Mai 19, 2022
Von Lower Class Magazine
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Die Gruppe Palestine Action hat sich im Juli 2020 gegrĂŒndet. Ihr Ziel ist es, die britische Komplizenschaft am zionistischen Siedlerkolonialismus in PalĂ€stina und die damit verbundene militĂ€rische Besatzung und Unterwerfung der indigenen Bevölkerung zu beenden. Dieses Ziel verfolgen die Aktivist:innen mittels direkter Aktionen gegen Firmen, die sich an dieser Kolonisierung und der ethnischen SĂ€uberung PalĂ€stinas beteiligen. Die wirkmĂ€chtigste Kampagne ist der immer noch andauernde Kampf gegen Elbit Systems, der grĂ¶ĂŸte israelische private Waffenhersteller. Unser Autor Marik Ratoun hat mit Aktivist:innen der Gruppe ĂŒber den direkten Kampf gegen die britische MittĂ€terschaft am Kolonialismus in PalĂ€stina gesprochen. Die Gruppe plant bald eine Vernetzungsreise nach Deutschland.

Wie kam es zur GrĂŒndung von Palestine Action und warum habt ihr die Notwendigkeit fĂŒr direkte Aktionen gegen an den Verbrechen beteiligte Firmen gesehen?

Im Sommer 2020 fand sich eine Gruppe von Aktivist:innen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammen, die alle das Ziel hatten, den Waffenhandel Israels hier in England und Wales direkt zu beeinflussen. Einige waren bereits an den sporadischen direkten Aktionen gegen Elbit (das seine Waffen als “kampferprobt” an den PalĂ€stinenser:innen vermarktet) in den vergangenen sechs Jahren beteiligt. Wir waren uns alle einig, dass mehr getan werden muss, sowohl was die HĂ€ufigkeit der Aktionen als auch das Ausmaß des Schadens fĂŒr das Unternehmen angeht. Wir hatten viele EinflĂŒsse aus frĂŒheren Bewegungen, aber der jĂŒngste Erfolg von Extinction Rebellion (XR), das so viele Menschen mobilisiert hat, aktiv zu werden und eine Verhaftung zu riskieren, gab uns die unerschĂŒtterliche Überzeugung, dass eine Ă€hnliche, jedoch radikalere und militantere Bewegung fĂŒr PalĂ€stina gebildet werden könnte. Eine Bewegung, die direkt handeln wĂŒrde, anstatt andere zu bitten, den Wandel zu bewirken. Einige der Teilnehmer:innen an diesem Treffen hatten ihre Zeit und Energie in die Mainstream-Politik gesteckt. Nach dem politischen Tod von Jeremy Corbyn kamen sie zu dem Schluss, dass dieser Weg fĂŒr immer verschlossen war. Andere kamen bereits mit der Einstellung zu uns, dass die Mainstream-Politik und insbesondere die Parteipolitik nicht der Weg war, den sie gehen wollten oder den sie als einen Weg sahen, der zum Erfolg fĂŒhren könnte. Alle waren sich einig, dass MĂ€rsche, Demonstrationen, Petitionen und Ähnliches ziemlich sinnlos und irrelevant waren, und die Aktivist:innen sehnten sich nach mehr Aktionen. Viele waren enttĂ€uscht ĂŒber die Standardtaktik der PalĂ€stina-SolidaritĂ€tsbewegung in England und Wales und darĂŒber, dass die an dieser Arbeit beteiligten Nichtregierungsorganisationen nicht radikal, mutig oder risikofreudig genug waren, um einen bedeutenden Wandel zu bewirken.

Und wie habt ihr Euch dann zusammengefunden?

Entscheidend ist, dass Palestine Action mit einer Aktion begann! Eine kleine Gruppe von uns drang in das Hauptquartier von Elbit im Zentrum von London ein, störte den Betrieb und beschĂ€digte das Innere des GebĂ€udes mit Farbe und Graffiti. In der darauffolgenden Woche kehrten wir in die Zentrale zurĂŒck, und von da an gingen die Aktionen immer schneller weiter. Wir haben immer gesagt, dass wir uns auf Aktionen konzentrieren wollen. Wir waren alle schon in Gruppen, die viel geredet, aber nie auf dem Spielfeld gespielt haben. Bei Palestine Action dreht sich alles um direkte Aktion, das steckt schon im Namen!

Mich interessiert ein praktischer Aspekt eurer Arbeit. Wie lange könnt ihr Fabrikhallen halten oder die Produktion von mörderischen Waffen wie z.B. Drohnen sogar unterbrechen? Findet Ihr Eure eigenen Aktionen „erfolgreich“, sind sie vor allem symbolisch?

Unsere Aktionen sind nicht symbolisch. Alle unsere Aktionen zielen darauf ab, die Unternehmen zu schĂ€digen oder zu zerstören, die vom Tod und der Vernichtung des besetzten palĂ€stinensischen Volkes profitieren. Obwohl wir rote Farbe verwenden, um das palĂ€stinensische Blut zu symbolisieren, das Elbit vergießt, verursacht diese Farbe auch materiellen Schaden fĂŒr das Unternehmen. Unsere Besetzungen haben bis zu 6 Tage gedauert und das Werk die ganze Zeit ĂŒber lahmgelegt. Der Schaden, den wir an der Infrastruktur des Unternehmens verursachen, bedeutet darĂŒber hinaus oft, dass es nach unseren Aktionen wochenlang nicht betriebsbereit ist. Wir glauben, dass Wirtschaftssabotage nicht nur gerechtfertigt ist, sondern auch das Einzige, was diese Unternehmen zum RĂŒckzug zwingen wird. Uns geht es darum, materielle VerĂ€nderungen herbeizufĂŒhren, nicht um Stunts, die den Eliten noch gefallen. Die britische Regierung ist schon viel zu lange mitschuldig an den Verbrechen, als dass man sie jetzt plötzlich umstimmen könnte, denn das ist offen gesagt eine Wahnvorstellung. Wir, und vor allem das palĂ€stinensische Volk, haben keine Zeit, das lange politische Spiel zu spielen. Wir schließen diese Orte selbst und wenden uns nicht an andere. Wir haben die Macht, dies selbst zu tun, und immer mehr Menschen erkennen das, schließen sich uns an und werden aktiv.

Ihr habt schon oft Standorte von Elbit besetzt (zuletzt am Nakba-Tag das Hauptquartier in Bristol). Einige Eurer Aktivist:innen waren bzw. sind noch in Gewahrsam und haben Rechtsprozesse am Hals. Wie ist die Repression in UK auf diese Aktionen und wie wehrt ihr Euch dagegen?

Wir haben großartige AnwĂ€lte/AnwĂ€ltinnen! TatsĂ€chlich wurde in England und Wales noch nie jemand erfolgreich strafrechtlich verfolgt, weil er/sie gegen Elbit vorgegangen ist, obwohl ĂŒber 160 Personen wegen verschiedener angeblicher Straftaten wie SachbeschĂ€digung, Einbruchdiebstahl, schwerem Hausfriedensbruch und anderen Dingen festgenommen wurden. Zahlreiche Personen warten auf ihre Gerichtsverhandlung, die sich jedoch stĂ€ndig verzögert. Nur in einem Fall kam es zu einer Gerichtsverhandlung, bei der die Aktivist:innen fĂŒr nicht schuldig befunden wurden, obwohl sie Flaschen mit roter Farbe auf die Fassade des GebĂ€udes geworfen und sich an das Tor gekettet hatten. Der Richter sagte, dass ihre Aktionen verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig waren, wenn man bedenke, was Elbit tue! Wir machen diese Aktionen aber nicht wegen des Gesetzes, sondern trotz des Gesetzes und weil es moralisch richtig ist! Auch bei uns gab es zahlreiche Hausdurchsuchungen, und einige unsere GrĂŒnder:innen wurden im Rahmen der TerrorismusbekĂ€mpfung verfolgt. Die Polizei nahm ihnen unrechtmĂ€ĂŸig ihre PĂ€sse ab. Nur drei Wochen nach der GrĂŒndung von Palestine Action trafen sich hochrangige Regierungsvertreter:innen, darunter der derzeitige stellvertretende britische Premierminister, mit dem israelischen Ministerium fĂŒr strategische Angelegenheiten und diskutierten ĂŒber die Zerschlagung unserer Bewegung. Sie haben auf königliche Weise versagt. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Immer mehr Menschen schließen sich uns an und werden aktiv, egal was der Staat uns vorwirft!

In UK gibt es eine breite SolidaritĂ€tskampagne fĂŒr PalĂ€stina (z.B. die Palestine Solidarity Campaign). Wie ist die Reaktion auf Eure Aktionen in diesem Umfeld, wie im Umfeld der radikalen Linken.

Als Graswurzelbewegung gewöhnlicher Menschen ĂŒberrascht es nicht, dass wir im Allgemeinen keine UnterstĂŒtzung von NGOs oder politischen Gremien erhalten haben. Was wir jedoch haben, ist die UnterstĂŒtzung der Menschen. Menschen, die diese bĂŒrgerlichen Organisationen vielleicht unterstĂŒtzen oder Mitglieder sind, aber die FĂŒhrungen der Organisationen selbst fĂŒhlen sich durch uns und unsere Erfolge bedroht. Sie haben sogar schamlos versucht, uns mit unbegrĂŒndeten Anschuldigungen anzugreifen. Es gibt jedoch einige bemerkenswerte Ausnahmen. So weist z.B. die Feuerwehrgewerkschaft ihre Mitglieder regelmĂ€ĂŸig an, die Polizei nicht bei der Entfernung unserer Demonstranten zu unterstĂŒtzen.

Auch in Deutschland gibt es Standorte von Elbit oder der Firma Heidelberg Cement, die SteinbrĂŒche in der Westbank betreiben und Materialen fĂŒr die zionistischen Siedlungen bereitstellen. DarĂŒber hinaus unterstĂŒtz Deutschland die israelische Regierung sogar direkt mit Waffen und Zahlungen militĂ€rischer Hilfe. Denkt ihr vor diesem Hintergrund, dass eine Ă€hnliche Bewegung in Deutschland notwendig ist und möglich wĂ€re?

Ja, zu 100 Prozent. In der Tat haben wir eine junge Gruppe von Palestine Action Berlin, und es gab auch einen anonymen Anschlag auf das Elbit-GebĂ€ude dort. Wir sehen keinen Grund, warum unser Erfolg hier nicht auf der ganzen Welt als Teil des internationalistischen Kampfes fĂŒr PalĂ€stina nachgeahmt werden kann. TatsĂ€chlich beabsichtigen wir, Deutschland bald zu besuchen, um uns mit Gruppen und Individuen zu vernetzen, GesprĂ€che und Workshops zu fĂŒhren und eine Ă€hnliche Kampagne in Deutschland in Gang zu setzen.

WĂ€hrend der israelischen Welle der Gewalt in PalĂ€stina im Mai 2021 haben italienische Werftarbeiter:innen Waffenlieferungen nach Israel blockiert. Wie kann in diesem Kontext Euer Internationalismus die Befreiung der PalĂ€stinenser:innen vom Kolonialismus unterstĂŒtzen ?

Das war eine wunderbare Aktion und ein weiteres Beispiel dafĂŒr, wie man sich mit direkten Aktionen einmischen kann, ohne andere darum zu bitten. Wir wollen mehr davon sehen! FĂŒr uns gibt es ein paar wichtige Prinzipien, um eine erfolgreiche direkte Aktion durchzufĂŒhren (und wir haben Erfahrung mit einer erfolgreichen Kampagne, nachdem wir die Fabrik von Elbit in Oldham dauerhaft geschlossen haben). Erstens muss sie disruptiv sein, idealerweise schĂ€digend! Sie muss auch nachhaltig sein. Wie wir bereits erwĂ€hnt haben, gab es vor Palestine Action sporadische Aktionen gegen Elbit, die aber kein Dilemma fĂŒr das Unternehmen oder den Staat darstellten, abgesehen von einer leichten Störung konnte ganz normal weiterproduziert werden. Der Nachdruck unserer Aktionen, die Höhe des verursachten Schadens und die schiere Anzahl der Menschen, die sich an der Aktion beteiligten, sind die entscheidenden Faktoren.

Gibt es noch etwas, was Ihr hinzufĂŒgen möchtet?

Wie bereits erwÀhnt, haben wir vor, nach Deutschland zu kommen und bitten daher alle interessierten Gruppen und Einzelpersonen, mit uns in Kontakt zu treten und uns zu GesprÀchen/Workshops einzuladen. Lasst uns gemeinsam aktiv werden!

FĂŒr Kontakt zu Palestine Action: Twitter, Instagram.

#Bildmaterial: Palestine Action




Quelle: Lowerclassmag.com