Juni 1, 2022
Von Emrawi
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Wir wollen den bevorstehenden Internationalen Hurentag, den 2. Juni, nutzen, um zur Solidarisierung mit Sexarbeiter*innen und ihren KĂ€mpfen aufzurufen.

Am 2. Juni 1975 besetzten in Lyon (Frankreich) Sexarbeiter*innen ĂŒber mehrere Tage eine Kirche, nachdem sie vermehrt Opfer von Polizeirazzien wurden. Seitdem wird an diesem Tag der International Sex Workers Day begangen, um einerseits gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung, andererseits gegen die ausbeuterischen Arbeits- und LebensverhĂ€ltnisse von Sexarbeiter*innen zu protestieren und mehr Rechte fĂŒr Sexarbeiter*innen zu fordern.

Unsere KĂ€mpfe zu verbinden ist uns besonders wichtig, da aktuell viele LĂ€nder in Europa das 1999 in Kraft getretene „Schwedische Modell“ zum Vorbild nehmen. Unter dem Deckmantel feministischen Denkens wird vorgegeben, das Patriarchat abschaffen zu wollen, indem der Sexkauf verboten wird. Ein Gesetz gegen den Kauf von Dienstleistungen bestraft jedoch nicht nur die KĂ€ufer*innen (vornehmlich Cis-MĂ€nner), sondern auch die Anbieter*innen sexueller Dienstleistungen. ErgĂ€nzend zum Sexkaufverbot und der de facto Illegalisierung von Sexarbeit verunmöglicht das sogenannte „Kuppeleigesetz“ es, RĂ€ume an Sexarbeiter*innen zu vermieten, was deren Arbeit quasi verunmöglicht und Betroffene hĂ€ufig weiter in die gesellschaftliche Unsichtbarkeit drĂ€ngt.

Die so befeuerte Kriminalisierung und Repression von Sexarbeit fĂŒhrt nicht zur Beendigung derselben, sondern macht sie fĂŒr ihre Akteur*innen prekĂ€rer und gefĂ€hrlicher durchzufĂŒhren. Die Schaffung von Verbotszonen in Wien, die den Straßenstrich vom zentral gelegenen Prater in die Außenbezirke Wiens verlagerte, wo Sexarbeiter*innen keinerlei Infrastruktur zur VerfĂŒgung steht, ist ein eindrĂŒckliches Beispiel fĂŒr diese Entwicklung. Die buchstĂ€bliche VerdrĂ€ngung und Unsichtbarmachung bestimmter Arbeiten nach dem Motto „Was wir nicht sehen, betrifft uns nicht“, ist Teil der Logik von Carearbeit bzw. ihrer Ausbeutung. Sexarbeit als Arbeit anzuerkennen, bedeutet, diese Arbeitsbedingungen zu bekĂ€mpfen. Sie als bestimmte Form von Arbeit – als Carearbeit – zu verstehen, bedeutet, die enorme gesellschaftliche Abwertung und Unsichtbarmachung dieser Arbeit sichtbar zu machen und zugleich ihre Spezifik, das Zusammentreffen verschiedener AusbeutungsverhĂ€ltnisse, im Vergleich zu anderen TĂ€tigkeiten nicht auszublenden.

Care/Sorge/Reproduktion


Im Folgenden schreiben wir abwechselnd und teils synonym von Care-, Sorge- und Reproduktionsarbeit, weil wir diese Debatten nicht trennen wollen. Außerdem wollen wir damit der KomplexitĂ€t von Care/Sorge/Reproduktion gerecht werden und Offenheit in ihrer Analyse bewahren.

Wir verorten uns mit der Verwendung von Care und Sorge in Debatten um Soziale Reproduktion und setzen uns damit in Bezug zu wichtigen KĂ€mpfen von Feminist*innen aus den 70er und 80er Jahren und ihren Fragen zu Kapitalismus, Ausbeutung und Geschlecht. Zentral dabei war die Erkenntnis, dass der Kapitalismus auf vergeschlechtlichten Trennungen in Lohnarbeit/produktive Arbeit und Reproduktionsarbeit/unproduktive Arbeit, sowie der Aufspaltung von Öffentlichkeit und Privatheit beruht. Produktive Arbeit, also im klassischen Sinne herstellende Arbeit, wurde historisch als mĂ€nnliche SphĂ€re durchgesetzt und der Öffentlichkeit zugeordnet. Ihr gegenĂŒber galt und gilt die reproduktive SphĂ€re als Private und traditionell weiblich assoziierte SphĂ€re. Dieser SphĂ€re wird in der marxistischen Auslegung die Wiederherstellung von Arbeitskraft (etwa durch Kochen) oder ganzer Lebenszyklen (durch GebĂ€ren) zugerechnet und als unproduktive Arbeit abgewertet. Und auch historisch haben sich hierarchische Geschlechterrollen maßgeblich durch die VerdrĂ€ngung von feminisierten Körpern aus der Öffentlichkeit und vergeschlechtlichte Arbeitsteilung durchgesetzt. Diese gewaltvolle Konstruktion und ihre Konsequenzen gilt es anzugreifen. Daraus ergeben sich feministische Analysen zu reproduktiver Arbeit als jene Arbeit, die ohne Bezahlung und abgewertet zumeist von Frauen und feminisierten Körpern im Zuhause und der Familie verrichtet wird oder schlecht bezahlt und prekĂ€r auf migrantische Pflege- oder Hausarbeiter*innen ausgelagert wird.

Gleichzeitig knĂŒpfen wir an migrantische, Schwarze bzw. BIPOC, proletarische sowie trans und queere Perspektiven auf Reproduktionsarbeit an, um die oft sehr binĂ€r und weiß/eurozentristisch gefĂŒhrten Debatten herauszufordern und zu ĂŒberschreiten. Denn die strikte vergeschlechtlichte Trennung von mĂ€nnlicher Lohnarbeit/Öffentlichkeit und weiblicher Reproduktionsarbeit/Hausarbeit hat nie fĂŒr alle gegolten und nie in ihrer ‚Reinform‘ existiert. Sie ist ein bĂŒrgerliches, weißes und patriarchales Ideal. Nie konnten (und wollten) sich alle Menschen in diese Zweiteilung fĂŒgen!

Schwarze und of Colour Feminist*innen haben aufgezeigt, dass die wirtschaftlichen Bedingungen, die der Unterscheidung zwischen Öffentlich und Privat zugrundeliegen, Frauen of Color selten zugutegekommen sind und das Private eine andere Bedeutung hat [FN1]. FĂŒr von Armut Betroffene und Arbeiter*innenfamilien ließ sich die Trennung ebenso nicht aufrechterhalten, weil das Private nicht unbedingt mit zu Hause und das Öffentliche nicht unbedingt mit Arbeit verknĂŒpft wurde. Zugleich hat die Transnationalisierung von Arbeit und Care dazu gefĂŒhrt, dass reproduktive TĂ€tigkeiten wie Reinigung, Pflege oder Kinderbetreuung am Markt von jenen gekauft werden können, die es sich leisten können und auf diese Weise großteils an migrantisierte Hausarbeiter*innen oder PflegekrĂ€fte ausgegliedert wird.

FĂŒr trans, inter oder queere Personen fand Reproduktions-/Care-/Sorgearbeit schon immer jenseits der binĂ€ren Trennung mĂ€nnlicher Öffentlichkeit und weiblicher Privatheit statt: beispielsweise nicht in der Form klassischer Hausarbeit in der Hetero-Ehe und Kernfamilie, sondern als Community-Care, mit dem Ziel in einer cis- und heteronormativen Welt zu ĂŒberleben.

Mit diesen Kritiken wird einmal mehr deutlich, wie komplex intersektionale Herrschaftsmechanismen zusammenwirken und die Trennung in zwei getrennte vergeschlechtlichte Bereiche immer gewaltvoll durchgesetzt, und als Ideal wirkmĂ€chtig war. Wir verstehen Care-/Sorge-/Reproduktionsarbeit als gesellschaftlich notwendige Arbeit, die fĂŒr das Fortbestehen und Überleben der Gesellschaft, von Menschen und Communities notwendig ist. Im Kapitalismus wird Reproduktionsarbeit notwendigerweise abgewertet, um sie maximal ausbeutbar zu machen. Diese Abwertung und Ausbeutung ist z.B. durch das Ideal und die Institution der bĂŒrgerlichen Hetero-Kernfamilie abgesichert, sie wird mit Zuschreibungen von Privatheit, Liebe, Romantik, Erholung und Harmonie (und Nicht-Arbeit) aufgeladen, wie durch den bĂŒrgerlichen Staat, der diese VerhĂ€ltnisse (vergeschlechtlicht und rassifiziert) organisiert. Eine emanzipatorische und widerstĂ€ndige Perspektive auf Carearbeit kann sich dementsprechend nicht darauf ausruhen, sie grundsĂ€tzlich als gut oder schlecht zu bewerten.


und Sexarbeit

Ähnlich facettenreich, wie die angedeuteten verschiedenen Dimensionen der Carearbeit, verhĂ€lt es sich auch mit dem Feld der Sexarbeit – und insbesondere dem Blick auf sie. Sexarbeiter*innen irritieren die Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem und die damit verbundene Disziplinierung und Kontrolle von (weiblicher) SexualitĂ€t, die krampfhaft und moralisierend aufrechtzuerhalten versucht wird. Ihre VerdrĂ€ngung aus der Öffentlichkeit, aus der Sichtbarkeit der bĂŒrgerlichen Mitte, ist dabei nichts Neues, sondern hat die Funktion diese HerrschaftsverhĂ€ltnisse und gesellschaftlichen Trennungen zu stabilisieren. Die Stigmatisierung, Unsichtbarmachung und moralische Abwertung von Sexarbeit folgt einem alten patriarchalen Schema. Die Rollenangebote, die das Patriarchat fĂŒr feminisierte Körper bereithĂ€lt, bewegen sich zwischen Ehefrau und Hure, wie die bĂŒrgerliche ZurĂŒckhaltung der Hysterie gegenĂŒbergestellt wird: Sie sind moralisch aufgeladene Konstrukte, die einer klaren Abwertungslogik folgen, denn was aus der Norm fĂ€llt, wird geĂ€chtet.

Zugleich ist Sexarbeit besonders fĂŒr trans Personen und Migrant*innen mit prekĂ€ren Aufenthaltsstatus hĂ€ufig eine der wenigen möglichen Arbeitsfelder, in denen sie arbeiten können, da sie von dem cis-sexistischen und rassistischen Arbeitsmarkt ausgeschlossen und diskriminiert werden. Sexkaufverbote („Schwedisches Modell“) lösen diese Situation nicht, da sie weder rassistische Migrationsregime aushebeln noch vergeschlechtlichte ArbeitsverhĂ€ltnisse und kapitalistische Ausbeutung bekĂ€mpfen. Der Kampf um politische und Arbeitsrechte ist also insofern nicht „nur“ ein Kampf um Anerkennung, sondern fĂŒr viele marginalisierte Gruppen ein Kampf ums Überleben! Diese KĂ€mpfe mĂŒssen wir gemeinsam und solidarisch fĂŒhren.

Jene, die sich fĂŒr ein Sexarbeitsverbot einsetzen, tragen nicht zu einem Ende von Gewalt bei, sondern stabilisieren gewaltvolle ZustĂ€nde. Die Soziologin Laura MarĂ­a AgustĂ­n spricht von einer „Rettungsindustrie“, die mehr Schaden anrichtet als hilft und sich aus dem Begehren nach Unschuld speist. Es ist das Begehren, kein Freier zu sein und keinesfalls an der UnterdrĂŒckung von ‚Frauen‘ beteiligt zu sein.

Die Debatten um Ausbeutung von Erntehelfer*innen und Personen in Privathaushalten oder am Bau werden selten mit derselben emotionalen Vehemenz gefĂŒhrt. Auch werden mĂ€nnliche Sexarbeiter nicht in derselben Weise viktimisiert und voyeuristisch dargestellt wie ihre weiblichen Kolleginnen. Und auch wenn wir es mĂŒde sind, das erklĂ€ren zu mĂŒssen, nochmals zur Verdeutlichung: NatĂŒrlich reden wir hier ĂŒber Sexarbeit, zu deren AusĂŒbung sich volljĂ€hrige Menschen selbst entscheiden und nicht ĂŒber Menschen-/Frauen-/Kinderhandel. Die Frage nach der Freiwilligkeit von Erwerbsarbeit muss im Kapitalismus ohnehin negiert werden: globale Ungleichheiten, Klasse und Geschlecht verengen die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Branchen noch einmal mehr. Sexarbeiter*innen die Entscheidungs- und ZurechnungsfĂ€higkeit abzusprechen und pauschal zu sagen, dass alle Opfer sind und es nur nicht wĂŒssten, ist allerdings Ausdruck eines patriarchalen Neo-Paternalismus.

Mit der Illegalisierung von Sexarbeit geht die gewaltvolle Repression seitens der Polizei einher. Erniedrigungen, Razzien und polizeiliche Übergriffe gegen Sexarbeiter*innen sind weltweit dokumentiert [FN2]. Der carcerale Feminismus (Elizabeth Bernstein), der die Bestrafung der Freier fordert, richtet sich auch gegen Sexarbeiter*innen. „Aber um wirklich etwas gegen diese Form von Gewalt zu tun, mĂŒssten wir uns als Gesellschaft eingestehen, dass wir bestimmte Formen von Gewalt gegen Frauen zulassen, um den sozialen und sexuellen Wert anderer Frauen zu erhalten“, schreibt Mithu M. Sanyal.

Gemeinsam ist vielen Care-Berufen neben der körpernahen TĂ€tigkeit die vergeschlechtliche Konnotation von Sorge, Liebe und VerfĂŒgbarkeit als vermeintlich natĂŒrliche weibliche Eigenschaft, die als Gegenteil professionalisierter TĂ€tigkeiten dargestellt wird. Sexarbeit als Carearbeit zu benennen bedeutet, auf die Überschneidung rassistischer und sexistischer Arbeitsdiskriminierung zu fokussieren und so Gemeinsamkeiten zwischen der Ausbeutung von (migrantischen) PflegekrĂ€ften, Haushalts- und ReinigungskrĂ€ften und von Sexarbeiter*innen zu betonen. Das politische und strategische Ziel ist, die KĂ€mpfe der Arbeiter*innen zu verbinden, um gemeinsam gegen rassistische, sexistische und kapitalistische Ausbeutung und UnterdrĂŒckung aufzutreten.

Dabei dĂŒrfen wir keineswegs den Fehler machen, Carearbeit (und die ihr zugeschriebenen TĂ€tigkeiten) zu romantisieren oder sie als dem kapitalistischer Logiken entgegengesetzt zu verstehen. Carearbeit findet in AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen statt, die mit extremer Gewalt einhergehen, die tödlich sein können. Gleichzeitig sind reproduktive sorgende TĂ€tigkeiten nicht per se abzuschaffen, nur weil sie in kapitalistische VerhĂ€ltnisse integriert werden, sondern umzugestalten. Sie können uns lehren, uns anders zueinander in Beziehung zu setzen, statt vereinzelt oder in heteronormativen Kernfamilien, und damit die strukturelle Sorglosigkeit des Kapitalismus nicht zu akzeptieren.

Wenn wir Sexarbeit in Beziehung zu Carearbeit stellen, meinen wir nicht, dass mensch automatisch ein Recht darauf hat, seine sexuellen BedĂŒrfnisse befriedigt zu bekommen. Wir denken auch nicht, dass wir per se ein Recht darauf haben, im Alter von einer schlecht bezahlten, migrantischen 24-h-Betreuerin gepflegt zu werden und die Wohnung geputzt zu bekommen. In einer patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft finden wir die Frage nach wahrhaftigen oder legitimen BedĂŒrfnissen nicht zielfĂŒhrend, wir alle sind in unseren WĂŒnschen und AbhĂ€ngigkeiten von dieser Gesellschaft geformt. Carearbeit ĂŒber die LegitimitĂ€t von BedĂŒrfnissen her zu definieren, ist also nicht möglich. Das gilt genauso fĂŒr Sexarbeit. Aus der Perspektive des feministischen Streiks blicken wir aber darauf, unter welchen Bedingungen wer sorgt und wer versorgt wird. Hier können wir von Schwarzen, queeren KĂ€mpfen und der KrĂŒppelbewegung lernen: Wem werden sexuelle BedĂŒrfnisse und Lust ĂŒberhaupt zugestanden? Wem ist es ĂŒberhaupt möglich, unter diesen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen Lust zu leben? Hier eröffnet Sexarbeit abseits von heteronormativen und ableistischen Vorstellungen neue RĂ€ume – was nicht bedeutet, dass nicht auch diese RĂ€ume durch Kapitalismus, Rassismus, Ableismus und Patriarchat vorstrukturiert sind.

Die Tatsache, dass unser Begehren gesellschaftlich hergestellt ist, impliziert, dass es von Normen geprĂ€gt ist und wir selbst lookistische, ableistische, rassistische AusschlĂŒsse mitproduzieren. Doch Sexarbeit vermag auch mit hegemonialen (und heteronormativen) Vorstellungen von SexualitĂ€t zu brechen. Dass es auch queere, trans, inter, nicht-binĂ€re Sexarbeit gibt und auch Sexarbeit von Cis-MĂ€nnern fĂŒr (Cis-)Frauen, wird bei den Debatten meist völlig ausgeklammert.

Das Feld der Sexarbeit ist vor allem deshalb so schwer zu begreifen, weil es so vielfĂ€ltige Formen annimmt, und dort so viele strukturelle Abwertungen zusammenkommen. Deshalb können wir nur kollektiv und im Austausch miteinander verstehen, wie diese komplexen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse zusammenwirken und nur so können wir Werkzeuge zu ihrer BekĂ€mpfung entwickeln. Als AG Feministischer Streik versuchen wir mit dem Mittel des Feministischen Streiks, reproduktive sorgende TĂ€tigkeiten zu politisieren und zu bestreiken. Eine solche Bestreikung bringt alle gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse ins Wanken, die auf ebenjene TĂ€tigkeiten angewiesen sind. Wir halten es fĂŒr notwendig, vor allem KĂ€mpfe in diesen abgewerteten Bereichen zu unterstĂŒtzen und solidarisch mit jenen zu sein, die von gesellschaftlichen AusschlĂŒssen aufgrund dieser Abwertung und Unsichtbarmachung betroffen sind und massive staatliche Gewalt und Marginalisierung erfahren. Denn eine Entsolidarisierung mit Sexarbeitenden ist auch eine Entsolidarisierung mit trans Personen, mit migrantisierten und illegalisierten Menschen, mit Prekarisierten und Marginalisierten.

Die Spaltung von Sorgearbeiter*innen: das Hurenstigma

BĂŒrgerliche Moralvorstellungen spielten und spielen eine wesentliche Rolle bei der Durchsetzung binĂ€rer und hierarchischer GeschlechterverhĂ€ltnisse. Weibliche SexualitĂ€t wurde ins Private gedrĂ€ngt, diszipliniert und tabuisiert. Zwischen der Figur der „Heiligen“ in Form von Mutter/Hausfrau und der „Hure“ im Sinne von Frauen, die ihre SexualitĂ€t öffentlich leb(t)en, hatte und hat wenig Platz. Dies ging und geht einher mit der Konstruktion des öffentlichen Raumes als gefĂ€hrlich und des HĂ€uslichen als sicheren Ort fĂŒr Frauen. Wir wissen u.a. aus unseren Auseinandersetzungen mit patriarchaler Gewalt und Femi(ni)ziden, dass dies eine LĂŒge ist.

Vergewaltigung in der Ehe galt in Österreich bis 1989 nicht als Straftatbestand und auch in den aktuellen Debatten um Sexarbeit zeigt sich die Vorstellung von moralisch richtigem Sex in der romantischen Beziehung, welche als gewaltfrei imaginiert wird, und moralisch falschem Sex, der im Bereich des Öffentlichen und im Austausch fĂŒr Geld stattfindet. TatsĂ€chlich sind beide Formen von Sex (Ehe und Sexarbeit) vertraglich abgesichert und in beiden FĂ€llen spielen oft ökonomische, gesellschaftliche und andere ZwĂ€nge eine Rolle. Die Stigmatisierung und Moralisierung von Sexarbeit und die Darstellung von Frauen darin als passive Opfer, reproduziert diese patriarchalen Dichotomien viel mehr, als dass sie sie bekĂ€mpft. Gerade SexualitĂ€t ist wie kein anderer gesellschaftlicher Bereich von MachtverhĂ€ltnissen, Moral und Scham geprĂ€gt. Scham ist wiederum eine der repressivsten und nutzlosesten Praxen, sie dient ausschließlich dazu, Subjekte entlang der bĂŒrgerlichen Moral zuzurichten und zu disziplinieren.

Precarias a la Deriva, ein feministisches Kollektiv aus Spanien, erklĂ€ren in ihrem Buch „Was ist dein Streik?“, warum die Abwertung von Sexarbeit als Kontinuum des Hurenstigmas gelesen werden kann:

„Sexarbeiterinnen haben traditionell eine Herausforderung der Vertragsbedingungen dargestellt, denn indem sie Sex anboten/fabrizierten, verlagerten sie ihn vom Bereich der Reproduktion in den der Produktion und vom Privaten ins Öffentliche. Das Stigma der Huren rĂŒhrt von dieser Subversion des Geschlechtermandats her, das dem Vertrag eingeschrieben ist, zumal dieser den Frauen ein an Ehe und Reproduktion gebundenes, duckmĂ€userisches Modell der SexualitĂ€t auferlegt. Das Stigma, das dazu fĂŒhrt, dass Prostitution nicht als BeschĂ€ftigung erachtet wird, ebenso wie die Zusammensetzung des Kollektivs der Sexarbeiterinnen (grĂ¶ĂŸtenteils Migrantinnen und oftmals ohne Papiere) und der Mangel an RĂ€umen, in denen diese Profession ausgeĂŒbt werden kann, rufen ernsthafte Arbeitsrisiken hervor. Hier liegt denn auch der Ausgangspunkt fĂŒr die Forderung nach Rechten: Papiere fĂŒr alle, arbeitsrechtliche Regulierung des Sektors sowie spezifische und angemessen Orte zur AusĂŒbung der Arbeit.“

Das Hurenstigma inkludiert nicht nur sexistische und misogyne, sondern auch antisemitische Elemente. ‚Die Sexarbeiterin‘ galt historisch als zweideutige Figur, als Entartete, Asoziale, in der sich Natur und Ware vereint. Hier deckt sich das Bild der Sexarbeiterin mit der Abwertung von Juden*JĂŒdinnen: Das Aufweichen von Geschlechterrollen, bzw. das Verlassen ihres zugewiesenen gesellschaftlichen Platzes, wurde und wird in antisemitischen Narrativen Juden*JĂŒdinnen angehaftet. Wie Karin Stögner in ihrem Essay „Geist und Sexus“ schreibt, wurde die Lust auf Geld sowohl Juden*JĂŒdinnen, als auch Frauen unterstellt. Die Frau, die „ihren Körper verkauft“ und sich dabei noch dazu der Reproduktion entzieht, „höhlt den Volkskörper von innen her aus“. „Zudem widerspricht die Prostituierte dadurch, dass sie Sex gegen Geld und nicht gegen ein Kind gibt, keinen Stammhalter erzeugt, der weiblichen Rolle im bĂŒrgerlichen System der Selbsterhaltung.“

Aus all den genannten GrĂŒnden erscheint uns deshalb wichtig, unsere KĂ€mpfe mit jenen von Sexarbeiter*innen zusammen zu fĂŒhren, statt uns spalten zu lassen. Im Zuge der „Wages for Housework“-Debatten geschah dies bereits. Black Women Wages for Housework haben sich in KĂ€mpfe von Sexarbeiter*innen eingebracht und 1974 schrieb Silvia Federici dazu:

„We want and must say that we are all housewives, we are all prostitutes, and we are all gay, because as long as we accept these divisions, and think that we are something better, something different than a housewife, we accept the logic of the master.“

Wie wir mit RĂŒckgriff auf die KĂ€mpfe und Interventionen von BiPoCs, trans oder der KrĂŒppelbewegung gezeigt haben, ist immer wieder zu reflektieren, wer in diesem „wir“ gemeint ist. Als AG Feministischer Streik stellen wir uns gegen diese Logik und Unterteilung von Carearbeit in „schmutzige“ Sexarbeit und „saubere“ Pflege- und Sozialberufe, denn darin sehen wir eine Reproduktion der Dichotomie „Hure und Heilige“, die in sich sexistisch und misogyn ist, und anhand derer Frauen ĂŒber Jahrhunderte eine selbstbestimmte SexualitĂ€t abgesprochen wurde.

Gegen die Spaltung: gemeinsame politische Perspektiven

Es ist eine zentrale feministische Erkenntnis, dass Carearbeit – sei es Kindererziehung, Pflege von Alten und Kranken, Reinigungsarbeiten, Beziehungspflege – nicht romantisch ist, sondern harte Arbeit, die ebenso in GewaltverhĂ€ltnissen stattfindet. Jede Carearbeit ist zutiefst von HerrschaftsverhĂ€ltnissen durchzogen, insbesondere von Geschlechter- und rassistischen VerhĂ€ltnissen und wird ĂŒberwiegend von feminisierten und migrantisierten/rassifizierten Menschen verrichtet. Sie wird unter großteils prekĂ€ren UmstĂ€nden mit geringem rechtlichen Schutz im informellen Rahmen geleistet. Rassistische Gesetze fĂŒhren zu UnterdrĂŒckung und Diskriminierung, was die Situation am Arbeitsmarkt noch prekĂ€rer macht, die Organisierung zur Durchsetzung ökonomischer Interessen extrem erschwert und dazu fĂŒhrt, dass Menschen unter besonders menschenverachtenden Arbeitsbedingungen ausgebeutet werden.

Mit der Verortung von Sexarbeit im Kontinuum von Carearbeit stellen wir uns gegen die Hierarchisierung verschiedener Carearbeitsfelder. Wir fordern die Aufwertung ALL DIESER prekĂ€ren, vergeschlechtlichten, rassifizierten und abgewerteten (Care-)TĂ€tigkeiten, um die strukturellen Bedingungen, die sie abwerten und ausbeutbar machen, grundlegend zu verĂ€ndern. Es geht schließlich darum, alles zu verĂ€ndern und umzuwerfen! Damit haben wir auch zum Ziel, diese TĂ€tigkeiten und Arbeitsfelder nicht in Konkurrenz zueinander zu stellen und die bestehende Hierarchie nicht zu reproduzieren, die die moralistische Unterscheidung zwischen angeblich ‚reinen‘ und ‚guten‘ (weiblichen) TĂ€tigkeiten und ’schmutziger‘, ‚verwerflicher‘ Arbeit hervorruft.

Feministische ZugĂ€nge dekonstruieren das Bild der romantischen Liebesbeziehung und zeigen deren gesellschaftliche Gewordenheit auf. Die Professionalisierung und vertragsmĂ€ĂŸige Ausverhandlung von Sex ermöglicht die Entschleierung der Romantisierung der SexualitĂ€t, die per se mit Macht zu tun hat. Dennoch: Geht es um Sexarbeit, scheinen auch Linke (pro)Feminist*innen plötzlich ihr romantisches Liebesleben verteidigen zu mĂŒssen – abermals eine moralisierende Wiederholung von „Hure und Heilige“. Um eine emanzipatorische feministische Perspektive entwickeln zu können, muss es doch genau darum gehen, mit Federici gesprochen alle „KĂ€mpfe um Reproduktion zu kollektivieren“ und aus der Brille der (sozialen) Reproduktion, die VerhĂ€ltnisse zu analysieren und kollektiv anzugreifen!

Aus unserer Sicht ist es notwendig, gegen die Spaltung der Sorgearbeiter*innen einzutreten – gerade vor dem Hintergrund, wer diese Arbeit verrichtet, nĂ€mlich vorwiegend Migrant*innen, trans Sexarbeiter*innen und all jene, die permanent vom System ausgegrenzt werden.

Die Kritik, dass KĂ€mpfe oft bei der Forderung nach Anerkennungen und Akzeptanz stehenbleiben, ohne dass eine weitergehende Perspektive entwickelt wird, muss ernst genommen werden und trifft die gesamte aktuelle Linke.

DemgegenĂŒber ist es in dieser Debatte zentral, ĂŒber die wichtige realpolitische Perspektive von Entkriminalisierung, Entstigmatisierung und Institutionalisierung der Interessenvertretung hinauszugehen. Wenn Sexarbeit als Arbeit gefasst wird, sind KlassensolidaritĂ€t, der Kampf um Rechte und die Selbstorganisation der Arbeitenden (also Ausgebeuteten) zentrale Bestandteile der antikapitalistischen Antwort – nicht als Utopie, sondern als notwendige Bedingung der Möglichkeit einer weiterreichenden Perspektive.

Dass (Sex-)Arbeiter*innen von manchen Linken nicht als Subjekte sozialer KĂ€mpfe und KlassensolidaritĂ€t anerkannt werden, sondern nur als passive Opfer, die es zu retten gilt, erstaunt uns. Es fĂŒhrt zu einer weitgehenden Spaltung von Arbeiter*innenkĂ€mpfen und feministischen Bewegungen.

Der Feministische Streik ist fĂŒr uns ein revolutionĂ€res Mittel, indem er KĂ€mpfe verbindet, statt sich auf identitĂ€ren und widerspruchsfreien Posten auszuruhen.

Sexarbeiter*innen organisieren sich! Komm am 2. Juni zum Urban-Loritz Platz und zeig dich solidarisch!

Auf zum 2. Juni! Auf zum Feministischen Streik!

[FN1]: Die nicht entlohnte hĂ€usliche Arbeit von Schwarzen Frauen wurde mehr als eine Form des Widerstands verstanden, denn als eine Form der Ausbeutung durch MĂ€nner, die PrivatsphĂ€re als geschĂŒtzter Bereich, wo Schwarze Frauen frei sprechen konnten. Und auch die Vorstellung von zu schĂŒtzendem Subjekt und hĂ€uslicher Mutter in der reproduktiven SphĂ€re galten nie oder selten fĂŒr Schwarze und of Colour Frauen. „Es sei TrĂ€umerei, sich Schwarze Frauen als einfach als Hausfrauen vorzustellen
“ (Beal 1969) „FĂŒr People of Colour gibt es so etwas wie eine private SphĂ€re nicht, außer der, die sie in einem ansonsten feindlichen Umfeld zu schaffen und zu schĂŒtzen vermögen.“ (Hurtado 1989)

[FN2]: „Sowohl Sexarbeiter:innen als auch geschlechtlich non-konforme/gender non-conforming Menschen wurden sexualisiert, mit KriminalitĂ€t verknĂŒpft, Konversionstherapie und/oder strafrechtlicher Rehabilitierung ausgesetzt und pathologisiert (insbesondere in Verbindung mit Kindheitstrauma und Missbrauch). Sowohl trans Personen als auch Sexarbeiter:innen werden von der Polizei und der bĂŒrgerlichen Justiz immer noch systematisch als Opfer oder als ’nacktes Leben‘ betrachtet. Diejenigen die sie angreifen, vergewaltigen und/oder töten, werden meistens nicht strafrechtlich verfolgt (vor allem, wenn es sich bei den TĂ€tern um Vertreter der Justiz handelt), oder sie werden entlastet, verteidigt, als ob sie selbst angegriffen worden wĂ€ren [
], oder sie werden schlicht fĂŒr nicht verfolgenswert gehalten (vor allem, wenn es sich bei den Opfern um Migrant:innen, Menschen ohne Papiere oder indigene Menschen handelt)“ (Lewis 2017)

Literatur:

Collins, Patricia Hills (1991): Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment. New York: Routledge.

Beal, Frances M. (1969): Double Jeopardy: To Be Black And Female. In: Morgan, Robin (Hg.): Sisterhood is Powerful. An Anthology of Writings from The Women’s Liberation Movement. New York: Vintage Books 1970. S. 382-396.

Dalla Costa, Mariarosa/James, Selma (1973): Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Berlin: Merve.

Federici, Silvia (2012): Aufstand aus der KĂŒche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. MĂŒnster: Kitchen Politics. Edition assemblage.

Hurtado, Aída (1989): Relating to Privilege: Seduction and Rejection in the Subordination of White Women and Women of Color. Signs, 14(4), 833–855. Online: http://www.jstor.org/stable/3174686

Stögner, Karin (2014): Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden: Nomos.

Stögner, Karin (2014): Geist und Sexus. Benjamins Sprachphilosophie als Jenseits des Geschlechterprinzips. Rivista Italiana di Filosofia del Linguaggio, 8(2), 292–303.

Lewis, Sophie (2017): SERF ‘n’ TERF. Online: https://salvage.zone/serf-n-terf-notes-on-some-bad-materialisms/

Sanyal, Mithu M. (2014): Wenn Sex nicht die Antwort ist, was ist dann die Frage? In: Gira Grant, Melissa: Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit. Hamburg: Nautilus.

Precarias a la Deriva (2014): Was ist dein Streik? Militante StreifzĂŒge durch die KreislĂ€ufe der PrekaritĂ€t. Precarias a la deriva. Wien/Linz: Transversal Texts.




Quelle: Emrawi.org