Dezember 8, 2022
Von Lower Class Magazine
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Interview mit Ă‡iğdem Çidamlı, frĂŒheres Mitglied der Bewegung der VolkshĂ€user (Halkevleri) in der TĂŒrkei und aktuell aktiv in der feministischen Bewegung. Wir sprachen mit ihr ĂŒber revolutionĂ€re Basisarbeit in unterschiedlichen historischen Phasen und die Notwendigkeit der Weiterentwicklung der revolutionĂ€ren Theorie und Programmatik. Das Interview wurde 2020 von kollektiv aus Bremen gefĂŒhrt. 

Kannst du etwas ĂŒber deine politische Vergangenheit erzĂ€hlen?

Als 1980 der MilitĂ€rputsch in der TĂŒrkei stattfand, war ich eigentlich noch ein Kind. Ich war in keiner festen politischen Organisation. Wir waren vielmehr in unserer Schule organisiert und befanden uns im alltĂ€glichen Kampf gegen die paramilitĂ€rischen faschistischen KrĂ€fte. 

Auch nach dem MilitĂ€rputsch war ich als junge marxistische UniversitĂ€tsstudentin bei keiner politischen Organisation. TatsĂ€chlich hatte ich eine Art von politischer Reaktion und Wut gegenĂŒber den politischen Positionen der linken Organisationen der damaligen Zeit. Ich war wĂŒtend, weil sie den Widerstand nicht weiter gefĂŒhrt hatten, weil sie nicht so stark waren, wie sie vor dem Staatsstreich vorgegeben hatten und dem MilitĂ€rputsch nichts entgegen setzen konnten [lacht]. Das heißt, das konstituierende Element meiner politischen Geschichte war nicht geprĂ€gt durch politische Organisationen. Ich habe versucht, einen Weg des Kampfes zu finden, der ĂŒber die damaligen organisatorischen, ideologischen oder programmatischen Formen hinaus ging. Ich war damals – Anfang der 90er Jahre – eine Person, die eine revolutionĂ€re Praxis und Organisation wollte, aber die dachte, dass die Dinge radikal anders sein sollten als die bisherigen Gewohnheiten und organisatorischen und ideologischen Formen der sozialistischen Linken im Allgemeinen. 

Wo warst du damals aktiv?

Der Hauptteil meines organisierten politischen Lebens begann eigentlich zu dem Zeitpunkt, als die „großen BrĂŒder“ aus dem GefĂ€ngnis kamen und nicht mehr die Dinge machen konnten, die sie vorher gemacht hatten. Ab 1995 war ich Teil der politischen Organisation, die u.a. versucht hat, die Halkevleri (VolkshĂ€user) und die Bewegung der prekĂ€ren Arbeiter*innen aufzubauen. Da ich aktuell kein Mitglied der Bewegung mehr bin, spreche ich hier jetzt jedoch als Einzelperson. 

Ich habe als Außenseiterin in der Organisation angefangen. Eine junge Frau, die dachte, dass sie radikalen Einfluss haben und etwas verĂ€ndern kann – die Tradition aufnehmen, aber sie auf neue Weise interpretieren. Ich habe ca. 15 Jahre lang daran gearbeitet, einen ideologisch-theoretisch politischen Rahmen fĂŒr die neue Organisation oder Strömung der Halkevleri (VolkshĂ€user) zu schaffen. Zu Beginn der 2010er Jahre bin ich dann in einen Stadtteil in Istanbul gegangen, um dort Stadtteilbasisarbeit zu machen. Kurze Zeit spĂ€ter begann die Gezi-Revolte. 

In der TĂŒrkei waren die Gezi-Proteste tatsĂ€chlich ein sehr wichtiger Wendepunkt fĂŒr alle politischen Szenen und alle linken Organisationen, egal ob basisorientiert oder nicht. Und natĂŒrlich auch in unseren persönlichen Leben. Gezi hat uns dazu gezwungen die eingefrorenen VerhĂ€ltnisse infrage zu stellen und tut es noch immer – wie in dem berĂŒhmten Satz „wir mĂŒssen die versteinerten VerhĂ€ltnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt.1

Nach den Gezi Protesten haben wir fĂŒr ein oder zwei Jahre einen Aufschwung der ökologischen und urbanen Bewegungen erlebt, die bereits vor der Revolte begonnen hatten, wie z.B. die Bewegung zur Verteidigung der nördlichen WĂ€lder der Marmara Region oder im stĂ€dtischen Raum die sogenannten SolidaritĂ€ts-Verteidigungsbewegungen. Ich war in diesen ökologischen und sozialen Bewegungen aktiv. Aber nach dem terroristischen Anschlag auf die oppositionellen KrĂ€fte durch den Staat in Gestalt des Bombenanschlags vom 10. Oktober 2015 in Ankara, kam es zu einer Art RĂŒckzug. Die einzige Bewegung, die sich nicht von den Straßen zurĂŒck gezogen hat, sondern ihre sozialen und politischen KĂ€mpfen weiter fĂŒhrte, war die feministische Bewegung / Frauenbewegung. Ich war immer schon mit Frauen in den Stadtteilen aktiv gewesen. Ich habe versucht, eine Art feministische Tradition in meiner eigenen Gruppe aufzubauen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine explizit feministische Haltung vertrat (obwohl sie schon vor dem MilitĂ€rputsch Frauen in den Stadtteilen organisierte). In den letzten drei bis vier Jahren haben wir versucht, eine Art unabhĂ€ngige Frauenorganisation aufzubauen, das Frauenverteidigungsnetzwerk (Kadın Savunma Ağı). TatsĂ€chlich war ich in den letzten drei bis vier Jahren vorwiegend in diesem Kampf praktisch involviert. 

Die Organisation, in der du aktiv warst, hat revolutionĂ€re Basisarbeit als wichtigen Bestandteil ihrer strategischen Ausrichtung betrachtet. Heute, 30 Jahre spĂ€ter, wird innerhalb der linken Bewegung wieder ĂŒber die Notwendigkeit von Basisarbeit gesprochen. Was sind deine Erfahrungen und RĂŒckschlĂŒsse in Bezug auf die Bedeutung von Basisarbeit?

Eigentlich war es verblĂŒffend und ĂŒberraschend, als ich vor dem Interview die 11 Thesen2 gelesen habe, die ihr von kollektiv geschrieben habt. Ich denke, dass die zentralen Diskussionen und Fragen sehr Ă€hnlich zu den Fragen sind, die wir hier diskutieren. Auch wenn die Geographie und die konkreten Bedingungen sich unterscheiden. Aber die Frage, was wir als Linke tun sollten, ist uns natĂŒrlich allen gemein, und diese Gemeinsamkeit teilen wir mit der europĂ€ischen, der lateinamerikanischen und sogar mit der nordamerikanischen Linken. Alle Diskussionen stehen in einem Ă€hnlichen Kontext. 

Ich denke, wir befinden uns an einem neuen Wendepunkt in der Geschichte. Wir waren bereits an einem Wendepunkt als die Pandemie begann, die mit all den vielfĂ€ltigen Krisen des kapitalistischen Systems zusammen gekommen ist. Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem die Fragen und die Diskussionen zu einer Überlebensfrage fĂŒr die gesamte Menschheit geworden sind, nicht nur speziell fĂŒr die Linken. 

Also wir sind an einem Wendepunkt, aber auch an einem Brennpunkt [lacht].

Die wichtigste Frage fĂŒr eine revolutionĂ€re Linke ist: Wie können wir nach der Niederlage des Sozialismus als Bewegung und im Allgemeinen eine neue Epoche einer selbst-emanzipatorischen sozialistischen Bewegung aufbauen? Unser Ausgangspunkt zu Beginn der 90er Jahre war die Feststellung, dass die historische Epoche des Sozialismus zu Ende ist. Das Ende war nicht nur verbunden mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sondern auch mit dem Ende der weltweiten Gewerkschaftsbewegung, der politischen Bewegungen und all ihrer Organisationen, Begriffe, Ideologien und Rahmenbedingungen. Wir befanden uns am Ende der historischen Epoche des Sozialismus – die im 19. Jahrhundert begonnen und bis Anfang der 1990er existiert hat – und wir haben diskutiert, auf welchen Grundlagen sich eine neue historische Epoche des Sozialismus aufbauen lĂ€sst. 

Anfang der 90er dachten wir, die neue historische Epoche des Sozialismus kann beginnen, wenn wir eine neue Form der Klassenbewegung aufbauen, eine neue Form der KlassenkĂ€mpfe. Denn die vorhergehende Phase des Sozialismus baute auf einer spezifischen Form der KlassenkĂ€mpfe auf. Und das fĂŒhrt uns zu den ersten Fragen: Was ist die Klasse heutzutage? Wie ist sie zusammen gesetzt? Wo kann man die Klasse heutzutage finden? In den großen Fabriken, Stahlwerken oder vielleicht in den Stadtteilen? Oder wo sonst? Und wie ist die alltĂ€gliche Erscheinung der Klasse und der KlassenkĂ€mpfe selbst? Diese Gedanken haben wir uns parallel zu gesellschaftlichen Entwicklungen wie der zunehmenden Prekarisierung der Arbeit und Privatisierungen gemacht, in deren Folge die großen Fabriken abgebaut wurden und die Formen der Arbeit sich verĂ€nderten.

Wenn ich vom heutigen Standpunkt aus retrospektiv auf die Geschichte schaue, dann denke ich, unsere Fragen waren gut und richtig. Aber was wir damals im Gegensatz zu heute nicht wussten, ist, dass wir uns die Fragen in einem bestimmten Moment der Geschichte stellten, d.h. sogar die Fragen, die wir wagten, uns zu stellen, waren historisch bedingt. Und dieser Moment war nicht geprĂ€gt vom Sieg der Revolutionen, sondern von deren Niederlage. Der Beginn der historischen Phase des Sozialismus befand sich in der traditionellen revolutionĂ€ren Phase, z.B. 1830er, noch immer unter dem Einfluss der französischen Revolution, dann die Pariser Kommune 1871. In den 90er Jahren hingegen haben wir an einem Punkt begonnen, der komplett von einem GefĂŒhl der Niederlage charakterisiert war. Ich denke, das hat nicht nur uns ausgemacht, sondern auch andere Bewegungen wie z.B. den MST (Anm. d. Red.: portugiesisch Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, deutsch: Bewegung der Landarbeiter ohne Boden) in Brasilien usw. NatĂŒrlich hat die Niederlage oder der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Niederlage der vorangegangenen Phase des Sozialismus uns auch vor die Frage der Kritik dieser vorangegangenen Bewegungen gestellt. Und natĂŒrlich hat diese Kritik dazu gefĂŒhrt, dass wir die Bedeutung von Basisarbeit betont haben. Aber Basisarbeit kann in zwei verschiedenen Arten interpretiert werden: als Ausgangspunkt fĂŒr eine selbst-emanzipatorische Bewegung oder als Selbstzweck. Ich denke, Basisarbeit kann nicht fĂŒr sich selbst stehen und nicht an sich das Ziel sein.

Du kannst Basisarbeit machen, aber Basisarbeit ist nicht an sich revolutionĂ€r. Aus einer Kritik des realexistierenden Sozialismus heraus waren wir davon ĂŒberzeugt, dass Basisarbeit wichtig ist. So weit, so gut. Aber die eigentliche Bedeutung von Basisarbeit lĂ€sst sich nur vor dem Hintergrund der Frage der SelbsttĂ€tigkeit der Arbeiter:innen innerhalb des revolutionĂ€ren Prozess verstehen. Also: Ist die neue sozialistische Bewegung, die revolutionĂ€re Bewegung, selbst-emanzipatorisch oder nicht? Wird sie durch die SelbsttĂ€tigkeit der Arbeiter*innen, Frauen, etc. getragen? Ist der Sozialismus etwas, das von außen zu ihnen gebracht werden muss oder entsteht er durch die AktivitĂ€t der Massen?

Um die Bedeutung zu verstehen, die Basisarbeit Anfang der 90er Jahre fĂŒr uns hatte, ist es aber auch wichtig, den historischen Kontext zu betrachten, in dem all diese Überlegungen stattgefunden haben. Der Neoliberalismus war in einer Phase, die auf der politischen Ebene mit einem gewissen Liberalismus und sogenannten politischen Öffnungen einher ging. Die politische SphĂ€re war so, dass sie dir erlaubt hat, in die Stadtteile zu gehen, um dort die mikrodimensionalen KlassenkĂ€mpfe zu suchen. Du hast gedacht, du kannst diesen Problemen mit Basisarbeit begegnen, also z.B. Mietproblemen etc. Die alltĂ€glichen Erscheinungsformen der KlassenkĂ€mpfe, die aus der Prekarisierung, Kommodifizierung (Anm. d. Red.: beschreibt den Prozess des â€žzur-Ware-werdens“) oder dem Neoliberalismus im Allgemeinen resultieren. Und wir dachten, wenn wir diese KĂ€mpfe anhand von Basisarbeit bearbeiten, wĂŒrde das eine Art von kleiner Politisierung gegen den Kapitalismus ermöglichen. 

Und teilweise tat es das auch. Wie die Erfahrungen gezeigt haben, war es möglich, mit Menschen zusammen zu kommen, starke KĂ€mpfe aufzubauen und zu versuchen, darĂŒber die politischen Einstellungen schleichend zu verĂ€ndern, wie z.B. im Dikmen Tal3 oder in einigen anderen großen KĂ€mpfen wie diesem. NatĂŒrlich haben sich die Einstellungen der Leute an diesem Punkt oder an jenem Thema verĂ€ndert und auch ihre Position gegenĂŒber der politischen Macht oder ihre Aktionsformen. 

Aber nach der Wirtschaftskrise von 2008 haben wir gemerkt, dass sich die VerhĂ€ltnisse verĂ€ndert haben. Man kann das vielleicht als RĂŒckkehr oder Wiederkehr der politischen SphĂ€re an sich bezeichnen. 2008 war ein wichtiger Scheidepunkt, weil sich die Bedingungen all dieser KĂ€mpfe stark verĂ€ndert haben. Man könnte von der Vor-Krise und der Krisenperiode des Neoliberalismus sprechen. 

Nach 2008 hat uns die politische SphĂ€re ĂŒberholt. WĂ€hrend Gezi haben wir erlebt, dass all diese kleinen Basisbewegungen, die aufgebaut wurden, nicht groß und kraftvoll genug waren, um die Reaktionen der Leute und ihren Ärger ĂŒber den Neoliberalismus und dessen politischen Akteure aufzufangen oder einzubeziehen. Die Politik hat uns ĂŒberholt, und nicht nur in der TĂŒrkei sondern auch in Brasilien oder anderen Orten. All die Basisbewegungen konnten an einem gewissen Punkt auf die RĂŒckkehr der politischen SphĂ€re nicht mehr angemessen reagieren. Und die politische SphĂ€re wurde so manipulativ. Und auch der Linkspopulismus, wie in Spanien mit Podemos und Syriza in Griechenland, wandte sich gegen die Bewegungen selbst. Die linken sozialistischen Basisbewegungen konnten bis zu einem gewissen Punkt nur eine radikale sozialdemokratische Alternative anbieten und diese Alternative wurde manipuliert durch die Angriffe des kapitalistischen Systems nach der Krise von 2008. Die Leute, die ihrer grundlegenden Mittel der Existenzsicherung beraubt wurden, wurden sehr schnell proletarisiert, aber weder die Basisbewegungen noch die politischen Projekte, wie PodemosSyriza etc. konnten darauf eine angemessene Antwort finden und keine davon konnte die revolutionĂ€ren politischen Erscheinungsformen all dieser KĂ€mpfe vereinen. 

Kannst du das nĂ€her ausfĂŒhren?

Ich denke, die zentrale Form der Herrschaft hat sich nach 2008 verĂ€ndert. Vor 2008 zielte der Kern der kapitalistischen Herrschaft darauf ab, die Leute zu atomisieren und die Einheit der proletarischen Klassenstrukturen zu zerstören, die vorher aufgebaut wurde. Hinzu kam eine Form der Liberalisierung im Regierungsstil. Man kann ersteres in der TĂŒrkei auch mit den ersten Jahren der AKP Regierung gleichsetzen: Eine Öffnung gegenĂŒber der kurdischen Frage, gegenĂŒber LGBTIQ+ Personen, Frauen etc. IdentitĂ€tspolitiken wurden benutzt, um die neuen Bereiche des Proletariats in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Meiner Meinung nach wurde IdentitĂ€tspolitik erfolgreich benutzt, um den Arbeitsmarkt zu erweitern, die Proletarisierung und Kommodifizierung voran zu treiben und all diese Menschen in den kapitalistischen Markt im Allgemeinen einzubinden. Der Neoliberalismus hat so getan, als könnte er die historischen Probleme lösen, die in der vorherigen Phase des Kapitalismus bestanden – wie die kurdische Frage, die UnterdrĂŒckung der Frauen und Ă€hnliche demokratische Probleme. Und er war sehr erfolgreich dabei, die Einheit der Arbeiter*innenklasse in dieser Zeit zu zerstören. 

Aber nach 2008 hat sich die politische SphĂ€re verĂ€ndert. Die neoliberale IdentitĂ€tspolitik wurde von oben aufgekĂŒndigt und wir erleben Regierungen wie in der TĂŒrkei, auf den Philippinen, in Russland; die Bolsonaros, Trumps und all diese neoliberalen, man kann sagen neofaschistischen, Regierungen. Sie zielen darauf ab, die Einheit der nunmehr massenhaft proletarischen Bevölkerung zu zerstören. Und all die Selbstverteidigungsbewegungen oder Basisbewegungen waren politisch nicht in der Lage, adĂ€quat auf diese neuen politischen Entwicklungen zu reagieren. 

Aber trotz allem sehe ich uns nicht als besiegt. Ich denke nicht, dass wir Teil einer Niederlage sind. Ich ziehe es vor, uns am Anfang einer neuen historischen Epoche zu sehen. Das kann man so sehen, wenn man akzeptiert, dass die alten frĂŒheren Strukturen tot sind, die alten Annahmen, Formierungen und Gebilde einer sozialistischen Linken – sie sind tatsĂ€chlich in der TĂŒrkei mit Gezi gestorben [lacht].

Aber wenn du das Material der KĂ€mpfe selbst betrachtest, vor dem Hintergrund der multiplen Krise des Kapitalismus, kannst du keinen Bereich des Lebens finden, der nicht unter Druck geraten ist, auch alle Kampfbereiche – seien es feministische KĂ€mpfe, die Ökologiebewegung und natĂŒrlich die tĂ€glichen KĂ€mpfe der Arbeiter*innen. Weil der Neoliberalismus alles kommodifiziert, alles. Und diese Pandemie zeigt, dass der Grad der Kommodifizierung und Proletarisierung nicht mit dem menschlichen Leben an sich vereinbar ist. Du kannst kaum noch irgendwelche Menschen finden, die nicht auf die ein oder andere Art und Weise mit der proletarischen Klasse im Allgemeinen verbunden sind, du kannst kein alltĂ€gliches Thema, kein Moment der Existenzsicherung finden, das nicht mit dem politischen Klassenkonflikt des Kapitalismus an sich verbunden ist. Alle Bereiche des Lebens sind proletarisiert und zum Symbol der sozialen und politischen Klassenkonflikte geworden, der Interessen der Mehrheit der Leute gegen das Interesse des Kapitalismus. 

Wir befinden uns in einer Situation, in der wir uns fragen mĂŒssen, was das grundlegende Interesse aller proletarischen Massen ist und welche Form der Organisierung es braucht. Welche Art der Basisarbeit, von Selbstbildung, welche AtmosphĂ€re der politischen Selbstbildung fĂŒr die Massen, deren grundlegende BedĂŒrfnisse und Interessen mit dem alltĂ€glichen Leben an sich in Konflikt stehen. Wir stehen an einem Punkt, an dem weder die partiellen KĂ€mpfe noch die linken populistischen politischen Projekte die realen BedĂŒrfnisse und Reaktionen der Leute auffangen und beantworten können. 

Das können wir auch in den massiven Revolten sehen, die kontinuierlich weltweit seit einigen Jahren ausbrechen. Erst vor der Pandemie, wenn ihr euch erinnert, gab es in fast 20 LĂ€ndern Massenrevolten. In diesen Revolten gab es einige politische oder ideologische ÜbereinkĂŒnfte, die sich zwischen den Leuten auf der Straße oder in Aktionen herausgebildet haben. Aber den politischen Projekten, die aus diesen Massenbewegungen entstanden sind, sei es Podemos, Syriza oder anderen, fehlt – was ihr politisches Programm und ihre Organisationsweise angeht – genau das, was die Menschen auf der Straße auf eine emotionale Art wĂ€hrend der Revolte miteinander entwickelt haben.

Was bedeutet das in Bezug auf revolutionÀre Basisarbeit in der politischen Praxis?

Ich denke, natĂŒrlich brauchen wir Basisarbeit, aus zwei GrĂŒnden: ohne Basisarbeit kannst du keine selbst emanzipatorische Bewegung des Sozialismus aufbauen. Sozialismus ist nicht nur eine Utopie, oder ein Dogma oder intellektuelles Denken, dass du den Massen aufdrĂŒcken kannst. NatĂŒrlich brauchen wir eine selbst-emanzipatorische Bewegung und die Basisarbeit, die zu den alltĂ€glichen Problemen der Leute gemacht wird. Denn die alltĂ€glichen Probleme sind zu einem Symbol des Konfliktes zwischen dem gesamten kapitalistischen Establishment und dem Leben der Leute geworden. 

Aber gleichzeitig haben wir erfahren, dass Basisarbeit zwar ein starkes Mittel sein kann, aber nicht einfach so aus sich selbst heraus. Wenn du keine richtige Programmatik und theoretische Ausarbeitung von dem hast, was Sozialismus heutzutage ist und was die Antworten sind, die wir zur Lösung der multiplen Krisen des Kapitalismus vorschlagen oder wessen Sozialismus es sein soll, laufen unsere praktischen Anstrengungen ins Leere. 

Die Tatsache, dass eine historische Epoche des Sozialismus zu Ende gegangen ist, bedeutet auch, dass sich die Art und Weise der antikapitalistischen KlassenkĂ€mpfe verĂ€ndert hat. Die KlassenkĂ€mpfe der damaligen sozialistischen Ära basierten auf dem Industrieproletariat, alle anderen KĂ€mpfe und Basisbewegungen von UnterdrĂŒckten wurden unter diese Hegemonie untergeordnet. Aber wessen Hegemonie wird heutzutage ĂŒber alle KĂ€mpfe der UnterdrĂŒckten gebildet? Wessen Sozialismus? Oder haben wir eine reale Möglichkeit, einen Weg zu finden, um all die antikapitalistischen Tendenzen und Impulse, die von unterschiedlichen Basisbewegungen kommen (z.B. der feministischen, der ökologischen, der der KleinbĂ€uer*innen und allen anderen antikapitalistischen Bewegungen), in eine sozialistische Einheit des Proletariats/der UnterdrĂŒckten des 21. Jahrhunderts einzubetten? Ich denke, das ist möglich. Und das ist der Grund, warum ich denke, dass wir uns an einem Wendepunkt der Geschichte befinden. Vielleicht war es das in den 90er Jahren noch nicht, aber heute ist es möglich, dass wir diesen Anfang einer neuen sozialistischen Bewegung erleben, ich meine eine neue sozialistische Epoche hat vielleicht bereits begonnen. 

Aber dafĂŒr ist es aus meiner Sicht unbedingt notwendig, dass eine neue Art der revolutionĂ€ren politischen Theorierekonstruiert wird. Das ist, was uns heutzutage fehlt. Die traditionelle politische Theorie des 20. Jahrhunderts war geprĂ€gt von der Russischen Revolution und danach von den antikolonialen Revolutionen und ihren Rahmenbedingungen. Aber was ist heutzutage die politische Arena? Und wie kann eine politische revolutionĂ€re Praxis aufgebaut werden? Wie kann eine revolutionĂ€re Dialektik zwischen den Basisbewegungen und der politischen Ebene etabliert werden, die die politische Revolution auf der einen und die soziale Revolution auf der anderen Seite miteinander verbindet. Im 20. Jahrhundert gab es eine etablierte politische Systematik dieser revolutionĂ€ren Dialektik zwischen dem politischem Moment und dem Moment der sozialen- /KlassenkĂ€mpfe. Aber ich denke, wir haben diese revolutionĂ€re Dialektik verloren. Die zentrale Krise der Linken in den 70er Jahren resultierte daraus und natĂŒrlich hatten wir auch keine solche politische Theorie in den 90er Jahren. Aber das Leben und vor allem die aktuellen MassenaufstĂ€nde zwingen uns dazu, diese neue Form der revolutionĂ€ren politischen Theorie aufzubauen. Es stellt sich die Frage, was ist Politik heutzutage? Und wie können wir diese revolutionĂ€re Dialektik zwischen dem Basiskampf und dem politischen Kampf an sich entwickeln?

Denn wenn es keine richtige politische Analyse innerhalb der Bewegungen gibt, die mit einem bestimmten Problem zu tun haben, dann wird diese Bewegung an unterschiedlichen Themen gespalten werden, wie z.B. an der kurdischen Frage oder der Frauenfrage. Nehmen wir z.B. die ökologische Bewegung in der TĂŒrkei, in der sich Menschen zusammen gefunden haben, um fĂŒr den Erhalt von WĂ€ldern, FlĂŒssen, TĂ€lern zu protestieren. Wenn sich solche Bewegungen nur auf die Lebensbedingungen beschrĂ€nken, dann werden sie sich anhand der kurdischen Frage, der nationalen Frage, der Migrationsfrage spalten. Das bedeutet, dass Basisarbeit und eine damit verbundene Organisation glaubhaft machen muss, dass sie in der Lage ist, die alltĂ€glichen Probleme der Arbeiter*innenklasse zu lösen, aber auch all die historischen Probleme wie die kurdische Frage, die Frauenfrage, die Migrationsfrage und so weiter. Es braucht also eine Basisarbeit, die nicht anhand von neoliberaler IdentitĂ€tspolitik gespalten ist, sondern die dazu beitrĂ€gt, dass Menschen daran glauben, dass z.B. kurdische Frauen oder andere IdentitĂ€ten ein historisches politisches Subjekt innerhalb der sozialistischen Organisation sein können, damit sie sich nicht in die typischen anti-narrativen AnsĂ€tze (Anm. v. kollektiv: AnsĂ€tze, die große Narrative i.S. von einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive ablehnen: Der Fokus liegt auf TeilbereichskĂ€mpfen oder 
Mikropolitiken, 
die Möglichkeit und Notwendigkeit der Verbindung unterschiedlicher KĂ€mpfe zu einem gemeinsamen Kampf gegen das gesamte System wird negiertflĂŒchten.

Du hast ja bereits die Massenproteste erwÀhnt, die als eine Reaktion auf die neoliberale Politik weltweit vor Beginn der Pandemie entstanden sind. Welche Rolle spielen diese aus deiner Sicht in der Herausbildung?

Viele der unterschiedlichen Formen von Unzufriedenheit, die in den zahlreichen Protesten weltweit zum Ausdruck kamen, verstehen sich selbst nicht per se als antikapitalistische Aktionen oder Bewegungen. Wenn das so ist, wovon ich ausgehe, dann stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten wir haben, um solche Aktionen und Bewegungen dazu zu bringen, antikapitalistische Bewegungen zu werden. Es geht mir nicht darum, wie wir diese Massenproteste interpretieren, sondern als was sie sich selbst verstehen. Ich stimme vollkommen mit euch ĂŒberein, dass wir eine neue Form der der revolutionĂ€ren Politik entwickeln mĂŒssen, aber was ist die materielle Basis dafĂŒr? Wir wissen, dass viele Menschen unzufrieden sind und in prekĂ€ren Situationen leben, aber was ist die SubjektivitĂ€t der Menschen? Ich denke, die Massenproteste sind antikapitalistisch aber viele der Menschen auf den Straßen sind sich selbst darĂŒber nicht bewusst. Sie reagieren auf die kapitalistischen Lebensbedingungen, aber sie sehen sich selbst nicht als antikapitalistische, sozialistische, historisch-politische Subjekte, welche in die Geschichte eingreifen und sie verĂ€ndern können. Und selbst wenn sie sich als antikapitalistisch verstehen, vermeiden sie es, Teil eines großen Narrativs zu sein, das Sozialismus heißt, weil sie vor solchen AnsĂ€tzen fliehen, vor Politik fliehen. Ich denke, das ist die grĂ¶ĂŸte Frage. Sozialismus oder Antikapitalismus – bewusster Antikapitalismus – ist eine Art Selbstnarrativ der Massen. Sozialismus war ein Narrativ, dass von den Massen selbst erzĂ€hlt wurde. NatĂŒrlich bin ich inspiriert von dem theoretischen Körper aber Sozialismus, wie er real existierte, war in der damaligen Zeit revolutionĂ€r und, eine selbstemanzipatorische ErzĂ€hlung der Massen. 

Ich weiß nicht wie, ich habe keine fertigen Antworten, man muss es ausprobieren. Aber ich denke, es braucht eine Art neuer Bildung, eine Bildung ĂŒber den wahren Inhalt des Sozialismus, nicht ĂŒber seine konkreten historischen Formen, nicht ĂŒber die Formen des 20. Jahrhunderts, sondern ĂŒber die reale Essenz des Sozialismus. Das bedeutet, eine Interpretation der Essenz fĂŒr heutzutage. Damit sich die Massen ĂŒber den Sozialismus an sich bilden, aber auch durch die feministische Bewegung , wie ni una menos und andere. Was wir tatsĂ€chlich in dieser Art von Bewegungen (wie z.B. ni una menos oder der Kampf fĂŒr die Legalisierung von Abtreibungen) sehen, ist nicht nur eine Bewegung gegen Feminizide. Es ist vielmehr eine Bewegung der proletarisierten und prekarisierten Frauen, die die multiplen Krisen der Produktion und Reproduktion erleben und versuchen, diese LĂŒcke in der Klassenbewegung zu fĂŒllen. Die Ökologiebewegung, die Bewegung der KleinbĂ€uer*innen, die feministische Bewegung und natĂŒrlich die alltĂ€glichen sozialen KĂ€mpfe sollten aus der Sicht der reinen Essenz des Sozialismus heraus kritisiert werden. Aber natĂŒrlich muss auch der Sozialismus von diesen Bewegungen kritisiert werden, insbesondere in Bezug auf seine organisatorischen AnsĂ€tze, in Bezug auf die Frage, wessen Hegemonie auf welche Art innerhalb der sozialistischen Bewegung aufrecht erhalten wird. Oder ist es möglich, neue Formen der Hegemonie zu finden?

Ich denke, wir stecken komplett in einer Welt fest, in der es auf der einen Seite historisch dogmatische Formen wie die der kommunistischen Parteien gibt. Und auf der einen Seite neue Organisationsformen und postmoderne Bewegungen, die jegliches Narrativ ablehnen bzw. es nicht erlauben, dass Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit den Worten und Begriffen des Sozialismus erzĂ€hlen und damit verbinden. An diesem Punkt befinden wir uns aktuell. Ich denke, dass wir eine neue Art der leninistischen Bewegung des 21. Jahrhunderts brauchen. Wir mĂŒssen uns eine solche Bewegung vor dem Hintergrund der VerhĂ€ltnisse des 21. Jahrhunderts vorstellen, sie organisieren und aufbauen. Die Geschichte wird es uns zeigen. Ich habe die Fragen hier genannt, aber das heißt nicht, dass ich Antworten darauf habe. Was wir brauchen, ist eine revolutionĂ€re und sich gegenseitig beeinflussende Bildung zwischen Sozialismus und Massen-/ Klassenbewegungen. 

Vielen Dank!

#Foto: Wikimedia Commons

1 [Karl Marx (1844): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: MEW Bd. 1. Berlin: Dietz Verlag. S 381: “Man muß jede SphĂ€re der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse |den Schandfleck| der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten VerhĂ€ltnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen. Man erfĂŒllt damit ein unabweisbares BedĂŒrfnis des deutschen Volks, und die BedĂŒrfnisse der Völker sind in eigner Person die letzten GrĂŒnde ihrer Befriedigung.”]

2https://solidarisch-in-groepelingen.de/eigenetexte

3Die Bewohner*innen des Dicmen-Tals bei Ankara sollten 2007 gerĂ€umt werden, um Platz zu schaffen fĂŒr ein an landesweite Programme der Erdogan-Regierung anknĂŒpfendes großflĂ€chiges StĂ€dtebauprojekt, das aus dem Tal ein kommerzielles Tourismus- und Naherholungsgebiet machen sollte. Aufgrund des militanten Widerstands der verbliebenen Bewohner*innen und deren UnterstĂŒtzer*innen musste am 1. Februar 2007 der erste RĂ€umungsversuch mit 8.000 EinsatzkrĂ€ften und 44 Abrissbaggern schließlich abgebrochen werden. Insgesamt gelang es dem Widerstand, die Umsetzung des Projekts bis 2009 herauszuzögern. In dieser Zeit wurden lokale Selbstverwaltungsstrukturen in Form von Vollversammlungen verwirklicht, selbstorganisierte Sozial- und Bildungseinrichtungen geschaffen und eine Vernetzung mit anderen Regionen aufgebaut, die von StĂ€dtebauprojekten betroffen sind




Quelle: Lowerclassmag.com