Oktober 9, 2021
Von Paradox-A
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Bei Veranstaltungen zu Grundlagen des Anarchismus oder auch in persönlichen GesprĂ€chen, bekomme ich immer wieder Fragen zu hören, die mir mittlerweile sehr seltsam erscheinen. Sie zeigen, dass es noch viel Bedarf an Vermittlung und Diskussion darĂŒber gibt, was Anarchismus eigentlich ist – und vor allem, wo er praktisch außerhalb von zeckigen Szene-Projekten existent ist. MerkwĂŒrdigerweise scheint es Menschen schwer zu fallen, anarchistische und kommunistische Tendenzen in der bestehenden Gesellschaft wahrzunehmen und als solche einzuordnen. Ein Beispiel dafĂŒr sind humanitĂ€re Hilfsprojekte.

Doch zunĂ€chst zur problematischen Seite: Charity: Es ist bekannt, dass unter dem Banner der HumanitĂ€t große etablierte Organisationen arbeiten, wie etwa das Rote Kreuz. Hierbei spielen sehr verschiedene Motivationen eine Rolle, greifen auch unterschiedliche Interessen ineinander. Am Schlimmsten ist dabei das WohltĂ€tigkeitsgebaren von Reichen, welche es sich aufgrund ihres strukturell angeeigneten Reichtums leisten können, sich darĂŒber hinaus noch als WohltĂ€ter*innen zu inszenieren. Dazu treffen sich diese Leute auf WohltĂ€tigkeitsveranstaltungen ihrer Clubs, um sich in exklusiven Kreisen gegenseitig zu beweihrĂ€uchern. Das ist ekelhaft. Im Übrigen lassen sich mit Spenden teilweise auch ganz gut Steuern sparen und das Image von Unternehmen aufpolieren.

https://www.cadus.org/de/

Auch Nationalstaaten spielen im humanitĂ€ren Business mit und zwar aus eminent eigenen geostrategischen Interessen. FĂŒr Regierungen wie in der BRD geht es darum, GeflĂŒchtete an den Grenzen Europas festzuhalten oder am besten bereits zuvor – auch unterstĂŒtzt von den Folgen postkolonialer Dominanz – in den von Krieg, Armut, Repression und Umweltzerstörung gezeichneten HerkunftslĂ€ndern dahinvegetieren zu lassen. Dazu nehmen westliche reiche Nationalstaaten gern auch mal einiges an Geld in die Hand. Sind sie dabei besonders perfide, inszenieren sie sich wie die BRD nicht nur als „Erinnerungs-Weltmeister“, sondern auch als „HumanitĂ€ts-Weltmeister“ – ein Ruf, dessen finanzielle Kosten durchaus einige Millionen Wert sein dĂŒrfen, wenn er dabei hilft, etwa die Rolle deutscher RĂŒstungskonzerne in kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit kleinzureden.

Dies sind unter anderem die problematischen Aspekte des Charity-Businesses. Und dennoch gibt es offenbar viele Menschen, denen das Leid der Welt nicht am Arsch vorbeigeht und die nicht vorrangig um ihr Image besorgt sind, sondern ernsthaft mit ihren FĂ€higkeiten direkt helfen wollen. Dies kann auf sehr verschiedene Weisen geschehen und zweifellos wĂŒrde die bestehenden staatlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung ohne die tĂ€gliche Hilfsbereitschaft von Millionen von Menschen rasch in sich zusammenbrechen – ebenso wie sie sich ohne die grĂ¶ĂŸtenteils unbezahlte und meist weibliche Care-Arbeit nicht lange reproduzieren könnte. Nicht umsonst loben Regierungsvertreter*innen das sogenannte „Ehrenamt“ – das meist kostenlose politische, ökonomische, soziale und emotionales Engagement erhĂ€lt die Gesellschaft aufrecht, welche der Staat zu regieren beansprucht.

Doch Engagement ist sicherlich nicht an sich anarchistisch. Auch wenn Menschen konkret geholfen wird – was immer viel Wert ist – sind beispielsweise auch fundamentalistische Christ*innen engagiert. Gerne pachten sie die Hilfsbereitschaft fĂŒr sich. Doch das es eine religiöse Motivation braucht, um Menschen zu helfen, ist ein Mythos. Ganz im Gegenteil war die gegenseitige Hilfe ein wesentlicher Faktor z.B. auch fĂŒr die StĂ€rke der europĂ€ischen Arbeiter*innenbewegung vom 18. bis 20. Jahrhundert. Oftmals wurde dies von sozialistischen Parteipolitiker*innen ignoriert, weil diese annahmen, Menschen tun das eben einfach so, sich gegenseitig helfen. Politiker*innen sehen nicht, dass dahinter durchaus die Entscheidung und OrganisationsfĂ€higkeit vieler Einzelner steht, die damit auch gesellschaftliche VerĂ€nderungen anstoßen (auch wenn sie dies auf Wahlplakaten so verkaufen).

Auch heute mittlerweile weltweit bekannte Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen waren in ihrer GrĂŒndungsphase anarchistisch beeinflusst. Freilich braucht das nicht herausgestellt zu werden, denn natĂŒrlich ist es problematisch, solidarisches Engagement wiederum ideologisch verkaufen zu wollen, wie es sich viele kirchliche Organisationen zum GeschĂ€ft gemacht haben. Und: Es stimmt auch, dass Linke und Anarchist*innen ihren eigenen AnsprĂŒchen daran, SolidaritĂ€t oder auch gegenseitige Hilfe zu praktizieren, hĂ€ufig nicht genĂŒgen. Vielleicht ist es sogar so, dass wer darĂŒber viel und hochgestochen spricht, das Naheliegende letztendlich nicht tut.

Cadus und Sea-Eye sind beides Hilfsorganisationen, die nicht viel Tamtam um ihre AktivitĂ€ten machen und dennoch auf Werbung fĂŒr Spendengelder angewiesen sind, um ihre direkte UnterstĂŒtzung und praktizierte SolidaritĂ€t ausĂŒben zu können. Das heißt, es lohnt sich, sich mit ihnen zu beschĂ€ftigen, ihnen Geld zu geben, sie zu unterstĂŒtzen und sich von ihnen inspirieren zu lassen. Aus den WidersprĂŒchen der humanitĂ€ren Hilfe kommen auch sie in einer Welt voll Zerstörung und Menschenverachtung nicht raus – beispielsweise dann, wenn es darum geht, auf internationale Verpflichtungen zur Seenotrettung zu pochen, da die italienische Regierung Rettungsschiffe mit fingierten VorwĂ€nden in HĂ€fen festhĂ€lt.

Gerade wenn mensch den Staat konfrontiert, muss mensch sich bedauerlicherweise an seiner Logik abarbeiten, die zu weiten Teilen bĂŒrokratisch und juristisch funktioniert – die aber gerade in Grenzgebieten rasch auch zur Begegnung mit Polizei und MilitĂ€r fĂŒhrt. Und dennoch, dass was Sea-Eye und Cadus organisieren, wofĂŒr sie stehen, ist praktizierte, ja: gelebte, SolidaritĂ€t im 21. Jahrhundert im anarchistischen Sinne. Daraus wachsen Beziehungen, Netzwerke, Erfahrungen und auch Organisationen, welche ein Gegenmodell zum staatlichen Kapitalismus darstellen. Auch dies sind die Keimzellen der neuen Gesellschaft.




Quelle: Paradox-a.de