Oktober 30, 2020
Von Graswurzel Revolution
324 ansichten


Nach Stationen in den Meininger Museen (2015) und im Tivoli Gotha (2018) ist die Ausstellung ĂŒber die Geschichte der BakuninhĂŒtte, nahe Meiningen, seit dem 04.10.2020 im Erfurter Naturfreundehaus Charlotte EisenblĂ€tter zu sehen. Bis zum 30.01.2021 können in Erfurt die den aktuellen Forschungsstand berĂŒcksichtigenden 25 Ausstellungsfahnen besichtigt werden. Eine Kooperation des Wandervereins BakuninhĂŒtte e.V., dem Landesverband ThĂŒringen der Naturfreunde, dem DGB – Region ThĂŒringen, Arbeit und Leben ThĂŒringen und der Sozialistischen Jugend – Die Falken in Erfurt organisierte seit Jahresbeginn die Ausstellung, welche von einem Veranstaltungsreigen umrahmt wird.

Liederabend in Meiningen und

Ausstellungseröffnung in Erfurt

Nach einem Konzert am Vorabend in Meiningen mit musikalisch interpretierten Gedichten des anarchistischen Schriftstellers Erich MĂŒhsam (1878 – 1934) von Isabel Neuenfeldt wurde am Sonntag, 04.10.2020, die Ausstellung „Sich FĂŒgen heißt lĂŒgen! Erich MĂŒhsam und die BakuninhĂŒtte“ eröffnet. Auch die Eröffnung wurde musikalisch durch Isabel Neuenfeldt umrahmt (www.isaneu.de).

Knapp 50 GĂ€ste nahmen an der Ausstellungseröffnung teil. Nicht alle Interessierten konnten sich an diesem Tag die Ausstellung ansehen, da die Teilnehmendenzahl coronabedingt begrenzt war. Um die Veranstaltung dennoch einem möglichst großen Personenkreis zugĂ€nglich zu machen, wurde ein Livestream vom Eröffnungsprogramm in einem zweiten Raum auf einem großen Screen gezeigt. Der Stream ist zu sehen unter: facebook.com/NaturfreundeThueringen/videos.

Die Stationen der Ausstellung

Einer EinfĂŒhrung in die Geschichte des Anarchismus und Syndikalismus folgt ein Streifzug durch FrĂŒhformen der alternativen Lebenskultur, den lebensreformerischen Welten: Wandervogel- und Vagabundenbewegung, Siedlungs- und Genossenschaftsbewegung, Re-‹formpĂ€dagogik, Antimilitarismus, Atheismus, Freie Liebe, Sexualhygiene und Vegetarismus. Mehrere Ausstellungsfahnen berichten ĂŒber Erich MĂŒhsams Leben und Werk und seinen wiederholten Besuchen in Meiningen. NatĂŒrlich wird auch die Geschichte der BakuninhĂŒtte und ihres Erbauerkreises ausfĂŒhrlich dargestellt:

Die BakuninhĂŒtte entstand in den 1920er Jahren auf einer SelbstversorgungsflĂ€che hungernder Arbeiter*innen. Diese kamen aus Meiningen und Umgebung und waren ĂŒberwiegend in der syndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union Deutschland (FAUD) organisiert. Auf dem einstigen GemĂŒsefeld wurde im Laufe der Jahre erst eine einfache SchutzhĂŒtte und spĂ€ter ein Steinhaus gebaut. Es grĂŒndete sich der „Siedlungsverein Gegenseitige Hilfe“.

Schnell verbreitete sich die Kunde von diesem wunderschönen Ort. Neben der sonntĂ€glichen Nutzung als Ausflugsziel fĂŒr Menschen aus der Region und als UrlaubsstĂ€tte fĂŒr Arbeiter*innen aus dem damaligen Reichsgebiet, fanden ĂŒberregionale Treffen u.a. der syndikalistisch-anarchistischen Jugend statt. 1932 wurde der letzte Erweiterungsbau begonnen.

Doch schon wenig spĂ€ter kam es zur Enteignung durch die Nationalsozialisten; bis 1945 diente die BakuninhĂŒtte der SS, der NS-Jugend und Privatpersonen. Nach erneuter Enteignung wurde sie dem SED-Kreisvorstand Meiningen ĂŒbertragen und erst landwirtschaftlich, spĂ€ter von der FDJ, dem Kulturbund und der Bereitschaftspolizei genutzt. Nach der Wende scheiterten BemĂŒhungen um RĂŒckĂŒbertragung und erst 2005 gelang es, das Anwesen zu erwerben. Seitdem bemĂŒht sich der Wanderverein BakuninhĂŒtte diesen Ort wieder der Allgemeinheit zugĂ€nglich zu machen.

Die letzten Stationen veranschaulichen die Nutzung der BakuninhĂŒtte nach 1933, nach 1945 und nach 1990 bis in die heutige Zeit.

Rahmenprogramm

Mit fĂŒnf Veranstaltungen werden einzelne Aspekte der Ausstellungsinhalte fĂŒr Interessierte beleuchtet. Die Veranstaltungen werden ebenfalls als Livestream angeboten. Zwei seien hier kurz vorgestellt:

Dr. Dieter Nelles (Ruhr-UniversitĂ€t Bochum) berichtet ĂŒber das illegale Netzwerk der ITF (Internationale Transportarbeiterföderation) in der NS-Zeit. Die in der ITF organisierten illegalen Gruppen der Eisenbahner, Seeleute, Binnenschiffer und Hafenarbeiter gehörten zu den aktivsten gewerkschaftlichen Widerstandsgruppen und bildeten programmatisch eine eigenstĂ€ndige Richtung des Arbeiterwiderstands. In dem Vortrag wird ein Überblick ĂŒber den ITF-Widerstand von 1933-1945 gegeben und welche Rolle der Meininger Paul Hildebrandt darin einnahm.

Von Sömmerda in ThĂŒringen, einem Zentrum der RĂŒstungsindustrie, handelt der Vortrag von PD Dr. Annegret SchĂŒle (Gedenkort Topf & Söhne, Erfurt): Sömmerda wurde 1919 zu einer Hochburg der Freien Arbeiter-Union Deutschland (FAUD). Die anarchosyndikalistische Organisation verband eine revolutionĂ€re Grundhaltung mit striktem Antizentralismus. Der Vortrag stellt diese außergewöhnliche Entwicklung vor, untersucht die Praxis der FAUD im Kampf gegen den Kapp-Putsch, die RĂŒstungsproduktion und Lohnabbau sowie bei Genossenschaftsprojekten und diskutiert den Umgang mit diesem Erbe in der DDR und im vereinigten Deutschland.

Wanderausstellung

Diese Ausstellung kann nun in zwei Varianten gegen eine NutzungsgebĂŒhr ausgeliehen werden: Entweder auf Rollups oder mit Ausstellungsfahnen zum HĂ€ngen. Der Wanderverein BakuninhĂŒtte stellt interessierten Orten gerne Pressetexte und Layout-Material fĂŒr Plakat und Faltblatt zur VerfĂŒgung: https://bakuninhuette.de/geschichte/ausstellungen

Ein Wanderfreund

Kontakt: ausstellung@bakuninhuette.de

Termine zur Ausstellung auf Seite 23 dieser Ausgabe http://www.naturfreunde-thueringen.de/muehsam“




Quelle: Graswurzel.net