MĂ€rz 12, 2021
Von Paradox-A
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Ich muss etwas lachen, wegen dieser Klarheit und Direktheit, die Most an den Tag legt. Man fragt sich: Ist das sein Ernst, sich hinzustellen und heraus zu posaunen, dass kein Stein auf dem anderen bleiben soll? Doch ja, genauso, wie er’s schreibt, meinte er es sein Leben lang und gehört damit zu jenen Besessenen, fĂŒr die strategische oder sonstige AbwĂ€gungen sowie das Zweifeln an der eigenen Praxis nicht an der Tagesordnung waren. Wo Unsicherheiten auftraten wurde sie von diesem Bersekrker sofort wieder in neue AktivitĂ€t kanalisiert. Die Lust zur Provokation merkt man auch diesem Text von ca. 1887 an, in welchem Most die GrundzĂŒge des kommunistischen Anarchismus darlegt, dem er sich angeschlossen hatte. Kapitalismus, Staat und Kirche können nur parallel zueinander abgeschafft werden. DafĂŒr braucht es keine Avantgardepartei, sondern die Vorbereitung des Proletariats zur Selbstorganisation in der kommenden sozialen Revolution. Dabei ist nicht so klar, ob sie zwangslĂ€ufig kommen wird, oder der Verweis auf sie eine Drohung darstellt. Neben der BegrĂŒndung, warum ein freiheitlicher Kommunismus Anarchie sei, ist auch die letzte Aufforderung interessant: „Arbeiter aller LĂ€nder, emanzipiert Euch!“, schreibt der umtriebige Agitator, der Marx“Kapital“ gekĂŒrzt hat – um es einfachen Leute zugĂ€nglich zu machen (Kapital und Arbeit, Chemnitz 1876)

Es folgt der Text von anarchismus.at:

Johann Most – Die anarchistischen Kommunisten an das Proletariat

Wir fĂŒhren Krieg gegen das Privateigentum, den Staat und die Kirche – einen Krieg, dessen Ziel die völlige Zerstörung dieser Institutionen ist. Wir erstreben eine kommunistisch-anarchistische Gesellschaft, d. h. einen sozialen Zustand, welcher die unbeschrĂ€nkte Entfaltung der individuellen Freiheit eines jeden Menschen ermöglicht. DemgemĂ€ĂŸ reklamieren wir das Recht auf Lebensgenuß je nach individuellem BedĂŒrfnis, ermöglicht dadurch, daß jeder nach Neigung, Kraft und FĂ€higkeit sich nĂŒtzlich tĂ€tig zeigt, d. h. teilnimmt an der Industrie, der Landwirtschaft, dem Verkehrswesen, der Belehrung, der Kunst oder Wissenschaft und die Resultate seines Schaffens der Gesamtheit zur VerfĂŒgung stellt.

Das Mittel, welches zu diesem Ziele fĂŒhrt, erblicken wir in der sozialen Revolution, durchkĂ€mpft von den Arbeitern aller LĂ€nder – einer allgemeinen Volkserhebung, die wir fĂŒr unvermeidlich halten, und aufweiche wir durch Wort, Schrift und Tat das Proletariat vorzubereiten suchen.

Hinsichtlich der Organisation empfehlen wir die freie Gruppenbildung, unbeengt durch jede Zentralisation, autonom in jeder Hinsicht, föderiert nach freiem Ermessen und je nach den damit zu erzielenden speziellen Zwecken der Propaganda.

Wir verwerfen die Institution des Privateigentums, weil dessen Geschichte die Geschichte aller menschlichen Leiden ist. So lange es ein Privateigentum gibt, wird es Arme und Reiche geben und werden die Ersteren den Letzteren gegenĂŒber in einem VerhĂ€ltnis der UnabhĂ€ngigkeit sich befinden, was auf der einen Seite zu einer ungeheuerlichen GĂŒteranhĂ€ufung, zu unertrĂ€glichem Hochmut, zu wahnwitziger Habsucht, Herrschgier und Barbarei, auf der anderen Seite zur immer entsetzlicheren Massenverelendung mit allen Zeichen geistiger und leiblicher Verkommenheit fĂŒhrt.

Die Gesellschaft hat im Laufe von Jahrtausenden manchen Wandel durchgemacht – von dem System der Zwangsproduktion durch Sklaven oder Hörige bis zu dem System angeblich „freier Arbeit“ – da sie aber immer und immer wieder das Privateigentum zur Basis ihrer sogenannten „Ordnung“ machte, hat sich an der Lage der Völker nichts geĂ€ndert, nichts gebessert. Ja, es ist sogar erwiesen, daß dieselbe im Großen und Ganzen desto ungeheuerlicher sich gestaltete, je großartiger durch Entdeckungen und Erfindungen die ReichtĂŒmer der Natur der Menschheit erschlossen und deren Bearbeitung erleichtert wurden. Die ganze bisherige Kulturentwicklung hat sich fĂŒr die Volksmassen als blutiger Hohn erwiesen und lediglich einer kleinen Minderheit zu RiesenreichtĂŒmern verholten, fĂŒr welche dieselbe keine vernĂŒnftige Verwendung hat.

Das ist der Fluch des Privateigentums.

Derselbe wird in Wirkung bleiben, so lange dieses existiert. Wer das allgemeine MenschenglĂŒck erstrebt, muß mithin mit uns einstimmen in den Ruf: Nieder mit dem Privateigentum!

Der Staat, weit entfernt, eine Versicherungsanstalt fĂŒr das allgemeine Volkswohl zu sein, wie viele wĂ€hnen, ist nichts weiter, als ein Schutzmittel, das die Besitzenden wider die Nichtbesitzenden errichtet haben. Je kleiner die Zahl der ersteren und je grĂ¶ĂŸer die Zahl der letzteren wurde, desto großartiger hat sich diese Protektionsmaschine entfaltet, bis sie zu jenem Monster ausartete, das heute vor uns steht mit seinen unzĂ€hligen HĂ€nden in unseren Taschen, mit seinen gesetzlichen SchnĂŒren und Stricken, an denen wir befestigt sind, mit seinen Hunderttausenden KnĂŒppeln, die ĂŒber unseren HĂ€uptern geschwungen werden, mit seinen Kerkern und Schafotten, die uns Verderben drohen.

Wer daher Krieg fĂŒhren will gegen das Privateigentum, kann nicht dessen Schutzpatron, den Staat, um Beistand angehen, wie viele in bodenloser Verblendung zu tun versuchen.

Das Privateigentum kann nur um seine Herrschaft gebracht werden, wenn dessen WĂ€chter, der Staat, vernichtet wird. Beide Institutionen stehen und fallen sozusagen miteinander. So nach muß die Losung eines jeden konsequenten FreiheitskĂ€mpfers lauten: Nieder mit dem Staat!

Die Kirche jeglicher Spielart ist die Zusammenfassung des ungeheuerlichen Schwindels, den die Menschheit bisher gesehen hat. Sie kontrolliert mehrere Millionen abgefeimter Schufte (Pfaffen), welche Jahr ein, Jahr aus in allen LĂ€ndern auf die Bevölkerung derselben losgelassen werden, auf daß sie deren Gehirne mit dem grĂ¶ĂŸten Blödsinn fĂŒllen, den nur je ein absoluter Menschenfeind ersinnen konnte.

Wer zu Verstand kommen will, wie er namentlich dann sehr nötig hat, wenn er sich von sozialer Ausbeutung (Ungleichheit) und staatlicher Tyrannei (Unfreiheit) loszumachen gedenkt, der muß gegen diese Brut mit allen denkbaren Mitteln zu Felde ziehen.

In einer freien (kĂŒnftigen) Gesellschaft kann es keine Kirche und keine Pfaffen geben, weil Niemand mehr ein Interesse daran hat, seinen Mitmenschen um den Verstand zu bringen, auf daß er ihn leichter auszubeuten vermöge, und heute, wo das geschieht, erweist sich die ganze Pfaffenbrut nur als eine Bande von moralischen, resp. unmoralischen Hypnotiseuren, die ihre Opfer (das Volk) versimpeln und somit willenlos der Ausbeutung durch die besitzende Klasse und der Knechtung durch den Staat ĂŒberliefern.

Wenn daher das Feldgeschrei erhoben werden soll gegen alles, was die Menschheit in Sklaverei, UntertĂ€nigkeit und Unverstand zu erhalten sucht, darf der Ruf nicht fehlen: Nieder mit der Kirche – mit allem Glaubensschwindel und Pfaffentrug!

Da wir, wie gesagt, das Privateigentum verwerfen und nicht bloß, wie zahlreiche sogenannte Sozial-„Reformer“, daran herum flicken wollen, so ergibt sich daraus unser Standpunkt als Kommunisten ganz von selbst.

FĂŒr uns ist es klar, daß die Menschheit nicht eher zu einem ruhigen und vernĂŒnftigen Lebensgenuß gelangen kann, als bis die Erde mit allem, was sie bietet, und was MenschenhĂ€nde aus ihren Gaben gemacht, allen Menschen zur freien VerfĂŒgung steht.

Schon jetzt kann es nicht bestritten werden, daß mit Leichtigkeit alles, was den BedĂŒrfnissen der Menschen entspricht, mit Leichtigkeit in eben solchem Überfluß allen dargeboten werden kann, in welchem gegenwĂ€rtig Wasser, Licht und Luft jedem zur unentgeltlichen VerfĂŒgung stehen.

Aus diesem Grunde sehen wir davon ab, gleich den Kommunisten Ă€lteren Schlages Systeme auszuklĂŒgeln, nach denen die Genußmittel je nach den individuellen Leistungen zugemessen werden sollen – zumal es ja unter hochentwickelten ProduktionsverhĂ€ltnissen ohnehin so gut wie unmöglich ist, die Leistung eines Einzelnen abzuschĂ€tzen, und weil es wenig der Gerechtigkeit entsprĂ€che, wenn die weniger Begabten ihrer körperlichen oder geistigen SchwĂ€chen halber, fĂŒr die sie nicht verantwortlich sind, besser Gearteten gegenĂŒber zu kurz kommen sollen. Da wir andererseits das unbeschrĂ€nkte Genußrecht einem jeden zugestanden wissen wollen, kann sich selbst der grĂ¶ĂŸte Geistesriese oder physische Arbeits-Titan ĂŒber Benachteiligung nicht beklagen. Niemand kann mehr haben wollen, als solche Dinge, wie sie geeignet sind, ihm alle erdenklichen GenĂŒsse zu bereiten. AufhĂ€ufung von GĂŒtern hat nur unter der Herrschaft des Privateigentums einen Sinn und ist selbst da bis zur hellen VerrĂŒcktheit ausgeartet, in einer Gesellschaft mit Genußfreiheit ist das Verlangen nach solcher Hamsterei einfach ausgeschlossen.

Bleibt noch das Gespenst der Faulheit zu verscheuchen, das gerade Diejenigen am eifrigsten wider uns zu zitieren pflegen, welche nie etwas NĂŒtzliches geleistet haben.

Es mag sein, daß deren Nachkommen in ererbter Neigung zur Nurkonsumtion eine Zeitlang lediglich schmarotzen wollen. In diesem Falle wĂ€re aber ein solches Übel doch leichter zu ertragen, als irgend ein System des Zwanges, der BĂŒrokratie und mithin Unfreiheit mit allen ihren erfahrungsgemĂ€ĂŸen Konsequenzen. Im Übrigen sind die Notwendigkeit und das EhrgefĂŒhl sicherlich hinreichende Stachel zur Arbeit, ganz abgesehen davon, daß es schon an und fĂŒr sich wenig Menschen geben dĂŒrfte, die nicht ein Verlangen danach tragen, sich in irgend einer Weise zu beschĂ€ftigen, zumal in einer Gesellschaft, die nicht nur alle erdenklichen Bildungsmittel jedem zugĂ€nglich macht, sondern auch durch ihr ganzes Wesen dazu geeignet ist, in jedem das Bewußtsein zu wecken, daß er unrecht handeln wĂŒrde, wenn er gar keinen Anteil an jenen TĂ€tigkeiten nĂ€hme, deren Ergebnisse ihm Wohlsein, Genuß und GlĂŒck gewĂ€hren.

Der Kommunismus, welchen wir erstreben, ist also ein vollkommen freies VerhĂ€ltnis. Er kennt keine Über-, noch Unterordnung, keinerlei Schabionisierung; er ist identisch mit dem Begriff der Herr- und Knechtschaftslosigkeit der Anarchie.

Weil aber alle frĂŒheren kommunistischen Bestrebungen auf die Errichtung eines komplizierten Wirtschaftsstaates hinaus liefen, so ist es notwendig geworden, unsere diesbezĂŒglichen total verschiedenen Auffassungen der Dinge schon in der Bezeichnung, die wir uns gegeben, festzustellen und nennen wir uns daher anarchistische Kommunisten.

Wir kĂŒndigen die soziale Revolution an – nicht weil wir Freude an wildem Kampf und Blutvergießen haben, sondern weil es uns tĂ€glich klarer vor die Augen tritt, daß die ZustĂ€nde, unter welchen sich die Menschheit jetzt befindet, einerseits immer unertrĂ€glicher werden, und daß sich andererseits jeder Änderung oder Milderung derselben die herrschenden Klassen immer schroffer, rĂŒcksichtsloser und grausamer widersetzen.

Damit ist es festgestellt, daß schließlich die Dinge von der Masse des Volkes fĂŒr absolut unertrĂ€glich befunden werden, daß es zwischen dieser und der besitzenden Minderheit und deren StaatsgewalttrĂ€gern zum Zusammenstoß kommt, und daß mit der Waffe in der Hand ausgefochten werden muß, was leider friedlich nicht zu erreichen war – die Verrichtung aller jener Einrichtungen, welche der Entwicklung von Freiheit und Gleichheit, von Bildung und GlĂŒck im Wege standen, und die Etablierung gerechter VerhĂ€ltnisse, wie sie im Kommunismus und der Anarchie gegeben sind.

Wir fördern daher jede Volksbewegung, die geeignet ist, diesen Kampf möglichst bald herbei zu fĂŒhren und möglichst grĂŒndlich zum Austrag zu bringen.

Wir unterstĂŒtzen jeden unmittelbaren Kampf der Arbeiter wider die besitzende Klasse, verwerfen hingegen alles Blendwerk, wie die Beteiligung am Parlamentarismus, die Hoffnung auf Arbeiterschutzgesetze usw. All‘ unser Dichten und Trachten ist darauf gerichtet, das Proletariat auf die soziale Revolution vorzubereiten und dasselbe mit GrundsĂ€tzen zu beseelen, welche geeignet sind, ihm auch die FrĂŒchte des Kampfes dauernd zu sichern.

Eine kirchenartige Organisation, wie andere Arbeiterparteien haben die anarchistischen Kommunisten nicht. Sie halten jene Zentralisation mit Exekutive, Beamten, Steuern und sonstigen Imitationen des Staatswesens fĂŒr verwerflich, weil die Einzelnen lĂ€hmend, sie im selbstĂ€ndigen Denken störend und das Ganze der Korruption und Versumpfung zufĂŒhrend. Freie Gruppierung der Einzelnen und freie Föderation der Gruppen halten wir fĂŒr genĂŒgende Bindemittel, die gemeinsamen Ziele mit vereinten KrĂ€ften zu erstreben.

Schließt Euch uns an! So rufen wir den Arbeitern zu. Was wir im Sinne haben, ist in dem Vorstehenden kurz und bĂŒndig dargetan. NĂ€here Informationen bieten unsere Organe, unsere BĂŒcher und BroschĂŒren, nicht minder die Reden und Debatten unserer Versammlungen, zu denen Jeder Zutritt hat.

Arbeiter, rafft Euch auf! Erkennt das Joch, unter welchem Ihr schmachtet; strebt danach, es zu zerbrechen!

Unter unserem Banner, der roten Fahne, unter der Flagge des Kommunismus und der Anarchie, unter dem Emblem der sozialen Revolution ist Euer Sammelplatz. Da schart Euch zusammen; um Euch zu verstĂ€ndigen ĂŒber den Feldzugsplan zum Sturze des Bestehenden, an dessen Stelle Ihr eine Gesellschaft von Freien und Gleichen zu setzen berufen seid.

Arbeiter aller LĂ€nder, emanzipiert Euch!




Quelle: Paradox-a.de