Juli 31, 2022
Von Indymedia
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Ökologisch und sozial gesehen ist die Kreuzfahrtindustrie untragbar. Nicht nur in globaler Hinsicht – sondern auch lokal – sind die Folgen der zunehmenden Kreuzfahrten zu reinen VergnĂŒgungszwecken immens.
WĂ€hrend der Kreuzfahrtsaison ist in Kiel eine der höchsten Feinstaubbelastungen im europaweiten Vergleich messbar. Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen werden durch Feinstaub verursacht oder fĂŒhren zu Verschlechterung der schon bestehenden Erkrankung. Krebserregende Stoffe werden von den Pötten kontinuierlich in die Luft gepustet – Transparenz zu dieser Problematik in HĂ€fenstĂ€dten fehlt jedoch weitgehend.

Dass dies nicht nur fĂŒr die Menschen gilt, sondern auch fĂŒr die Umwelt, ist offensichtlich. Kreuzfahrt spielt im Ranking „Wie kann ich meinen Urlaub besonders klimaschĂ€dlich gestalten“ an einer der obersten Stellen mit. An Land wird das Schiff ĂŒber die Landstromanlage aufgeladen, was in kĂŒrzester Zeit so viel Energie verbraucht wie eine Kleinstadt – und das ist noch die klimafreundlichere Variante. Auf offener See fahren viele Schiffe weiterhin mit Schweröl, astronomisch hohe Konzentrationen an Feinstaub, Schwefeldioxiden und Stickoxiden sowie Rußpartikeln landen in unserer Umwelt und setzt sich an den Polen ab, was wiederrum die Eisschmelze verstĂ€rkt. Dazu kommt, dass viele Tiere durch den LĂ€rm der riesigen Dampfer gestört werden und KĂŒstenabschnitte durch die Anlagen zerstört werden.

Auch viele Arbeiter*innen auf den Kreuzfahrtschiffen haben mit den Arbeitsbedingungen zu kĂ€mpfen, die eine Art Zwei-Klassengesellschaft schaffen. 30% der Angestellten ist nautisches Personal und die ĂŒbrigen 70% sind ServicekrĂ€fte, die meist aus NiedriglohnlĂ€ndern kommen. Diese stehen stĂ€ndig den Urlauber*innen in ihrem „wohlverdienten“ Luxus-Urlaub auf Hoher See zu Diensten und das unter oftmals sehr schlechten Arbeitsbedingungen. Es gelten die arbeitsrechtlichen Bedingungen der Flaggenstaaten, welche von den Reedereien frei gewĂ€hlt werden können. ZusĂ€tzlich besteht auf den Schiffen kein KĂŒndigungsschutz.

 

Der Protest dagegen war an diesem Sonntagnachmittag sowohl an Land als auch auf dem Wasser sehr bunt. Ein Junggesell*innen Abschied auf besonderer Mission hat mit viel Spaß, Freude und einem regenbogenenfarbenen Einhorn den Weg aufs Wasser gefunden. Viele Kajaks, Kanus und Schlauchboote mit Bannern wie „Queers crashing Cruiseships“ oder „Unicorns against Cruiseships“ haben die Förde vor und neben den Kreuzfahrtschiffen geschmĂŒckt. Mit großen Magneten wurden Fronttranspis mit den SprĂŒchen „LNG Stoppen“ und „Fight Neocolonialism“ an die Bugseiten der Schiffe angebracht.

Der Fokus der Blockade lag auf LNG und dem Neokolonialismus, der unter anderem durch die Förderung von FlĂŒssigerdgas passiert. „Liquified natural gas“ (LNG) wird mittlerweile von vielen Schiffen als Treibstoff verwendent. Auf den ersten Blick mag das wegen der geringeren Luftschadstoff-Emissionen als „gute“ Alternative wirken, doch das dabei entweichende Methan sowie die Produktion an sich reihen LNG gemeinsam auf einer Stufe mit Schweröl und Marinediesel ein.
LNG kommt meist aus Regionen in Nord- und Lateinamerika, in denen indigene Menschen oder Ă€rmere Menschen leben – das heißt Menschen und Gebiete, welche eh schon stark vom Klimawandel gezeichnet sind. Und außerdem: Das Erdgas an diesen Orten wird durch Fracking gewonnen. Unmengen an Wasser wird verunreinigt, es kommt zu wiederholten Erdbeben und fĂŒr die dort lebende Bevölkerung ist dies mit einer Vielzahl an gesundheitlichen Risiken verbunden.

Wie so oft in der kapitalistischen Gesellschaft wird auch bei Kreuzfahrschiffen versucht die schlechte Klimabilanz mit Greenwashing zu verstecken. Das passiert durch neue Landstromanlagen und durch die Nutzung von LNG. Die Verwendung von Schweröl als Treibstoff, die Entsorgung von Unmengen an MĂŒll auf dem Offenen Ozean, der LĂ€rm der Schiffe fĂŒr die Meerestiere oder der ökologische Eingriff bei dem Bau neuer Terminals wird dabei raffiniert verschwiegen.

„Dreckiger Luxus auf Kosten Anderer“, dieser Spruch schmĂŒckte eines unserer Transparente – wie wahr. TatsĂ€chlich hatten wir ein wenig Publikum. An Land gab es einige Menschen, die vorbeizogen und dann doch mit neugierigem Blick auf das Geschehen im Wasser stehenblieben. Auch die Urlauber*innen an Bord trauten sich nach und nach an die frische Luft der Kieler Förde und beĂ€ugten uns von oben. Was sie sich wohl dachten? Wir jedenfalls fanden es gemĂŒtlich in unseren Kajaks auf dem Wasser und ehrlich: „Geht doch Zelten, ist eh viel schöner!“

 

Nachdem die Blockade stand, erste Journalist*innen gekommen waren und die Kieler Wasserschutzpolizei von den drei verschiedenen Blockaden etwas ĂŒberfordert erschien, mussten wir leider feststellen, dass es ja doch einen unberechenbaren Faktor gibt: das Wetter. Erst weiter weg und dann immer nĂ€her kommend zog ein Gewitter ĂŒber Kiel auf.
Zeitgleich zeigte der KapitĂ€n der Vasco da Gama, was fĂŒr ihn wirklich zĂ€hlt. Er machte die Bugstrahlruder an. Dabei war es ihm sichtlich egal, dass sich Menschen unmittelbar in der NĂ€he der Schiffswand befanden. Diese Antriebsmaschinen sorgen fĂŒr eine starke Sogkraft unter Wasser und können lebensgefĂ€hrlich sein.
Als das Gewitter nun ĂŒber Kiel war und es angefangen hatte zu regnen, entschied sich die Aktionsgruppe vor der Vasco Da Gama dazu, das Wasser zu verlassen um keine Menschen zu gefĂ€hrden. Den KapitĂ€n der Vasco Da Gama interessierte es dann auch nicht, dass sich noch zwei Aktivist*innen in einem Schlauchboot direkt neben dem Schiff aufhielten und legte schnellstmöglich ab. GlĂŒcklicherweise ist den beiden nichts passiert.
Unser Fronttranspi „Fight Neocolonialism“ ist wĂ€hrenddessen mit der Vasco da Gama auf eine weite Reise nach Kopenhagen gegangen.

Weniger gut ist die Situation am Ostuferhafen ausgegangen. Dort wollten einige Aktivist*innen das Hafenbecken ĂŒber die Notfallleiter verlassen, doch wurden von den Hafenmitarbeiter*innen merhmals daran gehindert. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Gewitter direkt ĂŒber der Kieler Förde – eine sehr gefĂ€hrliche Situation fĂŒr die Aktivist*innen. Kurze Zeit spĂ€ter begann die RĂ€umung der beiden noch bestehenden Blockaden. Dabei wurden die Aktivist*innen und die SchwimmgefĂ€hrten mit den Polizeibooten an Land gebracht. Das Kreuzfahrtschiff MSC Preciosa konnte so 2 1/2 Stunden daran gehindert werden abzulegen.

Es wurden circa 30 Aktivist*innen fĂŒr mehrere Stunden in Gewahrsam genommen. Auch Journalist*innen und andere Menschen, die beim Gewitter geholfen haben, die Menschen und Boote aus dem Wasser zu bekommen, wurden festgehalten. Am Abend waren dann alle wieder frei und wurden herzlich mit Erbsensuppe empfangen.

Die Blockade im Kieler Hafen reiht sich ein in viele weitere Aktionen um den Widerstand gegen die Kreuzfahrtindustrie.
Ende September 2019 kam es zu einer Blockade der Queen Elizabeth in Helsinki von der Gruppe Elokapina, wo die Aktivist*innen mit Kajaks dem dreckigen Pott den Weg versperrten und das Auslaufen fĂŒr etwas Zeit hinderten. Als Vorbild fĂŒr den Widerstand gegen die Kreuzfahrtschiffe ist die Bewegung „no grandi navi“ in Venedig, die seit 2002 protestiert. Diese Proteste waren erfolgreich und seit 2021 ist das Einlaufen der Kreuzfahrtschiffe verboten. Allerdings wurde dieses Verbot von der „Norwegian Gem“ erst vor einigen Tagen gebrochen. Dies zeigt, dass weiterer Widerstand im Moment umso wichtiger ist.

Auch in Kiel fand bereits im Sommer 2019 eine Kreuzfahrtschiff-Blockade statt. Nun wurden 2022 drei Kreuzfahrtschiffe parallel blockiert und es wird garantiert nicht die letzte Aktion sein.

Erschöpfbare und fossile Ressourcen fĂŒr verschwenderische UrlaubsvergnĂŒgen auf Kreuzfahrtschiffen, die vielmehr schwimmenden Hotels Ă€hneln, zu verwenden, kann weder jetzt noch in Zukunft fortgefĂŒhrt werden.
Ein Umdenken und -lenken der Gesellschaft im Umgang mit der Klimakatastrophe weltweit muss antikolonial und antikapitalistisch angegangen werden.

SMASH CRUISESHIT!

 




Quelle: De.indymedia.org