Februar 14, 2021
Von FAU Muenster
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Circa 60 Menschen fanden sich am 13.02.20 auf der Engelenschanze zusammen um der letzten anarchisischen Demonstration in der Sowjetunion vor 100 Jahren zu gedenken

Redebeitrag auf der Kundgebung „Staat und Kapital begraben“ 13.02.2020

„Heute ist ein etwas seltsamer Tag, wir gedenken einem Gedenken vor 100 Jahren, der Beerdigung, nicht dem Todestag Peter Kropotkins. Einem Gedenken an einen Anarchisten der selbstverstĂ€ndlich kein AnfĂŒhrer sein wollte, dessen Sarg dann aber ein Achtkilometer langer Trauerzug folgte. Einem FĂŒrsten der nicht kommandierte und dem trozdem viele zuhörten.

Wir möchten gerne mit einem Augenzwinkern eine Anekdote aus Kropotkins Leben erzĂ€hlen, die davon handelt wie die bĂŒrgerlichen AutoritĂ€ten ihn fĂŒr den großen revolutionĂ€ren AnfĂŒhrer nahmen, der er nicht gewesen ist. Nachdem Kropotkin auf beitreiben des russischen Botschafters aus der Schweiz verbannt worden war, ließ er sich fĂŒr eine kurze Zeit in London nieder. Weil sich der revolutionĂ€re Funke dort nicht so recht entzĂŒnden wollte, wurde es ihm aber schnell langweilig und er beschloss, nach Frankreich ĂŒberzusetzen. LĂ€ngst hatte er die Verbindung mit der anarchistischen Bewegung verloren. Seine Ankunft in 1882 traf allerdings mit einer Serie von Riots und Dynamit-Explosionen in Zentral-Frankreich zusammen, die die bĂŒrgerlichen AutoritĂ€ten auf das Erstarken der anarchistischen Bewegung im SĂŒden Frankreichs zurĂŒckfĂŒhrten. Und als Kropotkin just in diesem Moment französischen Boden betrat, konnte man der Bewegung das Gesicht eines bekannten Schriftstellers geben. Kropotkin wurde mit 53 anderen Anarchist*innen angeklagt. Weil man aber keiner*m von ihnen etwas nachweisen konnte – sie hatten mit der Bewegung ja auch nichts zu schaffen – versuchte man, sie anhand eines alten Gesetzes zu verurteilen, das die Mitgliedschaft in der ersten Internationale unter Strafe stellte. Der Staatsanwalt musste eingestehen, dass die Internationale gar nicht mehr existierte. Dennoch verurteilte man die Angeklagten aufgrund ihrer Mitgliedschaft darin. Diese wiederum nutzen den Prozess als eine BĂŒhne und erklĂ€rten: „Halunken, die wir sind, fordern wir Brot fĂŒr alle; fĂŒr alle ebenso UnabhĂ€ngigkeit und Gerechtigkeit.“ Sie appelierten an das Gericht, nicht den Klassenhass zu perpetuieren und wurden zu 5 Jahren Haft verurteilt.

Kropotkins theoretische Überlegungen sind fĂŒr heutige Linke sehr fern, manchmal auch ein bissschen peinlich. Sein unbedingter Glaube an die Wissenschaft und ihren Beitrag zur Revolution – er nahm das aufkommende Postsystem und die Einrichtug von Kanalisationen als anzeichen der heraufkommenden UmwĂ€lzung – ist fĂŒr uns heute oft unverstĂ€ndlich. Er argumentierte zu seiner Zeit gegen die Sozialdarwinisten, die glaubten mit der Evolutionstheorie beweisen zu können dass den Armen keine Rechte, den hungernden kein Brot zusteht. Dagegen setzte er ein wohlwollendes Menschenbild und versuchte ebenfalls mit der Evolutionstheorie zu zeigen, dass das Überleben Aller von gegenseitiger Hilfe und der Kooperation abhĂ€ngt, nicht die StĂ€rksten sondern die Sozialsten ĂŒberleben. SpĂ€testens seit dem ersten Weltkrieg, dem ersten industriellen Krieg und seit den logistisch kalt durchkalkulierten Verbrechen der Shoah, mĂŒssen wir uns eingestehen, dass Fortschritt und AufklĂ€rung keine Einbahnstraße sind, kritisierbar bleiben und auf ihre eigenen emazipatorischen AnsprĂŒche hin geprĂŒft werden mĂŒssen. Der Mensch ist zumindest manchmal dem Menschen ein Wolf, ein Anarchismus der nicht auch schwache, nicht immer nur auf NĂ€chstenliebe bedachte Menschen mitdenkt kann und darf nicht ĂŒberleben. Kropotkins Cent genaue Durchrechnung des 4 Stunden Tages sind heute fĂŒr uns kaum mehr verwertbar, ebenso wenig wie seine detailverliebten Analysen der Pariser Kommune: das meiste ist schlicht historisch ĂŒberholt, wie die meisten wissenschaftlichen, nicht philosophischen Erkenntnisse aus dieser Zeit. Kropotkin dachte ĂŒber die Kollektivierung von Hausarbeit nach, aber die Dekonstruktion der Rolle der Frau im HĂ€uslichen bleibt bei ihm unhinterfragt, spielt fĂŒr ihn keine besondere Rolle. Daher ist fĂŒr uns klar: Wir mĂŒssen eigene Antworten finden, fĂŒr unser Hier und Jetzt, es rettet uns kein höheres Wesen und auch kein Kropotkin, es ist an uns einen neuen, queeren, anti-rassistischen Anarchismus zu entwerfen und vorallem: zu leben! Das heisst auch, bestehende MissstĂ€nde in der eigenen Bewegung nicht zu verschleiern und sich fĂŒr die gegenseitige Kritik zugĂ€nglich zu machen.
Am Tag von Kropotkins Beerdigung, also heute vor genau 100 Jahren, fand sich der grĂ¶ĂŸte  Demonstrationszug von Anarchist*innen zusammen, den die Welt bisher gesehen hat. Ihre schwarzen Fahnen wehten im eisigen Wind und das Schwarz ihrer Transparente hob sich in scharfem Kontrast von den schneebedeckten Straßen Moskaus ab, das der Winter fĂŒr Jahrzente in seiner Gewalt halten sollte. Noch heute lĂ€sst der FrĂŒhling auf sich warten. Der Beerdigungszug erstreckte sich ĂŒber acht Kilometer, wenn man dem Historiker George Woodcock glauben darf. Und in scharlach roten Buchstaben verkĂŒndeten die schwarzen Transparente, dass es dort, wo die Herrschaft besteht, keine Freiheit geben kann. Wir möchten ĂŒber diesen Tag, an dem die Bolschewiki die GefĂ€ngnisse öffneten, gerne als ein letztes AufbĂ€umen der anarchistischen Bewegung denken, als eine Demonstration der StĂ€rke und eine Erinnerung, dass der Ruf nach Freiheit wieder einmal so laut erschallen wird. Eine Parade der Ungebeugten und Aufrechten. Allerdings ist uns auch jedes Held*innengedenken fern, weil die Heroisierung das reale Leid der Menschen verharmlost, die sich nach einem besseren Leben sehnten. Die Prozession im Gedenken an den alten anarcho-Kommunisten, war ebenso eine Anklage der Tyrannei der Bolschewiki.

Ich lese kurz aus dem Bericht eines Augenzeugen vor: „Um die Leiche des großen alten Mannes, die im Gewerkschaftshaus im SĂ€ulensaal aufgebahrt war, kam es trotz Kamenews wohlwollendem Takt zu allerlei ZwischenfĂ€llen. Der Schatten der Tscheka war ĂŒberall, aber eine dichte und hitzige Menge strömte herbei; das BegrĂ€bnis wurde zu einer aufschlußreichen Kundgebung. Kamenew hatte versprochen, alle gefangengehaltenen Anarchisten  fĂŒr einen Tag freizulassen [und Anarchistinnen, möchte ich ergĂ€nzen]; so bezogen Aaron Baron und Jartschuk die Ehrenwache vor der sterblichen HĂŒlle Kropotkins. Mit seinem eisigen Gesicht, der freien hohen Stirn, der schmalen Nase, dem schneeweißen Bart glich er einem schlafenden Magier, wĂ€hrend ringsum schon aufgebrachte Stimmen flĂŒsterten, die Tscheka verletze Kamenews Versprechen, in den GefĂ€ngnissen werde ein Hungerstreik beschlossen, der oder jener sei soeben verhaftet worden, die Erschießungen in der Ukraine gingen weiter 
 Schwierige Verhandlungen wegen einer schwarzen Fahne, einer Rede verbreiteten in dieser Menschenmenge eine Art Raserei. Der lange Zug, von Studenten eingesĂ€umt, die, sich an den HĂ€nden fassend, eine Kette bildeten, setzte sich unter Chorgesang, hinter schwarzen Fahnen, deren Inschriften die Tyrannei anklagten, nach dem Friedhof von Nowodjewitschi in Bewegung. [
]. Aaron Baron, der in der Ukraine verhaftet worden war und am selben Abend wieder ins GefĂ€ngnis wandern sollte – das er nie wieder verlassen wĂŒrde -, erhob seine abgezehrte, bĂ€rtige Silhouette mit der goldenen Brille, um unerbittliche Proteste gegen den neuen Despotismus auszustoßen, gegen die Hinrichtungen in den Kellern, die Entehrung des Sozialismus, die GewalttĂ€tigkeit der Regierung, die die Revolution mit FĂŒĂŸen trete. Furchtlos und leidenschaftlich schien er neue StĂŒrme zu sĂ€en.“
Die Ernte dieser StĂŒrme steht noch aus. Aber wir können von dem Leid der Anarchist*innen lernen, sich nicht mit einer halben Revolution zufrieden zu geben und ebenso wenig mit dem Status quo der bĂŒrgerlichen Freiheiten, die wir heute nur allzuoft gegen die BĂŒrgerlichen selbst verteidigen mĂŒssen. Wir werden nacher noch ausfĂŒhrlicher von dem unsĂ€glichen neuen Versammlungsgesetz hören, das die Landesregierung in NRW plant. Es gibt noch eine anarchistische Bewegung, aber sie ist allzusehr in AbwehrkĂ€mpfen verstrickt. 
Umso mehr freut es uns, dass wir in diesem Jahr eine Delegation der mexikanischen Zappatistas in Europa begrĂŒĂŸen dĂŒrfen. Ein Teil der Delegation, die zu mehr als drei-vierteln aus Frauen* besteht, wird uns auch in MĂŒnster besuchen, um das GesprĂ€ch mit aktivistischen Gruppen zu suchen. In genau einem halben Jahr, am 13. August werden sie der spanischen Regierung in Madrid sagen, dass die Menschen in Mexiko zwar vor 500 Jahren kolonisiert aber niemals besiegt worden sind. Sie wollen die Hoffnung ihres Widerstandes nach Europa tragen. In einem Schreiben erklĂ€ren sie: „Folgendes haben wir entschieden: Dass es wieder Zeit ist, dass die Herzen tanzen, und dass ihre Musik und ihre Schritte nicht die des Bedauerns und der Resignation sind.“
Zur gleichen Zeit, vom 13. bis 15. August werden wir in MĂŒnster einen anarchistischen Kongress abhalten. Er trĂ€gt den schönen Namen „KongressA“ und wird von der FAU, dem Roots of Compassion Kollektiv, den leo’s, EndgelĂ€nde, der Graswurzelrevolution, dem Paul Wulf Freundeskreis und einigen Einzelpersonen organisiert. Lasst uns dort die anarchistischen KĂ€mpfe in MĂŒnster zusammenbringen, von einander lernen, und gemeinsam Strategien fĂŒr eine herrschaftsfreie Praxis entwickeln. 
Im ĂŒbrigen, sind wir der Meinung, dass Nationalstaaten zerschlagen werden mĂŒssen.“




Quelle: Muenster.fau.org