Juli 7, 2022
Von Indymedia
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Neulich war ich Teil einer Dorfbesetzung im Wendland. Besetzt wurde das Dorf Steine bzw. das BetriebsgelÀnde des ehemaligen Schlachthofes Vogler Fleisch. Motto war: Steine wird wieder Dorf!

Was war Vogler Fleisch?

2015 schlachtete Vogler Fleisch / MV Fleisch 2.300.000 Schweine und hatte damit einen UmsatzrĂŒckgang gegenĂŒber von 2014 von 6,1 %. 2016 stellte Vogler Fleisch einen Antrag auf Planinsolvenz: „Bei einer sogenannten Planinsolvenz handelt es sich um ein Schutzschirmverfahren, das der Sanierung des Unternehmens dienen solle.“ SpĂ€ter wurde ein regulĂ€res Insolvenzverfahren eingeleitet, welches darin mĂŒndete: „Die Huarong-Group Deutschland GmbH, ein Tochterunternehmen eines chinesischen Großinvestors, soll das Eigentum am BetriebsgelĂ€nde des ehemaligen Schlachtunternehmers Vogler Fleisch in Steine aus der Insolvenzmasse gekauft haben. Das berichtet die Elbe-Jeetzel-Zeitung. Bei dem Kauf sollen nicht nur die ProduktionsgebĂ€ude, sondern die auch VerwaltungsgebĂ€ude sowie GebĂ€ude im Dorf Steine, in denen die Personalvermittlungsgesellschaften ihre Mitarbeiter unterbrachten, an den chinesischen Investor gehen.“ Quelle: www.argrarheute.com

Das BetriebsgelĂ€nde umfasst zahlreiche GebĂ€ude, die seit 2017 ungenutzt sind. 2020: „Nun hat das Gewerbeaufsichtsamt LĂŒneburg eine VerlĂ€ngerung der bestehenden Betriebserlaubnis abgelehnt. Die Folge: ein Investor mĂŒsste das gesamte Genehmigungsverfahren neu starten. Durch die Entscheidung des Gewerbeaufsichtsamtes in LĂŒneburg, die Betriebserlaubnis fĂŒr den Schlachthof in Steine nicht zu verlĂ€ngern, rĂŒckt der Neuaufbau eines Schlachthofes an diesem Standort in weite Ferne. Die Betriebsgenehmigung ist erloschen. Ein potenzieller Investor mĂŒsste eine Genehmigung fĂŒr den Betrieb eines Schlachthofes völlig neu beantragen. Zu einem solchen Verfahren gehört neben der UmweltvertrĂ€glichkeitsprĂŒfung auch ein Öffentlichkeits-Betreiligungsverfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz.“ Quelle: www.wendland-net.de

Wie ist denn aus diesem Dorf ĂŒberhaupt ein BetriebsgelĂ€nde fĂŒr einen Schlachthof geworden?

Diese Frage interessierte mich und GesprĂ€che mit der Nachbarschaft ergaben, dass Herr Vogler nach Beendigung des 2. Weltkrieges in der sowjetischen Besatzungszone aufwachte, sich dort nicht so wohl fĂŒhlte und mit Auto, TiertransportanhĂ€nger sowie Geld von Stendal Richtung Wendland zog. Das GebĂ€ude der ehemaligen Molkerei war wohl das erste Vogler Fleisch GebĂ€ude in Steine.

Die Firma wuchs und wuchs und nach und nach kaufte Herr Vogler oder schon Herr Vogler jr. – das weiß ich nicht genau – ein Haus nach dem anderen in Steine auf. Teils zu völlig ĂŒberteuerten, marktunĂŒblichen Preisen, die die VerkĂ€ufer auf dem Immobilienmarkt niemals hĂ€tten erzielen können. Wer will schon neben einem Schlachthof wohnen? Quelle: OriginalkaufvertrĂ€ge, die in der Glitzerverwaltung gefunden worden sind.

Na klar, so eine Firma im Wachstum begriffen braucht viel Platz! FĂŒr Verwaltung, fĂŒr Betrieb und fĂŒr Arbeiter. Ist doch praktisch, wenn Arbeiter gleich auf dem BetriebsgelĂ€nde gehalten werden können. Die Arbeiter waren auch nicht direkt bei Vogler Fleisch angestellt, so dass man dann mit den Haltungsbedingungen doch auch nicht mehr so viel zu tun hatte und die Weste einigermaßen weiß blieb. Und Wachstum ist doch gut. Da profitieren ja auch noch mehr Menschen von, z. B. die, die direkt oder indirekt fĂŒr Vogler Fleisch gearbeitet haben, die, die Schweine geliefert haben, die, die sich ĂŒber die schönen Gewerbesteuern gefreut haben etc. pp.

Die Personalvermittlungsgesellschaften rekrutierten die Arbeiter in den Àrmsten Gebieten Polens. Das kann man einer Karte im SchlachthofgebÀude entnehmen, wo die Arbeiter ihre Herkunft mit ihrem Namen markiert hatten.

Ist-Zustand zum Zeitpunkt der Besetzung

In den idyllischen FachwerkhĂ€usern im Rundling waren also die polnischen Arbeiter untergebracht. Es gibt Zimmer ohne Fenster mit Betten. Den langen Namenslisten an den HĂ€usern kann man entnehmen, dass es sich um zumeist mĂ€nnlich gelesene Menschen handelte, in einem Haus lebten allerdings auch 3 weiblich gelesene Menschen. Ich vermute, dass diese in den beiden Zimmern mit den an die WĂ€nde geschriebenen polnischen Lied- / Gedichttexten lebten. In diesen Zimmern gab es ein bisschen „Wohnlichkeit“ in Form von BlĂŒmchengardinen und/oder Deko an den WĂ€nden.

An anderen WĂ€nden in vielen Zimmern bestand die Deko aus mehr oder weniger pornografischen Bildern von Frauen. Seltener Bilder von muskulösen, durchtrainierten, braungebrannten MĂ€nnern. In der zusammengewĂŒrfelten KĂŒcheneinrichtung der HĂ€user stehen noch Lebensmittel und der Auszug scheint relativ ĂŒberstĂŒrzt von statten gegangen zu sein.

Mal abgesehen davon, wie klebrig-aggressiv sich die Energie in diesen HĂ€usern anfĂŒhlt, leidet die Bausubstanz unter dem langen Leerstand gerade massiv. In einem Haus ist vermutlich Schwamm. In einem anderen Haus ist ziemlich marodiert worden. Es wurden Heizungsrohre und Heizungen sowie Elektroverkabelung aus den WĂ€nden gerissen. In allen HĂ€usern stĂŒrzen langsam aber sicher die Decken runter, so dass dringender Handlungsbedarf bestĂŒnde, wenn man die HĂ€user retten wollen wĂŒrde.
Immerhin sind es mit die letzten FachwerkhĂ€user des ehemaligen Dorfes Steine. Ist denn von den Gewerbesteuern noch was ĂŒbrig?

Außer den von außen idyllischen FachwerkhĂ€usern gibt es noch das ehemalige VerwaltungsgebĂ€ude, welches unsere Glitzerverwaltung wurde. Luxus pur! In der Einliegerwohnung gibt es elfenbein-goldfarbene WasserhĂ€hne und eine Badewanne, in die mindestens 3 Menschen passen. Die anderen 2 BĂ€der sind nicht ganz so schick, aber immer noch purer Luxus im Gegensatz zu den Waschgelegenheiten in den ArbeiterhĂ€usern. Das ganze VerwaltungsgebĂ€ude frisch renoviert. Alle BĂŒrorĂ€ume gleichmĂ€ĂŸig grau-weiß, fast alle mit GlastĂŒren ausgestattet.

In den KĂŒchen noch Geschirr und auch vereinzelt Lebensmittel.

Es gibt noch ein weiteres, kleineres VerwaltungsgebÀude, nÀher am eigentlichen Schlachthof gelegen. Auch dieses ist relativ intakt und auch dieses war wohl mal ein ehemaliges Wohnhaus.

Dann gibt es 2 weitere WohnhĂ€user auf der anderen Straßenseite gegenĂŒber der Glitzerverwaltung. Eines renoviert und quasi bezugsfertig. Mit allem, was man so braucht. Waschmaschine, EinbaukĂŒche, Möbel etc. pp. Das ganze Haus ist weiß gestrichen und die Möbel waren grau und von Repo. Es handelte sich zum grĂ¶ĂŸten Teil um AusstellungsstĂŒcke, die dann noch mal runter gehandelt worden sind. Quelle: Preisschilder

Auf den Lehnen der grauen StĂŒhle befinden sich noch die PlastikĂŒberzĂŒge und auch hier gab es in der KĂŒche noch Lebensmittel. Dieses Haus diente der Unterbringung der chinesischen GeschĂ€ftsfĂŒhrung in Steine. Mich persönlich hat es erschreckt, dass sich mindestens ein Kind zeitweise in diesem Haus befunden haben muss. Es gibt keine weiteren Kinder in Steine.

Das andere Wohnhaus befindet sich ebenfalls im beginnenden Verfall durch den langen Leerstand, wĂ€re aber durch schnelle, einfache Maßnahmen noch rettbar. Der Außenwasserhahn an diesem Haus tropft unaufhörlich vor sich hin.

Der eigentliche Schlachthofbetrieb erstreckt sich ĂŒber mehrere Hallen und man fĂŒhlt förmlich das Grauen. Man kann die Tiere noch riechen.

Dann gibt es noch die Nachbarschaft in Steine – alles sehr nette, verstĂ€ndnisvolle Menschen und einen leer stehenden Hof von Erwin, der vermutlich schon zur FirmengrĂŒndung auf diesem Hof lebte. Erwin ist letztes Jahr gestorben.

Wir haben einen Kurzfilmabend veranstaltet und beim Schnippeln fĂŒr die KĂŒfa erzĂ€hlte mir eine Nachbarin eine weitere Geschichte. Sie kennt einen Menschen in der Nachbarschaft, der die Besetzung feiert, leider aber nicht selber kommen konnte. Als Mensch, der nicht in Deutschland geboren wurde, wurde er laut ErzĂ€hlung von Amts wegen gezwungen fĂŒr Vogler Fleisch zu arbeiten. Teilweise in 12 Stunden Schichten, fast immer stehend. Heute sitzt er traumatisiert mit Thrombosen zu Hause.

Bei SpaziergĂ€ngen durch das Dorf war ich sehr oft wĂŒtend. WĂŒtend darĂŒber, dass mir dort die bestehenden VerhĂ€ltnisse in diesem Land sehr deutlich vor Augen gefĂŒhrt werden.

Das Schlachten in Steine hat aufgehört, allerdings gibt es weiterhin eine sehr zentrierte Fleischindustrie, in denen Arbeiter und Arbeiterinnen unter unsÀglichen Bedingungen ausgebeutet werden. Es gibt industrielle Schlachtbetriebe, in denen unaussprechliches geschieht, weil viel zu viele Menschen schweigend mitmachen. Weil diese Menschen in irgendeiner Art und Weise abhÀngig von ihrer Arbeit sind.

Ich fand in Steine auch mehrere GĂ€rten. Einmal den von Erwin. Einmal einen sehr verwunschenen, sehr alten Garten hinter einem Arbeiterhaus und einen mit dem besten Kirschbaum in ganz Steine. Dort habe ich angefangen, einen Garten anzulegen. Ein Garten ist fĂŒr mich persönlich Zukunft.

Schade, dass die Besetzung nur so kurz war. Ich hĂ€tte mich gern noch ein bisschen um den Garten gekĂŒmmert. Die Pflanzen direkt in der Erde werden wohl eine ganze Weile auch ohne Gießen ĂŒberleben, andere werden wohl nicht ĂŒberleben. Und ich hĂ€tte noch mehr Pflanzen einzupflanzen gehabt, da ich momentan kein richtiges zu Hause und damit auch keinen eigenen Garten habe. Falls sich jemand fragt, warum man an einer Dorfbesetzung teil nimmt. Aber das ist nur einer von unzĂ€hligen GrĂŒnden.

Mein persönliches Fazit aus der Besetzung ist:

Leerstand besetzen!!! Dem tÀglich passierenden Unrecht nicht schweigend zusehen!

Meine WĂŒnsche fĂŒr Steine sind:

    ‱ Ein buntes Dorf, wo unterschiedlichste TrĂ€ume und Projekte ausgelebt werden können.
    ‱ Rettung der ehemaligen ArbeiterhĂ€user im Rundling.
    ‱ Errichtung von DenkmĂ€lern fĂŒr die ArbeiterInnen, fĂŒr die geschlachteten Tiere und fĂŒr die Menschen, die es nicht bis Steine geschafft haben, weil unĂŒberwindbare Grenzen sie von Steine trennen und wir sie als Humankapital in diesem Land gerade mal nicht brauchen.
    ‱ EinfĂŒhrung von Tempo 50.
    ‱ Nutzung des vorhandenen Wohnraums.
    ‱ Einrichten eines Fleisch- / Schlacht- / Unrechts-Museums.

Artikel mit Bildern: https://workupload.com/file/53kjQafX2TD




Quelle: De.indymedia.org