November 16, 2020
Von LibertĂ€res BĂŒndnis Ludwigsburg
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1. Einleitung

Dies ist ein lÀngerer Text, in dem wir einige unserer Grundannahmen und Ideen niedergeschrieben haben.

Wir haben diesen Text geschrieben, weil dem Anarchismus seit langer Zeit ein Stigma anhĂ€ngt, das wir loswerden wollen. Als Anarchist*innen werden wir hĂ€ufig mit Vorurteilen konfrontiert: Anarchie sei gleich Chaos und WillkĂŒr, Anarchismus wĂŒrde das Recht des StĂ€rkeren bedeuten, es heisst, ich wĂŒrde tun und lassen können was ich will und es keine Regeln gĂ€be. Anarchismus wĂ€re wie Bubble Tea – wabernd und undefiniert, Anarchisten seien Königsmörder und Bombenleger, weltfremde TrĂ€umerinnen, sie wĂ€ren eine Gefahr fĂŒr diese Gesellschaft, dogmatisch, streitsĂŒchtig und das Gegenteil von geistig offen. Anarchist*innen wĂ€ren schmutzig und dreckig, aber seien schnell zu haben, experimentierfreudig aber nicht beziehungsfĂ€hig. Es heisst, Anarchist*innen wĂ€ren gewalttĂ€tig und unkontrollierbar, also etwas fĂŒr revoltierende Jugendliche. Anarchismus hĂ€tte im Laufe der Geschichte nie eine gesellschaftliche Relevanz erlangt, ebenso wie dessen AnhĂ€nger*innen. Bis auf die Bombenleger*innen.

Wir haben diesen Text geschrieben, um unseren Mitmenschen einen Einblick in unser Denken und Handeln zu geben. Damit Menschen mit dem Begriff Anarchismus etwas anderes verbinden, als soeben aufgezĂ€hlt. Denn wir sind der Überzeugung, dass Anarchismus durchaus eine große Relevanz fĂŒr diese Gesellschaft und diese Welt hat.

Als anarchistische Gruppe teilen wir viele Grundannahmen mit anderen Anarchist*innen, AntiautoritĂ€ren und libertĂ€ren Kommunist*innen. Gemeinsam haben wir das Streben nach einer Gesellschaft auf der Basis von Freiheit, Gleichheit und gegenseitiger Hilfe. Dazu gehört die Orientierung der GĂŒterproduktion und GĂŒterverteilung an den BedĂŒrfnissen aller Menschen sowie eine föderative Gesellschaftsform, in der gesellschaftliche Entscheidungsprozesse von unten nach oben verlaufen. Die befreite Gesellschaft soll allen ihren Individuen gleich viel Raum zur Selbstentfaltung innerhalb einer Gemeinschaft bieten. Wie viele andere Anarchist*innen weltweit haben wir ebenfalls den Anspruch, diese Ziele bereits im Hier und Jetzt in unserem alltĂ€glichen Handeln umzusetzen. Wir nennen dies den freiheitlichen oder anarchistischen Kommunismus.

Wir sind nicht damit einverstanden, wie unsere Welt gerade aussieht, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist und wie sie funktioniert. Das entspricht nicht unseren Vorstellungen eines emanzipatorischen und solidarischen Miteinanders.

Als Anarchist*innen stellen wir uns jeglicher Form von Herrschaft, Ausbeutung und Hierarchie entgegen. Das meint sowohl Staaten als auch eine Diktatur des Proletariats oder einer Partei, alle diskriminierenden und ausbeutenden UnterdrĂŒckungsformen, elitĂ€res Denken, Bildung einer Avantgarde oder die Bildung einer Partei zur FĂŒhrung und Durchsetzung der Revolution. Wir wollen die bestehende Herrschaft nicht durch eine neue ersetzen, die unter UmstĂ€nden „besser“ sein könnte als die vorherige, sondern jegliche Herrschaft ĂŒberwinden. Macht muss möglichst gleichmĂ€ĂŸig auf die vielen Schultern einer Gesellschaft verteilt werden. Des Weiteren lehnen wir die Instrumentalisierung und Idealisierung von KĂ€mpfen und Individuen ab, da weder KĂ€mpfe noch Personen frei von negativen Aspekten sind und ein kultischer Umgang mit solchen wieder Hierarchien oder eine Idealisierung von Gewalt bedingen kann.

GegenwĂ€rtig leben wir in einer Welt, in der Freiheit, Gleichheit und gegenseitige Hilfe nicht allen Menschen zugesprochen wird. Manche sind freier als andere, manche sind gleicher als andere. Wir stehen nicht alle auf derselben Stufe. Wir nennen das Soziale Ungleichheit. Die, die weiter oben stehen, herrschen und bekommen mehr als die unteren. Sie nehmen sich soviel sie können und geben Anweisungen. Zur Not setzen sie ihre Interessen mit Gewalt durch. Stufe um Stufe. Es geht um Vorsorge, Absicherung, Einfluss, Bereicherung, Durchsetzungsvermögen, StĂ€rke und Macht. Die Menschen weiter unten bekommen nicht dasselbe Ausmaß an Hilfe, wie die, die weiter oben stehen. Nur ab und an bekommen sie Almosen. Die weiter unten sind vom guten Willen der Menschen oben abhĂ€ngig, ob sie ihnen etwas vom Kuchen ĂŒbrig lassen. Von dem Kuchen, den die unteren Stufen auf Befehl von oben gebacken haben und von dem viele der BĂ€cker*innen höchstens noch die KrĂŒmel bekommen. Wer nicht gehorcht und funktioniert wird sanktioniert.
Das wollen wir Ă€ndern. Wir wollen auch nicht nur ein StĂŒck vom Kuchen fĂŒr die unteren Stufen. Wie wollen die Stufen einebnen, um dann eine BĂ€ckerei fĂŒr alle gemeinsam bauen.

Die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) drĂŒckt das in ihrer PrinzipienerklĂ€rung wie folgt aus: „Unser Ziel ist eine herrschaftsfreie Gesellschaft ohne Grenzen, Patriarchat, Klassen und Staaten auf Grundlage der freien Vereinbarung, der gegenseitigen Hilfe und des anarchistischen Föderalismus, der durch gebundene Mandate seitens der Basis gekennzeichnet ist. Diese Gesellschaft soll pluralistisch sein, damit unterschiedliche LebensentwĂŒrfe und kollektive Grundordnungen gleichberechtigt – verbunden durch den Föderalismus – erprobt, gelebt und umgesetzt werden können. Da wir jede Herrschaft ĂŒber und Ausbeutung von Menschen ablehnen, setzen wir uns ein fĂŒr die Abschaffung aller Formen von Herrschaft und Ausbeutung in kultureller, politischer, sexueller, sozialer, wirtschaftlicher oder sonstiger Hinsicht. Dies beinhaltet die Ablehnung von Hierarchien und Totalitarismen in jeder Form. Wir treten ein fĂŒr eine bedarfsorientierte und umweltvertrĂ€gliche Nutzung der natĂŒrlichen Ressourcen.“ (fda-ifa.org) Als (LB)ÂČ erkennen wir unsere priviligierte Position, bedingt durch soziale Stellung und Wohnort, besonders im internationalen Kontext, an, und sehen daher unsere Pflicht zu internationaler SolidaritĂ€t.

Das war schonmal eine grobe Zusammenfassung. Interesse geweckt? Der folgende Text wird etwas lÀnger und spiegelt einen Teil unserer Ideenwelt wieder. Er beinhaltet die Kapitel

1. Einleitung

Die folgende AusfĂŒhrung mit ihren Grundannahmen und Bezugspunkten ist von (LB)ÂČ und lĂ€sst sich nicht auf alle anderen Anarchist*innen und AntiautoritĂ€ren ĂŒberstĂŒlpen. Andere mögen andere RĂŒckschlĂŒsse ziehen. Dieser Text ist das Ergebnis lĂ€ngerer interner Diskussionen unter Einbindung und Reflexion unserer GruppenaktivitĂ€ten. Wir wollen damit ein paar Fragen beantworten und Interesse an einer weitergehenden Auseinandersetzung hervorrufen.

Viel Spass beim Lesen!

2. In puncto geistige Offenheit

Unser erklĂ€rtes Ziel ist ein Leben ohne Herrschaft, das wollen wir bereits im Hier & Jetzt in unserer Praxis umsetzen. Das bedeutet fĂŒr uns auch, dass wir weder unsere Weltanschauung auf irgendeine Art und Weise Menschen ĂŒberstĂŒlpen die wir antreffen, noch, dass wir andere ZusammenhĂ€nge und Bewegungen fĂŒr unsere Ziele instrumentalisieren. Klar, wir diskutieren gerne und laden Menschen dazu ein, unsere Perspektiven kennenzulernen. Durch gegenseitigen Austausch ĂŒberprĂŒfen und messen wir uns miteinander. So wie alle anderen Menschen dieser Gesellschaft es auch tun, um ihre Perspektiven im Laufe ihres Lebens zu verĂ€ndern. Vor uns steht die Vielfalt unterschiedlicher LebensentwĂŒrfe gleichberechtigt nebeneinander. Den „einen richtigen anarchistischen Weg“ gibt es schon gleich gar nicht.

Unsere Akzeptanz hat eine Grenze bei menschenverachtenden Einstellungen, Diskriminierung und der AusĂŒbung von Herrschaft und AutoritĂ€t. Diese Machtinstrumente beinhalten immer Grenzverletzung, Gewalt und Zwang. Geistige Offenheit und Herrschaftsfreiheit sind fĂŒr uns untrennbar. Grenzen gegen Gewalt und Diskriminierung zu setzen ist dabei eine Notwendigkeit. Jede Person hat das Recht auf freie Selbstentfaltung und die Unversehrtheit der persönlichen IntegritĂ€t. Anders ausgedrĂŒckt: Die Freiheit der einzelnen Person wird durch die kollektive Freiheit begrenzt, in welcher jeder Person gleich viel Freiheit zugutekommen soll.

Menschen mit emanzipatorischen, also gleichberechtigten Ideen und dem Wunsch nach alternativen LebensentwĂŒrfen, mĂŒssen RĂ€ume zur Vernetzung und zur Ideenfindung zur VerfĂŒgung stehen. Beispielsweise selbstorganisierte Soziokulturelle Zentren, Stadtteilzentren oder auch virtuelle RĂ€ume. Dabei gibt es keinen Dogmatismus, kein Gesetz, keine feststehende Formel, nach welchen Kriterien diese RĂ€ume und ZusammenhĂ€nge unbedingt erschaffen und gefĂŒllt werden mĂŒssen. Ganz im Gegenteil: Wir legen großen Wert auf prozessorientierte Entwicklungen und die Unterschiedlichkeit der Menschen mit all ihren Ideen. Wir veranstalten regelmĂ€ĂŸig in Zusammenarbeit mit anderen Menschen das Anarchistische CafĂ© im Demokratischen Zentrum (DemoZ) in Ludwigsburg. Alle, die Machtstrukturen ĂŒberwinden möchten, sind bei uns willkommen! Egal ob eine Person zum Beispiel großen Wert auf die Auseinandersetzung mit dem Thema (Lohn-)Arbeit und Ökonomie setzt oder ob der Schwerpunkt bei anderen auf der Befreiung der Frau* liegt. Wichtig ist es uns gemeinsam zu diskutieren und Ideen fĂŒr die Praxis auf emanzipatorischer Basis zu entwickeln.

Noch etwas: Weil wir eine anarchistische Gruppe sind, hat das nicht zur Folge, dass es bei uns keine Absprachen und feste Vereinbarungen gÀbe. Der Unterschied zu Gesetzen, die wir kritisieren, ist, dass wir die Regeln die uns betreffen auch selbst (mit)bestimmen. Dies ist der Rahmen unseres Zusammenlebens. Hierauf werden wir im Abschnitt zu Freiraum noch etwas genauer eingehen.

Was Vernetzung und BĂŒndnisarbeit angeht, bevorzugen wir gemeinsame KĂ€mpfe mit hierarchiefreien ZusammenhĂ€ngen, denn die Begegnung mit Menschen auf Augenhöhe ist fĂŒr uns elementar. Dabei lassen wir uns und unsere KĂ€mpfe nicht von etablierten und dogmatischen Organisationen oder Parteien vereinnahmen.

Wir sind Teil dieser Gesellschaft und streben nach konstruktivem Austausch und gemeinsamen Erfahrungen mit unseren Mitmenschen. Nur so können wir Schritte in Richtung unserer geliebten Vorstellung einer befreiten Gesellschaft gehen. HierfĂŒr möchten wir solidarische Strukturen an der Basis aufbauen (wie beispielsweise unseren Umsonstflohmarkt oder die Solidarische Landwirtschaft), uns an Sozialen KĂ€mpfen beteiligen (z.B. Wohnraum und VerdrĂ€ngung, Klimastreik) und unser Wissen und unsere Praxis mit vielen anderen Menschen teilen.

Organisiert sind wir ĂŒberregional in der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA). Die FdA versteht sich als strömungsĂŒbergreifende, pluralistische Föderation (Synthetizismus), in dem Menschen und Gruppen, trotz der unterschiedlichsten Strömungen des Anarchismus, miteinander aktiv werden. Auch auf Föderationsebene wollen wir gemeinsam dem Ziel einer solidarischen, respektvollen, gewalt- und herrschaftsfreien Gesellschaft nĂ€her kommen. Wir lernen unsere KrĂ€fte zu bĂŒndeln, uns zu organisieren und Unterschiede im Denken und Handeln auszuhalten, ohne die anderen “auf Linie” zu bringen. Wir arbeiten zusammen und erproben das Modell eines ĂŒberregionalen hierarchiefreien Organsationsentwurfes, in dem die Entscheidungsstrukturen von der Basis ausgehend nach oben verlaufen. Dabei sehen wir alle Menschen und Gruppen, mit welchen wir diesen kleinsten gemeinsamen Nenner teilen, als Bereicherung. Wir leben von neuen EinflĂŒssen, denn unsere Welt soll so vielfĂ€ltig sein, wie die Leute die in ihr leben (vgl. fda-ifa.org).

Einer unserer GrundsĂ€tze ist die Übertragung unserer Ziele in die Praxis im Hier und Jetzt. Wenn wir eine Gesellschaft anstreben, die vielfĂ€ltig ist und in der jeder Person derselbe Raum zur Selbstentfaltung zusteht, dann folgt daraus als Konsequenz, dass wir unsere ZusammenhĂ€nge als Basis unseres Handelns, genau in diesem Sinne erschaffen. Dann ist es wichtig, dass es RĂ€umlichkeiten an möglichst vielen Orten gibt, wo niemandem mit Vorurteilen begegnet wird. RĂ€umlichkeiten, in denen Gruppen die Möglichkeit und Infrastruktur haben, sich auf Grundlage einer gemeinsamen Maxime wie Gleichheit, Freiheit und gegenseitiger Hilfe, unkommerziell zusammenzufinden. Diese FreirĂ€ume sind und bleiben essenziell.

3. Kritik an der Gesellschaft – ein Wohl fĂŒr die Gemeinschaft I

3.1 Verwobene Herrschaftsstrukturen – IntersektionalitĂ€t

Eine unserer Grundannahmen ist, dass unsere Gesellschaft (wie auch viele andere weltweit) von unterschiedlichen Herrschaftsstrukturen wie Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus durchzogen ist.

Benachteiligung und Diskriminierung, Ausbeutung und Gewalt sind keine PhĂ€nomene, die vor allem in Zeiten auftreten, die allseits in den öffentlichen Medien als Krisen bezeichnet werden. Sie sind historisch gewachsene, strukturell verankerte und daher permanente Bestandteile unserer Gesellschaft, die sich tagtĂ€glich reproduzieren. Oder anders ausgedrĂŒckt: Herrschaft und Diskriminierung werden von den Mitgliedern dieser Gesellschaft durch ihr Handeln, sei es bewusst oder unbewusst, jeden Tag aufs Neue wiederholt und gefestigt.

Unterschiedliche Diskriminierungsformen sozialer Ungleichheit ĂŒberschneiden sich dabei gegenseitig, haben Wechselwirkungen und sind eng miteinander verwoben. Diese PhĂ€nomene werden auch IntersektionalitĂ€t1 genannt.

IntersektionalitĂ€t kommt von ĂŒberkreuzen, ĂŒberschneiden. Stellt euch eine Straßenkreuzung vor, auf der eine Person steht. Eine Straße reprĂ€sentiert die Ungleichheit in GeschlechterverhĂ€ltnissen – das Patriarchat. Die andere steht fĂŒr den Kapitalismus und die Ausbeutung der Arbeitskraft und fehlende materielle Mittel. Die Person in der Mitte ist mehrfach von Diskriminierung betroffen. Gewalt kann sie aus mehreren Richtungen gleichzeitig treffen. Sie wird schwerer verletzt und die HilfskrĂ€fte streiten sich darum wer fĂŒr die Rettung zustĂ€ndig sein muss. Die Benachteiligung der Person erlangt eine neue QualitĂ€t.

Die Mitglieder dieser Gesellschaft stehen also nicht alle auf derselben Stufe und bekommen aus diesem Grund nicht alle dasselbe Ausmaß an Möglichkeiten, Anerkennung, Rechten, Aufmerksamkeit, Hilfe und Schutz.

Zu dieser Annahme gehört auch, dass die lohnabhĂ€ngige Klasse vielschichtig und komplex ist: LohnabhĂ€ngige erleben je nach zugewiesener gesellschaftlicher Positionierung unterschiedliche QualitĂ€ten von Ausbeutung. Auf welcher gesellschaftlichen Stufe eine Person steht, wie viel ZugĂ€nge sie zu allen möglichen Bereichen innerhalb der Gesellschaft hat und welche Möglichkeiten ihr zur Selbstverwirklichung zur VerfĂŒgung stehen, hĂ€ngt von unterschiedlichen Faktoren ab: Bildungsweg und -abschluss, Höhe des Einkommens, Gesundheit, Be-Hinderung, Alter, soziale und familiĂ€re Netzwerke sowie rassistische, sexistische und/oder homofeindliche Markierung.
Manche LohnabhĂ€ngige sind auf mehreren Ebenen betroffen. Eine Vielzahl ist aber auch in manchen Bereichen privilegiert und in anderen gleichzeitig benachteiligt. Beispielsweise eine weiße Familie mit mittlerem Einkommen, die sich eine gĂŒnstige 24 Stunden/7 Tage/ohne Urlaub Betreuungskraft aus dem Ausland fĂŒr eine pflegebedĂŒrftige Angehörige leisten können. Betroffenheit ist innerhalb Deutschlands nicht fĂŒr alle gleich und schon gar nicht, wenn wir das global betrachten. Diese Sichtweise könnten wir auf alle Menschen mit einer gemeinsamen Diskriminierungserfahrung ĂŒbertragen. Auch Frauen* haben nicht alle denselben Ausgangspunkt weil sie Sexismus erfahren. Eine alleinerziehende arbeitende Mutter mit niedrigem Einkommen hat sicherlich eine andere Perspektive wie eine renommierte Akademikerin. Women of Color2 werden durch weiße3 Frauen rassistisch markiert.

Ein Denken im Hauptwiderspruch Ă  la wir brauchen nur den Kapitalismus abschaffen, dann wird alles gut, oder das ist die grĂ¶ĂŸte/wichtigste UnterdrĂŒckungsform und wenn die weg ist verschwinden alle anderen Diskriminierungsformen auch, lehnen wir ebenfalls ab.

3.2 Unterschiedlichkeit und Vielzahl von Herrschaft

Jede Herrschaftsform an sich hat unterschiedliche Ursachen und Wirkungsweisen. Gemeinsam haben diskriminierende Machtstrukturen zunĂ€chst, dass sie Betroffene in ihren Entfaltungsmöglichkeiten einschrĂ€nken und verletzen. Das geschieht, indem viele (vor allem privilegierte) Menschen tagtĂ€glich durch ihr Handeln bewusst und unbewusst die IntegritĂ€t (körperliche Unversehrtheit, IdentitĂ€t, persönliche Werte und LebensentwĂŒrfe) von Betroffenen verletzen. Das findet allerorts und in vielen Lebensbereichen statt, sei es in der Schule, auf der Arbeit oder im sozialen Umfeld. Machtvolle Sprecher*innen und dominante gesellschaftliche Sichtweisen bestimmen Bilder und Diskurse in Medien, der Politik und der Öffentlichkeit. Die Wissenschaft zementiert Ungleichheit durch einseitige Forschungsperspektiven und MaßstĂ€be (bspw. was Forschung und Wissen ĂŒber geschlechtsbezogene Unterschiede angeht in Bezug auf Körper und Verhalten). Betroffene werden verwertet, ausgebeutet und dazu benutzt, das System der Herrschaft am Laufen zu halten. Und so weiter und so fort.

In unserer Gesellschaft gibt es viele Betroffene mit kollektiven (gemeinsamen) Erfahrungen ĂŒber Gewalt und Benachteiligung und dem Wissen darĂŒber, dass sich Diskriminierung zu jeder Zeit auf unterschiedlichen Ebenen abspielt. Auf der zwischenmenschlichen persönlichen Ebene, der gesellschaftlichen, institutionellen und strukturellen Ebene. Dieses kollektive Bewusstsein aus Betroffenenperspektive beinhaltet aber auch Wissen um Widerstand und Handlungsmöglichkeiten. Das sollte ein gemeinsamer AnknĂŒpfungs- und Orientierungspunkt zwischen unterschiedlichen Interessensgemeinschaften (Gewerkschaften mit dem Fokus auf Arbeitskampf, feministische Frauen*gruppen,
) und solidarischen MitkĂ€mpfer*innen sein.

PhĂ€nomene von Herrschaft und sozialer Ungleichheit sind sehr vielschichtig. Im Folgenden haben wir einige – wenn auch nicht alle – kurz aufgefĂŒhrt.

Der Kapitalismus4 zeichnet sich durch das Bestreben nach Profitmaximierung, permanentem Kampf im Streben nach KonkurrenzfĂ€higkeit und wirtschaftlichem Wachstum aus. Das Eigentum an Produktionsmitteln (Kapital wie Zugang zu Rohstoffen, Fabriken, GrundstĂŒcke, Maschinen, Geld) ist im Privatbesitz von Unternehmen und wenigen Menschen. Ein Großteil der Bevölkerung darf nicht mitentscheiden, was wann wie produziert wird. Die Verwertbarkeit des Kapitals ist die Logik im Kapitalismus. Das hat die Ausbeutung von Menschen und natĂŒrlichen Ressourcen zur Folge. Wer nicht genĂŒgend Kapital mitbringt, dem bleibt nur der Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Diese Menschen sind als LohnabhĂ€ngige dem Arbeitsmarkt ausgeliefert.
Ein ebenfalls wichtiger Motor in diesem System ist die unbezahlte reproduktive Arbeit (Hausarbeit, Beziehungsarbeit, Kindererziehung, Pflege Angehöriger), die nach wie vor ĂŒberdurchschnittlich viele Frauen* ĂŒbernehmen (mĂŒssen). Es ist ein Beispiel der engen Verbindung von Kapitalismus mit anderen UnterdrĂŒckungsformen wie dem Patriarchat. Hier sprechen wir dann von einer doppelten Ausbeutung der Frau*.

Der allgegenwĂ€rtige Überlebenskampf um Ersetzbarkeit, Statuserhalt, Gewinn und Verlust erschafft eine hierarchische Gesellschaft bestehend aus Gewinnern und Verlierer*innen, Privilegien und Ausgrenzung, Ausbeutenden und Ausgebeuteten.
Eine kapitalistische Gesellschaft ist nicht daran interessiert gleiche ZugĂ€nge zu lebensnotwendigen Ressourcen und gesellschaftliche Teilhabe fĂŒr alle ihre Mitglieder zu ermöglichen. Es wird auch nicht direkt fĂŒr menschliche BedĂŒrfnisse produziert, sondern nur fĂŒr einen zahlungsfĂ€higen Bedarf (Ein Brot wird nicht gebacken, weil es Hunger gibt, sondern um es zu verkaufen. Wenn die hungernde Person kein Geld hat es zu kaufen, bekommt sie es nicht. Wenn eine Person, die daneben steht schon 10 Brote hat und 7 davon wegschmeißt, bekommt sie das zum Verkauf stehende Brot trotzdem, wenn sie es bezahlen kann.) Der Staat sichert mittels institutioneller, direkter und indirekter Gewalt die kapitalistischen EigentumsverhĂ€ltnisse.

Kapitalismus ist eng mit weiteren UnterdrĂŒckungsmechanismen wie Patriarchat und Rassismus verbunden. Weiter gehen wir davon aus, dass gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Krisensituationen keine einzelnen Krisen des Kapitalismus sind, sondern dass dieses kapitalistische System selbst eine Dauerkrise darstellt. Eine Dauerkrise mit unterschiedlichen Eskalationsleveln. Auf einer hohen Eskalationsstufe spitzt sich soziale Ungleichheit zu. Dann wird offensichtlich, was allzu oft verdrĂ€ngt, verschwiegen und gerechtfertigt wird. Aus der Traum von einer wirklich gerechten, fortschrittlichen, zivilisierten, demokratischen Gesellschaft. Dann bekommen wir einen Spiegel vorgehalten, in dem wir sehen, was wir alles verbockt haben. In diesem Punkt sind sich die Corona-Pandemie und die Klimakatastrophe Ă€hnlich: Sie legen offen, was in der globalisierten Welt mit all ihren Herrschaftsstrukturen und ihrem Wirtschaftssystem schief lĂ€uft.

Das Patriarchat5 rĂŒckt in allen Lebensbereichen eine mĂ€nnerdominierte Perspektive in den Mittelpunkt und positioniert die Menschen in dieser Gesellschaft (und weltweit) entsprechend ĂŒber- oder untergeordnet. Zugewiesene geschlechtliche IdentitĂ€t (Frau*, Mann*, Trans*, Non-Binary, Inter*), SexualitĂ€t (schwul, lesbisch, hetero, pansexuell, asexuell) und Geschlechtsanforderungen (Rollenerwartungen an Frauen* und MĂ€nner*, Sozialisation zu MĂ€dchen* und Jungen*) beeinflussen maßgeblich, welches Individuum mit wie viel Macht und Ohnmacht ausgestattet ist. Das Patriarchat zwingt die Menschen in ein zweigeschlechtliches System von Mann und Frau, in welchem mĂ€nnliche Geschlechtskonstruktionen mitsamt ihren Anforderungen ĂŒbergeordnet, und weibliche entsprechend untergeordnet werden. Weitere GeschlechtsidentitĂ€ten sind nicht vorgesehen, HeterosexualitĂ€t ist die Norm. Je nach Zugehörigkeit werden von Klein auf Geschlechtsanforderungen gestellt, Zuwiderhandlungen werden sanktioniert.

Die Folgen fĂŒr Betroffene reichen von verbaler, psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt ĂŒber erhöhte Arbeitsausbeutung und ungleiche Entlohnung bis hin zu Diskriminierung auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene. Dazu gehört beispielsweise die Untermauerung von Sexismus durch die Wissenschaft durch konstruierte Naturalisierung, die Nicht-Anerkennung und Pathologisierung von Trans*Menschen und die dazugehörigen diskriminierenden Gesetzgebungen (vgl. Sauer u.a. 2016:31f.; TransInterQueer e.V. 2013). Geschlechtsbezogene Gewalt ist Zwang und Mittel um Macht durchzusetzen und auszuĂŒben. Sexualisierte Gewalt beispielsweise ist keine zufĂ€llige individuelle gewalttĂ€tige Handlung, sondern fester Bestandteil des Patriarchats.

Zu benennen sind weiter strukturell verankerte, rassistische Gesellschaftsstrukturen6, die ihre Mitglieder durch zugesprochene, meist Ă€ußere Merkmale oder (angenommener) Herkunft, in dazugehörig oder ‘anders’ markiert und somit ZugĂ€nge schafft oder verwehrt. Kolonialer Rassismus beispielsweise entstand als Herrenmenschenideologie im Zuge kolonialer Eroberungen. Ausgehend von Versklavung und Kolonialisierung bis hin zur heutigen „Festung Europa“ ist Rassismus seit Jahrhunderten eine der zentralen Strukturkategorien Europas. Inzwischen ist die Unhaltbarkeit des Konstrukts menschlicher Rassen wissenschaftlich unumstritten. Dennoch hat Rassismus soziale, ökonomische, politische und psychologische Fakten geschaffen, die nachhaltig und bis in die Gegenwart unsere Wahrnehmung dieser Welt strukturieren und rechtfertigen.

Diese benannten weltweiten Diskriminierungsstrukturen sind eng miteinander verknĂŒpft und stehen in Wechselwirkung miteinander. Je weniger eine Person den gesellschaftlichen Vorstellungen von ’weiß, Kapital mitbringend, mĂ€nnlich, hetero, und/oder der gesundheitlichen Norm’ entspricht, desto weniger ZugĂ€nge und Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Mitbestimmung und Selbstentfaltung hat sie. Ausgrenzung, Benachteiligung und Gewaltbetroffenheit sowie der Mangel an Hilfe- und Schutzstrukturen nehmen zu.

Durch die Einordnung und Einbindung von HerrschaftsverhĂ€ltnissen wie Patriarchat und Rassismus im kapitalistischen System wird gesellschaftliche Ungleichheit verstĂ€rkt und gefestigt. D.h. dass vor allem diejenigen vom Staat als wertvolle BĂŒrger*innen anerkannt werden, die an der wirtschaftlichen und sozialen Spitze stehen. Kapital-, Leistungs- und ertragsbringend zu sein, ist in diesem Gesellschaftssystem von wichtigster Bedeutung. Hier existiert das Individuum nur als Zahnrad im System.

Die Folgen dieses globalen Wirtschaftssystems sind Armut, Umweltzerstörung, Existenzunsicherheit, elende LebensverhĂ€ltnisse und Kriege. Sie dĂŒrfen nicht getrennt voneinander betrachtet werden, sondern sind Teil der kapitalistischen Logik. (Die Plattform 2018:7) Kriege werden/wurden aus dem Interesse heraus gefĂŒhrt, sich die Ressourcen anderer Gebiete anzueignen. Legitimiert werden und wurden sie von Herrenmenschenideologien und Rassismus, Nationalismus und religiös motiviertem Fundamentalismus. Die Basis bietet eine zutiefst patriarchal geprĂ€gte Kultur. Deren MĂ€nnlichkeitsanforderungen gehen Hand in Hand mit der AusĂŒbung von Macht, Gewalt und UnterdrĂŒckung zur Durchsetzung von Interessen. (vgl. Elias 2018 komplett)
Den Faschismus als Ausweg des Kapitals7 in zugespitzten Krisenzeiten mĂŒssen wir immer mitdenken und uns frĂŒhzeitig darauf vorbereiten.

3.3. Staatlich institutionalisierte Herrschaft: Bildungssystem und Gesetzgebung

Das aktuelle deutsche Schulsystem8 ist darauf ausgelegt aus jungen Menschen funktionierende, ertragsbringende ArbeitskrĂ€fte zu machen. Entwicklungsziele wie persönliche Selbstentfaltung und VerantwortungsĂŒbernahme fĂŒr sich selbst und die Mitmenschen sind nachrangig. WiderstĂ€ndiges Verhalten und Kritik gegenĂŒber bestehenden Normen und AutoritĂ€ten wird zum Großteil sanktioniert.

Die Einteilung von Kindern in verschiedene Schulzweige dient in erster Linie der Ab- und Aufwertung. Diese Zuweisung einer Wertigkeit gilt fĂŒr die meisten Menschen ein Leben lang. Dies soll durch hohen Leistungsdruck und durch Sanktionierung bei Normabweichungen erreicht werden. Wer den schulischen Anforderungen nicht entspricht, sei es durch zu geringe Leistungserbringung, durch Nicht-ErfĂŒllung der gesellschaftlichen Anforderungen oder durch abweichendes Verhalten wird gemaßregelt, stigmatisiert und/oder ausgegrenzt. Das Individuum mit seinen persönlichen StĂ€rken und FĂ€higkeiten ist Nebensache, solange diese nicht in das vorgegebene Raster passen.
Auch gleichberechtigte Bildungschancen und die politischen und gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten fĂŒr Menschen mit Behinderung sind trotz zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention in Deutschland immer noch sehr eingeschrĂ€nkt.

Gesetze eines Staates und einer Gesellschaft, die durch Diskriminierung, Ausbeutung und Benachteiligung geprĂ€gt ist, sind Instrumente der bestehenden MachtverhĂ€ltnisse und bewirken eine VerstĂ€rkung von sozialer Ungleichheit. Das herrschende Recht ist das Recht der Herrschenden. Gesetze geben den gesellschaftlichen Rahmen vor und legitimieren und stĂŒtzen Herrschaft: Die AutoritĂ€t des Staates, der Schutz des Privateigentums, der Mangel an Absicherungen, um allen Mitgliedern dieser Gesellschaft Zugang zu GrundbedĂŒrfnissen wie beispielsweise Wohnraum zu gewĂ€hren, sowie der Mangel an Schutz fĂŒr diskriminierte und ausgegrenzte Menschen. Kurz: Die Aufrechterhaltung des Status quo. Gesetze wie die Asyl- und AuslĂ€ndergesetze beispielsweise scheinen nicht dafĂŒr geschaffen zu sein, um Schutzsuchende zu unterstĂŒtzen, sondern um dem deutschen Staat und all seine Behörden in ihrem Bestreben zu bestĂ€rken, möglichst wenige GeflĂŒchtete willkommen heißen zu mĂŒssen.

Menschen, die aus irgendeinem Grund ihren gesellschaftlichen Anforderungen nicht nachkommen können oder wollen, werden selbst fĂŒr ihr ‘Versagen’ verantwortlich gemacht und zur Rechenschaft gezogen, bestraft und eingesperrt9. Die Gesamtgesellschaft dagegen, mit all ihren ausgrenzenden Machtstrukturen, rĂŒckt nicht in den Fokus der Auseinandersetzungen. Von vornherein ist vergessen, dass die Voraussetzungen ungleich verteilt sind und nicht auf das Individuum zurĂŒckzufĂŒhren sind.

4. Alles verÀndern

4.1 Solidarische Strukturen an der Basis und Soziale KĂ€mpfe

Um gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen abbauen zu können, bedarf es gesellschaftlicher und politischer Diskurse und Auseinandersetzungen, die die bereits bestehende Dominanz nicht wiederholen. Aus der Geschichte können wir lernen, dass soziale und gesellschaftliche Errungenschaften wie Arbeitsrechte, Gleichstellung von Mann* und Frau*, AntidiskriminierungsansĂ€tze usw. nicht von Parteien, Regierungen oder mit Macht ausgestatteten Menschen freiwillig umgesetzt wurden, sondern immer von vielen Menschen in sozialen Bewegungen erkĂ€mpft wurden. Und zwar von Betroffenen und vielen solidarischen Menschen selbst. Über Nationalgrenzen hinweg, in weltweiter SolidaritĂ€t. Hieran mĂŒssen wir anknĂŒpfen.

Solidarische Strukturen, entstanden an der Basis einer Interessensgemeinschaft, sind unseres Erachtens unumgĂ€nglich, um Herrschaftsformen wirksam und lĂ€ngerfristig abbauen zu können. Solidarische Perspektiven lassen sich besonders gut dort angehen wo wir leben und arbeiten. Sie entstehen in Hausgemeinschaften und Nachbarschaften, wenn sich Menschen gegenseitig ohne Bereicherungsstreben unterstĂŒtzen. Der Aufbau von SolidaritĂ€t und Widerstand beginnt ebenso in Diskussionen am Arbeitsplatz ĂŒber schlechte Arbeitsbedingungen und Ausbeutung und wenn sich Mitarbeiter*innen zusammenschließen und wehren. Wenn im Kontext dieser LebensrĂ€ume ein gemeinsames VerstĂ€ndnis ĂŒber kollektive Betroffenheit geschaffen wird, entstehen Grundlagen und Ausgangspunkte fĂŒr Soziale KĂ€mpfe.

Gemeinsam sind wir stÀrker, der Vereinzelung im Kapitalismus ist entgegenzuwirken.
Nur in einem weltweiten solidarischen Miteinander und durch (soziale) KĂ€mpfe, die nicht auf Kosten anderer diskriminierter Menschen gefĂŒhrt werden, lassen sich Grundsteine fĂŒr eine zukĂŒnftige Gesellschaft legen, die allen ihren Mitgliedern Raum fĂŒr ein erfĂŒlltes und sicheres Leben lĂ€sst. Macht muss gleichmĂ€ĂŸig verteilt werden: Das bedeutet Verlust auf der privilegierten Seite und ErmĂ€chtigung auf der der Betroffenen.
In emanzipatorischen sozialen Bewegungen und KĂ€mpfen wurde an vielen Orten dieser Welt umfassendes Wissen ĂŒber UnterdrĂŒckung und Widerstand gesammelt. Dieses gilt es weiterzugeben, anzunehmen und miteinander zu verbinden.

Das Neue erwĂ€chst aus dem Alten und es liegt an uns, bereits im Hier und Jetzt Strukturen fĂŒr eine Welt zu schaffen, die sich an den BedĂŒrfnissen der Menschen orientiert und ihren Reichtum allen Menschen zugĂ€ngig macht. Solidarische Strukturen entstehen im Kleinen, bei jeder und jedem von uns. In unseren alltĂ€glichen Handlungen und Beziehungen. Sie wachsen, wenn wir uns zusammenschließen, vernetzen und organisieren und wenn wir gezielte Forderungen aufstellen und fĂŒr diese kĂ€mpfen.

4.2 AufstÀnde und Soziale Revolution

Wir wollen nicht bei Reformen stehenbleiben, auch wenn sie manchmal notwendig sind. Wenn wir eine gewaltfreie Gesellschaft wollen, reicht es auch nicht, irgendwelchen Idealen theoretisch zuzustimmen, ohne dass daraufhin eine Konsequenz fĂŒr unser Handeln einsetzt. Das ist genauso unzureichend wie auf Petitionen Unterschriften zu setzen oder Parteien zu wĂ€hlen, die als das geringste Übel erscheinen. VerĂ€nderungen erreichen wir nur mit vielen weiteren Menschen. Und wenn wir diese Welt zu einer Besseren machen wollen, dann mĂŒssen unsere revolutionĂ€ren KĂ€mpfe bewusst feministisch und antirassistisch sein, sonst scheitern wir bereits auf dem Weg zu unserem Ideal.

Wir sind der Überzeugung, dass der Aufbau einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft möglich und umsetzbar ist – vielleicht nicht heute oder morgen, aber zukĂŒnftig und durch unser aktives Zutun (Die Plattform 2018:31). Dazu braucht es perspektivisch alternative, hierarchiefreie und emanzipatorische Projekte und Gegenstrukturen in möglichst vielen relevanten Lebensbereichen, sowie solidarisch gefĂŒhrte Soziale KĂ€mpfe die sich gegenseitig durch ihr Wissen bereichern. Ein zentrales Organ wie eine Partei, die diese KĂ€mpfe und Strukturen bestimmt und anfĂŒhrt, lehnen wir ab. Das wĂŒrde weder zur VerantwortungsĂŒbernahme noch zur Emanzipation vieler Menschen beitragen. Im Gegenteil wĂŒrde das den Aufbau von AutoritĂ€t, Fremdbestimmung, Zwang, Repression, Privilegien einer Minderheit und folglich eine Verdammung zur UnterdrĂŒckung und Ausbeutung des Rests fĂŒhren.

Die Weitergabe anarchistischer Ideen, Werte und Visionen halten wir in diesem Kontext fĂŒr essenziell. Ebenso gilt es fĂŒr Anarchist*innen von vielen KĂ€mpfen zu lernen. Wir sehen uns als Teil der sozialrevolutionĂ€ren Bewegung und streben ein solidarisches VerhĂ€ltnis zu anderen ZusammenhĂ€ngen an, die sich hier ebenfalls verorten.

Auseinandersetzungen und KĂ€mpfe um KrĂ€fteverhĂ€ltnisse zwischen Privilegierten und Ausgebeuteten Menschen sowie das Bewusstsein fĂŒr kollektive Erfahrungen von UnterdrĂŒckung bleiben wichtige Grundlagen zur Erreichung des freiheitlichen Kommunismus.

Wenn wir von sozialer Revolution sprechen, meinen wir damit nicht nur die Überwindung des Kapitalismus und die Abschaffung des Staates mit all seinen Nationalgrenzen, Macht- und Gewaltbefugnissen. FĂŒr uns schließt das ebenso die Dekonstruktion und Zerschlagung patriarchaler und rassistischer Machtstrukturen mit ein.

Denn „(
) der Kampf gegen „den Staat“ und „Kapitalismus“ (
)reprĂ€sentiert einfach nicht die Gesamtheit des anarchistischen Kampfes gegen eine gesamte Kultur der UnterdrĂŒckung“ (Kooky 2018:66). Wir brauchen feministische, antirassistische und queere Perspektiven und die mĂŒssen fĂŒr zukĂŒnftige AufstĂ€nde fester Bestandteil unseres Handelns sein. Wir können nicht Gemeinschaften, die bereits jetzt viel hĂ€ufiger von Gewalt betroffen sind, zumuten, dass sie einem unreflektierten Sehnen nach revolutionĂ€ren Zeiten zustimmen, ohne die Konsequenzen von Gewaltausschreitungen in kriegsĂ€hnlichen Szenarios einer jetzt schon homo- und transfeindlichen, sexistischen und rassistischen Gesellschaft zu bedenken (vgl. Kooky 2018:65-66).

Soziale Revolution bedeutet das UmwĂ€lzen der sozialen GefĂŒge durch das Miteinander der Betroffenen, um die Gesellschaft aus sich heraus zu einer Besseren zu verĂ€ndern. Revolutionen markieren nicht den Endpunkt der Entwicklung um sozialen Fortschritt, sondern sind ein fortlaufender Prozess der gesellschafltichen und sozialen Beziehungen10.

Wir wĂŒrden eine friedliche Revolution durch transformative Prozesse bevorzugen. Allerdings glauben wir nicht, dass die herrschende Klasse ihre Privilegien und ihr Eigentum freiwillig abtreten wird. Herrschaft wird immer mit allen Mitteln versuchen, relevante alternative Strukturen der Gegenmacht anzugreifen. Hierauf mĂŒssen wir uns vorbereiten um wehrhaft zu sein, die Reaktion zurĂŒckzuschlagen und der sozialen Revolution den Weg zu ebenen. (vgl. Die Plattform 2018:32)

5. Alternative Gegenstrukturen schaffen – ein Wohl fĂŒr die Gemeinschaft II

5.1 ZukĂŒnftige GesellschaftsentwĂŒrfe

Der Anarchismus stellt ein sehr heterogenes Gebilde dar, sowohl was Theorie als auch Praxis anbelangt. Es gibt nicht DEN Anarchismus schlechthin, sondern es existieren mehrere, sich zum Teil ergĂ€nzende, ĂŒberlappende oder auch widersprechende anarchistische Theorien, Ansichten und Modelle.

Als (LB)ÂČ sind wir der Ansicht, dass gemeinsame, kollektive Handlungen und eine entsprechende Organisierung notwendig sind, um diese Gesellschaft in unserem Sinne verĂ€ndern zu können. Wir beziehen uns auf den Anarch@kommunismus als weitverbreitete und klassische Form des Anarchismus. Dabei nehmen wir eine anarch@feministische/intersektionale Perspektive, unter kritischer BerĂŒcksichtigung unterschiedlicher Diskriminierungsformen, ein. Diese Grundlagen prĂ€gen sowohl unser Bild einer befreiten Gesellschaft (unser Ziel) als auch den Weg dorthin (unsere Strategien und unser Handeln).

Das heißt allerdings nicht, dass ein starres Programm fĂŒr DIE anarchistische Gesellschaft existiert. Die eine Wahrheit oder den einen Weg gibt es fĂŒr sie nicht. Statt dessen wird die Vielfalt an Möglichkeiten, Strategien und KĂ€mpfen als StĂ€rke angesehen.

Der Anarchokommunismus beispielsweise als die einzig richtige Form des Zusammenlebens weltweit wird es nicht geben. Denn das wĂŒrde den vielen unterschiedlichen BedĂŒrfnissen, Neigungen und Interessen der Menschen nicht gerecht werden. Er entspricht erst einmal nur unseren Vorstellungen einer möglichen Gesellschaft, in der wir gerne leben möchten. Und er entspricht unserem Weg, dorthin zu gelangen. Die Unterschiedlichkeit der Menschen muss in der Vielfalt der GesellschaftsentwĂŒrfe berĂŒcksichtigt werden, die in unterschiedlichen Regionen existieren werden. Das schließt WidersprĂŒche mit ein. Das kann beispielsweise heißen, dass die einen Menschen eine Organisationsform wie den Anarchokommunismus fĂŒr ihre Gemeinschaft bevorzugen, wĂ€hrend andere RĂ€te benennen oder sogar Vertreter*innen und ReprĂ€sentant*innen auf Zeit wĂ€hlen, die ihre Belange regeln.

Die beteiligten Menschen werden festlegen, wie sie leben und sich organisieren wollen. Das ist nicht wahllos und ohne jegliche EinschrÀnkungen, sondern Vielfalt und Ergebnisoffenheit auf der Basis von Freiheit, SolidaritÀt und Gleichheit.
Allgemein gehen wir davon aus, dass die Menschheit das technische Wissen und die FĂ€higkeiten hat, die notwendig sind, um eine Welt des Wohlstands zu errichten. (vgl. Die Plattform 2018:28ff.)
Eine befreite Gesellschaft wird nicht statisch sein, sondern sich auch zukĂŒnftig weiterentwickeln, verĂ€ndern und neuen Situationen anpassen.

5.2 Anarch@kommunismus

Zentraler Dreh- und Angelpunkt des anarchistischen Denkens und Handelns ist stets die Freiheit. In anarch@kommunistischen GesellschaftsentwĂŒrfen erlangen die einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft die grĂ¶ĂŸtmögliche Freiheit zur Selbstentfaltung dann, wenn diese Gemeinschaft neben der Freiheit seiner Individuen gleichermaßen auf der Gleichheit aller Beteiligten und deren gegenseitiger Hilfe basiert. Das schließt kollektive Prozesse der VerantwortungsĂŒbernahme ebenso mit ein wie solidarisches Handeln gegen Ungleichheit.
Der anarchistische Kommunismus hebt die Abschaffung der Klassengesellschaft hervor. Dies erfolgt durch die Überwindung von Kapitalismus und Staat, Privateigentum und Geld sowie durch die freiwillig-verantwortliche Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums nach den selbstbestimmten BedĂŒrfnissen der einzelnen Menschen, frei nach dem kommunistischen Prinzip: “Alle nach ihren FĂ€higkeiten, alle nach ihren BedĂŒrfnissen.” GĂŒterproduktion und GĂŒterverteilung werden in wechselseitiger Absprache durch die Arbeitenden organisiert. (vgl. ebd) Wir ergĂ€nzen diesen Punkt um die Notwendigkeit der gleichzeitigen Abschaffung aller Herrschaftsstrukturen, wie bereits im letzten Kapitel ausgefĂŒhrt haben.

Eine befreite und emanzipatorische Gesellschaft in unserem Sinne zeichnet sich durch eine herrschaftsfreie, egalitĂ€re und selbstverwaltete Gesellschaftsordnung aus. Ihre Mitglieder schließen sich dezentral als kleine Einheiten (bspw. als Mitbewohner*innen in Wohneinheiten, als Wohneinheiten in Hausgemeinschaften, dann in Straßen, Stadtteilen, StĂ€dten, Regionen), in Föderationen durch freie Vereinbarungen, also in Assoziationen zusammen. GesellschaftsvertrĂ€ge und gegenseitige verbindliche Absprachen entstehen durch Entscheidungsprozesse, die an die Basis gebunden sind. Wichtig ist, dass alle betroffenen Menschen und Strukturen in dem zustĂ€ndigen Raum die Möglichkeit haben, sich mitzuteilen. FĂŒr grĂ¶ĂŸere ZusammenhĂ€nge oder Projekte werden gesellschaftliche Strukturen zur Koordinierung (nicht fĂŒr Entscheidungen) geschaffen, bspw. durch DeligiertenrĂ€te. Diese gewĂ€hlten oder beauftragten Personen und Gremien sind durch Absprachen und AuftrĂ€ge an ihre jeweilige Basis gebunden. Expert*innen, die fĂŒr bestimmte Aufgabenbereiche mit einer klar definierten erweiterten Entscheidungsbefugnis ausgestattet werden, sind jederzeit wieder absetzbar.

Die anarchistische AusprĂ€gung des Kommunismus umfasst immer die Ablehnung von Staaten und Parteien. Das Privateigentum an Produktionsmitteln (z.B. Fabriken, Rohstoffen) ist abgeschafft und der Gemeinschaft ĂŒbertragen. Der gemeinsam geschaffene und allen zugĂ€ngliche gesellschaftliche Reichtum soll durch eine freiwillig – verantwortliche und solidarische Weise erwirtschaftet werden. Die ErtrĂ€ge und produzierten GĂŒter kommen allen Menschen je nach individuellen BedĂŒrfnissen zugute, anstatt nach Arbeitsleistung, gesellschaftlicher Stellung oder anderen Privilegien. So wie es den individuellen BedĂŒrfnissen und FĂ€higkeiten der Menschen entspricht, soll gearbeitet, verteilt und konsumiert werden. Die kollektive Freiheit setzt den Rahmen, in welchem jeder Person gleich viel Freiheit zugutekommt. An dieser Stelle schliesst sich der Kreis hin zur freien Entfaltung jeder Person als zentraler Bestandteil einer befreiten Gesellschaft. (vgl. ebd.)

Zu den bekanntesten Vertreter*innen des Anarch@kommunismus gehören z.B. Kropotkin, MĂŒhsam, Goldman, Berkman, Most, Malatesta oder Reclus.

Zu den bekanntesten Vertreter*nnen des Anarch@kommunismus gehören z.B. Kropotkin, MĂŒhsam, Goldman, Berkman, Most, Malatesta oder Reclus.

5.3 Hier und Jetzt: Beispiele alternativer Projekte, Strukturen und Konzepte

Um dem Zukunftsideal einer anarchistischen Gesellschaft nĂ€her zu kommen, vertreten wir die Überzeugung, dass wir bereits im Hier und Jetzt unsere Vorstellungen und Ideale leben mĂŒssen. Sei es in unseren Beziehungen untereinander, in unseren RĂ€umen, Organisationen und in den BĂŒndnissen, die wir mit weiteren ZusammenhĂ€ngen eingehen. Der Anarchismus bietet hierfĂŒr vielfĂ€ltige alternative EntwĂŒrfe fĂŒr das Zusammenleben und Interagieren. Im Folgenden möchten wir einige Beispiele aufzĂ€hlen. Es bleibt den Leser*innen ĂŒberlassen, sich tiefgreifender mit den einzelnen Themen zu befassen.

Anarchistische Gegenstrukturen fußen neben dem Ausbau von Widerstandskulturen vor allem auf der Entwicklung solidarischer Perspektiven. Die folgenden Konzepte, Projekte und ZusammenhĂ€nge sind beispielhaft ausgewĂ€hlt. Sie beeinflussen anarchistische Theorie und Praxis oder wurden andersherum maßgeblich von anarchistischen Ideen geprĂ€gt. Alle diese Konzepte haben die Gemeinsamkeit, dass sie aus emanzipatorischen, sozialen Bewegungen entstanden sind. Zu nennen sind beispielsweise die Freiraumbewegung, Hausbesetzer*innen-Szene, antiautoritĂ€re 68er-Bewegung, BĂŒrgerrechtsbewegung, postkoloniale und antirassistische Bewegungen, (Schwarze) Frauenbewegung, (Schwarze) Queere Communities, feministische Communities, Arbeiter*innenkĂ€mpfe, Widerstand indigener Menschen und die Revolutionen der Vergangenheit und Gegenwart wie in Spanien und Rojava. Erste WeiterfĂŒhrungen haben wir verlinkt.

  • Ganz allgemein FreirĂ€ume (beispielsweise Stadtteil- und Kulturzentren, besetzte HĂ€user, Hausprojekte), die den Rahmen einengender gesellschaftlicher Normen und Werte aufreißen. (Diesen Punkt fĂŒhren wir im Abschnitt zu FreirĂ€umen genauer aus.)

  • Lern- und Schulkonzepte die sich an den BedĂŒrfnissen und der Entwicklung der lernenden Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen orientieren – Anarchistische PĂ€dagogik, freie Schulen wie Summerhill, Ferrer-Schulen
  • Praktizierter Anarchismus im Cyberspace – freie Software, anonyme Kommunikation, Offenlegung und Abbau von Machtstrukturen
  • Alternative Konzepte zum Umgang mit Gewalt und Strafe – Knastkritik,
  • GeschĂŒtzte RĂ€ume und Konzepte fĂŒr einen emanzipatorischen Umgang mit Gewalt und Diskriminierung – Safer Spaces, antisexistische Awarenessarbeit und Transformative Justice und Wiedergutmachungsprozesse in Gemeinschaften jenseits von GefĂ€ngnis und Polizei.
  • AnsĂ€tze zur VerĂ€nderung der Beziehungen zwischen Menschen – aktiver Abbau von (auch informeller) Macht, Reflexion von Privilegien, Konsensabsprachen, Zustimmungskonzepte in körperlichen/sexuellen Beziehungen, alternative Wohn- und Hausprojekte
  • Organisationsformen und -strukturen, die (möglichst) nach anarchistischen Prinzipien funktionieren und Gegenmacht aufbauen bspw. anarchosyndikalistische, klassenkĂ€mpferische Gewerkschaften wie die Freie Arbeiter*innen Union (FAU)
  • Anarchistische Föderationen wie die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA), FAU oder „die plattform“ spiegeln die bereits angesprochene Grundidee einer anarchistischen gesellschaftlichen Organisationsstruktur wieder: kleine Einheiten vernetzen und organisieren sich dezentral.
  • Weiter zu benennen sind die unterschiedlichsten Formen und Methoden von Widerstandskulturen. Von den vielfĂ€ltigen Aktionsformen und dem solidarischen Mitwirken in Sozialen KĂ€mpfen ĂŒber UnterstĂŒtzungsstrukturen gegen staatliche Repression bis hin zu AbwehrkĂ€mpfen gegen faschistische ZusammenhĂ€nge.
  • Aber auch ganz im Kleinen fangen alternative Konzepte und solidarische Strukturen ĂŒberall dort an, wo sich Menschen, ohne zu instrumentalisieren, mit anderen Menschen zusammenschließen und Alternativen leben. Dazu zĂ€hlen unter anderem, bereits erfreulich verbreitete, Foodsharing-Events, KĂŒchen fĂŒr alle (KĂŒfas) oder VokĂŒs mit Essen gegen Spende, Leih-LĂ€den oder UmsonstflohmĂ€rkte.
  • Weiter geht es mit Kollektiven, Kooperativen und Genossenschaften unterschiedlichster Art, die Ressourcen dem kapitalistischen Markt entziehen. Ein Beispiel hierfĂŒr ist die Solidarische Landwirtschaft.
  • Und Regionen und auf der ganzen Welt wie in Rojava und den zapatistischen Gebieten in SĂŒdamerika, in der die Menschen hierarchiefreiere und nicht-kapitalistische GesellschaftsvertrĂ€ge miteinander beschließen und leben.

Perspektivisch ist es erstrebenswert in allen relevanten und lebensnotwendigen Bereichen Fuss zu fassen. So dass im Fall einer gravierenden, gesellschaftlichen VerÀnderung, wie beispielsweise einer Sozialen Revolution, diese Konzepte und Strukturen bereits vorhanden und erprobt sind.

Wir sind der Überzeugung, dass (fast)11 alle antiautoritĂ€ren und anarchistischen Methoden und AnsĂ€tze ihre Berechtigung und ihren Nutzen haben. Nur im Vorhandensein (fast)12 aller antiautoritĂ€rer/anarchistischer Strömungen und Taktiken werden wir tiefgehendere gesellschaftliche VerĂ€nderungen erreichen. Dies schließt syndikalistische Strategien wie ArbeitskĂ€mpfe ebenso mit ein wie insurrektionalistische Widerstandshandlungen, gelebte anarchistische Strukturen in Kommunen und Kollektivbetrieben, solidarökonomische tauschfreie Netzwerke, rĂ€tekommunistische GesellschaftsentwĂŒrfe oder basisdemokratisch organisierte sozio-kulturelle Stadtteilzentren. GrundsĂ€tzlich gilt, dass unsere Handlungen bereits die Ideale und Prinzipien unserer angestrebten Gesellschaft in sich tragen mĂŒssen.

5.4 Die Notwendigkeit der Organisierung

Anarchistische Praxis schon heute zu leben, steht natĂŒrlich in einem Spannungsfeld mit der autoritĂ€ren Lebensumgebung, in der wir uns befinden und aufwachsen. LohnabhĂ€ngigkeit, Sozialisation, gesellschaftlich dominante Diskurse und Strukturen fordern ihren Tribut.

Das bringt uns zur Notwendigkeit der Vernetzung und Organisierung.
Ganz allgemein denken wir, dass es eine Vielzahl von GrĂŒnden gibt, sich in einem politischen Zusammenhang zu organisieren. ZunĂ€chst ist es eine persönliche Bereicherung und StĂŒtze, die KontinuitĂ€t verleiht. Eine Gruppe, die sich regelmĂ€ĂŸig trifft, entwickelt – bei Beachtung gewisser kommunikativer und verhaltensbezogener Grundlagen – Vertrauen und einen respektvollen und ehrlichen Umgang miteinander. Gleichzeitig ist eine Gruppe weit handlungsfĂ€higer als eine oder mehrere, versprengte Einzelpersonen.
Kontinuierliche Arbeit oder die Realisierung grĂ¶ĂŸerer Projekte fĂ€llt dadurch viel leichter, wenn anfallende Aufgaben oder benötigte Ressourcen auf möglichst vielen Schultern verteilt werden.

Wieso ĂŒberregional?
Viele von uns, die sich aktiv organisieren, werden irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Manche Aktionen oder Projekte können nicht realisiert werden, weil etwa die Infrastruktur, die finanziellen Mittel oder die personellen KapazitĂ€ten fehlen. Daneben kann sich auf Dauer eine gewisse Frustration breitmachen, wenn die eigene Arbeit vor Ort stagniert und keine sichtbaren Ergebnisse nach sich zieht.
Dabei gibt es eine Vielzahl von Gruppen, Projekten und Menschen, die Ă€hnliche Vorstellungen von einer freieren, gerechteren Welt und dem Weg dorthin haben. FĂŒr uns erscheint es daher logisch, dass diese Gruppen und Menschen sich austauschen, vernetzen und zusammenschließen. Sei es aus praktischen GrĂŒnden, um Informationen, Erfahrungen, Ressourcen und Kontakte zu bĂŒndeln, oder aber auch um sich inhaltlich und thematisch auszutauschen, zu diskutieren, Profile zu schĂ€rfen und taugliche Strategien zu entwickeln.

Das LibertĂ€re BĂŒndnis Ludwigsburg ist seit einigen Jahren in einer anarchistischen Föderation organisiert: Auf regionaler Ebene im Anarchistischen Netzwerk SĂŒdwest* (A-Netz), das aktuell 6 Gruppen umfasst. Das A-Netz wiederum ist eine Regionalföderation der FdA aus dem sĂŒdwestlichen Teil von Deutschland. Die FdA hat etwa 30 Mitgliedsgruppen und ist wiederum Teil eines noch weitlĂ€ufigeren Zusammenhangs: der Internationalen der anarchistischen Föderationen – IFA, die ZusammenhĂ€nge von mehreren Kontinenten umfasst.

Hier findet ihr weitere Informationen zu GrundsÀtzen von A-Netz und FdA

5.5 FreirĂ€ume – was heißt das fĂŒr uns?

Wir verstehen Raum im gesellschaftlichen Kontext als Zusammenleben mit sozial-politischem Bezug. RÀume entstehen durch soziales Handeln und sind dabei abhÀngig von ihren selbst auferlegten Strukturen.

Wenn wir in unserem Kontext von FreirĂ€umen sprechen, meinen wir damit RĂ€ume, in denen wir aktiv mitbestimmen und in denen bewusst gesellschaftliche ZwĂ€nge und Herrschaftsstrukturen wie Diskriminierung abgelehnt, abgebaut und bekĂ€mpft werden. Das Ziel ist, Menschen ein Umfeld zur freien Entfaltung zu geben, den sie in der Gesellschaft nicht finden können. Es sollen Möglichkeiten eröffnet werden, um neue Wege des Zusammenlebens ausprobieren und umsetzen zu können. Hierarchiefreier, gewaltfreier, achtsamer, solidarischer, partizipativer wĂŒnschen wir uns diese RĂ€ume. NatĂŒrlich stellt der Anspruch des Mitbestimmens und “frei seins” von Diskriminierung alle Beteiligten vor permanente Herausforderungen: Schule, Ausbildung, Lohnarbeit nehmen den Großteil unserer Zeit in Anspruch. Außerdem sind wir alle innerhalb dieser gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse aufgewachsen und haben folglich auch gesellschaftliche Bilder und Machtstrukturen verinnerlicht.

Damit ein Raum zum Freiraum werden kann, benötigt es Ideen und den Willen etwas zu verĂ€ndern. Es braucht Mut, einengende gesellschaftliche Vorstellungen ĂŒber Anforderungen und Konventionen abzulegen und diese durch alternative LebensentwĂŒrfe zu ersetzen.
FreirĂ€ume entstehen durch selbst ernannte rahmengebende ÜbereinkĂŒnfte. Das kann eine oberste Maxime sein, in der das Streben nach einem freien, emanzipatorischen, solidarischen und gewaltfreien Zusammenleben verankert wird. Nach dieser Grundlage richten sich weitere Vereinbarungen aus, beispielsweise die Form wie ein Raum organisiert wird und welche Absprachen es gibt, um dem Leitgedanken im Hier und Jetzt gerecht zu werden.

Wenn wir Herrschaft ablehnen, werden wir uns nicht hierarchisch organisieren. Im Gegenteil, wir werden unsere eigenen Strukturen regelmĂ€ĂŸig dahingehend reflektieren, ob und warum sich Machtzentren herausbilden, um dem etwas entgegensetzen zu können. Ist die Kommunikation transparent? Werden alle Beteiligten gehört? Können sich alle informieren und konstruktiv einbringen? Wo und wieso entsteht Ausgrenzung? Gibt es bewusstes und unbewusstes diskriminierendes Verhalten? Wie werden Ideen eingebracht, wie und auf welcher Ebene werden Entscheidungen getroffen, wie werden Projekte umgesetzt? Wie werden Aufgaben und Verantwortlichkeiten verteilt? WofĂŒr und zwischen wem braucht es Absprachen und wo nicht? Wo können Interessens- und Gesinnungsgemeinschaften autonom handeln? Was wird wann und wieso gegenseitig erwartet? Welche Vereinbarungen mĂŒssen verĂ€ndert, verworfen oder angepasst werden? Zu diesen ÜbereinkĂŒnften gehört auch ein gemeinsames VerstĂ€ndnis darĂŒber, welche Verhaltensweisen nicht erwĂŒnscht sind, warum sie es nicht sind und welche Handlungskonzepte und Verantwortlichkeiten dies nach sich zieht.

Das kann im Kleinen fĂŒr ein soziokulturelles Zentrum oder fĂŒr virtuelle RĂ€ume gelten. Dies gilt ebenso fĂŒr weitlĂ€ufigere ZusammenhĂ€nge wie föderative Strukturen oder gar ĂŒberregionale GesellschaftsvertrĂ€ge. Innerhalb dieser rahmengebenden Vereinbarungen kommen Menschen zusammen, handeln und gestalten FreirĂ€ume.

Wir wollen diese Gesellschaft verĂ€ndern, und ĂŒben daher eine schonungslose Kritik an den herrschenden VerhĂ€ltnissen. Da wir uns als Teil dieser Gesellschaft begreifen, richten wir den Blick aber ebenfalls auf uns selbst. Dabei soll es nicht bei Kritik bleiben. Es geht uns immer auch darum, Alternativen durch FreirĂ€ume aufzuzeigen und umzusetzen. Persönliche VerĂ€nderungen als elementarer Teil einer politischen und gesellschaftlichen VerĂ€nderung der MachtverhĂ€ltnisse in menschlichen Beziehungen, können hier stattfinden. Wir nutzen FreirĂ€ume, um Teile unserer geliebten Utopie in unserem Zusammenleben aktiv zu gestalten und zu erproben, frei von der Beherrschung durch Andere.
Das gelingt nicht von einem Tag auf den anderen, sondern erfordert stetige Weiterentwicklung und die Bereitschaft die eigene Rolle im Zusammenleben zu reflektieren. So kann ein Raum auch den Platz bieten, sich Fehler einzugestehen und an ihnen zu arbeiten, etwas, das in der Gesellschaft viel zu oft als Versagen betrachtet wird.

Wenn ein Raum geschaffen wird, in dem Alternativen zum Alltag gelebt werden können, bietet er fĂŒr die unterschiedlichsten Menschen FreirĂ€ume zur Verwirklichung von selbstbestimmtem und solidarischem Leben.
Der Raum als Freiraum wird so nicht durch die ihn umgebenden WÀnde bestimmt. Er wird durch die Ideen und Strukturen, die in ihm wachsen und durch die Menschen, die diese prÀgen, geschaffen.

6. Schluss

Wir sind daran interessiert, mit vielen Menschen in einen konstruktiven Austausch zu treten. Falls du Anregungen und Fragen zu unserem Text oder Interesse an einer weiteren Auseinandersetzung mit anarchistischer Theorie und Praxis hast, schreib uns gerne per Mail an: lb-hoch2@riseup.net oder folg uns auf Facebook oder Twitter . Oder sprich uns an. Vielleicht sehen wir uns bei der ein oder anderen Aktion, im Anarchistischen CafĂ© oder einem Umsonstflohmarkt. Wir wĂŒrden und freuen!

Ansonsten verbleiben wir hoffnungsvoll und aktiv darauf hinarbeitend, diese unsere Gesellschaft zu einem Freiraum fĂŒr alle Menschen zu machen und beenden unseren Beitrag mit einem Zitat von Emma Goldmann: “Wir forder[n] Freiheit und das Recht auf Selbstentfaltung, das Recht eines jeden Individuums, Schönes und Sinnvolles zu tun.”

FĂŒr den libertĂ€ren Kommunismus!

7. Buchtipps zum Weiterlesen


Gesellschaftskritik

  • Hermann Lueer: Kapitalismuskritik. Und die Frage nach der Alternative. Erschienen bei Syndikat A. Moers, 2015.
  • jour fixe initiative (Hg.): Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft. Erschienen bei Unrast Verlag. April 2000.
  • Gisela Notz: Feminismus. Erschienen bei Papyrossa Verlag. 2018.
  • Lea Bretz/Nadine Lantzsch: Queer_Feminismus. Laberl & LebensrealitĂ€t. Erschienen bei unrast transparent. MĂŒnster, 2013.
  • Natasha A. Kelly (Hg.): Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte. Erschienen im UNRAST-Verlag, MĂŒnster 2019.
  • Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss. Der alltĂ€gliche Rassismus. Erschienen bei Bertelsmann Verlag. MĂŒnchen, 2008.

Theorie und Praxis – alternative Konzepte, Projekte und Gesellschaftsmodelle

  • Martin Veith: Die anarchosyndikalistische Gewerkschaft. BroschĂŒre. Erschienen bei Syndikat A. 2000.
  • Mathias Mendyka: LibertĂ€re Schulkritik und anarchistische PĂ€dagogik. Erschienen bei Verlag Edition AV. 2016.
  • Rehzi Maltahn (Hg.): Strafe und GefĂ€ngnis. Theorie, Kritik, Alternativen. Black Books. Erschienen bei Schmetterling Verlag. Stuttgart, 2019.
  • Melanie Brazzell (Hg.): Was macht uns wirklich sicher? Ein Toolkit zu intersektionaler transformativer Gerechtigkeit jenseits von GefĂ€ngnis und Polizei. Erschienen in edition assemblage. MĂŒnster, 2018.
  • Ann Wiesental: Antisexistische Awareness. Ein Handbuch. Erschienen bei Unrast Verlag. MĂŒnster, 2017.
  • Georg Wolter: Auf dem Weg, Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela. Erschienen bei die Buchmacherei. 2012.
  • Luz Kerkeling: Resistencia!. SĂŒdmexiko: Umweltzerstörung, Marginalisierung und indigener Widerstand. Erschienen bei Unrast Verlag. MĂŒnster, 2013.
  • Anja Flach u.a. (Hg.): Revolution in Rojava. Frauenbefreiung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo. Erschienen bei VSA: Verlag Hamburg. Hamburg, 2018.

Anarchistische Theorie und Klassiker

  • Errico Malatesta: Anarchistische Interventionen. AusgewĂ€hlte Schriften (1892-1931). Klassiker der Sozialrevolte Band 23. Erschienen bei Unrast Verlag. 2014.
  • Pjotr Kropotkin: De Eroberung des Brotes. Erschienen bei Alibri Verlag. Neuaufl. 2014.
  • Emma Goldman: Gelebtes Leben. Autobiografie. Erschienen bei Nautilus Verlag. 2014.
  • Alexander Berkmann: ABC des Anarchismus.
  • Horst Stowasser: Anarchie! Idee – Geschichte – Perspektiven. Erschienen bei Nautilus Verlag. 2007.
  • Lucien van der Walt, Michael Schmidt: Schwarze Flamme. RevolutionĂ€re Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus. Erschienen bei Verlag Nautilus. 2013.

8. Quellenverzeichnis

Allex, A./Demiel, D.: Der Selbstbestimmung von Trans* zum Durchbruch verhelfen. In: Katzer, M./Voß (Hg.): Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte ZugĂ€nge. Gießen 2016.

die plattform (2018): Über die Bedingungen, unter denen wir kĂ€mpfen und den Zustand der anarchistischen Bewegung im deutschsprachigen Raum – Die Schaffung einer revolutionĂ€ren plattformistischen Organisation. In: Kollektive Einmischung. Anarchokommunistische Schriftenreihe. Ausgabe 1.

Elias, Basil: Dismantling the Boy‘s Club. Eine kritische Auseinandersetzung mit mĂ€nnlichen Privilegien und Sexismus in der anarchistischen Bewegung. Übersetzt ins Deutsche von FABZI. Dortmund 2018.

Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen: Über die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen [Online:] https://fda-ifa.org/fda-ifa/. [22.05.2020]

jour fixe initiative (Hg.): Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft. April 2000.

Kooky: Tief in der Gedankenwelt eines “Manarchist hoch zehn”. In: Dismantling the boys club. Eine kritische Auseinandersetzung mit mĂ€nnlichen Privilegien und Sexismus in der anarchistischen Bewegung. Übersetzt ins Deutsche von FABZI. Dortmund 2018 S. 60-66.

Sauer, A.T. u.a.: Intersektionale Beratung von / zu Trans* und Inter*. Ein Ratgeber zu Transgeschlechtlichkeit, Intergeschlechtlichkeit und Mehrfachdiskriminierung. In: TransInterQueer e.V.: Intersektionale Beratung von / zu Trans* und Inter*. Ein Ratgeber zu Transgeschlechtlichkeit, Intergeschlechtlichkeit und Mehrfachdiskriminierung. Berlin 2016.

TransInterQueer e.V.: TRANS*. TrIQ informiert zum Thema Transgeschlechtlichkeit. 2. aktualisierte Auflage, Berlin 2013.

Fussnoten




Quelle: Lbquadrat.org