Oktober 12, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Die Welt brennt, der Staat tötet – und wir mĂŒssen lernen, uns umeinander zu kĂŒmmern. Ein GesprĂ€ch ĂŒber die Wichtigkeit gemeinschaftlicher Hilfe, Care-Arbeit und TraumabewĂ€ltigung.
Übersetzt vom englishen Original auf mentalhellth.xyz

Die meisten Menschen, die genug Zeit mit (politischer) Selbstorganisation verbracht haben, wissen, wie undankbar das sein kann. Die Erde brennt, Millionen von Menschen können ihre GrundbedĂŒrfnisse nicht befriedigen und leiden unter Wohnungs- und ErnĂ€hrungsunsicherheit. Eine globale Pandemie hat weltweit mehr als 4 Millionen Menschen getötet, und zu guter Letzt ist der Faschismus auf dem Vormarsch: Überall kĂ€mpfen Menschen um ihr tĂ€gliches Überleben.

Im Grunde genommen ist die Welt im Moment ziemlich schlecht und Aktivist*innen bekĂ€mpfen das wo und wie immer sie das können. Doch der Kampf gegen staatliche Gewalt und die Organisation gegenseitiger Hilfe kann auch unertrĂ€glich werden und zu körperlichem, geistigem und emotionalem Trauma und Burnout fĂŒhren. Deshalb habe ich (Erin) mit Alice, oder GothBotAlice, darĂŒber gesprochen, wie Aktivist*innen sich umeinander kĂŒmmern, fĂŒreinander sorgen und sich gegenseitig durch die Dunkelheit ziehen können, um unserem Weg, die Welt zu schaffen, die wir wollen und brauchen, gemeinsam weiter zu gehen.

Alice identifiziert sich als Mad Femme, Überlebende eines Selbstmordversuchs, Anarchistin, Antifaschistin, Pflegekraft und Autorin. Ihre Arbeit konzentriert sich auf den Abbau von Gewalt- und Zwangssystemen und die Schaffung von Alternativen, die nicht-hierarchisch sind und Autonomie und HandlungsfĂ€higkeit bewahren. They ist auch Mitverfassx von It’s Going Down’s ’This Week in Fascism’. Alice nutzt Kunst und Sprache, um die KomplexitĂ€t und die Überschneidungen von Selbstmord, Wahnsinn und Kultur zu erforschen.

Erin Corbett ist Journalistin und Autorin und berichtet ĂŒber politische Bewegungen und staatliche Repression. Außerdem ist sie sehr mĂŒde.

Dieses Interview wurde bearbeitet und gekĂŒrzt.

Es gibt alle möglichen GrĂŒnde, warum das klinische Modell nicht fĂŒr alle funktioniert. Weil wir zB. nicht von unserem Aktivismus sprechen können, ohne uns in Gefahr zu bringen

Ich habe deinem GesprĂ€ch mit „It’s Going Down“ im MĂ€rz zugehört, in dem du ĂŒber die Rolle von Community Care (zu dt. in etwa: Hilfe aus der und fĂŒr die Gemeinschaft) und gegeinseitiger UnterstĂŒtzung in sozialen Bewegungen sprachst. Kannst du mir mehr ĂŒber dieses Konzept erzĂ€hlen und darĂŒber, warum klinische Modelle der psychischen GesundheitsfĂŒrsorge nicht fĂŒr jede*n funktionieren?

Im medizinischen Modell der psychischen Gesundheit werden Traumasymptome wie AngstzustĂ€nde, Depressionen oder andere Probleme als Teil einer Person angesehen, und als etwas, das behandelt werden muss. Den Menschen wird gesagt: „Du hast diese Krankheit, du bist kaputt, wir mĂŒssen dich behandeln“, und es lĂ€ge in deiner Verantwortung, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die dich gesund machen werde.

FĂŒr manche Menschen macht das Sinn. Ich betrachte die psychische Gesundheit jedoch lieber durch die Brille des sozialen Modells der Behinderung. Dieses betrachtet die ĂŒbergreifenden sozialen Faktoren, die AngstzustĂ€nde, Depressionen und/oder Traumata verursachen. Unsere psychische Gesundheit ist mit der Umwelt verbunden, zum Beispiel bei WaldbrĂ€nden. ErnĂ€hrungsunsicherheit verursacht alle möglichen Probleme, sowohl körperliche als auch psychische. Wenn deine Angehörigen in den industriellen GefĂ€ngniskomplex verstrickt sind oder wenn du in einer Beziehung lebst, in der es hĂ€usliche Gewalt gibt – all das sind soziale Faktoren, die wirklich schlimme Folgen und Auswirkungen auf unsere Gehirne haben. Wenn wir die Erfahrungen im Bereich der psychischen Gesundheit durch diese Brille betrachten, können wir erkennen, dass die BewĂ€ltigung dieser Probleme einen sozialen Wandel erfordert: Wir mĂŒssen dafĂŒr sorgen, dass die Menschen Zugang zu Wohnraum haben, die ErnĂ€hrungsunsicherheit beseitigen und fĂŒr ein stabiles Einkommen sorgen. Wenn wir eine Welt aufbauen, in der all unsere Welten Platz haben, wird auch die psychische Gesundheit sich verĂ€ndern.

Ausserdem denke ich, dass Menschen es verdienen, Optionen und Wahlmöglichkeiten zu haben. FĂŒr manche Menschen ist der Besuch einer*s Arzt*in und Psychiater*in gut. FĂŒr andere, die von ebensolchen Besuchen schon Schaden davon getragen haben, funktioniert es nicht. Es gibt alle möglichen GrĂŒnde, warum das klinische Modell nicht fĂŒr alle funktioniert. Einer davon ist, dass wir vielleicht Aktivist*innen sind, die vom Staat illegalisiert werden, und dass wir nicht mit einer*m Therapeu*in ĂŒber Traumata im Zusammenhang mit unserem Aktivismus sprechen können. Weil wir nicht von unserem Aktivismus sprechen können, ohne uns in Gefahr zu bringen.

Was die Betreuung in der Gemeinschaft angeht: Wenn jemensch eine psychische Krise durchmacht, so ist es sehr schwierig und nicht tragbar, dies einer einzigen Person aufzubĂŒrden, als wĂ€re diese ein Therapeutx. Wir alle mĂŒssen uns dafĂŒr einsetzen, dass wir sicher sind und unsere Autonomie und HandlungsfĂ€higkeit bewahren. FĂŒr manche Menschen ist es das Richtige, ins Krankenhaus zu gehen. FĂŒr mich persönlich weiß mein Peer-Pod (zu dt. in etwa: Bezugsgruppe, KlĂŒngel, Bande), dass sie niemals die Strafverfolgungsbehörden einschalten sollten, und werden alles tun, um mich aus dem Krankenhaus herauszuhalten.

Das zwingt uns auch dazu, unsere GefĂŒhle zu Selbstmord und Selbstverletzung zu hinterfragen. Denn wenn wir ĂŒber den Erhalt von Autonomie und HandlungsfĂ€higkeit sprechen, bedeutet das, dass wir den Menschen die Möglichkeit geben, selbst Entscheidungen zu treffen, auch wenn wir diese Entscheidungen nicht treffen wĂŒrden.

Wie können wir uns gegenseitig besser unterstĂŒtzen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bewegung?

Es ist wirklich wichtig, dass wir Menschen glauben und uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir die Wahrheit herausfinden mĂŒssen. Wenn uns jemensch erzĂ€hlt, was si*er erlebt, können wir glauben, dass es fĂŒr si*hn real ist. So können wir auch von der Verantwortung loslassen, „das Problem lösen zu mĂŒssen“. Wir können unterstĂŒtzend wirken und Raum schaffen, ohne uns die Scheiße einer anderen Person zu eigen zu machen. Die Kehrseite davon ist, dass dafĂŒr gute eigene Grenzen nötig sind. Das hilft uns dabei, andere zu unterstĂŒtzen, und fĂŒr uns selber zu sorgen. Wir können nicht jede*n selber oder alleine unterstĂŒtzen, also brauchen wir UnterstĂŒtzungsnetzwerke.

Bei einem UnterstĂŒtzungsnetzwerke schliesst eins sich einer bestehenden AffinitĂ€tsgruppe oder einem Gruppenchat an und macht dann wiederum ein check-in bei der eigenen UnterstĂŒtzungsgruppe, um fĂŒr sich selbst zu sorgen. Ich habe ein paar Gruppen bei denen ich das gemacht habe. Wir teilten Medikamente, luden uns gegenseitig zum Essen ein und kamen vorbei, wenn jemand Hilfe brauchte. Vielleicht verĂ€ndern wir nicht die Welt, aber wir helfen uns gegenseitig zu ĂŒberleben, indem wir prĂ€sent sind und auf die BedĂŒrfnisse der anderen achten. So wird die Welt weniger zu einem Hindernislauf. Am wichtigsten ist, dass es nicht nur eine Person ist, die UnterstĂŒtzung leistet, sondern dass es drei oder vier Personen sind, die sich umeinander kĂŒmmern. Keine*r von uns muss alleine sorgen.

Wir mĂŒssen lernen, Menschen in ihrem Schmerz zu begleiten. Lernen, die Vorstellung davon zu hinterfragen, was es bedeutet, gesund zu sein. Nicht alle Erfahrungen von Wahnsinn sind Krisen.

Gegenseitige Hilfe erfordert die Einsicht, dass die*r Einzelne und/oder die Gemeinschaft die Expert*innen fĂŒr ihr eigenes Leben und ihre eigenen BedĂŒrfnisse sind. Wie können und sollten wir also dieses Konzept der SolidaritĂ€t auf die psychosoziale Versorgung anwenden, anstatt ein prĂ€skriptives Modell zu verwenden?

Ich denke, wir können darauf vertrauen, dass Menschen in Krisen wissen, was sie brauchen, und es ist auch OK, wenn sie nicht wissen, was sie brauchen.

Wir mĂŒssen lernen, Menschen in ihrem Schmerz zu begleiten. Lernen, die Vorstellung davon zu hinterfragen, was es bedeutet, gesund zu sein. Nicht alle Erfahrungen von Wahnsinn sind Krisen. Auch wenn ich Stimmen höre, SelbstgesprĂ€che fĂŒhre oder große, unangenehme Energie verspĂŒre, heißt das noch lange nicht, dass ich mich in einer Krise befinde. Ich muss die Krise selbst definieren. Wir mĂŒssen in der Lage sein, einander zu vertrauen. Ich bin das genaueste Berichterstattx ĂŒber meine Erfahrungen. Und ich vertraue darauf, dass du di*er genaueste Berichterstatter*in deiner Erfahrungen bist. Und ich weiß mit Sicherheit nicht mehr darĂŒber, was du brauchst, als du selber.

SolidaritĂ€t in der Community Care bedeutet, einfĂŒhlsam zu sein, Fragen zu stellen und neugierig zu bleiben. Wir mĂŒssen nicht alle Antworten haben, aber um die Autonomie zu bewahren, mĂŒssen wir neugierig sein. Wir können uns gegenseitig fragen: „Was brauchst du? Was tut im Moment weh? Was könnte sich jetzt gut anfĂŒhlen? Hast du Angst?“ Wir können uns gegenseitig zutrauen, unsere Erfahrungen genau zu schildern, und das BedĂŒrfnis ablehnen, den Schmerz des anderen in Ordnung zu bringen und ihm Vorschriften zu machen.

Wir können auch die Vorstellung davon erweitern, welche BewĂ€ltigungsstrategien fĂŒr wen angemessen sind. Menschen haben alle möglichen Arten, mit Traumata umzugehen. Viele Leute wĂŒrden dir empfehlen, Wasser zu trinken und tiefe AtemĂŒbungen zu machen. Aber weisst du, was mir hilft, wenn ich eine Panikattacke habe? Eine Zigarette zu rauchen, weil es mir hilft, meine Atmung zu regulieren. Therapeut*innen werden das nicht vorschlagen. Wir können uns darin ĂŒben, offen fĂŒr das zu sein, was Menschen tun, um sich besser zu fĂŒhlen, auch wenn wir nicht dasselbe tun wĂŒrden. Und wenn wir GesprĂ€che ĂŒber Autonomie und HandlungsfĂ€higkeit fĂŒhren, wenn es Menschen gut geht, wird es uns leichter fallen, fĂŒr sie da zu sein, wenn es eben diesen Menschen nicht gut geht.

Eines der Dinge, die mich aufrecht erhalten, ist Care-Arbeit und die Betreuung von Menschen. Selbst in meinem Wahnsinn, selbst wenn es mir nicht gut geht. Ich muss mich dabei einschrĂ€nken, aber das ist meine Gabe, und ich möchte sie teilen. Ich möchte dieses Wissen nicht horten. Jede*r kann und sollte in der Lage sein, eine andere Person zu unterstĂŒtzen.

In meinem Peer-Pod gibt es MĂ€nner, Frauen und nichtbinĂ€re Menschen. Ich habe das große GlĂŒck, eine Handvoll cis MĂ€nner in meinem Leben zu haben, die mich in Krisenzeiten unterstĂŒtzen, aber es mĂŒssen mehr cis MĂ€nner auf den Plan treten. Wir können nicht weiterhin die ganze Verantwortung fĂŒr die emotionale FĂŒrsorge auf Frauen, Femmes, queers und BIPOC abwĂ€lzen. Cis MĂ€nner mĂŒssen ihre eigenen GefĂŒhle bezĂŒglich der Carearbeit hinterfragen. Du kannst gegen die Polizei an der Front kĂ€mpfen, aber du kannst nicht mit deiner Freundin abhĂ€ngen, wĂ€hrend sie sich auf der Couch zusammenrollt? Reiß dich zusammen.

Du hast in letzter Zeit einige Twitter-Threads ĂŒber Care-Arbeit zur Verteidigung der Gemeinschaft gepostet. Kannst du mir mehr darĂŒber erzĂ€hlen?

Care-Arbeit ist ein Oberbegriff. Ich definiere ihn als emotional unterstĂŒtzende Arbeit, die sich mit allen möglichen Dingen befassen kann, mit unsicheren Lebensmitteln und WohnverhĂ€ltnissen genau so wie mit psychischen und physischen Gesundheitsproblemen. Der Aspekt des Schutzes der Gemeinschaft kommt in vielerlei Hinsicht ins Spiel: Wenn wir keinen Zugang zu den Dingen haben, die wir brauchen, um uns sicher zu fĂŒhlen, ist das ein Sicherheitsrisiko.

Die Versorgung und UnterstĂŒtzung der Gemeinschaft ist eine Form der Gemeinschaftsverteidigung und gehört unter das Dach des Antifaschismus. Antifaschistische Arbeit ist hart. Sie macht uns kaputt. Sie macht uns zu anderen Menschen. Die Übernahme antifaschistischer Arbeit verĂ€ndert dauerhaft, wer man ist, und deshalb kann Care-Arbeit einige dieser Dinge ansprechen. Demontieren, stören und zerstören sind wichtige Bestandteile der befreienden und revolutionĂ€ren Arbeit. Aber der Aufbau von Welten und das Schaffen und Konstruieren sind die anderen Teile. Einige der Dinge, die wir tun, sind sehr schmerzhaft, und wenn wir keine Netzwerke schaffen, um uns gegenseitig zu unterstĂŒtzen und durchzuhalten, dann riskieren wir, unsere GefĂ€hrt*innen zu verlieren. Es ist eine wichtige und lebensrettende Arbeit.

Behinderte und Ver_rĂŒckte zu sein lehrt uns immer wieder, dass diese Welt nicht fĂŒr uns gemacht ist.

Wie können wir selbstbestimmte Netzwerke fĂŒr die gemeinschaftliche psychische Gesundheit/Traumabehandlung aufbauen und unterstĂŒtzen?

Ich denke, dass es zunĂ€chst bedeutet, die Stimmen von behinderten und ver_rĂŒckten Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, denn wir haben diese Arbeit bereits getan. Behinderte Menschen wissen, wie man beschissene Situationen ĂŒberlebt; ver_rĂŒckte Menschen wissen, wie man beschissene Situationen ĂŒberlebt – weil wir es mussten. Wenn es also um den Aufbau der Infrastruktur geht, können wir uns an unsere behinderten Freund*innen oder Angehörigen wenden und ihre Erfahrung wertschĂ€tzend annehmen. Behinderte Menschen sind vorbereitet – und auch am stĂ€rksten von Dingen wie dem Klimawandel betroffen. Sie wissen bereits, wie sich die Luft auf sie auswirkt, und sind besorgt ĂŒber den Zugang zu Medikamenten, Fahrten zu Ärzt*innen und all diese Dinge.

Behinderte Menschen mussten bereits NotfallplĂ€ne aufstellen und mit fehlenden Ressourcen zurechtkommen. Es gibt also eine FĂŒlle von Erkenntnissen, die mensch gewinnen kann, wenn mensch einen Schritt zurĂŒcktritt und der Bewegung fĂŒr Behindertengerechtigkeit, behinderten und ver_rĂŒckten Menschen erlaubt, Erfahrungen auszutauschen und darĂŒber zu sprechen, was funktioniert und was nicht.
Und wir alle können auch ganz bewusst daran arbeiten, die Dinge zugĂ€nglich zu machen, denn Barrierefreiheit ist verdammt wichtig. Behinderte und Ver_rĂŒckte zu sein lehrt uns immer wieder, dass diese Welt nicht fĂŒr uns gemacht ist.

Und so gibt es eine Barriere nach der anderen, nach der anderen, nach der anderen. Wir könnten uns den Zugang zu bestimmten Dingen erleichtern, z. B. Essen teilen und Mitfahrgelegenheiten anbieten. Uns gegenseitig helfen, unsere HĂ€user sauber zu halten. Uns auf den schlimmsten Fall vorbereiten und wirklich direkt darĂŒber reden, was unsere GefĂ€hrt*innen wollen, wenn die Dinge schlecht laufen oder wenn wir nicht in der Lage sind, fĂŒr uns selbst kohĂ€rente Entscheidungen zu treffen. Wie können wir uns also mit Menschen umgeben, von denen wir wissen, dass sie uns dabei helfen, diese Situationen so zu meistern, dass es mit unseren Werten und unserer Ethik ĂŒbereinstimmt?

Ich empfehle allen die LektĂŒre von „Care Work: Dreaming Disability Justice“ von Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha zu lesen, vor allem meinen mĂ€nnlichen Cis-Kollegen. Ich möchte, dass die Menschen, die am wenigsten an der emotionalen Betreuungsarbeit beteiligt sind, sich selbst zur Verantwortung ziehen und sich mehr an der Betreuungsarbeit beteiligen, denn wir alle mĂŒssen das tun. Die Menschen, die am wenigsten dazu neigen, Care-Arbeit zu leisten, profitieren doch auch von der Care-Arbeit, die geleistet wird, oder? Die Care-Arbeiter*innen halten unsere Bewegungen zusammen, und wir brauchen UnterstĂŒtzung.

Die Arbeit in der Bewegung ist besser, wenn wir uns unterstĂŒtzt und umsorgt fĂŒhlen.

Wie können Menschen zum ersten Mal mit Care-Arbeit beginnen?

Wenn du bereits Teil von AffinitĂ€tsgruppen oder einer Politgruppe bist, hast du eine Gruppe von Menschen, mit denen du regelmĂ€ĂŸig zu tun hast. In diesem Fall sollten wir darĂŒber sprechen, wie wir uns gegenseitig unterstĂŒtzen können, wenn es zu Streitigkeiten kommt. Lasst uns absichtlich GesprĂ€che darĂŒber fĂŒhren. Frag deine GefĂ€hrtxes: „Was kann ich im schlimmsten Fall tun, um dich zu unterstĂŒtzen? Können wir direkt ĂŒber die UnterstĂŒtzung sprechen, die wir in einer körperlichen oder psychischen Krise brauchen?“

In unserem tĂ€glichen Leben posten wir Shitposts, tauschen Memes aus und teilen die schlimmsten Inhalte, die es gibt. Wir sollten uns auch den verdammten Raum nehmen, um ĂŒber unsere GefĂŒhle zu sprechen und zu planen, wie wir uns gegenseitig unterstĂŒtzen können. Es ist unangenehm, aber sag einfach: „Hey, es ist mir wichtig, dass wir uns alle in diesem Raum unterstĂŒtzt fĂŒhlen.“ Die Arbeit in der Bewegung ist besser, wenn wir uns unterstĂŒtzt und umsorgt fĂŒhlen.

Die andere Seite der Medaille ist die AnonymitĂ€t. Die RealitĂ€t ist, dass wir Antifaschist*innen alle Forscher*innen und Ermittler*innen sind. Wenn eine*r von uns vermisst wird, werden wir wahrscheinlich anfangen zu graben. FĂŒhrt einfach ein paar GesprĂ€che darĂŒber. Erspart den Leuten die Energie und den Kummer, wenn wir einfach sagen können: „Hey, ich habe wirklich zu kĂ€mpfen. Ich brauche xyz.“ Und dann tun wir es alle, weil wir uns selbst schĂŒtzen. Das tun wir, das ist der ganze Sinn unserer Arbeit.

Ich wĂŒrde gerne mehr ĂŒber einen Punkt sprechen, den du in einem deiner Threads erwĂ€hnt hast. Und zwar, dass manche Leute die Vorstellung propagieren, es mĂŒsse weh tun, in der Bewegung zu sein. Woher kommt das deiner Meinung nach? Wie können wir das auflösen?

Das ist nichts als Patriarchat, weiße Vorherrschaft und Kapitalismus. Es ist derselbe Scheiß, neu verpackt, und ich lehne ihn ab. Ich bin nicht hier, um Nazis zu doxxen, bis ich sterbe. Ich will etwas Besseres aufbauen. Einige Menschen, die ich sehr liebe, verletzen sich selbst und gönnen sich keine Pause. Sowas muss aufhören. Welchen Sinn hat es, uns zu organisieren, wenn wir nur die gleichen Systeme, die uns unterdrĂŒcken, neu erschaffen?

Die Leute, die sich keine Pause gönnen, die sich abrackern, die Siege nicht feiern und keine Momente haben, in denen sie Freude und VergnĂŒgen empfinden, die brennen sich selbst aus. Wir verlieren Menschen. Dieser Scheiß hat wirklich Konsequenzen, und ich denke, wir haben etwas Besseres verdient. Wir arbeiten wirklich hart.

Menschen mit marginalisiertem Geschlecht, Schwarze und indigene Menschen – wir mĂŒssen das alles zusammenhalten, und das ist schmerzhaft. FĂŒrsorgearbeit ist wichtig, und es ist wichtig, die Dinge zusammenzuhalten, aber wenn wir die Art und Weise, wie wir uns bewegen, etwas Ă€ndern könnten, wĂŒrden wir uns die Dinge leichter machen.

Ich denke, wir mĂŒssen uns von der Idee lösen, eine andere Person reparieren zu wollen. Wir mĂŒssen lernen, mit unserem Unbehagen umzugehen

Du hast ĂŒber Schadensbegrenzung und Selbstverletzung bei der BewĂ€ltigung von Traumata geschrieben. Wie können wir es besser schaffen, Menschen nicht fĂŒr ihre BewĂ€ltigungsstrategien zu shamen, wenn wir fĂŒr sie da sind?

Ich bin ein großx BefĂŒrwortx der Schadensbegrenzung. Schadensminimierung bewahrt die Autonomie und ist eine Reihe von Prinzipien, die uns dabei helfen, Menschen am Leben zu erhalten, wĂ€hrend sie selbst entscheiden, welche Risiken sie eingehen wollen. Bei TraumabewĂ€ltigung haben wir manchmal keine Wahl, welche Risiken wir eingehen wollen.

Da dies auf Selbstverletzungen zutrifft, werde ich von mir selbst sprechen. Ich bin jemand, der mit chronischer SuizidalitĂ€t lebt. Ich wache damit auf und gehe damit ins Bett. Ich betrachte es als einen extremen Zustand, in dem ich mich immer befinde. An manchen Tagen ist er intensiver als an anderen, aber er ist immer da. Und ich glaube, dass es ein Schutzmechanismus ist. Ich glaube, das wird lauter, wenn ich mich an einem Ort befinde, an dem ich mich unsicher fĂŒhle. Die Stimme wird immer dann aktiviert, wenn ich mich gefangen fĂŒhle, wenn ich nicht in der Lage bin, eine Situation oder einen Ort zu verlassen oder von etwas wegzukommen, das schĂ€dlich ist.

Es kann auch etwas Existenzielles sein, z. B. wenn ich das GefĂŒhl habe, dass ich mein Leben nicht in die gewĂŒnschte Richtung lenken kann. Ich habe nicht nur ein wirklich großartiges Peer-Pod- und UnterstĂŒtzungsnetzwerk und großartige GefĂ€hrt*innen, an die ich mich wenden kann, wenn die Dinge wirklich hĂ€sslich werden, sondern auch eine Reihe von Werkzeugen, die ich benutze, um mit einigen der wirklich lauten, schmerzhaften Suizid-IntensitĂ€ten umzugehen. Einige der Hilfsmittel, die ich benutze, wenn es mir schlecht geht, könnte man als Formen der Selbstverletzung bezeichnen. Ich bin jemensch, dx sich schneidet und Substanzen benutzt, und zwar deshalb, weil Substanzen das Summen in meinem Gehirn dĂ€mpfen und mich verlangsamen. Ich bin nicht in der Lage, Entscheidungen so schnell zu treffen, wie wenn ich nĂŒchtern wĂ€re. Das Schneiden ist etwas, mit dem ich mich ablenken kann. Das GefĂŒhl hilft mir, mein Gehirn neu zu kalibrieren und herauszufinden, was ich sehe und denke. Das hat viele, viele Jahre lang funktioniert und tut es immer noch.

Wenn wir die GrundsĂ€tze der Schadensminimierung auf die von mir genannten Dinge anwenden, wĂŒrden mir die Menschen in meinem UnterstĂŒtzungssystem nicht sagen, dass ich diese Dinge nicht tun soll. Diese Dinge halten mich am Leben, und das ist Schadensbegrenzung. Ich gehe diese Risiken auf die sicherste Art und Weise ein, um grĂ¶ĂŸere Risiken zu vermeiden, die mich umbringen könnten. Schadensbegrenzung könnte bei einigen dieser Hilfsmittel so aussehen, dass ich mir erlaube, nur eine bestimmte Menge zu trinken, und dann bin ich fertig. Ich kann darauf achten, dass ich etwas esse. Ich kann dafĂŒr sorgen, dass ich Erste Hilfe praktiziere und darĂŒber nachdenke, was passiert, wenn ich zu tief schneide. Wie merke ich, wenn ich zu weit gegangen bin? Rufe ich jemensch zu Hilfe? Weiß ich, wie ich mich selbst nĂ€hen kann?

Wenn wir jemenschen unterstĂŒtzen, di*er eine verrĂŒckte, schmerzhafte Sache durchmacht und vielleicht bereit ist, sich auf etwas einzulassen, was wir nicht tun wĂŒrden oder wovon wir vielleicht nicht wollen, dass es passiert, dann geht es darum, wie wir sicherstellen können, dass die Person es auf die sicherste Art und Weise tut. Wir können Fragen stellen, wie zum Beispiel: Was passiert, wenn du zu tief gehst? Machst du danach sauber? Benutzt du sauberes Werkzeug? Wie können wir die Arbeit so sicher wie möglich machen?

Wenn wir ĂŒber unsere GefĂ€hrt*innen in der Krise und ĂŒber Menschen, die uns am Herzen liegen, sprechen, kann diese Sorge und UnterstĂŒtzung die Grundlage des GesprĂ€chs sein. Wir können es als solches ansprechen: „Ich möchte sicherstellen, dass wir dich unterstĂŒtzen können, und ich möchte fragen, ob du bereit bist, mit mir ein GesprĂ€ch zu fĂŒhren. Wenn du dich in der Vergangenheit so schlecht gefĂŒhlt haben, welche Dinge – gute, schlechte und hĂ€ssliche – haben dir geholfen, damit umzugehen?“

Ich denke, wir mĂŒssen uns von der Idee lösen, eine andere Person reparieren zu wollen. Wir sind nicht hier, um irgendetwas zu reparieren. Wir sind dazu da, den Menschen in ihrem Schmerz beizustehen und sie zu unterstĂŒtzen und ihnen zu erlauben, die Risiken einzugehen, die sie eingehen mĂŒssen, um am Leben zu bleiben. Wir können Bedingungen schaffen, die den Menschen helfen, die Auswirkungen des Traumas auf unterstĂŒtzende Weise zu ertragen, aber wir können nicht fĂŒr die Menschen entscheiden, was genug ist, wann es genug ist oder wann es zu viel ist. Wir können fĂŒr die Menschen, die wir lieben, alles tun, was wir können, und manchmal ist das nicht genug.

Einmal hat eine befreundete Person mich beaufsichtigt, als ich mich selbst verletzte. Manchmal braucht mensch vielleicht einfach wen, die*r in der NĂ€he ist. Bei Heroin und Opioiden sagen wir den Leuten, dass es besser ist, es mit wem zusammen zu tun, falls Naloxon verabreicht werden muss. Das ist sozusagen die goldene Regel bei den meisten riskanten Verhaltensweisen.

Ich denke, wir sollten als Kultur mehr ĂŒber Selbstmord sprechen. Unsere Freund*innen und GefĂ€hrt*innen sterben um uns herum. Und es ist Ă€hnlich wie bei der reinen Enthaltsamkeitserziehung in Bezug auf Sex. Da kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn man nicht drĂŒber redet: Es gibt mehr ungewollte Schwangerschaften, mehr Geschlechtskrankheiten. Nicht darĂŒber zu reden, funktioniert nicht. Wir mĂŒssen also nicht nur aufhören, das Thema zu ignorieren, sondern wir mĂŒssen auch darĂŒber nachdenken, was wir tun, wenn jemand, den wir lieben, sterben will. Ich weiß, dass das sehr schwer ist.

Wenn ich sterbe, dann höchstwahrscheinlich durch meine eigene Hand, und ich habe Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass die Menschen, die ich liebe, in diesem Fall nicht geschĂ€digt werden. Außer durch den Verlust. Ich denke, das ist wirklich wichtig. Ich möchte nicht, dass meine Entscheidungen Menschen fĂŒr immer in den Ruin treiben, und ich weiß, dass ich hier draußen nicht dx einzige bin, dxm es so geht.

Wir mĂŒssen lernen, mit unserem Unbehagen umzugehen. Wir sind allen möglichen Scheißsituationen ausgesetzt: Polizeigewalt, zwischenmenschliche Gewalt, staatliche Gewalt. Wir sollten diese lebensrettenden GesprĂ€che miteinander fĂŒhren. Die Schmerzen von Trauma und Trauer sind als Gemeinschaft leichter zu bewĂ€ltigen als als Einzelne, und auch hier ist die Schaffung von UnterstĂŒtzungsnetzwerken wirklich wichtig. Menschen sollten nicht in Isolation und Verzweiflung leben oder sterben mĂŒssen.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de