Mai 24, 2022
Von Paradox-A
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Goldman macht mir eine Ansage

Dann werde ich also auf die anarchistische Buchmesse fahren um meine Gedanken zu prĂ€sentieren und Mitte Juni in den Norden, um ein paar Veranstaltungen zu machen. Eigentlich wĂŒrde ich nur so etwas machen, Seminare geben und Texte zu meinen Themen produzieren – wenn ich denn davon leben könnte. Das hat zumindest insofern einen gewissen Wert, als das anarchistisches Denken am Leben gehalten, weiter gegeben und auch weiter gedacht wird. Und im deutschsprachigen Raum gibt es nun mal wenige Menschen, die dies als ihre Aufgabe erachten und mit erlernten theoretischen FĂ€higkeiten verbinden können. Das ist auch verstĂ€ndlich. Der Fame fĂŒr nicht-institutionell angebundene anarchistische Intellektuelle, die sich nicht als besonders krass inszenieren, sondern besonders bodenstĂ€ndig sein wollen, hĂ€lt sich sehr in Grenzen. Die paar Fans sind oftmals nicht zahlreicher als die paar Hater, die eine Strohpuppe in mir gefunden haben. Meine Bezahlung ist
 nun ja, im Wesentlichen ein moralisch gutes GefĂŒhl, mit meinen FĂ€higkeiten und meiner Seinsweise etwas sinnvolles gemacht zu haben.

Ich bilde mir manchmal ein, damit in manchen FĂ€llen auch die lokalen Szenen zu bestĂ€rken, weil sie dann etwas Thematisches nach außen hin anbieten können. Schwierig ist es aber, wenn lokale A-Gruppen gar keine Aktiven hervorbringen, die mit einer gewissen Bildung in der Öffentlichkeit auftreten und sprechen können. Jetzt, wo ich sogar den langen, zermĂŒrbenden Weg der Promotion gegangen bin, wĂ€re ich vermutlich sogar in der Position, Genoss*innen in anarchistischer Theorie und Veranstaltungen auszubilden. Soll ich das aber wieder – wie gewohnt – alleine angehen? Es gibt auch Menschen, die auf einem Ă€hnlichen denkerischen Level wie ich unterwegs sind. Diese sind aber wiederum nicht so aktivistisch eingestellt, als dass sie Anarchismus als potenziell sozial-revolutionĂ€re, organisierende, vermittelnde und radikalisierende Kraft innerhalb emanzipatorischer sozialer Bewegungen begreifen. Sie machen vielleicht auch mal eine Veranstaltung, einen Text oder intervenieren in eine Debatte. DarĂŒber hinaus denke ich aber, dass sie sich deutlich besser um sich kĂŒmmern und mit der Gegenwartsgesellschaft arrangieren können, als ich. Das ist allerdings erst mal eine Unterstellung von einem chronischen Nörgler.

Solche Überlegungen gehen mir jedenfalls durch den Kopf, als ich im Infoladen meines Vertrauens abhĂ€nge, um mir die Zeit zu vertreiben. Plötzlich schwingt die TĂŒr auf und Goldman kommt stĂŒrmisch in den Raum. Ich merke gleich, sie ist unter Strom, energetisch und sauer. Sie stopft ein BĂŒndel mitgebrachte Plakate in ein Regal, was offenbar der Anlass fĂŒr ihren Besuch ist, wendet sich dann aber mir zu und fragt bissig, aber nicht unsolidarisch: „Na Herr Doktor, was macht die Agitation?“ Ich antworte, dass ich fĂŒr Mitte Juni eine kleine Vortragsreise plane, schon etwas aufgeregt bin deswegen, mich aber freue, zu diesem Anlass mal raus zu kommen. „Und was macht das Selbstmitleid und das Kreisen um dich selbst, lost boy?“, hakt Emma weiter nach. Und ich merke, dass ich ruhig bleiben sollte, weil es uns beiden nichts bringen wĂŒrde, hier und jetzt in eine Konfrontation zu gehen. Also antworte ich: „Wenn du schon nachfragst, das Übliche: Die Arbeit, die Wohnung, der Sinn und die Liebe. Vor allem die Liebe. Ich weiß eigentlich nicht, wo ich anfangen soll, diese Baustellen anzugehen.“

Sie darauf hin: „Und aus kritischer MĂ€nnlichkeit wurde wieder mal nichts, ja? Zeit fĂŒr Selbstmitleid haste, aber keine fĂŒr Selbstsorge? Meine GĂŒte, wenn ich nur halb so viele Genossen wie dich emotional durchbringen mĂŒsste, hĂ€tte ich auch mal wieder Zeit fĂŒr die eine oder andere Mußestunde neben dem Vollzeitaktivismus.“ Darauf erwidere ich: „Jetzt gib mir aber auch mal ne Chance zur Weiterentwicklung! Wenn du mich an den alten MaßstĂ€ben misst und in Kategorien presst, die du bei anderen Cis-MĂ€nnern kritisierst, hab ich doch gar keine Möglichkeit, weiter zu kommen. Aber ja, wenn ich meine Selbstzweifel einfach ĂŒber Bord werfen und so tun könnte, als wenn ich voll den Plan hĂ€tte, nicht am struggeln wĂ€re und so weiter, kĂ€mst du als emanzipierte Frau besser darauf klar. Dann wĂŒsstest du wenigstens, dass dieser Mann ein Mann ist. Und nicht so ein lĂ€diertes Wrack in der mĂ€nnlichen Hierarchie, wie ich.“

Doch Goldman lĂ€sst nicht so leicht locker und ist im StreitgesprĂ€ch erprobt wie kaum eine andere Genoss*in, die ich kenne. „Was fĂŒr Ausreden, was fĂŒr Ablenkungsmanöver! Ja dann sei doch verdammt noch mal ein Kerl, wenn du es nicht sein lassen kannst, aber emanzipiere dich von der Geschlechterhierarchie indem du aktiv gegen sie vorgehst!“ „Gut okay“, antworte ich. „WĂŒrdest du mir einen Hinweis geben und mir sagen, wo ich anfangen kann?“. „Ja, aber nur weil ich bei dir noch Potenzial sehe. Und sicherlich ist es nicht an sich meine Aufgabe! Also fang doch meinetwegen in der Theoriearbeit an und in den Geschichtchen ĂŒber die Genossen, denen du jetzt allen noch mal begegnet bist. Sorel, Bakunin, Kropotkin, Landauer, Stirner, Pouget, Most, Malatesta – alles Typen. Darunter gibt’s die antifeministischen Anarchos wie Sorel und Most – vor allem Most, dieser Arsch – und die patriarchalen VĂ€terchen wie Kropotkin und Landauer. Bakunin hĂ€tte mal sein Selbstbild reflektieren sollen, Pouget ist so nen NebenwidersprĂŒchler und Stirner kann keine strukturellen UnterdrĂŒckungsverhĂ€ltnisse sehen. Und was du ĂŒber Malatesta denkst 
 naja, sagt wohl eher was ĂŒber deine HeteronormativitĂ€t aus, als ĂŒber ihn.“

„Ja, so sieht’s aus“, sage ich. „Ich stimme dir zu. Es sind alles MĂ€nner, ein Verein weißer Cis-Typen. Also im Grunde genommen ein MĂ€nnerbund. Und wenn du das kritisierst, wirst du gleich wieder als die Alibi-Anarchistin gesehen, die sich um den Feminismus im Anarchismus zu kĂŒmmern hĂ€tte, obwohl du eigentlich auch ganz andere Themen hast. Das ist scheiße, zugegeben. Aber es Ă€ndert doch nichts daran, dass mich diese Genossen geprĂ€gt und beeindruckt haben, nun ja, dass sie eben auch geschrieben haben und ich mich jetzt darauf beziehen kann. Und in gewisser Weise muss ich mich auch auf sie beziehen, denn Anarchismus sollte schon so dargestellt werden, wie er historisch auch – ich sage: auch, nicht: nur – war.“

Emma wird nun etwas ruhiger, vielleicht weil sie merkt, dass ich in dieser Lebensphase besonders mit mir selbst zu hadern habe. Und es wohl auch rĂŒber kommt, dass ich gar nichts zu verteidigen habe am Typen-Verein. „Nun gut, also das Wesentliche ist doch die Auseinandersetzung, ich denke, das sehen wir ganz Ă€hnlich. Genosse bleibt Genosse beziehungsweise Genossin, auch mit seinen und ihren Schwierigkeiten. Als Anarchist*innen haben wir ja alle unsere PĂ€ckchen zu tragen. Und das ist in Ordnung, denn gesamtgesellschaftliche Emanzipation muss immer mit der VerĂ€nderung von Einzelnen einhergehen und durch ihre individuelles Engagement getragen werden. Deswegen stehen wir ja nicht fĂŒr eine Politik der Masse ein, sondern plĂ€dieren fĂŒr aktive, gut organisierte und reflektierte Minderheiten. Sie können den erforderlichen, grundlegenden Wandel bringen, wenn sie sich aufeinander beziehen und miteinander verbĂŒnden. Das bedeutet dann aber auch: Den Strich zu ziehen zu reaktionĂ€ren KrĂ€ften, etwa Antifeministen, Homophoben, Verschwörungsmythologen und Antisemiten in den eigenen Reihen.“

Und so verstricken wir uns noch eine gute Weile in ein tieferes GesprĂ€ch ĂŒber dies und jenes. Wir kotzen zum Beispiel noch mal ĂŒber die antiimperialistischen Tankies und Putin-Versteher ab, wĂ€hrend wir zugleich darum wissen, dass unsere Leute in der Ukraine leider nicht viele sind und sich in einem großen Widerspruch befinden. Damit umkreisen wir das Thema, weshalb es so schwierig ist, heute antinationale Perspektiven aufzumachen – stellen dann aber wiederum fest, dass es in frĂŒheren Zeiten auch nicht leicht war, solche aufzumachen. Es ist schön bei Goldman, dass wir uns streiten und uns dann trotzdem wieder ĂŒber (anti-)politische Themen austauschen können, was zugleich unsere eigenen GefĂŒhle, unsere Traurigkeit, Wut, Freude und Hoffnung, dazu einschließt. Auf diese Weise ist es fĂŒr mich auch einfach einzusehen, dass ich mich noch persönlich in einiger Hinsicht weiterentwickeln muss. Als auch, dass ich eine ansprechendere und angemessenere Theorieproduktion betreiben will, in der andere Perspektiven einbezogen werden. Dass ich dabei ein weißer, akademischer Mann bin, ist ja nicht der Punkt, sondern ob ich meine, aus diesen GrĂŒnden eher etwas zu sagen zu haben, als andere.




Quelle: Paradox-a.de