November 25, 2020
Von Radio Chiflada
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Es besteht kein Zweifel daran, dass sich die Geschichte wiederholt, wenn
man die historischen Erfahrungen ignoriert und was derzeit in Rojava
stattfindet, belegt diese Aussage. Im irakischen S├╝dkurdistan (Ba┼č├╗r)
hatte die kurdisch-nationalistische Bewegung von 1961 bis 1975 einen
Krieg f├╝r die Unabh├Ąngigkeit der Kurd*innen gegen die Regierung des Irak
gef├╝hrt und dabei Hilfe und Unterst├╝tzung von den USA Staaten und deren
Verb├╝ndeten bekommen.

Diese Bewegung brach innerhalb von 24 Stunden zusammen als am 06.03.1975
die Unterst├╝tzung durch Mohammad Reza Pahlavi beendet wurde, dem
damaligen Staatschef des Iran. Dieser Zusammenbruch wurde verursacht
durch das Abkommen [von Algier] zwischen den Regimes in Irak [Hussein]
und Iran [Shah]. Die kurdische Bewegung im Nordirak stand mit ihrer
bitteren Erfahrung mit den USA w├Ąhrend ihres Kampfes nicht alleine da.
Tats├Ąchlich ist es so, dass auch andere Bewegungen, die von den USA
unterst├╝tzt wurden, das gleiche Schicksal teilen mussten.

Nach all diesen Erfahrungen in der Region war dann 2015 eine weitere
politische Partei, die “Partei der Demokratischen Union” (PYD), in die
US-Falle getreten. Die [dem kurdischen Anf├╝hrer ├ľcalan folgende] PYD
wurde der Hauptverb├╝ndete der Vereinigten Staaten im Kampf gegen die
Terrorgruppe ISIS [“Islamischer Staat”]. Dabei wurden tausende M├Ąnner
und Frauen ihres milit├Ąrischen Arms “Demokratische Kr├Ąfte Syriens” (SDF)
geopfert, die zu den besten K├Ąmpfer*innen der Welt geh├Âren und denen
sich auch viele Ausl├Ąnder*innen angeschlossen hatten.

Von Anfang an stand f├╝r uns fest, dass nach [der Befreiung von] Kobane
jede Kampfhandlung au├čerhalb von Selbstverteidigung nicht den kurdischen
Interessen in Rojava [syrisches Westkurdistan] dient, sondern den
Interessen der USA und Europas.

Die PYD in ihrer Allianz mit den Vereinigten Staaten war f├╝r die
Nachbarstaaten T├╝rkei und Syrien ein weiterer St├Ârfaktor und Ausl├Âser
von Aggressionen. Das zeigte zum Beispiel der Einmarsch der T├╝rkei in
[die nordwest-syrische Provinz] Afrin im Januar 2018 – und jetzt in Rojava.
Nun ist es h├Âchst offensichtlich, dass die USA die kurdische Bewegung im
Irak ebenso f├╝r ihre politischen, wirtschaftlichen und milit├Ąrischen
Interessen benutzt haben, wie auch in Rojava. Mit anderen Worten: So,
wie die USA die Kurd*innen 1975 im Irak im Stich gelassen hatten, indem
sie einen Pakt zwischen Irak und Iran auf deren Kosten zugelassen haben,
so handeln die Vereinigten Staaten nun erneut in Rojava. Der einzige
Unterschied ist nur, dass es diesmal schlimmer als 1975 werden k├Ânnte,
denn alle wissen, mit welcher Brutalit├Ąt der [t├╝rkische] Einmarsch
zahlreiche Tote und Zerst├Ârung verursachen wird.

Wir Anarchist*innen, egal wo wir leben und welche Sprache wir sprechen,
stehen in Solidarit├Ąt mit den Ausgebeuteten, wer auch immer sie sind,
und mit jenen, die unter den schrecklichen Umst├Ąnden des Krieges leben
m├╝ssen. Wir sehen es als unsere Pflicht an, die zivilen und
freiheitlichen Stimmen zu unterst├╝tzen und uns mit ihnen solidarisch zu
zeigen – aber nicht mit politischen Parteien, Regierungen und Staaten.
Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Macht├╝bernahme der PYD in
Rojava f├╝r die Menschen dort eine Katastrophe bringen wird. Wir waren
stets ├╝berzeugt, dass die PYD, wie jede andere politische Partei,
versuchen wird sich mit m├Ąchtigen Kr├Ąften zu verb├╝nden, um ihre Politik
umzusetzen.

Wir mussten mitansehen, wie [in der nordirakischen Autonomen Region
Kurdistan] die PYD in Dohuk einen Kompromiss mit der “Demokratischen
Partei Kurdistans” (PKD) und den syrischen Oppositionsparteien des
“Kurdischen Nationalrats” (ENKS) eingegangen ist. Dabei wurde dem ENKS
von der PYD 40 Sitze [im “Hohen Kurdischen Komitee”, DBK] einger├Ąumt,
ohne jedoch die Bev├Âlkerung von Rojava zu befragen.

Auch wurden wir Zeug*innen, wie die PYD als autorit├Ąre Macht aufgetreten
ist und aus den Freiwilligenverb├Ąnden YPG/YPJ
[“Volksverteidigungseinheiten”] ihre eigene Armee gebildet hat. Sie
verhandelte mit [dem syrischen Diktator] Assad, wechselte ihren Kurs und
kontrollierte die Lage in Rojava. Und die PYD hat all das hinter dem
R├╝cken der Menschen in Rojava getan. Infolge dessen waren unsere
Genoss*innen nicht zur├╝ckhaltend mit ihrer Kritik an der PYD und der
Lage vor Ort.

Den Menschen in Rojava w├╝nschen wir nun, dass sie noch etwas Positives
unternehmen k├Ânnen und auch wenn es etwas sp├Ąt daf├╝r sein mag, ist dies
vielleicht immernoch m├Âglich. Die Versammlungen, Gruppen und
Massenorganisationen in den Ortschaften und D├Ârfern k├Ânnten die
Verwaltung und Macht im Sinne einer sozialen Selbstbestimmung
voranbringen, sobald die Invasion [des t├╝rkischen Milit├Ąrs] beendet oder
ein Waffenstillstand vereinbart wird.

Au├čerdem glauben wir, dass es f├╝r die Menschen in Rojava an der Zeit
ist, aus der Vergangenheit zu lernen und keiner politischen Partei mehr
zu vertrauen, sondern den Machtspielen der PYD und anderer Parteien zu
entkommen, bei denen die Bev├Âlkerung immer die Hauptverliererin ist.

In diesem Moment erhebt sich Rojava gegen den Einmarsch des
neo-osmanischen Reiches. Als Revolution├Ąr*innen ist es unsere Pflicht,
die bestm├Âgliche Hilfe dabei zu leisten. Unsere Unterst├╝tzung f├╝r Rojava
ist nicht darin begr├╝ndet, dass die Bev├Âlkerung ├╝berwiegend kurdisch
ist, sondern weil wir uns gegen jede Art von Krieg aussprechen. Denn es
ist immer die Zivilbev├Âlkerung, also die Armen, Verwundbaren, Frauen,
Alten und Kinder, die den Preis daf├╝r zahlen muss.

Dieser Krieg wurde heute, am 09.10.2019, vom t├╝rkischen Staat und seinen
Stellvertreter*-Armeen begonnen. Diese bestehen auch aus arabischen und
t├╝rkischen Nationalist*innen, dem ENKS [“Kurdischen Nationalrat”] und
m├Âglicherweise auch aus der Kurdischen Regionalregierung (KRG) [der
nordirakischen Autonomie-Region].

Der Krieg bringt Katastrophen hervor, die jedoch untrennbar verbunden
sind mit der Klassengesellschaft und dem Kapitalismus. Wir lehnen aber
jede Art von Macht, Herrschaft, Hierarchie und Klassendominanz ab, denn
diese sind die Ursachen f├╝r die Unterdr├╝ckung der Bev├Âlkerungsmassen und
verhindern, dass die Menschen ├╝ber sich selbst bestimmen.

Unsere Alternative ist eine soziale Selbstverwaltung der Kantone und
Kommunen, jenseits der Kontrolle durch politische Parteien, Staaten und
andere hierarchische Organisationen. Wir klagen Erdogan und seine
Alliierten an, in Rojava ein marschiert zu sein und wir machen sie daf├╝r
verantwortlich, was dort passiert. Unsere Herzen und Gedanken sind mit
den Menschen in Rojava.

Gegen Staat, politische Parteien, Krieg, Invasion und Terror!
F├╝r Solidarit├Ąt, Freiheit, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und soziale
Selbstverwaltung!





Kurdischsprachiges Anarchistisches Forum (KAF), 08.10.2019,




Quelle: Digitalresist.blogspot.com