April 27, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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quelle: schwarzerpfeil.de

UrsprĂŒnglich veröffentlicht auf Indymedia Nantes, aus der englischen Übersetzung von Act for Freedom Now

Im Februar lösten die Inhaftierung des Rappers Pablo HasĂ©l und die Unruhen in Linares in Andalusien, nachdem ein Mann und seine Tochter von Cops in Zivil verprĂŒgelt wurden, einen kurzen Moment der Revolte auf der iberischen Halbinsel, insbesondere in Katalonien, aus. Die GrĂŒnde gehen ĂŒber die freie MeinungsĂ€ußerung hinaus: Hass auf die Polizei, Ablehnung der Ausgangssperre, die wirtschaftliche und soziale Situation, etc. Am Samstag, den 27. Februar, brach im Zentrum von Barcelona ein Aufstand aus: Banken und GeschĂ€fte wurden verwĂŒstet, Geldautomaten angezĂŒndet, es kam zu ZusammenstĂ¶ĂŸen und Barrikaden gegen die Polizei und zum AnzĂŒnden eines Polizeiwagens. Auf der repressiven Ebene wurden viele verletzt, es gab etwa hundert Verhaftungen und ein Dutzend Menschen wurden inhaftiert, darunter acht GefĂ€hrt_innen, die am 27. Februar und am 1. MĂ€rz wegen des Abbrennens der Bullenkutsche festgenommen wurden.

Brief von Danilo:

Hi zusammen!

Ich bin Danilo, einer derjenigen, die nach der Demo vom 27. Februar verhaftet wurden. Wie viele schon wissen, schreibe ich aus Brians 1 (Martorell). Heute ist es einen Monat her, dass wir verhaftet wurden und ich wollte schon frĂŒher etwas veröffentlichen, aber ich musste mir erst ein besseres Bild von den Geschehnissen machen, sowohl fĂŒr mich als auch fĂŒr die anderen, sowie auch Nachrichten von außen bekommen, etc.

Davon abgesehen möchte ich mich zunĂ€chst fĂŒr die sehr vielen Gesten der SolidaritĂ€t bedanken, die wir erhalten haben. Viele Menschen haben sich daran beteiligt und viel gegeben, sei es materiell mit Briefen, Geld, Postkarten, Kleidung etc. oder praktisch mit Demos, Initiativen und anderem. Jeder dieser BeitrĂ€ge hilft uns sehr, unsere Moral aufrecht zu erhalten und uns unterstĂŒtzt zu fĂŒhlen, was hier sehr wichtig ist, wirklich danke!

Um es zusammenzufassen, fĂŒr alle, die es nicht wissen, wir sind angeklagt wegen versuchten Mordes, Angriff auf die AutoritĂ€t, öffentlicher Unruhe, fortgesetzter Beleidigung und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Gruppe. KĂŒrzlich wurde der GefĂ€hrte, der beschuldigt wird, den urbana [Wanne der Stadtpolizei Barcelona] angezĂŒndet zu haben, auf Kaution freigelassen. Was an und fĂŒr sich großartig ist, und wir denken auch, dass dies vielleicht ein Signal ist, dass der Fall anfĂ€ngt, auseinanderzufallen.

Allerdings ist es immer sehr kompliziert, irgendetwas vorherzusagen, angesichts des absurden pathetischen Medienzirkus, zusĂ€tzlich zur Schwere bestimmter Anklagen, weshalb ich persönlich mich lieber an den Gedanken gewöhne, dass es relativ lange dauern wird, bis wir hier rauskommen. Es ist nicht so, dass ich die Idee nicht mag, ich habe nur lieber gute Überraschungen als EnttĂ€uschungen, fange nicht an, mir ĂŒber die Zeit Gedanken zu machen usw. Bis jetzt hat das fĂŒr mich funktioniert, und ich kann sagen, dass ich trotz allem ruhig bin!

Was unsere Verhaftung angeht, muss ich zugeben, dass ich halluziniert habe, dass wir nicht schlimm verprĂŒgelt wurden, das ist etwas, was ich erwartet habe, als wir auf der Straße in Handschellen abgefĂŒhrt wurden. Ich dachte, es sei das ĂŒbliche Protokoll in solchen Situationen (ich denke immer noch so), oder vielleicht ist es die Ausnahme, die die Norm bestĂ€tigt. In Wahrheit bin ich ratlos und bin schließlich zu dem Nicht-Schluss gekommen, dass vielleicht die Tatsache, dass die Medien seit Tagen von „unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigen Eingriffen“, wie sie sie nannten, der Mossos [katalanische Cops] sprachen, oder dass sie neue „MĂ€rtyrer_innen“ vermeiden wollten, die den Demonstrationen Kraft geben könnten 
 Ich habe wirklich keine Ahnung, aber umso besser fĂŒr uns!

Beleidigungen und Drohungen bekamen wir. „Wir sehen dich auf der Straße in MatarĂł, wenn du draußen bist, Schwein. Mal sehen, ob du uns mit Steinen bewirfst!“ Das sagte man zu mir, bevor sie uns, Luca, Albo, Hernan und mich, in Handschellen zu dem sehr schĂ€bigen Theater brachten, das sie bei der Durchsuchung von Nabat, einem besetzten Haus, in dem einige von uns wohnten, veranstalteten, wobei die Bereitschaftscops mitten auf der Straße vor Journalist_innen posierten, bevor sie uns zurĂŒck in die Zelle brachten, pff!

Neben Saras Freilassung gibt es noch etwas sehr Positives, mit dem ich nicht gerechnet habe, nĂ€mlich dass wir alle hier in Brians 1 sind, in drei verschiedenen Modulen. Diejenigen von uns, die im gleichen Modul sind, sehen sich jeden Tag draußen im Hof (6 Stunden am Tag, 4 am Morgen, 2 am Nachmittag), wĂ€hrend wir uns von einem Modul zum anderen schreiben und die Briefe „nur“ etwa drei Tage brauchen, um anzukommen, zusĂ€tzlich zu der Möglichkeit, Kommunikation, interne Besuche, etc. zu haben.

Das ist alles sehr gut, wir unterstĂŒtzen uns gegenseitig und das hilft wirklich. Modul 4, wo Albo, Luca und ich sind, ist das ruhigste, wie sie sagen, „der Schulhof“. Die meisten sind hier wegen illegalem Handel, Diebstahl und Bullshit. Dann gibt es einige, die in anderen Modulen keinen Tag ĂŒberleben wĂŒrden (Sexualdelikte) und viele Spitzel, deshalb ist dieses Modul so ruhig. Einige Gefangene sind grĂ¶ĂŸere WĂ€chter_innen als die WĂ€rter_innen selbst, sogar mehr als in anderen Modulen. Bei der kleinsten Sache wird man ins Spezial- und danach in ein Konfliktmodul geschickt. Am Ende treffen wir zum GlĂŒck auch ein paar gute Leute, es könnte viel schlimmer sein.

Noch etwas, bevor ich zum Schluss komme, möchte ich meine völlige Verachtung fĂŒr die Desinformationsmedien des Regimes zum Ausdruck bringen, wieder einmal sind sie an der Spitze in ihren BemĂŒhungen, die öffentliche Meinung mit ihren LĂŒgen, Sensationen und Bullshit zu manipulieren, die UnterdrĂŒckung zu unterstĂŒtzen. UnterwĂŒrfige Aasfressende, die das Unwohlsein der anderen ausnutzen. Ist das ein Job? Sie bieten immer ein Medium, auf dem die UnterdrĂŒckungsapparate dann ihre Vergeltung aufbauen können.

Jedes Mal, wenn sie bedroht werden, versuchen sie die gleiche Geschichte zu verkaufen: hinter dem diffusen sozialen Unwohlsein und den Revolten steckt nur eine Gruppe von Verschwörenden, um exemplarisch bestrafen zu können, zwei zum Preis von einem: einerseits schlagen sie auf diejenigen ein, die mit ihren KĂ€mpfen und Forderungen stören und andererseits versuchen sie diejenigen zu verĂ€ngstigen, die daran denken, auf die Straße zu gehen, um zu protestieren. Sie geben vor, ĂŒberrascht zu sein, wenn eine Menge junger Menschen in Wut explodiert und die Verantwortlichen (Cops, Journalist_innen, Banken, multinationale Konzerne, Großunternehmen) fĂŒr immer prekĂ€rere und elendere Lebensbedingungen und fĂŒr immer mehr erstickende soziale Kontrollsysteme benennen.

Sie geben vor, Opfer zu sein, wie es die schlimmsten Henker tun, Wölfe im Schafspelz! Ich wollte denjenigen, die uns unterstĂŒtzen, klar machen, dass das meine Meinung ist, dass es mir wichtig ist. Scheiß auf die UnterdrĂŒckungsapparate und ihre Staaten! Ich werde meine Ideen nicht aufgeben aus Angst, dass sie kriminalisiert werden.

Wie auch immer, entschuldigt, wenn es zu lang ist, aber es gab eine Menge ĂŒber diesen Monat zu sagen und ich wollte es nicht in einem langweiligen Telegramm- oder KommuniquĂ©-Stil tun.

Eine riesige Umarmung an alle! Ich hoffe, ich kann mich bald wieder bei euch melden! Und noch einmal vielen Dank fĂŒr alles!

Viel Kraft und SolidaritĂ€t auch fĂŒr die anderen UnterdrĂŒckten in den GefĂ€ngnissen ĂŒberall auf der Welt!

Freiheit fĂŒr alle!

Nieder mit den GefÀngnismauern

Und lang lebe die Anarchie!

Danilo

Um an Danilo zu schreiben:
Danilo Infantino
C.P. Brians 1, MĂłdulo 4
Apartado de correos 1000
08760 MARTORELL (Barcelona)
ESPAGNE

Bis jetzt wurden unsere Briefe nur in unserer Anwesenheit geöffnet, ohne gelesen zu werden.

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Quelle: Abc-wien.net