MĂ€rz 13, 2021
Von Gemeinschaftlicher Widerstand
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Dies ist die Antwort des Berliner Teils der Kampagne Gemeinschaftlicher Widerstand auf die Anfrage der Berliner TV-Produktionsfirma PQP/P2, deren Sendungen bei dem Privatsender Pro7 ausgestrahlt werden, bei der Demonstration „Gegen Repression, Polizeigewalt und Knast“ von Gemeinschaftlicher Widerstand und Death in Custody am 19. MĂ€rz 2021 in Berlin vor Ort zu sein und Interviews zu fĂŒhren.

Achtung: Triggerwarnung! Das folgende Statement enthÀlt sexistische und rassistische Zitate.

Antwort auf die Anfrage

Guten Tag, vielen Dank fĂŒr Ihre Anfrage. Wir haben uns jedoch gegen ein Interview mit der Berliner TV-Produktionsfirma PQP/P2 entschieden und möchten Sie bitten, von einem Besuch der Demonstration abzusehen. Grund ist Ihr Mitarbeiter Thilo Mischke, auf den Sie in Ihrer Anfrage explizit verweisen und welcher als Vertreter von PQP/P2 auf deren Webseite ausgewiesen wird.

Logischerweise sind auf einer Demonstration, bei der die Teilnehmer*innen unter anderem gegen Sexismus und Patriarchat auf die Straße gehen, keine Sexisten willkommen. Das gleiche gilt fĂŒr Rassismus. Wir stehen fĂŒr eine klare Kante gegen Reproduzent*innen eben solcher HerrschaftsverhĂ€ltnisse. Wir bieten diesen Menschen keine Plattform, sich selbst zu inszenieren und Kapital daraus zu schlagen.

Thilo Mischke verhĂ€lt sich klar patriarchal und rassistisch. Als Veranschaulichung beziehen wir uns im Folgenden auf sein 2010 veröffentlichtes Buch „In 80 Frauen um die Welt“, aus dem Leseproben online zur VerfĂŒgung stehen. Das heißt aber nicht, dass es die einzige problematische Produktion Thilo Mischkes ist. In genanntem Buch schreibt er die Erlebnisse seiner Weltreise nieder, deren Anlass eine Wette mit seinen mĂ€nnlichen Freunden ist: Wenn Thilo Mischke es schafft, bei der Reise um die Welt mit mindestens 80 Frauen* zu schlafen, zahlen seine Freunde ihm die Reisekosten.

Frauen* sind also Objekte, um die gewettet werden kann und denen durchnummerierte Marken untergeschoben werden, um den mĂ€nnlichen Freunden die Taten zu beweisen: „Was haltet ihr davon, wenn ihr mir durchnummerierte Marken mitgebt? Wie diese Dinger, die man im Arbeitsamt bekommt. Von eins bis achtzig. Ich lasse diese Marken dann zurĂŒck. Ich stecke sie der Frau zu. Einfach so. Lege sie auf das Kopfkissen. Packe sie in ihre Hosentasche, irgendwie.“ Wir Frauen* sind keine Waren und TrophĂ€en zum Erwerben!

„Doch ernsthaft, denke ich, wie beweise ich, dass ich mit den Frauen geschlafen habe, die ich treffen werde? [
] Wie beweise ich, dass ich Sex hatte? Noch nie musste ich das beweisen, ich habe es einfach erzĂ€hlt und ja, ich habe auch ausgeschmĂŒckt“. Wir Frauen* sind nicht zum Prahlen da, wir sind kein SchmuckstĂŒck fĂŒr den Mann, wir lassen uns nicht benutzen!

Dabei scheut sich Thilo Mischke auch nicht, gleich eingangs und wiederholend statt von Frauen* von „Ärschen“ zu sprechen oder sie als „Alles nur Namen und großer Busen, kleiner Busen, lange Beine, sehr lange Beine, dunkle Haare, schöne Haare, fisseliges Haar.“ zu degradieren.

„Alles nervt. Sie, die Frauen, die entweder zu jung oder zu bekloppt sind. Die einen Freund haben, den sie betrĂŒgen, die sich die Arme zerritzen und das dann schön finden. Frauen, die Sex nur im Stehen wollen oder die nicht HĂ€ndchen halten.“ Wir Frauen* sind also schuld an seiner Lebenskrise? Sofern sie aus unserem Angriff gegen eben solches Mackertum resultiert: Ja!
Thilo Mischkes Sexismus verbindet sich zudem wenig ĂŒberraschenderweise mit Rassismus:
„Warum sehen wir uns eigentlich immer nur Berliner Hintern an? Ich meine, es gibt doch noch viel mehr Frauen auf dieser Welt! Wie geil wĂ€re es eigentlich, wenn man eine Weltreise macht, also sich einmal um den Globus vögelt, bis man Ruhe findet, bis man nicht mehr nachts wie bescheuert im Magnet herumsteht, um viel zu jungen Frauen auf den Arsch zu stieren?“ Wir Frauen* sind nicht dafĂŒr da, MĂ€nnern zur Ruhe zu verhelfen! Im Gegenteil, solchen Leuten machen wir eher Feuer unterm Arsch!

„Auf dem Weg zum ReisebĂŒro denke ich darĂŒber nach, welche LĂ€nder interessant sein könnten. Wo ist es eine Herausforderung, Frauen kennenzulernen. Wo ist es leicht. Nur zwei Reiseziele in meinem Kopf. Leicht: in Thailand. Schwierig, zumindest glaube ich das: in Indien.“ Wir Frauen* sind keine Beute, die erst recht nicht eingeteilt in NationalitĂ€ten, leicht oder schwer zu haben ist!
„[
] keine Frauen, die irgendwen kennen, den man auch kennt, sondern neue Frauen. Richtig neue. Aus anderen LĂ€ndern, mit anderen Sprachen und anderen TrĂ€umen. Ich werde endlich etwas Neues sehen. Neue Gesichter.“ Wir Frauen* werden MĂ€nnern nicht als etwas „Neues“ dienen, als etwas „Exotisches“ oder „Spannendes“.

Auch Bewerbungen des Buches verdeutlichen diese VerschrĂ€nkung (IntersektionalitĂ€t) von Rassismus und Sexismus: „Er lernt ungestĂŒme OsteuropĂ€erinnen, freizĂŒgige Aussies und geheimnisvolle Asiatinnen kennen [
]“ sowie „Er trifft Inkognitonutten, Vorhauthasserinnen, eine selbstmörderische Finnin aus Hongkong, rohes Pferdefleisch essende Japanerinnen und diebische Favelafrauen.“ Wir Frauen* sind kein Zoo!

Seine spĂ€teren Beteuerungen Ă€ndern nichts, da seine Aussagen und Verhaltensweisen weiterhin in krassem Widerspruch dazu stehen. Auch der Ausgang des Buches, das angebliche „Loblied an die Liebe“, tut dem nichts zur Sache.

„Nein, ich bedauere nichts. Was ich in den letzten zehn Jahren aber immer wieder laut betont habe: Junge Autoren, achtet bitte auf eure VertrĂ€ge. Ich hatte kein Mitspracherecht beim Titel und fand den nun wirklich scheiße – seit Tag eins. Meine Eltern sind BuchhĂ€ndler und sie ĂŒberkleben immer das ‚In‘ im Titel und schreiben dann ‚Mit‘ drauf. ‚Mit 80 Frauen um die Welt‘ [
]“

Der Titel Ă€ndert nichts am Inhalt – im Gegenteil, ein „mit“ wĂŒrde die Fakten nur verschleiern. Schließlich reist Thilo Mischke nicht mit 80 Frauen* um die Welt. Er reist, als reicher privilegierter weißer Mann, allein um die Welt – mit der alles bestimmenden Grundidee, mit 80 Frauen* Sex zu haben. Sexistische Handlungen darzustellen als wĂ€ren sie gar nicht so schlimm, ist eine klassische Masche des Patriarchats. Sie als „doofe Jungswette“, die zudem unter Alkoholeinfluss entstand, zu bagatellisieren, ebenso.

Daran Ă€ndern auch Aussagen wie „nicht nur ausschließlich um das Sammeln von Frauen und Sexgeschichten geht“ nichts. Im Gegenteil: es verdeutlicht einmal mehr, dass Thilo Mischke nichts begriffen hat oder nichts begreifen will. Frauen* werden nicht gesammelt – das macht ein „nicht nur ausschließlich“ nicht besser. Das gleiche gilt fĂŒr SĂ€tze wie „Allerdings habe ich gelernt, dass schöne Frauen nicht zwangslĂ€ufig Frauen mit einem Dachschaden sein mĂŒssen.“ – na herzlichen GlĂŒckwunsch!

FĂŒr unseren Kampf um eine emanzipierte, solidarische Gesellschaft frei von Macht- und HerrschaftsverhĂ€ltnissen brauchen wir solche Typen nicht. Es sind gerade sie und die durch sie erhaltenen Strukturen gegen die wir kĂ€mpfen!

Wir kĂŒmmern uns nicht um die Gunst unserer Feinde – sondern um unsere Freund*innen.

Mit freundlichen GrĂŒĂŸen,
Berliner Teil der Kampagne Gemeinschaftlicher Widerstand

PS: Pressevertreter*innen, die keine sexistischen oder rassistischen Positionen vertreten sind willkommen, da wir eine Berichterstattung zu unseren Aktionen begrĂŒĂŸen. Wir bitten aber darum, bei Fotos und Filmaufnahmen nicht ungefragt Gesichter von Demonstrierenden aufzunehmen.




Quelle: Gemeinschaftlich.noblogs.org