Mai 28, 2022
Von InfoRiot
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In Brandenburg soll ein riesiger Solarpark entstehen. In der Gemeinde gibt es aber Streit zwischen BefĂŒrwortern und Gegnern. Der Konflikt zeigt, woran die Energiewende scheitern könnte

Juliane Uhlig hat einen Pferdehof, dessen Koppel direkt an den neuen Solarpark grenzen wĂŒrde

Aus Sydower Fließ Daniel Böldt
(Text) und Sophie Kirchner (Fotos)

Ein drĂŒckend warmer Tag im FrĂŒhsommer, Juliane Uhlig hat sich extra auf eine Bank gestellt, um in eine Landschaft zu blicken, die ihr nur allzu vertraut ist: quietschgelber Raps, so weit das Auge reicht, am Horizont begrenzt durch eine Reihe Baumwipfel. „Schön hier, oder?“, fragt sie und steigt wieder runter.

Zusammen mit ihrem LebensgefĂ€hrten betreibt Uhlig in der brandenburgischen Gemeinde Sydower Fließ, inmitten von Rapsfeldern, einen Pferdehof. Die langgezogene Graskoppel, auf der ihre Islandpferde stehen, ragt wie eine Speerspitze in die Felder hinein. Kinder und Jugendliche können auf Uhligs Pferdehof ihre Ferien verbringen, SchĂŒÂ­le­r:in­nen der Gemeinde können einen Teil ihres Sportunterrichts hier absolvieren und Reiten lernen, auch FamilienausflĂŒge sind möglich.

Doch Uhlig, 47 Jahre alt, hat Angst um dieses Idyll. Geht es nach den Landwirten, die die Felder um ihre Koppel bestellen, geht es nach der BĂŒrgermeisterin und nach zwei Energieunternehmen, dann wird hier in Zukunft kein Raps mehr blĂŒhen.

In Tempelfelde, einem Ortsteil von Sydower Fließ, wenige Kilometer nördlich von Berlin, soll einer der grĂ¶ĂŸten Solarparks Deutschlands entstehen. 100.000 Megawattstunden grĂŒner Strom sollen hier in Zukunft jedes Jahr aus Sonnenenergie gewonnen werden, 30.000 Haushalte könnten damit laut den Unternehmen versorgt werden. Um das zu erreichen, haben die Firmen eine FlĂ€che gepachtet, die in etwa so groß ist wie der Tiergarten in Berlin: 225 Hektar, von denen weit ĂŒber 100 Hektar mit Photo­voltaik-FreiflĂ€chenanlagen bebaut werden sollen. Investi­tions­vo­lumen: rund 100 Mil­lio­nen Euro.

Auch ihr Pferdehof, sagt Uhlig, wĂŒrde dann mit Solarzellen umzingelt sein. Ihr Ausrittgebiet und viele Wanderwege wĂŒrden fast nur noch an den RĂ€ndern des Solarparks entlangfĂŒhren. TatsĂ€chlich schmiegt sich die „FlĂ€chenkulisse“, also das Land, das die Unternehmen fĂŒr ihr Vorhaben gepachtet haben, regelrecht an die 900-Einwohner:innen-Gemeinde an. Auch den Pferdehof von Juliane Uhlig umschließt sie fast vollstĂ€ndig. Es ist eine Planung, die zwar rechtens ist, die Uhlig aber als ĂŒbergriffig empfindet. Auf die Idee, sie bei der Entscheidung einzubinden, sie oder andere An­woh­ne­r:in­nen wenigstens nach ihrer Meinung zu fragen, sei niemand gekommen, sagt sie.

Zusammen mit rund 20 Ein­woh­ne­r:in­nen hat Uhlig daher eine BĂŒrgerinitiative gegrĂŒndet, die den Bau des Solarparks so nah an der Gemeinde verhindern will. Sie sei nicht per se gegen einen Solarpark, sagt Uhlig, die selbst zahlreiche Solarzellen auf ihrem Dach hat. Was Uhlig vor allem stört, ist die Lage und die GrĂ¶ĂŸe des Solarparks. Sie sorgt sich um den Freiraum in Tempelfelde – und um ihr GeschĂ€ft. „Wir leben von dem bisschen Minitourismus hier vor Ort“, sagt sie. Die AttraktivitĂ€t des Dorfs sieht Uhlig durch das Vorhaben gefĂ€hrdet.

Der Streit ĂŒber den Solarpark Tempelfelde ist ein typisches und doch oft wenig beachtetes Beispiel dafĂŒr, wie der Ausbau Erneuerbarer Energien auch dann misslingen kann, wenn im Grundsatz alle dafĂŒr sind. Wenn keiner den Klimawandel leugnet und die Notwendigkeit des Ausbaus Erneuerbarer Energien anzweifelt. Wenn Geld, FlĂ€chen und Material vorhanden sind. Wenn man im Grunde nur noch auf Sonnenschein warten muss.

Reportageserie

Was bedeutet die Energiewende ganz konkret vor Ort? Wir als taz wollen fĂŒr eine Reportageserie Orte aufsuchen, in denen um die Energiezukunft gerungen und gestritten wird. Einen Sommer lang werden wir mit dem Projekt „taz klimaland“ reisen – fĂŒr Texte, Veranstaltungen und Videos zur Klimakrise und Energiewende. Wollen Sie uns einladen? Schreiben Sie an klimaland@taz.de.

Klimaausblick Tempelfelde

Tempelfelde im Landkreis Barnim ist die erste Station. Prognosen gehen bei mittlerem Klimaschutz davon aus, dass heiße Tage hier um 34 Prozent hĂ€ufiger werden, Starkregentage um 21 Prozent.

Seit ĂŒber einem Jahr kann man in Sydower Fließ beobachten, wie das Beharren auf einer brĂ€sigen und allzu formalen BĂŒrgerbeteiligung die Akzeptanz der Energiewende gefĂ€hrdet. Aber auch, wie eine kleine und wĂŒtende BĂŒrgerinitiative eine Gemeinde vor sich hertreiben kann und sich dabei selbst in WidersprĂŒche verstrickt.

Hinter der scheinbaren Lokalposse verbirgt sich noch eine andere Frage – eine, die entscheidend werden könnte fĂŒr das Gelingen der Energiewende: Wie umgehen mit der knappen Ressource Land?

Gas- und Ölimporte hatten lange nicht nur den vermeintlichen Vorteil, dass sie billig sind. Vergessen wird oft, dass eine Pipeline, eine unterirdische zumal, so gut wie keine FlĂ€che verbraucht. Der Ausbau Erneuerbarer Energien wird das Landschaftsbild im Vergleich dazu massiv verĂ€ndern. Weit weniger zwar als der Abbau von Braunkohle im Tagebau, aber doch mehr als der Import fossiler EnergietrĂ€ger. Die Energiewende verstĂ€rkt die FlĂ€chenkonkurrenz. Das birgt Potenzial fĂŒr Konflikte, die so komplex und kleinteilig sind, dass sie es oft nicht in die großen Debatten schaffen.

Auf dem Pferdehof in Tempelfelde ist inzwischen Harald Höppner zu Juliane Uhlig gestoßen. Höppner, groß gewachsen und braun gebrannt, ist Mitglied bei den GrĂŒnen und beim Naturschutzbund (Nabu), 2015 initiierte er das Seenotrettungsprogramm Sea Watch. Er ist, so kann man das sagen, kampagnenerfahren. Höppner und Uhlig sind die treibenden KrĂ€fte hinter der BĂŒrgerinitiative, ĂŒbernehmen einen Großteil der Organisation und Kommunikation. „Wenn das so kommt, können wir uns hier nur noch an den RĂ€ndern eines Solarparks bewegen“, sagt Höppner. „Es gibt hier keine Kinos, keine Theater, am Wochenende fĂ€hrt der Bus einmal am Tag. Das Einzige, was wir hier haben, ist der Freiraum.“

FĂŒr Höppner ist das in etwa der Deal: wenig Kultur und In­fra­struktur, dafĂŒr Natur und Freiheit. Wenn das Land seinen Freiraum nun fĂŒr den hohen Energiebedarf der StĂ€dte aufgeben soll, geht dieser Deal fĂŒr ihn nicht mehr auf.

„Warum schraubt man nicht auf jedes Dach in Berlin eine Solarzelle, bevor man hier FlĂ€chen verbaut?“, fragt Höppner. Und auch Uhlig hat bei der Gelegenheit noch AlternativvorschlĂ€ge fĂŒr die Standortauswahl: eine alte MĂŒlldeponie etwa im Ort oder jene FlĂ€chen, auf denen ohnehin bereits WindrĂ€der stehen. Höppner und Uhlig wollen, dass die Gemeinde und Unternehmen auch andere FlĂ€chen prĂŒfen – „ergebnisoffen“.

TatsĂ€chlich gibt es Gemeinden in Deutschland, die so verfahren, wie Uhlig und Höppner sich das wohl gewĂŒnscht hĂ€tten. Eine Gemeinde entscheidet, dass sie einen Solarpark will, ini­tiiert vielleicht eine Energiegenossenschaft oder kooperiert mit einer bestehenden. Zusammen sucht man nach geeigneten FlĂ€chen, sucht sich Partner, die bei der Umsetzung helfen.

Wie soll man mit der knappen Ressource Land umgehen?

Oft funktioniert es aber auch so wie in Sydower Fließ. Investoren suchen nach geeigneten FlĂ€chen, schließen PachtvertrĂ€ge mit den GrundstĂŒckseigentĂŒmern ab und treten damit an die Gemeinde heran, um einen entsprechenden Bebauungsplan (B-Plan) zu erwirken. Gerade bei Großprojekten wird hĂ€ufig so verfahren.

Auch das kann funktionieren. Die Gemeinden profitieren durch Gewerbeeinnahmen und oft durch billigeren Ökostrom, formal können sich BĂŒr­ge­r:in­nen und InteressenverbĂ€nde an einem B-Plan-Verfahren beteiligen. In vielen FĂ€llen fĂŒhrt dieser Weg aber auch zu Konflikten. Die Beteiligung der BĂŒr­ge­r:in­nen ist keine ergebnisoffene Debatte, in der gemeinsam am Plan gefeilt wird. EinwĂ€nde mĂŒssen nur dann berĂŒcksichtigt werden, wenn jemand darlegen kann, dass seine persönlichen Rechte durch das Vorhaben beeintrĂ€chtigt sind oder der Plan gegen Gesetze oder Vorschriften verstĂ¶ĂŸt. Viele weichen daher auf andere Druckmittel aus.

Die Geschichte des Streits um den Solarpark Tempelfelde beginnt bereits vor zwei Jahren. Am 20. August 2020 stellen die deutschen Energieunternehmen Boreas und Notus ihre PlĂ€ne erstmals öffentlich in der Gemeindevertretung vor. Die PlĂ€ne stoßen bei den Ver­tre­te­r:in­nen auf Zustimmung. Am 28. Januar 2021 stimmt die Gemeinde einstimmig dem Aufstellungsbeschluss zur Änderung des FlĂ€chennutzungsplans und dem Bebauungsplan zu. Ein „Aufstellungsbestellungsbeschluss“ ist eine Art AbsichtserklĂ€rung der Gemeinde, der erste Schritt eines Bauvorhabens. Eine Skizze des geplanten Solarparks wird veröffentlicht und unter anderem im Schaukasten der Gemeinde gezeigt. Erst da, so erzĂ€hlen es Höppner und Uhlig, seien sie ĂŒberhaupt auf den Solarpark aufmerksam geworden – und waren schockiert ĂŒber sein Ausmaß.

Nicht nur sie, auch andere An­woh­ne­r:in­nen fĂŒhlen sich bei der Planung ĂŒbergangen. Uhlig und Höppner organisieren im MĂ€rz 2021 eine Demonstration, zu der etwa 100 Menschen kommen. Auf einem Transparent steht: „Solarenergie JA – direkt vor der HaustĂŒr NEIN“. Die Bild-Zeitung wird auf den Konflikt aufmerksam. „Wenn die Energiewende ein Dorf zerreißt“, titelt sie. Darin vergleicht die Zeitung den Konflikt mit dem Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh, in dem sich ein brandenburgisches Dorf ĂŒber einen geplanten Windpark zerstreitet. Die Verfilmung des Romans wurde in Sydower Fließ gedreht. Spricht man heute mit An­woh­ne­r:in­nen darĂŒber, sind diese zwar genervt von dem Vergleich, fĂŒr völlig aus der Luft gegriffen hĂ€lt ihn aber kaum jemand.

Sowohl Geg­ne­r:in­nen als auch Be­fĂŒr­wor­te­r:in­nen bezichtigen sich in dieser Zeit gegenseitig der LĂŒge und EinschĂŒchterung. Einem der LandverpĂ€chter wird eine offensichtlich gefĂ€lschte Anzeige zugeschickt, in der ihm vorgeworfen wird, illegal MĂŒll zu verbrennen. BĂŒrgermeisterin Simone Krauskopf, eine Verfechterin des Projekts, wird – erfolglos – wegen Machtmissbrauch bei der Kommunalaufsicht angeschwĂ€rzt. Sie selbst veröffentlicht einen Text mit dem Titel „Betoniert im Kopf, den Blick im Tunnel“. Darin wirft sie der Initiative vor, sich von der Kohle- und Atomlobby vereinnahmen zu lassen. Die BĂŒrgerinitiative hatte sich zuvor auf Argumente des Anti-Windkraft-Vereins Vernunftkraft bezogen, der sich fĂŒr „echten Naturschutz“ und Kohle- und Atomenergie starkmacht.

Schnell wird klar, dass es bei dem Konflikt lĂ€ngst nicht mehr nur um die Lage des Solarparks geht. Noch heute bezeichnen Uhlig und Höppner die Unternehmen als „Heuschrecken“, die sich „am Buffet der Gemeinde bedienen“ wĂŒrden. Auch LokalrivalitĂ€ten spielen eine Rolle. Die zehnköpfige Gemeindevertretung wird dominiert von Ein­woh­ne­r:in­nen aus GrĂŒntal, dem anderen Ortsteil der Gemeinde Sydower Fließ. Diese wĂŒrden nun die FlĂ€chen von Tempelfelde verscherbeln, so der Vorwurf. Und auch folgendes Geraune findet seinen Weg in die Medien: Zwei Großbauern, die außerdem im Gemeinderat sitzen, wĂŒrden sich mit der Verpachtung eine goldene Nase verdienen.

Simone Krauskopf ist BĂŒrgermeisterin der Gemeinde und fĂŒr den Solarpark

Die Unternehmen Boreas und Notus bemĂŒhen sich in dieser Zeit um Schadensbegrenzung. Sie verweisen darauf, dass nicht die gesamte gepachtete FlĂ€che von 225 Hektar bebaut wird, wie von der BĂŒrgerinitiative kommuniziert wird, dass ein Abstand von 400 Meter zu WohnhĂ€usern eingehalten wird und Sichtschutzvorkehrungen geplant sind. Vor allem pochen sie darauf, dass die formale Beteiligung der Öffentlichkeit noch anstehe.

Doch es hilft nichts, der Druck der BĂŒrgerinitiative wirkt: Am 18. November 2021 scheitert das Projekt vorerst. Der nĂ€chste Schritt auf dem Weg zum Solarpark, die Bewilligung des Vorentwurfs des Bebauungsplans, wird durch ein Patt in der Gemeindevertretung verhindert. Vier stimmen dafĂŒr, vier dagegen. Kurz zuvor hatten ­Uhlig und Höppner ein rechtliches Gutachten des stĂ€dtebaulichen Vertrags zwischen der Gemeinde und den Unternehmen in Auftrag gegeben. Solche VertrĂ€ge sind bei Großprojekten zwischen Kommunen und Unternehmen ĂŒblich, um Rechte und Pflichten beider Seiten festzuzurren. Der beauftragte Anwalt kam zu dem Schluss, dass der Vertrag „an mehreren Stellen deutliche MĂ€ngel und Defizite“ aufweist, „die mit rechtlichen und wirtschaftlichen Risiken zulasten der Gemeinde behaftet sind“.

Doch mit dem Patt in der Gemeinde ist das Projekt noch nicht tot. Vorgesehen ist fĂŒr diesen Fall ein Aufschub von sechs Monaten. Dann können die Unternehmen einen neuen Anlauf nehmen, um einen Bebauungsplan zu erwirken.

FĂŒnfeinhalb Monate spĂ€ter, an einem Samstag Ende April 2022 haben die Unternehmen Notus und Boreas einen weißen Pavillon auf dem Sportplatz der Gemeinde – eine kleine Wiese, auf der zwei schiefe Fußballtore stehen – aufgebaut. Sie haben Schautafeln, GetrĂ€nke und GrillwĂŒrste mitgebracht, aber vor allem eine neue Strategie: Bevor sie ihren ĂŒberarbeiteten Entwurf noch mal in die Gemeindevertretung einbringen, wollen sie ihn mit den BĂŒr­ge­r:in­nen diskutieren.

Auch Höppner und Uhlig sind gekommen. Uhlig ist extra um 5 Uhr morgens aus NĂŒrnberg losgefahren, wo sie gerade eine Ausbildung im Systemischen Konsensieren macht – eine Form der Entscheidungsfindung, die nicht auf Mehrheitsprinzip, sondern auf Kooperation und Ausgleich setzt.

Sind die Gegner:innen vielleicht nur besonders laut?

Uhlig und Höppner sind nicht zufrieden mit den VorschlĂ€gen der Unternehmen. Diese sehen eine kleinere FlĂ€che des Solarparks vor, grĂ¶ĂŸere AbstĂ€nde zu WohnhĂ€usern, mehr Sichtschutz und die Möglichkeit fĂŒr An­woh­ne­r:in­nen, sich finanziell an dem Projekt zu beteiligen und von Zinszahlungen zu profitieren.

„Uns wird hier wieder ein fertiger Plan prĂ€sentiert“, sagt Uhlig. Wieder werde nicht ergebnisoffen ĂŒber Lage und FlĂ€che diskutiert. Es wird laut. Die Mit­ar­bei­te­r:in­nen der Unternehmen sind sichtlich genervt, man kennt sich mittlerweile. „Dass wir Sie nicht abholen werden, ist klar“, sagt einer zu Uhlig. Höppner hat die Nabu-Kriterien fĂŒr naturvertrĂ€gliche Photovoltaik-FreiflĂ€chenanlagen ausgedruckt und mitgebracht. Er will wissen, ob man die darin vorgesehene Bebauungsdichte von maximal 50 Prozent einhĂ€lt, bekommt aber keine Antwort.

Es dauert eine Weile bis nicht nur Uhlig und Höppner reden, sondern auch andere Ein­woh­ne­r:in­nen das GesprĂ€ch mit den rund einem Dutzend Mit­ar­bei­te­r:in­nen suchen. Sie stellen Fragen, skeptisch, kritisch, aber auch interessiert. Auch BĂŒrgermeisterin Simone Krauskopf, eine kleine Frau mit vielen Rastazöpfen, ist gekommen. Etwas spĂ€ter, weil sie als BefĂŒrworterin des Projekts ohnehin schon eine Reizfigur fĂŒr die BĂŒrger­ini­tia­tive sei, sagt sie.

Zwischen der Ablehnung der Gemeinde im November 2021 und der Infoveranstaltung im April 2022 ist in Europa Krieg ausgebrochen. Der russische Angriff auf die Ukraine fĂŒhrt die Folgen der fossilen AbhĂ€ngigkeit deutlich wie nie vor Augen. Deutschland will sich vom russischen Öl und Erdgas abwenden. DafĂŒr muss sich der Ausbau der Erneuerbaren Energien beschleunigen.

Ob Krauskopf gehofft hat, dass dadurch der Widerstand gegen den Solarpark schwindet? Erst habe sie beides, den Krieg und das konkrete Solarprojekt, gedanklich nicht wirklich zusammengebracht, sagt sie. „Andererseits habe ich mir dann gedacht: Wer jetzt vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs den Schuss nicht gehört hat und die Dringlichkeit des UnabhĂ€ngig-Werdens nicht versteht 
 das kann ich dann nicht nachvollziehen.“

Spricht man Harald Höppner darauf an, schĂŒttelt der nur den Kopf. „Das ist vermessen“, sagt er. Bereits jetzt wĂŒrden 80 Prozent der Erneuerbaren Energie im gesamten Landkreis aus Tempelfelde kommen. Genauer: von der 56 WindrĂ€dern, die Boreas hier bereits aufgestellt habe.

Etwas am Rand der Veranstaltung steht ein krĂ€ftiger Mann in T-Shirt und kurzen Hosen: Jan Jelmar Diekstra. Er ist einer der Landwirte und Gemeinderatsvertreter, die einen Teil der FlĂ€che fĂŒr den Solarpark stellen. Eigentlich wollte er nichts mehr zum Thema sagen, doch einige Tage spĂ€ter sitzt er mit JĂŒrgen Giese, ebenfalls Gemeinderatsvertreter, Landwirt und VerpĂ€chter, auf dessen Terrasse. Sie wollen nun noch mal ihre Sicht der Dinge erklĂ€ren.

Beide sind, vorsichtig formuliert, auf die BĂŒrgerinitiative nicht gut zu sprechen. Gerade bei Diekstra scheint sich einiges angestaut zu haben in den vergangenen Monaten. Er spricht laut und schnell. „Dass wir beide in der Gemeindevertretung sitzen, sieht natĂŒrlich von außen unglĂŒcklich aus“, sagt Diekstra. Allerdings hĂ€tten sie bei der Entscheidung kein Stimm-, ja nicht mal ein Rederecht, weil sie finanziell von der Entscheidung profitieren wĂŒrden.

Die Verpachtung von Land fĂŒr Solaranlagen ist fĂŒr Besitzer attraktiv. Die Preise liegen bei einer niedrigen bis mittleren vierstelligen Summe pro Hektar im Jahr. Den Vorwurf, sie wĂŒrden sich die Taschen voll machen, weisen Diekstra und Giese jedoch brĂŒsk zurĂŒck. Dass sie einen kleinen Teil ihres Lands verpachten – bei beiden handle es sich um eine FlĂ€che von rund 20 Hektar, also nur gut einem FĂŒnftel der GesamtflĂ€che des Solarparks –, ermögliche ihnen, fĂŒr die Zukunft zu planen.

Landwirt Jan Jelmar Diekstra will Land an die Solarpark­betreiber verpachten

Der Ertragswert der landwirtschaftlichen FlĂ€chen ist hier im Norden Berlins gering. Ein Teil des Brandenburger Lands ist als „SandbĂŒchse“ bekannt. Giese sagt, dass andere Landwirte ihn manchmal foppen wĂŒrden: FĂŒr das bisschen, was hier wĂ€chst, wĂŒrden sie nicht mal aufstehen, bekam er zu hören.

Der Staat zahlt Landwirten, die hier wirtschaften, Subventionen, um die niedrigeren ErtrĂ€ge auszugleichen. Zu der schlechten BodenqualitĂ€t kommt der Klimawandel. „Ich weiß auch nicht, wie es weitergeht, wenn es nicht bald regnet“, sagt Diekstra bei dem GesprĂ€ch Anfang Mai. Giese hat seinen Spargelanbau bereits aufgegeben. Auf seinen ĂŒbrigen Feldern wachsen Erdbeeren und Weizen, der zu Bioethanol verarbeitet werde. Diekstras Raps, von dem ein Teil fĂŒr den Solarpark verschwinden soll, werde zu Waschpulver verarbeitet. „Ich bin Landwirt mit Leib und Seele, aber die Bedingungen sind nicht mehr so, dass es reicht“, sagt Diekstra.

Solarzellen dagegen ist der Zustand des Bodens, in den sie gerammt werden, relativ egal, mehr Sonneneinstrahlung ist sogar gut. Fast wöchentlich hĂ€tten sie Anrufe mit Angeboten fĂŒr ihr Land bekommen, sagt Giese. „Ich hĂ€tte woanders mehr gekriegt“, sagt er. Bei dem Angebot von Notus und Boreas habe das Gesamtpaket gestimmt. Wie viel Geld die Gemeinde am Ende durch den Solarpark einnehmen könnte, darĂŒber dĂŒrften sie nicht sprechen. Aber Giese ist sicher: Viele wĂŒrden anders denken, wenn sie wĂŒssten, um wie viel Geld es sich handelt.

Der BĂŒrgerinitiative werfen sie vor, eine kleine Minderheit zu sein, die vor allem ihre individuellen Interessen durchsetzen will. Das sei schlecht fĂŒr die Gemeinde. Und es ist natĂŒrlich auch schlecht fĂŒr ihre Interessen.

Aus Sicht der Verfechte­r:in­nen lautet die Frage, die sich beim Solarpark Tempelfelde und gewissermaßen auch bei der Energiewende im Allgemeinen stellt: Gibt es angesichts des Klimawandels und nun auch des Ukrai­ne­kriegs ein Recht, auf ein blĂŒhendes Rapsfeld zu schauen, das einem nicht gehört?

Es ist schwierig, die tatsĂ€chliche Stimmungslage in Sydower Fließ zu bestimmen. Zu der Informationsveranstaltung der Energieunternehmen Ende April kamen ĂŒber den Nachmittag verteilt gerade einmal rund 50 Menschen, beim anschließenden Dorffest seien es vier- bis fĂŒnfmal so viele gewesen, berichten die, die da waren. Kann es sein, dass vielen es auch ein bisschen egal ist, ob der Solarpark kommt oder nicht?

Wie es weitergeht? Die Unternehmen haben angekĂŒndigt, noch mal das GesprĂ€ch mit den Ein­woh­ne­r:in­nen zu suchen. Es gibt die Idee, eine BĂŒrgerbefragung durchzufĂŒhren. Manche Be­fĂŒr­wor­te­r:in­nen setzen darauf, dass Robert Habecks angekĂŒndigtes Sommerpaket den Entscheidungsweg abkĂŒrzen könnte. In diesem werden Maßnahmen erwartet, die den Ausbau der Erneuerbaren Energien im großen Maßstab vorantreiben sollen und den Gemeinden dabei weniger Spielraum lassen.

Sollte man sich einigen können, wird aus dem Solarpark Tem­pel­felde, dessen Planung 2020 begann, frĂŒhestens Ende 2024 grĂŒner Strom in die Netze fließen.

Daniel Böldt, 31, wohnt in Berlin und empfindet beim Gedanken ans Landleben mal Sehnsucht, mal Schauder.




Quelle: Inforiot.de