Juni 21, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Kristin Ross: Luxus fĂŒr alle. Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune, Matthes & Seitz, Berlin 2021, 208 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-75180-324-3.

Die 72 Tage wĂ€hrende Pariser Kommune jĂ€hrt sich dieses Jahr zum 150. Mal. Das könnte ein Grund sein, sich mit ihr zu beschĂ€ftigen. Das Buch Luxus fĂŒr alle ist auch fĂŒr diejenigen interessant, die einen Einstieg in dieses Thema suchen und sich nur inhaltlich und geschichtlich mit der Pariser Kommune beschĂ€ftigen wollen, obwohl das nicht die primĂ€re Intention seiner Autorin ist: „Allerdings ging es mir generell nicht darum, den heutigen politischen Widerhall der Kommune herauszuarbeiten, auch wenn ich davon ĂŒberzeugt bin, dass es ihn gibt – mitunter in recht amĂŒsanter Weise: Die New York Times etwa stellte eine junge Aktivistin, die sie im November 2011 im kalifornischen Oakland befragte, ahnungslos als ‚Louise Michel‘ vor.“

Wer war bitteschön Louise Michel? Im JubilĂ€umsjahr der Pariser Kommune sind wir da vielleicht schon etwas weiter. Denn in einem Zeitungsartikel ĂŒber die Besetzung des Pariser OdĂ©on-Theaters durch Kulturschaffende, die dadurch auf ihre Probleme wegen der Corona-Krise aufmerksam machen wollten, heißt es: „‚Wir kleinen Leute mĂŒssen aufstehen wie die Kommunarden 1871‘, sagt Monique, auf deren Neonweste hinten in großen Lettern ‚Je suis Louise Michel‘ steht: die Volksheldin der Pariser Commune, deren 150. Jahrestag in Frankreich gerade gefeiert wird.“ (1)

Auch wenn obige Frage von diesem Buch beantwortet wird, geht die Autorin – da sie sich mit dem Denken beschĂ€ftigt, das sich wĂ€hrend und ausgehend von der Kommune entwickelt hat – weit ĂŒber diese historischen 72 Tage hinaus. Es geht ihr darum, die Kommune sowohl rĂ€umlich als auch zeitlich weiter zu denken. Das erste Kapitel beginnt daher bei den Volksversammlungen, die bereits vor der eigentlichen Kommune in Paris stattgefunden haben. Kapitel zwei beschĂ€ftigt sich mit Bildung und KĂŒnsten und was in der Kommune vor Ort Praktisches dafĂŒr in die Wege geleitet worden ist. Ein Hauptaspekt dabei ist die Überwindung der Trennung von Hand und Kopf(-arbeit), von Praxis und Theorie. Im dritten Kapitel werden Peter Kropotkin und William Morris eingefĂŒhrt und wie sie von der Pariser Kommune stark beeinflusst worden sind. Kapitel vier folgt den Kommunard*innen nach der Zerschlagung der Kommune in der sogenannten Blutwoche nach England und in die Schweiz, die einzigen Orte, wo sie Asyl erhielten. Hier trafen sie auf UnterstĂŒtzer*innen und WeggefĂ€hrten wie Marx, Kropotkin oder William Morris. In der Schweiz entwickelte sich daraus der anarchistische Kommunismus. Im abschließenden fĂŒnften Kapitel geht es um das Denken der drei Autoren ÉlisĂ©e Reclus (eines Kommunarden), Kropotkin und Morris. Der Aspekt der SolidaritĂ€t (bei Kropotkin heißt das gegenseitige Hilfe) ist wesentlich, und obwohl die ersten beiden ĂŒber die Naturwissenschaften (Geografie), der letztere ĂŒber die Kunst zu ihren Erkenntnissen gekommen sind, „kamen alle drei Denker auf je eigenem Weg zu der Überzeugung, dass Kapitalismus und Handel die Hauptursache der Degradierung nicht nur des Menschen, sondern auch der Natur seien.“ Auch können alle drei als Vorreiter eines ökologischen Denkens, des Ökosozialismus gesehen werden. Dass die Wurzeln davon in der Pariser Kommune zu finden sind, ist der Autorin wichtig herauszustellen, da „die gegenwĂ€rtige Forschung [
] das politische Denken von Morris, Kropotkin und Reclus [
] nie in eine historische Beziehung“ zu ihr setzt.

Auch Karl Marx taucht in diesem Buch immer wieder auf. Denn auch fĂŒr ihn war die Kommune ein Wendepunkt in seinem Leben und Denken. Er spricht von dem „eigenen arbeitenden Dasein“ der Kommune. Die Kommune brachte Marx auch erst darauf, dass es wichtig sei, die Trennung von Stadt und Land zu ĂŒberwinden, indem zum Beispiel Arbeiter mit Bauern föderieren.

Die Menschen im Dunstkreis der Pariser Kommune haben damals mehr zusammen und nicht gegeneinander gedacht, und wir sollten laut Ross auch heutzutage Reclus‘ Beispiel folgen, nĂ€mlich „der RivalitĂ€t zwischen Marx und Bakunin weniger Beachtung [zu] schenken“. Denn auch Marx kam „anarchistischen und auf lokaler Autonomie beharrenden Positionen nie so nahe wie in seinen Schriften ĂŒber die Kommune.“ Ross plĂ€diert also dafĂŒr, die Trennung in Anarchist*innen und in Marxist*innen zu ĂŒberwinden. Ob das angesichts der letzten 150 Jahre autoritĂ€rem und Staatssozialismus noch möglich ist, möge jede/r Leser*in selbst entscheiden.

Der Kapitalismus speist nicht nur den Großteil der Gesellschaft mit schĂ€bigen, billigen GebrauchsgĂŒtern von kurzer Lebensdauer ab, sondern auch den Reichen wird durch nutzlose Luxusartikel ein „entleertes und degradiertes Leben beschert“. Durch die zwei weitreichenden VerĂ€nderungen, die die Pariser Kommune angedacht hat, nĂ€mlich die „ÜberfĂŒhrung von Grund und Boden in Gemeineigentum“ sowie die Förderung von SelbstĂ€ndigkeit auf dezentrale Weise und Selbstversorgung auf regionaler Ebene, könnte beides ĂŒberwunden werden. Denn dann wĂ€re eine FĂŒlle fĂŒr alle möglich, ein „luxe communal“, weshalb sich dieser Begriff auch wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht.




Quelle: Graswurzel.net