nothwendiges Produkt der bestehenden VerhÀltnisse selbst; dieselbe abwenden, bedingt diese VerhÀltnisse beseitigen, wozu sich die herrschenden Klassen, wie wir in unseren vorhergehenden Artikeln nachgewiesen, niemals gutwillig verstehen werden.

Die Thatsache, dass die Menschheit vor dem Ausbruche eines furchtbaren, gewaltigen Ringkampfes zwischen einer alten und neuen Welt steht, ist also ausser allem Zweifel. Hie, das aller Macht und Mittel beraubte, zum keuchenden Lastthiere degradirte Proletariat, dessen einzige Kraft in seiner erdrĂŒckenden Massenhaftigkeit und seiner SolidaritĂ€t des Elends und der Liebe zur Gerechtigkeit besteht; da die herrschende, im Ueberfluss erstickende, mit allen Machtmitteln ausgerĂŒstete Klasse, jeden Augenblick bereit, die Emanzipationsbestrebungen der Ersteren in einem Meere voll Blut zu ersticken. Hie, die Vertreter der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit; da die Vertreter der Tyrannei, Ausbeutung und NiedertrĂ€chtigkeit, sie werden sich als Todtfeinde messen und die Entscheidung kann nur in der vollstĂ€ndigen Niederwerfung oder Vernichtung des einen oder des andern KĂ€mpfers bestehen.

Die Revolution ist eine nothwendige, aus den bestehenden sozialen ZustĂ€nden entspringende Folge, die nicht von uns „gemacht“ wird. Alles was wir — die Pioniere der Revolution — thun können ist: die Anstrengungen der herrschenden Klassen, dieselbe aufzuhalten, zu paralisieren; und, was die

Hauptsache ist, dieselbe zu einer grĂŒndlichen, definitiven sozialen Revolution zu gestalten.

Kein Zweifel, die erdrĂŒckende Massenhaftigkeit des Proletariats hat, wenn von einer einheitlichen Idee beseelt, zum vorhinein den Sieg ĂŒber ihre Feinde, die herrschenden Klassen, in der Hand, zumal die Macht der herrschenden Klassen zum grössten Theile in den HĂ€nden der zum Söldnerdienst gezwungenen Proletarier selbst ruht. Wir wissen, dass sich Revolutionen weder auf Commando, noch nach vorher gezeichneten Schablonen vollziehen; aber wir wissen auch wie leicht sich das Volk in revolutionĂ€ren Perioden, von den momentanen Erfolgen geblendet, auf falsche Bahnen drĂ€ngen, und von geriebenen BetrĂŒgern seine errungene Macht wieder aus den HĂ€nden winden lĂ€sst. Um dies zu verhindern, haben wir die Pflicht, das Volk zum vorhinein auf die Gefahren, sowie auf alle jene Massregeln aufmerksam zu machen, durch welche es sich eines effektiven Sieges versichern kann. Die Gefahr einer eventuellen Niederlage des Volkes liegt weniger in der Ungleichheit physischer Machtmittel, als in den moralisch geistigen; denn die herrschende Klasse rechnet besonders auf die in den Volksmassen noch herrschenden Vorurtheile, welche sie mit allen KrĂ€ften ausnĂŒtzt und noch mehr im kritischen Momente der Entscheidung, wenn die physische Gewalt bereits entschieden, auszunĂŒtzen hofft.

Die Geschichte der Revolutionen hat uns bittere Lehren hinterlassen, welche zu beherzigen die Pflicht jedes aufrichtigen Menschenfreundes ist. Die Völker waren bisher bei allen Revolutionen, ob Sieger oder Besiegte, die Betrogenen. Sie hatten fĂŒr die Freiheit gekĂ€mpft und geblutet und hatten schliesslich nur ihre Sklavenketten gewechselt. Das zu verhĂŒten, ist die vornehmlichste Pflicht der Anarchisten, und wir werden in den nĂ€chsten Nummern klar zu legen suchen, dass dies nur auf der Basis der anarchistisch-communistischen Prinzipien möglich ist.

II.

Wir bemerkten in unserem vorigen Artikel, dass das Proletariat in seiner Massenhaftigkeit den Sieg ĂŒber seine Feinde in der Hand hat, wenn — von einer einheitlichen Idee beseelt. Wir haben da selbstverstĂ€ndlich nicht die utopische Meinung, als könne die ganze Masse der Proletarier fĂŒr ein zum voraus ausgeklĂŒgeltes Gesellschaftssystem gewonnen und begeistert werden; oder mit anderen Worten, unter einen einzigen Parteihut gebracht werden. Nein, weit entfernt davon! Was wir unter ”einer einheitlichen Idee” in diesem Falle verstehen, sind die zunĂ€chstliegendsten, absolut nothwendigsten Massregeln, welche die um Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit kĂ€mpfende Arbeiterschaft schon wĂ€hrend des revolutionĂ€ren Kampfes zu ergreifen hat.

Die Idee der Verwandlung des Privateigenthums in Gemeineigentum, sowie der sozialen Gleichberechtigung ist bereits heute schon der Zielpunkt der klassenbewussten Arbeitermassen aller LĂ€nder geworden, aber es handelt sich hier um diejenigen Massregeln, durch welche dieses Ziel erreicht werden soll. Und da trennen sich leider die Meinungen bis zu den extremsten GegensĂ€tzen. WĂ€hrend z.B. die Sozialdemokraten behaupten: die Arbeiterschaft habe sich zunĂ€chst der politischen Macht der bestehenden Staatsorganisationen zu bemĂ€chtigen und durch dieselbe die wirtschaftliche Umgestaltung vorzunehmen, stehen wir Anarchisten auf dem Standpunkte: die Arbeiterschaft habe zunĂ€chst die wirtschaftliche Umgestaltung, d.h. die Besitzergreifung der sozialen GĂŒter (wie Grund und Boden, Rohmaterial, Maschinen, Werkzeuge, Fabriken, HĂ€usern, fertigen Waaren etc. etc.) zu Gunsten der Gesammtheit vorzunehmen und die gesammte Staatsorganisation — mithin auch die damit verbundene politische Macht — zu zerstören.

Wie man sieht, stehen sich diese beiden Bestrebungen ĂŒber die zunĂ€chst zu ergreifenden Massregeln bei der kommenden Revolution diametral gegenĂŒber, und sie mĂŒssen notwendigerweise schon im Augenblicke des Sieges ĂŒber die heute herrschenden Klassen zu einem mörderischen Bruderkriege der revolutionĂ€ren Arbeiterschaft untereinander fĂŒhren, wenn diese Frage nicht bereits vorher unter der revolutionĂ€ren Arbeiterschaft genĂŒgend ventilirt ist, damit dieselbe darĂŒber eine einheitliche Idee gewinne.

Die Wichtigkeit dieser Frage ist in die Augen springend. Von ihrer Entscheidung hÀngt nach unserer Meinung der endliche Sieg, oder die abermalige Niederlage der Sache des Volkes bei der kommenden Revolution ab.

Wir Anarchisten sind von der tief innersten Ueberzeugung durchdrungen, dass das AutoritĂ€tsprinzip in der gesellschaftlichen Organisation der tödtlichste Stachel fĂŒr die Freiheit der Völker ist; und jede Staatsorganisation, einerlei welchen Namen dieselbe trage, hat das Prinzip der AutoritĂ€t zu ihrer Basis. Wir bekĂ€mpfen daher den Staat nicht in seiner Form, sondern in seinem Wesen, mithin stehen wir dem sozialdemokratischen Staate ebenso feindlich gegenĂŒber als wie dem Feudal- oder Bourgeoisstaate. Wir wissen, dass die Sache der Völkerfreiheit in dem Momente abermals verloren ist, in welchem sich irgend eine staatliche AutoritĂ€t der Revolution bemĂ€chtigt, um dieselbe nach den Köpfen einzelner Personen — und wĂ€ren es selbst die Besten aus der Mitte des Volkes gewĂ€hlt — zu lenken und zu leiten, weil die soziale Umgestaltung nur durch die Völker selbst und ihre eigene Initiative vollzogen werden kann. Wir wissen, dass die politische Macht eines Staates nicht in den HĂ€nden des gesammten Volkes ruhen kann, sondern immer und unter allen UmstĂ€nden in den HĂ€nden einzelner Personen. Und wir halten es fĂŒr einen Selbstmord, wenn ein Volk oder Völker ihr eigenes Geschick, ihre eigene Macht in die HĂ€nde einzelner Personen legen.

Der sozialdemokratische, resp. autoritĂ€r-sozialistische Standpunkt ĂŒber die zunĂ€chst zu ergreifenden Massregeln der Arbeiterschaft ist somit eine doppelte Gefahr fĂŒr die soziale Revolution.

1) Ist jede staatliche AutoritĂ€t ĂŒberhaupt unfĂ€hig die gesellschaftliche Umgestaltung aus eigener Initiative vorzunehmen, wenn dieselbe nicht von den Volksmassen vollzogen wird (und dann ist sie ĂŒberflĂŒssig); sie dient aber den herrschsĂŒchtigen Elementen der Gesellschaft, besonders aus den heute herrschenden Klassen, dazu, diese Macht zur abermaligen Knechtung des Volkes zu benĂŒtzen und ein neues Herrschaftssystem auf den TrĂŒmmern des alten zu errichten.

2) WĂŒrden die anarchistisch gesinnten Arbeiter sofort gegen die BegrĂŒnder einer neuen Staatsorganisation aus den soeben angefĂŒhrten GrĂŒnden Front machen und machen mĂŒssen, wollten sie nicht zu VerrĂ€tern an ihrer eigenen Ueberzeugung und an ihren Idealen werden. Dieselben hĂ€tten aber auch ebensowenig RĂŒcksicht und Schonung von den an der Macht befindlichen autoritĂ€ren Sozialisten zu erwarten, wie die Herbertisten, Maratisten etc. von den Jacobinern bei der grossen französischen Revolution. Kurz die unvermeidliche Folge wĂŒrde ein gegenseitiges Abschlachten des revolutionĂ€ren Volkes unter einander sein. Die beste Gelegenheit fĂŒr die Reaction, ihre Schreckensherrschaft aufs neue und grausamste zu begrĂŒnden.

Dagegen bietet der Standpunkt, welchen wir Anarchisten in dieser Frage einnehmen, absolut keine Gefahr einer Reaction, weil keine Macht der Erde dem Volke die von der herrschenden Raubgesellschaft expropriirten GĂŒter wieder zu entreissen vermag, um so weniger, wenn der Staat und die nothwendiger Weise damit verbundene politische Macht zertrĂŒmmert sind. Der soziale Verkehr bedarf keiner autoritĂ€ren Institution, der wird sich — wie wir spĂ€ter noch zu zeigen Gelegenheit haben werden — ganz von selbst nach BedĂŒrfniss und ZweckmĂ€ssigkeit durch die Interessenten vollziehen.

Die revolutionĂ€re Arbeiterschaft — welcher Schule oder Partei dieselbe auch angehört — ist sich der Notwendigkeit der Besitzergreifung der sozialen GĂŒter zu Gunsten der Gesammtheit lĂ€ngst bewusst, die Idee der GĂŒtergemeinschaft bricht sich bereits in der grossen Masse Bahn; warum daher nicht das einfachste und sicherste Mittel ergreifen, um diese Idee zu verwirklichen? Warum eine AutoritĂ€t (Regierung) mit einer Sache betrauen, welche nur vom Volke selbst gut und sicher gemacht werden kann? Das fragen wir alle Jene, welche noch immer im Schlepptau des autoritĂ€ren Sozialismus gezogen werden.

III.

Die autoritĂ€ren Sozialisten behaupten, die politische Emanzipation mĂŒsse der ökonomischen vorangehen. FĂŒr diese Behauptung stĂŒtzen sie sich wie gewöhnlich auf ihre ”Wissenschaft,” nach welcher es als eine nothwendige Folge der geschichtlichen Entwickelung sei, dass sich die Arbeiterschaft ihre politische Freiheit durch die Besitzergreifung der politischen Macht erringe, um, wie schon ausgefĂŒhrt, sich auch ihre ökonomische Freiheit zu begrĂŒnden.

Diese Theorie wurde jedoch von den Anarchisten schon lĂ€ngst als falsch verworfen. Sie betrachten die ökonomische UnabhĂ€ngigkeit der Menschen als die Grundlage aller sozialen Freiheit und Gerechtigkeit, ohne welche jede Freiheit in der Gesellschaft undenkbar, ein Phantom bleibe, und zwar aus sehr leicht begreiflichen GrĂŒnden.

Die Geschichte beweist, dass die Völker im gleichen Grade an persönlicher Freiheit verloren, in welchem sie ökonomisch entrechtet, das heisst von dem Besitz und GenĂŒsse der sozialen GĂŒter beraubt wurden. Und gerade die Geschichte der Neuzeit beweist auf das Schlagendste, wie die politische Macht mit dem Eigenthum und EigenthĂŒmern unzertrennlich verbunden ist. Das selbe beweist aber auch die Geschichte des Alterthums und des Mittelalters. Zu allen Zeiten war die politische Macht in den HĂ€nden der besitzenden Klasse. Der Sklave durfte und konnte kein Eigenthum erwerben und war rechtlos: ebensowenig kann der Leibeigene oder Hörige als EigenthĂŒmer betrachtet werden und seine persönliche Freiheit — wenn von einer solchen ĂŒberhaupt die Rede sein kann — war von seiner ökonomischen Lage abhĂ€ngig. Und so bis zum modernen Lohnsklaven, dessen persönliche Freiheit genau so weit reicht als er ökonomisch unabhĂ€ngig ist. Die Form der Sklaverei hat sich allerdings verĂ€ndert, aber dem Wesen nach ist sie genau dasselbe geblieben wie im grauen Alterthum. Der moderne Lohnsklave darf heute ebensowenig persönliche Freiheit gemessen, wie sein antiker Klassenbruder.

Was damals durch die Lederpeitsche erreicht wurde, wird heute durch die Hungerpeitsche besorgt.

Kurz, die Geschichte hat kein einziges Beispiel aufzuweisen, wo die Besitzlosen, die Arbeiterklasse, mit dem Besitzenden sozial gleichberechtigt gewesen, oder auch nur jemals im Stande gewesen wĂ€ren, sich der politischen Macht zu bemĂ€chtigen. Im Gegentheil beweisen alle Revolutionen und AufstĂ€nde, dass das rebellirende Volk stets da am erfolgreichsten war, wo es vor allen Dingen auf die Besitzergreifung der in seinem Bereiche liegenden GĂŒter bedacht war. Dagegen niemals etwas an persönlicher Freiheit gewann, wo es nur die politische Macht zu erobern suchte.

Es wird sehr hĂ€ufig von autoritĂ€r-sozialistischer Seite behauptet, die Bourgeoisie habe sich durch die bei der grossen französischen Revolution errungene politische Macht ökonomisch frei gemacht, wĂ€hrend gerade das Gegentheil der Fall ist. Die noch in ihren Keimen befindliche Bourgeoisie, der damalige Handwerker und Handelsstand, war bereits vor der Revolution ökonomisch unabhĂ€ngig. Der Adel mit dem FĂŒrstenthum an der Spitze war ökonomisch bankerott, an den Handelsund Gewerbestand finanziell verschuldet und dadurch politisch machtlos, so machtlos, dass er der BĂŒrgerklasse einen Platz an der Herrschaft einrĂ€umen musste! Und das, was das Volk, die grosse Masse der Enterbten, durch die Revolution von 1789-93 gewann, blieb auf jenen Theil beschrĂ€nkt, was sie an ökonomischen GĂŒtern von Adel und Pfaffen expropriirten.

Was ist ”politische Freiheit?” — Ein vager, unbestimmter Begriff einer Summe von persönlichen Rechten innerhalb einer Gesellschaftsorganisation, auf der Basis des Herrschaftsprinzipes. Nur Herrscher bestimmen das Mass der persönlichen Freiheit des Volkes, d.h. sie beschrĂ€nken die persönliche Freiheit des Individuums, und den Spielraum innerhalb dieser Schranken nennt man ”politische Freiheit.”

Das revolutionĂ€re Volk von heute will sich aber seine persönliche Freiheit nicht mehr beschrĂ€nken lassen, es will nicht mehr beherrscht werden; es kĂ€mpft um volle und ganze Freiheit, und da kann von einer ”politischen” Freiheit keine Rede mehr sein. Sein nĂ€chstes Ziel ist die Sicherung seiner

ökonomischen UnabhÀngigkeit, durch welche seine persönliche Freiheit ganz von selbst zur Geltung kommen wird.

IV.

Eine andere wichtige Frage fĂŒr die Arbeiterschaft ist die: wie und auf welche Art und Weise die ökonomische UnabhĂ€ngigkeit des Individuums gesichert werden kann? Auch hier stehen sich die Meinungen nicht nur zwischen Sozialdemokraten und Anarchisten, sondern auch zwischen den anarchistischen Collectivisten und kommunistischen Anarchisten diametral gegenĂŒber. Man ist vielfach geneigt, diese Frage als eine nebensĂ€chliche zu betrachten, ĂŒber welche zu streiten der zukĂŒnftigen Gesellschaft ĂŒberlassen bleiben solle; wir betrachten dieselbe jedoch als eine der wichtigsten Prinzipienfragen, von deren Lösung der Sieg oder die Niederlage der sozialen Revolution mit abhĂ€ngig ist.

Nach den Collectivisten soll ”Jeder nach seinen Leistungen” gemessen, wĂ€hrend unsere Devise ”Jeder nach seinen BedĂŒrfnissen” lautet. Versetzen wir uns einen Augenblick in die Situation der sozialen Umgestaltung: die Arbeiterschaft ist sich der Nothwendigkeit der Besitzergreifung aller vorhandenen GĂŒter bewusst: Grund und Boden, Rohprodukte, Fabriken, Maschinen, Minen, Transportmittel, GebĂ€ude, Genussmittel etc. etc. sind als Gemeingut erklĂ€rt und sollen vom Volke benĂŒtzt werden. Die ĂŒberwiegende Mehrheit stĂ€nde auf dem Standpunkte, dass Jeder nur ”nach seinen Leistungen” zu gemessen berechtigt sei — was durch die schön klingende Phrase: ”Keine Rechte ohne Pflichten” motivirt und keine Pflichten ohne Rechte beschönigt wird.

Die nĂ€chste Folge mĂŒsste eine allgemeine WerthschĂ€tzung aller Genussmittel und — was noch wichtiger — eine WerthschĂ€tzung der Leistungen jedes einzelnen Individuums sein, damit die Summe seiner ”berechtigten” GenussansprĂŒche bemessen werden kann. Wer soll, fragen wir da, diese WerthschĂ€tzungen vornehmen? Das in Revolution befindliche Volk? Das hat in solchen Zeiten keine Zeit zu Dingen, welche unter stabilen VerhĂ€ltnissen langer und peinlicher statistischer Zusammenstellungen und Berechnungen bedarf. Eine speziell hierfĂŒr eingesetzte Delegation, deren Competenz von jedem Einzelnen bestritten werden kann? Diese kann ihre Entscheidungen nur dann zur DurchfĂŒhrung bringen, wenn sie mit allen autoritĂ€ren Machtmitteln ausgerĂŒstet die Unzufriedenen zu deren Annahme zwingen kann. Aber noch bevor eine solche Commission zu Resultaten kommt, hat das Volk seine BedĂŒrfnisse zu befriedigen. Sofort, in derselben Stunde der Besitzergreifung der sozialen GĂŒter, mĂŒssen diese BedĂŒrfnisse befriedigt werden. Oder sollen in der Zwischenzeit die sozialen GĂŒter einer Verwaltungscommission ĂŒbergeben werden, welche je nach Laune, oder nach ”gleichem” Mass und Gewicht, z. B Jedem 2 Hemden, 1 Rock, 1 Pfund Fleisch u.s.w. vertheilt? WĂ€re nicht in jeder dieser EventualitĂ€ten die Basis einer neuen Herrschaft gelegt, welche die persönliche Freiheit des Individuums mit FĂŒssen tritt? Und jeder Einzelne hĂ€tte das Recht, gegen eine solche EntschĂ€digung resp. Entlohnung nach seinen Leistungen zu rebelliren, indem er der Gesellschaft zuruft: ”Ihr habt kein Recht, meine GenĂŒsse nach meinen Leistungen zu beschrĂ€nken und mich so persönlich fĂŒr die SĂŒnden der Gesellschaft verantwortlich zu machen. Denn, wĂ€ren meine Eltern nicht durch das schmachvolle Sklavenjoch physisch und geistig verkrĂŒppelt worden, wĂ€re meine körperliche und geistige Entwickelung nicht schon im Mutterleibe verkrĂŒppelt, wĂŒrde auch ich leistungsfĂ€higer sein! Und was könnten die Herren Cellektivisten darauf antworten ? — Nichts!

Das ”Jeder nach seinen Leistungen” ist nichts als eine Modification des bestehenden Lohnsystemes, die Basis einer neuen Klassengesellschaft der von der Natur und den gesellschaftlichen ZustĂ€nden ohne ihr eigenes Dazuthun BegĂŒnstigten und VernachlĂ€ssigten. Ein Hohn gegenĂŒber den GrundsĂ€t-

zen sozialer Gerechtigkeit. Gleichzeitig wird damit das Prinzip der individuellen ökonomischen UnabhĂ€ngigkeit von seinen Nebenmenschen aufgehoben. Anstatt dem Individuum seine ökonomische Freiheit zu garantiren, mĂŒsste dieses System zur ökonomischen Knechtschaft fĂŒhren. Was uns jedoch in diesem Kapitel am meisten interessirt, ist: dass dieses Prinzip wĂ€hrend der Periode der sozialen Umgestaltung absolut undurchfĂŒhrbar, weil ungerecht, ist. Es ist theoretisch die denkbar komplizirteste Gesellschaftsorganisation immer neue Complizirungen und Verwickelungen schaffend, wĂ€hrend dasselbe praktisch ĂŒberhaupt undurchfĂŒhrbar ist, weil unvereinbar mit der individuellen Freiheit.

Die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens bewegen sich nicht vom Complizirten zum Einfachen zurĂŒck, sondern umgekehrt vom Einfachen zum Complizirten hinauf. Nach vollzogener Expropriation hat Niemand — weder MajoritĂ€ten noch MinoritĂ€ten — ein besonderes Recht ĂŒber die sozialen GĂŒter zu verfĂŒgen, dieses Recht steht Allen und Jedem ungetheilt und unbeschrĂ€nkt zu. Jeder geniesst davon nach BedĂŒrfniss und wo immer der Vorrath nicht hinreicht, die BedĂŒrfnisse zu befriedigen, wird dies den Betreffenden ein Sporn zur Beschaffung eines genĂŒgenden Quantums sein. In FĂ€llen, wo dies durch VerhĂ€ltnisse und UmstĂ€nde unmöglich ist, wie gerade in revolutionĂ€ren Perioden, da ist auch eine Vertheilung nach ”Leistungen” unmöglich und der Genuss wird auf Grund freier VerstĂ€ndigung rationirt, wie dies noch in allen solchen FĂ€llen in so edelsinniger Weise vom Volke geĂŒbt wurde, ohne auch nur den geringsten Widerspruch zu erwecken.

Die Volksmassen haben sich noch immer in Zeiten grösser BedrĂ€ngniss in der erhabensten SolidaritĂ€t und Opferwilligkeit gezeigt und wie es z.B. wĂ€hrend der Pariser Commune zu Gunsten der Kranken, Verwundeten und Schwachen auf den Genuss von Milch, Fleisch etc. verzichtete so wird es auch in Zukunft seine GenĂŒsse gern freiwillig beschrĂ€nken, wenn einzelne Produkte nicht hinreichend vorhanden, die BedĂŒrfnisse Aller zu befriedigen. Wo genĂŒgend Produkte vorhanden sind, ist jede GenussbeschrĂ€nkung des Einzelnen eine Vergewaltigung.

Der denkende Leser wird daraus bereits zu der Einsicht gekommen sein, dass die Frage des Genussrechtes einen integrirenden Theil der sozialen Revolution selbst bildet, von deren Entscheidung die Basis der zukĂŒnftigen Gesellschaftsform abhĂ€ngt.

Wir werden in unserem nĂ€chsten Artikel noch eingehender darauf zurĂŒckkommen und die verschiedenen EinwĂ€nde gegen den ”Genuss nach BedĂŒrfniss” widerlegen.

V.

Bevor wir auf die einzelnen Fragen ĂŒber das Genussrecht des Individuums eingehen, wird es nöthig sein, uns ĂŒber die Frage des persönlichen Verdienstes des Individuums klar zu werden. Die bestehende Gesellschaft befindet sich hierbei — wie in allen anderen sozialen Beziehungen der

Menschen untereinander — in einem Zustande entsetzlichster Anomalie. Sie umklammert das Individuum durch ihre autoritĂ€re Organisation geistig und moralisch mit eisernen Armen, so dass dasselbe in allem seinem Thun und Lassen beherrscht wird, und doch macht sie das Individuum fĂŒr sein Thun und Lassen verantwortlich! WĂ€hrend sie einer Klasse, einer verschwindenden Minderheit, alle Mittel und Gelegenheiten zur Entfaltung menschlicher FĂ€higkeiten zur VerfĂŒgung stellt und derselben ein Vorrecht auf die GenĂŒsse der gesellschaftlichen GĂŒter giebt, entlieht sie der andern Klasse, der grossen Mehrheit, alle Mittel und Gelegenheiten ihre Talente und FĂ€higkeiten zu entfalten, und entzieht ihr dafĂŒr das Anrecht auf den Genass der gesellschaftlichen GĂŒter. Was aber das Schlimmste dabei ist: das allgemeine Rechtsbewusstsein der Menschen hat dermassen unter diesen ZustĂ€nden gelitten, dass man es ganz in der Ordnung findet, wenn die sogenannten ”höheren” ThĂ€tigkeiten mit einem höheren Anrecht auf den Genuss der sozialen GĂŒter verbunden sind.

Man findet es z.B. selbst unter der Arbeiterklasse als etwas ganz SelbstverstĂ€ndliches, wenn der Arzt, der Professor oder der Jurist etc. (ganz abgesehen von den grossen Drohnen der Gesellschaft wie FĂŒrsten, Couponabschneider, Pfaffen u.s.w.), wenn diese ”geistigen” Arbeiter zehnmal mehr GenussansprĂŒche machen als der geschickteste Handwerker. Dem einzelnen Individuum wird also damit ein besonderes Verdienst, ein Vorrecht zuerkannt, was gar nicht sein persönliches Verdienst ist.

In der Regel wird dieses Vorrecht durch die verausgabte grössere LebensthĂ€tigkeit zur Vorbereitung und Ausbildung fĂŒr diese ”höheren” Berufszweige motivirt, und vergisst dabei, dass diese Ausbildung auf Kosten der gesellschaftlichen GĂŒter — geistiger und materieller — gemacht wurden. Je lĂ€nger die Ausbildung zu einem bestimmten Berufe dauert, je mehr Kosten und Wissen zu dieser Ausbildung erforderlich sind, desto grösser ist die Summe der gesellschaftlichen GĂŒter, welche das betreffende Individuum in sich aufgesaugt hat, und in Folge dessen ist auch die Summe der der Gesellschaft zu leistenden Dienste, welche der Betreffende zu leisten moralisch verpflichtet ist, eine um so grössere.

Nie und nimmer aber geben sie ihm ein Vorrecht gegenĂŒber seinen Nebenmenschen, dessen ArbeitsfrĂŒchte er wĂ€hrend der Zeit seiner Ausbildung genossen hat. Zudem soll die Wahl eines Berufes, eine Sache persönlicher, individueller Neigung und Anlagen sein. Heute ist sie eine Sache des Klassenvorrechtes, gehegt und gepflegt zur Erhaltung der Klassenherrschaft.

Bildet der Beruf des Arztes, des Professors etc. kein höheres persönliches Verdienst, als wie der Beruf des Feldarbeiters, des Bergarbeiters, Schusters etc., so ist auch jedes Vorrecht in den GenussansprĂŒchen eine Ungerechtigkeit. Selbst dem Genie oder aussergewöhnlich talentirten und leistungsfĂ€higen Individuum steht ein solches Vorrecht nicht zu, weil Genie und FĂ€higkeiten nicht persönliche Verdienste sind, sie sind eine Summe menschlicher, jahrtausender langer Kulturarbeit auf einzelne Individuen — ohne deren Dazuthun — ĂŒbertragen, und somit ein Theil allgemeiner gesellschaftlicher GĂŒter. Und wo Jeder nach seinen BedĂŒrfnissen geniessen kann, werden Genies und Talente nicht verkĂŒmmern.

***

Wenn wir uns die mannigfaltigen Berufszweige der menschlichen Gesellschaft betrachten, so finden wir, dass die Theorie von dem ”Genuss nach Leistungen” ĂŒberhaupt undurchfĂŒhrbar ist, ohne die GrundsĂ€tze der Gleichheit und Gerechtigkeit zu verletzen. Die durchschnittlich nothwendige Arbeitszeit, als Massstab der WerthschĂ€tzung von Produkten und Arbeitsleistungen, lĂ€sst sich auf die, der Gesellschaft nĂŒtzlichen und nothwendigen intellektuellen ThĂ€tigkeiten gar nicht anwenden. Wie kann z.B. die ThĂ€tigkeit der Aerzte, Apotheker, Botaniker, Chemiker, Lehrer, Techniker, Gelehrter und Schriftsteller, KĂŒnstler aller Branchen etc. etc. nach durchschnittlicher, nothwendiger Arbeitszeit bemessen werden, um deren GenĂŒsse nach ihren Leistungen festzustellen? In der Regel sucht man ĂŒber diese Frage mit der Phrase hinwegzugehen: ”das soll der zukĂŒnftigen Gesellschaft ĂŒberlassen bleiben zu entscheiden.” Allein diese Frage wird eine sofortige Entscheidung verlangen, sobald das bestehende Wirtschaftssystem gestĂŒrzt ist. Sollten diese Berufszweige gegenĂŒber anderen in dem Genussrechte begĂŒnstiget werden, wĂ€re der Grund zu einer neuen Klassenbildung, und damit zu einer neuen Klassenherrschaft gelegt. Die intellektuellen Berufszweige auf ein gleiches Niveau mit den manuellen zu stellen, steht mit dem Grundsatze: ”Jedem nach seinen Leistungen” im Widerspruch. Kurz, endlose Fehden und Kriege der verschiedenen Berufszweige untereinander wĂŒrde die Folge sein. Stoff und Gelegenheit fĂŒr die Contre-Revolution!

Das Hauptargument gegen das: ”Jedem nach seinen BedĂŒrfnissen” bildet die angeblich angeborne Arbeitsscheu der Menschen: ”Wenn Jeder nach seinen BedĂŒrfnissen geniessen kann, wird Niemand arbeiten und nur geniessen wollen, die Folge werde ein ZurĂŒcksinken in die Barbarei sein, in welcher der StĂ€rkere ĂŒber den SchwĂ€cheren Sieger bleibe.” Diese ”angeborene” Arbeitsscheu besteht jedoch nur in der Phantasie der betreffenden Opponenten. Denn wĂ€re dieselbe dem Menschen wirklich angeboren, so wĂ€re die Menschheit niemals aus der Barbarei herausgekommen. Vielmehr ist den Menschen die Arbeitslust angeboren, sie wĂŒrden sonst nicht, fast ausschliesslich fĂŒr eine kleine Anzahl Drohnen arbeiten, sich gutwillig die FrĂŒchte ihrer Arbeit wegnehmen und sich obendrein noch alle Schmach und Misshandlung dafĂŒr gefallen lassen.

Die heutige Arbeitsscheu hat ihre Ursachen zum Theil in der Schmach, welche auf der Arbeit lastet, und zum anderen Theil in den Ehren und PrĂ€mien, welche der durch die bestehenden Institutionen sanktionirte MĂŒssiggang erhĂ€lt. Man beseitige diese Ursachen, bringe die Arbeit zu Ehren und den

MĂŒssiggang zu Schmach, und es wird keine MĂŒssiggĂ€nger mehr geben! Die BedĂŒrfnisse der Menschen werden der Sporn zur ThĂ€tigkeit sein, um dieselben befriedigen zu können. Die BedĂŒrfnisse sind die Triebfedern menschlicher ThĂ€tigkeit, zur Harmonie, Kultur und Fortschritt. Das Recht auf Genuss nach BedĂŒrfniss ist die einfachste und einzig sofort praktisch durchfuhrbare Form des wirtschaftlichen Lebens an Stelle des Bestehenden, und gleichzeitig die sicherste Garantie der individuellen Freiheit und ökonomischen UnabhĂ€ngigkeit.

VI.

Wie das Gespenst der ”angebornen Faulheit,” so spukt auch das Gespenst nur in der, von Vorurtheilen kranken Phantasie unserer Opponenten: ”Die Menschen wĂŒrden alle bei freiem Genuss nach BedĂŒrfniss Champagner trinken, TrĂŒffeln essen, spielen, jagen, reisen etc. wollen, und die produktiven, zum Leben nothwendigen Arbeiten wĂŒrden vernachlĂ€ssigt werden. Man wĂŒrde sich um die seltenen, schwer zu beschaffenden GenĂŒsse streiten und die unangenehmen Arbeiten zu thun verweigern. Der Starke wird im Genuss wie in der Arbeitsleistung ĂŒber dem Schwachen im Vortheile sein, ergo — so wird gefolgert — ist die Folge Barbarei; oder man wird sich genöthigt sehen, irgend eine AutoritĂ€t — ein Etwas — einzusetzen, was alle diese Dinge regelt.”

Man blicke doch einmal hinein in’s volle Menschenleben und die beste Antwort findet sich da von selbst. Da ist ein Hochzeitsschmauss wohlhabender Bauern, duftende Braten, köstliche GetrĂ€nke und leckere Bissen aller Art stehen in HĂŒlle und FĂŒlle zum GenĂŒsse bereit; auch lustige Weisen, fröhliche Lust wĂŒrzet das Mahl. Und siehe! sobald sie nach Lust geschmaust, gezecht und gejauchzt, tritt Ueberdruss ein, und besser schmeckt wieder die kernige Kost, der labende Trunk aus sprudelndem Quell, und man geht erleichtert, dass das Fest vorĂŒber, der gewohnten BeschĂ€ftigung nach.

Man nehme Landarbeiter aus Meklenburg, Pommern, Baiern, Schwaben, Böhmen, Steiermark, Ungarn, der Normandie, Gascogne, aus Andalusien oder Posen, kurz aus welcher Provinz immer, oder Industriearbeiter aus irgend einer Stadt oder einem Industrie-Orte und setze sie in ein mit allem Luxus ausgestattetes Palais, mit lukullisch gefĂŒllter KĂŒche und Keller, und es werden sich von hundert neunundneunzig unbehaglich, ja unglĂŒcklich darin fĂŒhlen und mit Sehnsucht und Freude lieber nach ihrer traulichen Stube, nach einer bescheideneren, ihrer Gewohnheit entsprechenderen Umgebung zurĂŒckkehren. Wo Mangel, wĂŒnscht man Besserung, aber keine Extreme. Ja freilich — wird man uns sagen — aber der Mensch gewöhnt sich allmĂ€hlich auch an den Gegensatz des Gewohnten; allein damit haben wir es hier nicht zu thun. Es genĂŒgt, dass sich die Menschen mit der Befriedigung der gewohnte BedĂŒrfnisse nach der Vernichtung der bestehenden ”Ordnung” zufrieden geben. Bis sich ihre BedĂŒrfnisse soviel gesteigert haben, ist eine solche ungeheuere Revolution in allen sozialen Einrichtungen und besonders der ökonomischen, vor sich gegangen, dass jene Gespenster erst recht nicht mehr zu fĂŒrchten sind.

Wie viele tausend Menschen finden am Champagner keinen besondern Geschmack, haben einen förmlichen Ekel vor Austern und TrĂŒffeln und fĂŒhlen nur vorĂŒbergehend Freude am Reisen und Jagen. In der That reizt den Menschen das am meisten, was er nicht haben kann; sobald es ihm zum Genusse frei steht, ist er desselben bald ĂŒberdrĂŒssig oder er fĂŒhlt nur in der Abwechslung Befriedigung. Warum haben die Menschen so verschiedenen Geschmack ? Warum trĂ€gt nicht Jeder Kleider nach einer besonders schönen Façon, von besonders schönem Stoff, wenn es ihnen selbst heute die Mittel erlauben? Warum geht nicht Jeder in’s Theater, zu einem schönen Conzert, selbst wenn es ihnen Zeit und VerhĂ€ltnisse erlauben ? u.s.w. u.s.w. Die Antwort ist: weil nicht Jeder dasselbe liebt. Weil Geschmack und BedĂŒrfnisse der Menschen unendlich mannigfaltig und verschieden sind, und sich fortwĂ€hrend vermehren und verĂ€ndern. Und diese Mannigfaltigkeit der BedĂŒrfnisse kann nur im freien GenĂŒsse befriedigt werden.

Aber, gerade der Reiz, diese mannigfaltigen BedĂŒrfnisse zu befriedigen, ist die mĂ€chtigste Triebkraft der menschlichen ThĂ€tigkeit. Und da die hĂ€rtesten und oft schmutzigsten Arbeiten gerade zur Befriedigung der nothwendigsten BedĂŒrfnisse dienen, so gehört in der That eine sehr kranke Phantasie dazu, zu befĂŒrchten, diese Arbeiten wĂŒrden bei vollster individueller Freiheit nicht gemacht werden, oder der physisch StĂ€rkere wĂŒrde den SchwĂ€cheren dazu zwingen. Im Gegentheil, gerade durch den freien Genuss und die vollste individuelle Freiheit sind alle Jene, welche die sogenannten ”unangenehmen” Arbeiten verrichten, mit denen, welche die ”angenehmen” verrichten, sozial vollstĂ€ndig gleichgestellt, und da auch in den menschlichen ThĂ€tigkeiten die Neigungen ebenso verschieden, wie bei den GenĂŒssen sind, werden sich in HĂŒlle und FĂŒlle Leute finden, die an solchen Arbeiten Freude haben. Die thatsĂ€chlich empfundenen Unannehmlichkeiten werden ein mĂ€chtiger Sporn sein, dieselben durch technische Hilfsmittel auf Null zu reduziren.

So treibt in diesem grossen, complizirten Mechanismus des sozialen Lebens ein Rad das andere. Und — wir können dies nicht genug betonen — diese Harmonie des sozialen Lebens ist kein idealer Traum der Anarchisten, ist kein spezifischer Theil des Anarchismus als solcher, sondern ist aktuelle Wirklichkeit, Fleisch und Blut, ist das natĂŒrliche Bewegungsgesetz der menschlichen Entwickelung ĂŒberhaupt. Die bestehenden sozialen Einrichtungen als AutoritĂ€t, Herrschaft, Gesetze, Eigenthum etc. sind kĂŒnstlich geschaffene Schranken dieses natĂŒrlichen Bewegungsgesetzes, Hindernisse der menschlichen Entwickelung. Der Anarchismus hat damit nur soviel zu thun, dass er dieses natĂŒrliche Bewegungsgesetz erforscht, herstellt und — so traurig als es zu sagen ist — seine Existenz den Völkern zum Bewusstsein, bringt.

Wahrlich, es ist eine sehr bedauerliche Sache, dass wir uns noch ĂŒber diesen Punkt herum streiten mĂŒssen. Aber so lange den Menschen die elementarsten socialen Bewegungsgesetze ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch sind, so lange die Menschen das sociale Leben nur durch die Brille stupiden Aberglaubens und knechtischer Vorurtheile betrachten, wird Tyrannei und Knechtschaft triumphiren und wir mĂŒssen, wohl oder ĂŒbel, gegen diesen Aberglauben und diese Vorurtheile ankĂ€mpfen.

***

Wir glauben, dass das bisher AusgefĂŒhrte genĂŒgen dĂŒrfte, jedem denkenden Leser die Wichtigkeit der Trage ĂŒber das Genussrecht am Tage der Zerstörung der alten Gesellschaft vor Augen gefĂŒhrt zu haben. Und Jeder, der in der socialen Revolution nicht nur eine gewaltsame internationale Zerstörung der bestehenden Herrschaftsform, sondern eine grĂŒndliche und endgiltige Umgestaltung des alten Gesellschaftssystems erblickt, der wird mit uns darĂŒber einig sein, dass der freie Genuss nach BedĂŒrfniss den natĂŒrlichen socialen Bewegungsgesetzen nicht nur logisch, sondern auch praktisch entspricht. Gleichzeitig ist aber auch die Anwendung dieses Grundsatzes die einzige Garantie der ökonomischen UnabhĂ€ngigkeit des Individuums und somit eine der wichtigsten Massregeln zur Sicherung des Sieges der socialen Revolution.

VII.

Nebst der Sicherstellung der ökonomischen UnabhĂ€ngigkeit, nach der Zerstörung der alten ökonomischen Welt, durch eine rationelle Vergesellschaftlichung der sozialen ReichthĂŒmer nach dem Grundsatz des unbeschrĂ€nkten Benutz- und Genussrechts fĂŒr jedes Individuum, ist — soll die nĂ€chste Revolution eine soziale werden — eine andere eben so wichtige Massregel zu ergreifen: die Verhinderung jedweder Regierungsform. Diese Massregel ist eigentlich von der ersteren ganz unzertrennlich, weil die eine die andere bedingt, denn so lange es noch irgend eine Form der Herrschaft gibt, wird es kein freies Benutz- und Genussrecht der sozialen GĂŒter geben, und so lange das Individuum nicht ökonomisch vollstĂ€ndig unabhĂ€ngig ist, so lange gibt es auch keine soziale Freiheit.

Die Verhinderung jedweder Regierungsform, oder nennen wir es die Sicherung der sozialen UnabhĂ€ngigkeit, wird bei der bevorstehenden Revolution eben so schwierig sein als die der ökonomischen. WĂ€hrend die Vorurtheile ĂŒber das Privateigenthum dank der langjĂ€hrigen, ausdauernden und grĂŒndlichen Kritik aller sozialistischen Schulen in den Volksmassen gebrochen oder doch vollstĂ€ndig erschĂŒttert wurden und so die Idee der GĂŒtergemeinschaft als logisch nothwendige Folge den modernen revolutionĂ€ren Bewegungen ihre Signatur aufdrĂŒckt, wuchern die Vorurtheile ĂŒber die ”Nothwendigkeit irgend einer Regierungsform” in der ĂŒppigsten Weise in den Volksmassen, ja selbst bis in die fortgeschrittensten Kreise hinein, ruhig fort. Die individuelle Freiheit ist den meisten Sozialisten noch ein platonisches Ideal, wie der revolutionĂ€ren Bourgeoisie die bĂŒrgerliche Gleichheit, durch Gesetze und Codexe reglementirt und paragraphirt. Ja Viele gehen noch weiter, indem sie selbst das Princip der individuellen Freiheit bekĂ€mpfen, angeblich — weil dieselbe mit den Interessen de Gesammtheit unvereinbar sei! — Fragen wir diese Leute, wie sie die Beziehungen der Individuen durch Gesetze reglementiren und paragraphiren wollen, wer das thun soll, so sind sie sofort mit der Antwort bereit: ”Durch das allgemeine Rechtsbewusstsein des Volkes, durch das Volk, die Gesammtheit.” Wir lassen uns jedoch nicht mit schönen, aber hohlen Phrasen abspeisen und zeigen auf die unendliche Verschiedenheit im Rechtsbewusstsein der Individuen, wie jeder Stand, jedes Land, jede engere Gemeinschaft, ja jeder Einzelne je nach seiner Veranlagung, nach seiner Umgebung, kurz, je nach den EinflĂŒssen auf sein Seelenleben und verschiedenen Gesichtspunkten andere Begriffe ĂŒber das, was in den respective FĂ€llen Recht oder Unrecht sei, hat, und wir fragen, wie dieses so mannigfaltige, sich widersprechende Rechtbewusstsein der Gesammtheit von dieser selben Gesammtheit fĂŒr die Gesammtheit rechtlich giltig codifizirt und paragraphirt werden kann, so sind die guten Leute mit ihrem Latein zu Ende. Denn was man uns da antwortet, wird uns auch jeder Bourgeois antworten: ”Man kann nicht Jedem Recht thun 
” , ”die Minderheit muss sich der Mehrheit fĂŒgen 
” Und man gibt schliesslich auch zu, dass sich nicht alle sozialen Beziehungen der Individuen untereinander paragraphiren lassen; ”man wird nur die hauptsĂ€chlichsten Punkte, die einen mehr allgemeinen Charakter tragen und ĂŒber die bereits allgemein anerkannte Rechtsbegriffe herrschen, feststellen.”

Allein wir Anarchisten lassen uns damit nicht abfertigen, wir sind nun einmal solche ”exaltirte Querköpfe” und erwidern: dass eine gerechte Gesellschafts-Organisation allen ihren Mitgliedern gerecht werden muss oder doch jedem Einzelnen das Recht einrĂ€umen, nach seiner Ueberzeugung zu leben; dass die Herrschaft der Mehrheit UnterdrĂŒckung der Minderheit bedeutet, mithin ungerecht ist; wir zeigen durch unzĂ€hlige Beispiele, wie durch Unverstand, Vorurtheile, Intriguen, Sophistik und allerhand betrĂŒgerische EinflĂŒsse das Urtheil der Masse getrĂŒbt wird und so MajoritĂ€ten von interessirten Personen gewonnen werden, das Recht zum Unrecht und Unrecht zum Recht zu machen. Wo aber ĂŒber Punkte ”allgemein anerkannte Rechtsbegriffe” herrschen, ist jede Codifizirung und Paragraphirung vollstĂ€ndig ĂŒberflĂŒssig, weil da die Individuen ohnehin aus eigener Initiative nur so handeln, wie es ihren eigenen und den allgemein anerkannten Rechten entspricht.

Bis hierher haben wir jedoch immer noch die Voraussetzung gelten lassen, dass das Volk, die Gesammtheit — wie es immer heisst — die betreffenden Gesetze mache. Ist die Gesammtheit aber ĂŒberhaupt im Stande, die Gesetze machen zu können? Wir sagen Nein! und mit uns wahrscheinlich auch alle Sozialisten.

Wie wir schon oben gesagt, sind die Meinungen ĂŒber Recht und Unrecht je nach herkömmlichen Gewohnheiten, Sitten, intellectuellen FĂ€higkeiten und EinflĂŒssen unendlich verschieden. Nun sollen diese Menschen aber ĂŒber irgend einen Punkt entscheiden, was Recht oder Unrecht ist, um das Resultat zu einem allgemein gĂŒtigen Gesetz zu machen. Wenn diese Menschen nichts weiter thun wĂŒrden als diskutiren, so wĂŒrden sie in zehn Jahren noch nicht ĂŒber einen Punkt einig sein. — Selbst angenommen, es wĂ€re möglich, die Gesammtheit auf einmal und an einem Orte zu versammeln, was unmöglich ist — zudem haben die Menschen auch an tausenderlei andere Dinge zu denken und zu arbeiten. Die Sozialisten denken auch gar nicht daran, auf diese Weise Gesetze zu machen; sie sind von der Unmöglichkeit, dass die Gesammtheit Gesetze machen kann, ebenso ĂŒberzeugt wie wir; sie machen es einfach wie die Bourgeoisie und lassen die Gesammtheit ”ReprĂ€sentanten” wĂ€hlen, die die spezielle Aufgabe haben, darĂŒber zu entscheiden, was Recht oder Unrecht ist, und — vorausgesetzt, das Resultat der Wahlen ist wirklich der Ausdruck der Volksmeinung d.h. dass jeder GewĂ€hlte die Meinung der Mehrheit seiner WĂ€hler vertritt — also an und fĂŒr sich schon ein verkrĂŒppelter Willens- und Meinungsausdruck der Gesammtheit — so haben wir dasselbe Spiel im Kleinen, was die Berathungen der Gesammtheit im Grossen wĂ€ren: ein Babylon berechtigter, doch heterogenster Meinungen, endloser Discussionen, Parteibildungen und ParteikĂ€mpfe mit allen deren Lastern und schlimmen Folgen, bis die eine oder die andere sich mĂ€chtig genug fĂŒhlt, ihren Willen durchzusetzen und Institutionen zum Schutze und zur Anerkennung ihrer Gesetze zu schaffen. Die in ihren Rechten verletzte MinoritĂ€t will sich das nicht gefallen lassen, widersetzt sich, die stĂ€rkere greift zu Gewaltmitteln — selbstverstĂ€ndlich immer im Interesse der Gesammtheit — um die Widerspenstigen, die Krakehler, die „StĂ€nkerer” zur Raison zu bringen, sie unschĂ€dlich zu machen, und die Gesellschaft steht auf demselben Punkte

wo sie heute steht: Tyrannei und Knechtschaft. Die Revolution ist noch zu machen.

Das Alles jedoch, wie wir gezeigt, unter einer ganzen Menge der gĂŒnstigsten Voraussetzungen, die in Wirklichkeit sammt und sonders nicht vorhanden sind — am allerwenigsten am Tage nach dem Sturze der alten Gesellschaft.

Die gewĂ€hlten ”ReprĂ€sentanten” werden ebensowenig wie heute nur die Meinung und den Willen ihrer WĂ€hler zu vertreten suchen, sondern die Gelegenheit benĂŒtzen, um ihren Ehrgeiz, ihre Herrschsucht zu befriedigen; sie werden suchen, ihre Meinung und ihren Willen zu dem ihrer WĂ€hler zu machen. Sie werden, wie heute, ihren Einfluss, ihre Macht zu befestigen, zu verewigen suchen, und jene Partei wird die meisten AnhĂ€nger finden, welche das Prinzip der Conservativen am consequentesten und geschicktesten vertritt. Da kann dann von einer auch nur annĂ€hernd gerechten Bedienung des Volks absolut keine Rede mehr sein. Die wenigen rechtschaffenen Elemente, die es mit ihrer ”Volksvertretung” ehrlich meinen, sind ohnmĂ€chtig. Im gĂŒnstigsten Falle sind sie wohl im Stande, das Werk der Reaction in seinem Tempo zu erschweren, nicht aber zu verhindern.

Freilich da, wo die ReprÀsentanten ihre eigenen Sonderinteressen vertreten, da findet sich schnell Uebereinstimmung einer MajoritÀt, besonders so lange, als man sich noch nicht um den Besitz der Herrschaft, sondern nur noch um die Einrichtung oder Erhaltung der Herrschaft streitet, doch nicht, so lange es sich um die Frage dreht: Herrschaft oder Anarchie.

VIII.

Ist die Ohnmacht und SchĂ€dlichkeit eines ReprĂ€sentativ-Systems selbst unter normal gedachten friedlichen VerhĂ€ltnissen fĂŒr den denkenden Menschen offenbar schon Grund genug, demselben den RĂŒcken zu kehren, so muss ein solches System fĂŒr die soziale Revolution geradezu Selbstmord bedeuten. Es ist die Tödtung des Kindes (soziale UnabhĂ€ngigkeit) im Mutterleibe (Gesellschaft), noch ehe dasselbe geboren wurde.

Nachdem das Volk mit einem mĂ€chtigen Ruck seine Ketten gesprengt, das Joch der herrschenden Tyrannei abgeschĂŒttelt, den mĂ€chtigen Apparat der bestehenden Gewaltherrschaft zum Stillstand gebracht, dann beginnt erst das eigentliche Werk der sozialen Revolution. Dann gilt es, so rasch als

möglich den ganzen Schutt des alten Bauwerks hinwegzurĂ€umen und den Grund fĂŒr das neue GesellschaftsgebĂ€ude zu legen. Wer Anders vermag jedoch dieses Riesenwerk zu vollbringen, als die Volksmassen selbst? Begeht das Volk den alten Fehler und ĂŒbertrĂ€gt diese Arbeit irgend einer ReprĂ€sentativ- Körperschaft, so beugt es in demselben Augenblicke seinen Nacken unter das Joch einer neuen Herrschaft.

Man betrachte sich nur einmal die verschiedenartigen Differenzen, welche unter dem revolutionĂ€ren Theile der Volksmassen bestehen. Die alte Welt wird aber nicht von diesem Theile allein gestĂŒrzt, noch die neue aufgebaut werden. Sobald das Volk als Masse mit auf den Plan tritt, bringt dasselbe naturgemĂ€ss auch eine Masse anderer — neuer und alter — Ideen mit auf den Plan. WĂŒrde es jetzt schon den verschiedenen Richtungen des revolutionĂ€ren Theils unmöglich sein, sich ĂŒber eine allgemein giltige Gesellschaftsform selbst nur in den wesentlichsten Punkten zu einigen, wieviel weniger wĂŒrden sich die Vertreter der Volksmasse, der Gesammtheit, darĂŒber einigen können? Schon die Wahlen zu einer solchen Körperschaft mĂŒssen zu Spaltungen und Feindseligkeiten der revolutionĂ€ren StreitkrĂ€fte unter einander fĂŒhren, und das zu einer Zeit, wo mit dem Aufgebot aller gemeinsamen KrĂ€fte an dem grossen Werk der sozialen Umgestaltung gearbeitet werden soll.

Aber selbst angenommen, die Wahlen wĂŒrden sich ohne Feindseligkeiten vollziehen, es wĂŒrden alle Richtungen ihre verhĂ€ltnissmĂ€ssige Anzahl Vertreter wĂ€hlen; was kann die so gewĂ€hlte Körperschaft der Revolution nĂŒtzen?

Nehmen wir ferner an, diese Körperschaft einige sich wirklich ĂŒber einen wichtigen Punkt, z.B. die Expropriation alles Privateigenthums zu Gunsten der Gesammtheit mit beschrĂ€nktem oder auch unbeschrĂ€nktem Genussrecht der Individuen. Welchen Werth hat ein solcher Beschluss? Entspricht derselbe nicht den Ideen der Volksmasse, so wird sie denselben nicht ausfĂŒhren und Alles beim Alten lassen. Was ist da zu thun? Der Körperschaft eine executive Gewalt und die nöthigen Machtmittel geben, damit sie nötigenfalls ihre BeschlĂŒsse mit Gewalt durchsetzen kann? Aber die Volksmasse ist gegen den Beschluss, folglich muss die Executivgewalt aus ergebenen Creaturen der Körperschaft bestehen, welche bereit sind, gegen das Volk zu gehen — und wir sind ĂŒberzeugt, dass sich solche Creaturen genĂŒgend finden wĂŒrden — aber dann ist es erst noch die Frage, wer Sieger bleibt. Siegt das Volk, so ist der ganze revolutionĂ€re Beschluss ein todter Buchstabe. Siegt die Executive, so ist das Volk der Gnade oder Ungnade seiner gewĂ€hlten Körperschaft preisgegeben, und dieselbe kann dann aber auch mit demselben Erfolge die infamsten reactionĂ€rsten BeschlĂŒsse durchfĂŒhren, was unter solchen UmstĂ€nden auch unzweifelhaft geschehen wĂŒrde.

Ist aber im Gegentheil die Volksmasse mit dem Beschlusse einverstanden, ist sie von der ZweckmĂ€ssigkeit desselben durchdrungen, dann ist ja der ganze Beschluss nichts Anderes als was das Volk ohnehin wollte, und mithin die ganze Decretirerei und Beschliesserei einer solchen Körperschaft ĂŒberflĂŒssig.

Kann man sich eine erbĂ€rmlichere, schmachvollere Farce vorstellen als die, dass ein freies Volk sich Diener wĂ€hlt und dann von diesen ”Dienern” erst die allergnĂ€digste Bewilligung dafĂŒr erwartet, was es selbst thun will oder zu thun gesonnen ist?!

Und das und nichts Anderes wÀre es, wenn ein Volk in Revolution sich eine Körperschaft wÀhlt, welche beschliessen soll, was das Volk selbst thun will oder zu thun hat.

Allein unsere Voraussetzung ist nur eine theoretische Fiction. Eine solche Körperschaft fasst keine solchen BeschlĂŒsse, am allerwenigsten einstimmig. In ihrer Zusammensetzung enthĂ€lt sie naturgemĂ€ss die heterogensten Elemente und Meinungen. Ueber die einfachsten Dinge entwickeln sich unendliche Debatten. Die AntrĂ€ge der energischen revolutionĂ€ren Fraction werden von den Einen mit ”Wenn” und ”Aber,” von den Andern mit Widerspruch aufgenommen, um schliesslich nach vielem Hin- und Herreden, Amendiren und Streichen als ein verkrĂŒppeltes Zwitterding, das keinen Menschen befriedigt, angenommen zu werden. So wird die Zeit verbummelt, das Volk wartet auf grosse BeschlĂŒsse seiner ”ReprĂ€sentanten,” und sieht sich schliesslich enttĂ€uscht. Viele sind bereits aus ihrer Begeisterung zu der gewohnten Lebensweise zurĂŒckgekehrt. Die Reaction ist aber inzwischen nicht mĂŒssig gewesen. Sie hat sich von ihrem ersten Schreck erholt und nĂŒtzt die Zeit zur Vorbereitung der Contrerevolution aus. Die Ohnmacht der ReprĂ€sentativ-Körperschaft ist ihr nicht entgangen, sie sucht mit allen Mitteln der Intrigue, der Verleumdung und des Verraths die Differenzen zu erweitern, Misstrauen und Zwietracht unter den noch nicht zielbewussten Massen zu verbreiten, und eines schönen Tages ist sie Herr der Situation; was dann folgt, ist zu bekannt, als dass wir nöthig hĂ€tten, weiter ein Wort darĂŒber zu verlieren.

Gar viele der revolutionĂ€ren Sozialisten haben schon dieser Idee den RĂŒcken gekehrt. Da sie aber trotzdem mit dem Herrschaftsprincip nicht brechen wollen, so glauben sie einen Ausweg in einer revolutionĂ€ren Dictatur gefunden zu haben.

Die Dictatur leidet jedoch an denselben Gebrechen wie eine ReprĂ€sentativ-Regierung. Sie ist entweder ohnmĂ€chtig, unmöglich, oder eine Gefahr fĂŒr die Revolution. Soll die Gewalt oder Macht einer Dictatur auf dem Willen und der executiven Thatkraft des revolutionĂ€ren Volkes beruhen, so ist sie unmöglich, weil keine der verschiedenen revolutionĂ€ren Parteie sich unter die Gewalt der Dictatur einer anderen Partei beugen wird. Und eine Dictatur, die allen Richtungen Rechnung tragen will oder soll, ist ein Unding, eine AbsurditĂ€t. Soll die Macht einer Dictatur aber auf einem Staatsapparat beruhen, so wird sie sicher zum Henker der Revolution.

VergegenwĂ€rtigen wir uns einen Augenblick die Situation: Die bestehende Herrschaft ist gestĂŒrzt — denn wohlgemerkt, die alte Herrschaft muss gestĂŒrzt sein, bevor sich eine revolutionĂ€re Dictatur etabliren kann — und nun handelt es sich darum, auf welche Weise die revolutionĂ€ren Ziele verwirklicht werden können. Es werden sich da mindestens drei verschiedene Meinungen begegnen. Die Einen wollen an die SouverĂ€nitĂ€t des Volkes appelliren: es soll eine revolutionĂ€re Regierung wĂ€hlen; die Andern wollen eine revolutionĂ€re Dictatur, und die Dritten werden gegen Beides Front machen und jeder Art von Regierung den Krieg erklĂ€ren. Je nach der ĂŒberlegenen StĂ€rke und Thatkraft wird die eine dieser Parteien die Oberhand gewinnen. Nehmen wir an, die Dictatur kommt zur Herrschaft.

Schon von vornherein hat sie nicht mehr auf die volle revolutionÀre Volkskraft zu rechnen, sondern muss im Gegentheil sofort Massregeln zu ihrem Schutze ergreifen, um ihre Gegner unschÀdlich zu machen, und in demselben Augenblicke wird sie zum Henker der Revolution. Es ist aber auch sehr

wahrscheinlich, dass sich die beiden Ersteren vereinigen, um auf alle FĂ€lle das Princip der Regierung gegenĂŒber den Anarchisten aufrecht zu erhalten. So sitzt die Dictatur zwischen zwei StĂŒhlen, den Einen wird sie nicht radikal genug, den Andern zu radikal sein. Grund genug fĂŒr das reactionĂ€re Gesindel, dasselbe Spiel zu treiben wie bei einer ReprĂ€sentativ-Regierung, und zwar so lange, bis die Dictatur in ihren HĂ€nden ist.

Die Dictatur stösst aber auch bei ihren besten Absichten auf Widerstand im Volke selbst, weil es absolut unmöglich ist, dass einige Menschen oder ein Mensch den tausendfĂ€ltigen WĂŒnschen und BedĂŒrfnissen, welche in den Volksmassen leben, Rechnung tragen können. Sie wird also bald da, bald dort mit ihren Massregeln das RechtsgefĂŒhl im Volke verletzen und sich dasselbe zum Feinde machen.

Damit wird aber nicht nur die Dictatur unter graben, sondern die revolutionĂ€re Sache ĂŒberhaupt. Jeder Widerstand reizt die Dictatur unwillkĂŒrlich, ihre Macht und Machtmittel zu befestigen und zu vermehren. Dieser Reiz ist um so mĂ€chtiger, je unfĂ€higer die Dictatoren sind, die wahren TriebkrĂ€fte und Ziele der Revolution zu begreifen. Dabei, von einer Legion von Mameluken, Schmarotzern und Schmeichlern unterstĂŒtzt, werden die Dictatoren allmĂ€hlich blind, zu Tyrannen, und die Opfer, die das Volk fĂŒr die Revolution gebracht, dienen einigen Personen zur Befriedigung ihres Ehrgeizes und ihrer Herrschsucht.

Die verderblichste Wirkung, die beiden sogenannten revolutionĂ€ren Regierungsformen — dem ReprĂ€sentativ-System wie der Dictatur — gemeinsam ist, wird jedoch auf das revolutionĂ€re Volk ausgeĂŒbt; sie nimmt dem Volke die Initiative und lĂ€hmt seine Thatkraft. In dem Augenblicke, wo sich eine Regierung gebildet hat, glaubt das Volk nichts ohne deren Weisung unternehmen zu dĂŒrfen. Es erwartet alles Heil von seiner Regierung. Hat das Volk schon wĂ€hrend der Wahlen und den damit verbundenen KĂ€mpfen eine unersetzliche kostbare Zeit und Kraft fĂŒr das grosse revolutionĂ€re Werk verloren, so wird dann in Erwartung dessen, was die Regierung beschliessen wird, erst recht nichts gethan, um sich des Sieges zu versichern, und da in den sozialen

VerhĂ€ltnissen noch keine wesentlichen Aenderungen eingetreten sind, so geht die grosse Masse allmĂ€hlich wieder zu ihrer frĂŒheren gewohnten Lebensweise zurĂŒck. Das politische Demagogenthum und revolutionĂ€re Charlatane suchen sie noch in einen falschen Siegesrausch einzulullen, bis die Reaction wieder ihre blutigen Triumphe feiert.

Nein, Revolution und Regierung sind, wie so trefflich Genosse Krapotkin ausfĂŒhrt, zwei unvereinbare GegensĂ€tze; die Existenz der einen ist die Negation der anderen. Wer das Eine will, kann das Andere nicht wollen. Die heiligste Pflicht eines jeden aufrichtigen RevolutionĂ€rs ist, Alles aufzubieten, um die Etablirung jeder neuen Regierungsform nach dem Sturze der bestehenden zu verhindern.

Doch man sagt uns ja, ”die individuelle Freiheit sei mit den Interessen der Gesammtheit unvereinbar,” und so sollte man meinen, dass eine Regierung die Interessen der Gesammtheit vertritt, denn die Regierung hebt die individuelle Freiheit auf, wie an Stelle der Regierung die individuelle Initiative d.h. die individuelle Freiheit tritt. Die logische Folgerung wĂ€re somit, dass eine Revolution ohne Regierung mit den Interessen der Gesammtheit unvereinbar sei.

Welch rĂ€thselhafter Widerspruch! Individuelle Freiheit unvereinbar mit den Interessen der Gesammtheit! Individuelle Initiative unvereinbar mit Revolution! Wie leicht könnte man da nicht zu der Schlussfolgerung kommen, eine erfolgreiche Revolution sei ĂŒberhaupt nicht durchfĂŒhrbar! Allein dieser rĂ€thselhafte Widerspruch löst sich bei nĂ€herer Betrachtung als gar nicht vorhanden auf.

So lange es Regierungen gab, so lange es Menschen gegeben hat, die regierten oder darnach strebten zu regieren, haben dieselben stets behauptet, die Regierungen seien im Interesse der Gesammtheit da und die individuelle Freiheit sei mit diesen Interessen unvereinbar. So lange die Völker dumm genug waren, diese schwindelhafte Behauptung zu glauben, so lange konnten naturgemĂ€ss die Völker um die FrĂŒchte der Revolutionen, durch die Regierungen, betrogen werden. Sobald jedoch die Völker in der individuellen Freiheit die natĂŒrliche Basis ihrer Gesammtinteressen erkennen, ist fĂŒr die herrschsĂŒchtigen Regierungsapostel kein Platz mehr, und darum das wĂŒthende Geschrei unserer Regierungs-Sozialisten gegen die individuelle Freiheit.

Dabei ist es hoch interessant, zu beobachten, welche urkomischen logischen PurzelbĂ€ume diese Leute in ihrer ”wissenschaftlichen” Klopffechterei schlagen. So sind sie z.B. seit Jahren bemĂŒht, nachzuweisen, dass Revolutionen von keiner Partei gemacht werden können, und — obwohl sie uns schon immer gern aufdisputiren möchten, wir wollten Revolutionen ”machen” — sind wir darin ganz ihrer Meinung, indem wir schon wiederholt nachgewiesen haben, wie Revolutionen nur aus dem Schoosse der Volksmassen, also aus der individuellen Initiative des Volkes entspringen. In der Geschichte ist wenigstens kein einziger Fall bekannt, dass eine Revolution 6 auf Beschluss einer revolutionĂ€ren Regierung stattgefunden hĂ€tte. Sie entsprangen alle unvorbereitet, d.h. ohne vorher bestimmt und organisirt zu sein – aus der individuellen Initiative, als der erhabensten, grossartigsten Manifestation der individuellen Freiheit, dem Schoosse der Volksmassen.

Die Menschheit zeigte sich niemals so hoch und edel, als in den Augenblicken, wo sie ihre vollste individuelle Freiheit genoss, so lange noch keine revolutionĂ€re Regierung ihre natĂŒrlichen Bewegungen hemmte. Und trotzdem soll die individuelle Freiheit mit den Interessen der Gesammtheit unvereinbar sein?!

Auch die kommende Revolution wird sich keine revolutionĂ€re Regierung vorher geben. Die Individuen werden sich also die Freiheit nehmen, die Revolution zu schlagen, ohne um die Erlaubniss einer Regierung zu fragen. Und hoffentlich werden sie sich auch noch die Freiheit nehmen, Jeden ĂŒber den Haufen zu schiessen, der es wagen will, eine neue Herrschaft unter irgend einer Regierungsform ”im Interesse der Gesammtheit” zu grĂŒnden.

IX.

Wer unseren bisherigen AusfĂŒhrungen mit einiger Aufmerksamkeit gefolgt ist, der wird gleich uns bei einigem ernsten Nachdenken — sofern der gute Wille, das Wahre zu erkennen, vorhanden ist — zu der Ueberzeugung gelangt sein, dass Anarchismus und autoritĂ€rer Sozialismus, unter welchem Namen der letztere auch immer auftreten möge, nichts Gemeinsames haben als ein und dasselbe Gebiet der Kritik: die bestehende soziale Ordnung, und ein bis zu einem gewissen Punkt parallel laufendes Ziel: die Vernichtung dieser sozialen Ordnung.

Allein selbst in der Kritik besteht zwischen beiden ein wesentlich principieller Unterschied. WÀhrend die Sozialisten nur das Princip der bestehenden ökonomischen Ordnung und des Privateigenthums ganz verwerfen, halten sie an dem Princip der politischen Ordnung, der AutoritÀt fest und kÀmpfen nur gegen die Form, wÀhrend wir Anarchisten gegen das ganze System der bestehenden sozialen Ordnung zu Felde ziehen und das Princip des Privateigenthums sowie der AutoritÀt bekÀmpfen. In Folge dessen sind auch die Endziele beider Richtungen verschieden und, wie wir gezeigt, in den wesentlichsten Punkten diametral entgegengesetzte.

Unter solchen UmstÀnden von einem geschlossenen Zusammengehen beider Richtungen faseln, heisst entweder die Tendenzen beider total verkennen oder wissentlich seine Ueberzeugung verrathen.

Ein solches Zusammengehen von Fall zu Fall, wo es sich um bestimmte einzelne gemeinsame Ziele handelt, ist nicht nur löblich, sondern auch naturgemĂ€ss, weil die Arbeitermassen in solchen FĂ€llen die Macht der SolidaritĂ€t der Interessen fĂŒhlen, sowie eich ihrer Kraft bewusst werden. Man hĂŒte sich jedoch, die Differenzen des grossen Zieles auch nur einen Augenblick zu vergessen, um auf Kosten desselben einen momentanen Vortheil zu gewinnen.

Man vergesse z.B. bei einer gemeinsamen Zerstörung der bestehenden Herrschaftsform niemals, dass die autoritĂ€ren Sozialisten ihre Herrschaft zu etabliren bestrebt sind, wĂ€hrend wir Anarchisten jede Herrschaft zu verhindern haben, sobald einmal die bestehende gestĂŒrzt ist. Vergessen wir Anar-

chisten diesen Unterschied in dem allgemeinen Einigkeitsdusel, der bei solchen gemeinschaftlichen Actionen, wie die StĂŒrzung der bestehenden Herrschaft, zu Tage tritt, auch nur einen Augenblick, so ist die anarchistische Sache, die volle und ganze Befreiung des Volkes, auf unabsehbare Zeiten hinaus wieder verloren. Es bildet sich eine Regierung, welche — mag sie sich nennen wie sie will — wie wir gezeigt haben, fatalerweise zum Henker der Revolution werden muss.

Wir wissen und wir haben dies schon wiederholt betont, dass die grosse Masse der Arbeiter im Lager der autoritĂ€ren Sozialisten mehr oder weniger bewusst dasselbe wollen wie wir, dass sie nach vollster individueller Freiheit streben und keine Herrschaft mehr wollen. Allein Vorurtheile und Ignoranz ĂŒber die wahren anarchistischen Ideen halten sie noch ab, sich uns voll und ganz anzuschliessen und sich um das Banner der Anarchie zu schaaren. Das nach der neuen Herrschaft strebende FĂŒhrerthum ist gleich den religiösen Pfaffen auf das eifrigste bemĂŒht, seine glĂ€ubigen Schafheerden in diesen Vorurtheilen und dieser Ignoranz zu erhalten. Wie diese aus der Freiheit und AufklĂ€rung ein Schreckgespenst machen, so machen jene aus der individuellen Freiheit und dem Anarchismus ein Schreckgespenst und suchen mit allen Mitteln ihre GlĂ€ubigen zu verhindern, dass sie mit diesen Teufels- und Irrlehren nicht in BerĂŒhrung kommen. Oder sie suchen auch, wie die modernen schlauen Jesuiten Wissenschaft und Religion, Anarchismus mit Sozialdemokratie durch sophistische Verdrehungen zu verschmelzen.

Daher ist es fĂŒr jeden aufrichtigen Anarchisten heiligste Pflicht, doppelt auf der Hut zu sein, Alles zu vermeiden, sei es in der Propaganda, sei es in der Action, was diesem Treiben Vorschub leistet; besonders aber stets und ĂŒberall die anarchistischen Ideen mit möglichster SchĂ€rfe und Klarheit, mit eiserner Consequenz unter den Massen zu verbreiten zu suchen. UnbekĂŒmmert um die momentanen Erfolge, den momentanen Beifall oder Missfall, unbekĂŒmmert um die persönlichen Gefahren, die damit verknĂŒpft, gilt es seiner einmal gewonnenen Ueberzeugung treu zu bleiben, bis das Ziel erreicht ist. Und wenn wir uns durch keine Macht der Erde auf Abwege und falsche Bahnen drĂ€ngen lassen, können wir auch des baldigen Sieges gewiss sein.

***

Fassen wir nun das bisher AusgefĂŒhrte kurz zusammen:

Das arbeitende Volk hat innerhalb der bestehenden Gesellschaft weder auf ökonomischem noch politischem Gebiet eine Besserung seiner Lage zu erwarten. Alle sogenannten ”Reformen” tragen nur dazu bei, im Volke falsche Hoffnungen zu erwecken und so die endliche Befreiung zu verzögern. Daher ist jedes Bestreben, innerhalb der bestehenden Gesellschaft die Lage des Volkes zu verbessern, nicht nur Utopie, sondern antirevolutionĂ€r und dient dazu, die bestehende Knechtschaft zu verlĂ€ngern. Die autoritĂ€r-sozialistische Propaganda sucht die Grundlagen der alten mit der neuen Welt zu versöhnen resp. das Princip der Herrschaft des Menschen ĂŒber den Menschen nur umzuformen, da sie das Princip der AutoritĂ€t — die Wurzel aller Knechtschaft — bestehen lĂ€sst und vertheidigt. Sie ist daher in einem unlösbaren Widerspruch mit den GrundsĂ€tzen der Freiheit und Gleichheit und folglich im Widerspruche mit den Tendenzen der menschlichen Culturentwicklung und den natĂŒrlichen Gesetzen des sozialen Lebens der Menschen.

Die menschliche Gesellschaft bedarf zur Regelung ihrer gegenseitigen Beziehungen der Individuen untereinander keiner AutoritĂ€t; dieselben regeln sich durch die natĂŒrlichen Gesetze der SoziabilitĂ€t, welche den Menschen innewohnen, von selbst. Zu deren BethĂ€tigung und Entwickelung — und darin besteht die menschliche Culturentwickelung ĂŒberhaupt — bedarf das Individuum der vollsten unbeschrĂ€nktesten Freiheit, das heisst: den anarchistischen Communismus.

Will das Volk wirklich frei und unabhĂ€ngig sein, so muss es, einmal die bestehende Herrschaft gestĂŒrzt, mit allen Mitteln zu verhindern suchen, dass sich eine neue Regierung unter welchem Namen immer etablire; es muss die Expropriation der sozialen ReichthĂŒmer selbst aus eigener Initiative vollziehen und nach eignem GutdĂŒnken deren Reproduction organisiren und in die Hand nehmen.

Das ist in gedrĂ€ngter Form das ResumĂ© unserer bisherigen Betrachtungen, und wir werden spĂ€ter noch unsere Ansichten ĂŒber die DurchfĂŒhrbarkeit unserer Principien in den Hauptpunkten des gesellschaftlichen Lebens darzulegen suchen.

***

Wir können dieses Kapitel nicht schliessen, ohne noch eine Bemerkung ĂŒber eine in letzter Zeit viel discutirte ”OpportunitĂ€tsfrage” zu machen.

Es scheinen sich nĂ€mlich manche unserer Genossen noch nicht klar darĂŒber geworden zu sein, was sie fĂŒr eine Stellung einzunehmen haben, falls beim Ausbruch einer Revolution irgend eine Form des autoritĂ€ren Sozialismus die Oberhand gewinnt. Es ist da Mancher noch der Meinung, man mĂŒsse in einem solchen Falle aus OpportunitĂ€t gute Miene zum bösen Spiel machen und vom Uebel das kleinste wĂ€hlen und eine solche Regierung gegen eine reaktionĂ€re unterstĂŒtzen.

Wir theilen, wie wir schon frĂŒher angedeutet, diese Meinung durchaus nicht. FĂŒrs Erste: thun die Genossen bis dahin voll und ganz ihre Pflicht, wie ihnen ihre anarchistische Ueberzeugung gebietet, so wird ein solcher Fall gar nicht eintreten, weil wie gesagt die grosse Masse aller sozialistischen

Schulen mehr oder weniger bewusst unsere Ideale theilt; zweitens muss, wie wir gezeigt, jede Regierung fatalerweise zum Henker der Sache der Revolution und der Freiheit werden, und wir wĂŒrden durch unsere UnterstĂŒtzung oder auch nur stillschweigende Duldung einer solchen zu den erbĂ€rmlichsten VerrĂ€thern dieser Sache wie unserer eigenen Ueberzeugung werden, weil wir dadurch auch die Zukunft verrathen. Wir haben jede Regierung, jede Herrschaft bis zum letzten Blutstropfen zu bekĂ€mpfen. Unterliegen wir, so unterliegen wir aber dann mit dem Bewusstsein, dass die Nachkommenschaft unsere Ideen als heiliges VermĂ€chtniss wieder aufnehmen wird, um sie zum endlichen Siege zu fĂŒhren.




Quelle: Paradox-a.de