Oktober 8, 2021
Von InfoRiot
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Der Angeklagte Josef S. will nicht erkannt werden. Neben ihm steht sein Verteidiger Stefan Waterkamp.

Der Angeklagte Josef S. will nicht erkannt werden. Neben ihm steht sein Verteidiger Stefan Waterkamp.

Foto: AFP/Tobias Schwarz

Langsam Schritt vor Schritt setzend kommt der Angeklagte Josef S. am Donnerstag in die Turnhalle an der Max-Josef-Metzger-Straße in Brandenburg/Havel. Die Halle wurde fĂŒr seinen Prozess zum Gerichtssaal umfunktioniert. Josef S. war mehrere Jahre Wachmann im Konzentrationslager Sachsenhausen. Beihilfe zum Mord in mindestens 3518 FĂ€llen wird ihm deswegen nun vorgeworfen. 100 Jahre ist er inzwischen alt, geht am Rollator. Sein Anwalt Stefan Waterkamp hĂ€lt ihm eine Aktenmappe vors Gesicht, damit Kameraleute und Fotografen keine Aufnahmen vom Gesicht des Angeklagten machen können, solange sie noch nicht vom Richter hinausgebeten sind.

100 Jahre alt ist auch der Holocaust-Überlebende Leon Schwarzbaum. Er war HĂ€ftling in Sachsenhausen und zwei anderen Lagern, sitzt im Rollstuhl und lĂ€sst sich nahe an die Absperrung des Zuschauerbereichs schieben, um den Angeklagten zu sehen. »Er soll die Wahrheit sagen, ohne Ausreden«, wĂŒnscht sich Schwarzbaum. Die Frage, ob es nicht zu spĂ€t sei, die Naziverbrechen juristisch aufzuarbeiten, beantwortet Schwarzbaum eindeutig: »Es ist nie zu spĂ€t. Dass er alt ist und krank – ich bin auch alt und krank, aber ich stelle mich.«

Schwarzbaum hat ein Foto dabei, das ihn als jungen Mann mit seinen Eltern zeigt, die in Auschwitz ermordet wurden. Um sich an die in der Nazizeit erlebten Schrecken zu erinnern, benötigt Leon Schwarzbaum keine Fotos. Er hat die Bilder im Kopf. In seinen TrĂ€umen sieht er seine Peiniger, spĂŒrt die Peitschenhiebe und hört die SchĂŒsse, mit denen beim Todesmarsch Kameraden getötet werden, die erschöpft liegen bleiben. Schwarzbaum bekrĂ€ftigt: »Er soll die Wahrheit erzĂ€hlen, die reine Wahrheit. Was er da gemacht hat.«

Doch das wird Josef S. nach gegenwĂ€rtigem Stand nicht tun. Verteidiger Waterkamp kĂŒndigt an, sein Mandant werde am Freitag Angaben zu seinem Leben machen, sich jedoch nicht zu den VorwĂŒrfen der Anklageschrift Ă€ußern. Dabei scheint Josef S. sonst kein schweigsamer Mann zu sein. Wie zu Beginn von Gerichtsverhandlungen ĂŒblich, werden seine Personalien abgefragt: Wie er heißt? Josef Soundso, Spitzname Josi, geboren in Litauen, deutscher StaatsbĂŒrger. 1947 hat er geheiratet. Die Frau ist aber schon 1986 verstorben. Hier gerĂ€t der Angeklagte fast ins Plaudern, erzĂ€hlt mehr, als der Richter zu diesem frĂŒhen Zeitpunkt des Verfahrens wissen muss und will und den Redefluss des 100-JĂ€hrigen deshalb unterbricht.

Auch beim Verlesen der Anklageschrift mischt sich Josef S. ein, schĂŒttelt einmal den Kopf, als seine einzelnen Stationen im SS-Totenkopfsturmbann aufgezĂ€hlt werden und ruft irgendetwas UnverstĂ€ndliches. Sein Rechtsanwalt muss ihn da und spĂ€ter erneut mit auf die Lippen gelegtem Zeigefinger ermahnen, nicht dazwischenzureden und sich alles ruhig anzuhören.

Schon fĂŒr Unbeteiligte ist schwer auszuhalten, was in der Anklageschrift zur Sprache kommt: Die Erschießung von 250 bis 300 sowjetischen Kriegsgefangenen pro Tag – nicht mehr als 90 Sekunden Zeit nehmen sich die Mörder fĂŒr jedes ihrer Opfer. Diese mĂŒssen sich in einem Raum ahnungslos an eine Messlatte stellen. Dann kommt das Kommando »fertig« und ein nebenan verborgener SS-Mann schießt dem Gefangenen mit einer Pistole durch ein Loch in der Messlatte ins Genick. Die Leiche wird weggeschleift, das Blut mit einem Wasserschlauch weggespĂŒlt. Sogleich muss der nĂ€chste Gefangene eintreten. Den Schuss hat er nicht gehört. Der Knall wird durch laute Musik aus einem Radio ĂŒbertönt.

»Die Wachkompanien und mit ihnen der Angeklagte unterstĂŒtzten die Tötung der sowjetischen Kriegsgefangenen, indem sie die Baracken bewachten«, fĂŒhrt Oberstaatsanwalt Cyrill Klement aus. Sie bejahten demnach auch die lebensfeindlichen Bedingungen im Lager, die planmĂ€ĂŸige UnterernĂ€hrung der HĂ€ftlinge, dass diese im Winter keine warme Kleidung bekamen, zu Schwerstarbeit angetrieben und zu stundenlangem Stehen bei Appellen genötigt wurden. Das kostete Tausende Menschenleben. Zudem wurden HĂ€ftlinge in der Tötungsstation Z mit Zyklon B vergast. Oberstaatsanwalt Klement beschreibt das in allen Einzelheiten, schildert das qualvolle Ersticken und wie sich die Opfer verzweifelt die Haut zerkratzten. »Wissentlich und willentlich« hĂ€tten die WachmĂ€nner dies alles unterstĂŒtzt. Josef S. »hatte Kenntnis von den praktizierten Tötungsarten und billigte diese«, so Klement. Flucht und Revolten zu verhindern, sei seine Aufgabe gewesen bei den zehn bis zwölf Stunden Dienst pro Tag auf WachtĂŒrmen, in Postenketten und bei Außenkommandos – immer mit einem Gewehr bewaffnet.

Rechtsanwalt Thomas Walther hat die Reaktionen des Angeklagten registriert: Eine gewisse Unruhe, als von der Erschießung der sowjetischen Kriegsgefangenen die Rede ist, und vorher ein Schmunzeln, als der ehemalige SS-RottenfĂŒhrer ĂŒber sein hohes Alter spricht – am 16. November ist sein 101. Geburtstag. Walther machte sich zu diesen GefĂŒhlsregungen Notizen. Er vertritt etliche Hinterbliebene von KZ-Opfern, beispielsweise aus Frankreich, Israel und Peru, die an dem Prozess als NebenklĂ€ger beteiligt sind. Walther will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich Josef S. zu den VorwĂŒrfen Ă€ußert. »Im Laufe des Verfahrens wird sich zeigen, ob wir den Angeklagten intellektuell noch erreichen können, damit er die Dinge sagt, die die Öffentlichkeit interessieren«, erklĂ€rt Walther. »Vielleicht kommt er noch zu der Einsicht: Ich will doch etwas erklĂ€ren.«

Das sei vielen Hinterbliebenen der Opfer wichtig, sagt Axel Drecoll, Leiter der GedenkstÀtte Sachenhausen. Dies sei ein Grund, warum die juristische Aufarbeitung auch so lange nach dem Zweiten Weltkrieg noch von Bedeutung sei.

Nimmt man zufĂ€llige Begegnungen zum Maßstab, scheint die Stimmung in der Bevölkerung von Brandenburg/Havel eine andere zu sein. Ein Taxifahrer und drei Frauen an einer Straßenbahnhaltestelle schĂŒtteln verstĂ€ndnislos den Kopf, dass ein so hochbetagter Mann noch vor Gericht gestellt wird. Der Taxifahrer freut sich sogar darĂŒber, dass in einem Ă€hnlichen Fall vor Kurzem eine 96-jĂ€hrige ehemalige SekretĂ€rin des KZ Stutthof frĂŒhmorgens floh, als ihr am Landgericht Itzehoe der Prozess gemacht werden sollte. Sie entwich mit einem Taxi. Das verleitet den Taxifahrer in Brandenburg/Havel dazu, den Chauffeur der KZ-SekretĂ€rin grinsend und vergnĂŒgt aufs Lenkrad schlagend einen »Super-Taxifahrer« zu nennen. Die Frau wurde schließlich von der Polizei gefasst.

Der ehemalige SS-RottenfĂŒhrer Josef S. lebt in Brandenburg/Havel, deshalb auch hat das Landgericht Neuruppin das Verfahren hierher verlegt. Denn eine lange Anreise des Angeklagten wĂŒrde von der Zeit fĂŒr den Prozess abgehen. Ohnehin ist er Ă€rztlich nur fĂŒr wenige Stunden am Tag fĂŒr verhandlungsfĂ€hig erklĂ€rt worden. Offensichtlich hört S. schlecht. Doch dieses Problem bekommt das Gericht mit einem Kopfhörer fĂŒr ihn in den Griff. Am Donnerstag wird der Prozess bereits nach knapp einer Stunde vertagt. An diesem Freitag sollen die NebenklĂ€ger Christoffel Heijer und Antoine Grumbach zu Wort kommen. Ihre VĂ€ter wurden als WiderstandskĂ€mpfer in Sachsenhausen ermordet.
Wegen der Bedeutung des gesamten Verfahrens fĂŒr die Geschichtswissenschaft wird eine amtliche Tonaufnahme davon gemacht, was bei Gericht Ă€ußerst selten ist.




Quelle: Inforiot.de