Januar 10, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Gefunden auf der Seite von cruz negra anarquista, es handelt sich um einen Interview aus dem Jahr 2014 mit Claudio Lavazza der damals noch im spanischen Staat im Knast saß, die Übersetzung ist von uns, wir werden in den nĂ€chsten Tagen und Wochen mehrere Texte von Claudio Lavazza, sowie ĂŒber seinen Fall und seinen Leben veröffentlichen.

Interview mit dem gefangenen Anarchisten Claudio Lavazza.

Wir haben dieses Interview von Contra Info mit dem GefĂ€hrten Claudio Lavazza erhalten, der seit 1996 in den Zellen der spanischen Demokratie eingesperrt ist. Das Interview wurde auf der SolidaritĂ€tsveranstaltung fĂŒr langjĂ€hrig verurteilte/gefangene Anarchist*innen vorgestellt, die am 11. Januar 2014 im CSO La Gatonera, Madrid, stattfand.

In deinem Streben nach vollstĂ€ndiger Freiheit hast du dich dafĂŒr entschieden, die Welt der Macht mit allen Mitteln anzugreifen. Was waren die HauptgrĂŒnde, die dich dazu gebracht haben, diesen Weg der bewaffneten Rebellion zu gehen?

Die GrĂŒnde, warum ich den Weg der Rebellion einschlug, waren eine Reihe von UmstĂ€nden, die von dem versuchten Staatsstreich in Italien, bei dem die extreme Rechte mit Hilfe der Geheimdienste die Strategie der Spannung (terroristische AnschlĂ€ge mit Sprengstoff an öffentlichen Orten) anwandte, ĂŒber die Angriffe der politischen Parteien des Verfassungsbogens, wobei die Christdemokratie besonders aktiv war, indem sie mit dem Finger auf die revolutionĂ€re Linke und die Anarchisten zeigte, die fĂŒr die schweren Angriffe verantwortlich waren, bis hin zu der Ungerechtigkeit und Misshandlung der Arbeiterklasse durch die Behörden/AutoritĂ€ten reichten: dieselben Behörden/AutoritĂ€ten, die die faschistische Regierung von Benito Mussolini und den Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg an der Seite der deutschen Nazis begrĂŒĂŸten.

In deinem Buch „AutobiografĂ­a de un irreducible“ erzĂ€hlst du, wie du 1981 an der ErstĂŒrmung des GefĂ€ngnisses von Frosinone (Region Latium, Italien) teilgenommen hast, um einen dort gefangenen GefĂ€hrten zu befreien. Heute, mehr als 30 Jahre spĂ€ter, gibt es nur noch wenige Gelegenheiten, bei denen die faktische SolidaritĂ€t mit den Gefangenen des sozialen Krieges diesen Punkt erreicht. Wie kann die Perspektive der unmittelbaren Befreiung unserer BrĂŒder und Schwestern wiederhergestellt werden?

Die Perspektive der sofortigen Befreiung unserer inhaftierten BrĂŒder und Schwestern zu schaffen, ist heute wie gestern ein grundlegendes Ziel in diesem sozialen Krieg
 aber wĂ€hrend das System in Bezug auf Infrastrukturen und Repressionsmittel Fortschritte gemacht hat, sind wir in der PrĂ€historie geblieben, ohne in der militĂ€rischen und technologischen Vorbereitung auf die imposanten riesige KnĂ€ste1 voranzukommen. Diese abgelegenen Bauten die weit von StĂ€dten und Dörfer entfernt sind, können kaum angegriffen werden, so wie wir es 1981 in Italien getan haben, als wir zwei Gefangene befreiten. Es stimmt, dass sich die Zeiten geĂ€ndert haben. Wenn wir ĂŒber Angriffe auf das System sprechen, auch wenn wir Worte wie militĂ€rische und technologische Vorbereitung nicht gerne verwenden, ist es klar, dass wir ĂŒber Krieg und Konfrontation sprechen, und um erfolgreich zu sein, ist es notwendig, mit der Zeit Schritt zu halten, die der technologische Fortschritt des repressiven Systems vorgibt. Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, Strukturen wie die riesigen Knaste anzugreifen, aber es ist ein unrealistischer Traum, sowie die jetzige Lage ist, die Gefangenen die dort drinnen stecken zu befreien.

Wir gehen davon aus, dass du in deinem langen Weg des polymorphen Kampfes an verschiedenen Formen der Organisierung des Gegenangriffs gegen das Etablierte beteiligt warst. Welche Erfahrungen hast du in der Frage der realen Selbstorganisation des Kampfes, ohne AnfĂŒhrer und ohne AngefĂŒhrte, gemacht?

Meine Erfahrungen in der Selbstorganisation des Kampfes, ohne AnfĂŒhrer und ohne AngefĂŒhrte, sind in 16 Jahren der KlandestinitĂ€t nach und nach gereift. Niemand wird als Meister geboren, und wir alle mĂŒssen von anderen lernen, von denen, die besser vorbereitet sind und mehr Erfahrung haben; unter Anarchistinnen und Anarchisten haben wir einige einfache Prinzipien, die es uns ermöglichen, bei der Selbstorganisation des Kampfes schnell voranzukommen: Wenn die Gruppe einmal gebildet ist, gibt es Aufgaben, die jeder zu respektieren hat
 wenn ich zum Beispiel ein Experte fĂŒr Angriffstaktik bin, mĂŒssen die anderen auf mich hören, ohne dass sie in mir einen AnfĂŒhrer sehen und ohne dass sie sich gefĂŒhrt fĂŒhlen, natĂŒrlich hat jeder etwas zu dem Thema zu sagen, aber wenn diese Worte das Ergebnis von UnfĂ€higkeit und mangelnder Erfahrung sind, mĂŒssen sie auf mich hören, damit die Operation erfolgreich verlĂ€uft. Ich werde auch bei jeder anderen Aufgabe auf den Experten hören mĂŒssen, wenn er oder sie fĂ€higer ist als ich. Mit anderen Worten: Ich bin Lehrer, je nach den UmstĂ€nden, die gerade herrschen, und ich bin SchĂŒler, wenn jemand, der besser qualifiziert ist als ich, die Verantwortung fĂŒr die Gruppe ĂŒbernimmt. Meiner Erfahrung nach entsteht auf diese Weise Selbstorganisation.

Ist Anarchie per se ein illegalistischer Weg, und wenn ja, wie können aufstĂ€ndische IndividualitĂ€ten in FlĂŒssen zusammenfließen, die die Gesetze und Regeln ertrĂ€nken, die uns an das Elend binden?

Die Anarchie ist von Natur aus illegalistisch, weil sie versucht, außerhalb der vom System auferlegten LegalitĂ€t zu existieren. Wir Anarchistinnen und Anarchisten haben unsere Gesetze und unsere Art zu leben, die immer von den Gesetzen und der Art zu leben der Staaten verurteilt werden. Die einfache Tatsache, dass wir die von der Lohnarbeit auferlegten Regeln nicht akzeptieren und unseren Lebensunterhalt damit bestreiten, dass wir den Reichen Geld stehlen, wird vom System als illegal angesehen, aber fĂŒr uns ist es gerecht und obligatorisch und daher aus unserer Sicht legal. Ebenso kann jede Haltung, die sich nicht an der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Macht beteiligt, als jener Strom der Rebellion betrachtet werden, von dem du sprichst und der die Gesetze und Regeln ertrĂ€nken wird, die uns an das Elend binden.

Wenn der revolutionĂ€re Augenblick jeden Tag stattfindet, ergibt sich die Notwendigkeit direkter Aktionen sowohl fĂŒr die Zerstörung all dessen, was uns unterdrĂŒckt, als auch fĂŒr die Schaffung einer neuen Welt. Wie lassen sich diese beiden subversiven Aufgaben miteinander vereinbaren, ohne entweder in trockene und entfremdende Militanz oder defĂ€tistischen Reformismus zu verfallen?

Die Schaffung einer neuen Welt und die Notwendigkeit der alltĂ€glichen revolutionĂ€ren Arbeit bei der ErfĂŒllung der subversiven Aufgaben darf weder in eine trockene und entfremdende Militarisierung noch in einen defĂ€tistischen Reformismus verfallen. Wir mĂŒssen in dieser Angelegenheit vorsichtig sein, um nicht Gefahr zu laufen, in eine ErmĂŒdung zu verfallen, die zum Aufgeben der GefĂ€hrten und GefĂ€hrtinnen fĂŒhren könnte. Hier manifestiert sich unsere KreativitĂ€t, indem wir neue Impulse und Ideen einbringen, die Revolution und der Weg dorthin dĂŒrfen nicht in Entfremdung verfallen
 wir mĂŒssen uns von Zeit zu Zeit eine Pause gönnen, wenn wir nicht in Routine verfallen wollen. Die Zeiten und Muster unseres Handelns gehören uns, weder Macht noch soziale Traurigkeit stehen ĂŒber unseren BedĂŒrfnissen als freie Menschen.

1996 wurdest du nach der gescheiterten Flucht nach der Enteignung der Zentrale der Banco Santander in CĂłrdoba in dem Dorf Siete Puertas inhaftiert. Wie waren die Reaktionen der anarchistischen Kreise (mit und ohne AnfĂŒhrungszeichen) damals, sowohl in Spanien als auch im Ausland?

Das Dorf, in dem ich inhaftiert war, heißt Bujalance, Sietepuertas ist der Name der Cafeteria, in der ich von den Guardia Civiles gefangen wurde, diese Cafeteria gibt es nicht mehr, an ihrer Stelle steht eine Bank. Die Reaktionen aus anarchistischen Kreisen des spanischen Staates waren zum Teil harsche Kritik, zum Teil BefĂŒrwortung der Enteignung der Santander-Bank in CĂłrdoba (eine der reichsten Banken der Stadt). Von außerhalb des spanischen Staates erhielten wir bewegende solidarische UnterstĂŒtzung aus Italien. Ich erinnere mich, dass ich, als ich verwundet und geschlagen in Einzelhaft im GefĂ€ngnis von CĂłrdoba saß, ein Telegramm aus meinem Land erhielt, das mich wegen der Herzlichkeit und der GefĂ€hrtenschaft, die es ausstrahlte, zum Weinen brachte. Mit der Zeit trafen dann auch Briefe und Postkarten aus Spanien und anderen LĂ€ndern der europĂ€ischen und internationalen Gemeinschaft ein, viele davon mit der gleichen IntensitĂ€t und Zuneigung.

Du hast die offensive Praxis ĂŒber die Grenzen der Staaten ausgeĂŒbt und hast jahrelang die Behörden verspottet. Wie siehst du den unpatriotischen und internationalistischen Kampf der Anarchisten und Anarchistinnen auf der ganzen Welt heute?

Ich sehe die unpatriotischen und internationalistischen KĂ€mpfe der Anarchistinnen und Anarchisten auf der ganzen Welt, die stĂ€ndig prĂ€sent sind und im Gegenzug sehr harte Reaktionen von der Polizei und den Gerichten erhalten, die sich vor ihnen zu Tode fĂŒrchten. Ihr, die ihr draußen seid, habt mehr Daten, die von der IntensitĂ€t dieser KĂ€mpfe zeugen. Bevor ich von der BildflĂ€che verschwinde, wĂŒrde ich gerne noch den einen oder anderen Triumph sehen. Das wĂ€re fĂŒr mich und fĂŒr euch alle das schönste Geschenk, das wir bekommen können
 Hoffentlich ist es bald soweit.

WĂ€hrend du in den Kerkern der spanischen Demokratie saßt, hast du hart dafĂŒr gekĂ€mpft, die Isolation und die Abschaffung des Sonderregimes der FIES zu durchbrechen. Wie bewertest du diese Momente heute?

Ich habe in den Kerkern der spanischen Demokratie hart gekĂ€mpft, fĂŒr die Abschaffung des FIES-Regimes und der Isolation, fĂŒr die Abschaffung der langen Haftstrafen und der heimlichen lebenslangen Haftstrafen. Jetzt bin ich im Kampf fĂŒr die Abschaffung von Folter und Misshandlung in den GefĂ€ngnissen, der im Oktober 2011 mit gemeinsamen Aktionen begann, indem ich an jedem ersten Tag des Monats einen symbolischen Hungerstreik durchfĂŒhrte und so ein Netzwerk von SolidaritĂ€tsanwĂ€lten erhielt, um den kĂ€mpfenden GefĂ€hrten angesichts der Repressalien des GefĂ€ngnissystems rechtlichen Beistand zu leisten. Ich bewerte diese Momente des Kampfes nicht als Vergangenheit
 sondern als etwas GegenwĂ€rtiges, vielleicht mit weniger IntensitĂ€t und Beteiligung der Gefangenengemeinschaft als zuvor. Im GefĂ€ngnis zu sein bedeutet fĂŒr mich, sich in einem stĂ€ndigen Kampf zu befinden. Das GefĂ€ngnis ist kein Ort, an dem man sich entspannen und die RealitĂ€t um sich herum vergessen kann.

Du bist einer der Anarchisten, die weltweit zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Gibt es nach so vielen Jahren der Inhaftierung irgendwelche VerÀnderungen in der GefÀngnisgesellschaft und ihrer Bevölkerung?

Seit meinem Eintritt in den Strafvollzug im Jahr 1980 haben sich viele VerĂ€nderungen in der Gesellschaft und bei den Insassen ergeben. Die Bevölkerung (A.d.Ü., im Knast) hat sich mit dem Einzug legaler Drogen wie Methadon und Psychopharmaka verĂ€ndert, die tĂ€glich von der Verwaltung abgegeben werden. Sie haben es geschafft, einen großen Teil der GefĂ€ngnisinsassen zu isolieren und sie zu Individualisten zu machen. Es gibt nicht mehr die kĂ€mpferische SolidaritĂ€t wie frĂŒher, wo sie einen berĂŒhrten und alle rebellierten. Heute und seit vielen Jahren werden die Gefangenen nicht nur physisch, sondern auch psychisch kontrolliert, was sie daran hindert, einen Weg zu finden, der ihrer Persönlichkeit entspricht. Die tĂ€glich eingenommenen Drogen nehmen ihnen das Beste von sich selbst und lassen nur die Sorge zurĂŒck, sie weiter einzunehmen
 der Rest ist zweitrangig und von geringer Bedeutung
 das ist ihr elender Kampf und der Versuch, sie vom Gegenteil zu ĂŒberzeugen, ist in den meisten FĂ€llen eine Verschwendung von Zeit und Energie. Ein Drogenkonsument ist zweimal Sklave des Systems, einmal als Gefangener und einmal als SĂŒchtiger. GlĂŒcklicherweise gibt es in den GefĂ€ngnissen auch einen kleinen Teil der Insassen, der nicht zu diesem Kollektiv gehört, und mit ihnen können wir hier fĂŒr VerĂ€nderungen kĂ€mpfen.

Apropos lange Haft: Wie hat sich dein langer Aufenthalt in Gefangenschaft auf die SolidaritÀt mit dir, aber auch auf deine Freundschaften und persönlichen Beziehungen ausgewirkt?

Die von außen zum Ausdruck gebrachte SolidaritĂ€t war und ist fĂŒr mich immer eine Quelle des Stolzes, vor allem jetzt, da meine Autobiographie veröffentlicht wurde.

Wie ist der aktuelle Stand des Verfahrens gegen dich und wie sind die Aussichten fĂŒr die nahe und fernere Zukunft?

Im Moment ist meine rechtliche Situation noch kompliziert, ich bin seit 17 Jahren im GefĂ€ngnis und meine Strafe in Spanien betrĂ€gt 25 Jahre. Nach meiner Verurteilung habe ich in Italien eine Strafe von 27 Jahren und 6 Monaten zu verbĂŒĂŸen und in Frankreich eine Strafe von 30 Jahren (mit einem noch ausstehenden Prozess, der mit etwas GlĂŒck auf 15 Jahre reduziert werden könnte). Mein Ziel ist es, eine Neufassung der ausstehenden Strafen auf insgesamt 30 Jahre zu erreichen, aber es wird fĂŒr jedes Gericht sehr schwierig sein, dies anzuerkennen. Es gibt derzeit keinen Artikel in der Strafvollzugsgesetzgebung, der besagt, dass ich nach 30 Jahren ununterbrochener Haft entlassen werden muss. Wir mĂŒssen alles bis zum Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte durchkĂ€mpfen, damit er eine EinschrĂ€nkung anerkennt, sonst werde ich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Welche Botschaft möchtest du denjenigen ĂŒbermitteln, die Tag und Nacht, innerhalb und außerhalb der Mauern kĂ€mpfen?

Denjenigen, die Tag und Nacht, innerhalb und außerhalb der Mauern kĂ€mpfen, möchte ich diese Botschaft ĂŒbermitteln: Bleibt stark und frei, denn der beste Weg, gegen das System und die GefĂ€ngnisse zu kĂ€mpfen, ist, sie niemals zu betreten.

Eine herzliche Umarmung fĂŒr euch alle.

Claudio




Quelle: Panopticon.blackblogs.org