Mai 17, 2022
Von InfoRiot
184 ansichten

Brandenburg an der Havel – Die Staatsanwaltschaft hat im NS-Prozess gegen einen frĂŒheren Wachmann des KZ Sachsenhausen eine fĂŒnfjĂ€hrige Haftstrafe fĂŒr den 101-jĂ€hrigen Angeklagten gefordert. Es gebe keinen Zweifel, dass Josef S. als SS-Mann in Sachsenhausen tĂ€tig war, sagte Staatsanwalt Cyrill Klement in seinem PlĂ€doyer am Dienstag in Brandenburg an der Havel. Mit einem Urteil wird fĂŒr den 2. Juni gerechnet. (Az.: 11 Ks 4/21)

Der Angeklagte habe sich nicht nur mit den ZustĂ€nden im Lager abgefunden, sondern dort sogar Karriere gemacht, sagte Klement. Er habe nicht die Möglichkeit einer Versetzung genutzt. Auch habe kein Befehlsnotstand vorgelegen. Die Beförderung des Angeklagten zum SS-RottenfĂŒhrer wĂ€hrend seiner Zeit im KZ sei „keine SelbstverstĂ€ndlichkeit“.

Die Staatsanwaltschaft wirft Josef S. Beihilfe zum grausamen und heimtĂŒckischen Mord in mehr als 3500 FĂ€llen vor. Der Angeklagte war den Ermittlungen zufolge in der Zeit zwischen dem 23. Oktober 1941 und dem 18. Februar 1945 als SS-Wachmann in Sachsenhausen tĂ€tig. Der in Litauen geborene Baltendeutsche bestreitet dies. Zahlreiche Unterlagen sprechen jedoch dafĂŒr. Im Fall einer Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord droht eine Haftstrafe zwischen drei und 15 Jahren.

[Was ist los in Potsdam und Brandenburg? Die Potsdamer Neuesten Nachrichten informieren Sie direkt aus der Landeshauptstadt. Mit dem Newsletter Potsdam HEUTE sind Sie besonders nah dran. Hier geht’s zur kostenlosen Bestellung.

Der Prozess vor dem Landgericht Neuruppin hatte Anfang Oktober vergangenen Jahres begonnen. Er findet nicht in Neuruppin, sondern in der NÀhe des Wohnortes des Angeklagten in Brandenburg an der Havel statt, weil Josef S. laut Gutachter nur wenige Stunden am Tag verhandlungsfÀhig ist.

Im Zusammenhang mit der im KZ eingesetzten Genickschussanlage betonte der Staatsanwalt am Dienstag in seinem PlĂ€doyer, der Angeklagte habe sich mit diesen Morden zumindest abgefunden. Seine Beihilfe habe in der physischen und psychischen UnterstĂŒtzung der Taten bestanden. Bei den Morden im KZ Sachsenhausen durch Erschießung, Vergasung und lebensfeindliche Lebensbedingungen nannte der Staatsanwalt als erschwerende UmstĂ€nde die Merkmale der Grausamkeit und der HeimtĂŒcke.

Nebenklageanwalt bezeichnete gefordertes Strafmaß als angemessen

Der Staatsanwalt bezichtigte den Angeklagten, eine Entwicklung des „WahrlĂŒgens“ hinter sich zu haben. Klement Ă€ußerte gleichwohl großen Respekt dafĂŒr, dass der 101-JĂ€hrige sich nicht durch Übertreibung seiner Gesundheitsprobleme dem Verfahren entzogen habe.

Nebenklageanwalt Thomas Walther bezeichnete das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmaß als angemessen. Erst nach dem Urteil werde ĂŒber die HaftfĂ€higkeit des Angeklagten entschieden. NebenklĂ€ger seien „keine rachedurstigen Engel“, sondern Menschen, die nach vielen Jahren das ihren Angehörigen angetane Unrecht beim Namen hören wollten, betonte Walther: „Sie haben es gehört, das ist das Verdienst dieses Gerichts.“

Ein Freispruch sei nicht erwartbar, sagte Verteidiger Stefan Waterkamp. Unter normalen UmstĂ€nden sei eine Haft von drei Jahren das „bestmögliche Ergebnis“. Ein niedrigeres Strafmaß kĂ€me demnach nur unter ganz bestimmten Bedingungen in Betracht.

Im KZ Sachsenhausen waren zwischen 1936 und 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende von ihnen wurden ermordet oder kamen auf andere Weise ums Leben. (epd)




Quelle: Inforiot.de