MĂ€rz 8, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Aus der Anarchistischen Bibliothek

Du bist eine Frau, die in einer kapitalistischen Gesellschaft lebt Dein Job, die offenen Kredite, dein Ehemann, die Schule deiner Kinder, die Hausarbeiten, die Aufwendungen, um hĂŒbsch zu sein und Beachtung zu finden – das alles widert dich an! Wenn du ĂŒber diese Dinge nachdenkst, was sie miteinander verbindet und wie sie geĂ€ndert werden können, wirst du irgendwann unweigerlich auf den sozialistischen Feminismus stoßen.[1]

Von den unzĂ€hligen VorschlĂ€gen, die zur Lösung des sexistischen Problems gemacht wurden, scheinen viele Frauen den sozialistischen Feminismus als eine der erfolgversprechendsten Lösungen anzusehen. Der Sozialismus in seiner erstaunlichen Vielfalt ĂŒbt heute auf viele Menschen eine starke Wirkung aus. Sein Programmangebot reicht von der Interessenvertretung der arbeitenden Bevölkerung und einem durchdachten System revolutionĂ€rer Theorien bis hin zu den Beispielen der IndustrielĂ€nder, die eine andere Gesellschaftsstruktur haben als die der USA und ihrer Satelitenstaaten.

FĂŒr viele Feministinnen liegt die Anziehung des Sozialismus in seinem Versprechen, die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen der arbeitenden Frau und dem arbeitenden Mann zu beenden. All den Frauen, die der Meinung sind, daß eine ausschließlich feministische Analyse nicht in der Lage ist, die bestehenden Ungleichheiten der Gesellschaft zu erfassen, bietet der Sozialismus darĂŒber hinaus eine radikale Erweiterung ihrer Perspektive.

Es gibt gute GrĂŒnde, warum Frauen darĂŒber nach- denken, ob der feministische Sozialismus als eine politische Theorie brauchbar ist. Sozialistische Feministinnen sind anscheinend sowohl vernĂŒnftig als auch radikal. Die meisten von ihnen haben eine grosse Abneigung gegen den Reformismus und Individualismus, wie er sich zunehmend unter einer großen Anzahl von Frauen breitmacht.

Die Vorstellung von einer Nation der Amazonen, die mit ihren Heerscharen kampferfĂŒllter Frauen dem Sonnenuntergang entgegenreiten, ist fĂŒr uns, die wir nicht so romantisch sind, wirklichkeitsfremd, aber immer noch harmlos. Ernster dagegen betrachten wir die religiöse Besessenheit, die unter vielen Frauen um sich greift und so sonderbare psychische PhĂ€nomene wie den Glauben an die „Große Göttin’*, die Magie und den Hexenkult hervorgebracht hat. Als eine Feministin, die sich mit der VerĂ€nderung der Gesellschaftsstruktur beschĂ€ftigt, finde ich das alles andere als harmlos.

  1. Beispiel: Mehr als vierzehnhundert Frauen nahmen im April 1976 in Boston an einem spiritualistischen Kongreß teil, der sich grĂ¶ĂŸtenteils mit den erwĂ€hnten Themen beschĂ€ftigte. HĂ€tte die Energie, die dort in endlosen Diskussionen ĂŒber Hexenkult, Geisterbeschwörung und Menstruationsriten aufgebracht wurde, nicht besser fĂŒr feministische Zwecke verwendet werden können?

  2. Beispiel: Laut Berichten in wenigstens einer feministischen Zeitung versuchte eine Gruppe von Hexen, Susan Saxe durch Zauberei aus dem GefĂ€ngnis zu befreien. (Schwebenderweise sollte sie in die Freiheit gelangen!) Wenn diese Frauen wirklich geglaubt haben, Susan so befreien zu können, dann zeigt das nur, daß ihnen jedes VerstĂ€ndnis der patriarchalischen UnterdrĂŒckung fehlte. War dagegen nur ein fröhlicher Scherz beabsichtigt, warum lacht denn keiner!

Der Reformismus ist eine weitaus grĂ¶ĂŸere Gefahr fĂŒr die Interessen der Frauen als diese bizarren Psychospiele. Die Bezeichnung „reformistisch” kann auf verschiedene Weise verwendet werden — jedoch erweist sich der Begriff in den meisten FĂ€llen weder als zutreffend noch als nĂŒtzlich. HĂ€ufig verbirgt sich hinter dem Begriff nur der eigene politische Puritanismus oder die Ablehnung der politischen Arbeit an sich. Als Antwort darauf haben einige Feministinnen versucht zu zeigen, daß durch eine bestimmte Art von Reformen eine radikale Bewegung geschaffen werden kann.[2]

Aber es gibt auch reformistische Strategien, die die Energie der Frauen sinnlos vergeuden, indem sie trĂŒgerische Hoffnungen auf eine grundlegende VerĂ€nderung der Gesellschaft wecken, ohne jedoch Lösungen anzubieten, die zu deren Realisierung fĂŒhren. Das beste Beispiel dafĂŒr ist die Wahlpolitik. Sie findet AnhĂ€nger unter den Sozialisten, die von der Idee des stufenweisen Fortschritts ĂŒberzeugt sind. Die Anarchisten sind da anderer Meinung. Du kannst dich nicht durch autoritĂ€re Methoden befreien. Indem du Frauen als deine Interessenvertreterinnen in die Politik wĂ€hlst, Ă€nderst du nichts an den alten korrupten Institutionen des Patriarchats. Du unterliegst weiterhin ihrer „Herr”-schaft. Wenn also Organisationen wie die NOW die Frauen aufrufen, ihnen in die Revolution zu folgen, indem sie sie wĂ€hlen, heißt das nichts anderes, als die Dinge so zu belassen, wie sie sind.

Die Wahlpolitik ist ganz offensichtlich eine Sackgasse; selbst ein Großteil nicht-radikaler Frauen hat inzwischen gelernt, sie zu umgehen. Nicht so offensichtlich dagegen ist das Problem des Kapitalismus, wie er versteckt hinter der Maske feministischer Wirtschaftsunternehmen aufblĂŒht. Betrachten wir zum Beispiel die Feminist Economic Network (FEN) — eine der vielen feministischen Wirtschaftsorganisationen. UrsprĂŒnglich handelte es sich dabei um eine Vereinigung von feministischen Alternativ- Unternehmen, die durch die Entwicklung eigener wirtschaftlicher UnabhĂ€ngigkeit den Kapitalismus von innen her auszuhöhlen versuchten. Zugegeben, die Idee ist reizvoll. Das erste große Projekt der FEN startete im April 1976 in Detroit. FĂŒr einen Jahresbeitrag von 100 Dollar konnten Frauen, die Mitglieder der FEN waren, in einem privaten Swimmingpool baden, Drinks in einer Privatbar zu sich nehmen und in einigen Boutiquen billig einkaufen. Ihren weiblichen Angestellten zahlte die FEN 2.50 Dollar pro Stunde. Laura Brown, die Direktorin, nannte das Unternehmen den Beginn der feministischen Wirtschaftsrevolution.[3]

Wenn zwei der alten Herrschaftsspiele — die Wahlpolitik und der Kapitalismus — als Revolution ausgegeben werden, dann heißt das, daß der Begriff Revolution völlig auf den Kopf gestellt wurde. Es ist daher nicht ĂŒberraschend, daß all den Frauen, die weder Hexen, reitende Amazonen, Ministerinnen oder Kleinkapitalistinnen sein wollen, sondern denen es um die Abschaffung des Sexismus durch GesellschaftsverĂ€nderung geht, der sozialistische Feminismus als eine Quelle revolutionĂ€rer Geistesgesundheit erscheint. Der anarchistische Feminismus könnte dafĂŒr ein bedeutungsvolles theoretisches GerĂŒst bieten. Aber die meisten Feministinnen haben entweder noch nie etwas von ihm gehört oder sie mißverstehen ihn als eine Art weiblicher Variante der mĂ€nnlichen Bombenwerfer.

Der sozialistische Feminismus umfaßt eine Vielzahl von politischen Standpunkten. Auf der einen Seite finden wir die verstaubten Sektentempel der alten Linken, wie z.B. die RevolutionĂ€re Kommunistische Partei (RCP), die Oktoberliga oder die Internationale Arbeiterpartei. Es gibt wenig Frauen, die sich in ihnen heimisch fĂŒhlen. Auf der anderen Seite gibt es eine betrĂ€chtliche Anzahl von Frauen, die den rapide emporschießenden kirchlichen Einrichtungen der neuen Linken wie z.B. der Neuen Amerikanischen Bewegung oder anderen autonomen Frauenvereinigungen beitreten.

Die sozialistischen Feministinnen innerhalb der neuen Linken haben sich recht energisch und erfolgreich in der Anwerbung neuer Genossinnen hervorgetan. In den verknöcherten Organisationen der ,alten Linken’ war man dagegen schon von der bloßen Idee entsetzt, daß Lesben, Beparatistinnen und andere unberechenbare Feministinnen mit den edlen Erben von Marx, Trotzki, Stalin und Mao Zusammenarbeiten könnten. Vielen von ihnen war schon der Gedanke einer autonomen Frauenbewegung, die sich ausschließlich um die Belange von Frauen kĂŒmmert, unertrĂ€glich. Frauen, die entschlossen sind, ihre eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, werden von ihnen mit dem Vorwurf „die Arbeiterklasse zu spalten” als bĂŒrgerlich abgestempelt. Einige von ihnen haben darĂŒber hinaus eine hysterische Abneigung gegen Lesben. Die dafĂŒr wohl bekanntesten Gruppen sind die Oktoberliga und die RevolutionĂ€re Kommunistische Partei, aber sie sind nicht die einzigen! Wie in so vielem ist auch die anti-lesbische Politik, die sie vertreten, nichts anderes als ein getreuer Abklatsch der Politik der kommunistischen Staaten. Bezeichnend dafĂŒr ist ein Bericht, der von der RCP in den frĂŒhen siebziger Jahren herausgegeben wurde. In ihm heißt es ĂŒber die Homosexuellen, daß sie „im Schmutz der bĂŒrgerlichen Dekadenz gefangen sind”, und die „Gay-Liberation” (Homosexuelle Befreiungsbewegung) wird dort als „konterrevolutionĂ€r” und als „Gegner der Arbeiterklasse” abgekanzelt. Daß Frauen ĂŒberhaupt außerhalb des Proletariats unterdrĂŒckt werden, scheint in die Köpfe dieser „RevolutionĂ€re” nicht hineinzugehen. Der Begriff der Arbeiterklasse ist natĂŒrlich ein hervorragend flexibler Begriff. In den gegenwĂ€rtigen Debatten der Linken reicht er vom einfachen Industriearbeiter bis hinzu der riesigen Gruppe all derjenigen, die ihre Arbeitskraft gegen Lohn verkaufen oder sonstwie von jemand ökonomisch abhĂ€ngig sind. Nun, das sind wir fast alle — und Papa Marx muß sich fragen lassen, warum, wenn neunzig Prozent der Bevölkerung der USA zur revolutionĂ€ren Avantgarde gehören, wir noch keine Revolution hatten!

Die sozialistischen Feministinnen der neuen linken haben auf vielerlei einfallsreiche Arten versucht, einen Kern an marxistisch-leninistischem Gedankengut zu bewahren, zu aktualisieren und mit dem gegenwĂ€rtigen radikalen Feminismus zu verknĂŒpfen. Die Resultate sind oft sehr merkwĂŒrdig. Im Juni 1975 hielten die Frauen der „Neuen Amerikanischen Bewegung“ und Frauen anderer autonomer Gruppen die erste nationale Konferenz zum Thema „Sozialistischer Feminismus” ab. Obwohl die Konferenz vorher nicht sonderlich angekĂŒndigt worden war, kamen ĂŒber sechzehnhundert Frauen, um das Wochenende der ersten Juliwoche in Yellow Springs/Ohio zu verbringen.

Wenn man die Reden dieser Konferenz und die ausfĂŒhrlichen Kommentare ĂŒber sie liest, die in der feministischen Presse veröffentlicht wurden4, dann wird einem keineswegs klar, was die Organisatorin- nen der Konferenz mit dem Begriff „Sozialistischer Feminismus” ĂŒberhaupt zum Ausdruck bringen wollten. Die GrundsĂ€tze, die zu Beginn der Konferenz aufgestellt wurden, beinhalten unter anderem zwei Punkte, die wesentlich mehr mit dem radikalen Feminismus gemein hatten als mit der herkömmlichen sozialistischen Perspektive. Der erste Grundsatz besagte: „Wir sehen die Notwendigkeit und unterstĂŒtzen‘ die Existenz einer autonomen Frauenbewegung durch den revolutionĂ€ren Prozeß”. Im zweiten Grundsatz hieß es: „Wir teilen die gemeinsame Überzeugung, daß alle Arten der UnterdrĂŒkkung, ob sie nun die Rasse, das Geschlecht, die Klasse oder die lesbische Liebe betreffen, nicht voneinander zu trennen sind. Wir, die UnterdrĂŒckten, mĂŒssen den Kampf um unsere Befreiung gemeinsam und gleichzeitig fĂŒhren “ Im dritten Grundsatz wurde lediglich die Feststellung getroffen, „daß der sozialistische Feminismus eine Strategie zur Revolution sei”. Im vierten Grundsatz wurde dazu aufgerufen, „die Diskussionen innerhalb der Frauenbewegung im Geiste des Kampfes und der Einheit zu fĂŒhren“.

Das ist natĂŒrlich ein enormes Angebot an verlok- kenden GrundsĂ€tzen — es findet sich praktisch fĂŒr jeden Geschmack etwas. Wenn die sozialistischen Feministinnen jedoch mit der Aussage, daß die KlassenunterdrĂŒckung nur eine von vielen Arten der UnterdrĂŒckung sei, in ihrem Programm die autonome Frauenbewegung als Trumpf prĂ€sentieren, dann kann nach marxistischem VerstĂ€ndnis von Sozialismus hier wohl kaum noch die Rede sein. Doch ziehen die sozialistischen Feministinnen aus den Ansatzpunkten, die sie mit den radikalen Feministinnen verbinden, keine Konsequenzen. WĂ€ren sie kon- seqĂŒent, wĂŒrden sie in ihr Programm den Grundsatz mit aufnehmen, daß nicht-hierarchische Strukturen fĂŒr die feministische Bewegung lebenswichtig sind. Das ist natĂŒrlich eine Forderung, die kein orthodoxer Sozialist akzeptieren kann, denn daraus ergibt sich zwangslĂ€ufig, daß der radikale Feminismus wesentlich besser mit einer Art des Anarchismus harmoniert als mit den dominierenden Erscheinungsformen des Sozialismus. Diese Art des Anarchismus wird gewöhnlich als sozialer oder auch kommunistischer Anarchismus bezeichnet. (Die individualistischen und „anarcho-kapitalistischen” Spielarten sind hier fĂŒr uns nicht von Interesse.)

Feministinnen, denen die anarchistischen GrundsĂ€tze bekannt sind, wird dies nichts Neues sein. Das ist aber selten der Fall, und daß dem nicht so ist, ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man sich die Vorurteile und Zerrbilder betrachtet, die ĂŒber den Anarchismus bestehen. Ware den Feministinnen der Anarchismus besser bekannt, so wĂŒrden sie nicht versuchen, im Sozialismus ein Allheilmittel zur Beendigung der sexistischen UnterdrĂŒckung zu sehen. Was die Feministinnen lernen mĂŒssen ist, gegenĂŒber jeder Theorie, die eine Struktur von FĂŒhrern und AnhĂ€ngern hervorbringt, skeptisch zu sein. Der demokratische Anspruch, den diese zentralistischen Strukturen fĂŒr sich erheben, Ă€ndert nichts an der Tatsache, daß einige Frauen mehr zu sagen haben als andere. Zu lange haben wir Frauen aller Rassen und Gesellschaftsschichten die patriarchalische Herrschaft erdulden mĂŒssen, als daß wir sie jetzt durch eine neue, matriarchalische ersetzen wollen.

Einige zeitgenössische Anarcha-Feministinnen haben auf die enge Beziehung zwischen dem sozialen Anarchismus und dem radikalen Feminismus hingewiesen. Lynne Farrow bemerkte dazu, daß „der Feminismus das praktiziert, was der Anarchismus predigt”. Peggy Komegger ist der Meinung, daß „die Feministinnen seit Jahren unbewußte Anarchistinnen gewesen sind – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis”. Marian Leighton bemerkte zu diesem Punkt, daß „der feine Unterschied von der radikalen zur anarchistischen Feministin nur ein Schritt in der theoretischen Weiterentwicklung des Selbstbewußtseins ist”.[5]

Wir errichten die UnabhÀngigkeit

denn sie ist der wachsende Prozeß

zur Einheit aller Lebewesen,

Wir verbreiten

SpontaneitÀt und KreativitÀt,

und

wir erlernen

die Freuden der Gleichheit

zwischen uns Schwestem in Beziehungen ohne Herrschaft.

Wir zerstören die UnterdrĂŒckung

in all ihren Formen.

Dieses Gedicht erschien in der radikalen feministischen Zeitschrift ,,It ain’t me Babe”[6] (Nicht mit mir, Junge), in deren Impressum die Forderung zu lesen war: „Zerstört jede Herrschaft”! Obwohl die Herausgeberinnen der Zeitschrift sich weder als anarchistisch, noch als anarcha-feministisch bezeichnen so ist sie doch ein deutlicher Ausdruck der engen Beziehung zwischen dem radikalen Feminismus und dem anarchistischen Feminismus, wie er sich in der neuen Frauenbewegung entwickelt hat. Die freiheitlichen AnsĂ€tze der letzten Jahre sind durch Entwicklungen wie dem „sozialistischen Feminismus”, der neuen, weiblichen Mystik und dem Traum vom Lesbenstaat gefĂ€hrdet, da sie in den Frauen den Wunsch nach neuen Herrschaftsformen wecken.

Radikaler Feminismus und anarchistischer Feminismus

Es gibt eine Reihe allgemeiner Punkte, an denen die radikalen Feministinnen und die sozial-anarchistischen Feministinnen ein gemeinsames Interesse haben. Dazu gehören: die Kontrolle ĂŒber den eigenen Körper, die Entwicklung von Alternativen zur Kleinfamilie und zur HeterosexualitĂ€t, das Suchen nach neuen Methoden einer befreienden Kinderbetreuung, die ökonomische UnabhĂ€ngigkeit, die Zerstörung der geschlechtsspezifischen Rollen in der Erziehung, den Medien und am Arbeitsplatz, die Abschaffung repressiver Gesetze und die Beendigung der mĂ€nnlichen AutoritĂ€t und Besitzherrschaft ĂŒber die Frau, die Beschaffung und Bereitstellung von Mitteln, die es den Frauen ermöglichen, ihre eigenen FĂ€higkeiten zu entwickeln, die Überwindung von GefĂŒhlsbeziehungen mit UnterdrĂŒckungscharakter.

Es gibt noch viele weitere Punkte, in denen radikale Feministinnen und anarchistische Feministinnen miteinander ĂŒbereinstimmen. Aber den anarchistischen Feministinnen geht es um weit mehr als um die Zerstörung der offensichtlichen, patriarchalischen Strukturen innerhalb der Gesellschaft. Als Anarchistinnen streben sie danach, jedes MachtverhĂ€ltnis und jede Situation zu beenden, in der Menschen andere unterdrĂŒcken. Im Gegensatz zu einigen nicht-anarchistischen, radikalen Feministinnen glauben sie nicht, daß die Eroberung der Macht durch die Frauen zu einer Gesellschaft ohne ZwĂ€nge fuhren wĂŒrde. Und im Gegensatz zu den meisten sozialistischen Feministinnen glauben sie nicht, daß aus einer Massenbewegung unter der FĂŒhrung einer Elite irgendetwas Gutes entstehen wĂŒrde. Zusammenfassend betrachtet sind die anarchistischen Feministinnen der Meinung, daß weder der Arbeiterstaat, noch das Matriarchat der allgemeinen UnterdrĂŒckung ein Ende bereiten wird. Im Gegensatz zu den Sozialisten streben sie nicht nach einer Eroberung der Macht, sondern ihr Ziel ist die Abschaffung der Macht.

Ungeachtet der darĂŒber vorherrschenden, gegensĂ€tzlichen Meinung sind alle Sozial-Anarchisten ebenfalls Sozialisten, wenn auch Sozialisten, die sehr wenig mit den bisher geschilderten Sozialisten gemein habea Sie sind Sozialisten, weĂŒ sie den Wohlstand den HĂ€nden weniger entreißen wollen, um ihn unter allen Mitgliedern der Gesellschaft gerecht zu verteilen. Und sie sind der Meinung, daß die Menschen miteinander in gemeinschaftlicher Beziehung leben sollten, anstatt als Individuen dahinzukĂŒmmern. Trotz alledem sind die zentralen Themen fĂŒr die Anarchisten noch immer die Macht und die soziale Hierarchie in der Gesellschaft. Solange noch ein Staat existiert — selbst einer, der vorgibt, die Interessen der Arbeiter zu vertreten — wird dieser Staat danach trachten, die Formen seiner Herrschaft zu festigen und zu erneuern. Weiterhin wird es Menschen geben, die in Unfreiheit leben. Menschen sind nicht frei, nur weil ihre Existenz ökonomisch und sozial abgesichert ist. Als frei können sie sich erst dann betrachten, wenn sie die Macht und die Kontrolle ĂŒber ihr eigenes Leben haben, und diese Frage ist fĂŒr Frauen von weitaus grĂ¶ĂŸerer Bedeutung als fĂŒr die MĂ€nner. Frauen haben zum Großteil recht wenig Macht ĂŒber ihr eigenes Leben. Diese Eroberung der SelbstĂ€ndigkeit und der Kampf darum ist das Hauptziel der anarchistischen Feministinnen.

Keine Macht fĂŒr niemand

oder

Alle Macht fĂŒr Jeden.

Alle Macht

ĂŒber das eigene Leben

aber

keine Macht

ĂŒber das Leben anderer.[7]

Über die Praxis

Im vorangegangenen haben wir die Theorie betrachtet. Aber wie steht es mit der Praxis? Wieder einmal haben die radikalen Feministinnen und die anarchistischen Feministinnen miteinander mehr gemeinsam, als jede der Genannten mit den sozialistischen Feministinnen.8 Beide beschĂ€ftigen sich mit dem Aufbau alternativer Organisationsstrukturen und beide nehmen die „Politik des Persönlichen“ (politics of the personal) sehr ernst. Die sozialistischen Feministinnen betrachten weder das eine, noch das andere als besonders wichtig fĂŒr die revolutionĂ€re Praxis.

Was aber ist unter der Entwicklung alternativer Organisationsformen zu verstehen? In der Praxis bedeutet es, daß sich Frauen fĂŒr die Errichtung von Selbsthilfekliniken einsetzen sollten, anstatt darum zu kĂ€mpfen, eine ihrer Radikalen in den Vorstand des Krankenhauses zu bringen. Es bedeutet, daß Frauen ihre eigenen Videogruppen und Zeitungen grĂŒnden sollten, anstatt ihre Leute in die kommerziellen Medien zu schleusen. Es bedeutet, daß Frauen sich zu Wohnkollektiven zusammenschließen sollten, anstatt in Kleinfamilien zu leben. Die Entwicklung alternativer Organisationsformen umfaßt unter anderem Zufluchts- und Beratungsstellen fĂŒr Vergewaltigte, Lebensmittel-Kooperativen, elternbeaufsichtigte KinderlĂ€den, freie Schulen, Druckereikollektive und alternative Radiostationen.

Viele der radikalen Feministinnen haben frĂŒh erkannt, daß mit der Schaffung alternativer Modelle noch sehr wenig erreicht ist, wenn diese in ihren Strukturen den kapitalistischen und autoritĂ€ren Organisationsmodellen nachgebildet sind. In Selbsterfahrungsgruppen versuchten sie daher, neue Methoden zu finden, um zu einem neuen VerstĂ€ndnis ĂŒber sich und die Welt zu gelangen. In kleinen, fĂŒhrerlosen Gruppen strebten sie danach, neue Formen der Zusammenarbeit und zwischenmenschlichen Beziehungen zu entwickeln. Das Rotationsprinzip bei der Aufgabenverteilung erwies sich dabei am vorteilhaftesten, dĂ€ es das Wissen und die FĂ€higkeiten aller Mitglieder beinhaltete und förderte. Das Wissen um Theorie und Organisationsformen des Anarchismus wĂ€re ihnen bei dem Versuch „gleichzeitig sich und die Gesellschaft zu verĂ€ndern“ eine entscheidende Hilfe gewesen; viele Fehler und Schwierigkeiten hĂ€tten dadurch vermieden werden können.

Das Problem, wie es hĂ€ufig durch dominierende Frauen innerhalb der Bewegung entsteht, ist dafĂŒr ein bezeichnendes Beispiel. Die Haltung der radikalen Feministinnen zu diesem Problem lĂ€ĂŸt sich so zusammenfassen:

  1. Frauen werden unterdrĂŒckt, weil sie voneinander isoliert sind und mit MĂ€nnern in einem Herr- schafts- und UnterdrĂŒckungsverhĂ€ltnis leben.

  2. Die MĂ€nner werden die Frauen nicht befreien. Die Befreiung der Frau kann nur das Werk der Frauen selber sein. Eine individuelle Befreiung der Frau ist nicht möglich; daher mĂŒssen wir Frauen ein Modell der gegenseitigen Hilfe entwickeln.

  3. Die „Schwesternschaft” ist eine mĂ€chtige Kraft, aber die Frauen können sich nicht als Schwestern bezeichnen, solange sie die mĂ€nnlichen Muster von Beherrschung und UnterdrĂŒckung nachahmen.

  4. Es mĂŒssen neue Organisationsformen geschaffen werden. Die Grundeinheit dieser Organisationsformen ist die kleine, fĂŒhrerlose Gruppe, die auf der Gleichheit, gegenseitigen Hilfe und dem Austausch von Wissen und FĂ€higkeiten basiert.

Selbst wenn viele Frauen diese Forderungen akzeptierten, die Mehrheit der Frauen tÀte es wohl nicht.

Einige Frauen waren von Anfang an gegen dieses Konzept. Andere Frauen betonten dagegen die Schwierigkeiten, die sie in der praktischen Verwirklichung sahen, mit dem bedauernden Kommentar daß solch schöner Idealismus in der Praxis nie funktionieren wĂŒrde. Ideologische UnterstĂŒtzung erhielten all diejenigen, die diese GrundsĂ€tze der „unbewußten Anarchisten” ablehnten, durch zwei Dokumente, die in der feministischen Bewegung auftauchten. Das erste Dokument war eine Rede von Anselma dell’ Olio, die sie vor dem Zweiten Kongreß der Frauenvereinigung im Mai 1970 in New York hielt. In ihrer Rede, die den Titel „Die Zersplitterung und Selbstzerstörung der Frauenbewegung — ein Brief der Resignation” trug, legte sie die GrĂŒnde dar, die dazu fĂŒhrten, daß sie sich von der Frauenbewegung trennte. Das zweite Dokument „Die Tyrannei der Strukturlosigkeit” von Joreen erschien 1972 in der feministischen Zeitschrift „The Second Wave”. Beide Dokumente warfen Probleme der organisatorischen und persönlichen Praxis auf, die von ihrer Bedeutung heute noch nichts verloren haben.

„Ich bin gekommen, um den Schwanengesang auf die Frauenbewegung anzustimmen . . . ich bin am Ende . . . die bittere Lektion, die ich lernte, war: die Frauenbewegung ist in sich zerstritten, zersplittert und von ohnmĂ€chtiger Wut gelĂ€hmt. Ich hĂ€tte es mir nicht trĂ€umen lassen, daß ich einmal den Tag miterleben mĂŒĂŸte, an dem Konformismus und Anti-Intellektualismus dazu fĂŒhren, daß der gemeinsame Kampf gegen den Sexismus zu einem Kampf der Frauen untereinander ausartet. Wenn ich hier von einem Kampf untereinander rede, dann meine ich die offenen Angriffe und Intrigen, wie sie innerhalb der Bewegung aufgetreten sind und sich gegen die Frauen unter uns richteten, die in ihrer Arbeit erfolgreich waren. Opportunistische Verhaltensweisen, das Streben nach Macht, elitĂ€res Denken und Rassismus wurden ihnen vorgeworfen. Die wohl schlimmste SchmĂ€hung, die ihnen vorgeworfen wurde, gipfelte in der Beschuldigung, die Identifikation mit dem Mann anzustreben. ”[9]

Diese verĂ€rgerte Absage an die Frauenbewegung bewirkte zweierlei: Einerseits warf sie die Frage auf, wie Frauen die ungleichen MachtverhĂ€ltnisse untereinander auf eine konstruktive Art ĂŒberwinden können. Andererseits gab sie all den Frauen in den FĂŒhrungspositionen der Bewegung eine billige Rechtfertigung ihres unschwesterlichen Verhaltens. Jede Frau, die damals an der Frauenbewegung beteiligt war, weiß, daß die ErklĂ€rung dell’ Olios verwandt worden ist, sich im Licht tragisch-mißverstandenen Heldentums darzustellen. Das Mitleid der Bewegung war ihnen sicher. Diese fĂŒr die Frauenbewegung selbstmörderischen Verhaltensweisen hĂ€tten durch ein Wissen um die anarchistische Theorie vermieden werden können.

Es ist nicht ganz ohne Ironie, daß der Ursprung dieser Fehler in der radikalen feministischen Abneigung gegen jede Art von Macht und Nötigung ĂŒber andere Menschen begrĂŒndet liegt.

Wenn radikale Feministinnen und Anarcha-Feministinnen von der Abschaffung der Macht sprechen, dann meinen sie die Befreiung des Menschen von allen Institutionen und allen Formen der autoritĂ€ren Sozialisation. Eines der Hauptprobleme fĂŒr die Frauenbewegung war die Definition des Zwanges. Es entstand die „Feindseligkeit” gegenĂŒber den „starken Frauen”, da sie wenigstens potentiell dazu fĂ€hig waren, andere Frauen zu nötigen, die nicht so offen und selbstbewußt waren wie sie. Nötigung ist gewöhnlich viel subtiler als physische Gewalt oder ökonomische Zwangsmaßnahmen. Eine Person kann eine andere nötigen, ohne ihr den Job wegzunehmen, sie zu schlagen oder ins GefĂ€ngnis zu stecken.

Die „starken Frauen” hatten von Anfang an einen großen Vorsprung. Oft hatten sie ein grĂ¶ĂŸeres Wissen als die anderen Frauen. Zumeist hatten sie schon lange die lĂ€hmende Sozialisation ĂŒberwunden, die uns passiv und konformistisch gemacht hatte, die uns lehrte zu lachen, wenn wir gar nicht amĂŒsiert waren, zu flĂŒstern, wenn wir schreien wollten, und die Augen niederzuschlagen, wenn man uns aggressiv anstarrte. Die „starken Frauen” hatten keine Angst, in der Öffentlichkeit zu sprechen; sie fĂŒ[r]chteten sich nicht davor, „mĂ€nnliche” Aufgaben zu ĂŒbernehmen oder etwas Neues zu versuchen.

Bringe eine „starke Frau” in einer kleinen Gruppe zusammen mit „schwachen Frauen”, und sie wird zu einem Problem: Wie wird sie es vermeiden, den anderen gegenĂŒber eine dominierende Stellung einzunehmen? Wie wird sie ihre „schwer verdienten” FĂ€higkeiten und ihr Selbstvertrauen mit ihren Schwestern teilen? Und auf der anderen Seite: Wie wird die „schwache Frau” es lernen, sich fĂŒr ihre eigenen Interessen einzusetzen? Wie kann von „gegenseitiger Hilfe” und von „Schwesternsein” die Rede sein, wenn in der Gruppe das „schwache Mitglied” sich dem „starken” nicht gleichwertig fĂŒhlt?

Das sind schwierige Fragen ohne einfache Antworten. Der Lösung am nĂ€hesten kommt vielleicht der anarchistische Slogan: ein starkes Volk braucht keine FĂŒhrer. Diejenigen unter uns, die gelernt haben zu ĂŒberleben, indem sie ĂŒber andere herrschen, aber auch diejenigen unter uns, die gelernt haben, durch die Duldung dieser Herrschaft zu ĂŒberleben, mĂŒssen sich dahingehend resozialisieren, daß sie lernen, stark zu sein, ohne zugleich in das Spiel von Herrschaft und UnterdrĂŒckung zu verfallen. Wir mĂŒssen die Kontrolle darĂŒber erlangen, was mit uns geschieht, ohne jedoch dabei andere zu kontrollieren. Das werden wir nicht durch die Wahl der richtigen Leute fĂŒr die richtigen Ämter und Posten erreichen und auch nicht, indem wir die richtige Parteilinie verfolgen. Wir werden auch nichts erreichen, wenn wir nur herumsitzen und ĂŒber unsere SĂŒnden nachgrĂŒbeln. Uns und die Welt können wir nur durch unsere AktivitĂ€t erneuern, nur durch Teilerfolge, Mißerfolge und wieder Teilerfolge kommen wir unserem Ziel nĂ€her. Und in diesem Prozeß werden wir zunehmend stĂ€rker und selbstbewußter.

Kritisierte Anselma delHDlio die persönliche Praxis der radikalen Feministinnen, so warf Joreen einige heikle Fragen ĂŒber die organisatorischen Strukturen auf. In ihrer Rede ĂŒber „die Tyrannei der Strukturlosigkeit”[10] zeigte sie auf, daß es so etwas wie „strukturlose Gruppen’‘ nicht gibt, und daß diejenigen, die das bestreiten, sich nur selbst betrĂŒgen. Alle Gruppen haben eine Struktur, der Unterschied liegt darin, ob die Struktur offensichtlich ist oder nicht. Ist es eine versteckte Struktur, so gibt es sicher auch versteckte Eliten, die die Gruppe kontrollieren. Die „FĂŒhrer” werden die Existenz dieser Struktur bestreiten, und die GefĂŒhrten werden ĂŒber sie verwirrt sein. Um die „Tyrannei der Strukturlosigkeit” zu ĂŒberwinden, mĂŒssen die Gruppen offene und leicht ersichtliche Strukturen errichten, die der allgemeinen Kontrolle der Mitglieder unterliegen.

Ich glaube, daß jede anarchistische Feministin bis hierher mit ihrer Analyse ĂŒbereinstimmen wĂŒrde — aber auch nicht weiter. Denn Joreen behauptet weitergehend, daß die sogenannte „fĂŒhrer- und strukturlose Gruppe” nicht fĂ€hig ist, vom gesprochenen Wort zur tatsĂ€chlichen Aktion ĂŒberzugehen. Nicht nur ihr Mangel an einer offenen Struktur, so meint sie, sondern auch ihre kleine GrĂ¶ĂŸe und ihr Verharren auf der Entwicklung des Selbstbewußtseins wĂŒrden sie zur Erfolglosigkeit verurteĂŒen. Joreen sagte nicht, daß Frauengruppen hierarchisch strukturiert sein sollten. Nein, sie forderte sogar eine FĂŒhrung, die ,,breitangelegt, flexibel, offen und vorĂŒbergehend” sein sollte. Sie sprach sich fĂŒr Organisationsformen aus, in denen die Verantwortung und die Macht unter der Mehrheit ihrer Mitglieder verteilt sein sollten, in denen die Aufgaben wechseln, die FĂ€higkeiten und Informationen ausgetauscht und die Mittel allen zugĂ€nglich gemacht werden sollten. FĂŒr sich genommen sind das alles gute sozial-anarchistische OrganisationsgrundsĂ€tze! Aber ihre VerĂ€chtlichmachung der Entwicklung des Selbstbewußtseins und ihre Vorliebe fĂŒr große regionale und nationale VerbĂ€nde waren genau ein Teil der alten Handlungsweise und beinhalten versteckt die FortfĂŒhrung hierarchischer Strukturen.

Große Gruppen sind so organisiert, daß die Macht und EntscheidungsfĂ€higkeit in den HĂ€nden von Wenigen liegen; es sei denn, man spricht von einem horizontal angelegten Netz kleiner Kollektive; dieses aber meinte Joreen nicht. Wie kann zum Beispiel eine Gruppe wie die NOW mit ihren 16 000 Mitgliedern (Mitgliederstand 1975) Aufgaben rotieren lassen, den Austausch der FĂ€higkeiten ihrer Mitglieder fördern und gewĂ€hrleisten, daß alle Informationen und Mittel jedem zugĂ€nglich sind? Sie kann es natĂŒrlich nicht. Derartige Organisationen haben einen PrĂ€sidenten, ein Direktorium, ein nationales BĂŒro und eine Mitgliederschaft, die zum Teil in Ortsgruppen organisiert ist, oder sich aus isolierten Einzelpersonen zusammensetzt. In solchen Organisationen und Gruppen gibt es sehr wenig Demokratie, und es gibt nicht viele Gruppen, in denen die Mitglieder die Möglichkeit haben, neue Formen der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Beziehung zueinander zu entwickeln.

Die unglĂŒckliche Wirkung der „Tyrannei der Strukturlosigkeit” bestand darin, daß sie eine große Organisation mit einer formalen Struktur und dem erfolgreichen Mittel der direkten Aktion verknĂŒpfte; eine Kombination, die vielen Frauen sinnvoll erschien. Viele Frauen waren der Meinung, daß zur BekĂ€mpfung der gesellschaftlichen UnterdrĂŒckung eine große Organisation notwendig sei —je grĂ¶ĂŸer, desto besser. Die damit verbundene Vorstellung hieß: Gewalt gegen Gewalt; oder: Man kann einen Elefanten nicht mit einem Luftgewehr töten —und kann den patriarchalischen Staat nicht mit einer kleinen Gruppe stĂŒrzen. Diejenigen Frauen, die davon ĂŒberzeugt sind, daß eine grĂ¶ĂŸere Gruppe mit besseren Wirkungen gekoppelt ist, sehen ihre organisatorischen Möglichkeiten ausschließlich in großen liberalen Gruppen wie der NOW oder in den sozialistischen Massenorganisationen verwirklicht.

Wie bei so vielen Dingen, die oberflĂ€chlich betrachtet einen Sinn ergeben, ist auch hier die Logik nur ein Trugschluß. Der Begriff „gesellschaftliche UnterdrĂŒckung” ist eine aufgeblasene, kĂŒnstliche Einheit, die hauptsĂ€chlich darin groß erscheint, daß viele von uns die gleiche Form der UnterdrĂŒckung erleiden. Aber die UnterdrĂŒckung, ungeachtet dessen, wie vorherrschend und voraussagbar sie ist, geht immer von einer Person aus — auch wenn sie als Beauftragter des Staates handelt oder als Mitglied der herrschenden Rasse, eines Geschlechts oder einer Schicht. Die massiven Polizeiangriffe auf unsere vereinten KrĂ€fte sind sehr selten, und auch der Polizeibeamte, der Chef oder Ehemann, der seine ihm zugewiesene, autoritĂ€re oder geschlechtliche Rolle spielt, kreuzt unseren Weg nur an einem bestimmten Punkt in unserem Alltag. Die institutionalisierte UnterdrĂŒckung existiert im großen Umfang, aber nur selten muß (bzw. kann) sie von einer großen Gruppe angegriffen werden. Die Guerillataktik einer kleinen Gruppe — zeitweise auch einer einzelnen Person — kann recht empfindliche VergeltungsschlĂ€ge ausfĂŒhren.

Eine weitere unglĂŒckliche Wirkung der MentalitĂ€t, die direkt aus der „Tyrannei der Strukturlosigkeit” resultiert, bestand darin, daß sie die Leute mit den Stereotypen des Anarchisten fĂŒtterte. (Man schluckt natĂŒrlich nichts, wenn man nicht auch Hunger hat.) Die sozialen Anarchisten sind nicht gegen jede Struktur, sie haben auch nichts gegen eine FĂŒhrung, solange sie nur zeitweilig begrenzt und aufgabenorientiert ist und keine Belohnung oder ein Privileg beinhaltet. Aber die Anarchisten, die die hierarchische Struktur beseitigen wollen, werden fast immer von vornherein darauf festgelegt, daß sie ĂŒberhaupt keine Strukturen wollen. UnglĂŒcklicherweise fand das klischeehafte Zerrbild von schnatternden, unorganisierten, anarchistischen Frauen, die ziellos umhertreiben, allgemein einen großen Anklang in der Frauenbewegung. Im Jahre 1976 veröffentlichte die Zeitschrift Quest ein Interview, das Charlotte Bunchund Beverly Fisher 1972 in Feminist Radio Network[11] gegeben hatten. Das Interessanteste an dem neu veröffentlichten Interview war vielleicht, daß die Herausgeberinnen von Quest glaubten, daß die Themen des Interviews auch noch 1976 eine AktualitĂ€t besitzen wĂŒrden. Und das las sich dann so: „Wir erleben (heute) dieselbe VerĂ€chtlichmachung der FĂŒhrer und die Verherrlichung der Strukturlosigkeit wie vor fĂŒnf Jahren.” Was Bunch jedoch damals zu sagen hatte, war auch Ă€ußerst interessant: Sie erklĂ€rte in ihrem Interview, daß die Betonung der Struktur — und FĂŒhrungsprobleme „ein starkes anarchistisches BedĂŒrfnis“ wĂ€re, „sicher ein positives BedĂŒrfnis, aber dennoch ein unrealistisches“.

Anarchisten, die es gewohnt sind, als „unrealistisch” bezeichnet zu werden, werden bemerken, daß das „Unrealistische”, worauf Bunch anspielte, anscheinend in den Problemen lag, die in der Organisation der Frauenbewegung lagen. Gemeint war also das Problem der versteckten FĂŒhrung, das Problem, daß uns „FĂŒhrer” von den Medien aufgezwungen wurden, die Schwierigkeit, Frauen außerhalb der Bewegung zu erreichen, die mit uns sympathisierten, sich aber nicht festlegen wollten, die erhebliche ÜberreprĂ€sentation von Frauen aus der Mittelschicht, die Formlosigkeit der Bewegung, der Mangel an speziellen Aufgabengruppen, denen Frauen beitreten konnten, und die Feindseligkeit, die gegen die Frauen aufkam, die sich durch FĂŒhrungskraft und Initiative hervortaten. Zugegeben, das ist eine schwere Anklage! Aber diese wirklich brennenden Probleme sind weder durch den Anarchismus verursacht worden, noch werden sie durch eine krĂ€ftige Dosis von FĂŒhrung und Reformismus gelöst werden können. Indem diese Organisationsschwierigkeiten als „anarchistisch” bezeichnet werden, ignorieren die Feministinnen eine reiche anarchistische Tradition. Ironischerweise bieten sie andererseits Lösungen an, die anarchistisch sind, die sie aber anscheinend als solche nicht erkennen können. So entwickelten Bunch und Fisher zum Beispiel ein FĂŒhrungsmodell, in dem jeder am Entwicklungsprozeß der Gruppe beteiligt, die FĂŒhrung zeitlich begrenzt und auf besondere Situationen beschrĂ€nkt sein sollte. Fisher kritisierte die NOW wegen ihrer „hierarchischen FĂŒhrung”, die sich nicht vor ihren Mitgliedern zu verantworten hat; und Bunch bemerkte dazu, „FĂŒhrung, das heißt, daß die Menschen die Initiative ergreifen, daß sie Handlungen ausfĂŒhren und Ideen und Vorstellungen darĂŒber besitzen, wie etwas durchgefĂŒhrt werden kann, und daß sie besondere FĂ€higkeiten auf verschiedenen Gebieten zeigen”.

Was aber schlagen Bunch und Fisher vor, um eine Knebelung der Frauen unter einem falschverstandenen „Ideal der Gleichheit aller” zu verhindern? „Frauen werden nur dann aufhören, Frauen, die stark sind zu unterdrĂŒcken, wenn sie selbst stark sind.“ Mit anderen Worten also dasselbe, was die Anarchisten vorschlagen. „Ein starkes Volk braucht keine FĂŒhrer. ” — Na also!

Situationismus und Anarcha-Feminismus

Die Welt und sein Leben zu verÀndern, ist ein und dieselbe Handlung.[12]

Das Persönliche ist das Politische.[13]

Anarchisten sind den Vorwurf gewohnt, daß sie keine Theorie fĂŒr den Aufbau einer neuen Gesellschaft vorweisen könnten. Im besten Fall, behaupten die Kritiker herablassend, sagt uns der Anarchismus, was wir nicht tun sollen. Wehre dich gegen BĂŒrokratie und hierarchische AutoritĂ€t, treffe deine Entscheidungen selbst, bevormunde niemanden. So betrachtet gibt es ĂŒberhaupt keine anarchistische Theorie, sondern nur eine Sammlung idealistischer und anachronistischer Vorstellungen.

Obwohl an dieser Kritik mehr als ein Körnchen Wahrheit ist, gibt es eine Vielzahl anarchistischer Theorien, die einen Rahmen fĂŒr die Analyse und VerĂ€nderung der Welt ergeben. Eine dieser Theorien ist der Situationismus. FĂŒr uns radikale Feministin- nen, die diesen „Schritt in der theoretischen Entwicklung des Selbstbewußtseins“[14] machen wollen, bietet der Situationismus vielleicht eine der grĂ¶ĂŸten Möglichkeiten.

Der Wert des Situationismus fĂŒr Anarcha-Feministinnen besteht darin, daß er eine sozialistische Analyse der kapitalistischen UnterdrĂŒckung mit der Notwendigkeit verbindet, das gesamte öffentliche und private Leben zu verĂ€ndern. Trotz der Bedeutung einer ökonomischen Analyse des Systems betonen die Anarchisten, daß die Menschen auch in allen anderen Lebensbereichen unterdrĂŒckt werden; im Gegensatz zu den Marxisten bestehen sie darauf, daß die Menschen ihre Lebensbedingungen selbst Ă€ndern mĂŒssen — keiner kann ihnen diese Arbeit abnehmen, weder eine Partei noch eine Gewerkschaft.

Zwei der Grundbegriffe des Situationismus sind die Ware und das Schauspiel Der Kapitalismus hat alle zwischenmenschlichen Beziehungen vermarktet. Die Menschen sind nicht nur Produzenten und Konsumenten im engen wirtschaftlichen Sinn, sondern auch ihr tÀgliches Leben wird von ökonomischen Gesichtspunkten bestimmt. Alle sozialen Beziehungen und Strukturen in der Gesellschaft sind von der Warenwirtschaft festgelegt.[15] Dadurch sind die Menschen nicht nur von ihrer Arbeit sondern von ihrem ganzen Leben entfremdet. Durch den Konsum aller sozialen Beziehungen ist der Mensch zum passiven Beobachter seines Lebens geworden.

Das Schauspiel ist die Kultur der Warenwirtschaft — die BĂŒhne ist aufgebaut, die Handlung lĂ€uft, wir applaudieren, wenn wir uns freuen, wir gĂ€hnen, wenn wir uns langweĂŒen, aber wir können die Show nicht verlassen, da es keine Welt außerhalb des Theaters gibt.

Seit einiger Zeit kann man jedoch an der gesellschaftlichen BĂŒhne Zerfallserscheinungen beobachten. Dadurch haben wir die Möglichkeit, außerhalb des Theaters eine neue Welt aufzubauen, an welcher jeder von uns direkt als Subjekt und nicht als Objekt teilhaben kann. Die Situationisten nennen dies die Neuschöpfung des Alltags.

Wie können wir das alltĂ€gliche Leben neugestalten? Indem wir Situationen schaffen, welche die scheinbar natĂŒrliche Ordnung erschĂŒttern — Situationen, die die Menschen aus ihren gewohnten Denk- und Verhaltensweisen herausreißen. Nur wenn diese Voraussetzung gegeben ist, können wir das herrschende Schauspiel und die Warenwirtschaft, das heißt den Kapitalismus in allen seinen Formen, beseitigen, nur dann können wir wirklich frei und unabhĂ€ngig leben.

Die Übereinstimmung dieser sozial-anarchistischen Theorie mit dem radikalen Feminismus ist beeindruckend. Die Verwendung der Begriffe Ware und Schauspiel ist besonders treffend, wenn man sie auf das Leben der Frauen bezieht. TatsĂ€chlich haben viele radikale Feministinnen ihr Leben mit diesen Begriffen beschrieben, ohne daß sie den Situationismus kannten.[16] Indem man die Situation der Frau als einen organischen Teil der ganzen Gesellschaft auffaßt, erkennt man, daß die UnterdrĂŒckung der Frau TeĂŒ der allumfassenden UnterdrĂŒckung des Menschen durch die kapitalistische Wirtschaft ist. Um diese UnterdrĂŒckung zu spĂŒren, muß die Frau nicht einer bestimmten Klasse oder Schicht angehören. Frauen aller Schichten und Klassen sind Objekte der Warenwirtschaft, sie alle sind passive Zuschauer des Schauspiels. NatĂŒrlich kann man nicht behaupten, daß alle Frauen in gleichem Maße unterdrĂŒckt werden, aber es gibt keine Frau, die wirklich frei ist.

Frauen und die Warenwirtschaft

Die Frauen treten in der Warenwirtschaft sowohl als Konsumenten als auch als Konsumierte auf. Als Hausfrauen sind sie Konsumenten von Haushaltsartikeln, die sie nicht von ihrem eigenen Geld kaufen, da sie es nicht „verdient” haben. Dadurch haben sie zwar eine gewisse Kaufkraft, aber keinerlei Macht ĂŒber ihr Leben. Als ledige heterosexuelle Frauen kaufen sie Dinge, die ihnen auf dem Heiratsmarkt einen hohen Preis bringen sollen. Bei anderen Frauen dagegen, zum Beispiel Lesben, Ă€lteren Frauen oder den unabhĂ€ngigen Karrieretypen, ist die Rolle als weiblicher Konsument nicht so fest Umrissen.

Ist die Vorstellung, die die Frau als eine passive Konsumentin, als ein willenloses Objekt der Medienmanipulation darstellt, die von schicken MĂ€nnern beschĂŒtzt ĂŒber die Madison Avenue gefĂŒhrt wird, nicht ein ĂŒberholtes Klischee der Frauenbewegung? In der situationistischen Analyse ist der Konsum von WirtschaftsgĂŒtern eng mit dem Konsum von Ideologien verknĂŒpft. Und die Schlußfolgerung aus dieser Erkenntnis ist, daß wir völlig neue Aktionsformen entwickeln mĂŒssen, um den Sozialisationsprozeß der Integrierung und Anerkennung zu zerstören. Hört auf, nach Schuld zu suchen, — ĂŒbt keine Kritik an Frauen, die die allgemeine Konsumentenhaltung „gekauft” haben. Sie wurde ihnen von frĂŒhester Kindheit als der einzige Weg des Lebens anerzogen. Kauf dies: es wird dich schön und liebenswert machen. Kauf das: es wird deine Familie gesund erhalten. FĂŒhlen sie sich deprimiert? Leisten sie sich einen Nachmittag in einem Schönheitssalon oder ein neues Kleid.

SchuldgefĂŒhle fuhren zu TrĂ€gheit. Nur wenn wir versuchen, das alltĂ€gliche Leben neu zu gestalten, werden wir die sozialen Beziehungen verĂ€ndern.

Das Geschenk

In der Annahme, SIE wÀre das Geschenk

wurde ES von ihnen schon frĂŒhzeitig verpackt

Es bekam das LĂ€cheln poliert,

die Augen gesenkt

und die Ohren mit dem Telefon verknĂŒpft

Es bekam die Haare gewellt

die ZĂ€hne gerichtet

und es mußte die eigenen WĂŒnsche begraben.

Es bekam den Hals mit Honig gefĂŒllt,

lernte – OH JA – Ja zu sagen

und die HĂ€nde still zu halten.

„Auf dieser Schachtel steht mein Name”,

sagte der Mann – „das ist meins”.

Nein, sie waren nicht ĂŒberrascht.

Sie warfen ihre KußhĂ€ndchen

und winkten, als er es nach Hause trug.

Er stellte es daheim auf einen Tisch,

damit es seine Freunde begutachten konnten.

Er sagte „tanze”und stöhnte „schneller”

und riß die Verpackung auf,

um seinen Namen tief im Innern einzubrennen.

SpĂ€ter hob er es auf eine BĂŒhne

in das Rampenlicht

und er sagte „drĂŒcke”, fluchte „krĂ€ftiger”

Er stammelte lachend,

,genau was ich haben wollte,

Du hast mir einen Sohn geschenktI”[17]

In der Warenwirtschaft sind die Frauen nicht nur Konsumenten. Sie werden auch als Waren konsumiert. Davon ist in dem Gedicht von Carol Öles die Rede und Meredith Tax bezeichnet diesen Zustand als die „weibliche Schizophrenie”. In einem inneren Monolog zeigt Tax auf, was den Warencharakter der Frau verursacht: „Wenn ich allein bin, dann bin ich nichts. In mir ist nichts. Das einzige, was ich weiß ist, daß ich nur deshalb existiere, weil ich von jemandem gebraucht werde, der wirklich ist, von meinem Mann und meinen Kindern.”[18]

Wenn Feministinnen beschreiben, wie die Frau zur Frau gemacht wird, wenn sie die Verhaltensformen darstellen, die den MĂ€dchen anerzogen werden, wie emotionale AbhĂ€ngigkeit, Furchtsamkeit, PassivitĂ€t usw., dann reden sie eigentlich von nichts anderem als von der sorgfĂ€ltigen Herstellung einer Ware. Wenn sie die Frau als sexuelles Objekt beschreiben, das Leben in der Kleinfamilie, das Dasein als Supermutter und die Arbeit in schlechten und unterbezahlten Jobs, dann beschreiben sie die Frau ebenfalls als eine Ware. Frauen werden von MĂ€nnern konsumiert, die sie als sexuelle Objekte behandeln; als „Supermutter” werden sie von ihren Kindern konsumiert; sie werden von ihren autoritĂ€ren EhemĂ€nnern als unterwĂŒrfige Dienerinnen benutzt. Medizinische Forscher probieren an ihnen neue und unsichere VerhĂŒtungsmittel aus. MĂ€nner können ihren Körper auf der Straße kaufen. Staat und Kirche verlangen von ihnen, die nĂ€chste Generation zum Ruhme Gottes und des Staates zu erzeugen. Politische und soziale Organisationen erwarten von ihnen, daß sie ihre Zeit und Energie „freiwillig” fĂŒr fremdbestimmte Ziele aufbringen. Die Frauen besitzen kein Selbstwertgefuhl mehr, da sie ihre IndividualitĂ€t an MĂ€nner verkaufen mußten.

Frauen und das Schauspiel

Es ist schwierig, Menschen auszubeuten, die den Kampf aufgenommen haben und sich gegen die Ausnutzung ihres Körpers und ihres Verstandes wehren, doch die meisten können es nicht mehr. Das, was sie unfÀhig zum Widerstand macht, ist unsere Kultur.

Die Situationisten nennen unsere Kultur ein Schauspiel. In diesem Schauspiel sind wir alle passive Zuschauer unseres eigenen Lebens. Das Schauspiel erfaßt alles: Wir werden hineingeboren, wir gehen in ihm zur Schule, arbeiten und erholen uns dort, und in ihm finden wir unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbst die Revolte ist nur ein Teil des Schauspiels. Ist jemand imstande, die Zahl der sensiblen Jungen zu schĂ€tzen, die sich vor einer Generation das Verhalten von James Dean in dem Film . . . denn sie wissen nicht, was sie tun (Rebel without a cause) zum Vorbild nahmen? Rebellische Aktionen richten sich zwar hĂ€ufig gegen das Schauspiel, können es aber selten völlig ĂŒberwinden. Meist sind rebellische Verhaltensformen von der Gesellschaft schon vorprogrammiert. Frauen haben eine Reihe von festgelegten Verhaltensformen, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu geben, indem sie einfach das GegenteĂŒ von dem tun, was man von ihnen als Frau erwartet. Gleichzeitig aber sind diese Verhaltensformen bloße Sicherheitsventile des Systems oder Klischees von Rebellionen, die das Theater, in dem sich unser Leben abspielt, nicht verĂ€ndern. Welche Formen der Rebellion stehen der Frau in diesem Theater zu? Wir können sie alle nennen — sie stehen in jeder Zeitung und erscheinen zur Hauptsendezeit im Fernsehen, sie sind auf der Bestsellerliste zu finden und natĂŒrlich auch im Alltag. In dem Schauspiel „Die perfekte Hausfrau” kann die Frau eine Schlampe sein. In einer Subkultur, in der die große Familie geachtet wird, kann die Frau es ablehnen, Kinder zu haben. Sie kann sich der sexuellen Moral fĂŒr Verheiratete widersetzen, indem sie eine oder mehrere AffĂ€ren hat. Sie kann zur Flasche greifen, einen Nervenzusammenbruch haben, oder — wenn sie ein junges MĂ€dchen ist — ausflippen, indem sie auf Trebe geht und mit vielen MĂ€nnern schlĂ€ft.

Eine jede dieser Handlungen könnte das Leben der einzelnen Frau ertrĂ€glicher machen (oft jedoch ist das Gegenteil der Fall), und alle haben die Eigenschaft — in den Augen der Konservativen — unsere Gesellschaft zu untergraben. Doch alle diese aufgefĂŒhrten Rebellionen haben die Gesellschaft noch nicht zugrunde gerichtet, und sie werden es wohl auch nicht schaffen. Eine VerĂ€nderung der Gesellschaft ist nur möglich durch die direkte Aktion gegen alle unsere uns einengenden LebensverhĂ€ltnisse. Wenn Frauen von der Abschaffung der destruktiven, geschlechtsspezifischen Rollensozialisation der Frau sprechen, dann wĂ€hlen sie zumeist eine von den möglichen Lösungen:

  1. Die MĂ€dchen sollten so Ă€hnlich wie die Jungen erzogen werden, damit sie spĂ€ter als Frau unabhĂ€ngiger, konkurrenzfĂ€higer, aggressiver usw. werden. Zusammengefaßt lautet die Aussage dieses Lösungsvorschlages: da wir in einer MĂ€nnerwelt leben, muß eine Frau, die sich behaupten will, so eine Art „Mann” werden.

  2. Wir sollten auf unsere weibliche Rolle stolz sein und erkennen, daß das, was wir SchwĂ€che nannten, in Wirklichkeit StĂ€rke ist. Wir können darauf stolz sein, daß wir mĂŒtterlich, fĂŒrsorglich, feinfĂŒhlig und emotional sind.

  3. Die einzig wirklich gesunde Person ist der Zwitter. Wir mĂŒssen daran arbeiten, die kĂŒnstliche Unterteilung der Menschheit in „mĂ€nnlich” und „weiblich” auszurotten, und beiden Geschlechtern helfen, eine Mischung ihrer jeweils besten CharakterzĂŒge zu werden.

Innerhalb dieser drei Lösungsmodelle bilden die persönlichen Lösungen der geschlechtsspezifischen UnterdrĂŒckung ein weites Feld. Bleib ledig! Lebe in Gemeinschaft mit MĂ€nnern und Frauen oder nur mit Frauen! Schaff dir keine Kinder an! Schaff dir keine mĂ€nnlichen Kinder an! Bekomme die Kinder, die du willst, aber fordere KindergĂ€rten, die von den Eltern und den Mitarbeitern kontrolliert werden! Such dir einen Job, such dir eine bessere TĂ€tigkeit! Fordere eine sinnvolle Arbeit! Sei ein informierter Konsument! Reiche Klagen bei den Gerichten ein! Lerne Selbstverteidigung! Trainiere dein Selbstbewußtsein! Entdecke das Lesbische in dir! Entwickle deine proletarische IdentitĂ€t!

All diese VorschlĂ€ge sind fĂŒr bestimmte Frauen in bestimmten Situationen sinnvoll. Aber sie sind nur Teillösungen, die wieder neue Probleme schaffen, und keiner von ihnen beinhaltet eine qualitativ neue Sicht der Welt.

Wir kommen nun von den speziellen zu den mehr allgemeinen Lösungen. Vernichtet den Kapitalismus! Beendet das Patriarchat! Zerschlagt den Heterosexismus!

Das sind alles offensichtlich wichtige Aufgaben fĂŒr die Errichtung einer neuen humanen Welt. Marxisten und andere Sozialisten, soziale Anarchisten und Feministinnen wĂŒrden diese Forderungen zumeist bedenkenlos unterschreiben. Aber was die Sozialisten und sogar einige Feministinnen vergessen ist, daß wir alle Formen der Herrschaft zerstören mĂŒssen. Diese Forderung ist nicht nur ein bloßer Slogan, sondern sie ist auch die grĂ¶ĂŸte Aufgabe, die vor uns liegt. Diese Aufgabe beinhaltet, daß wir lernen, das Schauspiel zu durchschauen. Sie beinhaltet die Zerstörung der BĂŒhnenbilder aus dem Wissen und dem Bewußtsein heraus, daß es anders gemacht werden kann. Sie beinhaltet, daß wir in Zukunft mehr tun mĂŒssen, als uns nur in vorprogrammierten Rebellionen abzureagieren. — Wir mĂŒssen anfangen zu handeln. Wir mĂŒssen unsere Aktionen koordinieren und dabei dennoch als selbstbewußte Individuen handeln. Diese Vorgehensweise ist kein Widerspruch — wie ihr so oft vorgeworfen wurde — aber ihre DurchfĂŒhrung wird sehr schwer sein. Das Individuum kann keine großen VerĂ€nderungen hervor- rufen, aus diesem Grund mĂŒssen wir unsere Anstrengungen vereinigen. Aber diese Arbeit muß ohne die uns bekannten „FĂŒhrer” geschehen, und ohne daß wir die Kontrolle ĂŒber das, was wir aufbauen wollen, aufgeben oder sie an andere ĂŒbertragen.

Sind dazu die Sozialisten in der Lage? Oder die AnhĂ€ngerinnen des Matriarchats? Oder die Geisterseherinnen? Die Antwort darauf weißt du. Arbeite dort mit ihnen zusammen, wo es sinnvoll ist, aber gebe nichts von deiner Persönlichkeit auf. Unterwerfe dich weder ihnen noch irgendwelchen anderen.

Nur wenn wir sie zwingen

wird uns die Vergangenheit

zu uns selber fĂŒhren

andernfalls

wirs sie uns schlucken

in ihrem Asyl ohne TĂŒren

wir machen Geschichte

oder

wir werden von ihr eingemacht.[19]

[1] Barbara Ehrenreich, What is Socialist Feminism?, WIN Magazine, June 3, 1976, p. 4.

[2] Die besten Argumente, die ich dazu finden konnte, sind Socialist Feminism: A Strategy for the Women’s Movement, Hyde Park Chapter, Chicago Women’s Liberation Union, 1972; u. Charlotte Bunch, The Reform Tool Kit, Quest, Vol. 1, No. 1, 1974, pp. 37-51.

[3] Berichte von Polly Anna, Kana Trueblood, C. Corday und S. Tufts, The „Revolution” failed: FEN and its Club shut down, The Fifth Estate, 1976, pp. 13-16.

[5] Lynne Farrow, Feminism as Anarchism, Aurora No. 4, 1974, p. 9; Peggy Kornegger, Anarchism: The Feminist Connection, 1975, dt.: Der Anarchismus und seine Verbindung zum Feminismus, (vgl. S. 21-69, S. 50: Marian Leighton, Anarcho-Feminism and Loise Michel, 1974, dt.: Der Anarcho-Feminismus und Luise Michel, Luise Michel, Karin Kramer Verlag, Berlin 1976, S. 26.

[6] It Aint me Babe, Dec. 1970, p. 11.

[7] Lilith’s Manifesto, Women’s Majority Union of Seattle, 1969; abgedruckt in Robin Morgan (ed.), Sisterhood is Powerfull, Random House, N.Y. 1970, p. 529.

[9] Die Rede ist gegenwĂ€rtig ĂŒber die KNOW, Inc. erhĂ€ltlich.

[10] The Second Wave, Vol. 2, No. 1, 1972.

[11] What Future for Leadership?, Quest, Vol. 2, No. 4, 1976.

[12] Strasbourg Situationists, Once the Universities Were Respected, 1968, p. 38.

[13] Carol Hanisch, The Personal is Political, Notes from the Second Year, Radical Feminism, N.Y. 1970, pp. 76-78.

[14] Marian Leighton, a.a.O.,(Anm. 5).

[15] Point-Blank!, The Changing of the Guard, in: Point- Blank, Oct. 1972, p. 16.

[16] Eine der bezeichnendsten dieser Àlteren Analysen ist die von Meredith Tax, Woman and HeLMind: The Story of Everyday Life, Bread and Roses Publications, Boston 1970.

[17] Carole Oles, The Gift, in 13th. Moon, 1974, p. 39.

[18] Meridith Tax, a.a.O., p. 13.

[19] Marge Piercy, Auszug aus: Contribution to Our Museum, Living in the Open, Knopf, N.Y. 1976, pp? 74-75.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de