Oktober 18, 2021
Von AK40
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Anfang letzten Jahres wandte sich eine aus Gotha stammende von sexualisierter Gewalt Betroffene mit einem Outcall an die Öffentlichkeit. In dem zusammen mit UnterstĂŒtzer*innen verfassten Outcall formulierte sie Forderungen fĂŒr eine Aufarbeitung an das Haus- und Wohnprojekt Juwel, in dessen RĂ€umlichkeiten und Strukturen sich die Vergewaltigung zugetragen hat. Die geforderte Aufarbeitung ist trotz vielfacher öffentlicher Beteuerungen der BemĂŒhungen darum, seitens des Juwel aber zu vermissen. Wir ziehen nun die Konsequenzen und distanzieren uns vom Juwel Gotha!

Dem Outcall der Betroffenen aus Gotha folgte wenig spĂ€ter ein Statement des Juwels, in dem sie ihre Reaktion beschreiben, nachdem sie von der Vergewaltigung erfahren haben. Der TĂ€ter hatte binnen 1,5 Wochen auszuziehen, der Betroffenen seien UnterstĂŒtzungsangebote gemacht worden. Fehler wurden eingerĂ€umt, Bedauern und ErschĂŒtterung ausgedrĂŒckt und eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung in Aussicht gestellt. Danach wurde es (zumindest nach außen hin) ruhig um das Juwel Gotha.

Ob – und wenn ja wie – eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung stattfinden wĂŒrde, war wegen der mangelnden Öffentlichkeit seitens des Juwels Gotha schwer nachvollziehbar. Immer wieder gab es vor allem in Form von Facebook-Kommentaren Versicherungen dazu, dass diese aber stattfinde.

Dabei trat jedoch meist die Frage nach einem Umgang mit sexualisierter Gewalt und ĂŒberhaupt Sexismus in den eigenen Strukturen immer wieder zugunsten des Aufpolierens des eigenen Images in den Hintergrund. Den nicht zuletzt von der Betroffenen geĂ€ußerten EinschĂ€tzungen wurden immer wieder die eigenen BemĂŒhungen vorwurfsvoll entgegengehalten, statt einmal ihr Befinden ernst zu nehmen. Diese Form der Auseinandersetzung ließ eigentlich klare SchlĂŒsse zu. 

Dass im letzten und Anfang dieses Jahres kaum öffentliche Veranstaltungen stattfinden konnten, bedingte fĂŒr uns (und andere Außenstehende) aber die Bequemlichkeit, sich gegenĂŒber des Juwels nicht praktisch verhalten zu mĂŒssen. Die Frage, wie man sich in SolidaritĂ€t mit der Betroffenen dazu verhĂ€lt, wenn dort Veranstaltungen stattfinden wĂŒrden oder was die nicht transparente (vermeintliche) Aufarbeitung fĂŒr zukĂŒnftige Zusammenarbeit bedeuten wĂŒrde, stellte sich in der Praxis nicht.

Wir hatten allerdings die Hoffnung, dass an einem Ort wie Gotha, der einen linken Raum so dringend benötigt, eine Chance darauf besteht, dass man sich der Aufgabe der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in den eigenen Strukturen stellt. 

Die letzten Zweifel, darum, dass eine Aufarbeitung stattfinde, die man mangels Öffentlichkeit nicht nachvollziehen konnte, platzten dann spĂ€testens, als das Juwel wieder zu einer öffentlichen Veranstaltung einlud. Die Betroffene und ihre UnterstĂŒtzer*innen, die bis dahin viele Anfeindungen ĂŒber sich ergehen lassen mussten, wandten sich in einem neuen Statement an die Öffentlichkeit, in dem sie anprangerten, dass das Juwel das Versprechen der Aufarbeitung (und Transparenz) nicht einhalten konnte und nun zum TagesgeschĂ€ft ĂŒbergehen wollte. Die Reaktionen von Seiten des Juwel darauf bestĂ€tigten diese Sicht: Die eigenen BemĂŒhungen um Aufarbeitung wurden beteuert, der Betroffenen und allen, die sich mit ihr solidarisierten, vorgeworfen, eben diese BemĂŒhungen nicht ernst zu nehmen. Es wurde niemals auch nur die Frage an die Betroffene gerichtet, was sie zu der EinschĂ€tzung veranlasst, dass keine Aufarbeitung stattgefunden hat und wie sie sich eine solche vorstelle (dokumentiert und analysiert auf dem Instagram-Account sistersinsarms).

Wir ziehen praktische Konsequenzen: Mitglieder des Juwel e.V., TĂ€terschĂŒtzer*innen und alle, die meinen, das fortwĂ€hrende mutige Hinweisen auf die fehlende Aufarbeitung durch die Betroffene und ihre UnterstĂŒtzer*innen sei ein Problem und nicht die fehlende Aufarbeitung selbst, sind bei Veranstaltungen des AK40 unerwĂŒnscht. Wir sehen keine Möglichkeit fĂŒr eine zukĂŒnftige Zusammenarbeit mit dem Juwel e.V. und empfehlen mehr noch Menschen, die potenziell von sexualisierter Gewalt betroffen sein können, ihm fortan fern zu bleiben. Damit kĂŒndigen wir nicht die Zusammenarbeit mit einem antifaschistischen Projekt auf, wir ziehen die Konsequenzen daraus, dass das Juwel in Gotha kein solches mehr ist; sondern ein Projekt, das lange vorher schon ein Problem mit Sexismus hatte, aber an der Bearbeitung dieses Problems nicht interessiert ist. Ein Projekt, in dem TĂ€terschĂŒtzer*innen verkehren, wĂ€hrend der Betroffenen mit Auslachen bis hin zu Anfeindungen begegnet wird, wenn sie immer wieder die Auseinandersetzung sucht (wĂ€hrend ihr nahegelegt wurde, dem Juwel zum Zweck der Konfliktvermeidung fern zu bleiben !) . All das zeigen die Veröffentlichungen der Betroffenen und ihrer UnterstĂŒtzer*innen zu genĂŒge. 

Besorgniserregend finden wir, wenn Betroffene, die TĂ€ter und die sie schĂŒtzenden Strukturen outcallen, als Nestbeschmutzer*innen dargestellt werden. Damit begibt man sich in die Logik von BĂŒrgermeister*innen, die lieber den Ruf ihrer Stadt wahren wollen als gegen Nazi-Strukturen vorzugehen. Sicher macht es bedrohte linke RĂ€ume auch angreifbarer, wenn in der Öffentlichkeit ĂŒber dort stattfindende sexualisierte Gewalt berichtet wird. Aber sind es ĂŒberhaupt erhaltenswerte RĂ€ume, wenn sie keine SchutzrĂ€ume fĂŒr alle, sondern fĂŒr TĂ€ter sind?




Quelle: Ak40.noblogs.org