Oktober 26, 2021
Von FAU Flensburg
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Es wird wieder mehr gestreikt – und zwar gerade in Bereichen, die gewerkschaftlich als schwer zu organisieren gelten. Bestes Beispiel ist der anhaltende Arbeitskampf von Fahrradkurier:innen in Berlin, hinter dem die kleine anarchistische Gewerkschaft FAU steht.

«Kagan, du bist gefeuert!», ruft eine junge Frau mit pinkem Fahrradhelm ins Megafon. Um sie applaudiert die Menge, die meisten sind in ihren Zwanzigern, viele aus Spanien, Lateinamerika oder der TĂŒrkei. Manche hĂ€mmern mit Kochlöffeln auf KĂ€sereiben, um noch mehr LĂ€rm zu machen. Und laut sind sie an diesem Oktoberwochenende in Berlin: die Fahrer:innen von Gorillas. Sie demonstrieren vor dem Hauptquartier des Lieferdienst-Start-ups und gegen dessen CEO Kagan SĂŒmer. Denn Gorillas hat gerade 350 Leute entlassen â€“ weil sie angeblich illegal gestreikt haben. Es ist die jĂŒngste Eskalation um das Unternehmen, das rund um die Uhr Lebensmittel bis zur WohnungstĂŒr liefert. Seit im Juni ein Kollege fristlos geschmissen wurde, weil er angeblich zu spĂ€t zur Arbeit gekommen war, legen die Rider:innen immer wieder unter Protest die Arbeit nieder, zeitweise blockierten sie gar die Lager der Firma. Und das ganz spontan: «Wir organisieren uns in 10 Minuten», wie ein Transparent verkĂŒndet. Ein Seitenhieb auf den Werbeslogan des Start-ups, das Lieferungen in weniger als zehn Minuten verspricht.

Die Auseinandersetzungen um Gorillas sind Beispiel dafĂŒr, wie sich ArbeitskĂ€mpfe im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts fĂŒhren lassen: agil, flexibel, öffentlichkeitswirksam. Eben genau so, wie auch die Start-ups arbeiten. Zurzeit gibt es immer mehr Streiks, in ganz Deutschland traten LokfĂŒhrer:innen kĂŒrzlich in den Ausstand; gerade hat das Pflegepersonal eines grossen Berliner Krankenhauses einen Arbeitskampf gewonnen. In den USA stehen in diesen Tagen Zehntausende Angestellte in unterschiedlichsten Branchen vor dem Streik. Es zeichnet sich ein heisser Herbst ab (vgl. «Herbstliche Streikwelle in den USA»). Und besonders viel Aufmerksamkeit erhĂ€lt gerade der Streik der Gorillas-Rider:innen. Sie haben sich im Gorillas Workers Collective zusammengeschlossen. Dieses ist keine Gewerkschaft im eigentlichen Sinne, arbeitet aber eng mit einer Organisation zusammen, auf die in letzter Zeit immer wieder trifft, wer sich mit Streiks und ArbeitskĂ€mpfen in Deutschland und auch in der Schweiz beschĂ€ftigt: die Freie Arbeiter*innen Union (FAU).

Flexible Strukturen

«Ohne die FAU hĂ€tten wir das alles nicht geschafft», vermutet Octavio. Octavio war bis vor kurzem Rider bei Gorillas und von Anfang an beim Gorillas Workers Collective dabei. Der junge Chilene im dunkelgrĂŒnen Hemd hat noch vor der jĂŒngsten Entlassungswelle selbst gekĂŒndigt. In einer Bar in Berlin berichtet er von den schlechten Arbeitsbedingungen. «Mein RĂŒcken tut jetzt noch weh von den schweren RĂŒcksĂ€cken! Den ganzen Tag zwanzig Kilo Lebensmittel auf dem Fahrrad rumzuschleppen und in den fĂŒnften Stock zu tragen, das macht einfach kaputt», sagt er. Dazu gebe es stĂ€ndig UnfĂ€lle, weil die FahrrĂ€der und die RucksĂ€cke des Unternehmens gar nicht fĂŒr diese Arbeit geeignet seien. FĂŒr 9,60 Euro pro Stunde lohne es sich nicht, seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, findet Octavio. An jedem Treffen des Kollektivs sei jemand von der FAU gewesen, bei jedem Schritt habe die FAU den Rider:innen beratend zur Seite gestanden. Wenn sie Fragen hatten zur rechtlichen Situation oder zum Sozialstaat, habe die FAU Antworten gehabt.

Diese Art, in lockeren Gruppen und Netzwerken gewerkschaftlich zu arbeiten, ist vielleicht die beste Antwort auf die heute verbreiteten ArbeitsverhÀltnisse, die von schnellem Wechsel und rechtlichen Unsicherheiten geprÀgt sind. Und die Aktionen der Gorillas-Rider:innen betreffen einen Bereich, der Gewerkschaften seit lÀngerem besonders Kopfzerbrechen bereitet: den Dienstleistungssektor. Hier sind die Löhne tief, die gesetzlichen Grundlagen schwammig. Die Arbeit ist zwar anstrengend, aber einfach zu lernen, also sind Angestellte leicht zu ersetzen. Sie bleiben meist nur kurz in einem Betrieb, viele sind Migrant:innen, deren rechtliche Situation schwierig ist. Wenn man mit Soziolog:innen spricht, verwenden diese oft folgende Metapher: Das neue Dienstleistungsproletariat ist wie ein Bus, der in der Stadt herumfÀhrt. Der Bus ist zwar immer voll, aber an jeder Haltestelle steigen Leute ein und aus. Wenn nie dieselben Leute im Bus sitzen, sieht man sich auch nicht als gemeinsame Gruppe, als Klasse.

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Quelle: Fau-fl.org