September 13, 2021
Von InfoRiot
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Auf nach Brandenburg und dann nach Rostock: Teilnehmer*innen beim Start der Radtour des Unteilbar-BĂŒndnisses in Berlin

Auf nach Brandenburg und dann nach Rostock: Teilnehmer*innen beim Start der Radtour des Unteilbar-BĂŒndnisses in Berlin

Foto: Florian Boillot

Die Kundgebung am Invalidenplatz unweit des Hauptbahnhofs in Berlin ist ĂŒbersichtlich: Rund 50 Menschen haben sich am Sonntag zur beschaulichen Auftaktkundgebung fĂŒr eine Fahrradtour unter dem Motto »gerechte MobilitĂ€t weltweit« eingefunden. Trotz der vergleichsweise geringen Zahl der Teilnehmenden ist die Stimmung euphorisch. Soeben hat Vanessa Fischer von der Nichtregierungsorganisation Power Shift in ihrer Rede »gerechte MobilitĂ€t fĂŒr alle« eingefordert. Ein Sprecher der Berliner No-Border-Assembly, eine Organisation, die Grenzen zwischen Staaten kritisiert, erinnert zudem daran, dass die MobilitĂ€t fĂŒr Asylsuchende in Deutschland besonders stark eingeschrĂ€nkt ist.

Anschließend schwingen sich zu den KlĂ€ngen und Cover-Versionen von The Selecter und Eurythmics der Blaskapelle »Fanfare Gertrude« etwa 30 Aktivist*innen auf ihre RĂ€der: Mit entspanntem Reggae und Shantels Gassenhauer »Disko Partizani« gondelt die kleine Fahrrad-Demonstration durch Wedding – manche Passant*innen winken, andere dagegen schĂŒtteln den Kopf.

Tausende setzen bei #unteilbar ein Zeichen fĂŒr SolidaritĂ€t. Laut Veranstaltern demonstrierten am Samstag 30.000 Menschen in Berlin / Über 340 Organisationen mobilisierten in die Hauptstadt

Es ist der Auftakt fĂŒr eine fĂŒnftĂ€gige Radtour, die von Berlin bis nach Rostock fĂŒhren soll, wo am kommenden 18. September eine weitere große Unteilbar-Demonstration stattfinden soll. In Berlin hatte es am 4. September ebenfalls eine solche Demonstration gegeben.

»Auf dem Weg nach Rostock wollen wir uns mit Menschen und Initiativen treffen und ins GesprĂ€ch kommen«, sagt Vanessa Fischer zu »nd«. Sie ist Sprecherin der Organisation Power Shift, die sich fĂŒr eine ökologisch und sozial gerechtere Weltwirtschaft einsetzt. Fischer will die verschiedenen KĂ€mpfe fĂŒr mobile Gerechtigkeit zusammenbringen, »auf interpersoneller Ebene, national, auf EU-Ebene und global«, zĂ€hlt sie auf. Dabei gehe es nicht nur um Radwege in Berlin, sondern auch um ein MobilitĂ€tsrecht fĂŒr GeflĂŒchtete an den EU-Außengrenzen: »Aussehen, Herkunft und die sozioökonomische Situation machen aus, welchen Zugang wir zur MobilitĂ€t haben«, sagt Fischer.

Das Ziel: Unteilbar. Zu der Unteilbar-Demonstration am Samstag ruft ein breites BĂŒndnis auf. Das »nd« hat mit vier Teilnehmenden ĂŒber ihre Erfahrungen und Motive gesprochen

Wie global die Frage nach der »MobilitĂ€tsgerechtigkeit« ist, zeigt sie am Fall Brumadinho: Im Januar 2019 brach in der sĂŒdbrasilianischen Kleinstadt der Staudamm eines RĂŒckhaltebeckens. Eine Schlammwelle ergoss sich in das Tal, ĂŒber 250 Menschen starben. Brasilien ist zwar weit weg, aber: »Das Eisenerz, das in Brumadinho abgebaut wird, landet in Stade in deutschen Autos.« FĂŒr Vanessa Fischer ist der Vorfall nur ein Beispiel, das zeigt: »Wir mĂŒssen all diese unterschiedlichen KĂ€mpfe solidarisch gemeinsam fĂŒhren. Wir wollen sie auf unserer Radtour zusammenbringen. Denn diese KĂ€mpfe gehören zusammen, sie sind fĂŒr uns unteilbar.«

An der Radtour beteiligen sich neben dem Unteilbar-BĂŒndnis Mecklenburg-Vorpommern und Power Shift auch der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (BER) und die Stiftung Nord-SĂŒd-BrĂŒcken. »Es gibt eine große Vielfalt an Initiativen im Osten«, sagt Andreas Rosen von der Stiftung Nord-SĂŒd-BrĂŒcken. Ansatz der Tour sei, eine Diskussion ĂŒber Zukunftsperspektiven der »entleerten RĂ€ume« zu fĂŒhren.

Wir gegen die anderen. Von wegen unteilbar – wie die Bevölkerung in Gruppen mit konkurrierenden Interessen aufgeteilt wird

Unter dem Motto »solidarischer Osten« wird haltgemacht an Orten, wo sich Menschen fĂŒr eine freie und solidarische Gesellschaft engagieren. Oft geschieht dies unter schwierigen Bedingungen, sodass ein Ziel der Radtour auch ist, solche Initiativen zu unterstĂŒtzen, sich mit ihnen auszutauschen und zu vernetzen.

Doch am Sonntag fĂŒhrt die Radtour zunĂ€chst zum Kurt-Schuhmacher-Platz in Berlin, wo der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) die Kundgebung »Kutschi autofrei« abhalten. Von der im Flyer angekĂŒndigten »großen und lauten Abschlusskundgebung« ist nicht viel zu sehen, es wirkt eher wie eine GrĂŒnen-Wahlkampfveranstaltung: Alles ist grĂŒn, selbst die Banner von VCD und Greenpeace – der kleine rote Wahlstand der Linkspartei fĂ€llt kaum auf. Die Anwohnenden schauen etwas skeptisch auf die Veranstaltung. Sogar Bettina Jarasch, die Spitzenkandidatin der GrĂŒnen ist da, sie entert die BĂŒhne und hĂ€lt eine Wahlkampfrede. Doch die kleine Fahrrad-Demonstration ist da bereits in Richtung Oranienburg weitergefahren.

Nach Oranienburg steht in Brandenburg als Station noch FĂŒrstenberg auf dem Programm sowie Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern. Vorgesehen ist ein Besuch der leer stehenden ehemaligen Nervenheilanstalt DomjĂŒch: »Wir treffen eine Initiative, die sich bemĂŒht, den fĂŒr Erinnerung und Aufarbeitung wichtigen Ort zu erhalten und dem kulturellen Leben der Region neue Wege zu eröffnen«, heißt es auf dem Flyer.

Anschließend geht es nach Gessin. In dem Dorf mit nur knapp 100 Bewohner*innen wird die Frage aufgeworfen, wie man einen solchen Ort kulturell am Leben erhalten kann. In GĂŒstrow soll diskutiert werden, was die Nachbarschaft zu rechtsextremen Organisationen wie Nordkreuz und völkische Dörfer fĂŒr die Zivilgesellschaft bedeuten. Am Freitag endet die Radtour in Rostock. Man wolle die Zeit vor den Wahlen nutzen, so Andreas Rosen, um auf die Bedeutung einer weltoffenen Gesellschaft aufmerksam zu machen.




Quelle: Inforiot.de