Mai 9, 2022
Von InfoRiot
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Rathenow.77 Jahre ist es her, dass die Wehrmacht kapitulierte und damit der Zweite Weltkrieg in Europa offiziell zu Ende war. Der 8. Mai ist seither ein historisches Datum, ein Tag, an dem auch in Rathenow alljÀhrlich Vertreter der Stadtverwaltung gemeinsam mit Abgeordneten an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern und der Opfer gedenken. Das taten sie auch am Sonntag, allerdings war man sich dieses Mal offenbar nicht einig, wie man angesichts der aktuellen Lage den Tag begehen will.

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Seit dem 24. Februar herrscht Krieg in Europa – Putin hat die Ukraine angegriffen und sorgt fĂŒr unvorstellbares Leid. Mehr als eine Million Menschen sind seither aus der Ukraine geflĂŒchtet, allein in Rathenow leben derzeit etwa 200. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie man mit einem solchen Gedenktag umgeht. WĂ€hrend die einen ohne Worte KrĂ€nze niederlegten, entschlossen sich andere, dazu eine Rede zu halten. Diese Uneinigkeit sorgt nun fĂŒr Diskussionen.

Daniel Golze kritisiert Rathenows stellvertretenden BĂŒrgermeister heftig

“Offensichtlich hat Herr Zietemann seine Rolle im VerhĂ€ltnis BĂŒrgermeister und Stadtverordnete noch nicht gefunden. Wenn sich die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung dazu entschließt, am 8. Mai zum Tag der Befreiung nicht nur still zu gedenken, sondern eine abgestimmte Rede zu halten, dann hat der BĂŒrgermeister das hinzunehmen und weder zu erklĂ€ren, dass das eine private Rede zu sein hat, noch beleidigt zu tun, weil er sich mit seiner Ansicht, ein stilles Gedenken durchzufĂŒhren, nicht durchsetzen konnte”, schreibt Daniel Golze (Die Linke) auf Facebook.

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Es sind Worte, die von einem Brodeln hinter den Kulissen zeugen. “Wir hatten ĂŒber dieses Thema in der letzten Stadtverordnetenversammlung diskutiert und uns nach Abstimmung mit Corrado Gursch (CDU), dem Vorsitzenden der SVV, und den anderen Abgeordneten im nicht-öffentlichen Teil auf ein stilles Gedenken geeinigt”, erklĂ€rt der neu gewĂ€hlte BĂŒrgermeister Jörg Zietemann (parteilos).

Dass sich hinterher Fraktionen zusammentaten und darauf einigten, entgegen der Abstimmung doch eine Rede zu halten, habe ihn ĂŒberrascht. Zudem hĂ€tte er es vorgezogen, darĂŒber persönlich zu sprechen statt in einem öffentlichen Diskurs.

Jörg Zietemann (parteilos), stellvertretender BĂŒrgermeister von Rathenow.

Jörg Zietemann (parteilos), stellvertretender BĂŒrgermeister von Rathenow.

Verwundert ist auch Corrado Gursch. Er hatte sich im Vorfeld gefragt, ob man aufgrund der aktuellen Lage den Gedenktag so wie immer begehen sollte. „Ich dachte, ob wir es nicht anders machen sollten als sonst, um ein Zeichen zu setzen und deutlich zu machen, dass wir uns fĂŒr Frieden einsetzen und den Angriffskrieg Putins verurteilen“, so Gursch.

Drei Optionen habe es aus seiner Sicht gegeben: Zum einen Ă€hnlich wie in Berlin ein stilles Gedenken ohne Kranzniederlegung; zum anderen eine Kranzniederlegung ohne Worte; die dritte Option sei eine Kranzniederlegung mit einer Rede gewesen – so wie in den Jahren zuvor. Auch Gursch bestĂ€tigt, man habe sich geeinigt, auf eine Rede zu verzichten.

Fraktion lehnt offizielle ErklÀrung der Stadt Rathenow ab

„Offizielle Worte der Stadt sollte es nicht geben, weil man dafĂŒr kaum passende Worte finden kann“, macht Jörg Zietemann deutlich. Stattdessen habe man sich fĂŒr eine gemeinsame ErklĂ€rung entschieden, die vorab veröffentlicht werden sollte. Diese wurde auch geschrieben und ging allen Fraktionen zu, allerdings wollten nicht alle das Schreiben unterstĂŒtzen.

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Die ErklĂ€rung war damit vom Tisch. Stattdessen gab die Stadtverwaltung eine Pressemitteilung heraus. In der heißt es, Jörg Zietemann und Corrado Gursch werden am Sonntag um 10 Uhr Blumengebinde im stillen Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Ehrenfriedhof in der Ferdinand-Lassalle-Straße niederlegen.

Schweigen und eine Rede auf dem Ehrenfriedhof in Rathenow

Das taten sie auch, still blieb es dennoch nicht. Mitgliedern der Fraktion Die Linke und FDP/Freie WĂ€hler war das Schweigen nicht recht. Sie hatten sich vorab darauf geeinigt, eine abgestimmte Rede zu halten.

In der heißt es unter anderem: „Wir stehen heute hier mit dem Wissen, dass nur wenige hundert Kilometer östlich von uns Krieg herrscht. Betroffen verfolgen wir die Nachrichten und sehen die Bilder von Leid, Tod und Zerstörung. Wir nehmen den 8. Mai deshalb auch zum Anlass, um an die politischen VerantwortungstrĂ€ger zu appellieren. Stoppt den Krieg in der Ukraine! Kehrt zurĂŒck an den Verhandlungstisch und rettet damit Menschenleben!“

Vorgetragen hatte die Worte der Vorsitzende des Hauptausschusses Karsten Ziehm (FDP/Freie WĂ€hler). “Wir hatten uns vorab fraktionsĂŒbergreifend darĂŒber verstĂ€ndigt, zum Gedenktag doch nicht zu schweigen, sondern einige Worte vorzutragen”, so Ziehm. Ihm gehe es darum, gerade in diesen Zeiten an einem Ehrenmal fĂŒr gefallene Soldaten des Zweiten Weltkriegs fĂŒr Frieden einzustehen. Er sei danach auch von einigen BĂŒrgern darauf angesprochen worden, darunter eine Ă€ltere russische Dame.

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Karsten Ziehm (FDP/Freie WĂ€hler), Vorsitzende des Hauptausschusses, hielt eine Rede am Tag der Befreiung.

Karsten Ziehm (FDP/Freie WĂ€hler), Vorsitzende des Hauptausschusses, hielt eine Rede am Tag der Befreiung.

„Sie war den TrĂ€nen nah und bedankte sich bei mir. Auch sie hĂ€tte nicht gedacht, dass Putin einen Krieg anfĂ€ngt“, berichtet Karsten Ziehm. FĂŒr ihn sei diese Begegnung eine BestĂ€tigung dafĂŒr, dass es richtig und wichtig war, an diesem Tag einige Worte zu sagen.

Corrado Gursch bedauert derweil das nicht einheitliche Bild, dass nun entstanden ist. Ähnlich sieht es der Fraktionsvorsitzende der SPD Sebastian Lodwig: „Mir ist es wichtig, dass wir uns einig sind und hinter dem, was wir machen, geschlossen stehen. Es soll um die Sache gehen, also darum gemeinsam fĂŒr Frieden und Freiheit einzustehen.“

Von Christin Schmidt




Quelle: Inforiot.de