Dezember 7, 2021
Von Anarchist Black Cross Dresden
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In diversen Texten [2,3,4] wird derzeit der Outcall von Johannes Domhöver (folgend JD) besprochen. Auch wir wollen uns  zu diesem Thema Ă€ußern. Wir haben vor einigen Wochen zufĂ€llig im Internet erfahren, dass es schwere VorwĂŒrfe der (sexualisierten) Gewalt und Vergewaltigung [1] gegen JD gibt, der derzeit im §129 Verfahren Antifa-Ost dafĂŒr angeklagt wird, Teil einer kriminellen Vereinigung zu sein.

Wenn wir im folgenden Text von VorwĂŒrfen gegen ihn sprechen, meinen wir nicht die VorwĂŒrfe der Bullen, sondern den Vorwurf der (sexualisierten) Gewalt und Vergewaltigung.

Wir möchten der/den Betroffenen unsere SolidaritĂ€t ausdrĂŒcken. Wir finden es unglaublich wichtig und extrem mutig, trotz der im Outcall beschriebenen [1] Drohungen, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir hoffen, dass die Betroffene(n) auf ein fĂŒrsorgliches und offenes Umfeld treffen, welches sie bei der Heilung unterstĂŒtzt. Gleichzeitig sind wir wĂŒtend und entsetzt, dass das gewaltvolle Verhalten von JD so lange Teil einer Szene sein konnte, welche fĂŒr Menschenrechte einsteht.

Zu den strukturellen Problemen in Gesellschaft und linker Szene haben andere Gruppen bereits sehr gute Texte geschrieben [2,3], deren Inhalte wir teilen. Wir möchten deshalb unsere Gedanken dazu teilen, was wir unter SolidaritĂ€tsarbeit verstehen und wie problematisch der derzeitige Umgang mit VorwĂŒrfen der sexuellen/sexualisierten Gewalt in Soli-Kampagnen ist.
Wir verstehen es so, dass die VorwĂŒrfe der sexualisierten Gewalt gegen JD Personen aus seinem Umfeld schon seit Jahren bekannt waren. Es wurde außerdem bereits versucht, mit ihm an seinem Verhalten zu arbeiten. FĂŒr uns stellt sich deshalb die Frage, warum die Infos nicht frĂŒher geteilt wurden. Ob Menschen aus dem SolibĂŒndnis Antifa-Ost davon wussten, wird in ihrem Statement offen [4] gelassen. 

Menschen wie JD sind in vielerlei Hinsicht gefĂ€hrlich fĂŒr politische ZusammenhĂ€nge. Ganz offensichtlich ist, dass die patriarchale Gewalt, die FLINTA* innerhalb der Szene erfahren, deren Leben bedrohen. Die UnfĂ€higkeit im Umgang und in der Aufarbeitung dieser patriarchalen Gewalt erschĂŒttert auch unsere Werte, Strukturen und GlaubwĂŒrdigkeit. Weiterhin sind viele der VorwĂŒrfe gegen JD strafrechtlich relevant und können von den Bullen als Druckpunkt genutzt werden, um bpsw. Informationen ĂŒber andere Personen und ZusammenhĂ€nge zu bekommen. Es ist außerdem zu befĂŒrchten, dass der Outcall und der damit verbundene Ausschluss aus „der Szene“ RachegelĂŒste hervorruft, die dazu fĂŒhren können, dass Interna veröffentlicht oder Menschen angegriffen werden. In diesem Kontext ist es absolut unverstĂ€ndlich und gefĂ€hrlich, dass trotz der gravierenden VorwĂŒrfe und der gescheiterten Aufarbeitung weiter politisch mit JD zusammengearbeitet wurde. Criminals for freedom teilen die Analyse [3], dass gewaltausĂŒbende Personen in unseren ZusammenhĂ€ngen oft extreme Machtpositionen und eine Art Superheld*innen-Status innehaben. Umso wichtiger ist es doch die Zusammenarbeit mit Personen, welche so tiefen Einblick und Einfluss auf unsere Strukturen haben, zu pausieren bis sie sich mit ihrer Scheiße auseinandergesetzt haben. Ein Mensch, welcher nicht bereit ist sich mit eigenem gewaltvollem Verhalten auseinanderzusetzen, kann kein politischer Partner sein!

Krassen VorwĂŒrfe gegen einen Angeklagten im Kontext einer Solikampagne riefen bei uns ein sehr starkes dĂ©jĂ  vu hervor. 2018 wurde der sogenannte „Netzwerk-Fall“ in Russland bekannt – die Verhaftung und Folter mehrerer Anarchist*innen und Antifaschist*innen in Penza und Petersburg, um das Konstrukt einer terroristischen Vereinigung. Es wurde eine breite SolidaritĂ€tskampagne aufgestellt [5]. Mit der Zeit bröckelte die Fassade des Idealbild der Aktivist*innen und schwere VorwĂŒrfe von sexualisierter Gewalt, Vergewaltigung und zuletzt Mord kamen an die Öffentlickeit. Das war fĂŒr uns ein Schock in verschiedener Hinsicht; Wie ist diese politische Bewegung aufgestellt? Warum passiert das immer wieder? Wieso wurden diese Informationen geheim gehalten, obwohl sie der Solikampagne bekannt waren? Wie können wir unseren eigenen Netzwerken in der SolidaritĂ€tsarbeit vertrauen? [6]

Soli-Kampagnen mit von Repression Betroffenen versuchen oft, ein widerspruchsfreies Bild von perfekten Aktivist*Innen aufzubauen. Eben jenen Superheld*innen, nach welchen sich alle so sehnen. Im Netzwerk-Fall in Russland war es so und wir befĂŒrchten, dass es hier Ă€hnlich ist. In diesem Kontext ist es verstĂ€ndlich, dass WidersprĂŒche in den Personen, die nicht in dieses Bild passen, unterdrĂŒckt werden, um die Soli-Kampagne nicht zu gefĂ€hrden. Wir verstehen auch, dass aufgrund der nötigen KlandestinitĂ€t und der PrivatsphĂ€re einer Person nicht jede Info in der Öffentlichkeit besprochen werden kann. Im Fall von JD ist es aus unserer Sicht aber eindeutig, dass die Infos zumindest in abstrahierter Form hĂ€tten veröffentlicht werden mĂŒssen.

Aus unserer Perspektive ist Vertrauen die Basis der SolidaritĂ€tsarbeit. Wenn eine UnterstĂŒtzungsgruppe zur SolidaritĂ€t mit einer Person aufruft, verlassen wir uns in einem gewissen Maße darauf, dass wir uns hinter unsere von Repression betroffenen GefĂ€hrt*innen stellen können. Grundlage dafĂŒr ist natĂŒrlich, dass die UnterstĂŒtzungsgruppe den Personen, die sie unterstĂŒtzt, vertraut. Es ist durchaus möglich einen Menschen fĂŒr eine politische Aktion zu unterstĂŒtzen obwohl die Person sich in anderen Kontexten Scheiße verhalten hat. Damit so eine Entscheidung nachvollziehbar ist und eine eigene stabile Positionierung möglich ist, braucht es jedoch Transparenz.  So kann jede*r selbst entscheiden, ob sie sich weiterhin mit der Person solidarisieren möchte. Wir halten es deshalb fĂŒr absolut notwendig, derart gravierende VorwĂŒrfe im Einvernehmen mit der von der Gewalt betroffenen Person zu teilen, sobald eine Solikampagne gestartet wird. 
Wir brauchen keine Superheld*innen. Was wir brauchen sind soziale ZusammenhĂ€nge, welche bei Gewalt nicht wegschauen, sondern Gewalt ausĂŒbende Personen stoppen und Betroffene unterstĂŒtzen. 

Das Antifa-Ost-Verfahren ist in seiner politischen Dimension fĂŒr unsere Bewegung sehr problematisch. Der Staat konstruiert linken Terrorismus und unterstĂŒtzt Feindbilder von der mittlerweile in Teilen der Bevölkerung als Schimpfwort kursierenden Antifa. Und das in einer Zeit, in der rechte Positionen nicht nur in Teilen der Bevölkerung, sondern auch in den Ermittlungsbehörden stark verankert sind. Viele Informationen aus dem Verfahren wurden direkt von den Cops an Nazis weitergeleitet. [7]

Das macht klar, wir dĂŒrfen uns von Repression nicht unterkriegen lassen und brauchen breite Netzwerke und UnterstĂŒtzung, um dieser politischen Entwicklung etwas entgegen zu halten. Aber genau fĂŒr die breite UnterstĂŒtzung ist Vertrauen in die eigenen SolidaritĂ€tsstrukturen notwendig. Um unseren eigenen AnsprĂŒchen gerecht zu sein und auch weiterhin eine glaubwĂŒrdige Soliarbeit zu leisten braucht es momentan nicht nur Texte und Bekenntnisse, sondern einen transparenten Umgang der Soli-Antifa-Ost-Kampagne sowie der anderen Angeklagten mit den VorwĂŒrfen. Es braucht Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und in den eigenen Gruppen.

Sexualisierte Gewalt in unseren Strukturen stoppen und transparent und proaktiv aufarbeiten!
SolidaritÀt ist unsere Waffe gegen staatliche Repression!

Links:
[1] Outing (21.10.2021) https://de.indymedia.org/node/156448
[2] Antifa Friedrichshain (21.10.2021) https://de.indymedia.org/node/156449
[3] Criminals for Freedom (26.10.2021) https://criminalsforfreedom.noblogs.org/2021/10/statement-zum-outing-ueber-den-taeter-johannes-domhoever/#more-1040
[4] Statement SolidaritĂ€tsbĂŒndnis Antifa Ost (26.10.2021) https://www.soli-antifa-ost.org/statement-des-solidaritaetsbuendnis-antifa-ost-zum-outcall-von-johannes-domhoever/
[5] Solikampagne Rupression zum Netzwerkfall https://rupression.com/
[6] SolidaritĂ€t ist zerbrechlich – Gedanken zum „Netzwerk“-Fall vom ABC Dresdenhttps://abcdd.org/2020/04/06/position-des-abc-dresden-zu-den-letzten-updates-im-netzwerk-fall/
[7] Wer ist der Maulwurf? – Nach Veröffentlichungen aus Ermittlungsakten im Fall Lina E. ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Soko Linxhttps://www.akweb.de/politik/lina-e-ermittlungen-gegen-soko-links-in-sachsen-wer-ist-der-maulwurf/




Quelle: Abcdd.org