September 1, 2021
Von End Of Road
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Libertas Schulze-Boysen. GedenkstÀtte Deutscher Widerstand

Sie war die grĂ¶ĂŸte Widerstandsbewegung im Dritten Reich. Viel grĂ¶ĂŸer als der 20. Juli oder „Die weiße Rose“ und in vieler Hinsicht auch viel wirkungsvoller. Zugleich ist sie die unbekannteste.

Das hat GrĂŒnde. Denn die „Rote Kapelle“, dieser bunt zusammengewĂŒrfelte, heterogene Haufen aus Hedonisten und Moralisten, aus deutschen Linken und Rechten, aus BĂŒrgern und Arbeitern passt nicht zur Sehnsucht der Deutschen nach klaren eindeutigen Bildern. „Weiße Rose“, das sind die jungen Menschen des reinen Gewissens; der 20. Juli, das sind „Offiziere gegen Hitler“, auch wenn die meisten von ihnen jahrelang munter am Vernichtungskrieg mitgewirkt hatten, bevor sich ihr Gewissen meldete; aber dann immerhin.

Attentat auf Goebbels

Dabei gab es die „Rote Kapelle“ genau genommen sogar doppelt. Einerseits in Berlin, andererseits in BrĂŒssel und Paris. Etwa 300 Menschen waren daran beteiligt, Nachrichten ĂŒber Kriegsvorbereitungen zu den Alliierten zu bringen. Außer losen Verbindungen gab es keinen Zusammenhang zwischen beiden Organisationen. Nur in den Augen der Nazis.

Da war einerseits ein loses Widerstandsnetzwerk in Berlin und seinem Umland. Ungeachtet des zunehmenden Gestapo-Terrors verhalf man in den 1930-er Jahren Juden zur Flucht, verteilte regimekritische FlugblĂ€tter – und sammelte militĂ€rische Informationen. Auch Attentatsversuche gab es. So wollte „Rote Kapelle“-Mitglied Hansheinrich Kummerow den Propagandaminister Joseph Goebbels bei dessen Inselresidenz Schwanenwerder in die Luft sprengen.

Regimekritik und Charisma

Eine der SchlĂŒsselfiguren dieser Organisation war der charismatische Harro Schulze-Boysen. Als Offizier im Luftfahrtministerium gelang es ihm, sich Zugang zu Hitlers AufmarschplĂ€nen fĂŒr den Angriff auf die Sowjetunion zu verschaffen und schließlich auch fĂŒr den Vorstoß nach SĂŒden, im Sommer 1942 Richtung Stalingrad. Diese Informationen wollte er unbedingt an die Alliierten weiterleiten, denn ein Fall des Nazi-Regimes von innen heraus schien unmöglich.

Dabei kam er in Kontakt mit einem kommunistischen Spionage-Ring, der in BrĂŒssel und Paris aktiv war. Dessen „Grand Chef“ war der deutsche Emigrant Leopold Trepper, der in Paris fĂŒr die deutsche Besatzung arbeitete. Diese Gruppe funkte militĂ€rische Informationen nach Moskau. Zu ihr gehörte auch die in Polen geborene Sophia PoznaƄska,
Codename Zosha, die in Belgien arbeitete, und Codierungsexpertin war.

Die Gruppe habe private Leidenschaften nie von politischem Engagement trennen können oder wollen, „keiner von ihnen“, das sei eines „der großen RĂ€tsel des Orchesters“ gewesen“, resĂŒmiert Lital Levin, die Großnichte von Leopold Trepper, dem Kopf der Pariser Gruppe („It is one of the big conundrums of the orchestra, that none of them were able to serperate private passions from the professional work they were doing. None of them.“)

Nur wenige entkamen

„Rote Kapelle“ – dies ist, um auch mit diesem Mythos aufzurĂ€umen, keine Selbstbezeichnung wie „weiße Rose“, sondern der Name der nationalsozialistischen „Abwehr“ fĂŒr dieses lose BĂŒndnis mutiger MĂ€nner und Frauen aus ganz Europa, die wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs versuchten, Hitlers Vernichtungskriegsmaschine Einhalt zu gebieten.

1941 gelang es der deutschen Abwehr, Funkmeldungen aus verschiedenen StĂ€dten abzufangen. Man subsumierte diese Funkstellen unter dem Namen „Rote Kapelle“. Es begann eine gnadenlose Jagd auf Leben und Tod sowohl in Paris wie auch in BrĂŒssel und Berlin. Nur wenige entkamen.

Nach dem Krieg wurden die Schergen der Gestapo von westlichen Geheimdiensten hofiert und im Kalten Krieg instrumentalisiert. Ihre Opfer hingegen wurden ein zweites Mal als VaterlandsverrÀter denunziert.

Harro Schulze-Boysen (2.v.r) im Reichsluftfahrtministerium. Er und seine Frau Libertas waren von zentraler Bedeutung fĂŒr den Widerstand. Bild: GedenkstĂ€tte Deutscher Widerstand

„Kurz nach Kriegsende entsteht in Westdeutschland ein amerikanisch finanzierter Geheimdienst, wo sich vor allem ehemalige Wehrmachtsoffiziere sammeln, aber bald auch ehemalige Gestapo-Mitarbeiter, Leute aus dem SD der SS
 Und die beginnen 1949 mit einer Operation gegen die Rote Kapelle“, zitiert der Film einen Historiker.

Junge, kluge Idealisten

Der Dokumentarfilm von Carl-Ludwig Rettinger rekonstruiert diese Geschichte und versucht, die Menschen um Harro Schulze-Boysen, Hans Coppi, Leopold Trepper greifbar zu machen. Dabei erzĂ€hlt er nicht nur von den Hauptakteuren der Kapelle, sondern schafft auch Aufmerksamkeit fĂŒr die ĂŒber hundert anderen Mitstreiter, die heute nahezu vergessen sind.

Der Film ist gut geschnitten und prĂ€sentiert eine FĂŒlle hochinteressanter Bilder in erstaunlich guter QualitĂ€t. Erkennbar ist das BemĂŒhen der Filmemacher, Archivbilder zu verwenden, die noch nicht zu oft gesehen wurden, und nicht bereits in zig Dokumentarfilmen zuvor verwendet.





Quelle: Endofroad.blackblogs.org