Oktober 3, 2022
Von Contraste
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Es sind immer noch vor allem Abwehrk├Ąmpfe, die gefl├╝chtete Menschen hierzulande f├╝hren m├╝ssen. So wehren sie sich unter anderem gegen Abschiebungen, Residenzpflicht und die Lebenssituation in Sammelunterk├╝nften. Doch in ihren K├Ąmpfen schaffen die Gefl├╝chteten neue, sichere R├Ąume, um sich gegenseitig zu st├Ąrken.

Regine Beyss, Redaktion Kassel

┬╗Niemand wei├č besser, wo der Schuh dr├╝ckt, als der, der ihn tr├Ągt┬ź, zitiert Rex Osa ein bekanntes Stichwort. Osa hat 2010 den Verein ┬╗Fl├╝chtlinge f├╝r Fl├╝chtlinge┬ź mitgegr├╝ndet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Plattformen f├╝r den Austausch von Gefl├╝chteten untereinander zu schaffen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Selbstbestimmung der Betroffenen und ein Verst├Ąndnis f├╝r kollektive Solidarit├Ąt im Kampf gegen alle Formen von Diskriminierung. Au├čerdem soll der staatlichen Propaganda, die Gefl├╝chtete als eine ┬╗Gefahr f├╝r die Gesellschaft┬ź darstellt, die Perspektive der Betroffenen entgegengehalten werden.

Durch den Ukraine-Krieg hat sich dieser Diskurs scheinbar verschoben: Alle m├Âglichen Hebel wurden in Bewegung gesetzt, um Gefl├╝chteten aus der Ukraine ihr Ankommen in Deutschland zu erleichtern. So bekommen sie seit dem 1. Juni Leistungen aus dem regul├Ąren Sozialhilfesystem anstatt nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. ┬╗Das ist gut ÔÇô andere Gefl├╝chtete aber profitieren weiterhin nicht davon┬ź, kritisiert Pro Asyl. ┬╗Auch gefl├╝chtete Menschen aus anderen L├Ąndern sollten ins Sozialhilfesystem integriert werden. Denn die Menschenw├╝rde gilt f├╝r alle.┬ź

Die Menschenw├╝rde ist allerdings in vielen F├Ąllen nicht die Leitlinie, an der sich die deutsche Asylpolitik orientiert. Das zeigt sich zum Beispiel in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) in Freiburg, wo Gefl├╝chtete tagt├Ąglich mit Zimmer- und Taschenkontrollen, schlechtem Essen, Verboten und Isolation konfrontiert sind. Einige haben sich deshalb entschieden, gegen die Hausordnung der LEA zu klagen. Im Interview erz├Ąhlen Ba, Emmanuel und Quasie, was sie dazu bewogen hat und was sie sich davon versprechen (Seite 12).

Einen solchen Schritt zu gehen, ist ein Wagnis, das viele Gefl├╝chtete nicht eingehen wollen und k├Ânnen. Nicht zu unrecht machen sie sich Sorgen, dass sich politisches Engagement negativ auf ihre Bleibeperspektive auswirken k├Ânnte. Angst und mangelnde politische Erfahrung f├╝hren immer wieder dazu, dass die Betroffenen keine M├Âglichkeit sehen, etwas an ihrer Situation zu ├Ąndern, berichtet Rex Osa im Gespr├Ąch mit CONTRASTE (Seite 10). Doch das Netzwerk ┬╗Fl├╝chtlinge f├╝r Fl├╝chtlinge┬ź bietet Unterst├╝tzung in Form von Beratung, Begleitung und regelm├Ą┬ş├čigem Austausch, um sich gegenseitig zu st├Ąrken und aktiv zu werden. Das f├╝hrt mitunter zu so erfolgreichen Aktionen wie den ┬╗Whistles of Hope┬ź in Osnabr├╝ck, wo Gefl├╝chtete gemeinsam Abschiebungen verhindern konnten (Seite 11).

Auch die ┬╗Women in Exile & Friends┬ź (Seite 9) setzen vor allem auf Empowerment. Seit 20 Jahren versucht der Verein mit Workshops, Demonstrationen und Veranstaltungen die Stimmen von gefl├╝chteten Frauen* h├Ârbar zu machen. Wichtig sind daf├╝r neben der ├Âffentlichen Wahrnehmung vor allem gesch├╝tzte R├Ąume, in denen sich die Frauen* austauschen k├Ânnen und merken, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind. Auf dieser Grundlage k├Ânnen sie politische Forderungen formulieren und auch ihre eigene Situation verbessern.

Damit gr├Â├čere gesellschaftliche Ver├Ąnderungen m├Âglich werden, m├╝ssen allerdings wir alle aktiv werden. Es sei notwendig, dass sich jeder Mensch seiner Privilegien und M├Âglichkeiten bewusst wird und diese nutzt, um R├Ąume f├╝r eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen.


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Quelle: Contraste.org